Zurück zum Inhaltsverzeichnis

LITERATUR

UNGARISCHSPRACHIGE LITERATUR
LATEINISCHSPRACHIGE LITERATUR
HUMANISTISCHE LITERATUR



UNGARISCHSPRACHIGE LITERATUR

Die Entfaltung der ungarischprachigen Klosterliteratur
zwischen 1470 und 1530

Zwei neue literarische Erscheinungen waren für die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts kennzeichnend: die Einführung der lateinischsprachigen humanistischen Literatur und die Entfaltung der ungarischsprachigen Klosterliteratur. Letztere stand in enger Verbindung zur lateinischen theologischen Literatur. Ihre literaturgeschichtliche Bedeutung verdankt sie weder ihrer Ursprünglichkeit, noch ihrem Inhalt oder ihren selbständigen ästhetischen Werten, sondern jenen übersetzerischen Anstrengungen, die innerhalb weniger Jahrzehnte zur Geburt einer eigenen ungarischen Literatursprache führten. Parallel dazu eröffneten sich auch für diejenigen, die kein Latein konnten, Möglichkeiten, Schreiben und Lesen zu erlernen. All das entsprang im behandelten Zeitalter dem Anspruch einer relativ kleinen Gruppe, und zwar der Nonnen, die die latenische Sprache nicht beherrschten, der in Klöstern lebenden, körperliche Arbeiten verrichtenden Laienbrüder sowie einiger eifriger weltlicher Personen.

Vor der Mitte des 15. Jahrhunderts waren Kodizes in ungarischer Sprache eine Seltenheit. Der Religionsunterricht erfolgte im Rahmen der Predigt von Anfang an in der Muttersprache. Über Rechtsangelegenheiten informierte man die Klienten zwar auch in Ungarisch, doch für deren schriftliche Fixierung wurde Latein verwendet. Die Schriftkundigen konnten Latein, Gläubige und Klienten dagegen nicht einmal ungarisch lesen. Übersetzt wurde nur in Worten, wodurch sich die Sprache nach und nach immer besser eignete, auch abstrakte theologische und rechtliche Fragen ausdrücken zu können. Einen direkten Einfluß begann die lateinische Grammatik von da an auszuüben, als man versuchte, lateinische Texte schriftlich unmittelbar und soweit wie möglich wortwörtlich zu übersetzen. Die um 1370 entstandene Übersetzung der Franziskus-Legende (Jókai-Kodex, 1440) spiegelt die Anfangsschwierigkeiten wider: Der ungarische Text ist wegen der wortwörtlichen Übertragung grammatischer Konstruktionen, die unserer Sprache fremd sind, oftmals völlig unverständlich.

Die ungarische Franziskus-Legende wurde vermutlich für Franziskanermönche übersetzt bzw. kopiert, die nur wenig Latein konnten, und der Ursprung einer im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts entstandenen Bibelübersetzung, der sog. Hussitenbibel (Wiener Kodex, Münchner Kodex, Apor-Kodex), ist umstritten. Andere ungarischsprachige Kodizes aus dieser Zeit sind nicht bekannt, mehr als einige Dutzend dürften es jedoch kaum gewesen sein. Aus den Jahren zwischen 1470 und 1530 dagegen sind mehr als vierzig Handschriften überliefert, bei denen es sich größtenteils schon um die 'zigste Kopie handelt. Die erhalten gebliebenen Kopien zeugen von zwei- bis dreihundert untergegangenen Kodizes, was auf einen sprunghaften Anstieg des Interesses an ungarischsprachiger Literatur deutet. Diese Kodizes wurden also nicht mehr zufallsmäßig, sondern fortlaufend, für eine ganz bestimmte Schicht und mit exakt bestimmbaren Inhalt angefertigt.

Zur raschen Entfaltung der muttersprachlichen Klosterliteratur trugen mehrere Faktoren bei. Durch eine Reihe von Ordensreformen suchte man im Laufe des 15. Jahrhunderts auch bei uns, die gelockerte Disziplin innerhalb der Klöster wiederherzustellen. Besonderes Gewicht legten diese Reformen auf ein höheres Niveau der Schulbildung und auf die Forderung lateinischer Sprach- und Schriftkenntnisse. Die Seelsorge der Nonnen oblag den reformierten Mönchen. Sie kontrollierten die klösterliche Disziplin und sie waren auch die Übermittler einer neuartigen, persönlichen Frömmigkeit (devotio moderna). Die das Latein nicht beherrschenden Nonnen begnügten sich nicht länger mit dem gemeinsamen Rezitieren lateinischer Breviere, deren Text sie nicht verstanden, sondern sie wollten auch allein beten und meditieren können. Mönche stellten für sie die Texte zusammen und übersetzten sie. Die Nonnen wiederum lernten ungarisch lesen und einige von ihnen sogar schreiben.

Charakteristika der muttersprachlichen Klosterliteratur

Den Inhalt der muttersprachlichen Lesestücke bestimmten die seelischen Bedürfnisse der Leserschaft. Diese religiöse Literatur diente der seelischen Erbauung, dem Lernen und der inbrünstigen Andacht. Hierbei handelte es sich nicht um Originalwerke, sondern um einen gut umreißbaren Teil der lateinischen Liturgie- und Andachstliteratur, der von fleißigen Übersetzern und Kopisten innerhalb von fünfzig-sechzig Jahren in ungarischer Sprache zugänglich gemacht wurde. Obwohl die lateinischen Quellentexte sich damals auch schon in gedruckter Form verbreiteten, sind die handgeschriebenen ungarischsprachigen Kodizes immer unikale, zu bestimmten Anlässen und häufig gemischt zusammengestellte Texte. Ein Teil der Kodizes diente über kürzere oder längere Zeit einer ganzen Klostergemeinschaft, aus ihnen wurde während der Mahlzeiten oder abends im Kapitelsaal vorgelesen. Andere waren von vornherein für den persönlichen Gebrauch bzw. zum Alleinlesen bestimmt.

Ordensklösterlicher Hintergrund der Kodizes

Die Mehrzahl der Sprachdenkmäler darstellenden Kodizes (33 Exemplare) gehörte den beiden Bettelorden, Franziskanern und Dominikanern. Zentrum der Ordensprovinz der ungarischen Dominikaner war das berühmte St. Nikolauskloster in der Budaer Burg. Hier befand sich die im Rang einer Universität stehende Hochschule des Ordens, und vermutlich wurde von hier aus auch das Nonnenkloster auf der Haseninsel (Insel der Hasen, Margareteninsel) reformiert. Im Zeichen der Reform mag Pál Váci 1474 wohl die Ordensregeln des hl. Augustin und die Beschlüsse des Ordens für die Nonnen übersetzt haben. Das von der Originalhandschrift des Pál Váci erhalten gebliebene Fragment ist als Birk-Kodex bekannt. Unter Leitung der Dominikaner entwickelte sich das Inselkloster zu einem der Hauptplätze für das Sammeln und Kopieren ungarischsprachiger Kodizes. Auf der gegenüberliegenden Seite der Donau stand das Óbudaer (Altofner) Klarissenkloster, dessen Oberaufsicht das nahe Kloster der marianischen Franziskaner ausübte, die auch für den muttersprachlichen Lesestoff sorgten. Daneben liehen Klarissen und Dominikanernonnen einander gern die eine oder andere Handschrift zum Kopieren aus.

Die Pauliner von Nagyvázsony machten der Gattin ihres Klostergründers, Frau Kinizsi geb. Benigna Magyar, zwei Gebetbücher zum Geschenk. Der reich verzierte Festetics-Kodex entstand 1493, der Czech-Kodex im Jahr 1513. Aus dem Kloster Nagyvászony stammt vermutlich auch der ebenfalls Gebetstexte enthaltende, für einen weltlichen Auftraggeber kopierte Peer-Kodex. Im Ergebnis der Reformen des Prämonstratenserordens wurde das unter dem Namen Lányi-Kodex (1515-1519) bekannte Ordinarium geschaffen, das die ungarische Übersetzung der lateinischen Gottesdienstordnung beinhaltet. Dies ist in Europa das einzige Ordinarium in einer Nationalsprache. Ein besonderer Farbtupfer auf der Ordenspalette war das Kartäuserkloster in Lövöld, wo der Érdy-Kodex entstand. Die Kartäuser hatten weder ein Nonnenkloster, noch übten sie im Kreis der Bevölkerung seelsorgerische Tätigkeit aus. Dennoch entstammte diesem Orden die erste ernstzunehmende Schriftstellerpersönlichkeit der Kodexliteratur. Seinem Schaffen, mit dem er sich über die gewohnten Ordensrahmen hinwegsetzte, verdanken wir die für ein ganzes Jahr gültige Predigt- und Legendensammlung.

Die Übersetzer

Im allgemeinen wurden die Kodextexte von einfachen Mönchen übersetzt. Wer sie gewesen sind, weiß niemand, und sie selber strebten, dem mittelalterlichen Brauch gemäß, nicht danach, ihren Namen zu verewigen. Auch Pál Váci, Magister der Theologie, konnte erst aufgrund späterer Hinweise in der Ordensgeschichte als jene Person identifiziert werden, die den Birk-Kodex übersetzt hat. Ein anderer namentlich bekannter Übersetzter war der aus dem Szeklerland stammende Franziskanerbruder András Nyújtódi. Seiner als Nonne lebenden Schwester Judit zuliebe übertrug er das biblische Buch Judit ins Ungarische. Nyújtódi gibt sich in einer in herzlichem Ton gehaltenen Empfehlung an seine Schwester zu erkennen, der Székelyudvarhelyer Kodex trägt seine Handschrift. Im Jordánszky-Kodex schlägt ein unbekannter Bibelübersetzer einen ungewohnt persönlichen Ton an, indem er sich darüber beklagt, daß er einen Teil des zweiten Buches Mose nicht verstehe. Doch am Ende des fünften Buches atmet er dann erleichtert auf und bittet die Leser, für ihn zu beten.

Der Namenlose Kartäuser

Der schon erwähnte Érdy-Kodex ist keine mechanische Übersetzung eines fertigen lateinischen Werkes, sondern eine bewußt zusammengestellte Textsammlung für ungarische Leser. Daß der Autor bewußt vorging, lassen nicht nur die genaue Konzipierung des Werkes, sondern auch ein längeres lateinisches sowie ein kürzeres Vorwort in ungarischer Sprache erkennen. Im lateinischen Prolog schildert er, für wen und zu welchem Zweck sein Werk entsteht, und daneben dient er - außer mit seinem Namen - mit zahlreichen wichtigen Informationen zur eigenen Person. Absicht des in die Literaturgeschichtsschreibung als der Namenlose Kartäuser eingegangenen Mönches ist es, die Nonnen und Laienbrüder der verschiedenen Orden mit nützlichem Lesestoff gegen das drohende Luther'sche Ketzertum zu wappnen. Für jedes Fest übersetzt er den entsprechenden Bibelvers bzw. Evangelienabschnitt, diesen schließen sich lange Predigten an, und an den Feiertagen der Heiligen fügt er noch die jeweilige Legende hinzu. Die Reinschrift dieser Jahre andauernden Arbeit ist der Érdy-Kodex (1526).

Die Kopisten

Als Kopisten waren häufig noch Mönche tätig, aber auch schon mehr und mehr Nonnen, die nicht nur Lesen, sondern auch Schreiben konnten. Am bekanntesten unter ihnen wurde Lea Ráskai, der wir fünf anspruchsvolle Kodizes verdanken (Magaretenlegende 1510, Buch der Exempel 1510, Cornides-Kodex 1514-1519, Das Leben des hl. Dominikus 1517, Horváth-Kodex 1522). Die Dominikanernonne von der Haseninsel hat die Handschriften nicht einfach nur kopiert. Denn oftmals fügte sie dem vor ihr liegenden Text Anmerkungen hinzu, und in ihren Klauseln verwies sie sogar auf lokale oder im Lande geschehene Ereignisse des jeweiligen Jahres. Sie mag auch die Bibliothekarin ihres Klosters gewesen sein. Eine andere Bewohnerin des Inselklosters war Márta Sövényházi, deren Handschrift die im Érsekújvárer Kodex überlieferte, in Versform geschriebene Legende der hl. Katharina von Alexandria trägt. Häufig notierten die Nonnen Worte der Begeisterung neben dem gerade kopierten Text, doch ebenso wenig scheuten sie sich, an derselben Stelle über Kopfweh zu klagen.

Kodizes, Gattungen, Werke

Ende des letzten Jahrhunderts begann man, den wissenschaftlichen Wert dieser Kodizes zu erkennen und fing an, sie systematisch zu sammeln und herauszugeben. Im allgemeinen damals erhielten sie auch einen Namen: einige nach ihrem Aufbewahrungsort (Debrecener Kodex), andere nach ihrem Inhalt (Dominikus-Kodex), wieder andere nach ihrem Eigentümer (Lobkowitz-Kodex) oder Entdecker (Czech-Kodex). Die Namensgebung war notwendig, weil diese Handschriften aufgrund der mittelalterlichen Praxis keinen Titel hatten, und weil die Angabe der Kunstgattung (z.B. Gebetbuch) keine eindeutige Unterscheidung der Kodizes mit ähnlichem Inhalt ermöglicht hätte. Hinzu kam, daß ein Großteil sehr verschiedenen Inhalts war. Der außergewöhnlich umfangreiche Érsekújvárer Kodex beispielsweise enthält Evangelienabschnitte, Predigten, kurze Lehrstoffe, Legenden, Beispiele und Betrachtungen. Die einzige Verbindung zwischen den zu unterschiedlichen literarischen Gattungen gehörenden Texten bestand darin, daß sie sämtlichst zum Vorlesen gedacht waren. Zugleich gab es jedoch auch Werke, wie z.B. den erwähnten Érdy-Kodex, wo die unterschiedlichen Gattungen zu einem einheitlichen Ganzen verschmolzen.

Die Bibelübersetzungen

Biblische Lesestoffe tauchen in unseren Sprachdenkmälern in mannigfaltigen Variationen auf. Eine systematische, wenn auch nicht vollständige Bibelübersetzung ist die sog. Hussitenbibel aus der Zeit vor dem hier behandelten Zeitalter, ebenso wie der bereits erwähnte, in bezug auf das Alte Testament allerdings recht schwach übersetzte Jordánszky-Kodex (1516-1519). Die lateinische Fassung der Bibel wurde von den Mönchen im Rahmen ihrer Nachtgebete jährlich einmal von Anfang bis Ende gelesen. Für muttersprachliche Bibellesungen gab es keinen organisatorischen Rahmen, und historische Bücher eigneten sich nur schwer zur stillen Andacht. Beliebter als die laufenden Bibelübersetzungen waren Übersetzungen von Perikopen und Psalmen. Perikopen - Abschnitte aus der Bibel - wurden anläßlich der Messe verlesen, so daß die Nonnen sie in der Regel in lateinischer Form kannten. Und selbst wenn sie durch den Pfarrer mit ihrem Inhalt vertraut waren, hat es ihnen gewiß Freude bereitet, sie im Kapitelsaal noch einmal in ungarischer Sprache zu hören.

Den Psalter rezitierten sie wöchentlich in Latein, jedoch ohne ihn zu verstehen. Die Psalmübersetzungen trugen zum Verständnis der aus dem Kopf hergesagten Texte bei und ermöglichten es, sich in diese besonders schönen gemeinsamen Gebete einfühlen zu können. Eine Übersetzung der 150 Psalme mit den dazugehörigen Brevierhymnen und biblischen Gesängen enthalten neben dem Apor-Kodex auch der Döbrentei-Kodex (1508), der Keszthelyer Kodex (1522) und der Kulcsár-Kodex (1539). Im Érdy-Kodex und daneben im Döbrentei-Kodex sowie im Székelyudvarhelyer Kodex findet man eine Reihe von Perikopen, die das ganze Kirchenjahr umfassen. Mitunter wurde nur das eine oder andere Buch der Bibel übersetzt, wie im Falle von Judit Nyújtódi zu sehen war. Hierher gehört auch das Hohelied Salomos in ungarischer Übersetzung aus dem Döbrentei-Kodex, das eine häufige Quelle der Breviergesangsstücke und in allegorischer Interpretation ein beliebter Text der Mystik war. Im Hochzeitslied werden vom Bräutigam Christus und von der Braut die Kirche symbolisiert.

Predigten

Ein anspruchsvoller Prediger verwendete als Quelle für seine muttersprachlichen Predigten kompliziert formulierte, reichlich mit biblischen Zitaten und Hinweisen auf hochangesehene Kirchenvertreter gespickte Predigtentwürfe in lateinischer Sprache, die er während des Vortragens erweiterte und für die Ohren der Zuhörer verständlich machte. Zahlreiche solcher Predigten kann man in den verschiedenen Kodizes lesen (z.B. Cornides-, Érsekújvárer und Horváth-Kodex), es gibt aber auch zwei mit Legendarien kombinierte regelrechte Predigtsammlungen, und zwar den Debrecener und den Érdy-Kodex. Mit diesen Predigten beabsichtigte man von vornherein, daß sie gelesen bzw. vorgelesen wurden, was hinsichtlich ihrer Rolle zu einer Gattungsverwandtschaft mit den Abhandlungen (Traktaten) und Betrachtungen (Meditationen) führte. Da es sich bei den Quellen mehr um Entwürfe handelte, waren die direkten Übersetzungen (z.B. die Dorotheen-Rede aus dem Sermon von Pelbárt Temesvári im Cornides-Kodex) ziemlich trocken. Der Namenlose Kartäuser hingegen konzipierte seine Reden - ebenfalls gestützt auf Pelbárt - selber, was sie zu einer interessanten Lektüre werden ließ.

Traktate, Meditationen

Als häufigste Themen für Traktate (im mittelalterlichen Sprachgebrauch: Lehren, Erklärungen) dienten die mönchischen Tugenden und Sünden, die Freuden des Himmelreichs und die Qualen der Hölle, der Tod, das jüngste Gericht, Gewissen und Gebet. Ihre Quellen waren unter anderem die Regeln des großen Theologen und Ordensvorstehers der Franziskaner, St. Bonaventura (†1274), und sein Werk "Über die Vollkommenheit des Lebens" (Teleki-, Vitkovics-, Debrecener, Lobkowitz-, Weszprémy-Kodex), eines der wirkungsvollsten Werke der Mystik, "Die Nachfolge Christi", von Tamás Kempis (†1471) (Debrecener und Lobkowitz-Kodex), sowie der "Horologium sapientiae" betitelte Dialog zwischen der Weisheit und ihrem Schüler (Tirnauer Kodex) von dem deutschen Mystiker Henricus Suso (†1366). Die einzige Abhandlung, von der vielleicht auch das Original in Ungarn entstand, war das "Büchlein über die Würden der heiligen Apostel". Das ausgezeichnet konzipierte, interessante "Büchlein" enthält - neben dem ersten Dante-Zitat und dem ersten ungarischen Hexameter - ein geistreiches, schlagfertiges Streitgespräch zwischen den Aposteln.

Legenden und Exempel

Die Kirche war sich durchaus darüber im klaren, welch moralveredelnde und bewußtseinsformende Kraft die Lebensgeschichten und Wunder der Heiligen besaßen. Daher verlas man ihre Legenden nicht nur zu ihren Feiertagen anläßlich der Messen, sondern häufig wurde das Legendarium auch während der Mahlzeiten "zum Vorlesen bei Tisch" herangezogen. Nichts konnte für Ordensmitglieder eine bessere Anregung bedeuten als das beispielhafte Leben des Ordensgründers. Neben dem Jókai-Kodex, der im vorangehenden Zeitalter behandelt wurde, enthalten auch der für die Klarissen von Óbuda kopierte Simor-Kodex sowie der für die Dominikanerinnen der Haseninsel entstandene Virginia-Kodex die Legende des hl. Franziskus. Die Dominikanernonne Lea Ráskai schrieb im Jahr 1517 das Leben und die Wunder des hl. Dominikus ab (Dominikus-Kodex). Noch beeindruckender und überzeugender dürfte für die Nonnen jedoch das Beispiel der Heiligen ihres Kloster, der hl. Margarete, gewesen sein (Margareten-Legende).

Kürzere Legenden tauchen sporadisch in vielen Kodizes auf, doch in der Reihenfolge der Feitertage der Heiligen sind sie nur im schon vielfach erwähten Érdy-Kodex und im Debrecener Kodex enthalten. Das Sanctorale des Érdy-Kodex umfaßt das ganze Kirchenjahr. Hauptquelle der Legenden war die Legenda aurea, das populärste mittelalterliche Legendarium. Der Namenlose Kartäuser hat daneben noch zahlreiche andere Quellen seines Ordens genutzt. Bei ihm kann man auch die Legenden der ungarischen Heiligen erstmals in ungarischer Sprache lesen. Der Debrecener Kodex verfügt über ein sehr reiches Sanctorale, das aber leider unvollständig ist. Meist stammen die Legenden aus einer Sammlung mit dem Titel Catalogus Sanctorum. Der beliebteste Heilige und asketisches Ideal war zweifellos der hl. Alexius, dessen Legende sechs unserer Kodizes überliefert haben. Eine selbständige Gattung stellen die Beispiele (exemplum) dar, die mit einer kurzen, abgerundeten Geschichte und einigen religiösen oder moralischen Lehren dienen. Gern wurden sie für Predigten oder Traktate verwendet, da sie einerseits die abstrakten Thesen gut ausleuchteten und andererseits den Zuhörer oder Leser unterhielten. Eine reiche Sammlung davon enthält das Buch der Exempel.

Gebetbücher

Im Gegensatz zu den Lehrgattungen ist das Gebet ein Mittel der direkten Hinwendung zu Gott. Beten kann man gemeinschaftlich (z.B. im Rahmen der Messe oder des Breviers, auch beim Rezitieren des Psalters) oder in Form der Eigenandacht. Dieser stillen Andacht dienen die Gebetbücher. Neun ungarische Kodizes dieses Typs blieben erhalten (am bedeutendsten sind der Festetics-, Winkler-, Peer- und Kriza-Kodex). Sie alle entstanden für Privatpersonen, unter denen man auch schon solche weltlichen Standes findet. Das Vater unser, das Rosenkranzgebet und das Glaubensbekenntnis sind arpadenzeitliche Übersetzungen, die ihre endgültige Form noch vor der Verbreitung des Schrifttums erlangten. Häufigste Quelle dieser an Christus, Maria bzw. den Heiligen Geist gerichteten, ungebundenen, bittenden oder danksagenden Gebete war das beliebte lateinische Gebetbuch Hortulus animae (Gärtchen der Seele). Aus ihm übersetzte man beispielsweise den der schwedischen Ordensgründerin St. Brigitta (†1344) zugeschriebenen, aus 15 Gebeten bestehend Gebetskranz, den auch acht ungarische Kodizes bewahrt haben. Mit ihrer Schönheit bestechen unter den herkömmlichen Gebeten die sieben Bußpsalme von Petrarca (Festetics-Kodex).

Kirchliche Dichtung - Legende in Versform

Die Übersetzungen der lateinischen Hymnen dienten in erster Linie dem Textverständnis. Sie sollten keine liturgische oder Gesangsfunktion erfüllen, sondern als Gebete gelesen werden. Obwohl auf diese Weise Vers und Melodie getrennt wurden, waren einzelne Übersetzer dennoch bemüht, die Silbenanzahl beizubehalten und so die lateinischen Versformen in die Übersetzung einfließen zu lassen. Die gelungensten Hymnenübersetzungen enthalten der Döbrentei- und der Festetics-Kodex (z.B. die Hymne des hl. Ambrosius "Veni Redemptor gentium" oder die von einem Unbekannten verfaßte Hymne "Ave maria stella"). Das Lied "An die Heilige Jungfrau" dagegen ist keine Übersetzung, sondern ein von András Vásárhelyi verfaßtes Gesangsstück. Der Name des Dichters ist den Strophenanfängen des Liedes (cantilena) zu entnehmen, und in der letzten Strophe erfährt man den Entstehungsort bzw. die Entstehungszeit (Pest, 1508). Die herausragendste Leistung der ungarischen Dichtkunst im ausgehenden Mittelalter war die 4074 Zeilen in Versform umfassende Legende der hl. Katharina von Alexandria.

Weltliche Lyrik

Gleichzeitig in ungarischer und lateinischer Sprache entstand das Lied des hl. Ladislaus, als ein Grenzbeispiel zwischen kirchlicher und weltlicher Lyrik. Von dem gut gelungenen Lied mit klarem Aufbau blieb sogar die Melodie erhalten. Seine Versifikation beruht auf halbierten Dezimen. Autor der ersten poetischen Satire in ungarischer Sprache war Ferenc Apáti. In seiner Cantilene zeichnet er mit geistreichen Sticheleien ein Panorama der ungarischen Gesellschaft vor der Schlacht bei Mohács. Auch er hat seinen Namen in den Strophenanfängen verewigt. Als frühestes Denkmal der ungarischsprachigen Liebeslyrik blieb ein fragmentierter Zweizeiler aus dem Jahr 1490 erhalten, der unter dem Titel Soproner Liebeslied bekannt wurde. Das ebenfalls fragmentarisch überlieferte Tanzwort von Körmöcbánya (Kremnitz) ist ein Relikt der erotischen Spottlyrik (1505). Ein 150 Zeilen umfassendes Fragment des lange Zeit für eine Fälschung gehaltenen Poems die Erstürmung von Schabatz (1476) erzählt von einer der glänzenden Kriegstaten König Matthias'. Es hat einen präzisen Versbau, seine paarigen Reime sind oftmals bravourös. Am Ende des Mittelalters hatte sich einerseits die zum Schreiben geeignete, auch Abstraktes auszudrücken fähige Literatursprache und andererseits die vom Lateinischen unabhängige, selbständige ungarischsprachige Lyrik herausgebildet.

LATEINISCHSPRACHIGE LITERATUR

Die äußeren Umstände

Das ausgehende Mittelalter ist auch in Ungarn die Zeit des geteilten Schrifttums. Dies vollzieht sich entlang zweier Grenzlinien, und zwar der Sprache auf der einen und dem Idealismus auf der anderen Seite. Im Vergleich zu früher steigt die Zahl der auf uns gekommenen ungarischsprachigen Literaturdenkmäler wohl in außerordentlichem Maße, doch die lateinische Literatur überwiegt noch immer. Der Idealismus als Grenzlinie teilt die lateinischsprachige Literatur von innen: Einerseits entstehen weiterhin Werke, die dem Mittellatein mit seinen sprachlichen Eigenheiten entsprechen und die Gedankenwelt des Mittelalters widerspiegeln. Andererseits erscheint auch die humanistische Literatur, die sich an den Sprachnormen und Stilrichtungen des antiken Latein orientiert und die Achtung vor dem Individuum betont. Die traditionelle mittellateinische Literatur findet durch neue Kunstgattungen Bereicherung, und zugleich wächst die Zahl der Vertreter der einzelnen Gattungen. Dies ist auch die Zeit, in der sich die juristische und Predigtliteratur zu entfalten beginnen, deren Bedeutung gerade dadurch zunimmt, als sie die wichtigsten Muster für den ungarischen Sprachgebrauch und das ungarische literarische Denken darstellen bzw. vermitteln.

Neues bringt im letzten Jahrhundert des Mittelalters nicht nur der humanistische Idealismus. Auch die Struktur der Gesellschaft verändert sich und mit dieser ihre Wertordnung. Es gibt mehr und mehr juristisch gebildete Männer weltlichen Standes, die als Schicht der Schreib- und Lesekundigen auf eine Demokratisierung der Literatur hinwirken. Die Formen der Religiosität wandeln sich, wodurch die Frömmigkeit des Einzelnen immer größeres Gewicht erlangt, was schließlich auch die inhaltliche Aufteilung der Literatur wesentlich beeinflußt. Man könnte sagen, daß der Idealismus seinen Einfluß auf zwei Ebenen ausübt, von welchen die untere Ebene zweifellos die bedeutendere ist. Durch die Universitäten in Wien und Krakau bieten sich mehr und mehr Möglichkeiten zum Lernen. Ende des 15. Jahrhunderts nehmen diese beiden bequem zu erreichenden Universitäten bereits die überwiegende Mehrheit der aus Ungarn kommenden Studenten auf. Nachdem die Papiermühlen ihre Produktion steigern, hört man immer häufiger von Personen weltlichen Standes aus der Provinz, die sich gelegentlich oder professionell mit dem Kopieren von Büchern befassen. Damit wächst auch die Zahl derjenigen, die sich stolze Eigentümer von Büchern nennen dürfen. In Buda erscheinen die ersten Buchhändler. Auf Betreiben des Óbudaer Propstes László Karai eröffnet András Hess 1473 hier eine Druckerei. Bruderschaften werden gegründet - wie beispielsweise in Igló die Fraternitas Litteratorum oder der Verein der 24 Zipser Pfarrer -, welche Bibliotheken betreiben und nebenbei auch schon Bildungsziele formulieren. In den Städten versammeln sich weltliche Gläubige in religiösen Bruderschaften oder Vereinen jeweils um einen Altar, wo sie Gelegenheit finden, die Werte der sakralen Kultur eingehender kennenzulernen.

Die Geschichtsliteratur

Auf den Einfluß des Humanismus mag jene Erscheinung im Ungarn des ausgehenden Mittelalters zurückzuführen sein, die man als große Synthese der früheren ungarischen Chronikliteratur bezeichnet, und die später jahrhundertelang vielen Generationen als Grundlage der Erziehung diente. Ihr Verfasser war János Thuróczy, Magister der Rechte in der Kanzlei des Landesrichters. Die Arbeit nahm er, auf Zureden seines Vorgesetzten István Hásságyi, mit dem Ziel in Angriff, die lückenhaften alten Chroniken zu ergänzen. Zunächst baute er, gestützt auf das von Lorenz de Monaco geschaffene Poem, die Geschichte Karls des Kleinen in die traditionelle ungarische Geschichtsschreibung ein. Später, als er für den Personalis Tamás Drági tätig war, animierte dieser ihn, die hunnische Geschichte umzuschreiben. Anschließend überarbeitete und ergänzte er die Konzipierung der Chroniken des 14. Jahrhunderts bis zum Jahr 1342, welcher er dann noch die von János Küküllei verfaßte Lebensgeschichte König Ludiwgs I. hinzufügte. Die Geschichte der Periode vom Tode Karls des Kleinen bis zur Thronbesteigung Matthias' schrieb Thuróczy selber, und skizzierte darin jene Ereignisse, die sich bis in seine eigene Zeit zugetragen hatten. Seine Arbeit, der er als Anhang auch das Geschichtswerk von Meister Rogerius beifügte, wurde 1488 zweimal aufgelegt.

Zur Entstehung dieses Werkes mit dem Titel "Geschichte der Ungarn" (Chronica Hungarorum) hat - außer den früheren ungarischen Chroniken - in besonderem Maße die hohe Belesenheit János Thuróczys beigetragen. Er schöpfte aus den Quellen der antiken Autoren ebenso wie aus dem Werk seines Zeitgenossen, Papst Pius II. Ob zeitgenössische Korrespondenz oder von der Kanzlei ausgestellte Urkunden oder mündliche Überlieferung, er kannte und verwendete alles. Sein Werk unterscheidet sich in vielem von den Arbeiten seiner Vorgänger. Daß er dem Adelsstand angehörte, beinflußte entscheidend die seinem Text zu entnehmende Gesellschaftstheorie, deren Hauptschwerpunkte die Betonung des Adels als gesellschaftsformende Kraft (die Hunnen-Theorie Kezai's) und die unbedingte Treue des Verfassers zur Familie Hunyadi sind. In König Matthias sieht er das Ideal eines Fürsten, und als Vorbild dient ihm die großzügig gezeichnete Gestalt des Hunnenkönigs Attila. Geschichte ist bei ihm nicht mehr ausschließlich Gottes Wille, denn Schicksal und Fügung beeinflussen sie gleichermaßen. Den Gegenstand seines Werkes, die Geschichte des Ungartums, hält er für mehr als nur die Geschichte der herrschenden Familien, weshalb er sie mit Berichten über die Taten der Barone, die Fehden der Magnaten und die Bauernkriege ergänzt. Der zwanglose Stil seines Lateins orientiert sich an den zeitgenössischen Idealen der Kanzlei. Gern arbeitet er mit Gleichnissen, Naturschilderungen, Episoden und beschreibt die aus Ritterromanen bekannte Welt des Geschmacks. Daß dies auch späterhin eine so ungeminderte Wirkung ausübte, läßt sich ohne jeden Zweifel mit dem schöngeistigen Schriftstellertalent Thuróczys erklären.

Kirchengeschichte

Charakteristisch für die Geschichtsliteratur des Zeitalters war das wachsende Interesse der Orden an ihrer eigenen näheren und ferneren Vergangenheit, was zugleich auf die Stärkung des Ordensbewußtseins hinzielte. Márk Dombrói, ein Mitglied des von Ungarn gegründete Paulinerordens, begann schon in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, die Annalen des Ordens zu führen und das historische Material zu erschließen. Die Ergebnisse dieser Arbeit wurden Anfang des 16. Jahrhunderts vom Ordensvorsteher der Pauliner, Gergely Gyöngyösi, in einem Werk zusammengefaßt, dem er den Titel "Die Lebesläufe der Brüder" gab, das er jedoch unvollendet ließ. Danach übernahm es ein jüngeres Mitglied des Ordens, Bálint Hadnagy, die historische Arbeit zu beenden. Dessen ungeachtet blieb die Ordensgeschichte der Pauliner, obwohl sie eine Reihe ähnlicher Arbeiten sowohl an Umfang wie auch hinsichtlich ihres Niveaus bei weitem übertraf, nur als Handschrift erhalten. Gyöngyösi betrieb für sein Werk auch Quellenforschung. Er stellte ein Verzeichnis der Urkunden zusammen, die im Hinblick auf die Ordensgeschichte von Bedeutung waren. Balázs Szalkai, Vorsteher der Ordensprovinz des Observantenzweiges der Franziskaner, nahm Mitte des Jahrhunderts die Zusammenstellung einer Ordenschronik in Angriff, die später von verschiedenen Ordensmitgliedern - unter anderem von Osvát Laskai - fortgesetzt wurde. In für das Zeitalter bezeichnender Weise spiegelten diese Ordengeschichten auch das literaturhistorische Interesse der Verfasser wider. Balázs Szalkai beispielsweise beschäftigte sich mit der Frage der hussitischen Bibelübersetzung und Gergely Gyöngyösi ist es zu verdanken, daß die Nachwelt die Werke des Dichters Adalbert Csanádi kennt.

Memoiren

Im allgemeinen ist die Gattung Memoiren im Mittelalter mit nur wenigen Werken vertreten. Unter diesen ragt mit ihrer lebendigen Sprache und Bilderwelt die in deutscher Muttersprache verfaßte Arbeit des aus dem Zipserland stammenden Márton von Leibitz heraus. Nach Beendigung seiner Studien in Leutschau sowie an den Universitäten Krakau und Wien ging er auf Pilgerfahrt nach Rom, um dann in Subiaco dem Benediktinerorden beizutreten. Sein Leben verbrachte er im Wiener Kloster der schottischen Benediktiner, dem er 1446-1461 als Abt vorstand und wo er 1464 starb. Die persönlichen bzw. zeitgeschichtlichen Ereignisse seines Lebens, seines Klosters und seiner Wahlheimat Österreich hat er in Form eines fiktiven Dialogs zusammengefaßt. In diesem Dialog mit dem Titel "Senatorium" antwortet er als weiser alter Mensch (senex) auf die Fragen, die ihm sein ehemals junges Ich (iuvenis) stellt. Besondere Aufmerksamkeit widmet er darin seinen Kindheitserlebnissen in Ungarn. Dank seiner Freude am Erzählen sind seine Memoiren ein einzigartiger und interessanter Spiegel der spätmittelalterlichen Klosterkultur. Übrigens hatte der Verfasser engen Kontakt zum führenden Vertreter der kirchlichen Reformbewegung, Nicolaus Cusanus, auf dessen Veranlassung er auch Werke über die Reform des Benediktinerordens schrieb.

Juristische Literatur und Schrifttum

Die erste wissenschaftliche Zusammenfassung des das Leben im mittelalterlichen Ungarn regelnden Gewohnheitsrechts stammt aus dem ersten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts, und zwar aus der Feder von István Werbõczy. Im Auftrag König Wladislaws II. und auf Drängen des ungarischen Adels ging der Verfasser an die Aufarbeitung des Materials, die er im Jahr 1514 beendete und der er den Titel "Tripartitum des Gewohnheitsrechtes des adligen Ungarn" gab. Das Tripartitum gliedert sich in einen Prolog und drei große Teile, diese wiederum in Kapitel und diese in Paragraphen. Im Prolog klärt Werbõczy die Grundbegriffe des Rechts und definiert in bezug auf die Fachausdrücke die Abweichungen zwischen Gewohnheitsrecht und römischem Recht bzw. das Verhältnis von Gesetz und Gewohnheitsrecht. Der erste Teil faßt das adlige Besitzrecht, der zweite Teil das Prozeßrecht zusammen, und der dritte Teil behandelt die Rechtsgewohnheiten in Siebenbürgen und Slawonien. In einer dem Prolog vorangestellten Empfehlung schildert er im Stil der Wiener Humanisten die Umstände der Entstehung des Werkes, dessen Bedeutung sowie seine eigenen rechtswissenschaftlichen Absichten. Als Quellen standen ihm die Urkunden des königlichen Archivs, frühere Gesetze, Urteilsbriefe und das geltende Gewohnheitsrecht zur Verfügung.

Obwohl sich der Einfluß des römischen Rechts auf die Arbeit zweifellos nachweisen läßt, bilden dennoch die Anschauungsrahmen des kanonischen Rechts ihre Grundpfeiler. Den Aufbau des Werkes kennzeichnet die systematisierende Methode der Scholastik, und auch in seiner Sprache ist der starke Einfluß der scholastischen Sprachauffassung spürbar. Zwar bestritt Werbõczy entschieden, daß es sich um eine selbständige Arbeit handele, denn er habe darin Elemente des adligen Ideengutes eingebaut. Seine wichtigste These ist die Betonung der Gleichheit des Adels, das heißt, es gibt im juristischen Sinn keinen Unterschied zwischen dem einen oder anderen Adligen. Demzufolge gebühren die adligen Grundrechte einem Vertreter des niederen Adels ebenso wie einem Mitglied des mittleren Adelstandes oder einem Baron (sog. primae nonus bzw. una eademque nobilitas), und dies untermauert er mit einer der Chronik von János Thuróczy entnommenen historischen Argumentation. Als zweite Grundthese folgt, mittels Verknüpfung des sich seit dem 13. Jahrhundert entwickelnden Kronengedankens und der organischen Lehre, die systematisch Erläuterung der Lehre von der heiligen Krone, wobei das Recht des ungarischen Königs als oberster Patronatsherr unterstrichen wird. Wenn das Tripartitum auch niemals Gesetzeskraft erlangte, konnte sich hinsichtlich seiner Wirkung im neuzeitlichen Ungarn nur die Bibel mit ihm messen. Man übersetzte es in zahlreiche Sprachen - unter anderem ins Ungarische, Kroatische, Deutsche -, und auf diese Weise wurde es zu einem der wichtigsten Instrumente für die Entwicklung der ungarischen Literatur- und juristischen Sprache.

Das Újlaker Stadtrecht

1524 gelangte der Marktflecken Újlak, ehemals im Besitz der im Komitat Szerém (Sirmien) ansässigen Familie Újlaki, unmittelbar unter königliche Oberhoheit. Damals wandten sich die Bürger der aufstrebenden Siedlung - wozu sie nicht zuletzt infolge der um das Grab des Johannes von Kapistrano entstandenen Wallfahrtsstätte geworden war - mit der Bitte an den König, neben den sieben bzw. acht bereits bestehenden auch Újlak in den Rang einer königlichen Freistadt zu erheben. Der König zeigte sich geneigt, ihren Wunsch zu erfüllen, und erließ am 13. Dezember 1525 (in Form eines samtgebundenen Kodex-Bandes) das Újlaker Stadtrecht, welches teilweise die ins Lateinische übertragenen Regelungen des Ofner Stadtrechts übernahm. Obwohl dieser Kodex nicht alle Privilegien enthielt, die man königlichen Freistädten gewährte, hat er den Bürgern von Újlak zweifellos mehr Freiheiten gebracht und in bedeutendem Maße zu ihrer wirtschaftlichen Erstarkung beigetragen. Die in fünf Bücher und innerhalb dessen in Kapitel gegliederte Sammlung stellt, insofern sie der Festschreibung der städtischen Privilegien diente, ohne Zweifel ein einmaliges Denkmal der spätmittelalterlichen Kodifizierung dar. Lange konnten sich die Újlaker Büger ihrer neuen Privilegien jedoch nicht erfreuen. Schon nach einem knappen Jahr mußten sie, mit ihrem Sadtrecht unter dem Arm, vor den türkischen Eroberern die Flucht ergreifen.

Als ein Zeichen für die Verbreitung des Schrifttums und der gewachsenen Ansprüche wurden im ausgehenden Mittelalter immer mehr Formelbücher herausgegeben. Sie waren berufen, die Regeln des Briefeschreibens zusammenzufassen und sie lieferten die Muster für einen reibungslosen Ablauf in den Ämtern. János Magyi stellte unter dem Titel "Stylus cancellariae" (Kanzleistil) eine Sammlung aus den Mustern der königlichen Kanzlei zusammen. Eine nach 1521 geschaffene Briefmustersammlung sollte die Arbeit der bei den Kapiteln und Konventen authentische Tätigkeit ausübenden Orte erleichtern, ebenso wie das zwischen 1460 und 1480 entstandene Formelbuch von Somogyvár, das wahrscheinlich auf den nicht zum geistlichen Stand gehörenden Notar des Somogyvárer Benediktinerkonvents zurückgeht. Besondere Bedeutung kommt dem Formularium der Franziskaner aus den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts zu, da es uns einmal die in Bewegung geratene Ordensorganisation vor Augen führt und zum anderen zeigt, mit welch unglaublicher Schnelligkeit es den franziskanischen Observanten gelang, ein Kreuzfahrerheer auf die Beine zu stellen, das sich 1514 schließlich gegen seine Herren empörte. Parallel wurden also mit Hilfe solcher Formelbücher die im Laufe der Jahrhunderte festgeschriebenen Formen weitergegeben, und gleichzeitig fanden in der königlichen Kanzlei mehr und mehr der lateinische Stil sowie das Ideengut des Humanismus Eingang.

Die Reisebeschreibung

Eine seit der Spätantike beliebte und nützliche literarische Gattung war die Reisebeschreibung, und demgemäß orientierte sie sich auch an den antiken Vorbildern. Die früheste erhalten gebliebene Reisebeschreibung eines Ungarn wurde in dem Jahrzehnt vor der Katastrophe von Mohács geschrieben. Sie ist zugleich das letzte vor Mohács entstandene Schriftdenkmal aus der Zeit der Pilgerreisen ins Heilige Land. Ihr Verfasser, der zum Observantenzweig gehörende Franziskanermönch Gábor Pécsváradi, brach 1514 zu einer Pilgerfahrt auf. Drei Jahre verbrachte er im Jerusalemer Franziskanerkloster auf dem Berg Sion, danach machte er sich auf die Heimreise nach Ungarn. Durch diese Reise blieb er an den Ereignissen des ungarischen Bauerkrieges unbeteiligt, welche die Mitglieder des Franziskanerordens vor eine schwerwiegende Entscheidung stellten. Seine Arbeit, in der er die Erfahrungen seiner Reise im Heiligen Land in lateinischer Sprache zusammenfaßte, erschien 1519 in Wien. Das populäre Werk mit dem Titel "Kurze und angenehm zu lesende Beschreibung der Stadt Jerusalem" informiert den Interessenten in unterhaltsamem Stil über alles Wissenswerte der Reise, beschreibt die Sehenswürdigkeiten und gibt sogar den Grad des in den Wallfahrtskirchen zu erlangenden Ablasses an. Sein außergewöhnlicher Wert liegt in der wahrheitsgetreuen Schilderung des Augenzeugen, der zur Vermessung der heiligen Stätten ungarische Maßeinheiten verwendete.

Zu den ersten, die über die inneren Verhältnisse im Osmanischen Reich schrieben, gehörten ungarische Autoren. In der Arbeit von Gábor Pécsváradi kann man einen einzigartigen Bericht über den Feldzug lesen, den Sultan Selim I. 1516-1517 unternahm und dessen Augenzeuge der Verfasser war. Europaweit großer Popularität erfreute sich auch ein anderer Ungar, Bruder Georg, oder wie man ihn früher kannte, der Namenlose von Szászsebes (Mühlbach). Als Novize bei den Mühlbacher Dominikanern geriet er 1438 in Gefangenschaft der Siebenbürgen überfallenden Türken. Die Erlebnisse und Erfahrungen seiner fast zwanzigjährigen Gefangenschaft brachte er dann in Rom unter dem Titel "Abhandlung über die Gewohnheiten, Umstände und Bösartigkeit der Türken" lateinisch zu Papier. Sehr detailliert beschreibt er darin die Welt der osmanischen Eroberer und das Elend ihrer Gefangenen. Ungeachtet dessen bleibt sein Ton sachlich, und häufig spricht er sogar mit Anerkennung und Verständnis von der religiösen Toleranz und Humanität der Mohammedaner. Die Nachfrage nach diesem Werk war so groß, daß es zwischen 1480 und 1514 siebenmal aufgelegt und auch ins Deutsche übersetzt wurde.

Theologische Literatur

Einer der ureigensten Schöpfer theologischer Literatur des mittelalterlichen Ungarn, Andreas Pannonius, war Mitglied des Ordens der stummen Kartäuser. Obwohl er sein Leben in italienischen Klöstern verbrachte, galt das rege Interesse dieses ehemaligen Kampfgefährten János Hunyadis bis zu seinem Lebensende der Heimat. Eines seiner Werke widmete er ausdrücklich König Matthias. Sein Hauptwerk, ein Kommentar zum Hohelied des Salomo, entstand zwar 1460, doch er arbeitete bis zu seinem Tode daran. Damit gelang ihm innerhalb der Rahmen scholastischer und mystischer Anschauungen ein außerordentlich originäres Werk, das der ungarländischen theologischen Literatur schon früh zu hohem Ansehen verhalf. Nicolaus de Mirabilibus dagegen war Mitglied des Dominikanerordens. Auch er verbrachte die meiste Zeit seines Lebens in Italien, wurde aber 1494 Vorsteher der dominikanischen Ordensprovinz in Ungarn. Während seines Italienaufenthalts schrieb er als Universitätsdozent und Prediger in italienischer Sprache eine Abhandlung über das Gewissen, und in einer lateinischen Arbeit beschäftigte er sich mit der Vorsehung. Beide Autoren brachten in ihre argumentativen Werke einen reichen Schatz an theologischem Wissen ein.

Predigten

Den Predigten kamen innerhalb der theologischen Literatur besondere Aufgaben zu: Sie dienten einerseits der Glaubensverbreitung und -lehre, andererseits waren sie eine Grundvoraussetzung für die Entwicklung der muttersprachlichen Literatur. Predigtsammlungen erschienen teils ohne, teilweise aber auch schon mit Namensangabe der Verfasser. Ein Priester aus der Umgebung von Fünfkirchen stellte zwischen 1456 und 1470 eine Sammlung unter dem Titel "Sermones dominicales" (Sonntagspredigten) zusammen, in der er sich weitgehend auf die Predigten des Jakob von Voragine stützte. Seine Arbeit verbreitete sich als Manuskript, mit ungarischen Glossen versehen. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts nahm das Zusammenstellen von Predigtsammlungen im Kreis der Bettelorden, insbesondere der dem Observantenzweig angehörenden Franziskaner, einen raschen Aufschwung und erlangte bald europäische Bedeutung. Pelbárt Temesvári hat seine Reden für seine Ordensbrüder aufgeschrieben. Allerdings waren diese Texte nicht zum Vortragen, sondern als Konzepte gedacht. Seine Predigten gründeten auf der scholastischen Logik, seine Argumentation untermauerte er mit einer Vielzahl von Zitaten, die er bei den Kirchenvätern und angesehenen Persönlichkeiten des Mittelalters entliehen hatte. Um die Aufmerksamkeit der Zuhörerschaft zu fesseln und den Gegenstand eindrucksvoll zu veranschaulichen, stellte er seinen Argumenten auch moralisch lehrreiche Beispiele zu Seite. Einen Teil davon schöpfte er aus eigener Erfahrung, den anderen Teil aus Exempelsammlungen.

Osvát Laskai war ein jüngerer Ordensgefährte Pelbárt Temesváris. Auch er veröffentlichte mehrere hundert Predigten, betonte aber im Vorwort zu seiner Sammlung von Sonntagspredigten ausdrücklich, daß diese den Dorfpfarrern helfen und zur Bildung des einfachen Volkes dienen sollten. Laskai maß dem Selbstbewußtsein und der ideellen Verbundenheit des Einzelnen außerordentliche Bedeutung bei. Im Gegensatz zu Temesvári bürgen in seinen Predigten zahlreiche Äußerungen sozialer Sensibilität und des Nationalbewußtseins für deren Ursprünglichkeit. Häufig kritisierte er die wohlsituierten, den heiligen Zielen jedoch keine Opfer bringenden Schichten der Gesellschaft und und trachtete ideell danach, die Armut zu verteidigen. Das sich seit dem 13. Jahrhundert formende Nationalbewußtsein äußerte sich bei ihm auf neue Art, indem er die hunnisch-ungarische Identität auf das ganze Volk ausdehnte und stolz verkündete, das in weitem Sinne genommene Ungartum sei der Schutzschild des christlichen Europa. Auf die von den Türken drohende Gefahr verwies Laskai ebenso wie auf die innere, ethnisch-religiöse Teilung des Landes. Um die Stärkung des Selbstbewußtseins der Ordensmitglieder ging es ihm, als er sich bereit erklärte, die Chronik des Franziskanerordens fortzusetzen und anfing, sich mit dem heroischen Leben des hl. Johannes von Kapistrano zu beschäftigen. Die Werke der beiden Autoren aus dem Franziskanerorden erschienen in zahlreichen Ausgaben und übten in ganz Europa eine sehr nachhaltige Wirkung aus.

Hagiographie

Nachdem Johannes von Kapistrano am 23. Oktober 1456 in seiner Zelle des Franziskanerklosters im sirmischen Marktflecken Újlak verstorben war, pilgerten die Menschen in Massen zu seiner Bahre, und auch nach der Beerdigung riß der Pilgerstrom zu seinem Grabe nicht ab. Unter den von Erwartung spannungsgeladenen Menschen, die am Grab des als Heiligen verehrten Franziskanerbruders nach Linderung für ihre Gebrechen suchten, ereigneten sich viele an Wunder grenzende Heilungen. Über diese wundersamen Ereignisse ließ die Stadtbehörde im Jahr 1460 ein Protokoll abfassen, mit der Absicht, die Heiligsprechung Kapistranos voranzutreiben. 389 Heilungen und zehn sagenhafte Befreiungen aus türkischer Gefangenschaft schrieben die nach Újlak Pilgernden den Verdiensten und Fürbitten des Johannes von Kapistrano bzw. indirekt den an seinem Grab abgelegten Gelübden zu. Unabhängig vom Újlaker Protokoll mühte sich 1457 der Franziskanermönch Péter Soproni, die mit Kapistrano in Verbindung gebrachten Wunder zusammenzustellen, und Osvát Laskai soll Hinweisen zufolge dessen Lebenslauf geschrieben haben. Die Aufzeichnungen Laskais gingen zwar verloren, doch die Arbeit von Péter Soproni wurde 1523 sogar gedruckt herausgegeben.

Ende des 14. Jahrhunderts hatte man die Reliquien des Schutzpatrons der Pauliner, des hl. Paulus des Eremiten von Theben, von Venedig nach Budaszentlõrinc gebracht. Dadurch war auch das Hauptkloster des Paulinerordens zu einem Ziel für Pilger geworden. Auch hier kam es im Kreis derjenigen, die sich bei den Reliquien Linderung erhofften, zu zahlreichen wundersamen Begebenheiten, die von dem Paulinermönch Bálint Hadnagy zusammengestellt wurden und 1507 in Krakau auch als Druckausgabe erschienen. Zur gleichen Zeit arbeitete der namhafte Autor an einer Biographie des hl. Paulus des Eremiten, welche man 1511 in Venedig herausgab. Die hagiographische Literatur des späten Mittelalters verfolgte also ein doppeltes Ziel: Auf der einen Seite sollte durch das Ideal eines in den Verteidigungskämpfen gegen die Türken gefallenen Helden mit frommer Lebensweise das christliche Selbstbewußtsein, auf der anderen Seite durch die Belebung frühchristlicher Beispiele das mönchische Selbstverständnis gestärkt werden. Im Interesse beider Ziele wandte man das modernste Mittel zur Verbreitung von Literatur, die Buchdruckerkunst, an. Ein sehr bezeichnendes Beispiel dafür ist das Folgende: Nach der 1486 in Strassburg erschienenen Erstausgabe einer Sammlung mit Legenden der ungarländischen Heiligen (Legenda sanctorum Hungariae), die in der Legenda Aurea nicht zu finden sind, wurde diese Sammlung noch zahlreiche Male aufgelegt.

Wissenschafsliteratur und Lehrbücher

Erzbischof László Szalkai von Esztergom - einer der gebildetsten versemachenden und sprachgewaltigen Prälaten seiner Zeit - war niederer Abstammung und hatte seine Kenntnisse nicht an einer ausländischen Universität, sondern an der von Paulinern geleiteten Schule in Sárospatak erworben. Die Schulnotizen des späteren Erzbischofs sind ein Denkmal seiner in Sárospatak verbrachten Lehrjahre. Unter dem Rektorat des Baccalaureus János Kisvárdai zeichnete er hier in den Jahren 1489-1490 das einzige aus dem mittelalterlichen Ungarn überlieferte Lehrbuch der Musiktheorie auf, das hinsichtlich seines Niveaus jeder Universität Ehre gemacht hätte. Neben Musiktheorie beinhaltet der Szalkai-Kodex noch Aufzeichnungen über Astronomie, kanonisches Recht und Rhetorik, bei denen es sich jedoch um weniger selbständige Arbeiten handelt. Ende des 15. Jahrhunderts stellte Georg von Ungarn, der an irgendeiner Universität den Magistertitel erworben hatte, in den Niederlanden ein Handbuch der Arithmetik zusammen. Zwar rechnete er in seinem Werk mit Münzen aus der Umgebung von Utrecht, im Anhang aber gab er auch die Umtauschsätze für ungarische Münzen an. Die Arbeit erschien 1499 im Druck.

Dichtung

Das Erscheinen des Humanismus wirkte sich eher auf die Form- und inhaltlichen Bezüge der Lyrik aus. Die liturgische Dichtung verschwand auch weiterhin nicht ganz aus der Literatur, wenngleich mehr und mehr die ungarische Sprache bzw. das Festhalten an der antiken Formwelt zu ihrem Charakteristikum wurde. Natürlich war das Gebiet der liturgischen Dichtung Mönchen vorbehalten, unter denen in erster Linie die Pauliner Erwähnung verdienen. Antal Tatai, der Prediger des Klosters Budaszentlõrinc, hatte die Wiener Universität absolviert. Er gab in den 1470er Jahren ein das Meßbuch der Pauliner und die Psaltertexte beinhaltendes Breviarium heraus. Sein Ordensbruder Adalbert Csanádi, den die Ordensgeschichte des Gergely Gyöngyösi als sehr wortgewandten Prediger schildert, verfaßte für das Fest Mariä Verkündigung Hymnen über die Engel und das Ave Maria. Daneben übertrug er, aller Wahrscheinlichkeit nach unter dem Einfluß des Humanismus, die Verse des den Schutzpatron des Ordens, den hl. Paulus, besingenden Psalms in Hexamter, und die Hymnen dazu dichtete er in Strophen nach dem Vorbild der Gedichte Sapphos.

Sehr interessant ist wegen seiner inhaltlichen Bezüge das von einem Unbekannten auf der Grundlage des spätgotischen Stilideals geschaffene Lied des hl. Ladislaus, das in den Jahren 1460-1470 entstanden sein mag. Der Autor hat die von hymnischer Gehobenheit durchdrungene Form mit neuartigem Inhalt erfüllt: In Verbindung mit Ladislaus' Gestalt läßt das Lied "den königlichen Sproß der Hunnen" aufscheinen, was den Zeitgenossen gewiß die Gestalt des Hunnenkönigs Attila ins Gedächnis rief, und auf diese Weise für Verbreitung des sowohl in den Predigten von Osvát Laskai als auch in den Arbeiten von János Thuróczy und István Werbõczy zu beobachtenden hunnisch-ungarischen Identitätsbewußtseins sorgte. Politische Erwägungen verleiteten den Verfasser sogar zu Anachronismen. Beispielsweise behauptet er, sein Held habe mit den Türken und dem hussitischen Ketzertum kämpfen müssen. Dadurch wurde die dem heiligen König gewidmete Hymne zu einem Instrument des politischen Sympathiestiftens für König Matthias, was ihren literarischen Wert jedoch keineswegs minderte. Ihre ungarische Übersetzung zählt als echtes Meisterwerk der dichterischen Übersetzerkunst und beweist trotz all ihrer Plattheiten einmal mehr, daß die Amme der muttersprachlichen Literatur das mittelalterliche Latein gewesen ist.

HUMANISTISCHE LITERATUR

Die Vorgeschichte

An der Wende vom 14. auf das 15. Jahrhundert begann sich in Florenz jene spätmittelalterliche Bewegung zu entfalten, die es sich, unter Verwendung der Anregungen Francesco Petrarcas und auf der Grundlage der wiederentdeckten antiken Quellen, zum Ziel setzte, die im mittelalterlichen Gebrauch verschlissene lateinische Sprache zu restaurieren, ja ein für allemal die ganze Kultur zu erneuern. Diese neue Geisteströmung, die nach ihren Begründern, den Humanisten, Humanismus und nach ihrer Zielstellung, der "Wiedererweckung der Literatur" (renascentes litterae), Renaissance genannt wird, eröffnete eine neue Epoche in der europäischen Kultur, indem sie die Grundlagen der neuzeitlichen Bildung schuf. In Italien - das sich als Nachfahre Roms und als wahren Erben der lateinischen Sprache verstand - konnte sich der Humanismus im 15. Jahrhundert weiterentwickeln und seine Ideologie formen. Im 16. Jahrhundert verbreitete er sich auch anderswo in Europa, und in der Literatur eroberte die nationalsprachige Renaissance immer mehr Raum.

Auch Ungarn kam, gemessen an Europa, sehr früh mit der neuen Kultur in Berührung. König Sigismunds Budaer Burg, die zugleich kaiserliche Residenz war, besuchten als italische Gesandte bedeutende Humanisten (z.B. Francesco Filelfo, Ambrogio Traversari), während ungarische Literaten, die ihren König als Kaiser begleiteten, auf internationalen Foren die Möglichkeit hatten, die Ideen des Humanismus und einzelne seiner Vertreter (z.B. Poggio Braccioloni) kennenzulernen. Ungarische Studenten, die italische Universitäten absolviert hatten, verbreiteten das humanistische Gedankengut ebenso wie in Ungarn lebende, durch Sigismund zu Rang und Namen gelangte Italiener (z.B. die Scolaris aus Florenz). Eine wichtige Rolle bei der Umpflanzung des Humanismus spielte der große Humanist Pier Paolo Vergerio, den in seinen letzten Lebensjahren eine enge Freundschaft mit János Vitéz verband.

János Vitéz, "der Vater des ungarischen Humanismus"

János Vitéz, der sich nach seinem Geburtsort Ioannes de Zredna nannte, begann seine Laufbahn in der königlichen Kanzlei Sigismunds. Von dort stieg er dann nach und nach an die Spitze der weltlichen Politik und kirchlichen Hierarchie auf (er wurde Hauptkanzler bei König Matthias und Erzbischof von Esztergom). Obwohl er keine humanistische Bildung genossen hatte, bildete er sich sein ganzes Leben lang. Mit seiner Bildung konnte sich im Kreis der zu seiner Generation gehörenden Ungarn niemand messen. Neben seinem literarischen Schaffen befaßte er sich auch mit Astronomie, Astrologie, Geschichte, Moralphilosophie und Philologie. Seine lateinischsprachigen Kodizes emendierte er selbst. Den "Apostel des mitteleuropäischen Humanismus", Enea Silvio Piccolomini (den späteren Papst Pius II.), nannte er seinen Freund und Ideengefährten. Er nahm an der Erziehung der beiden Hunyadi-Söhne teil und hatte großen Anteil daran, daß Matthias zum König gewählt wurde. Später stellte er sich an die Spitze der Verschwörung gegen Matthias. Er starb im Jahr 1472.

Eigene literarische Ambitionen hatte Vitéz nicht. Der überwiegende Teil seiner Briefe und Reden wurde von den Notwendigkeiten seiner politischen Tätigkeit diktiert bzw. gelegentlich geschrieben. Sein Briefbuch, das erste Gelehrtenwerk des Humanismus in Ungarn, entstand in Zusammenarbeit mit Pál Ivanich. Als wichtigstes Thema ermutigte er in seinen Reden (Orationes) immer wieder zum Zusammenschluß gegen die Türken - was auch eine der brennendsten Sorgen der italienischen Humanisten war -, ergänzt durch Schilderungen der bisherigen Leiden und Opferbereitschaft der Ungarn sowie mit der Bitte um Hilfe seitens der europäischen Völker. In den Schriften beider Gattungen verflocht er die mittelalterliche Rhetorik mit humanistischen Elementen, wie z.B. mit Übernahmen aus Werken, die er gerade gelesen hatte, bzw. mit Paraphrasen. In Ungarn betrachtete man seine Werke als beispielgebend, Ausländer zollten ihnen Anerkennung.

Weil ihn die Ungeschliffenheit seiner Landsleute schmerzte, nahm es János Vitéz auf sich, die humanistische Kultur in Ungarn zu begründen, zu organisieren und zu pflegen. Seine bischöfliche Bibliothek in Wardein besuchten auch Ausländer. In Esztergom (Gran) richtete er eine Bibliothek mit Werken der Humanisten ein und schuf damit das Muster für König Matthias' Bibliotheca Corviniana. Aus dem Hintergrund betrieb er die Gründung der ersten ungarischen Buchdruckerei, und in Preßburg gründete er die Universitas Istropolensis. Er förderte die in großer Zahl bei ihm eintreffenden ausländischen, besonders aber italienischen Humanisten, die ihm ihre Werke widmeten. In Wardein und später in Esztergom rief er die Vorläufer der humanistischen Akademien Ungarns ins Leben. Mehreren begabten jungen Ungarn ermöglichte Vitéz ein Studium in Italien und verhalf ihnen in der Heimat dann zu hohen Ämtern. Zu ihnen gehörten auch Péter Garázda, László Vetési sowie sein berühmter Neffe Janus Pannonius.

Janus Pannonius

Janus Pannonius (mit ursprünglichem Namen János Chesmiczei) - die erste große Persönlichkeit der ungarischen Literatur, Begründer der auf literarischer Bildung fußenden weltlichen Lyrik Ungarns und erste große Gestalt der europäischen humanistischen Dichtung außerhalb Italiens - wurde 1434 als Sohn einer Adelsfamilie im slawonischen Chesmicze geboren. Sein Oheim János Vitéz finanzierte ihm den Besuch der Schule des Guarino Veronese in Ferrara (1447-1454), wo er eine humanistische Ausbildung erhielt. Anschließend studierte er in Padua Rechtswissenschaften. Nach seiner Heimkehr (1458) eröffnete sich ihm eine glänzende Karriere. Er wurde Bischof von Pécs (Fünfkirchen), oberster Schatzmeister bei Matthias und Ban von Slawonien. Als er wegen der Verschwörung gegen Matthias vor dem Zorn des Königs fliehen mußte, erkrankte er und starb 1472 in Medvevár (Bärenburg). Die Nachwelt kennt ihn als Übersetzer griechischer Verse und Prosawerke ins Lateinische sowie als ausgezeichneten Verfasser von Briefen humanistischen Stils.

Janus Pannonius fiel während seiner Schulzeit in Ferrara durch sein erstaunliches dichterisches Talent auf. In Italien machte er sich einen Namen und wurde dann - wie er selbst schrieb - "Pannoniens erster Ruhm". Er schuf sowohl Elegien wie auch Panegyriken. (s. Claudius Claudianus) Doch seine frühe Berühmtheit verdankte er am ehesten seinen virtuosen Epigrammen, bei deren Abfassung ihm Martialis als Vorbild gedient hatte. Seine Themen schöpfte er aus den Tagesereignissen in Ferrara bzw. seinen Erlebnissen im Zusammenhang mit der Literatur und den Dichtern. Der Ton seiner Epigramme war lobend oder satirisch: er rühmte die Tugend, das Wissen, schöpferisches Talent und große Taten, verspottete aber die menschliche Dummheit und Charakterlosigkeit. Seine erotischen, meist durch beißende Satire gekennzeichneten Epigramme sind noch heute populär.

Unter seinen lobenden Epigrammen ragen jene heraus, die von ihm selbst und von seiner eigenen Bedeutung handeln. Das ihn charakterisierende hohe Selbstbewußtsein resultierte daraus, daß er sich über seine Größe als Dichter und seine Verdienste durchaus im klaren war. Ausgezeichnete Epigramme widmete er seinem Lehrer Guarino, den er als Vater achtete und verehrte. Noch in Ferrara begann er auch den Guarino-Panegyrikos zu schreiben, der diesem ein würdiges Denkmal errichtete. In seinen erotischen Epigrammen prangerte er freimütig und mit scharfen Worten die Unzüchtigen, Lüstlinge bzw. die Wollust seiner Umgebung an. Als Sechzehnjähriger schrieb er ein Gedicht über sein "Lebensalter" (De aetate sua), das prahlerisch die Ereignisse im Zusammenhang mit seiner Mannwerdung schildert. Frauen lobte er nur selten, eher verbarg er seine diesbezüglichen Empfindungen. Von diesen kündet sein galantes Gedicht "An Agnes" (Ad Agnetem), die erste Perle der individuellen ungarischen Liebeslyrik.

In Padua schrieb Janus Pannonius nur wenige Gedichte, doch dort entstand sein umfangreichstes Poem (Marcello-Panegyrikos). Zur ungarländischen Dichtung trug er hauptsächlich mit Elegien bei, verfaßte aber auch Epigramme. Er hielt politische und Kriegsereignisse fest, sprach von seiner Einsamkeit als Schaffender und bekundete seine Kriegsgegnerschaft. Eines seiner herausragendsten heimischen Poeme ist der "Abschied von Wardein" (Abiens valere iubet sanctos reges Waradini), das die winterliche ungarische Landschaft sowie die kulturellen, geistigen und Naturschätze Wardeins lebendig werden läßt. Aus der Elegie "Zum Tode Barbaras", seiner Mutter, spricht mit erschütternder Kraft die Trauer und Liebe des Sohnes. Häufig beschäftigten ihn seine eigenen Leiden. In der Elegie "Als er im Lager erkrankte" (De se aegrotante in castris) nimmt er Abschied vom Leben. Seine Grabinschrift entwarf er selbst und formulierte darin noch einmal seine Bedeutung: Hier ruht Janus, mit dem an unsere alte Donau / des heiligen Helikon grünbekränzte Jungfrauen kamen.

Eine seiner letzten Elegien mit dem Titel "An seine Seele" (Ad animam suam) - in deren Hintergrund Kenntnisse (s. Marsilio Ficino) der neoplatonischen Philosophie stehen - verrät neben Gedanken an den Tod auch seine Desillusionierung in bezug auf das menschliche Geschlecht. In einer anderen Elegie (Das Hochwasser - De inundatione) beschreibt er in den apokalyptischen Bildern eines die Welt verschlingenden Hochwassers die den Menschen bedrohende Natur. Welchen Anklang seine Dichtung zu Hause fand, erfährt man aus den Allegorien "Über einen Mandelbaum in Pannonien" (De amygdalo in Pannonia nata) und "Der beinahe zusammenbrechende Obstbaum". Die frühen Blüten des einen Obstbaumes empfängt der pannonische Winter mit Frost, der andere ist voller Obst, das man - statt es sorgsam zu pflücken - mit Knüppeln herunterschlägt.

König Matthias und die humanistische Kultur

János Vitéz bezog in seine Organisationstätigkeit, italischen Beziehungen und Mäzenatur auch seinen ehemaligen Schüler Matthias ein, der später, nachdem er die gegen ihn gerichtete Verschwörung überwunden und mit den Verschwörern abgerechnet hatte, die Entwicklung und Lenkung der humanistischen Kultur selbst in die Hand nahm. König Matthias verfügte über herausragende geistige Fähigkeiten, war in den humanistischen Fächern und sogar in einzelnen Naturwissenschaften (z.B. Astronomie, Alchemie) bewandert. Italienische Zeitgenossen rühmten seine hohe Bildung. Ein Großteil seiner Briefe wurde in seiner Kanzlei von ungarischen Humanisten geschrieben, doch er formulierte oder diktierte auch selber. Den ästhetischen Normen der humanistischen Briefgattung entsprechend sind seine Briefe zielstrebig, übersichtlich, klar verständlich, frei von Phrasen und ein Spiegel der Herrschertugenden Matthias'.

Nach seiner Heirat mit Beatrix von Aragonien (1476) ging König Matthias an die Verwirklichung seines großartigen Planes, "aus Ungarn ein zweites Italien" zu machen (Bonfini). Der königliche Hof wurde zur Hochburg des ungarländischen Humanismus, wo ausländische Wissenschaftler, zumeist Italiener, im Auftrag des Königs ihrer Tätigkeit nachgingen. Den Geist dieses Hofes prägte die aus Florenz importierte neoplatonische Philosophie, und durch die engen, direkten Beziehungen entwickelte Buda sich zu einer Art Außenstelle der Florenzer Akademie. Hier entstanden lateinische Übersetzungen aus dem Griechischen und Italienischen, Matthias und seine Taten rühmende Werke oder am Budaer Hof spielende humanistische Dialoge mit unterschiedlicher Thematik (z.B. die Werke von Aurelio Brandolini Lippo). Das wichtigste Ergebnis dieses wissenschaftlichen und literarischen Schaffens war die moderne ungarische Geschichtsschreibung.

Den Geschichtsschreiber Antonio Bonfini betraute der König damit, eine ungarische Geschichte im Zeichen des Humanismus zu schreiben. Dazu überarbeitete Bonfini Thuróczys Chronik, die er mit zahlreichen Dokumenten und der lebendigen Überlieferung ergänzte. Zur Schilderung seiner eigenen Zeit stützte er sich hauptsächlich auf Berichte von Augenzeugen und persönliche Erlebnisse. Die ungarische Vorgeschichte behandelte er eingebettet in die globale Geschichte, wobei er vieles aus antiken Quellen schöpfte. Bis ins 19. Jahrhundert entnahm man die Kenntnisse über die ungarische Vergangenheit, sowohl im In- wie auch im Ausland, vorwiegend dem Werk Bonfinis. Ebenso populär wie Bonfinis ungarische Geschichte war das von Galeotto Marzio verfaßte Büchlein über Matthias. Darin hielt der Autor in kleinen, anekdotenhaften Geschichten seine Erlebnisse mit dem König und dessen Familie, mit den Bräuchen der Ungarn und ihrer Kultur sowie mit seinen ungarischen Freunden fest, unter welchen seine herzlichsten Erinnerungen Miklós Báthory galten.

Matthias' größte kulturelle Tat war die Schaffung seiner Bibliothek, der Bibliotheca Corviniana. Mit ihren 2000-2500 Bänden zählte sie zu den größten weltlichen Bibliotheken des Zeitalters, die an Umfang nur noch von der vatikanischen übertroffen wurde. Ähnlich wie die von János Vitéz begründete war auch dies eine humanistische Bibliothek, was ihren Wert noch erhöhte. Das bedeutet, Matthias sammelte antike Literatur mit dem Anspruch auf Vollständigkeit, oder anders ausgedrückt, alle griechischen und lateinischen Quellen derer er habhaft wurde, einschließlich der patristischen Literatur. Die Bibliothek enthielt nur wenige gedruckte Bücher, eher bestand sie aus wertvollen Kodizes. Diese wurden von Wissenschaftlern, die Griechisch und Latein konnten, kopiert oder kontrolliert, von den besten ungarischen und italienischen Künstlern der Buchmalerei ausgeschmückt, und ausgezeichnete Meister fertigten ihre prächtigen Einbände und Beschläge an. Von dieser großartigen Bibliothek sind heute gerade noch 216 authentische Corvina-Bände bekannt.

Die humanistische Literatur der Jagiellonenzeit

Als König Matthias gestorben war, fand sich niemand, der seine großen Pläne und Initiativen fortgesetzt hätte. Die Mehrzahl der Italiener verließ den Hof. An ihre Stelle trat der böhmische und mährische Hofstaat König Wladislaws II., und häufig weilten in Buda Wiener, zu denen sich das Verhältnis wieder enger gestaltete. Für Humanisten besaß auch weiterhin die Corvina-Bibliothek die größte Anziehungskraft. Zwar wurde die Bibliothek nicht mehr bewußt vergrößert (die etwa hundertfünfzig Kodizes, welche Matthias aus der Florenzer Werkstatt des Vespasiano de Bisticci bestellt hatte, gelangten nicht nach Ungarn), und mehrere Bände verlieh man oder verschenkte sie sogar. Doch mit dem Reichtum und der Einzigartigkeit ihres Bestandes - ihren Seltenheitswert besitzenden griechischen und lateinischen Kodizes - stand sie in Europa noch immer ohne Beispiel da und bot Literaten und Forschern ausgezeichnete Möglichkeiten für ihre schöpferische Tätigkeit.

Zur Zeit Wladislaws II. arbeiteten böhmische und mährische Humanisten in der Budaer Hofkanzlei des Königs. Sie orientierten sich neben Italien auch schon an Wien, das sich der humanistischen Kultur ebenfalls erschlossen hatte. An ihrer Spitze standen zwei europäische Berühmtheiten, der Olmützer Augustinus Moravus sowie der größte humanistische Dichter Böhmens, Bohuslav Hasistejnsky z Lobkovic. Hauptsächlich mit in Ungarn lebenden, aus Mitteleuropa stammenden Humanisten begründete Konrad Celtis, der erste große Deutsche unter den humanistischen Dichtern, seine in Wien angesiedelte Akademie, die Donaugesellschaft der Literaten (Sodalitas Litteraria Danubiana). Ihre Mitglieder wählten János Vitéz d.J., Bischof von Veszprém, zum Präsidenten, und die Budaer organisierten sogar als selbständige Gruppe (contubernium) Zusammenkünfte.

Gegen Ende der Herrschaftszeit König Ludwigs II. (1516-1526) begannen sich in Ungarn die Ideen und Werke des Erasmus von Rotterdam zu verbreiten, die auch vor der königlichen Partei nicht halt machten. Die humanistische Kultur bahnte sich ihren Weg zu immer breiteren Kreisen der Gesellschaft, so beispielsweise zur niederen Geistlichkeit und städtischen Bürgerschaft. An führender Stelle in der Verbreitung humanistischer Kenntnisse und moderner Bildung stand weiterhin die Elite der ungarischen Kirche. Wenngleich sie mit Bischof Hippolit d'Este von Eger nicht wetteifern konnten, sammelten und lasen auch ungarische Prälaten (z.B. György Szatmári, Ferenc Várdai) die Werke humanistischer Autoren (György Handó gründete in Pécs ebenfalls eine humanistische Bibliothek), unterstützten begabte junge Leute bei ihren Studien und versammelten humanistische Literaten bzw. Autoren in einem Kreis um sich, die sie förderten.

Zur Jagiellonenzeit bildete die Zusammenstellung der Handschriften des Janus Pannonius, die Herausgabe und Auswertung seines Lebenswerkes den Mittelpunkt des Interesses und der Tätigkeit der ungarischen Humanisten. Dies wurde sogar zu einer öffentlichen und Reichsangelegenheit. Auch verschiedene ausländische Wissenschaftler äußerten den Wunsch - teils ihren ungarischen Studenten oder Sponsoren, teils dem internationalen Ruf und der Größe des Dichters Rechnung tragend - an der Janus-Philologie mitzuwirken. Unter den Ungarn waren es vor allem Dichter (Sebestyén Magyi, Adrianus Wolphardus), die sich um die Herausgabe verdient machten. Sie sahen in Janus Pannonius ihr Vorbild, und nährten daneben - indem sie sich auf ihn beriefen - das Nationalbewußtsein bzw. den Nationalstolz. Der herausragendste ungarische Philologe des Zeitalters, Matthaeus Fortunatus, publizierte eine Seneca-Ausgabe europäischen Ranges (1523).

Der blühendste Zweig der Literatur war zu jener Zeit die Lyrik, und ungarische Autoren trugen mit neuen Gattungen zu ihrer Bereicherung bei. Der Dichter Jacobus Piso, den als ersten in Ungarn eine Freundschaft mit Erasmus von Rotterdam verband, wurde von seinen Zeitgenossen hoch geschätzt. Stephanus Taurinus hatte für sein Epos "Stauromachia" ein ungarisches Thema gewählt, nämlich den Bauernaufstand Dózsás. Davon beeinflußt schrieb Márton Nagyszombati nach dem Fall Nándorfehérvárs (Belgrads, 1521) sein episches Werk "An die hohen Herren Ungarns" (Ad regni Hungariae proceres), in welchem er die Angesprochenen zum Zusammenschluß gegen die Türken und zur Verteidigung anspornte. Auch Bálint Hagymási war ein begabter Dichter. Neben seiner an klassischen Zitaten reichen "declamatio" über "Das Lob und die Verdammung des Weines und des Wassers" (De laudibus et vituperio vini et aquae) verdient eines seiner Poeme Erwähnung, das die Schönheit und den Reichtum Ungarns rühmt.

Dem Dichter Bartholomeus Francofordinus Pannonius und seinem Werk "Grille" (Gryllus) ist die Einbürgerung des humanistischen Lustspiels zu verdanken. Briefe im Stil des Humanismus bildeten zur Jagiellonenzeit weiterhin einen engen Bestandteil der Prosa. Der bedeutendste Vertreter dieser Gattung, Péter Váradi, stellte seine zwischen 1490 und 1497 verfaßten Briefe in einem Briefbuch zusammen. Das Beispiel der aufgezählten Werke macht deutlich, wie stark in breiten Kreisen Ungarns die Nachfrage nach lateinischsprachiger humanistischer Literatur gewachsen war. Diese schuf - zusammen mit der Philologie, welche das Interesse an der Muttersprache weckte - auch die Grundlagen für die nicht viel spätere Geburt der Renaissance-Literatur in ungarischer Sprache.


Zurück zum Seitenanfang