SCHÄTZE
DER UNGARISCHEN DICHTKUNST
BAND I

Janus Pannonius

Gedichte


AUSWAHL


DIE NACHDICHTUNGEN AUS DEM LATEINISCHEN STAMMEN,
MIT ZWEI AUSNAHMEN, VON
VOLKER EBERSBACH
DAS GEDICHT "LOB PANNONIENS" ÜBERTRUG
STEPHAN HERMLIN,
DAS "GEBET AN DIE GÖTTER FÜR KÖNIG MATTHIAS"
FRITZ TECH
EINLEITUNG VON GÉZA ENGL
AUSGEWÄHLT VON ISTVÁN KERÉKGYÁRTÓ
GESTALTLUNG VON EDIT ZIGÁNY




Inhalt

Einleitung


IN ITALIEN GESCHRIEBENE GEDICHTE

Epigramme

Über die Änderung seines Namens

Über die Künste

An den Dichter Martial

An Leonello, Herzog von Ferrara

Über einen Liebhaber alter Bücher

Über sich selbst

An Paolo

An Guarino da Verona

Über einen Scheingebildeten

Über denselben

Auf einen Plagiator Vergils

Gegen Gryllus

An Ugo

Auf einen Plagiator seiner Gedichte

An Gryllus

An Prosper

An Agnes

Als er mit einer Frau schlafen wollte

Über seine Freundin

Über Silvia

Als ihn seine Freunde ins Freudenhaus schleppen wollten

An Libera

Über Ambrosio

Gegen den Ehebruch

An Lucia

Eine peinliche und schwierige Frage

Über sein Lebensalter

An Pindola

Verspottung der Pilger zu den Jubiläumsfeierlichkeiten in Rom

Über Ambrosio

An Paolo

An Ovillus

An Hodus

An Laurus

Wo man Eseln die Last abnimmt

Klage des Janus Pannonius über die Zerstörung Konstantinopels (a. Analecta 121)

Epitaph für Johannes Hunyadi, den Vater des Königs Matthias

An Rufus

An Marcello

Über Sigismund Malatesta, den Tyrannen von Rimini

Über denselben

Rom an seine Besucher

Auf einen Vogel, der ohne Kopf weiterflog

Über Laurentius Valla

Über eine Wandlung seiner selbst

Verspottung der Pilgerfahrt Galeottos

Panegyrikus auf Guarino da Verona (gekürzt)

Lob des Malers Andrea Mantegna aus Padua

Preislied auf die Göttin Feronia, die Fürstin unter den Najaden Italiens,
verfaßt von janus Pannonius bei seiner Rückkehr aus Rom am 9. Juni anno 1458


IN UNGARN GESCHRIEBENE GEDICHTE

Epigramme

Lob Pannoniens

Rechtfertigung seines Fernbleibens von der Schlacht

An König Matthias

Gebet an die Götter für König Matthias

Antwort an Vitus

An Kaiser Friedrich

Über Papst Paul

Über denselben

Warum jetzt nicht mehr wie voreinst die Geschlechtsteile der Päpste überprüft werden

An Galeotto

Über das Los der Höflinge

Über einen pannonischen Mandelbaum

Bitte um Frieden

Über die Löwen, welche die Florentiner dem König Matthias übersandt haben

An Galeotto von Narni

Bitte an Mars um Frieden

Janus Pannonius in der Stunde seines Todes

Janus im Fieber an Blasius im Felde

Auf einen Kometen, der an einem Sommermittag erschien

Als er im Feldlager krank darniederlag

Wehklage über den Tod seiner Mutter Barbara, 1463

Wehklage über seine Krankheiten im Monat März anno 1466

An den Schlaf

An seine Seele

Die Überschwemmung (gekürzt)

Auf einen Baum, der allzu üppig Frucht trug

Abschied von Várad




Einleitung

JANUS PANNONIUS 1434-1472

Daß diese - mengenmäßig bescheidene - Auswahl, in der sechs Dichter in Einzelbändchen, die Höhen der ungarischen Lyrik repräsentieren, mit Janus Pannonius beginnt, der ausschließlich lateinisch schrieb, bedarf einer Begründung. Zeitlich ist er der früheste große Lyriker, den Ungarn - nach humanistischer Benennung: Pannonien - hervorbrachte. Geboren und gestorben ist er auf dem Boden Pannoniens, brachte es in diesem Land zu höchsten kirchlichen und politischen Würden, und doch schrieb er nie in der Landessprache. Die wäre damals für den subtilen, verfeinerten Stilkünstler ein zu rauhes Organ gewesen. Es war das Jahrhundert der Humanisten, und er hatte die glänzendste Ausbildung auf den Hochschulen Italiens, in Ferrara und Padua genossen. Natürlich in der elegantesten Sprache der damaligen Dichter, der lateinischen.

Von seiner Kindheit und seinen Familienverhältnissen wissen wir nur, daß er als Sohn eines wenig bemittelten Adligen namens Johan von Csezmice am 29. August 1434 in einer Ortschaft, wo die Drau in die Donau mündet, geboren wurde. Die Mutter scheint früh Witwe geworden zu sein, war aber die Schwester von János Vitéz, Bischof von Großwardein, der unter Johannes Hunyadis Regentschaft Kanzler, Privatsekretär und auch Erzieher des Sohnes Matthias Hunyadi, dem nachmaligen König von Ungarn war. Der Onkel, namhafter Humanist und Bibliophile auch selbst, nahm sich seines Neffen an, zumal dieser sehr bald außerordentliche Fähigkeiten zeigte. Der Bischof schickte den Dreizehnjährigen auf die Schule von Guarino da Verona nach Ferrara; hier verbrachte Janus sieben Jahre und erwarb seine außergewöhnlich hohe, klassische griechisch-lateinische Bildung. Der Jüngling aus Ungarn erwies sich als ein Wunderknabe, der schon auf der Schulbank Verse schrieb, Epigramme, zum Spott und Lob seiner Kameraden und Freunde. Die Epigramme, in denen er auf Tagesereignisse des Studentenlebens genauso wie auf Gelesenes und Gehörtes einging, immer mit etwas Spott oder Gesellschaftskritik ein wenig in der Art des Martial, machten ihn in kurzer Zeit in weitem Umkreis bekannt. Sehr bald konnte er sich des Mißtrauens, das man dem von weither über die Berge gekommenen Barbaren entgegenbrachte, erwehren: Größen wie Guarino, Ficino und Enea Silvio Piccolomini erkannten ihn als ihresgleichen an - allerdings erst später. Zunächst verspottete er die Pilger, die zum Heiligen Jahr nach Rom gingen, und er verschonte auch den Papst nicht. Früh erwachten auch die sexuellen Begierden bei dem Jüngling, und er schrieb eine ganze Anzahl erotisch-obszöner Epigramme. Der Sechzehnjährige, der nicht duldet, daß man ihn für einen Unreifen halte (Über sein Lebensalter), beklagt sich in einem anderen Epigramm, daß die Kameraden ihn ins Freudenhaus mitgeschleppt haben. Schon in dieser italienischen Frühzeit schrieb er auch ernste Gedichte, unter denen der (später ergänzte) Panegyrikus auf Guarino da Verona hervorragt. In diesem Gedicht ist ebensoviel von kindlicher Anhänglichkeit wie von schwärmerischer Bewunderung für den Meister, und dabei soviel menschliche Aufrichtigkeit, daß man die Zeilen auch heute nur mit Ergriffenheit lesen kann. Nicht ohne Stolz erwähnt er im Gedicht, daß er dazu auserwählt wurde, die Musen der antiken Welt in seinem pannonischen Vaterland heimisch zu machen; durch diesen Satz erhöht sich das konventionelle Lobgedicht zu einem gewaltigen dichterischen Programm, das Janus auch ausgeführt hat, denn seine schöpferische Tätigkeit war entscheidend für den Einzug der Renaissance und des Humanismus in die ungarische Kultur (s. Lob Pannaniens).

Nach sieben Jahren Studiums verließ er auf Wunsch seines Onkels Ferrara und Guarino, um an der Universität von Padua Jura zu studieren, denn der Onkel Bischof wollte den Neffen zum Diplomaten erziehen. Mit dem Doktorhut versehen, gewappnet mit allen Vorzügen der Renaissancekultur, kehrte er 1458 nach Ungarn zurück; es war das Jahr, in dem König Matthias Corvinus den Thron bestieg. Der Heimgekehrte machte rasch Karriere, wurde zunächst Domherr an der Seite des Onkels in Várad (Großwardein), kurz darauf Bischof von Pécs (Fünfkirchen) und Leiter der königlichen Kanzlei, der auch wichtige diplomatische Missionen (z. B. in Rom beim Papst) ausführte. Nun erst wurde Janus zum großen Dichter, nachdem die Zeit und die Gelegenheiten für die verspielten Epigramme vorbei waren; an ihre Stelle traten monumentale, an Personen gerichtete Gedichte, auch Epitaphe; seine eigentliche Gattung fand er jetzt in der Elegie, und man kann wohl die in Ungarn entstandenen - obgleich der Dichter hier die in Italien selbstverständliche Schicht der Gleichgesinnten und Gleichgebildeten entbehren mußte -, für die Hochleistungen seiner Dichtkunst ansehen. Janus Pannonius war kein weltfremder Literat, kein Stubengelehrter, wie viele seiner humanistischen Zeitgenossen, vielmehr nahm er am Leben seiner Umwelt, an allen großen und kleinen, politischen und privaten Ereignissen Anteil und faßte sie in ergreifende oder humorvolle Gedichte: Lagerleben, Reisen, Bekanntschaften, Liebe, ein im Winter blühender Mandelbaum, Tod der Mutter, eine Überschwemmung, der Fall Konstantinopels -, alles verwandelte sich in brillante lateinische Verse. Erwähnt sei vor allem Abschied von Várad, mit den überraschend modern wirkenden Kehrreimen, dann Die Überschwemmung, An den Schlaf u. a.

Dem erfolgreichen Dichter, Kirchenfürsten und Staatsmann blieben schwere Schicksalsschläge nicht erspart: 1460 starb sein angebeteter Meister Guarino da Verona, und drei Jahre später seine über alles geliebte Mutter. Das Andenken an sie bewahrt ein Klagelied (Thrénos), in dem der untröstliche Dichter in aufrichtig schmerzvollen Worten, jedoch in gedämpft würdevoller Lyrik seiner Trauer Ausdruck gibt. Ein Humanist, der nicht in der unermeßlichen Flut antiker Mythologie untergeht, aus ihr vielmehr nur großen Dichtern eigenen persönlichen Ton schöpft. Ein Jahr später erkrankte auch er selbst und konnte nicht mehr an den Feldzügen des Königs teilnehmen; wahrscheinlich hatte er ein Lungenleiden, das seinen frühen Tod verursachte. Nun folgen erschütternde lyrische Gedichte (etwa: Als er im Feldlager krank darniederlag), ganz im Gegensatz zu den früheren lebensfrohen, militanten Versen. Nun kann er seine Sorgen immer weniger verschweigen, Todesangst plagt ihn (Janus im Fieber an Blasius im Felde), er klagt über schlaflose Nächte, schreibt seine eigene Grabschrift; dazu kommen auch noch die Sorgen wegen der bedrohlichen Türkengefahr, und dieses Zusammentreffen: Sorgen um Heimat und Eigenleben finden in manchen Gedichten hinreißenden Niederschlag. Zum Beispiel in der Allegorie Über einen pannonischen Mandelbaum, der zur Zeit des größten Winters wie durch ein Wunder erblühte, und den der Frost gewiß bald verbrennen wird. Das kurze Gedicht ist als ein Bekenntnis zur Heimat aufzufassen. In seinen späten Gedichten kommt auch die Sorge um die eigene Dichtung zum Ausdruck, er glaubt nicht an den Bestand der durch ihn verwirklichten humanistischen Poesie in der Heimat. Gegen den Kummer um den körperlichen und geistigen Schwund sucht der katholische Bischof Trost nicht in der Religion, sondern in der humanistischen Philosophie, in der von christlichen Motiven durchsetzten Neuplatonik, wie sie der Florentiner Zeitgenosse, Marsiglio Ficino, lehrte.

1467 hatte Janus seine Plutarch-Übersetzung ins Lateinische beendet und sie mit einer Widmung König Matthias zugeschickt. In dieser Widmung erlaubte er sich, Kritik über die Innen- und Außenpolitik und die autokratischen Gesten des Königs zu üben. Um diese Zeit wurde auch sonst im Lande Unzufriedenheit über den autokratischen Regierungsstil des Königs laut, die einige Oligarchen und humanistische Politiker in ein gemeinsames Lager brachten. Es entstand eine Verschwörung gegen den König, man wollte ihn absetzen und einen polnischen Prinzen auf den Thron erheben. Dieser Verschwörung stellten sich Erzbischof János Vitéz und sein Neffe, Janus Pannonius an die Spitze. Ein sehr bedenklicher Abfall vom Hause Hunyadi, wenn man den Lebenslauf dieser beiden Männer, besonders den des älteren noch unter János Hunyadi kennt. Matthias sprengte die Verschwörung, Janus Pannonius mußte flüchten und starb unterwegs in einer Burg bei Agram (Zagreb) am 27. März 1472. Der greise János Vitéz überlebte ihn nur um wenige Monate, starb aber immerhin in seiner erzbischöflichen Residenz in Esztergom.

König Matthias versöhnte sich mit dem toten Dichter. Er genehmigte ihm ein glänzendes Begräbnis in seiner Bischofsstadt Pécs. Die literarische Hinterlassenschaft ließ Matthias von seinem humanistisch gebildeten Kanzler, Péter Váradi, sammeln und in der Königlichen Bibliothek, der berühmten Corvina, unterbringen.

Géza Engl



IN ITALIEN GESCHRIEBENE GEDICHTE


Epigramme


ÜBER DIE ÄNDERUNG SEINES NAMENS

Den diese Seite jetzt Janus nennt, der hieß einst Johannes.
   Freundlicher Leser, du lehnst sicher den Hinweis nicht ab!
Nicht aus Dünkel verzichte ich nun auf den vornehmen Namen,
   hat doch die ganze Welt keinen mit reinerem Klang.
Umbenannt, ohne zu fragen, hat mich die blonde Thalia,
   als sie zum Bad mich getaucht in den Äonischen See.


ÜBER DIE KÜNSTE

Künste verleihen uns Lebensmut. Höchste Vollendung gelingt uns
   stets in dem, was wir tun, stützt sich die Kraft auf den Geist.


AN DEN DICHTER MARTIAL

Größter Dichter, Martial, so hochgebildet,
Meister heiterer Spiele, feinen Witzes,
netter Scherze und schöner Nichtigkeiten,
neben dem sogar Plautus' Spott nur schwach ist -,
wenn ich kann, will ich dir beim Schreiben folgen.
Phoebus mag ich nicht rufen noch die Musen,
daß sie kommen und meinem Werke beistehn,
dich allein unter allen Göttern ruf ich!
Wolle du einem Dichter, deinem Jünger,
bitte nur deinen Segen nicht verweigern!
Wenn des schweigsamen Greises Ansicht wahr ist,
der da meinte, daß eine einzge Seele
in verschiedene Körper strömen könne,
wenn dem Ennius sich Homer, der große,
einverleibte, nachdem der stolze Vogel
seinen Schweif von den Sternen wieder löste,
dann durchdringe auch du mein Mark vollkommen,
falls ich mich deines Geistes würdig zeige;
glaub mir, was ich vermag, das werd ich leisten.


AN LEONELLO, HERZOG VON FERRARA

Wenn, Leonello, du ewiges Licht aus dem Hause der Este,
   dir vielleicht das Geschick dieses mein Buch überbringt,
schieb es nicht fort mit der Miene, mit der du die Rechte verwaltest,
   sondern leicht wie den Ball, wenn er beim Spiel dich erfreut!


ÜBER EINEN LIEBHABER ALTER BÜCHER

Bücher, so glaube ich, gibt es schon viele seit tausenden Jahren,
   sicher gelehrt, aber nicht ebenso kunstvoll und schön.
Trotzdem spendest du aber noch mehr als unsern Gedichten
   immer den anderen Lob, weil sie die älteren sind.
So hoch achtest du heute noch längst vergangene Jahre,
   was schon alt ist und grau, das nur erkennst du noch an!
Uns aber locken die Neuheit und Zahl der Erscheinungen weiter,
   Bartholomäus, und nicht Fäulnisgeruch und Verfall.
Was soll ich dir für diesen perversen Geschmack also wünschen?
   Ja, ich wünsche dir das, was der Verirrung entspricht:
Übel gegorener Wein soll mehr als Falerner dir schmecken,
   nichts als faulendes Obst soll deinen Gaumen erfreun!
Niemals schlafe mit dir Polyxena, die zierlich gebaute,
   sondern Hekuba, so alt, daß sie der Hündin schon gleicht.


ÜBER SICH SELBST

Dieses gestehe ich euch, ihr namhaften Dichter der Vorzeit,
   euer Geschick war mir anfangs ein Anlaß des Neids.
Denn in der Auswahl der Themen, in Klarheit und Wohlklang der Sprache
   seid ihr so weit voraus, daß euch kein Neuer erreicht.
Nun aber kommt gleichmäßiger schon der Ruhm zur Verteilung:
Ich bin Meister des Stoff's, Meister der Sprache seid ihr.


AN PAOLO

Paolo, hier sind die Gedichte, die du mir gabst zum Verbessern,
   und du findest am Rand nirgends ein einziges Wort.
Reg dich nicht unnötig auf, und laß die vergebliche Hoffnung!
   Nichts kann ich bessern, woran nirgends ein Teil mir gefällt.


AN GUARINO DA VERONA

Sage, warum, Guarino, du gütigster unter den Vätern,
   hältst du von Laster und Schuld nicht deine Söhne zurück?
Oder weißt du noch nicht, was der eine erst kürzlich verzapft hat?
   Schwiegervater bist du bei einer einfachen Magd!
Dienstjunge ist dein Enkel! Die Stadt ist voll von Gerede
   über dich, und schon längst ist deine Schande bekannt.
Sage, warum, Guarino, du sanftester unter den Vätern,
   hältst du von Laster und Schuld nicht deine Söhne zurück?
Was deine Söhne sich nämlich fortwährend mit Mägden erlauben,
nehmen sich andere bald mit deinen Töchtern heraus.


ÜBER EINEN SCHEINGEBILDETEN

Niemals redet er, schreibt auch nichts, doch er gilt als gebildet.
   Manchem verhilft ein Gerücht ohne Verdienste zum Ruhm.


ÜBER DENSELBEN

Fragst du, weshalb Aurispa nichts schreibt, obwohl er so klug ist?
   Weil er hofft, um so mehr hielten ihn alle für klug.


AUF EINEN PLAGIATOR VERGILS

Willst du dich damit entschuldigen, der du bei Maro geklaut hast,
   daß von dem alten Homer manches auch Maro sich borgt?
Gut, das entschuldige dich. Doch als Dichter kannst du nur gelten,
   wenn du so meisterhaft borgst, wie es der Maro gekonnt!


GEGEN GRYLLUS

Gryllus, sobald du geigst, sind still in der Heide die Grillen.
   Lieber wäre mir, sie geigten, und du wärest still.


AN UGO

Ugo, du willst, daß man glaubt, über alles wüßtest du alles.
   Doch überhaupt nichts weiß, Ugo, wer allzuviel weiß!


AUF EINEN PLAGIATOR SEINER GEDICHTE

Deine Gedichte, Vallino, sind so unterteilt wie die meinen.
   Sicherlich willst du, daß ich denke, du ahmtest mich nach.
Aber wie oft bedienst du dich Satz für Satz meiner Worte,
   und viel häufiger noch holst du den Stoff dir bei mir.
Nachahmung kann das nicht heißen! Und Lob statt Vorwurf verdienst du,
   denn statt des eigenen Werks gibst du das meine heraus.


AN GRYLLUS

Boshaft sagst du, mich hätte genährt die heimische Bärin.
   Scheine ich dir so roh, Gryllus, so wenig gezähmt?
Ja, ich bekenne es, Gryllus, mich säugte Pannoniens Bärin.
   Dich hat die Bärin nicht, nur jene Wölfin gesäugt.


AN PROSPER

Daß ein rauhes Land mich erschuf mit so reicher Begabung,
   wundert dich, Prosper, denn dich nährte das tuskische Land.
Dummköpfe werden wahrscheinlich in beiderlei Klima geboren,
   beide bringen mit Glanz feurige Geister hervor.
Demokrit stammte aus Abdera, das doch so reich war an Rindvieh,
   Mantua, bäurisch und fett, gab uns den zarten Vergil.
Doch wenn du zögerst, dem Beispiel der Vorzeit zu glauben, sieh uns an!
   Wie ist denn jeder von uns? Und woher kommen wir zwei?


AN AGNES

Agnes, mein Leben! Sooft ich deine Augen betrachte,
   bin ich davon überzeugt, wirklich Sterne zu sehn.
Sterne sind es, doch weitaus die schönsten Sterne am Himmel,
   wo, wie du mir an Glanz Venus dem Jupiter gleicht.
Oder unter Fixsternen sieh des Sirius Feuer,
   das seinen flackernden Schein dem des Arkturus vereint!


ALS ER MIT EINER FRAU SCHLAFEN WOLLTE

Agnes, gib mir, was du auch deinem Mann gibst!
Davon, daß du es gibst, geht nichts verloren.
Freude machst du uns beiden, wenn du austeilst,
was dir Gott bei der Schöpfung reichlich mitgab.
Woher kämen wir, wenn es nicht so wäre?
Hätten Mutter und Vater dies verweigert,
wärst du niemals geboren, auch nicht deine
Äuglein, die mich mit ihrer Glut versengen.
Was ihr Frauen ja immer geben könntet -
nehmen können wir Männer es nicht immer.
Was jetzt gleich uns gefällt, mag später brennen.
Traurig ist es nicht, außer wenn wirs missen.
Was die Erde bewohnt und Meerestiefen,
kann nicht glücklicher sein, als eben dadurch.
Was die Jungfern am Anfang strikt verweigern,
wünschen bald sie in Ewigkeit zu geben.
Was dem Jupiter Juno, Venus Mars gibt,
haben Göttinnen Menschen auch gegeben.
Gibst du's mir, so gewinnst du dabei etwas.
Gibst du's nicht, wirst du lange daran leiden.
Keine Antwon. So ist sie wohl dagegen.
Doch sie lächelt: Das ist schon eine Antwort.


ÜBER SEINE FREUNDIN

Wär ich sogar noch verfickter als Proculus, sicherlich,
   deiner Geilheit Genüge zu tun, hätte ich doch nicht die Kraft.


ÜBER SILVIA

Silvia, du, eine Dirne, behauptest: "Ich bin von dir schwanger."
   Silvia, sage das doch, glaube mir, lieber nicht laut!
Das ist, als gingest du, Silvia, mitten durch Hecken und klagtest:
   "Ach, dieser elende Dorn hat mir den Schenkel zerschrammt!"


ALS IHN SEINE FREUNDE INS FREUDENHAUS
SCHLEPPEN WOLLTEN

Meine Freunde! Wohin wollt ihr mich schleppen?
In ein garstiges Freudenhaus, so scheint mir!
Denn welch anderes Haus steht so weit draußen,
hinterm heiligen Anger, hinter Gärten,
mit so ärmlichen Zimmern, reich an Sofas?
Darauf sitzen geschminkte Mädchen reglos,
aufgetakelt die hocherhobnen Köpfe;
Schleier tragen sie, die vom Nacken hängen,
doch kein Mieder verbirgt die prallen Brüste.
Was ist das? Eine Hand will mich betasten,
jemand will mich umarmen, jemand küssen,
jemand geht mir voran in eins der Zimmer.
Raus hier, Kreuzdonnerwetter, raus ihr Schufte!
War von einem Spaziergang nicht die Rede,
als ich zögerte, mit euch auszugehen?
Ha, das werde ich Guarino melden!


AN LIBERA

Habe ich Lust, dann willst du nicht, sage ich nein, dann verlangst du's!
   Libera, wie ist bei uns Nehmen und Geben verteilt?


ÜBER AMBROSIO

Schon mit leichtem Geschütz und mit ganz wenigen Zeugen
   kommt Ambrosio durch, ficht er was aus vor Gericht.
Geht es aber um Thekla, so fahre Ambrosio noch so
   schwere Geschütze heran - Thekla ergibt sich nicht leicht.


GEGEN DEN EHEBRUCH

Dauernd gehst du mit Crespus in andere Betten und staunst noch,
   Arbus, daß du zu schwach bist bei der eigenen Frau?
Oder erschlaffst du gelangweilt, sobald dir die Wollust erlaubt ist,
   wird dein Schwänzlein nur steif, wenn du Verbotnes begehrst?


AN LUCIA

Einen größeren Schwanz, du Dummchen, habe,
wer die größere Nase hat, Lucia?
Fern wär dann mein gefährlichster Rivale,
denn noch hast du Philemon nicht gesehen.


EINE PEINLICHE UND SCHWIERIGE FRAGE

Daß die Spalte den Schwanz begehrt und das Schwänzlein die Spalte,
   dies hat, läßt man das Volk urteilen, folgenden Grund:
Als Prometheus die ersten Menschen aus wäßriger Erde bildete,
   gab er dem Werk keinerlei Doppelgestalt,
fügte den Körpern nichts an, wonach die Geschlechter sich scheiden
   und womit sich die Art stets zu erneuern vermag.
Weil aber sonst die Naturgesetze versagten, verlieh er
   bald, damit zweierlei Leib wandele, jedem sein Mal.
Also hat er das Fleisch, das er einem - dem Mädchen - herausnahm,
   einfach dem anderen vorn zwischen die Lenden gesteckt.
Seither möchte das Fleisch zurück in den Spalt, wo es herkam;
   seither möchte der Spalt, daß man ihn schließt mit dem Fleisch.


ÜBER SEIN LEBENSALTER

Sechzehn Jahre dauert bislang mein Leben nun also,
   wenn die Mutter dem Sohn richtig das Datum genannt.
Siebzehn werde ich, ist der goldgelbe Sommer vergangen,
   wenn von der Jungfrau sich sanft Phoebus hinabführen läßt.
Schon klingt tief meine Stimme, und Schamhaar umringelt die Lenden,
   und für den Liebesgenuß schwillt mir das Schwänzlein schon oft.
Seh ich ein Mädchen, beginnt das Herz mir flammend zu klopfen,
   und ich habe schon oft schlafend mein Laken bespritzt.
Also, meine ich, solltest du endlich, Diener, verschwinden,
   den der Vater besorgt einst für den Knaben bestellt.
Geh mit dem Schafskopf von Wächter, du unausstehlicher Lehrer!
   Ich bin mein eigener Herr. Keiner verbiete es mir!
Heute noch werf ich die Kinderkleider euch vor die Füße.
   Römische Jünglingstracht lege ich heute noch an!


AN PINDOLA

Welch eine Bosheit, welch eine Schandtat! Weshalb du so reizend,
   Pindola, stets zu mir bist, pfui! das verstehe ich nun!
Freilich, so ist es! Du treibst mit meinem Gefährten "Gymnastik".
   Unser Erzieher nennt jedenfalls so, was er tut,
wenn er den Knaben beugt, sein Ding in den Hintern ihm rammelt
   und mit den Backen dazu widerlich wackelt und zuckt.
Sicherlich willst du schon immer genau dasselbe mit mir tun.
   Deshalb lockst du mich an, machst mir manch Freundesgeschenk.
Ach, du Mistkerl! Wir haben nichts miteinander zu schaffen!
   Bitter genug ist schon, was du mir alles verehrst.
Heimliche Gaben, Verführerbriefe - ich geb sie dir wieder,
   und den Apfel sogar, ginge das, kotzte ich aus.
Aber ich rede umsonst. Nicht mal rot wird der Schuft, und erschrickt nicht,
   sondern mit zärtlicher Hand streichelt er mir meinen Hals!
Laß das! Sonst rufe ich alle zusammen: "Pindola läßt mich
   niemals in Ruhe! " Nur so bleibst mir du Schurke vom Hals.


VERSPOTTUNG DER PILGER
ZU DEN JUBILÄUMSFEIERLICHKEITEN IN ROM

O ihr Spanier, Gallier, Slawen, ihr Deutschen und Ungarn
   strömt zum heiligen Dom Petri, des Pförtners, herzu.
Toren! Was rennt ihr, die römischen Tempel noch weiter zu füllen?
   Kann denn keiner sein Glück finden im eigenen Land?


ÜBER AMBROSIO

Theodor, elender Schuft, du lügst! Im Himmel sind Götter!
   Und der erhabene Pol ist nicht verlassen und leer.
Nichts weißt du, Epikur! Um uns Menschen bemühn sich die Götter!
   Sinnlos fährt nicht der Blitz zackig zur Erde herab.
Rufen wir laut: Es gibt Götter, die sich um uns Sterbliche kümmern!
   Das ist gewiß, da wir nun sehn, daß Ambrosio büßt.


AN PAOLO

Paolo, du grüßt mich jedesmal, wenn wir einander begegnen.
   Sicher erhoffst du dir nur wieder von mir einen Gruß.
Fünfzigmal tust du das stündlich, wenn unsere Wege sich kreuzen;
   eifrig entledigst du dich immer aufs neue der Pflicht.
Wenn ich am obersten Fenster schreibe oder nur grüble,
   rufst du jedesmal laut freundliche Grüße herauf.
Ebenso flattert mir stets durch den Kopf, was ich auswendig lerne,
   und, aus dem Hirn verscheucht, fliegt mir Thalia davon.
Wenn meine Finger nicht trügen, so hast du mir heute fünfhundert
   Grüße, glaub ich, gesagt und dann noch fünfe dazu.
Doch es genügte mir schon, du tätest es eimnal im Leben,
   wären mir auch noch mehr Tage als Nestor bestimmt.
Komme ich, mich zu beschweren, so wirst du mich abermals grüßen.
   Paolo, ich möchte "Leb wohl!" sagen und wünsch dich weit fort.
Schone, ich bitte dich, meinen empfindlichen Kopf und verzichte
   auf diesen lästigen Gruß! Leb ein für allemal wohl!
Wenn dir vielleicht die Zahl der Grüße so sehr viel bedeutet,
   sag wie das einfache Volk: "Tausendmal grüße ich dich!"


AN OVILLUS

Wer noch schwankt, ob auf Erden ein Volk von Hirnlosen lebe,
   schaue, Ovillus, doch dir einmal genau ins Gesicht!
Denn dein Kopf ist so klein, daß es aussieht, als hättest du keinen,
   und mir ist niemand bekannt, der so beschränkt ist wie du.


AN HODUS

Äpfel sind eine Frucht, gar übel beleumdet, doch schmackhaft.
   Hodus, dich nennen sie schön; doch es gibt nichts, was du kannst.


AN LAURUS

Laurus, du fürchtest den Tod? Doch der Tod wird grundlos gefürchtet.
   Wahr ist, was Plato uns lehrt, lehrt es doch auch Epikur.


WO MAN ESELN DIE LAST ABNIMMT

Wanderer, seid ihr erschöpft, so entledigt euch drückender Lasten!
   Hier ist der Ort, wo man auch Esel befreit von der Last.


KLAGE DES JANUS PANNONIUS
ÜBER DIE ZERSTÖRUNG KONSTANTINOPELS
(A. Analecta 121)

Untergegangen Byzanz, das ein Abbild des einstigen Rom war!
   Wehe, das Schicksal, wie leicht ándert es seine Gestalt!
Blühend wuchs es heran unter Konstantins rühmlichem Namen.
   Nun unter Konstantin* liegt es entvölkert und wüst.
Also wurde der Name der Stadt zum doppelten Omen:
   Heute bedeutet er Tod - Segen verhieß er voreinst!

* Konstantin XI., Kaiser von Byzanz bis 1453


EPITAPH FÜR JOHANNES HUNYADI,
DEN VATER DES KÖNIGS MATTHIAS

Wenn den Schutzwall Pannoniens, Schrecken der türkischen Heere,
   ihn, Johannes, nun auch dieses Stück Erde bedeckt, -
stieg er doch, da er vor Belgrad den Erzfeind der Menschheit besiegte,
   da er den Tod überwand, lebend zum Sternenzelt auf.
Fürsten erstiegen die capitolinische Höhe so viele
   lorbeerumkränzt im Triumph - aber den Himmel nur er.


AN RUFUS

Rufus, du meinst, meine Dichtung mißfalle den Sittsamen, weil sie
   spielerisch ist und verliebt? Dann hat die Mehrheit sie gern!


AN MARCELLO

Dir versag ich den Titel des Dichters, Marcello, nicht darum,
   weil deine Muse so oft niedrige Worte gebraucht.
Schreibt einer gute Gedichte - was kümmert uns dann noch die Sprache?
   Vögel sind sprachlos, und doch loben wir ihren Gesang!


ÜBER SIGISMUND MALATESTA,
DEN TYRANNEN VON RIMINI

Was man in späterer Zeit über Malatestas Triumphe
   liest und von Sigismunds glänzenden Taten erfährt,
ist nichts weiter als leeres Geschwätz leichtfertiger Dichter,
   die nichts andres bewegt, als die Begierde nach Ruhm.


ÜBER DENSELBEN

Alle Welt schwätzt, in Rimini säß ein besonnener Herrscher,
   und Malatesta sei groß, groß wie der größte Cäsar.
Daß doch die Dichter so gern Elefanten aus Ameisen machen,
   so als ob Jupiters Blitz auch einer Mücke gehorcht!


ROM AN SEINE BESUCHER

Wer du, Besucher, auch bist, der du kommst aus entlegenen Ländern,
   Neuling bist du zunächst, früher mein Bürger vielleicht!
Ob dich ein leichtes Geschäft, ein verzwickter Prozeß zu mir herführt,
   oder die heilige Lust, ständig auf Reisen zu sein,
ich, die würdige Stadt des Quirinus, Besucher, ich wünsch dir,
   daß du erreichst, was du willst, um dich der Muße zu weihn.
Nimm es als fromme Pflicht, daß du meine Ruinen besichtigst.
   Unversehrt sollst du sodann wieder dein Vaterland sehn!
Bist du jedoch in Eile, betrachte mich, Tränen im Auge,
   wenigstens einmal, begreif, was ich einst war und jetzt bin!


AUF EINEN VOGEL, DER OHNE KOPF WEITERFLOG

Ist das glaubhaft? Ein Pfeil mit Eisenspitze
riß dem fliegenden Vogel glatt den Kopf ab,
doch der Vogel, obwohl er ohne Kopf ist,
fliegt noch weiter! Wieso kann einer sterben,
wenn er läuft, und wie kann ein Toter laufen?
Oder starb nur ein Teil, und einer lebt noch?
Hat das Herz, wenn der Kopf auch abgetrennt ist,
dennoch nicht seine Lebenskraft verloren?
Oder ob es der Zufall vorgetäuscht hat,
als der Schwung der lebendigen Bewegung
die erkaltenden Glieder noch nicht losließ?
Zaudert es, überrascht vom Ruf des Todes,
auszusetzen, und füllt die Zeit des Rufes
noch ein flüchtiger Augenblick der Sinne?
Oder darf man vermuten, daß ein Zeitraum
zwischen Leben und Tod sich noch befindet?
Kann, was keinem von beiden ganz gehörig
scheint, die beiden denn durcheinanderbringen?
Wie man Nächte und Tage, wenn sie enden,
nicht als Licht noch als Finsternis bezeichnet,
sondern ihnen verschiedne Namen beimißt?
Wahrlich, welcher der Gründe wirklich zutrifft,
das erforsche, wer über all die Kräfte
der Natur und den Grund der Dinge grübelt!
Mir genügt es, den Vorfall zu bezeugen.
Sag doch, Griechenland, du es, mythenreiches,
wenn du Wettkämpfe dieser Art je austrugst,
sei's in Pytho, Neméa, Isthmos, Elis!
Oder Rom, du berühmte Stadt der Spiele,
sah man einen Geköpften jemals leben,
einen Toten, der geht, in der Arena?


ÜBER LAURENTIUS VALLA

Uralt werden die Krähen und uralt desgleichen die Hirsche;
  Valla verschied vor der Zeit. - Glaube an Götter, wer mag!


ÜBER EINE WANDLUNG SEINER SELBST

Jeder begrüßt es, einmal sein früheres Wesen zu ändern.
   Glücklich aber ist nur, wem es zum Bessern gelingt.


VERSPOTTUNG DER PILGERFAHRT GALEOTTOS

Warum, frage ich, hast denn du, ein Dichter
dich geschlichen vom Gipfel des Parnassus,
mit dem Stab, Galeotto, und dem Quersack
ausgerüstet, um auch nach Rom zu pilgern?
Das ist Sache des frommen fremden Pöbels
und des Volkes, das vor Gespenstern Angst hat,
das ist Sache des großen Heers der Heuchler!
Bleib wie ich bei der Weisheit, die der Lehrer
des gewitzten Euathlos einst für gut hielt
und der Leugner der Götter, Theodoros,
oder auch der Begründer jenes Kreises,
der den Schmerz als das größte Übel ansah.
Wenn dir selige Demut mehr bedeutet,
wenn du gern über Berge wandern möchtest,
glaub nur all das Geschwätz und hohle Gerede,
das die Pfaffen Albertus und Rubertus
von der dröhnenden Kanzel täglich schwafeln,
froh bewegt durch die Tränen alter Weiblein.
Sag den Musen ade, die heilgen Saiten
reiß entzwei! Die Gesänge des Apollo
gib dem hinkenden Waffenschmied der Götter!
Wer den Pfaffen sich beugt, der ist kein Dichter.



Panegyrikus auf Guarino da Verona

(GEKÜRZT)

- - -

Während nun Mars mit Trompetenschall andere Zeiten verkündet,
dankt dir Ferrara allein noch das Weiterbestehen der Künste,
bleibt es so reich an redlichem Adel und reich an Gelehrten,
gleichermaßen bewohnt von allen erdenklichen Musen.
Und von den Zweigen der Wissenschaft finden wir nicht nur, die du lehrst,
andere gibt es hier auch, aber du bist der Fürst über alle.
Ärzte zum Beispiel, Experten für beiderlei Recht gibt es viele,
Kenner der drei philosophischen Schulen umgeben dich wegen
deiner Person. Und versuchtest du auch, die zerklüfteten Syrten
einst zu bewohnen, und säßest du fest in den Bergen der Skythen,
zögest du auch durch die Weiten Sarmatiens, Zelte errichtend,
oder bewohntest du Hütten mit nomadisierenden Völkern,
dir würde alles zur Schule, es gingen die Studien weiter.
Eher noch sollte man dich als den Gründer der Städte bezeichnen
als jenen Mann, der als erster, zugleich mit der Kuh den gehörnten
Jungstier führend, die Furche gepflügt, der die Stadtmauer folgte,
und der den pflug nach Bezeichnung des Tores noch weiter geführt hat.
Wär es denn größer, zerbrechliche Mauern und Zinnen zu bauen,
Gräben mit Dämmen zu bändigen, Burgen mit Türmen zu schützen,
als das Volk aus den Tiefen der Wälder und Täler zu rufen,
um es die edelsten Künste und sinnvolles Leben zu lehren?
Warum spendet man nicht auch den Gründern von Staaten vor allen
Ruhm, die bewirkten, daß Einheit entstand aus zersplitterten Haufen,
daß sich die Volksstämme lösten von stumpfer und rauher Gewohnheit?


- - -


Denn hier leben nun Männer von allen Gestaden der Erde,
dich zu hören, und nicht dein Italien einzig bewundert
dich so sehr, sondern auch die, die Musen gewöhnlich verachten,
horchen schon auf, wo man laut deinen Ruhm in der Ferne verkündet:
Menschen strömten zu dir aus Dalmatien, das Meer überquerend,
eilten von Kreta und Rhodos heran, vom entlegenen Zypern,
Rhoder, die Sol, und Kreter, die Jupiter, Zyprer, die Venus
ehren, Franzosen verschmähn die Magister am Ufer der Seine
deinetwegen, das geistreiche Wien verließen die Deutschen,
Spanien, benachbart den Säulen des Herkules, kam zu dir gleichfalls,
auch erschienen die dicht an der Arktis lebenden Polen
und, von der anderen Küste gereist in Eile, die Briten.
Mich verschlug unter diese das Schicksal, der Ratschluß der Götter,
dir übersandt hat mich in der Blüte der Jugend Pannonien,
wo die Drava, die bald mit der Donau Namen und Wasser
mischt, mit gemächlicher Strömung die fettesten Felder durchwandert.


- - -


Einstmals kommt eine Zeit, da ichs wag, den gereiften Gefährten
blutige Schlachten, die siegreichen Kriege Johannis des Großen
laut zu besingen, wie viele vernichtende Schlachten er heute
wieder den grausamen Völkern der Türken geliefert, mit deren
Leichen er Täler zum Rande hin füllte - dem blutigen Hebrus
sind sie bekannt, den Feldern Päoniens, bleich von Gebeinen,
und den eisigen Pässen am Kamm des Gebirgs Rhodopeius.
Heute besinge ich dich, so gut ich es kann, mit der Flöte.
Wenn dir vielleicht einmal ein Festtag, vielleicht die gewohnte
Ferienruhe des Jahres die Muße zum Lesen vergönnte,
während die übrigen Leute verlassene Felder durchstreifen
unter der sengenden Sonne, mit klebrigem Most auf den Wangen,
dann übersetzt du etwas, schaffst etwas Neues, das allen
nützt und wodurch noch fernere Zeiten an dich sich erinnern.
Während der Greis im Frühlingslicht sitzt, in den Sonnenschein plappert
oder inmitten des finsteren Winters, im Monat der Böcke,
während die anderen dösen, verschließt du dich tief in der Zelle,
stutzt dir die Nägel, skandierst den Vers, und mit schwärzlicher Tinte
füllt deine Handschrift allmählich die Blätter des weißen Papieres.
Deshalb war dir vergönnt, obgleich du von Sorgen bedrückt bist,
mehr zu bezeugen, du seist ein Kämpfer des Geistes, als andre,
die sich leer in entlegenen dunklen Gefilden verlieren.
Eins deiner Werke erklärt, wie man Nomen und Verbum verbindet,
jenes erläutert sodann die besondere Wirkung der Worte.
Dazu fügst du ein Buch von der Lebensweisheit des Plato,
wie man den täuschenden Schmeichler vom standhaften Freund unterscheidet.
Auch deine Briefe sind niemals gefälliges, leeres Geplauder,
sondern ein Beitrag zu Wissen und sittlichem Leben und Denken.


- - -



Lob des Malers Andrea Mantegna aus Padua

Wie schon Apelles den Freund, dem berühmten König aus Pella
   treu an die Seite gestellt, malt mit begnadeter Hand,
so steht nun Galeotto mit Janus, im Knoten der Freundschaft
   unzertrennlich vereint, auf einem einzigen Bild.
Welch einen Dank, Mantegna, kann meine Muse dir singen
   oder welch einen Preis für ein so großes Geschenk?
Du hast bewirkt, daß unsre Gesichter Jahrhunderte leben,
   wenn unsre Körper längst beide die Erde bedeckt.
Trennt uns der Erdkreis auch weit voneinander, du machst es uns mög'ich,
   daß des andern Herz schlägt in der eigenen Brust.
Was unterscheidet denn diese Gesichter von wirklichen, frag ich?
   Nichts, als daß es dem Bild an einer Stimme gebricht!
Weder die Spiegel geben die Züge so ähnlich uns wieder,
   noch ein lauterer Quell, schimmernd wie spiegelndes Glas:
so überzeugend gleichen im Abstand einander die Glieder,
   farblich hat jedes Detail so seinen eigenen Glanz.
Hat dich denn Merkur etwa aus göttlichem Stamme geschaffen?
   Hat dich Minerva gesäugt, ob sie gleich jungfräulich blieb?
Ist auch das Altertum reich an Geist und berühmt durch die Künste,
   geistig und künstlerisch nun hast du die Alten besiegt.
Schaum, der vom Munde flockt, vermöchtest du wiederzugeben,
   hättst du die Venus von Kos trefflich zu Ende gemalt.
Und die Natur ist nicht in der Lage, etwas zu schaffen,
   das deine Finger ihr nicht nachzuvollziehen verstehn.
Schließlich gebührt in der Malkunst dir die höchste der Ehren,
   wie sie dein Titus erhält auf dem Historienbild.
Da du nun jegliches Land mit der Kunst deiner Werke bereicherst,
   wird in der ganzen Welt bald auch dein Name gerühmt.
Folglich wirst du dereinst auch die himmlische Feste ersteigen,
   die ihr Sternentor über die Milchstraße wölbt.
Möglicherweise bemalst du des endlosen Himmels Paläste,
   und mit veränderter Glut leuchten die Sterne herab.
Wenn du den Himmel schmückst, so erhältst du auch himmlische Löhnung:
    Schutzgott der Maler wirst du gleich unter Jupiters Thron.
Auch ihre Brüder, die Dichter, verehren dich darum nicht minder,
   und nach den Musen sogleich bringen sie Opfer dir dar:
Allen voran wir beide, denn daß uns so, wie wir aussehn,
    immer die Nachwelt kennt, hat deine Rechte bewirkt.
Möge indes dies Gedicht meinen dankbaren Sinn dir bezeugen.
    Weihrauch wär billiger wohl, der aus Arabien kommt.



Preislied auf die Göttin Feronia, die Fürstin
unter den Najaden Italiens, verfaßt von
Janus Pannonius bei seiner Rückkehr aus Rom
am 9. Juni anno 1458

Sei mir gegrüßt, Feronia, Mutter der heiligen Quelle,
   deren heilsame Flut Narni, das glückliche, trinkt!
Fast schon streifte die Sonne die Arme im Sternbild des Krebses.
   Unter des Hundssterns Glut quält eine Dürre das Land.
Lösch uns den Durst! Langia nahm von den wilden Pelasgern
   ihn, der unsere Brust austrocknet: Lösch uns den Durst!
Also soll ewig die große Erzeugerin Nahrung dir spenden,
    daß auch niemals das Naß dir in den Adern versiegt!
Einmal und noch einmal haben bereits die trockenen Kehlen
   aus einem eisernen Rohr rinnendes Wasser gesaugt.
O wie die Kraft in die Glieder zurückströmt, mit welch einem Feuer
 macht der göttliche Trunk mich bis ins Innerste frei!
Und mein Magen rumort nicht, obgleich ich fortgesetzt schlucke,
   noch bringt der reichliche Schwall etwa mich plötzlich in Schweiß.
Also lohnt sich die Mühe, daß wir die wankenden Schritte
   über den steilen Pfad lenkten ins hohe Gebirg.
Schon kommt uns Lust, die mit Türmen geschmückte Burg zu bewundern,
    die sich am heiligen Quell ganz in der Nähe erhebt,
und dem Gebraus zu lauschen, das in der Tiefe des Tales
   aus des schwefligen Bachs schäumender Welle ertönt,
all die Gipfel im Umkreis der Reihe nach zu betrachten,
   die eine saubere Luft heilsam und milde umweht.
Vorher vermochte kein Schauspiel unsere Neugier zu wecken,
   als uns die dörrende Glut schlug ins verbrannte Gesicht.
Her aber schnell mit dem fettesten Bock, den du hast in der Herde,
   färbe der gläserne Teich bald sich vom strömenden Blut!
Mögen die Blumen mit Bacchus' flüssiger Gabe erscheinen!
   Für ein lobpreisendes Lied ist dann die Stimme bereit:
Sei mir gegrüßt, du berühmteste von den lateinischen Nymphen,
   nimm von dem dankbaren Gast huldreich ein Opfergeschenk!
Du verschaffst uns elenden Sterblichen Ruhe und Frieden,
   machst unsre Leiber gesund, wenn sie das Fieber zerfrißt.
Nicht nur die Menschen verdanken dir viel, sondern viel auch der Aether,
   da du manch goldnes Gestirn mit deinen Tropfen erquickst.
Ganymed möge den Wein nicht mit anderem Wasser vermischen,
   und nicht aus anderem Quell wasche die Wunden sich Mars!
Jährlich werde ich immer gebührend Gelübde dir sprechen,
   bis der lebendige Geist meine Gebeine verläßt.
Größere Ehren wird auch der kastalische Quell nicht genießen,
   und mit den Musen allein mißt sich dein Einfluß auf mich.
Dennoch, ihr Göttinnen, sagt mir bitte, woher ihr die Heilkraft
   nehmt, die das kraftlose Herz wieder mit Leben erfüllt!
Als den Herilus Euander dreimal der Waffen beraubte,
   fand dies die Mutter zu hart, flehte die Götter sie an.
Jupiter nahm sich der Weinenden an aus der Höhe des Himmels,
   und in den winzigen See ließ er den Leichnam hinab,
wollte nicht, daß es so sei wie jedes gewöhnliche Wasser,
   sondern an Ehre und Ruhm macht ers den Himmlischen gleich.
Daher rührt die besondere Leichtigkeit, Kraft und Gesundheit,
   daher sein glänzender Ruf, welcher Italien erfüllt.



IN UNGARN GESCHRIEBENE GEDICHTE


Epigramme


LOB PANNONIENS

Das, was jedermann las, gab einst italische Erde,
   Nun bringt Pannonien auch eigene Lieder hervor.
Ruhm wird ihnen zuteil. Doch größerer Ruhm sei gespendet,
   Edles Vaterland, dir, das diese Lieder gebar.


RECHTFERTIGUNG SEINES FERNBLEIBENS
VON DER SCHLACHT

Kriegeführende Fürsten, bezichtigt mich bitte nicht spöttisch,
   folgt ich dem König ins Feld, daß ich ein Hasenfuß sei,
nur weil ich niemals bewaffnet den Feinden entgegenmarschiere,
   nie vor belagerter Burg stürmend die Leitern ersteig!
Wenn ich tatenlos zusehe, wie sich die anderen schlagen,
   glaubt mir, dann ist es nicht Angst, was mich zur Vorsicht gemahnt.
Sicher erstrebt doch ihr Helden für euch langewährende Ehre:
   Das macht die Wunden euch leicht, das macht willkommen den Tod.
Doch wenn irgendein Unglück den kämpfenden Dichter hinwegrafft,
   wer singt dann eurem Tod, eurem Begräbnis ein Lied?


AN KÖNIG MATTHIAS

Mich zu befragen, das spricht für deine Menschlichkeit,
   der du der beste Herrscher bist.
Was du dem Dichter geben kannst von dem, was dein ist?
   Alles, nur was geheim ist, nicht!


GEBET AN DIE GÖTTER FÜR KÖNIG MATTHIAS

Matthias hebt die Fahnen gegen Türken,
der ganze Himmel stehe ihm nun bei.
Die Keule gib ihm, Herkules, du Mars,
dein Schwert, Athene, deinen Schlangenschild.
Vulcanus, schmiede einen festen Panzer
wie für Aeneas einstmals und Achill.
Du, Jupiter, beschütze mit dem Schild
vor jeder Wunde ihn in Kampf und Streit.
Wenn ihr jedoch in Muße leben wollt,
so sendet von der Burg allein den Vater,
er wäre seinem Sohn der beste Schutz,
vom Himmel schleuderte er dann den Blitz.


ANTWORT AN VITUS

Vitus, du fragst mich, warum ich trotz Mangels an Lesern und Hörern
   schreibe. Den Musen und mir, Vitus, gehört mein Gedicht.


AN KAISER FRIEDRICH*

Zaudernd hat Fabius einst erreicht, daß Rom überlebte.
   Durch dein Zaudern jedoch geht es nun, Friedrich, zugrund!
Immer nur läßt du dich nämlich beraten, aber du tust nichts.
   Besser, du handeltest gleich, sei es auch ganz ohne Rat!
Kümmert Saturn dich, der müßige Stern des eisigen Winters?
   Mars vertraue dich an, wie es den Kaisern geziemt!


* Kaiser Friedrich III., Habsburger


ÜBER PAPST PAUL

Rom, untersuche nicht eigens, welchen Geschlechtes Papst Paul ist!
   Wem seine Tochter so gleicht, der ist gewißlich ein Mann.


ÜBER DENSELBEN

Paul, deines Namens der Zweite, ich kann dich "heilig" nicht nennen,
   "Vater" allenfalls noch, wenn ich dein Töchterlein seh.


WARUM JETZT NICHT MEHR WIE VOREINST
DIE GESCHLECHTSTEILE DER PÄPSTE
ÜBERPRÜFT WERDEN

Petrus, voreinst hat ein Weib sich dreist geschlichen auf deinen
   heiligen Stuhl und der Welt bindende Satzung erteilt.
Unerkannt wär sie vielleicht durch all die Jahre geblieben,
   hätte nicht eine Geburt schließlich sie doch überführt.
Seitdem hütet sich Rom vor ähnlicher Tücke, indem es
   immer den Papst untersucht, ob er nicht Brüste versteckt.
Niemand konnte die Schlüssel zur Pforte des Himmels erhalten,
   war nicht zuvor sein Geschlecht unwiderleglich geprüft.
Aber warum ist zu unserer Zeit diese Sitte verschwunden?
   Weil sich jeder vorher klar schon als Männchen bewährt.


AN GALEOTTO

Fragst du mich, Galeotto, wie sehr ich dich liebe, so sag ich:
   Bin ich auch jünger - der Tod treffe mich eher als dich!


ÜBER DAS LOS DER HÖFLINGE

Wer bei Hofe der Größte war - bald schon ist er der Kleinste,
   und wer noch gestern ein Zwerg war, der ist heut ein Gigant.
Freut es, Fortuna, dich, so mit unserem Schicksal zu spielen?
   Treibt denn des Königs Herz so mit sich selber sein Spiel?


ÜBER EINEN PANNONISCHEN MANDELBAUM

Herakles sah nicht im Garten der Hesperiden dergleichen,
   noch hat Alkinoos dies Ithakas König gezeigt -
was bei milderem Klima absonderlich wäre, die rauhe
   Erde Pannoniens bringt dennoch das Wunder hervor:
Waghalsig steht da im Winter ein Mandelbäumchen in Blüte,
   aber die Knospen des Lenz knickt schon der grimmige Frost.

Glaubtest du, Phyllis, die Schwalbe des Frühlings so nah, oder war dir,
   weil Demophon so lang zaudert, das Leben verhaßt?


BITTE UM FRIEDEN

O allmächtiger Vater, der du mit ewigem Walten
herrschst über Himmel und Sterne allein, deine hilfreichen Augen
richte auf diese gegeißelten Länder, die Mars ohne Gnade,
siehe, verwüstet, zugrunderichtet in endlosen Kriegen!
Gib uns denn endlich, allgütiger Vater, den Frieden, der all das
Unheil und all das schaurige Sterben weit von uns fernhält!

ÜBER DIE LÖWEN, WELCHE DIE FLORENTINER
DEM KÖNIG MATTHIAS ÜBERSANDT HABEN

Nicht von ungefähr, unbesieglicher König Matthias,
   schickt das etruskische Volk dir die massylische Zucht.
Durch Übereinkunft schuf es mit mehreren Mächten den Ausgleich,
   und durch ein solches Geschenk sucht es ihn nun auch mit dir.
Herrscher der Menschen bist du, und der Löwe ist Herrscher der Tiere,
   ihm gibt die Mähne den Glanz, du bist so schön durch dein Haar.
Ihn machen Krallen gefährlich, durch Lanze und Schwert bist du tapfer.
   Großmütig, wie du dich zeigst, schont die Besiegten auch er.
Was nun bedeutet das Tier als Zierde des böhmischen Wappens?
   Nimm es als glücklichen Wink für dein vergrößertes Reich!


AN GALEOTTO VON NARNI

Diese Gedichte schickt dir die riesige Donau mit ihrer
   hyperboreischen Flut aus dem pannonischen Land.
Allzusehr dich zu wundern, steht dir nicht an, Galeotto,
   wenn dirs kaum möglich erscheint, daß sie die meinigen sind.
Denn eine Gegend kann sehr die Begabung verstärken und hemmen;
   welches Gestirn dem Gedicht leuchtet, ist auch von Belang.
Möglicherweise schrieb ich in Latium besser Lateinisch.
   Hier in barbarischem Land klingt auch barbarisch mein Vers.
Brächte man Maro hierher - verstimmt wär die Lyra des Maro,
   Cicero wäre verstummt, wäre er hierher gereist.
Um die Kritiker dennoch glauben zu machen, sie kämen
vom Helikon herab, feile sie bitte noch aus!


BITTE AN MARS UM FRIEDEN

Gradivus, lichter Herr der fünften Himmelssphäre,
in blutig rotem Schein die Feuermähne schüttelnd,
der großen Juno Sohn und Enkel des Saturnus,
des Himmels Schutz und der Titanen schlimmster Schrecken,
Trophäensammler, Richter über Krieg und Frieden,
der Menschen Ehren gibt, vollstreckt den Götterwillen,
Gradivus, immer in des Schwertes blanker Deckung,
der du die Flur verheerst, die Städte niederreißt,
die Welt verödest, füllst den grausen Tartarus,
Blutsäufer du, der Leib auf Leib hinunterschlingt,
du Pestilenz der Männer du, der Weiber Fluch,
der Habenichtse reich macht, Reiche aber plündert,
die Ruhe haßt, den unheilvollen Hunger zeugt,
der Furcht Urheber du und Geißel aller Ängste,
verschon Pannonien, nun es müd ist, bitte, Vater!


JANUS PANNONIUS IN DER STUNDE SEINES TODES

Finsterer Tag der auslöschte mit dem Körper den Namen.
   Dazu, Erbärmliche, ach, häufen wir Reichtümer an!


Janus im Fieber an Blasius im Felde

Während das funkelnde Lager mit bunten Fahnen dich festhält
   und du mit tapferem Ohr schrille Trompeten vernimmst,
liege ich, Blasius, niedergestreckt von der Hitze des Fiebers,
   fürchte untätig den Weg in einen traurigen Tod.
Nichts hab ich also davon, daß der Krieg in der Ferne geführt wird,
   wenn des Friedens Genuß nun mir das Schicksal verwehrt.
Hätte ich gegen die Türken mit dir zu den Waffen gegriffen,
   nicht von so maßloser Angst wäre mein Leben bedroht.
Hier erschauern vor Unverhofftem mir ängstlich die Glieder;
   dort siehst du immer vorher, welches Verhängnis dich trifft.
Ich muß kämpfen, obwohl ich nicht will, aber dir ist es möglich,
   wenn dir die Zeit nicht paßt, glatt zu verweigern den Kampf.
Keinerlei List kann mir helfen, den feindlichen Streich zu verhüten;
   schwirrt aber dort ein Pfeil, geht man ihm flink aus dem Weg.
Ist man krank, so bleibt man immer der Schwäche erlegen;
   häufiger kommt der Soldat, schlägt er den Gegner, davon.
Ohne beschwerlichen Kampf vergeht mir keiner der Tage
   überdies; du aber ruhst oft nach der Mühe dich aus.
Ihr vergnügt euch beim Schein der Sterne bis tief in die Nächte,
   sicher im Schutz des Tals, wo euch der Feind nicht bedroht.
Würfel klappern auf Schilden, man trinkt aus dem Helm, Marketender
   spielen und singen im Suff rund um das Feuer ein Lied.
Fröhlich fallt ihr in Schlaf, und wenn die Sterne verblassen,
   pflegt ihr den hungrigen Wanst stets mit dem leckersten Raub.
Viel wird erbeutet; mit Nichtstun wird ein Monat verschleudert.
    Reich geworden, verlangt keine der Truppen den Sold.
Gar nichts willst du erzählen zur Freude des Kranken, aus dessen
    Mund auch die leiseste Spur floh von des Weines Geschmack.
Mit vom Ekel verzogenen Lippen nippt er am Essen,
   und kein Frühstück geht ohne ein Murren vorbei.
Immer nur liegen! Die Fenster geschlossen! Getrennt von der Sonne!
   Nicht eimnal ist ihm erlaubt, heiteren Himmel zu sehn.
Seufzend wälzt er die Glieder im Bett, wenn als Glieder noch gelten
    Knochen, an denen die Haut schlottert und kaum etwas Fleisch.
Einmal verlangt er nach Decken, dann wirft er die Decken beiseite,
   und die Augen erquickt nicht mehr der liebliche Schlaf.
Wirklich, was immer du durchmachst, mein Los ist schlimmer. Ich bete,
   daß mich dir und dich mir wiedervereine ein Tag.
Kehrst du zurück, so grüß ich gesund dich mit Heurigem reichlich,
   und einen marmornen Stein setz ich der herrlichen Zeit.



Auf einen Kometen,
der an einem Sommermittag erschien

Welch ein Gestirn vermag beim hellsten Licht so zu leuchten,
   daß es die Mitte des Tags ganz ohne Scheu überstrahlt?
Über den gelblichen Rücken des cleonaeischen Löwen
   treibt in der Höhe Sol hitzig sein Feuergespann.
Und er verbietet den flüchtigen Schatten, sich vorwärtszuwagen,
   schießt seine Pfeile hinab, senkrecht den Mohren aufs Haupt.
Alles wird nun versengt, und den Anblick des lauteren Himmels
   halten die Augen nicht aus selbst unter schützender Hand.
Sterne, die sonst der Nacht tiefblaue Gewänder verzieren,
   haben die Strahlen verdeckt durch ihren blendenden Glanz.
Einer jedoch übertrifft an Kühnheit die andern Gestirne,
   und über Phoebus' Glanz setzt er sich leuchtend hinweg!
Auffallend sticht er hervor, ein Komet, mit rötlichem Schimmer,
   und sein schreckliches Haar kündet uns blutigen Krieg.
Du aber, (läßt du vielleicht dich mit Vorliebe Jupiter nennen?
   Oder wäre dein Licht Venus vom Ida geweiht?
Oder hat Gott dich dem Himmel als neuestes Feuer verliehen,
   daß, wird die Sonne zu matt, du wieder Leuchtkraft ihr gibst?
Glücklicher, dem gegen Phoebus sich zu behaupten erlaubt ist,
   der du nicht nur der Nacht einzig zur Zierde gereichst!)
bring uns kein Unheil und bring keine Trauer! Dein Leuchten verjage
   freundlich, was uns das Geschick Schlimmes noch zufügen kann!
Starrenden Frost des Saturn und des Mars feindselige Brände
   bringe durch Friedfertigkeit in ein ersprießliches Maß!
Gib, daß Arktur und Haedus nicht die Fluren verwüsten!
   Arktur wütet mit Sturm, Haedus treibt Regen heran.
Möge der Skorpion nicht die goldgelben Trauben verhageln,
   und daß der Hundsstern nicht uns das Getreide verbrennt!
Möge Orion, der wolkige, nicht die Schiffer verwirren!
   Ungestüm kommt er daher, drohend mit Keule und Schwert.
Sondern vor tobenden Wogen beschütze Kastor die Schiffe
   redlich und führe sie hin auf einem sicheren Kurs.
Gebe verhundertfacht die Erde die Saaten uns wieder,
   Fische gebe der Fluß, schmackhafte Vögel die Luft!
Laß die erschütterte Welt den Weg zur Einigkeit finden!
   Janus halte ab jetzt immer das Zeughaus versperrt.
Weithin sollen die Völker sich wohl deines Segens erfreuen,
   aber die Ungarn zumeist, denen das Schrecklichste droht.
Hinter den Bosporus wirf die köchertragenden Türken,
   denen die Donau jetzt tückisch den Weg zu uns weist!
Lasse die Fürsten dem König gehorchen, und herrsche der König
   mit ihrem ehrlichen Rat über die Heimat und sich!
Dann mache alle Gestirne dein rötliches Feuer erbleichen,
   westliches Regengewölk lösch deine Flamme nicht aus!



Als er im Feldlager krank darniederlag

Ich, ein Dichter, ziehe ins Feld, und mich schrecken nicht Spieße
   noch der barbarische Feind auf galoppierendem Pferd,
sondern ich wälze mich unter der Glut eines schrecklichen Fiebers.
   Schmerzhafter noch als ein Schwert wühlt mir die Hitze im Leib.
Lebst du, Prometheus, so bleibe voll Bitterkeit lange dein Leben!
   Bist du gestorben, ein Fels laste auf deinem Gebein!
Du bist der Grund für die vielen Gebrechen des Menschengeschlechtes,
   du hast die Schuld, wenn uns tödliche Krankheit befällt.
Vormals schüttelten keinerlei Krankheiten unsere Körper;
   Blässe und Abmagerung gab es nicht, auch keinen Schmerz.
Damals bevölkerten Menschen in Scharen die Wildnis der Wälder,
   streiften auch unverletzt durch das gebirgige Land.
Speise gewährten die Bäume, die Flüsse gaben zu trinken,
   Höhlen dienten als Haus, weich war das Lager aus Gras.
Niemand brauchte der Wurzeln verborgene Heilkraft zu kennen;
   Pflanzen mit heilsamem Laub wurden noch nirgends gerupft.
Niemand bemühte sich, daraus verschiedene Säfte zu pressen.
   Keine erfahrene Hand öffnete noch ein Geschwür.
Schiffe wurden noch nicht mit duftenden Waren beladen,
   wie sie das Rote Meer an seinen Küsten erzeugt.
Einfach, aber gesund war das Leben. Die zehrende Schwindsucht
   setzte dem Lauf des Geschicks kein überraschendes Ziel.
Sondern erst spät, in beträchtlichem Alter, zur richtigen Stunde
   hat ein friedlicher Schlaf kraftlose Glieder erlöst.
Kaum aber hattest dem himmlischen Feuer der strahlenden Sonne
   du ein paar Funken geraubt und auf die Erde gebracht,
kam auch der Tod, und Jupiters Zorn verteilte die Gründe
   für den Tod in der Welt: So war die Tücke gerächt.
Also warst du mit Recht an den skythischen Felsen geschmiedet,
   der mit ewigem Schnee ragt in die Eisregion.
Und etwas weniger Rühmliches als den Schuß, der den grausam
   strafenden Vogel traf, tat der Alkide wohl kaum.
Aber zu Unrecht beklag ich die Vorzeit, die allen gemein ist.
   Für meine eigene Schuld habe ich diesmal gebüßt.
O ich dreifacher Tor, der ich Muße und Frieden zurückließ
   und dem Trompetensignal folgte, dem schrecklichen Krieg!
Hier regiert Mühsal, erbleichende Furcht und der häßliche Mangel,
   Wut und gewaltsamer Tod mit dem ergrimmten Gesicht.
Zweifellos schaden die Sonne, die Luft, der Staub und der Regen
   meiner empfindlichen Brust, welche Strapazen nicht kennt.
O wieviel schöner wars, unter schattigen Eichen zu liegen,
   wo eines sprudelnden Quells leises Geplätscher ertönt,
und seinen Geist mit diesem und jenem Buch zu ergötzen,
   Äpfel zu pflücken manchmal von einem knorrigen Baum!
Manch einer hat mich gewarnt: "Was reitet dich da für ein Wahnsinn?
   Neuling, wo zieht es dich hin? Prüf dich erst, ob du es schaffst!
So wie auf Skyros die Wolle Achill als Versteck sich geziemte
   oder sich lydisches Garn schickte in Herkules' Faust,
steht dir das Schwert an der Hüfte, der funkelnde Helm auf dem Kopfe,
   in deine rechte Hand paßt so der eschene Speer."
Doch ich verschloß meine Ohren verstockt der mahnenden Wahrheit,
   legte den Waden sogleich eiserne Beinschienen an,
wollte auch nur noch im feuergehärteten Harnisch stolzieren,
   wollte gepanzert nur gegen Gepanzerte ziehn.
Also ernte ich das, was ich säte, erhalte den rechten
   Sold für Soldatendienst, den ich mir selber gewünscht.
Während ich spreche, beschleicht allmählich Kälte die Glieder,
   und eine neue Kolik kündigt sich damit schon an.
Schon sind die Lippen sehr blau, und die Nase beginnt mir zu tropfen.
   Strecke ich mich im Bett, knarren die schlotternden Knie.
Tief in Füßen und Händen sitzt mir die eisige Kälte.
   Weitaus stärker als sonst schlägt in der Ader der Puls.
Diener, bedeckt meine zitternden Glieder mit wärmenden Hüllen!
   Aber nach kurzer Zeit nehmt sie mir rasch wieder fort!
Denn alsbald überkommt mich von innen die lodernde Hitze
   so, als hätten mich nun schweiflige Fackeln gestreift.
Und der sich zuckend verbreitende Brand kommt nicht rasch zum Verlöschen
   wie ein Feuer, das laut prasselt im trockenen Laub,
sondern er bleibt und frißt sich schier endlos durch Mark und Gebeine.
   Page, die Decke nimm weg! Fort mit dem lästigen Zeug!
Hat mich ein Gott überwältigt, der feuerspeiende Aetna?
    Nimmt der Phlegethon wohl durch meine Därme den Lauf?
Wehe, ich brenne! So löscht doch das unaufhörliche Feuer!
   Gib mir Wasser mit Eis, Freund, der du neben mir stehst!
All das Gold, das Tagus, Pactolus und Hermus verbergen -
   wertloser ist es mir jetzt als ein Schluck Wasser mit Eis!
So ist voreinst der Tirynthier schon im Oeta-Gebirge,
   wund von des Nessus Hemd, auf seinem Grabe verbrannt.
Grausame Götter! Womit verdiene ich solch eine Marter?
   Oder was könnte es sein, das euch an mir nicht gefällt?
Haßt ihr Verbrechen, so straft die blutigen Scharen der Räuber,
   und die vom Tempelraub leben, die Tausende, tilgt!
Mich aber schont bitte, leiste ich Phoebus doch heilige Dienste
   wenigstens, während mein Lied schwebend zum Licht sich erhebt.
Wohl der letzten Feile bedürfen noch viele Gedichte,
   andre hingegen sind erst bis zur Hälfte gediehn.
Wenn euch Begabung etwas bedeutet, ein blühendes Alter
   und eine schöne Gestalt, hab ich zu leben verdient.
Freilich, ich leugne es nicht, ich habe auch böse gehandelt,
   böse; es war aber nie eine entehrende Tat.
Was es auch ist - kommt die Reue, so sei es vergessen,
   denn wenn einer bereut, meidet er Böses hinfort.
Beten ist unnütz. Die düstere Atropos läßt sich nicht davon
   rühren, und ohne Erfolg rede ich nur in den Wind.
Schon erkenne ich nicht mehr, daß andere neben mir leben,
   und von Tag zu Tag schwindet die geistige Kraft.
Bläue des Himmels! O Hügel, ihr Felder, mit Gräsern bekleidet!
   O du gläserner Quell! Du auch, o grünender Wald!
Mit dem erquickenden Licht muß ich also euch alle verlassen?
   Bleibt denn am Ende von mir nichts als ein Name zurück?
Weder mein Bruder noch meine treffliche Schwester ist bei mir,
   drückt mir die Augen zu, wickelt den Leichnam ins Tuch.
Du bist wahrhaftig bei weitem die Glücklichste, teuerste Mutter,
   da du gestorben bist vor meinem eigenen Tod.
Denn was tätest du jetzt, wenn du meinen Zustand mitansähst
 oder ganz unverhofft von meinem Unglück erführst?
Bringt mir nun möglichst rasch die wächsernen Tafeln, damit ich
   aufsetze, was mein Geist als sein Vermächtnis verfügt.
Ihr aber setzt dem verstorbenen Freund zum Gedenken ein Grabmal,
   wo sich die Erde im Lenz taufeucht mit Rasen bedeckt,
in einem laubigen Hain, wo die Gräser auf lieblicher Wiese
   grünen und Nymphen im Chor singen zum wiegenden Tanz,
wo fortwährend der Westwind milde Lüfte heranträgt,
   zwitschernde Vögel ein Lied singen, das hold mich beklagt.
Und damit ich nicht unbekannt ruh in der schweigenden Urne,
   werde der folgende Spruch über mein Grabmal gesetzt:
"Hier liegt Janus. Er hat die bekränzten Musen als Erster
   vom Helikon geholt und an die Donau gebracht."
Diese Ehre gestatte der Neid denn doch meinem Grabe.
   Denn für die Mißgunst sind Gräber kein schicklicher Ort.



Wehklage über den Tod seiner Mutter Barbara, 1463

Was soll ich klagen? Was könnte mir lindern den plötzlichen Kummer?
   Tränen, nun fließt! Für das Grab, das meine Mutter bedeckt.
Darum wird mir der Tag, solange mein Leben noch währe,
   immer voll Bitternis sein, doch auch voll Feierlichkeit,
ob er mich antrifft in der sengenden libyschen Hitze,
   oder er rauh wiederkehrt im lykaonischen Land.
Denn sooft ein behende verstreichendes Jahr sich vollendet,
   bricht mit gewandelter Zeit wieder die Wunde mir auf.
Klagen nährt die Erinnerung, Ehrfurcht ermahnt zum Gedenken,
   und ich bringe ihr fromm traurige Gaben ans Grab.
Du bist mir immer der schwärzeste Tag, du zehnter Dezember,
    schwarz sei ein trauriges Mal dir im Kalender gesetzt!
Düsterer wirst du mir sein als die Dunkelheit finsterer Nächte
    immer, obwohl du mir auch hell wie ein Feuer erscheinst.
Magst du nun leuchten mit Fackeln, die keine Freude bedeuten,
    schrecklich wirst du mir sein, schwarz wie die Farbe des Grabs.
Dichtes Gewölk verschließt die aetherischen Bahnen den Strahlen,
   und in Nebel gehüllt, dämmert die Erde dahin.
Solch ein Wetter verträgt sich mit solch einem Leichenbegängnis,
   trägt man den Sarg aus dem Haus, braucht es nicht heiter zu sein.
Und der beharrliche Südsturm brauchte nicht Schauer zu schicken.
   Schon der klagende Wind teilt sich mit mir in den Schmerz.
Wahrlich, du hast mich allzu schäbig behandelt, Dezember!
   Warum fügst du so oft tückische Schläge mir zu?
Hast du mich nicht mit dem Tod Guarinos genügsam verwundet?
   Nein, du reißt mit Bedacht wieder die Wunden mir auf!
Letzter bist du der zweimal sechs Brüder des eilenden Jahres,
   unter den Menschen verhaßt, unter den Göttern verhaßt!
Endlos dehnst du auf Kosten des Tages die nächtlichen Stunden,
   und der Sonne Gespann führst du auf kürzerem Weg.
Du überziehst die traurige Welt mit lähmender Kälte,
    nimmst von den Feldern das Grün, reißt aus den Bäumen das Laub.
Kommst du, so zieht kein grasendes Vieh über grünende Weiden,
   und in wiegendem Laub zwitschert kein Vogel sein Lied.
Überall ebnest du noch den plündernden Türken die Wege,
   wenn den schützenden Fluß tragendes Eis überzieht.
Fälschlich erblickten die Alten in dir ein göttliches Wesen,
   heilig solltest du gar für die Verstorbenen sein.
Töricht beklage ich Nichtiges! Was kann die Zeit wohl verschulden,
   die durch die Drehung der Welt unter dem Himmel verstreicht!
Eher noch tragt ihr Gestirne die Schuld für meine Betrübnis,
   die ihr der Menschen Geschick durch euern Wandel regiert.
Ihr seid die Herren des Lebens, euch steht der Tod zu Gebote,
   und was auf Erden geschieht, findet in euch seinen Grund.
Götter, was bringt es euch ein, dem Himmel verderbliche Sterne
   anzuheften, wozu laufen die Kugeln umher?
Ganz von allein ereilt der Tod die gebrechlichen Menschen,
   aus dem vergänglichen Leib flüchtet das Leben von selbst.
Wär es der Zweck der Gestirne, den Menschen Leiden zu bringen -
    eine Farbe allein hätte dem Aether gebührt!
Doch ihr versucht mich vergeblich zu mäßigen, meine Gefährten.
   Hört für heut damit auf! Später gelingt es vielleicht.
Leicht ist es nicht, die Wut, wenn sie frisch ist, mit Worten zu mildern,
   und eine tröstende Hand wirkt wie ein weiterer Hieb.
Aber ich trag in der Brust eine größere Wunde, so glaub ich,
   als daß ein einziger Tag reichte, damit sie verheilt.
Wer aber meint, die Ehrfurcht des Sohnes gebiete mir dieses,
   oder mein zartes Gemüt weibisch und wehleidig nennt,
der versteht von der Kraft der Naturgesetze gewiß nichts,
   der weiß nicht, wie voreinst Männer die Eltern geehrt.
Marcius mühte sich, Rom zu erweichen, das ihm nicht dankte;
   doch durch der Mutter Flehn wurde sein Ingrimm erweicht.
Als Sertorius westwärts wanderte in die Verbannung,
   war der Flüchtling zumeist um seine Mutter besorgt.
Sikuler trugen die Brüder als heilige Last auf den Schultern,
   als aus des Aetna Schlund Feuer verspie der Gigant.
Argos rühmte die Tyndariden nicht minder als Sparta,
   die für die Eltern ins Joch legten den kräftigen Hals.
Nicht nur die Eltern ehrte man so in den früheren Zeiten,
   sondern ein ähnlicher Dienst wurde der Amme gezollt.
Hat doch Aeneas Cajeta inmitten der Feinde gerettet,
   und ihren Namen bewahrt nun der latinische Strand.
Acca erhielt einen Platz im römischen Festtagskalender;
   als sie die Wölfin sah, hat sie ihr Obdach gewährt.
Jupiter schenkte sogar seiner Amme den Stern namens "Ziege",
    welcher am heiteren Pol heute noch herrlich erstrahlt.
Und die Hyaden bezeugen nicht minder die Dankbarkeit Bacchus',
   wenn sie im Frühling der Stier festhält im leuchtenden Maul.
Keiner kann leugnen, daß Grund bestehe, zu seufzen, wenn jemand
   stirbt, dessen Lebenszeit viele Jahrzehnte gewährt.
Unverfälschtes Gefühl zählt niemals die Jahre zusammen.
   Wenn du jemanden liebst, glaubst du, er werde nie alt.
Dir soll ich nicht, die du mir mit sechzig Jahren geraubt wirst,
   Mutter, das Ehrengeleit geben mit Tränen und Schmerz?
Du empfingst mich, du hast mich als Frucht deines Leibes getragen,
   während zehnmal sein Maß füllte der wechselnde Mond.
Schwierig war meine Geburt, und vielleicht wär der Schoß dir gerissen,
   hätte nicht Juno dir rechtzeitig Hilfe gebracht.
Aber dann trugst du den Säugling auf weichen und zärtlichen Armen,
   hast deine nährende Brust auf meine Lippen gepreßt,
hast mich umarmt und, als wär ich der einz'ge, mir Essen gegeben
   und mich voll Zärtlichkeit an deinen Busen geschmiegt.
Nach mir hattest du Zwillinge, aber - man soll mirs nicht neiden -
   dennoch zogst du mich immer den beiden noch vor.
Haben die Kinder ein Omen, erahnen die Mütter ihr Schicksal?
   Oder verweilt, wenn ein Kind spät kommt, die Liebe noch mehr?
Als ich nämlich verstand, die Schritte schon sicher zu lenken,
   hörte die Stimme auch auf mit dem gebrochnen Gelall.
Gleich übergabst das gelehrige Kind du den höheren Künsten,
   Faulheit und Nesthockerei hast du ihm niemals erlaubt.
Was dir die Wolle und was dir der Webstuhl an kleinen Gewinnen
   brachte, du hast es gespart und mir die Bildung bezahlt.
Kaum aber waren die Anfangsgründe Minervas verstanden,
   gab ich so manchen Beweis, daß ich kein Taugenichts sei.
Als mich dein Bruder sodann in das ferne Ausonien schickte,
   da ergriff mich die Lust, mich auch den Musen zu weihn.
Und ich besuchte mehrmals auf seine Kosten Venedig,
    während die Sonne elfmal durch ihre Sternbilder zog.
Und bei der Länge der Zeit verspürtest du heftige Sehnsucht;
   groß war die Freude, doch oft quälten dich Zweifel und Angst.
Als mich die Erde Italiens dann meiner Heimat zurückgab,
   wurde ich, jung wie ich war, doch schon zum Priester geweiht.
Du aber, nun schon bejahrt verweiltest an keinem Ort lieber
   als im bescheidenen Haus, das wir zusammen bewohnt.
Da warst du immer bemüht, mir das Leben behaglich zu machen,
   und mit zitternder Hand webtest du weiter dein Tuch,
bis dir nun Clotho, die Parze, den Faden ganz plötzlich entzweischnitt.
    Wehe, der letzte Tag war nun gekommen für dich!
Kaum war das Unglück bekannt, da liefen die Nachbarn zusammen,
   und unser offenes Haus faßte die Trauernden nicht.
Unsre Verwandten wehklagten, die Mädchen, um die du dich sorgtest;
   tief war die Tochter betrübt, drückte die Augen dir zu.
Ich aber tröstete zärtlich liebkosend die alternde Seele,
   hab meine Trauer versteckt hinter ein freundlich Gesicht,
nur damit meine Sorge nicht deine Schmerzen vergrößert,
   und damit ich durch Angst dich nicht versetze in Angst.
Du aber hast auch in solcher Gefahr dich als Mutter verhalten,
    tapferer warst du als ich, fügtest dem Sterben dich sanft.
Deine sich trübenden Augen noch suchten nach meinem Gesichte,
   und bis zuletzt führtest du noch meinen Namen im Mund.
Plötzlich verließ dich dein Geist und stieg in den offenen Luftraum,
   und im noch warmen Bett lag der erkaltete Leib.
Warum, ach, Mutter, verläßt du mich jetzt, wo das Glück uns so hold war!
    Mutter, in glücklicher Zeit hast du zu leben verdient.
Jetzt, da ich Ansehen habe und einigen Wohlstand genieße,
   stünde dir endlich einmal jede Bequemlichkeit frei.
Waisen sind nun meine Schwestern und haben noch längst keinen Gatten.
   Deines belehrenden Rats hätten sie alle bedurft.
Wer wird in diesem empfindsamen Alter sie richtig erziehen?
   Zart ist die Jungfräulichkeit - wer ist, der über sie wacht?
Teuerste Mutter, nimm dieses Zeugnis meiner Betrübnis!
   Nicht von des Bildhauers Hand wird dir ein Grabmal gebaut,
kein Mausoleum, das massig hinauf in die Lufträume ragte,
   kein Pyramidenbau, der doch bald wieder zerfällt.
Sondern man weiht dir Choräle und Psalxnen und duftenden Weihrauch,
   düstere Worte im Takt, der uns die Tränen entlockt.
Scharen werden in prächtigem Aufzug der Bahre vorangehn,
   und vom Glockengeläut bebt um die Türme die Luft.
Mannigfach werden dir Kerzen an vielen Altären entzündet,
   alle im Gotteshaus singen dein Requiem mit.
Selber will ich für dich die heiligen Pflichten versehen,
   festlich im Priestergewand, bis man dich senkt in dein Grab.
Zweifellos wirst du am Ort der Seligen droben empfangen,
   wenn den Frommen ein Lohn wird in der anderen Welt.
Unschuldig lebtest du immer, und fern von jeglicher Schande
   hast du den Menschen gedient, standhaft im Glauben an Gott.
Sicherlich hieltst du die Treue dem Gatten, solange er lebte;
   als du verwitwet warst, hast du dich nicht mehr vermählt.
Ehelos bliebst du, während der zeitenwandelnde Titan
   viermal fünf Jahre verband, und noch drei Herbste dazu.
Deshalb hätten mit Recht wohl einstmals die alten Quiriten
   dir den kostbaren Kranz sittsamen Wandels gereicht.
Auch im Sterben verhieltest du dich so fromm wie im Leben.
   Wer so rechtschaffen lebt, geht auch getrost in den Tod.
Alles hast du erf'üllt, was die heiligen Satzungen fordern,
   fliegst aus der irdischen Haft nun zu den Sternen hinauf.
Gott sei mit dir, meine heilige Mutter! Als Himmelsbewohner
   hilf mit Gebeten dem, der auf der Erde verbleibt!
Bald schon werden wir wieder vereint, wenn die Totentrompete
   für das Jüngste Gericht tönt durch das Weltengerüst.
Ruhe bis dahin dein Körper sanft in der zierlichen Urne,
   und kein Marmorblock laste auf deinem Gebein!



Wehklage über seine Krankheiten im Monat März anno 1466

Soll ich denn also die Zeit, die mir zum Leben gegeben,
   gänzlich glücklos bestehn, nur in Beschwernis und Not?
Wird denn die Flamme in Mark und Gebein mich immerdar sengen,
   bin ich denn ständig krank, werde ich niemals gesund?
Laßt mich verschweigen, was oft meine Mutter, die fromme, erzählte:
   Schon als zartes Geschöpf schwebte ich oft in Gefahr.
Kaum aber gab Italiens Erde der Heimat mich wieder,
   habe ich selber sofort laut meine Rückkehr verflucht.
Denn ich wurde gar arg von scheußlicbem Durchfall gepeinigt,
   und wie vom Donner gerührt war nach dem Jubel das Haus.
Da ich den Fahnen des Königs mit bösem Omen gefolgt bin,
   hätte Begräbnismusik nur noch zu allem gefehlt.
So durchloderte, wehe, mich Armen das wechselnde Fieber,
   so durch Mark und Gebein lohte die sengende Glut.
Seht, um so grimmiger droht eines Tages Fortuna dem Haupte,
   das sie in ihrer Gunst gleichwohl recht lange geschont.
Freilich, es sticht mir wie spitzige Speere zwischen den Rippen,
   und mit dem Speichel zugleich spucke ich schleimiges Blut.
Dazu kommt, daß ich kaum noch atme mit rasselnder Lunge,
   während der fiebrigen Glut keinerlei Linderung wird.
Ohne erquickenden Schlaf, bei Tag und Nacht ohne Ruhe
   liege ich wach, und mich schreckt mancherlei Fiebergesicht.
Nichts als traurigen Ekel bringt die launische Krankheit
   einem gebrechlichen Mann, den die Erschöpfung gelähmt.
Keine Stunde vergönnt von den schrecklichen Schmerzen Erholung.
   Schon mein eignes Gestöhn hält in den Nächten mich wach.
So hat in Libyen einst der Hüter der Treue, erzählt man,
   noch mit geblendetem Blick liegend im Sarge gewacht.
Wie wird erst mein Alter, sofern ich es irgend erreiche,
   wenn in der Jugend schon ständige Krankheit mich plagt?
Zweiunddreißig Jahre werde ich lediglich zählen,
   wenn ich den wechselnden Mond sechsmal noch gut übersteh.
Wenn euch, ihr Götter, die Dinge hier unten berühren, so nehmt mich
   lieber binweg und der Qual gebt mich nicht länger mehr preis!
Nicht für das Reich des Krösus erdulde ich solcherlei Plage,
   ja, nicht einmal ein Gott wünschte ich dafür zu sein.
Welchen Genuß verspürte ich denn bei so harten Torturen
   von ambrosischer Kost und von des Nektar Getränk!
Mag selbst Herkules' Gattin mir dienen oder der Knabe,
   den einst Jupiters Aar zu den Gestirnen entführt.
Leben ist Kraft; und wer im Joch einer Krankheit sich abmüht,
   lebt nicht, sondern der stirbt langsam und qualvoll dahin.



An den Schlaf

Ob du nun liegst im cimmerischen Tal oder ruhst auf bequemem
   Lager, während der Tag sinkt, mit der finsteren Nacht,
oder ob Lemnos dich, mit göttlichem Balsam erquickend,
   bei Pasithea festhält im wärmenden Schoß,
ob du als Gast einen Platz hast an Jupiters himmlischen Tafeln
   unter der heiligen Schar, die in der Sternenwelt wohnt
(denn wer könnte dich Sanften den schrecklichen Schatten vereinen,
   die, eine schaurige Brut, hausen im höllischen Schlund?) -,
komm über mich, o Schlaf, du König der Menschen und Götter!
   Komm über mich, bring Ruh! Mache die Glieder mir leicht!
Schon zum siebenten Mal überstrahlte der Morgen das Dunkel,
   und auf dem harten Bett wälzt sich der brustkranke Leib.
Vielfach quält mich das Fieber, doch mehr, daß der Schlaf mich im Stich läßt.
   Dadurch wird meine Kraft vor meiner Frist ruiniert.
Was mein Körper gewesen, ist heute nur Haut noch und Knochen,
   und mein Jugendgesicht ist schon zur Maske erstarrt.
Oftmals schließ ich die Augen und locke den zögernden Schlaf an,
   doch er gleitet mir nicht unters geschlossene Lid.
Schreckenserscheinungen schweben mir immer nur vor den Augen,
   riesige Nasen und auch Schattengestalten des Styx,
wie sie Alkmaion und wie sie Orestes sahen, und solche,
   die du nach Remus' Tod, Romulus, schuldig erblickt.
Grausame Götter! Ihr laßt auf den Küsten die freundlichen Robben
   schlafen, während mit Eis alles der Winter verhüllt.
Besser kümmert ihr euch um Tiere als um die Männer,
   und eine Frau ist doch eher geartet wie ihr.
Hat Endymion aber dreißig Jahre verschlafen,
   so, damit Luna an ihm länger die Freude genoß.
Komm über mich, o Schlaf, du König der Menschen und Götter!
   Komm über mich, bring Ruh! Mache die Glieder mir leicht!
Alles hab ich versucht, was menschliche Künste vermögen,
   aber es fand sich nichts, das meine Krankheit kuriert.
Weder die Rosen, die Veilchen noch der Huflattichsamen
   haben geholfen, noch Lolch oder berauschendes Kraut.
Aloë war umsonst, umsonst hab ich Dillöl gerochen,
   trotz der Einreibung sind starr meine Finger wie Eis.
Mohn hat, wenn ich ihn nehme, all seine Kräfte verloren,
   und kein Zaubergewächs kommt noch zur Wirkung bei mir.
Höchstens bliebe mir übrig das Gift der ägyptischen Natter,
   das, Kleopatra, dir brachte willkommenen Tod.
Weder die klangvolle Stimme der schönen Sirene erlöst mich,
   noch der Kirke Kunst mit dem äolischen Kraut.
Merkur wird mich umsonst mit der Zaubergerte berühren;
   ihre Berührung zog Argus, den Wächter, in Schlaf.
Komm über mich, o Schlaf, du König der Menschen und Götter!
   Komm über mich, bring Ruh! Mache die Glieder mir leicht!
Dich hat die Nacht an den Ufern des Letheflusses geboren,
   deren bläuliche Brust mancherlei Sternbild verziert.
Flügel setzte sie dir an die Füße, Gehörn an die Stirne,
   und ein schwarzes Gewand hängte sie selber dir um.
Gute Gefährten gab sie dir mit in jeglicher Hinsicht:
   Trägheit, die lähmt und betäubt, und auch die trunkene Ruh,
dann das Vergessen, das soll die quälenden Sorgen verjagen,
   und der Müßiggang kommt schleichenden Fußes daher.
Aber vor allem stellte die Stille sie dir an die Seite,
   die jedwedes Geräusch, das uns belästigt, vertreibt.
Was du auch tust, von dieser Dienerschaft bist du umgeben.
   Alles, was lebt auf der Welt steht dir durch sie zu Gebot.
Komm über mich, o Schlaf, du König der Menschen und Götter!
   Komm über mich, bring Ruh! Mache die Glieder mir leicht!
Abends scheucht dich Hesperus fort aus den finsteren Höhlen.
   Lucifer schickt, wenn er strahlt, dich in die Höhlen zurück.
Tagsüber widmest du dich dir selbst und dem süßen Lyäus,
   liegst in dem schwärzlichen Bett, welches aus Ebenholz ist.
Wird es dann dunkel, so fliegst du umher und streust auf den Erdkreis
   Körner erlesenen Mohns, der uns die Sinne betäubt.
Sind sie zur Erde gefallen, so schweigen die Städte und Dörfer,
   schweigen die Fluten des Meers und der erhabene Wald.
Du kannst im offenen Luftraum tobende Stürme bezwingen,
   brächtest des eilenden Sol Pferde womöglich zum Stehn.
Wenn du es willst, so stockt aus den Wolken gefallener Regen,
   bleibt der zuckende Blitz hängen inmitten der Luft.
Du überfielst die Schlange, den Wächter des Goldenen Vlieses,
   hast die Medusa betäubt, lähmtest ihr Schlangengelock.
Als du bewirktest, daß Eos länger Tithonos umarmte,
   hat sich verdoppelt die Nacht, Jupiters Willen gemäß.
Komm über mich o Schlaf, du König der Menschen und Götter!
   Komm über mich, bring Ruh! Mache die Glieder mir leicht!
Ich verlange nicht, daß du die feindlichen Truppen in Bann schlägst,
   um überraschend mit Mord in ihrem Lager zu stehn,
noch soll der mächtige Donnerer durch eine Tücke entschlummern,
   wie es oft Juno erreicht, wenn sie nur inständig fleht,
ob sie tirynthische Schiffe entführt dem betrogenen Gatten
   an die Küste von Kos von dem trojanischen Strand,
ob sie voll Mitleid den Griechen, als sie den Phrygiern wichen,
   klug eine Zuflucht gab unter idäischem Fels.
Sondem ich fordre Gehorsam, der keinen der Götter beleidigt,
   den des Aethers Regent selber dem Trefflichen gönnt,
fordre Gehorsam, den du mir schuldest, und der mir Gewinn bringt.
   Daß du in meinem Dienst andre betrügst, will ich nicht.
Wenn du nicht bald für ein Weilchen schließt meine schmerzenden Augen,
   drückt sie dein Bruder, der Tod, mir für die Ewigkeit zu.
Komm über mich, o Schlaf, du König der Menschen und Götter!
   Komm über mich, bring Ruh! Mache die Glieder mir leicht!
Dankbar will ich dir sein, will grünes Räucherwerk bringen,
   das vor deinem Altar heilige Düfte erzeugt,
bringe die zarte Leber der weißen Gans dir zum Opfer,
   und einen stattlichen Hahn schlachte ich dir noch dazu.
Außerdem spende ich dir zwei Schalen mit goldgelbem Honig
   und zwei Schalen mit Milch, die ich vermische mit Wein.
Gütiger Vater der Dinge, vom elenden Leben das Beste
   bist du, denn Körper und Geist schöpfen aus dir ihre Kraft.
Künftiges zeigst du uns an, denn du schickst aus den Reichen des Himmels
   Träume verschiedener Art durch eine doppelte Tür.
Seien die Tage dir kurz, und die Nacht soll jahrelang dauern.
    Niemals fehle dir das, was du so sehnlich begehrst.
So soll es sein und die schönste der akidalischen Nymphen
   gebe dafür zum Dank deinem Begehren sich hin!
Komm über mich, o Schlaf, du König der Menschen und Götter!
   Komm über mich, bring Ruh! Mache die Glieder mir leicht!



An seine Seele

O meine Seele, die du vom milchweiß schimmernden Bogen
   flossest zu mir herab in meines Körpers Verlies,
leuchte so redlich wie jener - ich bitte dich sonst um nichts andres -,
   ebenso edel und stark sei dein belebender Geist,
daß, wenn du einst durch die Pforte des glühenden Krebses hinaustrittst,
   dich der Lethäische Strom über das Maß nicht benetzt.
Und wo der mythische Abgrund gähnt und der reißende Löwe,
   dorther steige hinan wieder die luftige Bahn.
Hier hat Saturn dir Vernunft und Jupiter Tatkraft gegeben,
   Tapferkeit schenkte dir Mars und die Empfindung Apoll,
Venus verlieh dir die Reinheit der Liebe und Merkur die Künste,
   dazu Diana die Kraft deinem erstarkenden Leib.
Denn die Grenzen von Leben und Tod verwaltet Diana,
   die im gestirnten Pol sitzt, der die Erde gehorcht.
Wenn du jedoch statt des himmlischen Hauchs die irdische Schwere
   vorzogst, - hättest du doch diese noch besser gewählt!
Nicht die Gestalt noch die äußre Erscheinung mißfällt mir,
   beide bekamen bei mir Schönheit und Zierde genug.
Doch mich verdrießt des Prometheus geschmeidige Kunst, die aus Erde
   Leib und Gelenke so leicht, zart und zerbrechlich gemacht.
Uneins sind nämlich die Glieder und deshalb nur schlecht zu beherrschen,
   daraus geht immer aufs neu endloses Leiden hervor.
Strömt aus dem feuchten Gehirn doch ein endloser Schleimfluß zur Nase,
   quillt aus dem Auge doch oft Wasser, ich weiß nicht, wozu.
Langsam schwellen die Nieren, es fließt zuviel Blut in den Adern.
   Schüttelt den Magen der Frost, wird mir die Leber zu heiß.
Oder bestach dich ein derartig schwaches Gefüge, damit du
   sähst, daß ein dünnes Gefäß dennoch dich fester verschließt?
Aber was fruchtet die Weisheit im kränklichen Körper? Ich will nicht
    Pittacus sein um den Preis eines gebrechlichen Leibs.
Weder begehr ich des Atlas Statur noch die Kräfte des Milo,
    schmächtig zu sein wär mir lieb, fühlt ich dabei mich gesund.
Entweder achte darauf, daß die Glieder sich lange vertragen,
   oder verlasse sie schnell, geh zu den Sternen zurück!
Dort aber wandre, dich reinigend, durch die Jahrtausende weiter,
   halte dich fern von dem Fluß, der die Erinnerung löscht,
daß dir das triste Vergessen nicht bittere Sorgen zurückbringt,
   daß du dich nicht noch einmal irdischem Zwang unterwirfst.
Doch wenn das Schicksal dich unnachgiebig zur Rückkehr beordert,
   werde, was immer du willst, nur nicht ein elender Mensch!
Fliege als Biene durch Gärten und sammle den süßesten Honig,
   stimme dein schüchternes Lied an als ein Schwan auf dem Fluß,
lebe verborgen in Wäldern und Meeren, bedenke es immer,
   daß der menschliche Leib sproßte aus sprödem Gefels!



Die Überschwemmung


(GEKÜRZT)

Dieser gewaltige Regen aus lastenden Wolken, was will er?
   Und was bereitet die Schar so vieler Unwetter vor?
Woher die Menge nässenden Nebels, der finstere Himmel?
   Wann war an Wasser und Dunst je so ergiebig der Süd?
Kann denn der Bogen der wechselnden Iris die Wasser noch trinken?
   Oder erklimmt nun das Meer heimlich das Sternengezelt?
Dampf in oft sich erneuernden Zügen aus innerster Erde,
   saugte mit feuriger Kraft an sich das Sonnengestirn.
Aber die luftigen Strahlen vermochten nicht alles zu halten,
   was sie errafft, und so fiel Regen in Strömen herab.
Solche erstaunlichen Dinge geschehn doch aus tieferen Gründen,
   und das Seltene geht nie aus Gewohnheit hervor.
Dies ist die himmlische Wut, der erbitterte Zorn aller Götter,
   Sterne von oberstem Rang fördern den Sturm und die Flut.

- - -


Und die oberste Wölbung des weithin gebogenen Äthers
   schleudert die Wasser aufs Land wie eine Decke herab.
Dicht gedrängte Gewitter verdoppeln die wuchtigen Wirbel,
   rütteln am Himmelsgerüst, daß sogar Jupiter schwankt.
Nicht nur ein einzelnes Jahr muß der Bauer im Unglück beweinen,
   der mit der Ernte zugleich kommende Saaten verlor.
Schmutzig am kahlen Geäst der Rebe verwelken die Trauben,
   und die Beere verströmt faulig den gärenden Most.
Herden ertrinken, die Armen zu Tausend vom Wasser umzingelt,
   Städte, im nu überfüllt, werden vom Hunger bedroht,
Während ich jammere, wuchs der Schrecken noch weiter: im Flachland
   brachen die Deiche, und weit treten die Flüsse heraus.
Und zuerst füllen Täler sich, dann das sich dehnende Tiefland,
   bald ist auch überschwemmt höher gelegnes Gebiet.
Bald überragen die Flut nur die höchsten Wipfel der Wälder,
   und in dem reißenden Strom zittert das ganze Gehölz.
Zuflucht suchen sich Wild und Vögel auf Hügeln und Höhen,
   aber sie werden verfolgt und auch von dort noch verjagt.
Fische erscheinen an Orten, wo Vierbeiner fliehen, verirren
   sich im trüben Morast zwischen des Ebers Gebiß.
Aale verkrümmen, zusammengespült, sich zu Schlingen und Knoten
   dort, wo der Hase sich einst lauschend in Furchen geduckt,
und in den Fuchsbau wandert der Krebs, wo die Vogelwelt früher
   brütete, dahinein legt Eier das Wassergetier. -
Scherze? - Unzählige Menschen in Furcht vor verändertem Schicksal
   rafften mit Ställen und Vieh Wasser und Seuchen hinweg.
Plötzlich, wo eben ein Dorf war, ist Sumpf; aus versunkener Tiefe
   steigt das ländliche Volk in das Gebirge hinauf.
Nichts überwältigt den Elenden mehr als vergebliche Hoffnung,
   wenn er im stillen noch glaubt, daß es nichts Schlimmeres gibt.
Dem, der zu sehr der Höhe der Dämme vertraute und hoffte,
   bricht, schon lang unterspült, nächstens zusammen das Haus.
Jener vergräbt seinen Schatz an der steilsten Stelle des Abhangs,
   meint, daß er dort vor der Flut sichrer als anderswo sei.
Aber es dauert nicht lang, und die immer noch steigenden Wellen
    gönnen ihm keinerlei Rast, keinerlei Ausweg zur Flucht,
Schon sind die Save, der Maros und auch schon die Drava, die Tisza
   und die Donau, von Nord weitaus der mächtigste Strom,
untereinander verbunden, obwohl sie sonst weite Gebiete
   trennen; sie fließen vereint wie in gemeinsamem Bett.
Niemand erkennt, wo noch Land ist, wo Hügel, wo Bäume noch ragen,
alles bedeckt nun die Flut, glatt wie die Fläche des Meers.


- - -


O ihr Götter, warum denn erwählte nur uns das Verderben
   unter den Völkern, die stets fruchtbarer Boden ernährt?
Oder ergreift das Verderben auf einmal die Erde im ganzen?
   Kommt auf die Völker der Welt wirklich das Jüngste Gericht?
Ist es für alle der Untergang, wollen wir nicht überleben,
   so unterwerfe sich dann jeder dem großen Geschick.
Sollen jedoch wir Ungarn allein für die Sünden der andern büßen,
   so werden wir gern sühnen das Menschengeschlecht.
Aber das Ausmaß des Schreckens beweist, daß er nicht allein uns gilt!
   Nur wenn sie alle betrifft, ist diese Strafe gerecht.
Jetzt überschwemmt der Rhein schon weite Gebiete in Deutschland,
   und in Rußland der Don tritt aus den Ufern heraus.
Schon überspült die Rhône die Gallier, der Baetis die Spanier,
   und den westlichen Po halten die Dämme nicht mehr.
In den Städten der Argolis wütet der Inachus gleichfalls,
   Hebrus, du böser Gesell, schonst deine Thrakier nicht!
Inder im Ganges, im Tigris die Perser, Kilikier im Cydnus
   und im Orontesfluß finden die Syrer den Tod.


- - -


Bald sind die reißenden Ströme schon eins mit den ziehenden Wolken,
   und kein Zwischenraum bleibt, daß sich der Regen ergießt.
Komm also, teuerste Schwester, solang es noch möglich ist, fliehen
   rasch wir hinauf zum Olymp, der das Gewölk überragt.
Oder vielleicht ist der Kamm des Parnassusgebirges bei Cirrha
   noch der einzige Ort, den diese Flut nicht erreicht.
Hier will ich Felsen - Gebeine der mächtigen irdischen Mutter -
   hinter mich werfen, damit Helden von neuem erstehn.
Du aber schaffe als Frau von neuem die Scharen der Frauen,
   Felsbrocken schleudernd wie ich, aber mit sanfterer Hand!
Also bin ich ein Deucalion, du eine andere Pyrrha,
   also werden wir sein Keime des neuen Geschlechts.



Auf einen Baum, der allzu üppig Frucht trug

Ich, ein Baum, der einst mit der Krone zum Himmel emporwuchs,
   schleife vornübergestürzt nun mit dem Wipfel im Gras.
Aber nicht fremd ist die Last, die mich beugte, und kam nicht von außen,
   sondern von eigener Frucht wurde ich Armer geknickt.
Blitze fällen die andern bei schwerem Gewitter und Sturmwind;
   aber mich überkam unheilvoll üppige Frucht.
Stünde ich aufrecht noch da und wär nicht so fruchtbar gewesen;
   was ich hervorgebracht, hat mich nun niedergedrückt.
Eins nur fehlt noch: daß eine schwarze Axt mich zerstückelt,
   daß man mich dienstbar macht und in das Herdfeuer schiebt.
Schlimmer ergeht es mir als dem Nußbaum; dem tut man nur wehe
   wegen der Früchte, doch mich richten die Früchte zugrund.
Solcherlei Lohn erhielt Agamemnons Gattin als Mutter
   oder die Frau, die den Mann arglos dem Krieg überließ.
Statten die Kinder den Müttern auf solch eine Art ihren Dank ab,
   wo, allmächt'ge Natur bleibt dann dein heiliges Recht?
Denn das bedeutet, daß Frauen sich weigern, noch zu gebären,
    und daß die Bürde im Bauch vor der Geburt noch verdirbt.
Hätten doch grimmige Fröste mir all meine Blüten vernichtet,
    als der beginnende Lenz erstmals mir Knospen verlieh,
oder hätte, solange die Früchte noch klein und in Massen
   an mir hingen, ein Sturm alle gepflückt vor der Zeit!
Lieber spende ich Schatten für die, die der Hitze entfliehen,
   was der Platane zumal höchlichst zur Ehre gereicht.
Die ihr die Arme, ihr schlanken Stämme aus herrlichen Hölzern,
   weit in die Runde streckt, hört meine Warnungen an:
Sucht in gepflegten Gärten nicht mit Früchten zu glänzen,
   sondern daß leer euer Laub grüne, das sei euch genug!
Früchte besitzen Gewicht, und wer sie trägt, hat den Schaden.
   Ohne uns Schaden zu tun schmückt uns das zierliche Laub.
Der du aber vorbeikommst, mache dir bitte die Mühe:
   gib mir als Halt einen Pfahl, richte den Wipfel mir auf!
Oft übernimmt es, mit Liebe zu pflegen die traurigen Wunden,
   die ein Verwandter schlug, gnädig die fremdeste Hand.
Gib dem armen Geäst also irgendetwas als Stütze.
   Etwas zu ernten vielleicht findest du, kommst du zurück.
Leicht sei die Last, die du trägst, und leicht sogar für die Deinen,
   daß du niemals beklagst diesen barmherzigen Dienst.



Abschied von Várad

Während unter dem tiefen Schnee die ganze
Erde ruht und der bleiche Reif den hohen
Wald gerade wie weißes Laub belastet,
müssen wir von dem schönen Körös hin zur
Donau, unserer stolzen Herrin, eilen.
Auf denn, Freunde, so schnell wie möglich vorwärts!
   Weder Flüsse noch Sümpfe sind im Wege,
steht doch jedes Gewässer hartgefroren.
Dort, wo ängstlich der Bauer jüngst im Kahn fuhr,
stampft er dreist mit den schweren Füßen, spottet
übermütig der eisenstarren Wellen.
Auf denn, Freunde, so schnell wie möglich vorwärts!
   So geschwinde enteilt auf rascher Strömung
nicht der Kahn mit beschwingten Ruderblättern,
auch nicht wenn sich der Westwind sanft herandrängt,
die gekräuselten Wasser rötend, wie die
Steppenpferde den leichten Schlitten ziehen.
Auf denn, Freunde, so schnell wie möglich vorwärts!
   Heiße Quellen, so lebt denn wohl, die keine
scharfen Schwefelgerüche lästig machen,
deren blitzende Wellen aber unsern
Augen, da sie Alaun enthalten, wohltun,
ohne unsere Nasen zu verärgern.
Auf denn, Freunde, so schnell wie möglich vorwärts!
   Du auch, Bibliothek, leb wohl, du botest
uns so manche berühmte Schrift der Alten,
die die Sorge Apolls bewahrt. Es lieben
den kastalischen Hain nicht tiefer, die den
Dichtern göttlichen Beistand leihn - die Musen.
Auf denn, Freunde, so schnell wie möglich vorwärts!
   Lebt auch wohl denn, ihr goldnen Königsbilder,
die das gottlose Feuer nicht verbrannte,
die die stürzenden Trümmer nicht versehrten,
als sich Flammen der Burg bemächtigt hatten
und die Asche den Himmel schwarz verhüllte.
Auf denn, Freunde, so schnell wie möglich vorwärts!
   Du im rötlichen Glanz der Waffen aber,
dessen Rechte die Streitaxt schwingt, aus dessen
reich von Säulen geziertem Grabmal uns dein
Schweiß als flüssiger Nektar sickert, Ritter,
segne unseren Weg nach altem Brauche!
Auf denn, Freunde, so schnell wie möglich vorwärts!