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GESCHICHTE

POLITIK- UND KRIEGSGESCHICHTE
REGIERUNG DES LANDES
GESELLSCHAFTSGESCHICHTE



POLITIK- UND KRIEGSGESCHICHTE

An der Grenze zweier Weltreiche

Im 15. Jahrhundert war das Königreich Ungarn, dessen Territorium sich auf das ganze Karpatenbecken erstreckte, der bedeutendste Staat Mitteleuropas. Um seine Krone wetteiferten so angesehene europäische Dynastien wie die Luxemburger, Habsburger und Jagiellonen, die eine Möglichkeit sahen, Ungarn zum Zentrum eines großen Reichs auszubauen. Alle diese Bestrebungen scheiterten jedoch. Denn den ungarischen Herrschern erwuchs in der Dynastie der Osmanen ein mächtigerer Rivale als jemals zuvor. Unter dem Ansturm der Streitmacht des osmanischen Weltreichs brach das Grenzschutzsystem des ungarischen Königreichs nach dem Fall von Belgrad 1521 innerhalb weniger Jahre zusammen, so daß die Niederlage von Mohács 1526 als logische Folge der vorangehenden Jahre unausweichlich war. Das Land verlor seine südlichen Gebiete, seinen Herrscher und seine politisch-militärische Führungsschicht. Zugleich eilte Ungarn in der Person des die benachbarten österreichischen Provinzen regierenden Erzherzogs Ferdinand eine andere Großmacht, die Habsburger, zu Hilfe - wohl hauptsächlich im Interesse des eigenen Schutzes -, und das Land wurde zum Kriegsschauplatz der beiden bedeutendsten Weltreiche dieser Zeit.

Der Weg der Habsburger zur Erlangung der ungarischen Krone

Der Aufstieg der Habsburger, deren Stammsitz in der Schweiz lag, war eng mit der Geschichte des ungarischen Königsreichs verbunden. Ihr erster Kaiser, Rudolf I. (1273-1291), half König Ladislaus IV. (1272-1290) noch, die österreichischen Provinzen in Besitz zu nehmen, als er ihn 1278 in der Schlacht von MorvaMezõ gegen den böhmischen König Ottokar (1253-1278) unterstützte. Bis zum 15. Jahrhundert wurde aus dem Nachbarn ein Rivale und im folgenden Jahrhundert dann ein Weltreich. Dank ihrer glänzenden Heiratspolitik gehörte den Habsburgern schon Burgund und das vereinigte Spanien zusammen mit dem Königreich Neapel, und vom Zeitpunkt der Machtübernahme des Kaiser und ungarischen Königs Albert II. (1437-1439) bis 1805 bekleideten sie auch die Kaiserwürde des Römisch-Deutschen Reiches. Von dieser Zeit an gehörte die Erringung der ungarischen Krone zu ihren wichtigsten Zielen. Doch sowohl Kaiser Friedrich III. (1440-1493), als auch sein Sohn, Kaiser Maximilian I. (1493-1519), versuchten dies vergeblich, obwohl sie zwecks Anerkennung ihres Thronfolgerechts mehrere Verträge mit den ungarischen Herrschern schlossen. Diese krönte der Heiratsvertrag des Jahres 1515, in dessen Sinne Ferdinand von Habsburg die Schwester Ludwigs II. (1516-1526), Anna Jagello, zur Frau nahm, während der ungarische König Maria von Habsburg heiratete. Nach dem Tod Ludwigs II. im Jahr 1526 stand Ferdinand der Weg zum ungarischen Thron offen.

Der Weg des türkischen Reichs nach Ungarn

Seit Ende des 13. Jahrhunderts bestand im nordwestlichen Teil von Kleinasien (Anatolien) das osmanisch-türkische Fürstentum. Die Nachkommen Osmans (?-1326), dessen Namen die Dynastie und später auch das Reich trug, betrieben eine Politik der zügigen Expansion. Zum Ende des 14. Jahrhunderts hatten sie die Balkanhalbinsel und die Mehrzahl der Staaten Kleinasiens unterworfen. Um 1390 erreichten sie die Grenzen Ungarns. Die zu ihrer Zurückdrängung organisierten Kreuzzüge (1396: Nikopol, 1444: Varna usw.) schlugen der Reihe nach fehl. Lediglich ihre Niederlage gegen Timur Lenk (1402: Ankara) konnte ihr Vordringen für kurze Zeit aufhalten. Konstantinopel (Byzanz) wurde 1453 von Sultan Mehmed II. erobert, der danach aus einem langen Krieg gegen Venedig, der Beherrscherin der Meere, als Sieger hervorging und seinen Staat nach despotischen Prinzipien neu organisierte. Sein Enkel, Selim I., dehnte die Herrschaft der Dynastie auf Syrien und Ägypten aus. Im Jahr 1520, als Suleiman I. den Thron bestieg, erstreckte sich das Osmanische Reich auf ein Gebiet von mehr als anderthalb Millionen Quadratkilometer (im Gegensatz zum Königreich Ungarn mit 300.000 Quadratkilometern), in dem 12-13 Millionen Menschen lebten (die Bevölkerungszahl Ungarns lag bei 3-3,2 Millionen) und dessen jährliche Einnahmen sich auf etwa 4-5 Millionen Forint beliefen (die ungarischen Könige wirtschafteten mit 250-300.000 Forint pro Jahr). Sein Heer übertraf an Schlagkraft selbst die geeinte Streitmacht Europas, seine Kriegsflotte brach die Alleinherrschaft Venedigs und übernahm die Kontrolle über das östliche Becken des Mittelmmeeres und das Schwarze Meer.

Politische Ziele der Türken und türkische Kriegszüge in Ungarn

Schon Sultan Mehmed II. proklamierte die Wiedererrichtung des römischen Imperiums, d.h. sein Programm der Eroberung des christlichen Europas. Wegen äußerer und innerer Hindernisse konnte jedoch erst Suleiman an dessen Verwirklichung gehen. Sein vorrangiges Ziel war die Annexion Ungarns, um anschließend, das Gebiet des Landes als Basis nutzend, das Römisch-Deutsche Reich angreifen zu können. 1521 nahm er Belgrad - den "Schlüssel" zu Ungarn - ein, und am 29. August 1526 besiegte er auf dem Schlachtfeld bei Mohács auch die königlich-ungarische Hauptstreitmacht. Nach der Wahl Ferdinands zum ungarischen König setzte er die schrittweise Besetzung des Landes allerdings nicht fort, sondern begann 1529 direkt mit der Belagerung Wiens. Der Angriff endete, ebenso wie sein erneuter Wienfeldzug (Günser Expedition) von 1532, mit einem Mißerfolg auf der ganzen Linie. Die vollständige Annexion Ungarns, von der Eroberung Europas ganz zu schweigen, hatte sich für den Staat Suleimans als zu große Aufgabe erwiesen. Deshalb ergriff er in den 1530er Jahren für János (Johannes) Szapolyai als ungarischen König Partei, war aber nach dessen Tod gezwungen, einen Teil seiner Gebiet zu besetzen. Später dehnten sowohl er als auch seine Nachfolger ihre Herrschaft in Ungarn allmählich aus und versuchten auch wiederholt, Wien anzugreifen. Doch entscheidende Veränderung konnten sie nicht herbeiführen.

Fünfzehn wirre Jahre nach Mohács: zwei Könige in einem Land

Nach der Niederlage von Mohács wählten die Stände Ungarns nacheinander zwei Könige: zunächst die Mehrzahl der Adligen einen der angesehensten Großherren des Landes, János Szapolyai (1526-1540), anschließend eine kleinere Gruppierung den böhmischen König und österreichischen Erzherzog Ferdinand von Habsburg (1526-1564). Die folgenden fünfzehn Jahre standen im Zeichen des Bürgerkriegs, d.h. des bewaffneten Kampfes und blutiger Auseinandersetzungen zwischen den beiden rivalisierenden Königen. Obwohl das Land nun sogar zwei Herrscher hatte, diktierte dennoch der dritte Agierende, Sultan Suleiman (1520-1560), die Ereignisse. Mit seinem Wienfeldzug 1529 zwang er König János endgültig in ein Bündnis. Zugleich brachte er den Habsburgern damit und mit seiner Günser Expedition 1532 zur Kenntnis, daß er in ihnen seine wirklichen Feinde sieht. Währenddessen mußten sich auch die Einwohner Ungarns entscheiden, wessen Partei sie zu ihrem Wohl ergreifen sollten. Einen Ausweg zu finden, erwies sich als schwierige Aufgabe, da keine der Parteien über ausreichende Kräfte zur Verwirklichung ihrer Ziele verfügte. Das führte zu zahlreichen Eidbrüchen und Seitenwechseln, d.h. zu einem vollständigen politischen Chaos und zur Krise.

Das Land zerbricht endgültig in drei Teile

Die beiden Könige konnten einander nicht beikommen, so daß sie am 24. Februar 1538 in Wardein schließlich eine geheime Übereinkunft trafen: Szapolyai willigte ein, daß seine Gebiete nach seinem Tod auf den Rivalen übergehen. Doch der Versuch, das Land zu einigen, scheiterte sehr bald. König János verstarb 1540, aber Ferdinands zweimalige Anstrengung (1540, 1541), die Landeshauptstadt Buda (Ofen) zu erobern, blieb erfolglos. Denn eine Einigung des Landes lag keineswegs im Interesse Sultan Suleimans, umso mehr war ihm daran gelegen, die Ungarn zu entzweien. Deshalb entschloß er sich nach seinen Siegen in Persien zum entscheidenden Schritt in Ungarn. Die Einnahme Ofens am 29. August 1541, dem 15. Jahrestag der Schlacht von Mohács, vollzog sich ohne einen einzigen Kanonenschuß und besiegelte das Schicksal des Landes endgültig. Damit zerfiel das mittelalterliche ungarische Königreich, dessen Aufgliederung schon 1526 begonnen hatte, für mehr als 150 Jahre in drei Teile (königliches Ungarn, türkisches Eroberungsgebiet, Fürstentum Siebenbürgen).

Die Statthalterschaft Frater Georgs (1542-1551)

Die Witwe János Szapolyai's, Königin Isabella, floh 1541 mit ihrem Sohn, János Zsigmond (János II./ Johannes Sigismund), aus Ofen. Auf ihrem Weg nach Lippa wurde sie von einem einflußreichen Politiker des Zeitalters, dem aus Kroatien stammenden Paulinermönch Bruder Georg Utyeszenics (mütterlicheseits Martinuzzi), begleitet, der János I. an dessen Totenbett geschworen hatte, die Interessen seines Kindes zu wahren. Frater Georg richtete den königlichen Hof in Karlsburg in Siebenbürgen ein, von wo aus er als Statthalter im Namen der Königin bis zu seinem Tod 1551 Siebenbürgen und die angeschlossenen Gebiete jenseits der Theiß regierte. Neben dem Statthaltertitel bekleidete er außerdem das Amt des Schatzmeisters dieses Landesteils, war ab 1544 oberster Richter und auch Bischof von Wardein. Frater Georgs politisches Bemühen richtete sich auf ein gutes Verhältnis zu den Türken. Dennoch erkannte er, daß die Einigung der abgetrennten Landesteile nur mit Habsburg an der Spitze geschehen konnte. Und er vertraute darauf, daß der kaiserliche Bruder König Ferdinands I. diesem im Kampf gegen die Türken zu Hilfe eilt, so daß auch für Ungarn Aussicht zur Rettung bestand. Das Schicksal wollte es, daß eben Ferdinand I. die Männer gedungen hatte, die Frater Georg wegen seiner verdächtig scheinenden Beziehungen zu den Türken in der Nacht des 17. Dezembers 1551 in seinem Schloß Unterwintz umbrachten.

Krieg gegen Ungarns Burgen

1542 versuchte König Ferdinand mit Truppen, die er aus deutschen Reichshilfen rekrutiert hatte, Ofen zurückzuerobern. Doch der Feldzug endete mit einem Mißerfolg, der den Habsburger endgültig in die Verteidigungsposition zwang. Denn nun wollten die Türken das Ziel Wien mit der schrittweisen Annexion Ungarns erreichen. Damit begann der bis 1566 dauernde Zeitraum der Burgenkriege. Während dieser Zeit entstand in der ungarischen Tiefebene das türkische Eroberungsgebiet, als dessen Gegengewicht das habsburgische Grenzschutzsystem ausgebaut wurde, und zur gleichen Zeit bildete sich in Siebenbürgen unter der Herrschaft János Zsigmonds (1540-1571) ein unabhängiges Fürstentum heraus. Die Türken konnten 1543-1544 mit der Eroberung von Esztergom (Gran), Székesfehérvár (Stuhlweißenburg), Pécs (Fünfkirchen), Vác (Waitzen) und Hatvan das Gebiet ihres Ofner Vilajets erweitern und gründeten 1552, nachdem sie Temeschwar und das westliche Gebiet jenseits der Theiß besetzt hatten, bereits ihre zweite Provinz. Unterdessen eroberten sie vorübergehend auch die Burgen von Veszprém und Palota. Nur den heldenhaften Verteidigern der Burg zu Eger (Erlau) gelang es, ihnen Einhalt zu gebieten. Im Jahr 1554 fiel die Burg von Fülek. Sie wurde die nördlichste ungarische Grenzburg der Türken und gleichzeitig Verwaltungszentrum. 1566 mußten sich schließlich auch die beiden strategisch wichtigsten Königsburgen Szigetvár und Gyula den Eroberern ergeben.

Die Herrschaft Ferdinands in Siebenbürgen (1552-1556)

Nach den Buchstaben des 1549 von Frater Georg im Namen Königin Isabellas in Nyírbátor geschlossenen Vergleichs fielen Siebenbürgen und die angeschlossenen Komitate jenseits der Theiß an König Ferdinand. Die Königin und ihr Sohn erhielten als Abfindung eine jährliche Apanage und zwei schlesische Herzogtümer (Oppeln und Ratibor). Im Sommer des Jahres 1551 marschierte General Castaldo mit seinem 6-7000 Mann starken Heer in Siebenbürgen ein und übernahm im Namen König Ferdinands die Macht. Außerdem hatte der König István Dobó und Ferenc Kendy zu Woiwoden ernannt. Doch die Machtübernahme Habsburgs in Siebenbürgen blieb nicht ungeahndet. Sultan Suleiman eröffnete 1522 einen weiteren Feldzug gegen Ungarn, in dessen Verlauf die Türken die Marosch- und Theißgegend besetzten und unter den größeren Burgen Temeschwar und Szolnok eroberten. Ferdinand I. konnte weder die ihm unterstellten östlichen Gebiete verteidigen, noch Castaldos unbezahlte Söldner in Siebenbürgen lange unterhalten. 1553 floh der General in seine Heimat, und nun sahen auch die siebenbürgischen Stände ein, daß es im Interesse des Friedens besser sei, die Oberhoheit des vom Sultan für Siebenbürgen erwählten Szapolyai-Herrschers anzuerkennen. Also riefen sie 1556 Königin Isabella und ihren Sohn János Zsigmond nach Siebenbürgen zurück.

Isabellas und János Zsigmonds Rückkehr

Im November 1556 legte der Ständetag Siebenbürgens Königin Isabella und dem gewählten König János Zsigmond den Treueeid ab. Die Königin regierte Siebenbürgen bis zu ihrem Tod 1559 zusammen mit einem ihr vom Ständetag beigestellten Rat. Wichtigstes Ergebnis ihrer Regierung war die von ihrem Ratgeber, dem zusammen mit ihr aus dem Exil heimgekehrten Mihály Csáky, durchgeführte Kanzleireform. Csáky organisierte die Kanzlei, der die Regierungsgeschäfte des Fürstentums oblagen unb die während seines ganzen Bestehens als einziges Regierungsorgan unter direkter Lenkung der Fürsten tätig war, nach spätmittelalterlichem Muster. Damit setzte er praktisch die staatliche Verwaltung in Gang und Siebenbürgen begann - nach dem vorangehenden Übergangszeitraum - gemeinsam mit den angeschlossenen Komitaten jenseits der Theiß seine Existenz als souveräner Staat.

Die Schutzbastion des Christentums: Ausbau des Grenzschutzsystems gegen die Türken

Während osmanische Truppen nach 1541 Schritt für Schritt die mittleren Gebiete des Landes besetzten, nahm die Heeresleitung Ferdinands I. den Ausbau eines neuen Grenzschutzsystems in Angriff. In Wien hatte man nämlich erkannt, daß es am zweckmäßigsten sei, den Gegner - wenn es sein mußte mit beträchtlichen materiellen Zuschüssen - noch außerhalb der Grenzen der österreichischen Erbländer in Ungarn aufzuhalten. Obwohl dieser Kriegsschauplatz für die Einwohner Ungarns eine große Belastung bedeutete, war es dennoch der einzige und ausschließliche Weg zur Erhaltung des Landes. Den Ausbau des in Ungarn propugnaculum Christinanitatis genannten Verteidigungssystems schloß der Wiener Hofkriegsrat in den 1570er Jahren ab. Die rund 100-120 Grenzburgen wurden in sechs Grenzhauptmannschaften eingeteilt (Kroatien, Slawonien, Kanizsa, Bergbaugebiet und Oberungarn), die wichtigsten Burgen mit Hilfe italienischer Kriegsarchitekten befestigt, und in Komarn zum Schutz der Donau eine Bootsflottille aufgestellt. Mehr als 60% des Solds der 20.000-22.000 in den Grenzburgen stationierten Soldaten übernahmen jene fremden Provinzen, deren Schutzbastion Ungarn war.

Das türkische Grenzburgensystem

Nach der Einnahme der Landeshauptstadt dauerte es noch gut drei Jahrzehnte, bis die Türken aus den von ihnen besetzten oder errichteten Burgen ein Verteidigungssystem schufen, das die Grenzen des Eroberungsgebiets lückenlos verschloß bzw. den wirksamen Schutz Ofens und der strategisch wichtigen Donau-Heerstraße gewährleistete. In Abhängigkeit vom Kriegsglück bestand dieses System aus einer wechselnden Anzahl (100-139) Festungen. An der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert bildete sich ein mehrschichtiges Burgennetz heraus: Die Hauptlast trugen einige der größten Burgen (Ofen-Pest, Gran, Temeschwar, im 17. Jahrhundert dann Kanizsa, Erlau, Wardein und Neuhäusel), deren Garnisonen zwischen 1000 und 2000 Mann differierten (in der Mehrzahl fungierten sie zugleich als Provinzsitze). Außer diesen größten Burgen schützte eine Kette großer Burgen - Szigetvár, Palota, Fülek, Hatvan - die Grenzen, in denen 400-500 Mann stationiert waren. Hinter diesen lagen die Burgen der zweiten Linie mit Burgbesatzungen von jeweils 100-300 Mann, während die dritte Linie meist nur schwach befestigten Burgwälle mit 50-100 Leuten bildeten. Insgesamt versahen in den türkischen Grenzburgen 18.000-19.000 Soldaten ihren Dienst. Die Wachtmannschaften bestanden aus Reiterverbänden (Gönöllü, Fariß, Marodeur), Fuß- (Janitschar, Müstafis, Asab, Toptschi) und Hilfstruppen. Auf den größeren Flüssen (Donau, Theiß, Marosch, Drau) zirkulierten von unabhängigen Kapitänen (Kapudane) gelenkte Flottillen. Der den Soldaten gezahlte Sold überstieg aber die Summe der Gesamteinnahmen in den ungarländischen Provinzen, so daß man die fehlenden Beträge im 16. Jahrhundert aus der zentralen Schatzkammer in Istambul und im 17. Jahrhundert mit den von der Balkanhalbinsel umgelenkten Steuergeldern ergänzte.

Regierungsschwierigkeiten im königlichen Ungarn

Von den 1540er Jahren an ersuchten die ungarischen Stände König Ferdinand immer öfter, sich mit Geldzuwendungen seiner fremden Provinzen an der Finanzierung der Grenzburgen zu beteiligen. Gleichzeitig konnten sie sich nur schwer mit den damit einhergehenden Folgen abfinden. Die zur Aufrechterhaltung des Landes unentbehrliche Türkenhilfe hatte nämlich einen erheblichen Preis: Wer Geld für die Landesverteidigung investierte, forderte zurecht, bei der Entscheidung der diesbezüglichen Fragen mitreden zu dürfen, selbst wenn es sich dabei um innere Angelegenheiten Ungarns zu handeln schien. Das erklärt auch, weshalb dem ungarischen Adel die Zügel der zentralen Lenkung der drei wichtigsten Bereiche der Staatsverwaltung - Militär- und Finanzwesen bzw. auswärtige Angelgegenheiten - bis zu den 1560er Jahren endgültig aus der Hand glitten. Diese wurden von da an bis 1848 nahezu ausschließlich aus Wien gesteuert. Dennoch trug der ungarische Adel auch weiterhin Verantwortung für die lokale Verwaltung und Führung der Grenzburgen und duldete eine Einmischung des Hofes in die Innenpolitik, Gerichtsbarkeit und Adelsprivilegien nur in sehr geringem Maße.

Die Revolutionierung des Kriegswesens in Ungarn

Zur erfolgreichen Grenzverteidigung gegen die Türken trugen auch in Ungarn in hohem Maße Veränderungen bei, die ab der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zahlreiche Gebiete des Kriegswesens revolutionierten. Fundamentalste Neuerung war die allgemeine Verbreitung der Feuerwaffen. Daraus ergab sich nämlich die Notwendigkeit, neue Verfahren der Burg- und Festungsbaukunst zu entwickeln. Außerdem brachte sie einen sprunghaften Anstieg der Stärke der Heere mit sich, und infolge dessen änderten sich auch Strategie und Taktik. Alle diese Veränderungen beinflußten die Entwicklung der Staats- und Finanzverwaltung, der verschiedenen Natur- und Kriegswissenschaften, ja sogar der Wirtschaft. Nachdem die Osmanen mit der europäischen Entwicklung nicht entsprechend Schritt halten konnten, war ihnen die christliche Seite auf dem ungarischen Kriegsschauplatz - in erster Linie durch die Handfeuerwaffen - militärisch überlegen. Zur Vertreibung der Türken reichte das jedoch noch nicht.

Die türkische Streitmacht in Ungarn

Die osmanisch-türkische Heeresleitung konnte sich neben den Burgbesatzungen und Mannschaften der Flußflottillen noch auf das bewegliche Heer der Reiterspahis stützen. Der Staat bezahlte die Spahis mit sog. Dienstgütern und verlangte von ihnen, daß sie proportionell zu ihren Einkünften einen oder mehrere bewaffnete Begleiter ausrüsteten und in den Kriegsdienst stellten. Wer die Vorschriften verletzte oder nicht in den Krieg zog, verlor sein Gut. Die Spahis unterstanden dem Befehl desjenigen Sandschakbeis, in dessen Sandschak ihre Güter lagen. Den Stellvertreter des Sandschakbeis nannte man Alajbei, die im Rang nachfolgenden Offiziere Subaschi und Tscherbaschi. Die Kriegsrüstung der Spahis bestand aus Metallhelm, Panzerhemd, Arm- und Beinpanzer, als Waffen führten sie Speer und Bogen mit. Im Ungarn des 16. Jahrhunderts dürfte dieses Heer zusammen mit dem bewaffneten Gefolge etwa 7.000-9.000 Mann stark gewesen sein. Im 17. Jahrhundert verlor das Spahi-Heer an Bedeutung, über seine Stärke in dieser Zeit ist nichts bekannt.

Ein Vierteljahrhundert "Krieg im Frieden" (1568-1591)

Zwei Jahre nach dem heldenhaften Ausfall, den Miklós Zrínyi 1566 aus der Burg Szigetvár unternahm, schlossen Kaiser Maximilian II. (1564-1576) und Sultan Selim II. (1566-1574) in Drinopel Frieden. Das brachte Ungarn für rund 25 Jahre verhältnismäßige Ruhe. Bis 1591 gab es keine größeren Feldzüge, die das Land verwüsteten, obwohl die von den Besatzungen der ungarischen und türkischen Grenzburgen im gegnerischen Landesteil geführten Beutezüge das tägliche Leben sehr erschwerten. Nur ihr unbändiger Lebenswille versetzte die Bevölkerung in die Lage, die mit diesen kleineren oder größeren Einfällen einhergehenden Erschütterungen rasch zu überwinden. Selbst begrenzte Möglichkeiten zur wirtschaftlichen Entwicklung boten sich, trotz türkischer Besetzung, in dieser Friedenszeit. Weniger günstig wirkten sich die "Friedensjahre" allerdings auf die zur Aufrechterhaltung des Landes notwendigen fremden Subventionen aus, die immer spärlicher auf dem ungarischen Kriegsschauplatz eintrafen. Daher befanden sich die Grenzburgen in einem ziemlich vernachlässigten und verfallenen Zustand, als Ungarn zu dem das Jahrhundert beschließenden großen Türkenkrieg antrat.

Das Abkommen von Speyer

1559 wurde der damals 19jährige, schon bei seiner Geburt zum König gewählte János Zsigmond Szapolyai Herrscher von Siebenbürgen. Während seiner Herrschaftszeit (1559-1571) kam es in Siebenbürgen zu den bedeutendsten Glaubensdisputen der Reformation, in deren Verlauf sich auch János Zsigmond, geleitet von den Theologen Ferenc Dávid und Doktor Blandrata, das lutherische Gedankengut aneignete und dabei bis zum Unitarismus gelangte. Zwischenzeitlich stand er mit den Habsburgern in ständigem Kampf um die Gebiete Oberungarns und verlor bereits 1562 die Gegend um Szatmár, Tokaj und Kaschau. Im gleichen Jahr brach ein Aufstand der Szekler aus, der von János Zsigmond blutig geahndet wurde, indem er den Szeklern ihr alten Freiheiten nahm. Im August 1570 gelang es ihm endlich, mit dem ungarischen König Maximilian I. von Habsburg das sog. Speyerer Abkommen unter Dach und Fach zu bringen, die erste internationale diplomatische Vereinbarung, in der Siebenbürgen mit dem angeschlossenen, von nun an Partium genannten Gebiet als souveräner Staat vorkam. Laut Abkommen durfte János Zsigmond den Titel Fürst von Siebenbürgen tragen. Allerdings konnte er ihn nur kurze Zeit genießen. Denn wenige Tage nachdem der Regensburger Reichstag im März 1571 das Abkommen ratifiziert hatte, verstarb er noch jung an Jahren.

István Báthori, Fürst von Siebenbürgen (1571-1586)

Nach János Zsigmonds Tod (1571) wählten die siebenbürgischen Stände, ohne das Abkommen von Speyer zu berücksichtigen, den aus Somlyó gebürtigen István (Stephan) Báthori zu ihrem Herrscher. Anfangs signalisierte Báthori Bereitschaft, die Vereinbarung zu akzeptieren, indem er sich lediglich als Woiwode betitelte. Nachdem man ihn jedoch zum König von Polen gewählt hatte (1575), begann er den Fürstentitel zu tragen. Im Sommer des Jahres 1575 besiegte er in der Schlacht von Kereloszentpál den als Thronanwärter auftretenden, auch von den Habsburgern unterstützten Gáspár Bekes. Im Jahr darauf verlegte er seine Residenz nach Krakau und ernannte seinen Bruder Kristóf an die Spitze Siebenbürgens, der in seinem Namen als Woiwode regierte. Der Fürst versuchte, die Geschicke seines Landes von Polen aus zu lenken und richtet dort eine siebenbürgische Kanzlei ein. Allerdings erwies es sich als recht schwierig, die Verbindung zu den siebenbürgischen Herren aufrecht zu halten. Nach dem Tod seines Bruders im Jahr 1583 ernannte er an dessen Stelle dessen noch minderjährigen Sohn Zsigmond Báthori, dem er jedoch einen dreiköpfigen Regentschaftsrat zu Seite stellte. Die Ratsmitglieder kamen aus den Reihen der humanistisch gebildeten "Paduaner". Als polnischer König war der Fürst bemüht, eine östliche Koalition gegen die Türken zu organisieren (1582) und dazu auch vom Papsttum Unterstützung zu bekommen. Sein plötzlicher Tod im Jahr 1586 hinderte ihn an der Verwirklichung dieser Pläne.

Siebenbürgen und die Pforte

Entscheidend für das Verhältnis Siebenbürgens zur Pforte war, daß die politische Führungsriege der Türken den siebenbürgischen Staat immer als ihren eigen, d.h. als Vasallenstaat betrachtete. Im Vergleich zu den rumänischen Woiwodschaften genoß Siebenbürgen jedoch wesentlich mehr Freiheit. Als Anerkennung seiner Abhängigkeit von der Pforte zahlte das Land seit 1542 jährlich Steuern in Höhe von zehntausend Forint, die man Ende des 16. Jahrhunderts auf zwanzigtausend und unter Fürst Mihály Apafi (1660-1690) auf vierzigtausend Forint erhöhte. Zur Einführung des türkischen Steuersystems kam es hier aber nicht. Es wurde Brauch, daß der von den siebenbürgischen Ständen gewählte Fürst seinen Platz auf dem Thron erst dann einnehmen durfte, wenn die Ernennungsurkunde der Pforte, das Ahdname, sowie die fürstlichen Insignien eingetroffen waren. Demgegenüber wurden die rasch wechselden Woiwoden in Moldava und der Walachei von der Pforte bestimmt, die dabei unter den ihr bedingungslos treuen Kandidaten wählte. Bei inneren Angelegenheiten ließ man dem Fürsten von Siebenbürgen völlig freie Hand, doch seine Außenpolitik mußte im Einklang zu den Interessen der Pforte stehen, obwohl das Land in Zeiten resoluter Fürsten mitunter eine sehr selbständige Außenpolitk verfolgte. Solche außenpolitischen Sonderaktionen wurden von den Türken dann entweder geahndet, oder sie drückten ein Auge zu. In den rumänischen Woiwodschaften dagegen entsprach die Lenkung sowohl der inneren, als auch der auswärtigen Angelegenheiten den ökonomisch-politischen Interessen der Pforte.

Die Krise des türkischen Reichs

Ende der 1580er Jahre geriet das osmanisch-türkische Reich in eine allgemeine Krise. Während die stark zentralisierte Staatsmacht früher die Wirtschaft und Gesellschaft vollständig unter Kontrolle hatte, konnte sie nun die von Naturkatastrophen, Bevölkerungswachstum, der Krise der Getreideproduktion, Versorgungsschwierigkeiten, den inflationären Auswirkungen der internationalen Wirtschaft (Preisrevolution), sozialen Bewegungen (Provinzaufstände) und Soldatenunruhen verursachten schwerwiegenden Probleme nicht mehr steuern. Der Staatshaushalt brach zusammen, weil der lange Krieg gegen Persien (1568-1590) und die Umstrukturierung des Heeres (die Zahl der Janitscharen wurde erhöht und diese mit Feuerwaffen ausgerüstet) die Quellen des Reichs erschöpft hatten. Auch die türkische Provinz in Ungarn war von der Krise betroffen. Das hier in den "Friedensjahren des Krieges" stationierte türkische Heer befand sich in einem äußerst desolaten Zustand: Die Soldaten verließen infolge der gelockerten Disziplin und des geringen Soldes ihre Wachtposten. Durch die Übergriffe der Besatzungen ungarischer Grenzburgen hatte sich die öffentliche Sicherheit im Eroberungsgebiet katastrophal verschlechtert, was auch die gesicherten Einnahmequellen gefährdete. Obwohl die Staatskasse also leer war, entschied sich die osmanische Führung im Jahr 1593 (hauptsächlich auf Druck der ungarländischen und bosnischen Militärlobby) dennoch für einen erneuten Ungarnkrieg, um dem Verlust ihrer hiesigen Militärstellungen vorzubeugen und ihre ständig aufbegehrenden Söldner aus Istambul zu entfernen.

Der fünfzehnjährige Krieg: Ungarns erster moderner Krieg (1591-1606)

Ab 1591 kam es zunächst in den Gebieten Kroatiens, nach dem Sieg der Christen bei Sziszek im Juni 1593 dann in Ungarn und zwei Jahre darauf an der Grenze Siebenbürgens zu größeren Kämpfen zwischen Habsburg und dem osmanischen Weltreich. Der als fünfzehnjähriger oder auch langer Türkenkrieg bezeichnete Krieg war der erste moderne Krieg Ungarns, bei dem wirklich ernsthafte Kriegsmaschinerie zum Einsatz gelangte. Dank der Revolutionierung des Kriegswesens befanden sich die christlichen Truppen zwar militärisch im Vorteil, der erste Abschnitt des Krieges (1591-1596) brachte dennoch den Türken bedeutendere Erfolge. 1592 eroberten sie den Schlüssel zu Kroatien, die Grenzburg Bihács, 1593 Veszprém und Palota, und 1594 schließlich den Vorposten Wiens und Österreichs, die Burg von Gyõr (Raab). Zwei Jahre später führte Sultan Mehmed III. (1595-1603) sein Heer persönlich in die erste offene Feldschlacht bei Mezõkeresztes und schlug die christlichen Streitmacht. Damit stellte er zugleich die endgültige Besitzübernahme der zwei Wochen zuvor eroberten Erlauer Burg sicher. Lediglich der von Miklós Pálffy geführte Winterfeldzug 1593-1594, bei dem er zahlreiche Burgen im Komitat Nógrád zurückeroberte, minderte die Erfolge der Türken.

Im zweiten Abschnitt des Krieges (1597-1606) führte das Ringen der beiden Reiche auf ungarischem Gebiet zu einer Pattsituation. Beide Seiten gingen einmal als Sieger aus kleineren Zusammestößen hervor und eroberten einige größere Burgen (die Christen 1598: Raab, 1601: Stuhlweißenburg; die Türken 1600: Kanizsa, 1602: Stuhlweißenburg). Dennoch bewiesen die von Jahr zu Jahr neu aufflammenden Kämpfe, daß keiner der beiden Gegner in der Lage war, den anderen niederzuringen. Die Osmanen konnten den Vorteil der Christen in taktischer und technischer Hinsicht durch einen gut organisierten Nachschub und ihre zahlenmäßige Übermacht ausgleichen. Heeresreserve und Logistik der kaiserlichen Truppen stützten sich nämlich damals immer noch auf die von den Ständen der Habsburgländer angebotenen Hilfen, was das christliche Heer infolge der Wirkungslosigkeit dieses Systems häufig unbeweglich machte. Nachdem der Krieg ab 1604 auch noch in den sog. Bocskai-Aufstand mündete, empfanden beide kriegführende Seiten den 1606 an der Zsitvamündung geschlossenen Frieden als eine Befreiung. Denn die viele Jahre dauernden Kämpfe hatten ganze Landesteile auf Jahrzehnte zerstört und die Staatskassen beider Reiche völlig geleert.

Zsigmond Báthori (1588-1601) und der fünfzehnjährige Krieg

1588 übernahm das Fürstentum Siebenbürgen ein nervlich labiles und mit persönlichen Problemen ringendes Mitglied der Familie Bathori, der damals 16jährige Zsigmond (Sigismund). 1593 schaltete auch er sich in den fünfzehnjährigen Krieg ein und konnte durch seine militärischen Erfolge viele siebenbürgische Grenzburgen zurückerobern. Währenddessen hatte er unentwegt mit den Ständen seines Landes zu ringen, da viele von ihnen die Beteiligung am Krieg ablehnten. Dagegen trat der Onkel des Fürsten und sein wichtigster politischer Berater, der ausgezeichnete Heerführer István Bocskai, für den Krieg ein. In dem 1595 geschlossenen Prager Abkommen erkannte Zsigmond Báthori die Oberhoheit des ungarischen Königs Rudolf von Habsburg über Siebenbürgen an. 1599 trafen der kaiserliche General Giorgio Basta und der walachische Woiwode Mihály Vitéz ein, um die Macht zu übernehmen. Doch Woiwode Mihály beanspruchte das Fürstentum für sich, weshalb General Basta ihn bald darauf ermorden ließ. Zsigmond Báthori verzichtet mehrmals auf den Thron, kam dann aber immer wieder nach Siebenbürgen zurück, bis er das Land 1602 schließlich zum viertenmal und endgültig verließ. Sein Leben beschloß er am Prager Hofe Rudolfs. Die Einwohner Siebenbürgens waren den zügellosen Plünderungen und unvorstellbaren Grausamkeiten der Söldner General Bastas schutzlos ausgeliefert, während im Land Hungersnot und Pestepidemie grassierten. "Bastas Wagen" wurde zu einem geflügelten Wort, und 1604 lag den Habsburgern ein sterbendes Siebenbürgen zu Füßen.

Die Krise des siebenbürgischen Fürstentums

Inmitten der politischen und militärischen Ereignisse des fünfzehnjährigen Krieges wurde auch der Weiterbestand des Fürstentums Siebenbürgen zweifelhaft. Für einen Moment schien es im Ringen zwischen dem osmanischen und dem habsburgischen Reich, als könne Habsburg die Oberhand gewinnen und den östlichen Teil des Landes mit Siebenbürgen erringen. Doch die kaiserlichen Kräfte waren der noch immer starken türkischen Streitmacht nicht gewachsen, so daß der Gleichgewichtszustand erhalten blieb, der Mitte des 16. Jahrhunderts die politischen Voraussetzungen zur Selbständigkeit Siebenbürgens geschaffen hatte. 1604 zog General Basta aus Siebenbürgen ab. Wiederum war es den Habsburgern nicht gelungen, sich dauerhaft in dieser Gegend zu etablieren. Die siebenbürgischen Stände aber unternahmen die notwenigen Schritte im Interesse ihrer Erhaltung: Sie schlossen sich der Bewegung Bocskais an und wählten den über Güter in Partium vefügenden Großherrn im Herbst des Jahres 1604 zu ihrem Fürsten. Auch die Ernennungsurkunde von Sultan Achmed I. traf ein, deren Erwirkung in hohem Maße dem an der Pforte politisierenden Gábor Bethlen zu verdanken war. Der die Bocskai-Bewegung beendende Wiener Friede stellte das siebenbürgische Fürstentum wieder her. Bocskai bekam die Komitate Szatmár, Bereg und Ugocsa bzw. die Burg von Tokaj.

Die Auswirkungen des türkisch-persischen Verhältnisses auf Ungarn

Der 1590 zwischen Osmanen und Persern geschlossene Frieden hielt bis 1603. Während dieser Zeit hatte der junge und begabte Herrscher Persiens, Schah Abbas (1587-1629), das Kriegswesen seines Landes grundlegend umstrukturiert. Anstelle des früher gelegentlich rekrutierten Heeres schuf er - nach osmanischem Muster - ein stehendes Heer, in dem er, die gewachsene Rolle der Feuerwaffen erkennend, eine Artillerietruppe und Schützeneinheiten aufstellte. Die Gesamtstärke dieser Truppe belief sich auf mehr als 20.000 Mann. 1599 schickte er Abgesandte zu den christlichen Fürsten des Westens, um diese zu einem Bündnis und zum gemeinsamen Krieg gegen die Osmanen anzustacheln. Das Bündnis kam zwar nicht zustande, doch Schah Abbas wußte die Schwäche des osmanischen Reiches und die Tatsache, daß es in Ungarn beschäftigt war, auszunutzen und startete 1603 einen Angriff gegen die Ostgrenzen der Türken. Nacheinander eroberte er die im letzten Krieg verlorenen persischen Gebiete zurück und zwang die Osmanen so, bedeutende Kräfte vom ungarischen Kriegsschauplatz abzuziehen. Der Krieg dauerte mit kürzeren Unterbrechungen bis 1639 und trug entscheidend dazu bei, daß die Pforte schon um 1597-1598 Friedensverhandlungen mit dem ungarischen König aufnahm und in den folgenden Jahrzehnten alles daran setzte, den Frieden in Ungarn aufrecht zu halten.

István Bocskais Aufstand: Beginn des Ringens der ungarischen Stände

Der kriegerische Konflikt zwischen Habsburgern und Osmanen gipfelte 1604 in dem von István Bocskai geführten Aufstand, der sich an die Spitze der Bewegung des oberungarischen Adels gestellt hatte. Ursachen für die Unzufriedenheit der Stände waren Fiskalprozesse gegen die früher habsburgtreuen Grundherren sowie die Gesetzesverletzungen und gegenreformatorischen Bestrebungen des Wiener Hofes. Als Hauptkapitän Giacomo Belgiojoso 1604 den Protestanten die Kaschauer Elisabetenkirche mit Waffengewalt wegnahm und sie den Katholiken zurückgab, wurde ein militärischer Zusammenstoß unvermeidlich. Unter den gegebenen Kriegsumständen und mit Hilfe der aus dem kaiserlichen Heer übergelaufenen Heiducken gelang es Bocskai blitzschnell, nahezu das ganze Königreich einzunehmen. Dank seiner Erfolge wählten ihn in der ersten Hälfte des Jahres 1605 zunächst die siebenbürgischen und danach die ungarischen Stände zu ihrem Fürsten. Doch die Habsburggegnerschaft trieb Bocskai sehr bald in ein Zwangsbündnis mit den Türken. Infolge dessen lehnte er das im November 1605 von Kaiser Rudolf III. (1576-1612) unterbreitete Friedensangebot nicht ab. Die erste bewaffnete Auseinandersetzung der ungarischen Stände und des Wiener Hofes endete im Juni 1606 mit dem vom späteren Palatin, István Illésházy, unter Dach und Fach gebrachten Wiener Frieden.

Die Fürsten Zsigmond Rákóczi (1607-1608) und Gábor Báthori (1608-1613)

Bocskai hatte in seinem Testament Bálint Drugeth von Homonna zum Nachfolger bestimmt. Neben ihm kam als Anwärter auf den Fürstenthron auch Gábor Báthori in Frage. Die siebenbürgischen Stände entschieden sich 1607 dennoch für den älteren, besonnenen Soldaten Zsigmond Rákóczi. Doch Gábor Báthori wußte sich die Unterstützung der Pforte zu sichern, zog die Heiducken - deren Situation nach Bocskais Tod unsicher geworden und deren Privilegien bedroht waren - auf seine Seite und veranlaßte Rákóczi 1608, abzudanken. Während seiner kurzen Fürstenherrschaft machte sich Báthori die Stände Siebenbürgens gänzlich zu Feinden. Er besetzte Hermannstadt, das Zentrum der Sachsen, und zwang ihre Städte, für die Kosten seiner eigenen Vergnügungen und der seines Hofstaates aufzukommen. Die ungarischen Herren, die sich 1610 gegen ihn verschworen, ließ er köpfen. Ohne Grund griff er die Walachei an und verwickelte sich beinahe in einen Krieg mit Moldawien. 1613 versprach Báthori, den habsburgischen Truppen in Siebenbürgen Einlaß zu gewähren. Diese Versprechen konnte er jedoch nicht mehr einlösen. Denn auch der Pforte wurde seine verworrene Politik zuviel und sie ernannte einen neuen Fürsten an die Spitze Siebenbürgens.

Erstarkendes Ständetum

Der Wiener Friede bzw. der Landtag des Jahres 1608, der das Abkommen zum Gesetz erhob, brachten im Verhältnis zwischen dem Wiener Hof und den ungarischen Ständen bedeutende Veränderungen. Der Herrscher garantierte die Einhaltung der ungarischen Gesetze, freie Religionsausübung und sicherte zu, die wichtigsten ungarischen Ämter an Ungarn zu vergeben. Ab 1608 wurde auch das seit einem halben Jahrhundert verweiste Amt des Palatins wieder besetzt. Darüber hinaus sahen sich die Habsburger gezwungen, die Unabhängigkeit Siebenbürgens endgültig anzuerkennen. Die ungarischen Stände wiederum erkannten, daß man aus der Teilung des Landes auch Nutzen ziehen konnte. Der zu den Türken in einem Vasallenverhältnis stehende siebenbürgische Staat eignete sich nämlich als Trumpfkarte, wenn es um die Verteidigung ihrer Standesrechte gegenüber dem Hof ging. Doch obwohl das Ständetum dadurch erstarkte, blieb die Lenkung desr Heeres- und Finanzwesens bzw. der auswärtigen Angelegenheiten weiterhin ein Privileg der Wiener Ämter.

Ungarn und der dreißigjährige Krieg

Im Mai 1618 brach in Prag ein Aufstand der böhmischen Stände los. Damit hatte Europa einen neuen Konflikt, der dreißigjährige Krieg begann (1618-1648). Die aus religiösen Kränkungen entstandene Bewegung wandelte sich bald zu einer Serie von gesamteuropäischen Zusammenstößen, in der die Habsburger und ihr großer Rivale Frankreich ihre Kräfte um die Hegemonie in Europa maßen. Auch Ungarn, das als Schutzschild des Habsburgerreichs gegen die Türken diente, konnte in diesem Konflikt nicht außen vor bleiben. Obgleich der Hofkriegsrat ab 1606 mehr als ein halbes jahrhundertlang die Auffassung vertrat, daß der Frieden auf dem ungarischen Kriegsschauplatz um jeden Preis erhalten werden müsse. Im Gegensatz zu den relativ friedlichen Zeiten des 16. Jahrhunderts, trotz Vereinbarung mit den Türken, verwüsteten erneut Heere das Gebiet des Landes. Zuerst die vorwiegend leichten Reitertruppen der siebenbürgischen Fürsten Gábor Bethlen (1613-1629) und György Rákóczi I. (1630-1648), später dann die zu ihrer Zurückdrängung aufgebotenen regulären kaiserlichen Verbände. Währenddessen vergossen die zum Felddienst eingezogenen Mannschaften der ungarischen Grenzburgen ihr Blut auf den Schlachtfeldern des deutschen Reiches für habsburgische Herrscher, die den Krieg in politischer Hinsicht schließlich doch verloren.

Der große Fürst: Gábor Bethlen (1613-1629)

"Oh, wenn er doch entweder nie geboren worden wäre oder ewig gelebt hätte!" - beklagte den Tod Bethlens sein Page János Kemény, der später selbst Fürst wurde. Bethlen hatte sich das Fürstentum bei der Pforte erstritten. 1613 marschierte er an der Seite einer gewaltigen, rund 80.000 Mann starken türkisch-tatarischen Streitmacht in Siebenbürgen ein, so daß die verängstigten siebenbürgischen Stände ihn "frei" zum neuen Fürsten wählten. In den ersten Jahren seiner Herrschaft söhnte sich Bethlen mit den Sachsen aus, schloß mit den eingesessenen ungarischen Adligen einen Vergleich, versprach den Szeklern, daß sie ihre alten Freiheiten behalten durften, und erreichte dadurch die notwendige innere Unterstützung. 1616 velangte die Pforte von ihm die Rückgabe der Burg Lippa. Weil aber die dort stationierten Soldaten sie nicht aufgeben wollten, griff er sie an und übergab den Türken die Burg persönlich. Damit sicherte er sich das vollste Vertrauen und die Unterstützung der Pforte, die er zu Erlangung einer ständig größeren Selbständigkeit und zur Verwirklichung seiner Ziele benötigte. Nach und nach gelang es Bethlen, seine zentralisierte, als absolutistisch zu bezeichnende Macht zu festigen. Den Ständetag schloß er von der Machtausübung aus, indem er die siebenbürgischen Herren immer seltener und in immer geringerer Zahl zusammenrief. In wichtigen Fragen entschied er stets selbst, die Finanz-, Militär- und politischen Angelegenheiten des Landes lenkte er mit straffer Hand.

Bethlen und der dreißigjährige Krieg

Im Jahr 1619 schloß sich Bethlen mit einem 18.000 Mann starken Heer dem Kampf der böhmischen Stände gegen die Habsburger an. Diese Gelegenheit, Siebenbürgen mit dem königlichen Ungarn zu vereinigen, ließ der Fürst sich nicht entgehen. Während seines Marsches durch Oberungarn brachte er die ungarischen Stände auf seine Seite, eroberte Neuhäusel und Preßburg. 1620 wählte ihn der in Neusohl zusammengetretene Landtag zum König von Ungarn, krönen ließ er sich aber nicht. Doch nach der Niederlage der Böhmen bei Weissenberg, Ende des Jahres 1620, wandten sich seine früheren Anhänger, die Stände im königlichen Ungarn, gegen ihn. Sie schreckten vor seiner rigorosen Politik und vor der Gefahr zurück, daß sich unter seiner Herrschaft ein türkisches Protektorat herausbilden könnte. Dank seiner 1621 errungenen Siege schloß Bethlen Ende des Jahres den Nikolsburger Frieden, der Siebenbürgen eine territoriale Ausdehnung brachte. Später unternahm er im Gebiet des königlichen Ungarn noch zwei Kriegszüge (1623-1624, 1626), fand jedoch bei den ungarischen Herren keine Unterstützung mehr. Bethlens Verdienst war es, daß er Siebenbürgen in die Interessengemeinschaft der protestantischen Staaten Europas einbinden konnte, die im Laufe des dreißigjährigen Krieges mehrfach als ernstzunehmenden miltärischen und politischen Faktor mit dem kleinen Land rechneten.

Fürst György Rákóczi I. (1630-1648)

Nach Bethlens Tod herrschte ein Jahr lang dessen zweite Frau, Katharina von Brandenburg (129-1630), die der Fürst in seinem Testament zur Nachfolgerin bestimmt hatte. Das störte jedoch die siebenbürgischen Stände, die ihr feindlich gesinnt waren, und deshalb ließen sie sie bald abdanken. Fürst von Siebenbürgen wurde György (Georg) Rákóczi I., dessen Herrschaft dem Land ein friedliches Leben und Aufschwung brachte. Rákóczi einigte sich 1631 mit Ungarns König Ferdinand II. über die Einhaltung des Friedens, vermehrte sein Privatvermögen und die Güter der Krone beträchtlich und rechnete in Prozessen zur Güter- und Vermögenskonfiszierung mit der inneren Opposition ab. Nach langer Wartezeit schloß er sich 1643 dem schwedisch-französischen Bündnis an und griff, die Verteidigung der prostetantischen Religionsfreiheit auf seine Fahnen schreibend, in den dreißigjährigen Krieg ein. 1644 eroberte er Kaschau. Doch die schwedischen Verbündeten konnten ihm wegen eines dänischen Angriffs auf ihr Land nicht zu Hilfe eilen, so daß er bei Freistadtl eine Niederlage einstecken und das ganze Oberland aufgeben mußte. Im Dezember des Jahres 1645 unterzeichneten er und Ferdinand III. den die Aktion beendenden Linzer Frieden. Im Sinne des Vertrags dehnte sich das Gebiet Siebenbürgens auf weitere sieben ungarische Komitate aus, gleichzeitig garantierte er den ungarischen Ständen die Einhaltung des Wiener Friedens von 1606.

Militarisiertes Siedlungsnetz

Nach 1606 brach für den ungarischen Kriegsschauplatz des Habsburgerreichs erneut ein fünfzigjähriger friedlicher Zeitabschnitt an. Der nach Frieden um jeden Preis strebende Hofkriegsrat reduzierte die Garnisonen der Grenzburgen von früher 20-22.000 auf 16-17.000 Mann, um die so gewonnenen Soldbeträge in den Unsummen verschlingenden dreißigjährigen Krieg stecken zu können. Aber auch während dieser Friedensjahre gehörten türkische Übergriffe weiterhin zum Alltag, und auch die Kriegszüge der siebenbürgischen Fürsten verwandelten das Land mehrmals in einen Schlachtfeld. Die Einwohnerschaft der Frontlinie war deshalb zur Selbstverteidigung gezwungen, mußten die 5-6.000 entlassenen Soldaten der Grenzburgen doch irgendwie ersetzt werden. Als Lösung bot sich die Militarisierung der Siedlungen entlang der Grenze an. Die Marktflecken wurden mit Befestigungen umgeben, die Dorfkirchen (auch) als Wachttürme genutzt, während die Zivilbevölkerung bei ihren Grundherren zum Preis verschiedener Privilegien Militärdienste übernahm. Neben den Anwohnern der Frontlinie schalteten sich auch die vermögenderen Grundherren mit ihrem Eigenheer in die Verteidigung gegen türkische Überfälle ein.

Schwierigkeiten der Lenkung des Eroberungsgebiets im 17. Jahrhundert

Durch die schweren wirtschaftlichen und politischen Erschütterungen Ende des 16. Jahrhunderts wandelte sich das Verhältnis zwischen der Pforte und den Provinzen grundlegend. Während der Sultanshof früher über nahezu alles entschieden hatte, delegierte er im 17. Jahrhundert mehr und mehr Rechte an die lokalen Behörden. Die gravierendsten Veränderungen vollzogen sich auf dem Sektor der Finanzverwaltung: Eine Vielzahl staatlicher Geldsteuern wurde eingeführt, gleichzeitig schaffte man die regelmäßigen Konskriptionen in den Sandschaks und die darauf gründenden Benefizzahlungen ab. Stattdessen sorgten die Inhaber der einzelnen Funktionen (z.B. die Soldaten der Burgbesatzungen) meist selbst dafür, die ihnen zustehenden Beträge einzutreiben. Nachdem die Zentrale auf die ständige Kontrolle und Neuverteilung der Dienstgüter verzichtete, wurde ein beträchtlicher Teil davon vererbbar. Der Niedergang des Spahi-Heeres führte dazu, daß die militärische und Verwaltungsrolle der Sandschaks nach und nach den Vilajets zufiel. Denn die Beglerbeis konnten aufgrund ihrer höheren Einkünfte auch in Zeiten der Inflation bedeutende Eigenheere aufstellen und mit diesen den Staat effektiver unterstützen, wenn Kriege im Ausland zu bestreiten, die öffentliche Sicherheit aufrechtzuerhalten oder Steuern einzutreiben waren. Das erklärt, weshalb die Türken in den in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eroberten ungarischen Gebieten Vilajets ohne Sandschaks organisierten. Neben dem Ofner und Temeschwarer Vilajet gründeten sie die Vilajets Erlau (1596), Kanizsa (1600), Wardein (1660) und Neuhäusel (1666).

Der osmanisch-türkischen Staat vor und unter den Köprülüks

In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts begann die Macht der Sultane zu wanken. Die kostspieligen Kriege gegen Ungarn, Persien, Polen und Kreta hatten die Staatskasse geleert. Die unbesoldeten Soldaten, verarmenden Spahis und Rajas sammelten sich um rebellierende Paschas, die in Anatolien und Syrien ganze Provinzen kontrollierten. In der Staatsführung herrschte das totale Chaos. Anstelle des früher allmächtigen Padischah trafen nun seine Haremsfrauen und die mit ihnen verbündeten Janitscharenoffiziere die Entscheidungen. Die Großwesire wechselten in beängstigend rascher Folge, doch auch sie waren nicht in der Lage, die immer wieder aufflammenden Empörungen der Janitscharen einzudämmen. Im Juni des Jahres 1656 ernannte die Sultansmutter schließlich den mehr als achtzigjährigen Mehmed Köprülü (um 1575-1661) zum Großwesir. Eine Zeit des grausamen Terrors (nach schwer zu glaubenden Schätzungen ließ er allein im ersten Jahr seiner Regierung 30.000 Menschen hinrichten), der strengen Sparsamkeit und des schonungslosen Kampfes gegen Korruption begann. Durch die organisatorische Tätigkeit des mit allen Vollmachten ausgestatteten Großwesirs wurde das Reich bald wieder zu einer handlungsfähigen Großmacht. Sein zwischen 1661 und 1676 regierender Sohn Ahmed Köprülü (1635-1676) setzte - wenn auch mit sanfteren Mitteln - die Politik des Vaters fort. Die osmanischen Armeen aber gingen der Reihe nach zum Angriff auf Venedig, Ungarn, Polen und Rußland über.

György Rákóczi II. und der Verlust des Friedens (1648-1660)

György Rákóczi II. war von seinen Eltern schon als Fürst erzogen worden, doch mit seinen unklugen und verantwortungslosen Schritten verschuldete er beinahe den Untergang des Landes. Er knüpfte die Beziehungen zu den rumänischen Woiwodschaften enger und mischte sich an der Seite der neuen Woiwoden mehrmals in die dortigen Machtkämpfe ein, bis Moldawien im Jahr 1655 ein Vasalle Siebenbürgens wurde. 1656 verbündete er sich zur Aufteilung Polens mit dem schwedischen König Karl X., wobei ihn auch die beiden rumänischen Fürsten und der Kosakenhetman Chmelnitzky unterstützten. Während er bei den westlichen Ländern Möglichkeiten eines Zusammenschlusses gegen die Habsburger erkundete, suchte er auch im königlichen Ungarn Anhänger zu gewinnen. Sein jüngerer Bruder Zsigmond stand im Königreich mit Pál Pálffy und Miklós Zrínyi in Verbindung, die zu dieser Zeit auf ein mögliches ungarisches Königtum György Rákóczis hofften. Ohne Erlaubnis der Pforte und mit einer 15.000 Mann starken Streitmacht startete er 1567 seinen Angriff gegen Polen. Der Schwedenkönig versprach ihm sogar die polnische Krone, ließ den große Verluste erleidenden siebenbürgischen Verbündeten aber bald im Stich. Bei Kamenetz ging die siebenbürgische Hauptstreitmacht dann in eine Falle der Tataren. Rákóczi konnte mit etwa dreihundert Mann entkommen, überließ seine Soldaten ihrem Schicksal und jagte zurück nach Siebenbürgen.

Siebenbürgen am Rande des Untergangs

1657 fiel das ganze siebenbürgische Heer in die Gefangenschaft der Krimtataren, aber Rákóczi war entgegen seines Versprechens nicht bereit, seine Soldaten mit eigenen Mitteln auszulösen. Von der Pforte traf ein Schreiben ein, das ihn zum Rücktritt aufforderte. Doch obwohl die Stände Ferenc Rhédey zum Fürsten wählten (1657), dankte Rákóczi nicht ab. Darüber geriet der neue Großwesir Mehmed Köprülü dermaßen in Zorn, daß er 1658 höchstpersönlich mit einer Streitmacht kam, um den widerspenstigen Vasallen zu disziplinieren. Die türkisch-tatarischen Truppen besetzten Karlsburg, Thorenburg, Klausenburg und schließlich ganz Siebenbürgen. Daraufhin wählte der siebenbürgische Landtag Ákos Barcsai zum Fürsten (1658-1660). Dieser einigte sich mit den Türken, übergab ihnen Lugos und Karánsebes, akzeptierte eine Erhöhung des jährlichen Tributs auf 40.000 Forint und erreichte damit, daß die Truppen Köprülüs abzogen. 1659 brach zwischen den Anhängern Rákóczis und Barcsais ein Bürgerkrieg aus. Hinzu kam, daß der inzwischen aus tatarischer Gefangenschaft heimgekehrte János Kemény ebenfalls nach dem Thron strebte. In diesen Kampf schaltete sich der Ofner Pascha Ahmed Sejdi ein, der 1660 in der Schlacht bei Sächsisch-Fenisch über Rákóczi siegte. Rákóczi starb an den Verletzungen, die er im Kamf davongetragen hatte. Damit war die Strafexpedition gegen Siebenbürgen jedoch noch nicht beendet: Unter Führung des Serdars Ali Pascha eroberten die Türken im August 1660 auch Wardein, die Stadt des hl. Ladislaus, das Tor zu Siebenbürgen und seine größte Burg.

Ein neuer Türkenkrieg nach fünfzig Jahren Frieden (1663-1664)

Nach der langen friedlichen Periode zogen 1663 wiederum türkische Armeen gegen das königliche Ungarn. Den Anlaß zum bewaffneten Konflikt lieferte der siebenbürgische Fürst György Rákóczi II. (1648-1660) mit seinem Polenfeldzug (1657). Zur Strafe hatten die Türken 1660 Wardein besetzt, woraufhin der Hofkriegsrat Truppen in das Fürstentum abkommandierte. Früher oder später war ein militärischer Zusammenstoß zwischen den beiden Weltreichen unvermeidlich. 1663 nahm Großwesir Ahmed Köprülü mit seiner Streitmacht eine weitere schlüsselwichtige Burg ein (Neuhäusel). Anfang des Jahres 1664 aber konnten die von Miklós Zrínyi und Graf Julius von Hohenlohe geführten ungarisch-kroatisch-deutschen Truppen nach einem halben Jahrhundert endlich Erfolge gegenüber dem "Erbfeind" verbuchen. Im Laufe ihres Winterfeldzuges drangen sie tief ins Eroberungsgebiet ein, eroberten mehrere kleinere Burgen zurück und krönten ihre Aktion damit, daß sie die Esseger Brücke in Brand steckten. Mit einem Gegenangriff gelang es dem Großwesir zwar, die von den Christen belagerte Burg Kanizsa zu entsetzen und sogar Új-Zrínyivár zu erobern, doch am 1. August wurde er bei Sanktgotthard von den kaiserlichen Truppen unter Raimundo Montecuccoli vernichtend geschlagen. Dieser Sieg lenkte die Aufmerksamkeit Europas eurneut auf den ungarischen Kriegsschauplatz.

Auswegsucher: die Wesselényi-Verschwörung

Der Eisenburger Friede, der entgegen den Erfolgen der Christen die Türken begünstigte, löste im ganzen Land Empörung aus. Die ungarischen Großherren fanden sich nur schwer damit ab, daß der Wiener Hof angesichts des Sieges von Sanktgotthard eingewilligt hatte, dem unterliegenden Gegner seine Neueroberungen Wardein und Neuhäusel zu überlassen. Zunächst suchten sie, den wichtigsten Konkurrenten Leopolds I., den französischen König Ludwig XIV. (1643-1715), als Verbündeten zu gewinnen, und im Herbst 1666 wandten sie sich, geführt vom ersten Mann des Landes, Palatin Ferenc Wesselényi, mit dem gleichen Anliegen an die Türken. Für die Garantie ihrer ständischen Privilegien und freier Königswahlen sowie zum Preis eines jährlichen Tributs von 10-50.000 Goldstücken waren sie bereit, die Oberhoheit des Sultans anzuerkennen. Das hätte die Entstehung eines Vasallenstaates ähnlichen Typs wie Siebenbürgen, aber unter günstigeren Voraussetzungen bedeutet. Allerdings scheiterte die Verschwörung schon im Stadium des Pläneschmiedens, ebenso wie 1670 die daran anknüpfenden Bewegungen von Péter Zrínyi und Ferenc Rákóczi. Der Hof bestrafte das Paktieren mit den Türken hart. Zrínyi, Ferenc Frangepán, Ferenc Nádasdy und Ferenc Bónis bezahlten unter dem Henkersbeil mit ihrem Leben. Wien aber nahm die ausgezeichnete Gelegenheit wahr, die Privilegien der Anfang des Jahrhunderts erstarkten Stände und die Religionsfreiheit mit den Mitteln des Absolutismus noch stärker zu beschneiden.

Auswegsucher: die Bewegung der Landflüchtigen und das Fürstentum des Imre Thököly

Die Repressalien gegen Ungarn brachten Wien jedoch nicht den gewünschten Erfolg. Das Gubernium mußte bald wieder aufgelöst werden, das neue Steuersystem scheiterte am Widerstand der Leibeigenen und des Adels, und durch die Verurteilung protestantischer Prediger zu Galeerenstrafen wurde die Lage nur noch gespannter. Auch für den Versuch, die Mannschaften der Grenzburgen durch reguläre Verbände - also stehende Regimenter - zu ersetzen, hatte man sich den denkbar schlechtesten Zeitpunkt erwählt. Denn ab 1672 antworteten die in Siebenbürgen und im Partium vor den Repressalien Schutz suchenden Landflüchtigen in Oberungarn mit bewaffneten Aktionen auf die Maßnahmen Wiens. 1678 erwuchs dieser Kuruzen-Bewegung, als sie schon zu scheitern drohte, in der Person des Imre Thököly ein neuer Anführer. Thökölys militärische Erfolge zwangen König Leopold I. (1657-1705) auf dem ödenburger Landtag des Jahres 1681 erneut zu einem Vergleich mit den Ständen. 1682 eroberte Thököly mit Unterstützung des Ofner Paschas auch Kaschau und erkannte dann, im Gegenzug für einen Jahrestribut von 20.000 Goldstücken, die Oberhoheit der Pforte an. Damit gab es im Gebiet Ungarns für kurze Zeit ein neues Staatengebilde: das oberungarische Fürstentum des türkischen Vasallen Imre Thököly (1682-1685).

Türkische Orientation in der ungarischen Politik des 16.-17. Jahrhunderts

Bis zum Jahr 1526 hatten ungarische Politiker jede Art der Zusammenarbeit mit den Türken entschieden abgelehnt. Aber nach der Niederlage von Mohács begann die einheitliche Türkengegnerschaft zu bröckeln, und die sich um König János Szapolyai versammelnden Kräfte glaubten, daß die Abhängigkeit von den Türken das Land vor dem Auseinanderfallen retten könnte. Die Einnahme Ofens 1541 zerstörte auch diese Illusion. Doch in den 1570er Jahren reifte erneut eine "türkische" Konzeption, die beim Ringen der Stände im 17. Jahrhundert in die Tat umgesetzt wurde: Gestützt auf das Fürstentum Siebenbürgen (letzendlich also auf die Türken) widersetzte sich der ungarische Adel den Zentralisierungsbestrebungen und der Gegenreformation des Hauses Habsburg. Der Gedanke, sich dem Osmanischen Reich vollständig zu unterwerfen, kam gar nicht erst auf, denn jeder war sich im Klaren darüber, daß dies den endgültigen Untergang des Landes bedeutet hätte. Und dennoch beschritten die Wortführer der ungarischen Stände diesen gefährlichen Weg, da man die "gute Konjunktur" der 1660er Jahre hatte verstreichen lassen und die Gewalt der Wiener Regierung unterträglich war. Die türkische Orientation gipfelte schließlich in dem von Thököly geführten Aufstand, als das Land nicht nur in drei, sondern in vier Teile zerfiel, und als sich die Staaten Europas gerade zur Vertreibung der Türken verbündeten. So kam es, daß der 1683 ausbrechende Krieg einen Teil der Ungarn auf der Seite des "Erbfeindes" fand.

Das Fürstentum des Mihály Apafi (1161-1690)

János Kemény (1661-1662) bemühte sich während seiner kurzen Regierungszeit als Fürst um Unterstützung seitens Leopolds I im Kampf gegen die Türken. Dieser ließ ihn jedoch im Stich, und die siebenbürgischen Stände wählten auf Geheiß der Pforte Mihály Apafi (1661) zu ihrem Herrscher. Kemény fiel im Januar 1662 in einem Kampf mit den Apafi zu Hilfe geeilten Türken. Vor Apafi stand eine schwierige Aufgabe, die er jedoch erfolgreich meisterte. Er festigte die Regierung seines Landes, zeigte Treue der Pforte gegenüber und suchte gleichzeitig Kontakt zu der von Zrínyi und Wesselényi geführten Gruppe der ungarischen Stände. Der den Türkenfeldzug von 1663-1664 beendende Eisenburger Friede regelte auch die Situation Siebenbürgens, indem er die türkische Oberhoheit anerkannte und Wardein in türkischer Hand beließ. In den Jahren 1660-1670 versuchte Apafi sowohl an der Pforte als auch in Wien, die Souveränität des Staates Siebenbürgen zu erhalten und unterdessen Verbindungen zu den protestantischen Ländern des Westens zu knüpfen. 1677 schloß er mit dem französischen König Ludwig XIV. ein Bündnis gegen Habsburg. 1684 kam die Heilige Liga zur Befreiung Ungarns zustande, und Apafi unternahm erneut einen Versuch, Siebenbürgen dem polnisch-französischen Interessenkreis anzuschließen, um damit die Selbständigkeit des Fürstentums in die Zeit nach Vertreibung der Türken hinüberzuretten.

Der Rückeroberungskrieg gegen die Türken

Nach dem Polen- und Rußlandkrieg führte Großwesir Kara Mustafa das Heer des Osmanisches Reiches 1683 zum letzenmal gegen die Kaiserstadt. Sein erfolgloser Wienfeldzug und der Sieg der kaiserlich-polnischen Truppen am Kahlenberg waren das Vorspiel zu einem neuen großen Krieg in Ungarn. Im Frühjahr des Jahres 1684 kam unter der Schirmherrschaft von Papst Innozenz XI. (1676-1689) die Heilige Liga zustande, die im Interesse der Vertreibung der Türken die militärisch-materiellen Kräftequellen der Länder Mitteleuropas vereinte. Dieser Zusammenschluß wurde bis 1689 zu einem großen Triumphzug. Denn in der ersten Phase des Krieges (1683-1686) gelang es der kaiserlichen Heerführung, die Burgen von Gran, Neuhäusel und Szolnok und schließlich auch die einstige Landeshauptstadt Ofen (1686) zurückzuerobern. Der zweite Kriegsabschnitt (1686-1689) brachte neue Siege, die Rücknahme Belgrads und die endgültige Befreiung des mittleren Landesteils. Allerdings verletzte das allzu deutliche Erstarken der Habsburger die Interessen des großen westlichen Rivalen, König Ludwigs XIV. von Frankreich, der deshalb im Herbst 1688 den vier Jahre zuvor vereinbarten Waffenstillstand aufkündigte und die Pfalz angriff. Von da an war das Habsburgreich genötigt, einen Zweifrontenkrieg zu führen.

Doch entgegen dieser bedrängten Lage des Reiches fehlte der osmanischen Heerführung auch im dritten und längsten Abschnitt des Krieges (1689-1697) die Kraft zu einem entscheidenden Gegenschlag. 1690 konnte sie Belgrad zwar wieder einnehmen. In den folgenden Jahren aber wurden die unter Blockade gestellten, strategisch wichtigen Burgen Ungarns (Kanizsa, Wardein, Gyula) der Reihe nach von den Christen erobert, und der 1697 in Senta errungene Sieg öffnete den Weg zur baldigen Beendigung des Krieges. Nach dem Abschluß des Vertrages von Karlowitz im Jahr 1699 war das Land - mit Ausnahme des Temeschgebiets - von den Türken befreit. Ermöglicht hatten die christlichen Waffenerfolge neben dem Zustandekommen des antitürkischen Aliiertenbündnisses vor allem die Bildung eines stehenden kaiserlichen Heeres sowie die gewaltige Entwicklung der Kriegstechnik und Logistik. Diese versetzten die kaiserliche Heerführung nämlich in die Lage, den Nachschub für größere Truppenverbände an mehreren Kriegsschauplätzen zu organisieren, dadurch ihrer schon seit hundert Jahren bestehenden militärisch-strategischen Übermacht Geltung zu verschaffen und schließlich zum entscheidenden Schlag gegen den noch immer starken "Erbfeind" auszuholen. Eine Folge des jährlichen Aufmarsches dieser gewaltigen Truppenkontingente und der damit einhergehenden Verwüstungen war, daß in einzelnenen Gebieten des befreiten Landes sowohl die Einwohnerschaft wie auch das Siedlungsnetz auf ewig ausgelöscht wurden.

Der Zusammenbruch des Fürstentums Siebenbürgen

1687 erreichte der Befreiungskrieg auch Siebenbürgen. Karl von Lothringen marschierte mit seinen Truppen im Fürstentum ein und man schloß die Übereinkunft von Blasendorf. Danach hatte Siebenbürgen die Soldaten des Oberbefehlshabers mit Lebensmitteln bzw. ihre Tiere mit Futter zu versorgen, der im Gegenzug die Souveränität des Landes garantierte. Wien akzeptierte diese Vereinbarung jedoch nicht und schickte stattdessen General Antonio Caraffa nach Siebenbürgen, der den Ständen 1688 die Erklärung von Fogaras abrang. Damit unterwarfen sich die Siebenbürger der Macht Leopolds I. und Siebenbürgen kehrte unter die Oberhoheit der Krone zurück. Weiters erklärten sie sich mit der Stationierung kaiserlicher Soldaten in den siebenbürgischen Burgen einverstanden und verpflichteten sich zur Zahlung eines jährlichen Tributs von 700.000 Forint. Kurze Zeit später, im Jahr 1690, verstarb Mihály Apafi, der den Untergang seines Landes mit ansehen mußte. Danach fiel die Wahl der Pforte auf Imre Thököly als Fürsten, dem es 1690 in einer harten Schlacht am Paß von Törzburg bei Zernyest gelang, den kaiserlichen General Donatus Heissler zu schlagen. Anschließend wählten ihn auch die siebenbürgischen Stände zum Fürsten. Doch eine kaiserliche Streitmacht unter Ludwig von Baden konnte Thököly bald aus dem Land vertreiben, wohin er nie mehr zurückkehrte. Damit gehörte Siebenbürgen ohne Einschränkungen den Habsburgern.

Das Diploma Leopoldinum

Die neue Situation Siebenbürgens im Habsburgreich wurde in einem von Leopold I. 1690 erlassenen, 1691 in überarbeiteter und endgültiger Form angenommenen Diplom geregelt. An seiner Konzipierung beteiligte sich eine aus Siebenbürgen nach Wien entsandte Gruppe unter Leitung Miklós Bethlens. Das Dokument stellte die siebenbürgische Zivilregierung wieder her, indem es einen Regentschaftsrat, Gubernium genannt, mit Sitz in Hermannstadt einsetzte. Regent wurde György Bánffy, neben ihm Miklós Bethlen Kanzler, János Haller Schatzkanzler und Gergely Bethlen Generalissimus. Leopold I. garantierte die Einhaltung der siebenbürgischen Gesetze sowie freie Ausübung der vier rezipierten Religionen und legte für Friedenszeiten einen Jahrestribut in Höhe von 100.000 Forint fest. Durch dieses Diplom kam Siebenbürgen keineswegs zu Ungarn, sondern wurde als selbständige Provinz und zugleich Teil der ungarischen Krone dem Reich angegliedert. Zwar hätten sich die Siebenbürger gern darum bemüht, daß der König Mihály Apafi II. als Fürsten anerkennt, doch dieser ließ Apafi nach der Rücknahme Wardeins (1692) in Wien internieren und ihn dann (1701) auf den Fürstentitel verzichten.

Pläne zur Neuetablierung des Landes

Die wichtigste Frage nach der Rückeroberung Ofens im Jahr 1686 lautete, innerhalb welcher Rahmen die friedliche Einrichtung des Landes erfolgen sollte. Die in den zahlreichen Entwürfen der ungarischen Stände und des Wiener Hofes formulierten Ziele wichen jedoch weitgehend voneinander ab. Erstgenannte wünschten, unter den neuen Umständen ihre frühere, ausschließliche Führungsrolle wiederzuerlangen. Der die Wiener Interessen vertretende Erzbischof Leopold von Kollonich dagegen wollte in seinem Vorschlag nichts davon hören, daß man die im 16.-17. Jahrhundert auf dem Gebiet des Kriegs- und Finanzwesens bzw. der auswärtigen Angelegenheiten errungenen Positionen des Hofes einschränkt. Und auch diesesmal obsiegte Wien. Die Neuorganisierung der Burgkomitate konnte es zwar nicht verhindern, aber durch die Aufstellung der Neoacquistica Commissio war es dennoch imstande, die weitere Entwicklung einzelner Landesteile zu beeinflussen. Der Hofkriegsrat ging sogar soweit, im südlichen Grenzgebiet, gestützt auf die als Flüchtlinge im Land weilenden Serben, eine Militärgrenze unter separater militärischer Verwaltung zu organisieren, welche die Sicherheit Ungarns, und damit des Habsburgreichs, gegenüber den Osmanen auf lange Sicht gewährleistete.

Bilanz der Türkenherrschaft

Im 16.-17. Jahrhundert war Ungarn einer der wichtigsten Festlandschauplätze der bewaffneten Auseinandersetzung zwischen der christlichen und muslimischen Welt. Die ständigen Kriege, die das habsburgische und osmanische Weltreich hier gegeneinander austrugen, sowie die hunderfünfzigjährige Fremdherrschaft kosteten dem Land zahllose Menschenleben und fügten ihm beträchtliche Schäden an Produktionsmitteln und materiellen Gütern zu. Dieser irreparable Verlust zeigte sich vor allem auf demographischem und ethnischem Gebiet. Zwar machte die frühneuzeitliche Bevölkerungsexplosion auch vor Ungarn nicht halt, aber die längeren Kriegsphasen - insbesondere der fünfzehnjährige Krieg und der Rückeroberungskrieg gegen die Türken - dezimierten die gewachsene Einwohnerzahl immer wieder. Da Heere und umherstreifendes Militär hauptsächlich durch die Flußtäler vordrangen, war von den Verwüstungen in erster Linie die dort lebenden ungarische Einwohnerschaft betroffen, an deren Stelle dann Serben, Kroaten, Slowaken und Rumänen traten. Infolge dessen ähnelte die Nationalitätenlandkarte Ungarns Ende des 17. Jahrhunderts schon stark jenem Bild, welches das vor-Trianonsche Ungarn vom Anfang des 20. Jahrhunderts charakterisierte.

Bedeutende Verluste gab es im Hinblick auf das Siedlungs-, Stadt- und Klosternetz zu beklagen. In einzelnen Regionen des Eroberungsgebiets wurden mehr als die Hälfte der Siedlungen vernichtet, während die als Zentren des mittelalterlichen Geisteslebens fungierenden Klöster nahezu ausnahmslos verschwanden. Auch die hierarchische Ordnung unseres Stadtnetzes löste sich auf: Aus den drei früheren Regionalzentren (Ofen, Szeged, Fünfkirchen) wurden türkische Grenzburgen, und die den Industrialisierungsprozeß tragende Bürgerschaft flüchtete. Deshalb verlagerten sich die Schwerpunkte des Wirtschaftslebens auf die durch den Rinderhandel zu Reichtum gelangenden Marktflecken. Das zeigt zugleich die zerstörerischen Auswirkungen der Türkenherrschaft auf die früheren Wirtschaftsverhältnisse. Mit anderen Worten, die Landwirtschaft blieb weiterhin der führende Zweig, während sich der Rückstand Ungarns auf dem Gebiet der Industrialisierung und bürgerlichen Entwicklung im Vergleich zu den entwickelteren europäischen Gebieten vergrößerte. Ungeachtet dessen konnte das in drei Teile zerrissene Land seine Staatlichkeit und Souveränität bewahren. Denn dank der von den Habsburgländern finanzierten Grenzschutzsysteme blieb dem ungarischen Königreich die vollständige Annexion durch die Türken und somit das traurige Schicksal erspart, das seinen südlichen Nachbarn, den Ländern der Balkanhalbinsel, infolge der osmanischen Eroberung beschieden war.

REGIERUNG DES LANDES

Zentrale Wiener Regierungsämter

Die Länder des Habsburgreichs wurden von den zentralen Regierungsämtern mit Sitz in Wien verwaltet. Das wichtigste Amt war der Geheime Rat, wo die vertrautesten Ratgeber des Kaisers die reichswichtigen inneren und auswärtigen Angelegenheiten berieten. Daneben gab es den Hofrat, ebenfalls ein beratendes Gremium, aber mit wesentlich mehr Mitgliedern, dessen Einfluß im 17. Jahrhundert schwächer wurde, so daß sich seine Tätigkeit hauptsächlich auf das Justizwesen beschränkte. Für die Lenkung des Wirtschaftslebens bzw. der Finanzangelegenheiten zeichnete die Hofkammer verantwortlich, und sie hatte gleichzeitig die Kammern der übrigen Länder zu beaufsichtigen. In der Hofkanzlei wurden die von den genannten Regierungsämtern gefällten Entscheidungen, die kaiserlichen Befehle und Dekrete schriftlich abgefaßt. Einzelne Abteilungen der Kanzlei erlangten im Laufe des 17. Jahrhundert mehr und mehr Selbständigkeit. 1556 bildete man den für die Organisierung der militärischen Verteidigungslinie gegen die Türken und die Lenkung des Heereswesens zuständigen Hofkriegsrat, dessen Kompetenz sich auf das ganze Reich erstreckte.

Die Regierungsreform Fedinands I.: der Statthalterrat

Als Ferdinand von Habsburg im Jahr 1526 ungarischer König wurde, bedeutete das unter anderem, daß sich ein Teil Ungarns einem hinsichtlich seiner Regierungsweise moderenen Reich anschloß. Es war also gesetzmäßig, daß diese auch hier eingeführt, die mittelalterlichen Regierungsgewohnheiten überwunden und Regierungsstellen neuzeitlichen Typs gebildet werden sollten. Als ersten Versuch wünschte König Ferdinand - da er selbst außerhalb Ungarns residierte -, ein Statthaltergremium mit zentralen Regierungsaufgaben an die Spitze des Landes zu stellen. Zur Bildung des Statthalterrats kam es im wesentlichen unter der Statthalterschaft des Graner Erzbischofs Pál Várday, in den 1540er Jahren. Seine Mitglieder waren jene ungarischen Aristokraten und Prälaten, die auch dem damals herrschenden Ungarischen Rat angehörten. Der Statthalter bekam ähnliche Befugnisse wie der Palatin, durfte aber weder in finanziellen, noch in Angelegenheiten der Heeresleitung entscheiden. Ab Ende des 16. Jahrhunderts band man das Amt des Statthalters an den Palatinstitel. Es verlor seine Bedeutung als selbständiges Amt, da das ihm beigestellte Beratergremium seine Aufgaben und damit die Erwartungen Ferdinands nicht erfüllt hatte. Im folgenden Jahrhundert trugen die Palatine auch den Statthaltertitel.

Zentrale Organe der Finanzverwaltung: die Kammern

Zur zentralen Lenkung des Finanzwesens organisierte König Ferdinand I. 1528 die Ungarische Kammer, die ihre Tätigkeit nach der Flucht aus Ofen 1531 in Preßburg aufnahm. Ihre Aufgabe als Regierungsorgan, das aus einem Gremium von Räten bestand, war die Verwaltung und Beaufsichtigung der Ärareinkünfte in allen Ländern der ungarischen Krone. Sie mußte sich darum bemühen, sämtliche von der Krone veräußerten Grundstücke bald möglichst zurück zu beschaffen, ihr oblag die Kontrolle und Administration der Abgaben und Regaleinkünfte, darunter der immer mehr Bedeutung erlangenden Dreißigstzölle. Offiziell unterstand die Ungarische Kammer nur dem König, doch in der Praxis wurde sie von der Hofkammer beaufsichtigt. In Oberungarn, das zwar weitab von Preßburg lag, aber eine sehr große wirtschaftliche Bedeutung besaß, kam es 1567 zu Bildung einer formell der Preßburger Kammer unterstellten, tatsächlich jedoch weitgehend selbständigen Zipser Kammer mit Sitz in Kaschau. Die Zipser Kammer war in den östlichen Gebieten des Landes nicht nur für das Finanzwesen zuständig, sondern hatte als Regierungsorgan auch andere staatliche bzw. militärische Verwaltungsaufgaben zu erfüllen.

Ungarischer Rat und Ungarische Kanzlei

Außer dem im wesentlichen als Regierung fungierenden Statthalterrat bestand als Nachfolger des mittelalterlichen Kronrats neben den Habsburgherrschern auch der Ungarische Rat weiter, dessen Mitglieder vom König ernannt wurden. Im 17. Jahrhundert wuchs die Zahl der Räte beständig, während ihre Rolle und ihr Einfluß mehr und mehr zurückgingen. Der Ungarische Rat trat in unregelmäßigen Abständen zusammen. Meist geschah dies zur Zeit der Landtage, wenn sich die Ständevertreter sowieso versammelten. Da die Ratsmitglieder nur schwer zu einstimmigen Entscheidungen gelangten, wurden sie von den Königen höchst selten angehört. Deshalb trugen die Stände bei den Landtagen in dieser Zeit regelmäßig als Beschwerde oder Forderung vor, der König möge in ungarischen Angelegheiten nach Anhörung der ungarischen Berater entscheiden. In gleicher Weise übergingen König Ferdinand und die späteren Habsburgherrscher auch die Ungarische Kanzlei. Formell bestand sie zwar, und das Amt des Hauptkanzlers bekleidete der jeweilige Graner Erzbischof. Doch in Wirklichkeit stellte eine Abteilung der Wiener Hofkanzlei die Befehlsurkunden und Dekrete im Namen des ungarischen Königs aus.

Die obere Justizebene

Nach Mohács kam es auch auf der obersten Ebene des Justizwesens zu Umgestaltungen. Man schaffte die persönliche Urteilsfindung durch den König ab, wodurch die Kurialgerichte an Bedeutung verloren. In der Kurie übernahm den Platz des Königs ein sog. Personalis, der so zum Vorsitzenden der Tafel (Oberlandgericht) wurde. Die früher ebenfalls von der Kurie ausgeübte Jurisdiktion des Palatins blieb erhalten. Ihre Bedeutung wuchs Ende des 17. Jahrhunderts sogar, und später entwickelte sich daraus die siebenköpfige Tafel. In den bei Gerichten der unteren Instanz anhängigen Zivilprozessen des Adels und der Geistlichkeit konnte man an den Kurialgerichten Berufung einlegen. Über Adlige, die des Verrats gegenüber der Krone oder dem König angeklagt waren, urteilte der Landtag. Die Kurialgerichte sprachen im allgemeinen während der für Frühjahr und Herbst einberufenen vierzigtägigen Sitzungsperioden Recht. Doch im behandelten Zeitraum konnte diese Art Rechtsprechung infolge der Kriege und Truppenaufmärsche kaum funktionieren, weshalb sich in Ungarn andere, nicht ganz legale Bräuche der Jurisdiktion herausbildeten. So bürgerte es sich beispielsweise ein, daß Assessoren der Oberrichter von Stadt zu Stadt zogen und in den strittigen Angelegenheiten der Menschen, die sich an sie wandten, Urteile fällten.

Untere richterliche Foren

In den Marktflecken und Dörfern konnte in Angelegenheiten geringerer Bedeutung der jeweilige Richter entscheiden, im übrigen unterstanden die dortigen Einwohner der Gerichtsbarkeit des Grundherren, also dem Patrimonialgericht. Die Patrimonialgerichte erlebten im 16.-17. Jahrhundert ihre Blütezeit. Den Vorsitz führte in der Regel nicht der eigene Grundherr, sondern ein anderer geladener Adliger. Mitglieder waren die Angestellten des Grundherren und geladene Beamte des Burgkomitats. In Zivil-, Frondienst- und Strafprozessen verfügte das Patrimonialgericht über uneingeschränkte Kompetenzen ohne Berufungsmöglichkeit. In speziellen Fällen, meist wenn Majestätsbeleidungungs- oder Verratsprozesse abgewickelt werden sollten, delegierten die Könige Sondergerichte. Ein solches Gericht verurteilte im Vorfeld der Bocskai-Bewegung auch die ungarischen Großherren, unter anderem István Illésházy und István Bocskai, wobei die Urteile von vornherein feststanden und es keine Einspruchsmöglichkeit gab. An den Stühlen der Siebenbürger Sachsen und Szekler übten gewählte Stuhlrichter die Gerichtsbarkeit aus, gemeinsam mit den von den Königen und im 16.-17. Jahrhundert dann von den siebenbürgischen Fürsten delegierten königlichen Richtern, welche selbstverständliche die herrscherliche Macht repräsentierten.

Lokale Selbstverwaltungen: die Burgkomitate

Das 16.-17. Jahrhundert war der Zeitraum des Erstarkens der Selbstverwaltungen der Burgkomitate, konnten sich die zentralen Regierungsstellen außer bei der Steuereinziehung doch kaum in die inneren Angelegenheiten der Burgkomitate einmischen. Das bedeutendste Forum des ortsansässigen Adels war die in öffentlichen und Verwaltungsangelegenheiten entscheidende Komitatsversammlung der Adligen. Hier wählte man die Landtagsabgeordneten sowie die wichtigsten Amtsträger der Komitate: den Vizegespan, die Stuhlrichter, die Geschworenen. Der Obergespan hielt sich in der Regel nicht in seinem Burgkomitat auf. Von den Komitatsversammlungen wurden die im Gebiet des Burgkomitats geltenden Ordnungsregelungen, die Statute, verabschiedet. Wichtigstes Organ der Gerichtsbarkeit im Burgkomitat war der Gerichtsstuhl (Landesgericht), von wo man in Zivilprozessen an die königliche Kurie appellieren konnte. Vorsitz beim Gerichtsstuhl führte der Vizegespan, die Geschworen beteiligten sich an der Urteilsfindung. Die schriftlichen Angelegenheiten des Burgkomitats, d.h. das Ausfertigen der Sitzungsprotokolle bzw. Formulieren von Briefen, erledigte der Notar, der im allgemeinen ein geschulter, gut Latein könnender Mann war.

Privilegierte Bezirke, Bauernkomitate

Die im jazygisch-kumanischen Bezirk lebende Einwohnerschaft hatte man in Stühlen organisiert. Wichtigstes Organ ihrer Selbstverwaltung war die Universität der Jazygen und Kumanen, ihre oberste Behörde und ihr Oberrichter seit 1485 der Palatin. Im 16.-17. Jahrhundert wurde das Gebiet von den Türken besetzt, aber bestimmte Teile gliederte man auch ungarischen Grenzburgen an. Der Heiduckenbezirk bestand aus den Siedlungen der Heiducken, die sich nach der Bocskai-Bewegung hier niederließen. Ihre oberste Instanz war der ungarische König, in dessen Namen der Hauptkapitän von Oberungarn die Verfügungsgewalt ausübte. Ein Teil der Heiduckensiedlungen entwickelte sich zu Städten, die ihre Sonderstellung beibehielten, andere schlossen sich als Dörfer dem Komitatssystem an. In der Großen Tiefebene entstanden im 17. Jahrhundert die sog. Bauernkomitate. Das waren Gruppierungen geographisch eng benachbarter Dörfer, die sich zu Organisationen der Selbstverteidigung zusammenschlossen. Und zwar im allgemeinen mit dem Ziel, sich gegen Übeltäter zu wehren. Sie hielten separate Versammlungen ab, wo sie ihre Führer, die Leutnante, wählten. Mit dem gleichen Ziel bildete auch der Adel des Oberlandes Selbstverteidigungsorgane.

Die Würdenträger des Landes

Im 16.-17. Jahrhundet gab es keine zentralen Regierungsorgane der ungarischen Stände. Als Einzelpersonen nahmen sie jedoch an der Tätigkeit der Regierungsstellen auf oberer Ebene teil, und auch die führenden Vertreter des Ständetums schützten ihre Interessen. Als Stellvertreter des Königs fungierte seit dem Mittelalter der erste Würdenträger der Stände, der Palatin. Seine Kompetenzen regelte man in den Gesetzesartikeln von 1486: Er vertrat den Herrscher bei dessen Abwesenheit, verfügte über selbständige Jurisdiktionsbefugnisse, war nach dem König der zweite Oberbefehlshaber des Landesheeres, oberster Richter der Jazygen und Kumanen und durfte bis zum Umfang von 32 Leibeigenengrundstücken Güterschenkungen vornehmen. Ab 1608 nominierte der König jeweils zwei katholische und zwei protestantische Großherren, unter denen der Landtag den Palatin wählte. Aufgabe des Landesrichters war es, als einer der Oberrichter an den Sitzungsperioden der Kurie teilzunehmen. Die Rolle des kroatisch-slawonischen Bans beschränkte sich in diesem Zeitraum hauptsächlich auf die Gerichtsbarkeit. Schatzmeister und Personalis übten bei den städtischen Gerichtsstühlen der Berufungsinstanz richterliche Tätigkeit aus.

Königliche Freistädte

Den höchsten Rang im Netz der ungarischen Städte nahmen die königlichen Freistädte ein. Diese von Mauern umgebenen Städte unterstanden direkt dem König. Von ihm erhielten sie ihre Privilegien, die einerseits aus Freiheiten hinsichtlich der Selbstverwaltung bestanden, andererseits Vorteile ökonomischer Art brachten. Ihre wichtigsten Privilegien in wirtschaftlicher Hinsicht waren, daß sie die Steuern als Gesamtbetrag an den Fiskus abführen durften, über das Stapel- bzw. Marktrecht verfügten und Zollfreiheit genossen. Die ungarischen Städte bildeten zwei große Gruppen. Zur Gruppe des Ofner Stadtrechts gehörten die Schatzmeisterstädte, die von ihren eigenen Gerichten an den Schatzmeisterstuhl appellieren konnten (z.B. Ofen, Pest, Tirnau, Preßburg, Ödenburg, Kaschau, Bartfeld, Preschau). Die zweite Gruppe bildeten die dem Stuhlweißenburger Stadtrecht unterliegenden Personalisstädte, die sich bei Berufungen gegen Urteile an den Gerichtsstuhl des Personalis wenden konnten (z.B. Stuhlweißenburg, Gran, Leutschau). Die königlichen Freistädte verfügten über eine Landesständeordnung, so daß es ihnen möglich war, durch Abgeordnete an den Landtagen teilzunehmen. Im 17. Jahrhundert wuchs die Zahl dieser privilegierten Städte, obwohl die Stände zu verhindern suchten, daß der König mehr seiner Marktflecken in den Rang königlicher Freistädte erhob.

Bergstädte

Eine Sonderstellung nahmen die Bergstädte ein, die sich in den größeren Erzgebirgen entwickelt hatten. Die Bergleute erhielten ihre Privilegien vom König bereits im Laufe des Mittelalters, sie lebten nach eigener Rechtsordnung. Eine solche Gruppe bildeten die ab 1466 nach dem Schemnitzer Recht lebenden, am Fluß Gran gelegenen niederungarischen Bergstädte mit ihrem Zentrum Kremnitz: Neusohl, Schemnitz, Libethen, Pukkanz, Königsberg. Ihr Bündnis bestand bis 1863. Die oberungarischen Bergstädte schlossen sich 1487 zwecks gemeinsamer Abwicklung ihrer Berg- und Rechtsangelegenheiten zusammen (Schmöllnitz, Rudabánya, Jászó, Telkibánya, Rozsnyóbánya, Zipser Neudorf, ihr Zentrum war Göllnitz). Das Bündnis zerfiel Ende des 16. Jahrhunderts und die Städte wurden Grundherrenbesitz. Bedeutende, später zu Siebenbürgen gehörende Bergstädte gab es auch im Komitat Sathmar: Neustadt, Felsobánya, Kapnikbánya. Die Bergstädte Großschlatten, Offen, Kleingrub und Kleinschlatten im Siebenbürgischen Erzgebirge waren besonders für ihre Goldvorkommen bekannt.

Die Regierung des Fürstentums Siebenbürgen

In der Regierungsweise des Fürstentums Siebenbürgen lebten im wesentlichen die Regierungsgewohnheiten des mittelalterlichen Königreichs Ungarn weiter. Neben dem Fürsten gab es einen fürstlichen Rat. Das Recht der Ratsmitglieder beschränkte sich jedoch auf bloße Stellungnahmen, der Fürst mußte die Meinung der Ratsherren nicht berücksichtigen. Die Legislative war der eigenartig zusammengesetzte Landtag, wo in der Regel ebenfalls der fürstliche Wille zur Geltung kam. Als einziges Exekutivorgan des Fürstentums fungierte die 1566 von Mihály Csák nach mittelalterlichem Muster geschaffene Kanzlei. Die größere Kanzlei war für die inneren und auswärtigen Angelegenheiten zuständig, d.h., sie erteilte im Namen des Fürsten die Befehle bzw. Anweisungen. In der kleineren Kanzlei legte man die vom fürstlichen Tafelgericht gefällten Urteile schriftlich nieder bzw. wickelte juristische Angelegenheiten ab, die nicht Gegenstand von Prozessen waren. Daneben erledigten einige höhergestellte Beamte, die in einem privatrechtlichen bzw. Familiaris verhältnis zum Fürsten standen, die wichtigeren Regierungsgeschäfte. (Obersteuereinnehmer und Oberarrendator z.B. hatten die Einziehung der Abgaben bzw. Zehntpacht zu beaufsichtigen, und der Hauptkapitän war nach dem Fürsten der oberste Heerführer Siebenbürgens.)

Lokale Selbstverwaltungen des Fürstentums Siebenbürgen: die Stühle

Ähnlich wie die Burgkomitate erfüllten als lokale Organe auch die Stühle Aufgaben der Gerichtsbarkeit und Verwaltung. Das Sachsen- oder Königsland in Siebenbürgen gliederte sich in Stühle, die man nach den zentral gelegenen Städten benannte (Hermannstadt, Mühlbach, Schässburg, Medwisch, Löschkirch, Reismarkt, Broos, Großschenk, Reps). Außer in den Stühlen lebten auch in den Distrikten Kronstadt und Bistritz/Nösen Siebenbürger Sachsen. An der Spitze aller Sachsen stand seit ihrem staatsrechtlichen Zusammenschluß (1486) der sächsische Graf. Dieses Amt bekleidete der Würdenträger der wichtigsten Stadt, der Bürgermeister von Hermannstadt. Auch die lokale Selbstverwaltung der Szekler geschah innerhalb von Stühlen, ihr Hauptstuhl war Udvarhelyszék (die übrigen: Aranyos-, Maros-, Csík-, Sepsi-, Kézdi- und Orbai szék [szék=Stuhl]; die drei letzteren nannte man im 17. Jahrhundert Háromszék). An der Spitze der Szekler stand seit dem Mittelalter der Szekler Gespan, welchen Titel im 16.-17. Jahrhundert die siebenbürgischen Fürsten trugen.

Die Regierung der türkischen Provinz

Der türkischen Verwaltung in Ungarn fiel eine dreifache Aufgabe zu: 1. Versorgung des Heeres, 2. Steuereinziehung und Güterverwaltung, 3. Rechtsprechung. Im 16. Jahrhundert stützte sich die Administration, Militäroganisation und Finanzverwaltung des Eroberungsgebiets in erster Linie auf das Netz der Sandschaks (das arabische Wort dafür ist liva). Nach Sandschaks registrierte man die Bevölkerung, errechnete die Produktionskapazität, schrieb die Grundsteuern aus und verteilte die Timar genannten Dienstgüter. An der Spitze des Sandschaks stand der Sandschakbei (mir-i liva). Er war vor allen Dingen der Befehlshaber der in seiner Provinz Güter besitzenden Spahis, wachte aber auch über Zivilverwaltung, öffentliche Ordnung und Wirtschaftsleben. Sein Vorgesetzter war der Beglerbei (mir-i miran), der die aus mehreren Sandschaks bestehende höchste organisatorische Einheit auf Provinzebene, das Vilajet oder Beglerbeiat, lenkte. Bis zum fünfzehnjährigen Krieg teilten sich zwei Vilajets die besetzten ungarischen Gebiete: Das Ofner Vilajet (1541), zu dem bis zur Linie Donau-Drau meist fünfzehn, und das Temeschwarer Vilajet (1552), zu dem sechs Sandschaks gehörten. Der Ofner galt als der ranghöhere der beiden Beglerbeis, ab 1623 standen die Inhaber dieses Postens sogar im Rang eines Wesirs. Die höchsten Würdenträger wechselte man häufig aus: Im 16. Jahrhundert bekleideten die Beglerbeis ihr Amt durchschnittlich anderthalb und die Sandschakbeis zwei Jahre.

Für die Finanzangelegenheiten und Güterbewirtschaftung der türkischen Provinzen waren die in den Vilajetzentren tätigen Defterdare zuständig, die sich dabei auf ihren ausgedehnten Amtsapparat stützen konnten. Sie fertigten von Zeit zu Zeit verschiedene Konskriptionen über die Sandschaks an (Defter genannt). Der sog. "detaillierte Defter" beinhaltete das Provinzgesetzbuch über die allgemeinen Steuerprinzipien (Kannuname), ein Namenverzeichnis der Städte, Dörfer und Steuerzahler des Gebiets sowie die zu erwartenden Staats- und Grundherreneinkünfte (z.B. die Summe des Dschisje, den Naturalienzehnt, die Pachtzinsen, Zölle, Einnahmen der Mühlen, Fischteiche usw.). Demgegenüber diente der sog. "zusammenfassende" oder auch "Timar-Defter" zur Registrierung der Begünstigten, die man in irgendeiner Form an den im detaillierten Defter ausgewiesenen Einkünften beteiligte. Die blühendsten Siedlungen und wichtigsten Bargeldeinnahmequellen wurden vom Schatzamt selbst verwaltet (in Form von sog. Hass-Gütern), die restlichen überließ man Beamten und Militärangehörigen als Dienstgüter (Hass-, Timar- oder Siamet-Güter). Über die Stärke der Burgbesatzungen und die ihnen gezahlten Soldbeträge wurden vierteljährliche Soldlisten geführt.

Die Schlüsselfigur der türkischen Verwaltung war der Kadi. Seinem ursprünglichen Amt nach eigentlich Richter, wurde er im Staatsgefüge des Osmanischen Reichs zu einem "Mädchen für alles". Den Kadi ernannte der Diwan (Sultansrat). Obwohl in Ungarn die Grenzen der Gerichtsbezirke (Kaza) und Sandschaks häufig zusammenfielen, gab es dennoch weit mehr Gerichtsbezirke (um die 50) als Sandschaks. In seinem eigenen Bezirk entschied der Kadi auf der Grundlage des islamischen Religionsrechts vor allem in Familien-, Prozeß- und Strafangelegenheiten (im Prinzip völlig selbständig). Darüber hinaus fielen ihm aber noch jede Menge Verwaltungsaufgaben zu: Er beglaubigte die Finanzabrechnungen und zog die sog. außerordentlichen Steuern ein. Er war für die Organisierung der Lebensmittelabgaben verantwortlich und beaufsichtigte die Arbeit der Stiftungen und Zünfte. Ihm oblag es, gemeinsam mit dem Marktaufseher die Preise festzusetzen und diese sowie die Markttätigkeit zu kontrollieren. Er führte das Grundbuch und wickelte Erbschaftsangelegenheiten ab. Er war an Ort und Stelle das Auge und Ohr der Zentralmacht, d.h., er informierte die Pforte regelmäßig über die öffentliche Stimmung und die Handlungen der hohen Würdenträger. Da die ungarische Einwohnerschaft der türkischen Gerichtsbarkeit möglichst aus dem Wege ging, beschäftigten sich die hiesigen Kadis überwiegend mit Aufgaben der Militär- bzw. Finanzverwaltung.

GESELLSCHAFTSGESCHICHTE

Die Führungsschicht des Landes: der Hochadel

Die politische, militärische und wirtschaftliche Führungsschicht im türkenzeitlichen Ungarn war der Hochadel. "Hochwohlgeboren" durfte sich nennen, wer vom König per Sondereinladung zum Landtag invitiert wurde. Dazu gehörten neben den Baronen, Grafen und Herzögen, deren von den Habsburgherrschern verliehene Titel vererblich waren, die Prälaten des Landes. Zusammen nannte man sie Magnaten. Aus ihren Reihen kamen die wichtigsten Würdenträger der Stände (z.B. Palatin, Landesrichter), sie bekleideten die höchsten Militärämter (Hauptkapitän). Das bedeutete, sie waren nicht nur alleinige Herren der Innenpolitik und Gerichtsbarkeit des Landes, sondern hatten auch auf die lokale Lenkung des Militär- und Finanzwesens entscheidenden Einfluß. Grundlagen ihrer Macht waren der Großgrundbesitz und das aus Geld oder Wertgegenständen bestehende Vermögen, die sie entweder durch Eheverbindungen oder Herrscherschenkungen für geleistete Dienste vergrößern konnten. Zur damaligen Zeit knüpften sie mit der österreichisch-deutschen Aristokratie noch weniger enge Beziehungen und hielten sich lieber in ihren Burgen, als am Wiener Hof der Habsburgkönige auf. Eine große Karriere eröffnete sich jedoch nur denjenigen ungarischen Aristokraten, die bei Hofe erzogen worden waren oder enge Kontakte zu diesem pflegten (z.B. Tamás Nádasdy, Miklós Pálffy, Miklós und Pál Esterházy).

Vielschichtiger niederer Adel

Nach dem Gesetz verfügte jeder Adlige im türkenzeitlichen Ungarn über die gleichen Privilegien, dennoch gab es Unterschiede zwischen Aristokratie und niederem Adel. Der niedere Adelsstand, dessen Angehörige Blutsteuer leisteten, war in sich stark differenziert. Es gab wohlhabendere Adlige, die mehrere Dörfer besaßen und die als Familiaris häufig im Dienst eines größeren Grundherren standen. Sie bildeten die politisierende Führungsschicht der Burgkomitate, die sich in der unteren Tafel des Landtages (Unterhaus) durch Abgeordnete vertreten ließ. Daneben gab es kleinere adlige Grundbesitzer, deren Grundstück nicht größer war als das der Leibeigenen, die den gleichen Lebenstandard hatten wie diese und die ihrem Grundherren sowie dem König sogar Steuern (Taxe) entrichteten. Ihren Adel garantierte einzig der Adelsbrief mit dem Wappen. Der Kampf gegen die Türken bot auch vielen Soldaten der Grenzburgen Möglichkeiten, durch ihre Tapferkeit in die Reihen des Adels aufzusteigen. Und ab dem 17. Jahrhundert konnten es selbst vermögendere Bauern - mit Geld und wenn sich ihr Grundherr für sie verwendete - erreichen, geadelt zu werden und daraus beträchtlichen Nutzen zu ziehen.

Geburt einer neuen Gesellschaftsgruppe: das Militär der Grenzburgen

Als Folge der türkischen Eroberung bildete sich in Ungarn in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine ganz neue soziale Gruppe heraus: das Militär der Grenzburgen oder - wie man damals sagte - "der Stand der Krieger". Das mehr als 20.000 Mann starke, ständig Grenzschutzdienst leistende Militär verdankte seine Selbständigkeit jenen Privilegien (Steuerfreiheit, Befreiung von der Grundherrenjurisdiktion, unabhängige Militärgerichtsbarkeit, Religionsfreiheit), in deren Genuß früher nur die privilegierte Schicht des Landes, der Adel, gekommen war. Dieser Schicht angehören zu dürfen, bedeutete in damaliger Zeit eine der glänzendsten Aufstiegsmöglichkeiten. Den "Kriegerstand" bildeten nämlich in der Mehrheit Leibeigene und kleine Adlige, die ihren Besitz verloren hatten, während ihre Offiziere Angehörige des niederen Adelsstandes und ein Teil ihrer Befehlshaber Aristokraten waren. Obwohl die Lebensweise des Militärs der Grenzburgen durch den entlang der Grenzen angewandten Kampfstil der leichten Reiterei wesentlich von der des sich Ende des 17. Jahrhunderts herausbildenden stehenden Heeres abwich, erfüllte es die ihm gestellten Aufgaben bis zur Auflösung des Grenzschutzsystems dennoch restlos. Dank seiner ängstlich gehüteten Privilegien und seiner Zusammensetzung nahm es in der ungarischen Gesellschaft eine Mittelstellung zwischen dem Adel und der Leibeigenschaft ein, stand ersterem aber näher.

Heiducken und wehrhafte Bauern im Ungarn des 17. Jahrhunderts

Nach dem fünfzehnjährigen Krieg stieg die Zahl der Heiducken in Ungarn auf ein Vielfaches der Zahl des vorangehenden Jahrhunderts. Diese ursprünglich vom Rinderauftrieb lebende soziale Schicht gliederte sich in mehrere Gruppen. Die königlichen oder eingetragenen Heiducken wurden vom Herrscher besoldet und leisteten in den Grenzburgen Dienst. Dort dienten auch die freien Heiducken, deren Lebensunterhalt allerdings aus der bei Streifzügen gemachten Beute bestand. Wenn diese nicht ausreichte, fielen sie sogar über die Leibeigenen her. Eine separate Gruppe bildeten die etwa 10.000 Heiducken mit kollektiven Privilegien, die István Bocskai in den Jahren 1605-1606 zumeist in den alten Heiduckenstädten angesiedelt hatte. In den Komitaten Szabolcs und Bihar, längs der Flüsse Hernád und Sajó, setzen auch die Nachkommen des Fürsten Bocskai die Ansiedlungen fort, während in Transdanubien und Nordungarn die größeren Grundherren (die Familien Batthyány, Esterházy, Nádasdy) ihren Militärdienst leistenden Heiducken unterschiedliche Privilegien gewährten. Ähnliche Freiheiten erhielten im Gegenzug für Kriegsdienste auch die in der Murgegend lebenden wehrhaften Bauern der Familie Zrínyi, die in ihren befestigten Siedlungen, ähnlich den Heiducken, ein halb soldatisches, halb bürgerliches Leben führten.

Die städtische Bürgerschaft im Schatten der türkischen Eroberung

Auf die Entwicklung der ansich rückständigen städtischen Bürgerschaft wirkten sich die türkische Eroberung und die ungarische Wirtschaftsentwicklung besonders nachteilig aus. Mit der Dreiteilung des Landes waren mehrere königliche Freistädte türkisch geworden, was die Unterentwicklung des Stadtnetzes endgültig konservierte. Die Rückständigkeit des Gewerbes verhinderte es, daß die Bürger zu Reichtum gelangten, und der Umstand, daß sich Adel und Militär in den Städten niederließen, schränkte ihre früheren Positionen ebenfalls ein. Paradoxerweise eröffnete auch der städtischen Bürgerschaft nicht in erster Linie die Gewerbetätigkeit, sondern ihre Beteiligung an dem im Eroberungsgebiet einsetzenden Rindern- und Weinhandel bzw. Weinbau Möglichkeiten zur Anhäufung eines beträchtlichen Kapitals. Diese Kapital investierten sie allerdings nicht in die Gründung von Manufakturen, sondern verwendeten es erneut für den Ankauf von Boden oder Weinstöcken, was der Weiterführung ihrer Handelsunternehmungen förderlich war. Entgegen aller negativen Erscheinungen konnte die Mehrheit ihre Privilegien aber bewahren.

Die breiteste Gesellschaftsschicht: die Leibeigenen

Obwohl der ungarische Adel in europäischer Relation nach Polen der zahlreichste war, bildete dennoch die nicht privilegierte Leibeigenschaft die breiteste Schicht der ungarischen Gesellschaft. Ähnlich ihren Herren war auch diese Schicht sehr differenziert. Zwar gab es im 16.-17. Jahrhundert zahlreiche Versuche, sie an die Scholle zu binden. Das gelang jedoch niemals vollständig. Ihr Recht auf Freizügigkeit konnte man schon deshalb nicht ganz einschränken, weil es notwendig war, die Reihen der in den Grenzburgen kämpfenden Soldaten und Heiducken aufzufüllen, und weil die Grundherren ihre entvölkerten Güter ebenfalls gern wieder besiedelten. Einem entflohenen Hörigen aber stand der Weg zum Aufstieg offen, gleich welcher mit mehr oder weniger Privilegien ausgestatteten Gruppe er sich anschloß. Wo die Macht eines Grundherren gefestigter war, dort hatten Leibeigene die Last zahlreicher Abgaben und Frondienste zu tragen. Gleichzeitig konnten diejenigen unter den zu Wohlstand gelangten Bauern oder Häuslern, die Vieh züchteten, Wein anbauten, ein Gewerbe oder eventuell Handel betrieben, einen höheren Lebensstandard als Adlige mit nur einem Grundstück erreichen und sich im 17. Jahrhundert für Geld sogar einen Adelsbrief kaufen.

Bauern und Agrarbürger im Eroberungsgebiet

Mit der Herausbildung des türkischen Eroberungsgebiets schalteten sich immer mehr Bauern der Dörfer und Agrarbürger der Marktflecken in das florierende Geschäft der Rinderzucht und des nach Westen gerichteten Rinderhandels ein. Die spezifische Entwicklung der ungarischen Wirtschaft im 16.-17. Jahrhundert bot günstige Bedingungen für die Bereicherung der Schicht der Viehzüchter- und Viehhändler. Die Agrarbürger hatten mit der Beteiligung am Viehhandel ihre einzige ökonomische Überlebenschance wahrgenommen, ja im 16. Jahrhundert zogen die Marktflecken des Eroberungsgebiets sogar entschieden materiellen Nutzen aus dieser Tätigkeit. Dank ihres Vermögens wuchs auch ihre Rolle in der lokalen Administration und Selbstverwaltung. Denn infolge der Flucht des Adels waren im Eroberungsgebiet die früheren Institutionen, die Burgkomitate, großenteils lahmgelegt, so daß nun die Agrarbürger die Verwaltungsorgane der Einwohnerschaft übernahmen. Auf diese Weise trugen sie zum Fortbestand der ungarischen Rechtsbräuche und Gesellschaftsnormen im türkischen Eroberungsbiet sowie dazu bei, daß deren Neubelebung nach Vertreibung der Türken weniger Schwierigkeiten bereitete.

Die Beziehung des ungarischen Staates zu den Ungarn im türkischen Eroberungsgebiet

Im Laufe der Zeit mischte sich das königliche Ungarn durch seine Organe auf staatlicher und Komitatsebene mehr und mehr in die alltäglichen Belange des Eroberungsgebiets ein. Parallel zu Wiederherstellung des Besitzrechts regelte man auch die Beziehungen immer detaillierter, die ungarische Behörden und Privatpersonen zu Türken ausbauen durften. In den Jahren 1574, 1575 und 1587 verbot der ungarische Landtag, sich den Türken freiwillig zu unterwerfen. Die 1622, 1625 und 1635 verabschiedeten Gesetze drohten jedem die Todesstrafe und den Verlust seiner Güter an, der sich mit Türken verbündete, ihnen Waffen auslieferte oder ohne Wissen der ungarischen Behörden ins Eroberungsgebiet reiste. Der 13. Gesetzesartikel von 1659 qualifizierte dann auch die Grenz- und Besitzangelegenheiten als Straftatbestände sogenannt "türkischer Art". Von den 1630er Jahren an kamen solche strafbaren Handlungen "türkischer Art" in der Rechtslegungs- und Gerichtspraxis der Burgkomitate des Eroberungsgebiet immer häufiger vor. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde eines Vergehens "türkischer Art" für schuldig befunden, wer Kleidung türkischen Geschmacks trug, türkische Sitten annahm (z.B. rauchte!), türkische Briefe weiterleitete, sich häufig in türkischen Burgen aufhielt, ein früher ungarisches Gut an einen Türken verkaufte bzw. verpfändete oder umgekehrt das Gut eines Türken erwarb bzw. in Pfand nahm, und wer mit einer solchen Sache an den türkischen Kadi herantrat, in der sich auch die ungarischen Behörden für zuständig hielten.

Erstarkende Intellektuellenschicht

Trotz Türkenherrschaft blieb Ungarn auch im 16.-17. Jahrhundert in den Kreislauf der europäischen Kultur eingebunden. Eine große Rolle spielte dabei die Intellektuellenschicht, deren Vertreter die Universitäten im Deutschen Reich, in Italien, der Schweiz oder sogar im fernen Holland und England besucht hatten. Die Verbreitung der Reformation im 16. Jahrhundert brachte neben der Ungarischsprachigkeit auch die Gründung namhafter Kollegien (Kronstadt, Debrecen, Sárospatak, Pápa) und einer Vielzahl von Dorfschulen mit sich. Im darauffolgenden Jahrhundert entstanden im Zeichen der Gegenreformation die Jesuitengymnasien (Raab, Kaschau) sowie die von Péter Pázmány gegründete Universität in Tirnau (1635). All das trug zur Bereicherung der ungarischen Intellektuellenschicht bei. Infolge dessen kam es zu einem Aufschwung der Buchdruckerei, mehr und mehr Menschen bedienten sich der Schriftlichkeit, und Bibliotheken erlangten im Kreis des Adels und der Bürgerschaft einen immer höheren Stellenwert. Gleichzeitig boten sich auch für Angehörige der unteren Schichten Aufstiegsmöglichkeiten, wenn sie beispielsweise als Jurist an einem katholischen oder protestantischen Kirchengericht bzw. einem der staatlichen Gerichte arbeiten konnten, d.h. in den Kreis der Intellektuellen einer Stadt oder eines Burgkomitats aufgenommen wurden.

Drei Stände - drei Nationen: Ungarn

Im Ergebnis der mittelalterlichen Entwicklung gestaltete sich die Ständeordnung in Siebenbürgen anders als in den übrigen Teilen Ungarns. In Siebenbürgen bedeutete der Begriff Stand soviel wie Nation, allerdings nicht im heute gebräuchlichen Sinne des Wortes Nation. Das Ungartum bildete einen separaten Stand (eine Nation), zu dem jedoch nur der ungarische Adel gehörte. Voraussetzungen für die Aufnahme in den ungarischen Adelsstand waren der Adelstitel und der damit einhergehende Grundbesitz. Ein ungarischer Adliger gleich welcher Nationalität gehörte also der ungarischen Standesnation an, wenn er den Anforderungen entsprach. Demgegenüber konnte der siebenbürgische Adel seine Ansprüche als Stand nur in den seltensten Fällen beim Fürsten durchsetzen. Das hing einerseits damit zusammen, daß siebenbürgische Adlige über wesentlich weniger Grundbesitz verfügten und daher eine geringere materielle Kraft repräsentieren als der Adel Ungarns. Andererseits hatten sie infolge der differenzierten Machtstruktur Siebenbürgens sowohl in der Legislative, als auch in der Exekutive nur begrenzte Möglichkeiten, ständische Interessen geltend zu machen.

Drei Stände - drei Nationen: Szekler

In der Geschichte der Nation bzw. des Standes der Szekler kam es im 16. Jahrhundert zur Auflösung der mittelalterlichen Szekler Gesellschaftsstruktur. Die soziale Differenzierung nach Vermögen ging weiter und die drei Geschlechter des Szeklertums bildeten sich heraus. Das Gemeinvolk verarmte mehr und mehr, so daß immer weniger Szekler ihren Militärdienstverpflichtungen nachkommen konnten. Solche veramten Szekler traten dann in den Dienst eines wohlhabenderen Szekler Herren und wurden zu dessen "Sassen". Allerdings lebten sie immer noch freier als die siebenbürgischen Leibeigenen. Denn mit ihren Herren verband sie lediglich ein Vertragsverhältnis, während sie ihre Freizügigkeit behielten. Frater Georg verpflichtete die Szekler zwischen 1542 und 1551 mehrfach zu Geldsteuern und forderte daneben auch ihre traditionelle Abgabe, das Ochsenbraten. Die Empörung der Szekler gegen ihre Besteuerung führte 1562 zum Aufstand des Szeklertums, der von János Zsigmond hart geahndet wurde. Nach der Niederschlagung des Aufstandes entzog er ihnen sämtliche seit Jahrhunderten verbrieften Freiheitsrechte. Damit gab er den siebenbürgischen Fürsten - die auch den Titel des Szekler Gespans trugen - für die Folgezeit ein Mittel in die Hand, die Szekler mit dem Versprechen der Rückgabe ihrer Privilegien zu gängeln, wenn sie die Dienste der noch immer bedeutenden Szekler Streitmacht in Anspruch nehmen wollten. 1636 setzte György Rákóczi I. das jus Regium im Szeklerland außer Kraft und sicherte sich damit die ewigwährende Dankbarkeit des Szeklertums. Das im Mittelalter geschaffene System der Szekler Stühle bestand auch im Fürstentum weiter.

Drei Stände - drei Nationen: Sachsen

An der Spitze der Selbstverwaltung der sächsischen Nation stand seit 1486 der sächsische Graf. Dieses Amt bekleidete in der Regel der Bürgermeister von Hermannstadt. Der Stand der Sachsen war die begütertste Nation Siebenbürgens, in erster Linie dank ihrer reichen Städte. Auch im Zeitalter des Fürstentums konnte sie ihre ständischen Privilegien und damit ihre Sonderstellung bewahren, ja sogar festigen, da das Sachsentum an den lutherischen Glaubenssätzen festhielt und zum Ende des 16. Jahrhunderts ein eigenes nationales Bewußtsein zu entwickeln begann. 1545 wurde unter dem Episkopat des Bischofs Paul Wiener die sächsische evangelische Kirche gegründet. Die deutschstämmigen Kaufleute der siebenbürgisch-sächsischen Großstädte Hermannstadt, Kronstadt, Bistritz oder auch Klausenburg - das zwar nicht im Sachsenland lag, aber erst Ende des 16. Jahrhunderts mehrheitlich von Ungarn bewohnt wurde - belieferten weiterhin auch westliche Märkte mit den Waren des sächsischen Metallhandwerks. Doch das brachte weder ihnen noch Siebenbürgen im Endergebnis einen dauerhaften Aufschwung bzw. Wirtschaftswachstum. Dem sächsischen Zunftgewerbe gelang es nicht, die mittelalterlichen Rahmen zu überwinden. Die Bildung von Innungen schränkte die Produktion auf die bescheidenen Bedürfnisse eines engen Binnenmarktes ein.

Die siebenbürgische Gesellschaft im 17. Jahrhundert

An der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert hatte das Fürstentum Siebenbürgen ca. eine Million Einwohner. Nach dem fünfzehnjährigen Krieg mußte es im Zeitraum 1657-1661 erneut Verwüstungen über sich ergehen lassen, die eine Migrationswelle innerhalb des Landes, aber auch zwischen Siebenbürgen und den benachbarten rumänischen Gebieten auslösten. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts betrug die Gesamtbevölkerungszahl - teilweise deshalb, weil nach dem Fall von Wardein auch Partium unter türkische Oberhoheit geriet - nur noch 700-800.000, wovon 40-50% Ungarn, 10-15% Sachsen und 30-40% Rumänen waren. Die siebenbürgische Aristokratie bildeten einige wenige Familien, deren Mitglieder dem Fürsten als Ratgeber zur Seite standen oder in anderen Ämtern an der Machtausübung teilhatten. Hier konnte sich die Institution der Erbaristokratie nicht herausbilden, so daß die Adelsfamilien der Gnade oder Ungnade des Fürsten stärker ausgeliefert waren. Auch in diesem Jahrhundert überwog in Siebenbürgen die Zahl der kleinen und mittelständischen adligen Grundherren, da die größten Grundbesitze und Güter dem Fürsten gehörten. Unter Apafi waren massenweise Erhebungen in den Adelsstand zwar keine Seltenheit, wodurch der zahlenmäßige Anteil des Adels innerhalb der Gesellschaft stieg. Doch die höchste Macht lag unverändert in der Hand der Fürsten.

Die siebenbürgisch-sächsische Gesellschaft hatte ihre auf mittelalterlichen Privilegien beruhende Sonderstellung bzw. eigene Rechtsordnung bis zur Mitte des Jahrhunderts bewahrt. 1651 verloren sie jedoch das Recht, demzufolge man sie nicht unmittelbar vor das fürstliche Gericht zitieren konnte. Ebenfalls aus dieser Zeit stammt die Verfügung, nach der in ihren Städten auch Nicht-Sachsen Häuser erwerben durften, was zur weiteren Zersetzung der sächsischen Einheit beitrug. Die Zahl der Rumänen wuchs nicht nur unter der mit staatlichen oder Grundherrensteuern belasteten Leibeigenschaft, sondern vielen gelang es auch, in den Adelsstand aufzusteigen und neben den Fürsten bedeutenden politischen Einfluß zu gewinnen. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts bildete sich die typische Mittelschicht der siebenbürgischen Gesellschaft, die Intellektuellenschicht, heraus, zu der die Geistlichen, Anwälte, Prediger, Lehrer, Ärzte und Beamten gehörten. Viele von ihnen wurden von Mihály Apafi sogar geadelt. Dagegen fanden aus den Reihen der sehr armen Leibeigenschaft nur wenige in den Salz- oder Erzbergwerken, Eisen- oder Glashütten und Mühlen Arbeit.

Die türkische Gesellschaft in Ungarn

Rund 50-80.000 Türken dürften es gewesen sein, die sich im Zuge der Eroberung in Ungarn ansiedelten. Die Mehrheit diente als Soldaten oder Beamte. An der Spitze der türkischen Gesellschaftspyramide standen die Beglerbeis, die Sandschakbeis, deren Stellvertreter und die Kadis der Vilajetzentren. Ihnen folgten die Verantwortlichen der einzelnen militärischen und zivilen Fachbereiche: die Defterdare, die Alajbeis, die Kapitäne der Flußflotillen, die Kadis der Sandschaks sowie die führenden Persönlichkeiten des religiösen Lebens, die ranghöheren Imams und Mollas. In bezug auf Macht und materielle Anerkennung standen die Beis weit über allen anderen. Die Ofner Paschas strichen im 16. Jahrhundert jährlich durchschnittlich eine Million, die Sandschakbeis 200-400.000 Aktsche ein, und das zählte selbst im Vergleich zu den 30-70 Aktsche Tageslohn eine Bezirkskadis als ein riesiges Vermögen (der Ofner Kadi war die Ausnahme, da er täglich 500 Aktsche verdiente). Allerdings wurden diese hochgestellten Beamten häufig ausgewechselt und versetzt (wobei sie überwiegend im Eroberungsgebiet eine neue Stellung bekamen). Den größten Teil ihrer Einkünfte brauchten sie für die ohne Entlohnung verbrachte Wartezeit, den Unterhalt ihres Gefolges und die Schmiergelder auf, so daß die meisten, obwohl ihnen auch Nebeneinkünfte zuflossen, ihren Nachkommen nur ein bescheidenes Vermögen hinterließen.

Die Mittelschicht der in Ungarn lebenden Türken bildeten zwei größere Gruppen. Hierzu gehörten die Steuereinnehmer und mittleren Beamten (Subaschi, Woiwode, Emin), die ihren direkten Kontak zu den Steuerzahlern auch zur Verbesserung ihrer eigenen materiellen Lage ausnutzen konnten. Ihnen gleichrangig waren die für das seelische Wohlergehen der hiesigen Türken sorgenden Gelehrten: die Lehrer der Medresse-Schulen, die Vorsteher von Klöstern, die Imams der mittleren und kleineren Dschamis und Moscheen. Zwischen die mittlere und untere Schicht lassen sich einzelne wohlhabendere Kaufleute und Gewerbetreibende sowie jene Timar-Güter bewirtschaftenden Spahis einordnen, deren Dienstgüter etwas mehr abwarfen als die Güter ihrer im Reichsinneren dienenden Gefährten. Auf der untersten Stufe der Rangleiter standen die Soldaten der Burgbesatzungen, die ihr Leben von 3-10 Aktsche Tagessold fristen mußten. Ihre Unterbezahlung zwang sie, stärker als die privilegierten Gruppen, einer Nebenbeschäftigung nachzugehen (hauptsächlich im 17. Jahrhundert, als sich ihre Bezüge völlig entwertet hatten). Die meisten versuchten, mit der Eröffnung eines Ladens, mit einem Gewerbe oder Gelegenheitshandel, und im 17. Jahrhundert dann immer mehr auch mit der Landwirtschaft, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.


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