Schätze der Ungarischen Dichtkunst
Band III

Mihály Csokonai Vitéz
Gedichte

Auswahl


DIE NACHDICHTUNGEN SIND VON
ANNEMARIE BOSTROEM
GÉZA ENGL
MARTIN REMANÉ

EINLEITUNG VON GÉZA ENGL


Inhalt:

Einleitung

Neujahrsgedanken
Das Bad (gekürzt)
Hier wo... Aus dem Gedicht an Ihre hochgeborene Gräfin Erdõdy
An das Echo von Tihany
Die Blicke
Die Sommersprosse
Zaghafte Bitte
Noch einmal an Lilla
An die Einsamkeit
Konstantinopel (gekürzt)
Todesbereitschaft
Ob der Himmel mir geneigt ist oder nicht
Glücklich sein
An den Schlaf
Der Abend (gekürzt)
Die Nacht und die Sterne
Liebeslied an die Weinflasche
An Philine (Ausschnitt)
Der Schwur
An die Hoffnung
Die arme Zsuzsi beim Aufbruch des Lagers
Die Natur meiner Poesie
Das Grab des Hafis (gekürzt)
Der Mensch, der erste Gegenstand der Poesie
Monolog der alten Jungfer
Zweifel eines jungen Freiers
Von meiner Lungenentzündung


EINLEITNUG

MIHÁLY CSOKONAI VITÉZ

Lebte von 1773 bis 1805, im ganzen 32 Jahre. Die kurze Lebensfrist schloß die Französische Revolution, leider aber auch die in Blut ertränkte Jakobiner-Verschwörung im Habsburger-Reich, 1795, mit ein. Im Geistesleben herrschten Aufklärung, Spätbarock, Rokoko, bis zur angehenden Klassik und Romantik. Es gab wohl keinen Dichter, der sich von den führenden Zeitströmungen freimachen konnte oder wollte, am wenigsten ein Csokonai, der zwar in Ost-Mitteleuropa von den Zentren des Geisteslebens fern lebte, dafür aber ein aufgeweckter, hellhöriger, hochbegabter junger Mann war, dem es seine Bildung ermöglichte, die Werke der Antike und der Neuzeit im Original zu lesen. Die Stilarten dieses Dichters stimmten mit den Geistesströmungen der Zeit ziemlich genau überein. Als Sohn armer, kleinbürgerlicher Eltern in Debrecen, dieser ziemlich großen Bauernstadt, sollte er daselbst in dem altberühmten Kollegium der Reformierten Theologie studieren, verließ aber die Schule vorzeitig, um sich ganz der Dichtkunst zu widmen, durch das Land zu wandern, einmal bei einem fortschrittlich gesinnten adligen Herrn, das andere Mal bei einem Freund Gastfreundschaft zu genießen. Ein "fahrender Schüler", ein Luftikus, das war er; zu einer festen Anstellung brachte er es nur kurzfristig, zog sich aber ein Lungenleiden zu, das ihn frühzeitig hinwegraffte. Nicht viel früher, 1797, traf er seine große Liebe, die er Lilla nannte und in zahllosen Liedern besang. Die Liebschaft mit der Tochter aus wohlhabendem Haus war für den "Habenichts der Literatur" hoffnungslos, aber die Lilla-Lieder nehmen nicht nur in Csokonais Schaffen einen vorherrschenden Platz ein, sondern auch in der Liederdichtung der ungarischen Literatur überhaupt. Es sind Höhepunkte, denen man seit Balassi im 16. Jahrhundert - bis Petõfi - kaum Ebenbürtiges an die Seite stellen kann. Hervorragend wie in den rokokohaften oder in den Anakreontischen Liedern war Csokonai auch, wenn der freisinnig und fortschrittlich Gesinnte an gewichtigere Themen der Aufklärung heranging. Auf zwei von der Aufklärung inspirierte Gedichte in unserem Band sei besonders hingewiesen: Konstantinopel und Der Abend. Beide können vom dichterischen Flug, von der Gedankentiefe und dem persönlichen Mut des Dichters einen Begriff geben; im ersteren setzt er sich mit dem religiösen Fanatismus der Moslems auseinander, allerdings allegorisch, denn er hat es, unausgesprochen, auf jeden religiösen Fanatismus abgesehen, und läßt das Gedicht mit dem Triumph der Aufklärung ausklingen. Dieses Gedicht erlaubt an Voltaire zu denken; Der Abend mit stark sozialem Inhalt erinnert an Rousseau. Von schönen Naturbildern ausgehend, kommt der Dichter zu seinem eigentlichen Anliegen, zur Kampfansage an die Klassengesellschaft und zur Forderung von Freiheit und Gleichheit. Csokonai wäre aber nicht der Dichter, der er war, würde er seine Inhalte doktrinär und nicht in einfallsreicher, formschöner, überraschend nuancierter Sprache darbieten. Er ist ja derselbe, der die Rokoko-Lyrik der Lilla-Lieder und die meisterhaften Anakreontischen Lieder dichtete (hier z. B. Das Grab des Hafis). Die Oden Csokonais gehören zum Bedeutendsten seines Schaffens; davon mag sich jeder überzeugen, der im Band An die Einsamkeit, An das Echo von Tihany, An die Hoffnung liest. Nur den ganz Großen ist es gegeben, solche zutiefst menschliche und gar nicht heitere Gedanken in so spielerisch-melodiöse Form zu kleiden. Man denkt an Mozart. Die Rokoko-Elemente verbinden sich gut mit der Volksdichtung, deren Ton und Genrefiguren Csokonai in Gedichten wie Die arme Zsuzsi beim Aufbruch des Lagers und Liebeslied an die Weinflasche anwendet. So hat denn bei ihm auch der Humor nicht gefehlt. Was aber hier und in vielen anderen Gedichten nur angedeutet wird, kommt deftig im komischen Epos Dorothea zum Ausdruck, von dem hier nur ein kurzer Abschnitt Platz fand. Dorothea war übrigens das einzige Werk, das der Dichter gedruckt lesen konnte; eine Anzahl anderer Bände war in Vorbereitung, ihr Erscheinen erlebte er nicht mehr. Diese waren handschriftlich verbreitet, wurden gelegentlich auch rezitiert, so wie im Anfang seine Studentenlieder, die ihn schon im Debrecener Kollegium berühmt gemacht hatten. Unvollendet hinterließ er manches, auch das Theaterstück Tempefõi, mit unbarmherzig sicher und aggressiv charakterisierten Figuren, die ein treues Bild von den sozialen Zuständen im damaligen feudalen Ungarn geben. Von seinen letzten Gedichten, aus denen abgeklärter Realismus spricht, sei Von meiner Lungenentzündung hervorgehoben, eine Fiebervision zwischen Leben und Tod. Zur Charakterisierung dessen, was dieser Lyriker wollte und konnte, läßt man ihn am besten selber sprechen; was er im Gedicht Die Natur meiner Poesie über sich aussagt, trifft zu. Man hört die Stimme eines hochgebildeten, in der Weltliteratur bewanderten Dichters, der sich zur leichteren humorvollen Muse bekennt, ohne die Rokoko-Eleganz gegen Trivialität einzutauschen. Seine aufgeklärte Weltanschauung und Volksverbundenheit machen ihn zum Vorläufer Petõfis, der wie er das ganze Land durchwanderte. Warum ihm der frühe Erfolg nicht beschieden war, den Petõfi landweit genoß, lag wohl zum Teil an Csokonai selbst, zum größeren Teil daran, daß er nicht ein paar Jahrzehnte später, in die sogenannte ungarische Reformzeit, hineingeboren wurde.

GÉZA ENGL

 


 

Neujahrsgedanken

  Zeit, du kurzer Augenblick,
die Jahre fliehn auf deinen Adlerschwingen,
  keines kehrt zu uns zurück,
des dunklen Chaos Tiefen sie verschlingen.

  Zeit, unteilbarer Gigant,
du hast nicht Anfang, Ende oder Lücke,
  schwacher irdischer Verstand
zerstückelt dich in kleinste Augenblicke.

  Sag, gebar dich denn das Licht?
Vielleicht bist du es, die das Licht geboren?
  Gäbe es die Sonne nicht,
so hätten wir das Zeitmaß längst verloren.

  Ob von dir, o Zeit, gewollt,
die allem rings Verderben nur bereitet,
  einst die Sonne selbst verkohlt,
und deine Kettenfolge dir entgleitet?

  Sieh nur, alles auf der Welt,
obgleich mit Kraft und Schönheit wohl versehen,
  ist dem Wandel unterstellt,
und wird auch mit der Zeit zugrunde gehen.

  Auch des Himmels steile Bahn,
sie kann sich ständig ändern und erneuern,
  sieh dir nur die Sterne an,
sie leuchten - und verglühn mit ihren Feuern.

  Wieviel Wunden hat bisher
der Zustand unsrer Erde schon ertragen,
  welche das erzürnte Meer
und der Vulkane Flammen ihr geschlagen.

  Wo einst Dörfer, Wald und Flur,
da spielen heut Delphine in den Wogen,
  über mancher Muschel Spur
sind Gemsen ihres Felsenwegs gezogen.

  Insel ward manch festes Land,
und Täler bis zu hohen Bergen schwollen,
  wo manch starrer Gipfel stand,
sind bodenlose Meere nun entquollen.

  So verfährst du also, Zeit,
auch mit dem wechselnden Geschick der Staaten:
  Dieser dehnt sich groß und weit,
und jener sinkt in namenlosen Schatten.

  Auch der Parther Heldentum
konnt vor der Sklaverei sie nicht bewahren;
  damals ohne Glanz und Ruhm
stehn heut die Gallier in der Helden Scharen.

  Ochsen pflügen heut das Feld,
wo das Weltwunder Troja einst ging unter;
  wo man damals pflügte, stellt
Paris der Welt sich dar als neues Wunder.

  Deine Macht hast du gezeigt
an vielen großen Völkern unverhohlen.
  Von des Schicksals Last gebeugt,
sag, was wir, kleines Land, erwarten sollen?

  Kindheit, Jugend, Altersqual,
und Sorge, Freude, Trauer, Wohlbefinden,
  Leben, Krankheit, Totenmahl,
es liegt in deiner Hand, dich anzukünden.

  Ohne Halt weichst du vom Platz,
kaum eine Hoffnung konntest du befrieden,
  Eh' ich aussprach diesen Satz,
bist in Sekundenschnelle du geschieden.

  Zukunft - und Vergangenheit,
doch nie als Gegenwart bist du zu sehen,
  wie ein leeres Wort, das weit
ins Dunkel fliegt, mußt du verlorengehen.

  So entflogen mir wie Rauch
gar rasch und eilig manche liebe Jahre,
  und es kann wohl sein, daß auch
ich bald die letzte Grenze hier erfahre...

  Meine Kindheit liegt schon fern,
vier mal sechs Jahre sinds bereits gewesen,
  wohl ein Drittel - gut und gern -
der Zeit, die einem Menschen zugemessen.

  Soviel ists, wenn auch nicht mehr.
Wenn man für jedes Jahr ein Stündchen nähme
  - alles gäb ich dafür her -
daß es auf der Verdienste Säule käme!

  Sei willkommen, Tod. Indes
mein Grabspruch soll der Welt dereinst bekunden:
"Wanderer, hier ruht Vitéz,
Sein Wert: Ein Tag gleich vierundzwanzig Stunden!"

ANNEMARIE BOSTROEM


Das Bad

(GEKÜRZT)

Seht und schaut nur, meine Augen,
  wie am Bach der Rosenstrauch
  zittert wie von Windeshauch:
Seht und schaut nur, meine Augen,
wie sie schnell zusammenglitten
seine Blätter, seine Zweige,
seine Dornen, seine Blüten,
  wie des Purpurs duftge Pracht
sich zerstreute sanft und sacht.
  Während einige sich ausbreiten
um des Unkrauts harte Stiele,
schweben andre wie an Zügeln
an des muntren Zephirs Flügeln,
seine Spiele
  zu begleiten.

               - - -

  Doch, ihr Augen, spähet weiter,
  was die schöne Nymphe macht,
denn sie legte, gebt nur acht,
auf die Rosenzweige ihre Kleider
  und nun geht sie gleich
  - sei des Sehens Gott mit euch! -
Ja, dort geht sie, welch ein Himmelsbild,
dessen Rücken soviel Reiz enthüllt!
  Könntet ihr es besser doch erkennen,
  denn unsterblich schön muß man es nennen!
Meine Rosalie ists, die ich sehe!
  Stürmisch schlägt mein Herz dort drinnen,
  und ich bin schon ganz von Sinnen,
Gott im Himmel, ich vergehe!

              - - -

Wie der Fluß, in den sie trat,
nun dies schöne Bild verdoppelt hat,
  wie die Wellen sie umschmeicheln
  und wetteifernd ihre Zehen streicheln,
wer die erste sei zu ihren Füßen,
die den Hof ihr macht mit Küssen!
  Meine Augen, seht nur, dort,
  schon umschlingen sie
  werbend ihre Knie,
  ihre Schenkel,
  ihre Hüften weich,
die unzüchtgen Wellen, kühl und bleich.
Fort, ihr falschen Wellen, fort,
wenn ihr höher steigt, zertret ich euch!
Ach, ihr habt mich fast schon umgebracht,
da ihr euch zu Nebenbuhlern macht.
  Kaum noch seh ich ihre süße Brust,
  Quelle meiner Liebeslust,
da ihr dort verweilt,
meine Ruhestätte mit mir teilt.
Wär ich doch nur dieser Wellen eine,
wär auch dieser schöne Leib der Meine!

ANNEMARIE BOSTROEM


Hier wo...

AUS DEM GEDICHT AN IHRE HOCHGEBORENE GRÄFIN ERDÖDY

Hier, wo Lillas Angedenken
  auszumerzen ich gedacht,
fand ich doch in allen Ecken
  ihrer Blicke Himmelsmacht.

Und ich las an jedem Baume,
  jede Welle rief mir zu:
"Nichts ist herrlicher als Lilla,
  niemand elender als du!"

Unter einer alten Eiche
  stand die Zeit, wie Wachs so bleich,
Borkenkäfer in den Händen
  und ich bat um eins sie gleich:

Daß sie in mir löschen möge
  Lillas Bild und all mein Leid.
Aber stumm, tränenden Auges
  lief mir rasch davon die Zeit.

ANNEMARIE BOSTROEM


An das Echo von Tihany

Aus dem heilgen Berg, schreckhafte Tochter
  von Tihany, tritt nun hervor.
Siehe, ein vom Schicksal Unterjochter
  sitzt vor deiner Felsen Tor.
Hier, wo bleich der Mond nur scheint und trübe,
klagt ein Herz, verzweifelt, ohne Liebe,
  dem die Träne längst gefror,
  dem die Träne längst gefror.

Während die, die keiner Not sich fügen,
  mit dem Glücke Hand in Hand
sich im lieblichen Füred vergnügen,
  dort, an frischer Quelle Rand,
klage ich hier bitterlich und weine,
Nymphe, schlage klingend aus dem Steine
  meine Not mit deiner Hand,
  meine Not mit deiner Hand.

Düstre Wälder, Gipfel, ach ihr kühlen,
  meines Jammers Widerhall,
könnt womöglich tiefer mit mir fühlen,
  als um mich die Menschen all,
die mich roh aus ihren Herzen rissen,
mich mit Hohn und Spott nur übergießen
  lachend über meine Qual,
  lachend über meine Qual.

Die einst meine guten Freunde waren,
  haben bös mir mitgespielt,
schlugen sich zu den Verfolgerscharen!
  Niemand ahnt, was ich gefühlt,
da auch sie sich gegen mich vereinten,
als gehörte ich zu ihren Feinden,
  trotz der Treue, die ich hielt,
  trotz der Treue, die ich hielt.

Niemand tröstet meiner Seele Leiden,
  Freunde sind nun nicht mehr mein,
jeder sucht mit Gleichmut mich zu meiden,
  alle ließen mich allein.
Ach, es schlägt kein Herz in ihresgleichen!
Könnt ich ihre Brust aus Stein erweichen
  mit des Herzens schwerer Pein,
  mit des Herzens schwerer Pein.

Lilla, die die letzte Hoffnung leben
  ließ in mir, ja, Lilla auch,
meine Lilla hat sich nun ergeben
  übelstem Tyrannenbrauch.
Lebst du besser, seit du mich verlassen?
Teures Herz, ich kann es gar nicht fassen,
  alles Leben ward zu Rauch,
  alles Leben ward zu Rauch.

Gibts noch Zuflucht für den Eremiten?
  Uralt heilge Grotte Du,
da ein Weiser, der genug gelitten,
  decke seine Qualen zu,
nur ein Bett aus Stein und Felsenwände,
wohin weder Mensch noch Vogel fände,
  mir zu stören meine Ruh,
  mir zu stören meine Ruh.

Damit, glaub ich, würde ich wohl keinem
  Menschenrechte Abbruch tun,
sucht' ich mit verschmähtem Mut nach einem
  Felsennest, um auszuruhn.
Laßt mich still in meinen Winkel schleichen,
dem Rousseau in Ermenville zu gleichen!
  Mensch und Bürger bin ich nun,
  Mensch und Bürger bin ich nun.

Hier halt ich mit ruhigem Gemüte
  einsam meine Seele wach,
daß Natur mich durch Vernunft und Güte
klüger bald und weiser mach.
  Fern, in andren Welten, andren Zeiten
und in fremden heilgen Einsamkeiten
  geh ich meiner Trauer nach,
  geh ich meiner Trauer nach.

Sterb ich, wird ein Nachbar mich begraben,
  hier verscharren mein Gebein.
Wenn die Zeiten sich gewandelt haben,
  sucht man meine Spur im Stein:
Und das Laubdach, unter dessen Hülle
sich mein Grab versteckt in aller Stille,
  wird von da an heilig sein,
  wird von da an heilig sein.

ANNEMARIE BOSTROEM


Die Blicke

Schleudre, oh Lilla, doch nicht immer wieder
die Blitze deiner Blicke auf mich nieder,
  du kennst mein Leiden doch,
sie schlugen meinem Herzen manche Wunde,
beschwör so früh nicht meine Todesstunde,
  laß mir mein Leben noch!

Ach, wie die Amoretten dort in Schwärmen
um deine schlehenblauen Augen lärmen,
  sieh nur, der eine schießt
den Pfeil schon ab, ein andrer sucht mit Tücke
ob ihm die Fackel anzufachen glücke.
  Weil er mein Leid genießt!

Einem gelangs, auf deiner Blicke Schwingen
in meines Herzens Festung einzudringen,
  hat dort sich Platz gemacht.
Sein Banner weht auf meiner Hoffnung Zinnen,
alles zertrat sein winzger Fuß dort drinnen,
  hör, wie er tobt und lacht.

ANNEMARIE BOSTROEM


Die Sommersprosse

Gleich der Wacholderbeere,
auf frischen Schnee gefallen,
gleich einem winzgen Käfer,
versteckt im Weiß der Rose,
gleich der Korinthe, bräunlich
auf weißem Zuckerkuchen,
so rund, so süß, so samten
ist eine Sommersprosse
getupft auf Lillas Busen.

Dies ist die Liebesinsel,
auf der die Amoretten,
wenn sie im Schnee des Meeres
von Lillas Brust gebadet,
mit Necken und mit Lachen
die goldnen Haare trocknen.

Ihr meine wilden Küsse,
sprecht, ob es wohl erlaubt ist,
auf diesem irdschen Busen
auch einen kleinen Fehler
so rasend zu vergöttern?

ANNEMARIE BOSTROEM


Zaghafte Bitte

Liebesbrunst will mich verbrennen,
Lindre meines Herzens Pein!
Deine Zärtlichkeiten können
Meiner Wunden Balsam sein.

Einen neuen Morgen künden
Könnten deine Augen mir,
Alle Sorgen zum Verschwinden
Brächt ein einziges Wort von dir.

Holder Engel, laß mich wissen
Deine Antwort, sprich, o sprich!
Tausendfach mit heißen Küssen
Lohne ich's dir sicherlich.

MARTIN REMANÉ


Noch einmal an Lilla

Ich leide, wie ich nie geglaubt,
seitdem du mir das Herz geraubt,
  du mitleidlose Schöne!
Ich sterbe fast bei dem Gedanken
und muß daran wohl ewig kranken,
  daß ich mich nach dir sehne.

Mein Frühling ist durch dich verdunkelt,
und keiner Sonne Glanz durchfunkelt
  den Nebel, der mich drückt.
Früh nachts fang ich zu weinen an,
seit ich mich nicht mehr rühmen kann
  mit dir, die mich entzückt.

Dein Ritter weint, seitdem er fern,
und seine Hoffnung wie ein Stern
  im Morgengrauen schwand.
Schreckliche Bilder quälen mich,
und "Lili, Lili!" rufe ich,
  vor Angst wie festgebannt.

Dann reck ich meine Arme weit,
sie fallen nur in Dunkelheit,
  und rings um mich ist Leere.
Auch nächtens find ich Ruhe kaum,
ich fühle wachend und im Traum,
  wie sehr ich dich entbehre.

Wie sinnlos ist für den das Leben,
dem keine Hoffnung mehr gegeben,
  und der doch leben muß.
Die Seele ist in ihm gestorben
und jeder Atemzug verdorben
  von Lebensüberdruß.

Und du, mein süßes Augenlicht,
glühn deines Daseins Rosen nicht,
  trotz aller meiner Bürden?
Der Himmel geb's, ich wäre froh,
weil meiner Tränen Hälfte so
  die Engel trocknen würden.

Vielleicht magst du - in Adlers Klauen
gefangne Taube - um dich schauen,
  wo meine Hilfe blieb?
Es wird vergebens sein, vergebens!
Im Tal des Todes, nicht des Lebens,
  umarmst du mich, mein Lieb.

ANNEMARIE BOSTROEM


An die Einsamkeit

Komm, teure Einsamkeit, mich zu entführen
in deinen Traum, laß mich nicht los.
Wenn andre gehn, laß mich dich nicht verlieren,
wieg du mein Herz in deinem Schoß.
Es ist ein Glück für mich zu allen Stunden,
daß ich dich hier in Kisasszond gefunden,
ein Ort, der stets mich glücklich macht,
er scheint für Poesie erdacht.

Im Tal hier kann ich das Alleinsein suchen,
wo mich ein kühler Schatten deckt,
wo rieselnd unter Büschen von Weißbuchen
die klare Quelle sich versteckt.
In Binsenzelten hausen Wasserfeen.
Die Nymphen dieser Bäche, dieser Seen
zeigen sich nur, wenn ein Poet,
ein Weiser hier vorübergeht.

Der leichte Mond beleuchtet sacht im Stillen
der blonden Buchen Blätterpracht,
und hüllt in Schlaf, in freundlich abendkühlen,
den Engel dieser klaren Nacht.
O süße Einsamkeit, wie weilst du gerne
an einem solchen Ort im Licht der Sterne,
o führe oft mich hier vorbei,
daß meine Seele ruhig sei.

Du scheinst den Hof der Könige zu meiden
und ihre stolzen Schlösser auch.
Zeigst du dich dort, bewirkst du Not und Leiden
mit deinem mißverstandnen Hauch.
Und wilde Langeweile, Furcht und Kummer
bekämpfen dort der Ruhe zarten Schlummer,
die große Welt verabscheut dich,
weist deine Wohltat weit von sich.

Der Geizhals sucht dich, doch zu wieviel Malen
schaffst du der großen Seele Pein,
treibst den Ehrgeizigen mit seinem Prahlen
in Chaos und in Lärm hinein.
Du flüchtest vor dem Schall der Kriegstrompeten,
vor dem Gewimmel in den großen Städten,
dein Heim kann nur das Herz allein,
das sanfte Dorf, die Wiese sein.

Es findet Zuflucht der zutiefst Betrübte
in deinem heiligen Haine dann,
wo der Verzweifelte die Trostgelübde
der Himmelsworte hören kann.
Den wirst begleiten du und sorglich pflegen,
der dieser Welt Verachtung bringt entgegen,
und dem, den sie schon fast zerstört,
dem zeigst du neuen Eigenwert.

Den Mannesmut gebierst du. Jenen Weisen
verleihst du Größe, Tapferkeit,
hebst ihre Seele aus den engen Kreisen
und machst sie grenzenlos und weit.
Der Dichter, der erglüht durch deine Hitze,
sprüht Funken in der Nacht und schleudert Blitze,
wenn er mit seiner ganzen Kraft
aus Nichts sich neue Welten schafft.

Du, liebe Göttin, hörst mich öfters flehen
nach dir um neuen Lebensmut,
du kannst mein Herz wie einen Freund verstehen,
mein Denken liegt in deiner Hut.
Unschuldig lockst du mich, daß ich mich füge,
du kennst nicht Falschheit, Heuchelei noch Lüge,
treu bist du, nicht von Trutr entstellt
wie mancher Freund der bunten Welt.

Sieh jene an, die immer höher wollen,
wie sie sich drehn von Stein zu Stein,
bis mitgerissen sie vom wilden Rollen
wie von den Stromschnellen im Rhein.
Von deinen heiligen Schleiern zart umwunden
als Tau der Nächte rieseln unsre Stunden
rein in der Stille Paradies.
Wir leben und entschlafen süß.

Auch dann noch, wenn der Tod mir einen blinden
Teppich um meine Augen webt,
werden dich die erloschnen Blicke finden,
wo uns schon Finsternis umschwebt.
Du wirst mir folgen durch die dunklen Türen,
mich durch des Unbewußten Öde führen,
läßt selbst im Grab mich nicht allein,
Schutzengel wirst auch dort du sein.

O Einsamkeit, ich laß die letzten Tränen
dir niederrinnen in den Schoß,
in deiner ewgen Träume süßem Sehnen
vergesse ich mein irdisch Los.
O Einsamkeit, du sollst mir Freundin werden,
auch wenn mir nur das Grab noch bleibt auf Erden.
Wann kommt der Tag, wann ist es Zeit?
Umfang mich, teure Einsamkeit.

ANNEMARIE BOSTROEM


Konstantinopel

(GEKÜRZT)

Bosporus, der hier Europas Küste spült,
drüben aber Asiens Gestade kühlt,
dünkt gewiß sich diesseits ganz besonders nobel,
wäscht er doch die Mauern von Konstantinopel.
Auf der andern Seite: römische Ruinen,
nicht geringre Ehre zollt er sicher ihnen.
Komm mit, meine Muse, in die Stadt spazieren,
fürcht dich nicht, daß wir vielleicht uns dort verirren.
Komm, wir schaun uns an die reiche Pracht, die Schätze
und das Volk, gezähmt vom strengsten der Gesetze. -

                                  - - -

Sieh die Gotteshäuser, wie sie prächtig strahlen,
wie sie mit dem Namen des Propheten prahlen.
Darin das Gejohle: il-la-ül-ilalla -
sicher hört es gerne in den Höhen Allah,
wenn in grünem Turban manch ein Muselman
gar so wolkenstürmend ihn anrufen kann.
Darum gab er diesen, anderen voran,
das berühmte Weisheitsbuch, den Alkoran.
Neben der Moschee das schlanke Minarett
reckt sich bis zum Himmel, schlank wie ein Skelett.
Goldener Halbmond auf des hohen Turmes Spitze
ist, wie wenn ein zweiter Mond am Himmel sitze.
Derweil legt aufs Volk sich eine Nebelhaube:
der falsch aufgeputzte böse Aberglaube.
Eulen, Fledermäuse, nächtliche Gespenster
lassen auch am Tag kein Licht herein durchs Fenster.
Auf der Kaiserkrone, auf dem Schwert der Ritter
sitzt Irrglaube, macht dem Volk das Schicksal bitter.
Anders war es, als wir sonst nichts kannten nur
das, was uns bescherte reichlich die Natur.
Damals war es noch nicht unsre Pflicht gewesen,
alles hinzugeben jenem düstern Wesen.
Glücklich war die Menschheit, ehe sie das Wort fand:
"heilig" und zum Bösen es gebraucht als Vorwand.
Unversehrt stand damals das Naturgebäude,
damit es den Menschen das Gesetz bedeute.
Doch seitdem der Bau so elend ward verwüstet,
haben böse Vögel sich dort eingenistet,
die verdrehten uns den nüchternen Verstand,
seitdem nahm der Bau von Tempeln überhand,
läßt die Mutter lieber hungern ihre Kinder,
wähnt sich heilig, quält mit Fasten sich nicht minder,
läuft hin zur Weihstätte mit der letzten Gabe,
nur damit der Derwisch was zu beißen habe.
Viele solche Narren sind dazu bereit,
alles hinzugeben für die Seligkeit.
Glücklich schätzt der Hirt sich, der auf den Altar
niederlegen kann ein Büschel Ziegenhaar.
Auch am Tage sehen solche Traumgesichte
und verbreiten nachts im Umkreis Schreckgerüchte.
Kommt heraus und laßt euch sehn im Sonnenschein,
euer Sonnenantlitz soll gepriesen sein.
Solch ein dunkler Tempel ist nur ein Verließ,
doch ihr tut, als wär's das Tor zum Paradies.
Ihr wollt, daß sich jeder dräng in die Moschee,
ob er Hirn im Kopf hat, das tut euch nicht weh.
Wenn der Mann nur fleißig jeden Freitag fastet,
barfuß, hungrig zu den heilgen Stätten hastet,
die Liturgien, meint ihr, genügten schon,
jeder Dummkopf wird durch sie zum Gottessohn.
In den Himmel kommt man auch auf andre Arten,
nicht nur als Skelett, verzehrt von Pilgerfahrten.
Führt ein Leben einer noch so brav und ehrlich,
Einlaß in den Himmel kriegt er bei euch schwerlich.
Türken haben sich ihr Paradies geschaffen,
wer kein Türke, kann nur durch das Gitter gaffen.
Heilige Natur, laß deine Stimme tönen,
damit alle Menschen wieder sich versöhnen.
Ekle Nachtgespenster fliehen gleich vom Ort,
sprichst, Natur du, einmal aus ein klares Wort.
Laß doch deine Himmelssterne hell auf leuchten,
daß sie das, was künstlich ausgedacht, verscheuchten.
Ach, laß angefacht von solchem echten Grimme
kämpferischer klingen meine schwache Stimme.
Höher, meine Seele, ja, ich will es wagen,
was Vernunft ist mutig, klar und laut zu sagen.
Worte, die den alten Kram doch überwinden,
von den Herzen reißen ab die zähen Rinden.
Schließt die Menschheit einmal auf den großen Speicher,
finden ihre Söhne Heilung, werden reicher.
Bald regiert die Liebe überall auf Erden,
auf daß alle Menschen wieder Brüder werden,
fromme Klagetöne keinen mehr verlocken,
glückverheißend Erz wird aus den Kirchenglocken.
Vielen Menschen reicht dereinst zum wahren Nutzen,
das, womit sie unnütz Gotteshäuser putzen.
Eil dich, Zeit! Kommt Jahre, glücklichere, rasche,
auch wenn bis dahin ich längst schon ward zu Asche.
Dennoch sing ich fröhlich dir zum Gruß die Ode,
jemand denkt wohl dran, was einst gesagt der Tote:
Mag die Eulenwelt mein Herz mit Abscheu füllen,
daß aus ihr ich scheid mit edlem Widerwillen.

GÉZA ENGL


Todesbereitschaft

Wenn der trockne Husten auch noch nicht mit kalter
  Grabesstimme deinen nahen Tod verbellt,
wenn mit seiner weißen Fahne auch das Alter
  noch vor der Ruine deines Haupts verhält:
Hoffe trotzdem nicht, daß man dich deshalb lange
  noch nicht zu des Grabs Bewohnern zählt,
sondern halte dich bereit zu jenem Gange,
  so als hättest du dir längst dein Grab gewählt,
hättest längst am Grabesrand mit schwanken Füßen
  für des Todes Pfeile dich bereit gestellt.
Schade wär es sonst, wenn du mit Angst und Büßen
  dir verbitterst deine Zeit auf dieser Welt.
Froh magst du als solcher Doppel-Ängste Ziel
  mit geschloßnen Augen Gutes nur erblicken,
um dich voller Glück mit Heiterkeit und Spiel
  in dem Hain der Seligkeiten zu erquicken.
Mach um Kirche dir und Pfaffen keine Sorgen,
  schieb sie auf bis hin zu deinem letzten Morgen.

ANNEMARIE BOSTROEM


Ob der Himmel mir geneigt ist oder nicht ...

Ob der Himmel mir geneigt ist oder nicht,
Poesie, du sei allein mein Lebenslicht.
Was ich je erfuhr im Leben
all das laß mich wiedergeben
im Gedicht.

GÉZA ENGL


Glücklich sein

In einer Jasminlaube
am kühlen Sommerabend
bin ich zu zweit mit Lilla.
Sie singt, wir singen beide
und scherzen, Küsse wechselnd,
dieweil die braunen Locken
im Hauch des Zephyrs wehen.

Ein Fläschchen guten Weines
verbarg ich in den Rasen,
als Stöpsel nahm ich eine
zart aufgeblühte Rose.
Im Körbchen sind die Lieder
Anakreons, daneben
Erdbeeren, frisch gepflückte.

Soviel des Guten, Schönen
wer sah jemals vereinigt?
Und mich, Vitéz, so glücklich?

GÉZA ENGL


An den Schlaf

Wo bleibt so lange Lilla,
wo weilst, Treulose, du?
Komm, süßer Schlaf einstweilen
in diese dunkle Laube,
träuf Öl in meine Augen,
breit aus die leichte Hülle
und treib mit deinen Flügeln
aus meinem Kopf die Sorgen.

Doch wenn sie kommt, die Liebste,
spar du dein Öl, die Hülle,
du selbst kannst ferne bleiben,
geh süßer Schlaf, verlaß mich,
wir brauchen keinen Zeugen.

GÉZA ENGL


Der Abend

(GEKÜRZT)

Talwärts auf dem Himmel fährt die Lichtkarosse,
offen steht das dunkle Tor schon für die Rosse.
Ihre hellen Strahlen dämpft die Sonnengarbe,
malt den Horizont, doch sie verliert die Farbe.
Über goldne Wolken hält Einzug der Abend,
sich auf kühlen Flügeln blaß gepinselt nahend,
spendet kühlen Tau dem Rosenstock zur Labe
des ersehnten Balsams wohltuende Gabe.
Vögel sich um ihre warmen Nester drängen,
sagen Lebewohl dem Tag mit letzten Klängen.
Nur die Nachtigall stimmt laut an ihre Weise,
tagesfrohe Lerche flötet nur noch leise.
Wolf und Fuchs in ihrem Nachtbau schon verstummen,
nur den Bären hört man aus der Höhle brummen.

Kommt mit sanftem Hauch, ihr lauen Abendwinde,
laßt mich hören euer Säuseln sanft und linde,
taucht in Freuden meine wenig frohe Seele,
wiegt sie in dem Glauben, daß ihr nichts mehr fehle,
wehet leis und schwebet, liebliche Zephyre,
euer Lied mein Herz zur Zuversicht verführe.

                                  - - -

Warte, Nacht, halt ferne noch die schwarzen Stunden,
laß am schönen Abendleuchten mich gesunden.
Nichts auf dieser Erde nenne ich mein eigen,
nichts, das einen Hoffnungsstrahl mir könnte zeigen.
Zuviel, was ich sah an menschlichem Verschulden,
was durch Geiz und Hoffahrt Menschen mußten duldei
Haltet ein! Möcht warnen ich mit strengen Worten
alle, die in Rausch und Grimm einander morden ...

                                  - - -

Welch ein toller Wahn hat, Menschen, euch befallen:
Laßt an Händen, Füßen Fesseln euch gefallen.
Euer war die Erde, frei und ohne Schranken,
eh sie ward zerstückelt von der Herren Pranken.
Warum zogt ihr Grenzen zwischen euren Söhnen?
Daß sie sich des Glücks der Brüderschaft entwöhnen?
Welch ein Unheil schuf euch dieses Dein und Mein,
wo doch nur im Unser liegt das Heil allein.

Unzerstückelt gab das Land genug zu essen,
nicht mit Richterspruch und nicht erst mit Prozessen,
mehr noch gab es, eh in fürchterlichen Kriegen
so viel Menschen kamen grausam zum Erliegen.
Kein Gesetz den armen Mann zu darben zwang,
Reich und Arm besaßen noch den gleichen Rang.
Keine strengen Steine standen an den Rainen,
die des Nachbars Äcker trennten von den meinen.
Wer sann um ein Fußbreit Land auf Lug und Trug,
Grenze gab's nur eine, und die hieß: Genug!
Keine Herrschaft trat selbstherrlich vor's Gesinde,
daß sie ihm Gesetz und strenge Regel künde:
Seid zufrieden, habt ihr trocknes Brot im Hause,
während ich Pasteten, Kiebitzeier schmause.

Muß denn jeder König Millionen haben,
dafür auferlegen Steuern und Abgaben?
Was dem Volk zum Glücke hätte reichen können,
davon kann er sich nun Schwalbennester gönnen.
Keinen Geizhals hätt' die bloße Angst vor Dieben
aus dem Bruderkreis der Menschheit je vertrieben.
Nur die Welt macht Schurken, wie wir sehr wohl wissen,
sonst würd keiner sich vorm andern fürchten müssen.

Je mehr Zäune, Gitter, Planken ihr ließt bauen,
Um so allgemeiner wurde das Mißtrauen.
Eingezäunt sind in den Wäldern auch die Tiere,
daß die Herren haben ihre Jagdreviere.
Und damit kein armer Mann ein Fischlein stehle,
läßt man baun ihn um den Fischteich starke Pfähle.

Goldner Mondschein, deinetwegen mein Herz schmachtet,
dich allein hat diese Welt noch nicht verpachtet.
Freie Luft, wie lange wirst du uns gehören?
Wann läßt man vermessen dich von Ingenieuren?
Dennoch gibt es eins, die schönste Symphonie,
die uns keiner vorenthalten kann - Oh, nie!
Sie im Wald zu hören stehet jedem frei,
ob er Bauer oder Arbeitsmann auch sei.
Sonst, wenn für die Herrschaft aufspielt die Kapelle,
darf gemeines Volk nicht über ihre Schwelle.
Oh, du segensreiches Heiligtum Natur,
du bist mein Besitz, mein einziger Hort, du nur!
Denn du hast zu dcinem Erbherrn mich erkoren,
als du ließest, daß als Mensch ich ward geboren.

GÉZA ENGL


Die Nacht und die Sterne

Des Lebens helle Perspektive
  ist nun in finstre Nacht versunken,
und in des Kummers graue Tiefe
  versprüht kein Feuer Freudefunken.

Zwei Äuglein könnten Trost mir spenden
  und halten jede Sorge ferne,
die Nacht in hellen Tag umwenden:
  Ihr beiden irdisch schönen Sterne!

GÉZA ENGL


Liebeslied an die Weinflasche

Du, mein Schatz, mein Täubchen, teures,
mein Kulacs* aus Fohlenfell!
Für dich wag ich Ungeheures,
sag Ade den Weibern schnell.

Deine Backen - mein Entzücken,
dein Mund fordert einen Kuß.
Laß dich an die Lippen drücken -,
mit der Liese mach ich Schluß!

Wie's in deinem Busen kluckert!
Mich der Ton zu Tränen rührt,
dein Mund schmeckt mir wie gezuckert.
Goldschmuck deinem Hals gebührt.

Wie sie glänzen, deine Haare,
trug sie früher auch ein Pferd,
mir die allerfeinste Ware,
mehr als Suses Zottel wert.

Gerne hör ich deine Töne,
wenn dein Bäuchlein macht kluck-kluck,
dein Gesang, der wunderschöne,
macht den Kopf mir frei vom Druck.

Wenn ich meine Not dir klage,
rätst du, was ich tun soll, klug.
Kommen wieder frohe Tage,
hab an dir ich nie genug!

Winter, Frost ich kaum noch fühle,
denn du wärmst mir fein das Blut.
Kommt dann wieder Sommerschwüle,
bist du gegen Hitze gut.

Gehst mit mir auf allen Wegen,
bleibst bei mir auch über Nacht.
Scheint die Sonne, fällt der Regen,
du machst jeden Tag zur Pracht.

Oft hab ich bei dir gelegen
wie bei seiner Frau der Mann.
Gab uns auch kein Pfaff den Segen,
häng in Treue ich dir an.

Trüge Früchte unsre Liebe
eine ganze Kinderschar,
leer mir sicher keines bliebe,
voll mit Wein wär jedes, klar!

Wärest du mein Weib statt Liese,
sie die Flasche - solch ein Bauch!
Wenn drei Eimer ich reingieße,
ist noch gar nicht voll der Schlauch.

Doch, o weh, ich hör ihn kommen,
bald holt mich der Sensenmann.
So viel Liebe kann nicht frommen,
was tust du als Witwe dann?

Ha, da find ich einen Gulden,
hob fürs Leichentuch ihn auf.
Doch wer blind im Grab muß dulden,
braucht kein Leichentuch, der sauf!

Täubchen, süßer Schatz, mein Leben,
dir gehört mein letztes Geld.
Was würd ich für dich nicht geben,
dein Kuß wiegt mir auf die Welt.

Dich umarmen, mit dir scherzen
bis zum letzten Atemzug -
Legt im Sarg sie mir zu Herzen
und aufs Kreuz schreibt mir den Spruch:

"Wandrer, trink auf unsre Asche,
denn hier ruht das treuste Paar.
Er - ein Mann, sie - seine Flasche,
Kulacs mit dem Fohlenhaar!"

GÉZA ENGL


An Philine

(AUSSCHNITT)

Wirf nicht des Lenzes reiche Gaben
in einen immer leeren Graben,
mein Mädchen, tu das nicht:
Genieß des Sommers Rosen, Nelken,
und wenn sie dir am Busen welken,
geh nicht hart ins Gericht.

GÉZA ENGL


Der Schwur

Schöne Lilla, laß dir schwören:
Seit dein Reiz mich zu betören
  wußte, wirklich, glaube mir,
ist mir keine andre teuer,
keinem Pfeil und keinem Feuer
  öffnet sich mein Herz, nur dir!

Heilig will ich dir versprechen,
niemals diesen Eid zu brechen,
  den dir meine Liebe schwört.
Doch, um dich an mich zu binden,
soll dein Gegenschwur mir künden,
  daß dein Herz nur mir gehört.

Schwanenhände, Feueraugen,
Lippen, die zum Küssen taugen,
  darauf schwör ich: Dir allein,
schönste Lilla, ist mein Leben
bis zu meinem Tod ergeben.
  Bist du's nicht, soll's keine sein.

ANNEMARIE BOSTROEM


An die Hoffnung

Himmelsglanz vorspiegelnd
jedem Erdenkind,
gabst du dich als Gottheit,
Hoffnung, falsch und blind!
Du, vor der der Ärmste
in die Knie erbricht
wie vor seinem Engel,
der ihm Schutz verspricht.
Flüsterst noch mit glatter Zunge
heimlich Mut mir zu,
zweifelhafte Lust versprichst du,
nimmst mir meine Ruh!
Ach, du schienst mein Tröster,
wie vertraute ich
deinen schönen Worten,
doch du narrtest mich!

Pflanzest meinen Garten
voll Narzissen auch
und mit Bächen tränktest
du mir Baum und Strauch.
Hast mit tausend Blüten
Lenz auf mich gestreut,
würztest ihn mit Wonne
und Glückseligkeit.
Morgens mit der ersten Wärme
wandte sich mein Sinn,
froh wie eine flinke Biene,
zu den Rosen hin.
Nur noch eines fehlte
meinen Freuden hier:
Lillas Herz erbat ich.
Gott, du gabst es mir!

Doch die frischen Rosen
welkten bald dahin,
trocken sind die Quellen,
fahl der Bäume Grün.
Heiterkeit und Frühling
wichen Winterleid,
war nicht lange würdig
dieser schönen Zeit.
Hättst du mir nur sie gelassen,
Lilla nur allein,
braucht ich nicht im Lied zu klagen
meine Liebespein.
Denn in ihren Armen
käm die Lieb zurück,
und ich säh nicht neidisch
auf der andern Glück.

Oh, verlaß mich, Hoffnung,
geh, laß von mir ab,
deine Härte bringt mich
näher nur dem Grab!
Meine Kräfte schwinden,
auf zum Himmel will
meine Seel, der Leib will
ruhn im Grabe still.
Blumenleer sind alle Wiesen,
Felder ausgebrannt,
öde liegen Hain und Wälder,
und die Sonne schwand.
Süße Schattenbilder,
Träume bunt und reich,
Freude, Hoffnung, Lilla,
lebt wohl, Gott mit euch!

ANNEMARIE BOSTROEM


Die arme Zsuzsi beim Aufbruch des Lagers

Frühling träumte überm Hügel.
Unter violettem Siegel
hat man spät noch in der Nacht
Jancsi den Befehl gebracht.

War grad von mir fortgegangen,
voller Liebe und Verlangen,
lag in seinem Bett, dem warmen,
hielt im Traum mich in den Armen,

als er zum Trompetenklingen
gleich aufs Pferd sich mußte schwingen,
gegen's Türkenheer zu reiten,
schied vielleicht für alle Zeiten...

Weinend folgt ich dem Gefährten
ins Quartier am End der Gärten,
und mein Klagelied, ich glaube,
glich dem der verlaßnen Taube.

Wand mein Trauerband um seinen
Tschako unter stetem Weinen,
auf sein Pferd streut ich zehn Rosen,
wollt ihn tausendmal liebkosen.

Ach, mein Herz verging vor Gram!
Als er von mir Abschied nahm,
sagt' er nur: Gott schütze dich!
Herzte mich und küßte mich.

ANNEMARIE BOSTROEM


Die Natur meiner Poesie

Grabhügel, Gärten, nebelnasse,
Nacht, die das Herz mit Grauen quält,
du Blindfenster der Unterwelt,
ihr Toten all dort unterm Grase.
Du, der Vergänglichkeit Gefilde,
du schwarze Trauerstatt,
wo seiner Liebsten Truggebilde
Harvey besungen hat.

Wo schaudernd sich die Seele wendet,
wo alles Fühlen sich verlor,
nur Stille dringt an unser Ohr,
während das Nichts die Augen blendet.
Sie sehn nur der Zypressen Schemen,
wie sie im Mondlicht sacht
schaukeln auf ihren schlanken Stämmen
im Wind der Grabesnacht.

Schreckliche Gegend, wo die Seele
die bleibeschwerten Flügel schwingt,
in Ohnmacht vor Entsetzen sinkt
und sich verkriech in ihre Höhle.
Stell Young auf deines Grabes Mitten
nur gut ins rechte Licht.
Gott mit dir und dem grimmen Briten,
Engländer bin ich nicht.

Die Oboe, mit Grabgesängen,
den anderen ertöne sie
wie eine Trauerthrenodie
mit Klageliedern, Tränenklängen.
Ich spiele dabei keine Rolle,
hab Trübsal nicht im Sinn,
mag auch als Lohn die Nachtviole
für diese Menschen blühn.

Möge mein Gesicht umrahmen
lieber tröstlich ein Bukett,
das gewinnt bei holden Damen
stets der heitere Poet.
Mögen sich zusammenfinden
Musen, Grazien, es zu binden
mit den Rosenfingern fein,
Küsse schenken, süß von Wein.

Melpomene - mit Zypressen
hat sie einst Racine geehrt.
Viel mehr wären mir indessen
Rosen, Hyazinthen wert.
Rosen gleichen Lillas Lider,
Hyazinthen spiegeln wider,
wie sie meine Seele sieht,
spenden Lust zu neuem Lied.

Und so nehm ich als Begleiter
meine Laute, die vibriert,
denn von Lilla werden heiter
meine Lieder inspiriert.
Auf des Abendlüftchens Schwingen
steigen mit dem süßen Klingen
eines himmlischen Konzerts
kleine Götter erdenwärts.

Langeweile stirbt bei diesen
Klängen in der Seele gleich,
denn mit zartem Kuß versüßen
wir die kleinste Pause euch.
Und ihr Ausklang, sanft bewegend
wiegt in Schlaf die schöne Gegend.
Dämm'rung läßt uns nicht mehr los,
bis wir fallen Schoß in Schoß.

ANNEMARIE BOSTROEM


Das Grab des Hafis

(GEKÜRZT)

Einer
Ihr blauäugigen Mädchen,
ihr braunen Töchter Schiras,
legt an die Seidenkleider
und schmückt mit Rosenblättern
die Weiße eures Busens,
verschränkt die Arme zierlich
und singet diese Weise
am Grabe unsres Hafis:

Alle
Sei mir gegrüßt, Grabhügel
des Hafis, wo des Ostens
lieblicher Sänger schlummert
im Schatten dunkler Rosen.

Einer
Nun blühen alle Blumen,
stolz thront in ihrer Mitte
als Königin die Rose,
und ringsum stehn Narzissen,
Tulpen und Anemonen,
die ihren Hofstaat bilden.
Den königlichen Söller
bekränzen Hyazinthen,
darüber läßt der Frühling
den blauen Schleier flattern.
Erblühe, Hain, geliebter,
leuchte mit tausend Blüten,
in Wolken, schwer von Düften,
des Hafis Hügel hülle.
Ihr rotwangigen Schönen,
pflückt diese Rosenblätter
und streut sie auf den Rasen,
der wuchert auf dem Grabe
des Hafis, dessen Seele
die Düfte spendet, die uns
aus Himmelshöhen treffen
und Land und Herz erfüllen.

Alle
Sei mir gegrüßt, Grabhügel
des Hafis, wo des Ostens
lieblicher Sänger schlummert
im Schatten dunkler Rosen.

                 - - -

Einer
Schiras, du Land der Weisen,
du Land auch der Poeten,
dein Ruhm ist weitverbreitet
im ganzen Morgenlande
und an den Meeresküsten,
denn deine Mauern hüten
das Heiligtum des Geistes,
und in Zitronenhainen
wohl tausend Sänger singen.
Von Klängen hallen wider
die Ispahaner Türme,
der Tigris und der Indus.
Wer aber unter hundert
von Schiras Söhnen könnte
so singen wie der Sänger
hier unter diesem Hügel.
Legt eure Kränze, Dichter,
die ihr aus Liedern windet,
am Grab des Hafis nieder
und lernt in unserm Kreise
zu singen und zu lieben.

Alle
Sei mir gegrüßt, Grabhügel
des Hafis, wo des Ostens
lieblicher Sänger schlummert
im Schatten dunkler Rosen.

                 - - -

Einer
Was spüre ich? Die Blumen
spähen aus ihren Knospen
und wogend breitet Duft sich.
Die Wolken fliehn, und lächelnd
stiehlt sich hervor die Sonne
auf unsern klaren Himmel.
Die Nachtigallen schlagen,
und süßer Hauch erhebt sich
aus zarten Blütenblättern.
Was spüre ich? Dies Wehen
scheint jäh mich zu beflügeln.
O Freude, Liebesspiele,
Drang zu Zufriedenheiten!
Du bist es, du, der Schatten
des Hafis leiser Schatten,
der unser Haar läßt flattern.
Wir wollen unter Myrthen
an seinem Grab verweilen.
Setzt euch, ihr schönen Mädchen,
ihr braungelockten Knaben,
laßt euch, vom Hain her nahend,
an diesem Hügel nieder.
Zum rechten Zeitpunkt kommt ihr,
denn unsre heißen Herzen
schmelzen euch schon entgegen.

O Reisender, und sollte
einst diese Stadt dein Ziel sein,
wende dich nicht von Hafis'
im Gras verborgnen Grabe.

ANNEMARIE BOSTROEM


Der Mensch, der erste Gegenstand der Poesie

Wie glücklich gingen doch meine Tage hin,
die jungen, lebensvollen. Wie köstlich war's
  zu atmen und voll Zärtlichkeit zu
    tändeln an Thalias Rosennacken.
    
Der Schönheit Hellas' naht ich in frommer Furcht,
sah staunend auf die Trümmer des alten Rom,
  und über längst zerfallnen Gräbern
    dort in Italiens geschmückten Gärten
    
gepflückt hab ich die goldne Orange auch.
Die Fluren Frankreichs, Albions Grotten nahm
  mein Auge wahr, in Deutschlands Wald und
    rauhem Gebirg fand ich Glück und Segen.
    
Und wenn der Geist von neuen Ideen mir,
von Ehrgeiz jäh die Seele erglühen wollt,
  zur Leier griff ich, und auf Daziens
    Ebenen sang ich und wollt entschweben

der niedern Erde, lastender Schwere voll.
Gewölk umgab mich, und meine Phantasie
  erhob mich wogengleich, und staunend
    trieb ich auf meiner Gedanken Fluten.

"Zurück, aus Schlamm Geborner, Verwegner du!"
So scholl's vom hohen Äther zu mir herab.
  "Kennst du nicht Furcht noch Scham, Unheiliger,
    himmlische Vorhöfe zu betreten?
    
Wer bist du? Woher stammst du? Und wessen Wort
rief dich ins Leben? Was endlich ist dein Los?
  Erwäg das wohl. Denn Staub nur bist du.
    Staub wirst du bleiben!" So sprach die Stimme.
    
Und wie zur Nacht in Dünsten der Meteor
aus dunklen Höhen jählings herniederstürzt
  in hartem Fall, so niederstürzend
    barst ich am Boden zu Staub und Asche.

ANNEMARIE BOSTROEM


Monolog der alten Jungfer

AUS DEM KOMISCHEN EPOS DOROTHEA
ODER TRIUMPH DER DAMEN IM KARNEVAL

Himmel, wurd ich etwa deshalb nur geboren,
daß in meinem Leben mich kein Mann erkoren?
Warum ließet ihr mich sechzig Jahre werden,
ohne eine schlechte Haube hier auf Erden?
Lang genug hab ich gewartet, ungelogen,
warum werd ich um des Wartens Lohn betrogen?
Ging im guten Glauben stets zur Adventsfeier,
daß sich bei mir melde irgendwann ein Freier,
ging zum Fasching stets mit hoffnungsfroher Seele,
daß die Jungfernschaft mich endlich nicht mehr quäle.
Doch was nützte es, denn ohne Ruh und Rasten
kam die Fastnacht schon, und ich muß weiter fasten.
Womit hab ich so etwas verdient, ihr Geister?
Weiß doch um den Weg, es fehlt mir nur der Meister.
Würde nicht auf Herkunft, Geld noch Geist bestehen,
noch auf Schönheit, wäre nur ein Mann zu sehen!
Wer's auch immer sei, ich nähm ihn bei den Händen,
meine Jungfernschaft nun endlich zu beenden.
Würd er nur mir eine schlechte Haube geben,
gerne würd ich ihn zu meinem Herrn erheben,
ach, ich würde immer ihn auf Händen tragen,
wollt er mir den Jungfernkranz vom Kopfe schlagen.
Doch umsonst. S'ist keiner zu Verstand gekommen.
Närrisch sind sie alle, die mich nicht genommen.
Jedem hielt ich gern mein offnes Herz entgegen,
weiß der Himmel, es hat nicht an mir gelegen.
Hab die Welt mir angesehn an vielen Stellen,
und an allen Ecken gab es Junggesellen.
Warum muß ich mich im Überfluß beschränken,
mich wie Tantalus vor vollen Schüsseln kränken?
Dafür, daß ich Frau bin, scheint man mich zu strafen.
Wofür sind die Männer überhaupt erschaffen?
Wär ich keine Frau - wenns keine Männer gäbe,
wär nicht Bitternis mein Los, solang ich lebe.
Doch verzehr ich nun als Greisin meine Tage,
mit dem Lauf der Jahre wächst auch meine Plage.
Einsam, trübe welkt mein Leben hin, ich glaube
eines Tags begräbt die Zeit mich ohne Haube,
werde wohl als Jungfrau in die Grube fahren,
mach mich noch im heilgen Paradies zum Narren,
denn dort werd ich ganz bestimmt vor Scham verbrennen,
wenn mich dort die Toten "Alte Jungfer" nennen,
da schon jetzt und hier, in dieser kleinen Runde
Schimpf und Schande muß ich fürchten jede Stunde.
Weder Tanz noch Spiel gab es für mich, ich wette,
ohne daß mich blanker Hohn getroffen hätte.
Soll es wirklich denn so bleiben, bis ich sterbe,
daß statt Liebe ich nur Schande mir erwerbe?
Nein, o nein, ich werde mich an denen rächen,
die so derb zu scherzen sich mit mir erfrechen.
Seht, daß ich trotz meines Alters mich nicht schäme
und mir mit Gewalt noch einen Jüngling nehme.
Still, nur still, ich weiß, du Arme, dich betrübt es,
bist ein Mädchen nur, doch wieviel Burschen gibt es?
Besser, Dorothea, ist's, sich abzufinden,
wirst vergeblich nur die alte Haut dir schinden,
wirst in diesem Leben keinen Mann mehr kriegen,
aber sollte dennoch einer bei dir liegen,
sag, was würde diese kleine Wonne wert sein?
Willst du auf dem Totenbette noch begehrt sein?
Was versuchst du, und was soll das alles nützen?
Bleibst doch sowieso als alte Jungfer sitzen.
Soll daraus nichts werden? Oh, ihr werdet sehen!
Fort aus meinem Kopf, ihr mutlosen Ideen!
Rache denen, die mich stets zu kränken suchten,
mich so oft verhöhnten, diese Gottverfluchten!
Nicht nur mich, auch andre Mädchen in der Runde,
Martha und Rebecca oder Adelgunde.
Dieses Pfänderspiel, der reinste Spott vor so viel Zeugen,
soll ich denn zu dieser langen Liste schweigen?
Ha, ich stürme los, ich kann nicht ruhig sitzen,
Tanz und Frohsinn will ich auseinanderspritzen.
In den Boden stampf ich sie mit meiner Zunge,
bin für meine Ehre immer auf dem Sprunge.
Und speziell den Fasching - weil ich tausend Gründe,
ihm die Schuld für alles zuzuschieben finde -
stampf ich nieder, keinem soll er etwas taugen,
reiß ihm aus die Haare, kratz ihm aus die Augen.
Doch damit sich viele noch mehr schämen sollen,
werd ich jede Jungfrau mir zu Hilfe holen,
gegen euch aufhetzen werd ich alle jene,
Ursula, Rebecca, Martha, Magdalene,
auch die längst entjungfert ohne Männer leben,
werden auf mein Bitten keinen Korb mir geben.
Ja, das kann ich wohl in ihren Augen lesen,
ihre Haare sträuben sich bereits wie Besen.
So verbündet gegen jeden, der uns narrte:
Warte Fasching, warte, Mädchenquäler, warte!

ANNEMARIE BOSTROEM


Zweifel eines jungen Freiers

Feucht ihr Aug auch ohne Träne,
Falten, Runzeln, faule Zähne,
Watschelbeine, krumm und hager,
Hinterteil erbärmlich mager.

Alt und kalt, doch auf dem Sprunge
ist sie immer noch auf Junge.
Möge mich der Herr bewahren,
daß ich werde hier zum Narren!

Vettel, einer Hure ähnlich!
Doch ihr Reichtum stimmt versöhnlich.
Würde dieser Schatz mein eigen,
könnt ich auch mehr Lust ihr zeigen.

Tät des Goldes mich erbarmen,
ab und zu sie auch umarmen,
Gatte einer Geldkassette,
die ich Armer nötig hätte.

ANNEMARIE BOSTROEM


Von meiner Lungenentzündung

O bleicher Mond, sag, kannst du's wissen,
wo ich mich wälze leidend arg?
Ob noch im Bett, in heißen Kissen,
ob eingeschlossen schon im Sarg?
O nein, ich fahr in einem Boote,
das gräßlich auf den Wellen schwankt,
vom Fünkchen Leben hin zum Tode,
dem das verzagte Herz zuwankt.

Aus des Schirokkos heißem Atem,
der mir die Lunge dörrte aus,
bin ich in Grabesluft geraten,
erstarrten Leibs ins Totenhaus.
Schon steht er da, der ungerufen
zum Schuß ins Herz den Bogen spannt.
Er trampelt wild mit beiden Hufen
auf meines Brustkorbs Knochenwand.

Wo lande ich? Wenn ich das wüßte!
Wie schrecklich dieses Hin und Her:
Bald bannt mich die Zypressenküste
der Toteninsel, schwarz im Meer,
bald ruft ein freundliches Gestade
am andern Ufer, wo umringt
von Goldplatanen dann gerade
ein Chor freundschaftlich Lieder singt.

Bald wieder bläst aus finstren Höhlen
mich an ein tödlich saures Gas,
bald laben Düfte mich von Ölen,
ein Hauch, von dem ich fast genas.
Ich atme schwer, in Schweiß erfroren -
wenn das das Ende wäre bloß!
Doch nein, ich werde neu geboren -
zu welchem Zweck, zu welchem Los?

Wer bist du, Fee, im weißen Kittel,
die sich mir freundlich lächelnd naht?
Du hältst in deiner Hand das Mittel,
das mir zum Leben weist den Pfad.
Bist du des Himmels Abgesandte?
Die Heilung strömt von dir mir zu!
Ein irdisch Wesen, das erkannte
der Schöpfung Weisheit, das bist du!

Berührst mit rosigen Fingerspitzen
die schwache Wölbung meiner Brust,
erweckst mit deiner Augen Blitzen
die schon erloschne Lebenslust.
Als neuer Phönix aus dem Feuer
tritt meine Seele munter schon,
und meine lang verstummte Leier
gibt wieder einen zarten Ton.

Doch du entfliehst? Ein Schwinden, Wandern -,
und ich, o Gott, bin nicht mehr krank?
Sándorffy - ihm und keinem andern,
dem ich, daß ich noch leb, verdank:
Er sitzt an meinem Bett. Erschalle
hell in der Abendruh mein Sang
der Dankbarkeit, vernehmt es alle,
wie ich dem Arzt, dem Freunde dank.

GÉZA ENGL


* Kulacs (sprich: Kulatsch) ist eine flache, runde Feldflasche aus Holz, mit Fohlenfell bezogen; früher auf dem Land allgemein gebräuchlich, heute geschätzte Rarität der Volkskunst.