Zurück zum Inhaltsverzeichnis

LINGUISTIK

DIE ALTUNGARISCHE ZEIT
DAS SPRACHSYSTEM DER ZEIT



DIE ALTUNGARISCHE ZEIT

Die Sprachcharakteristik der Zeit

Die Herrschaftszeit der Angeviner und König Sigismunds gilt aus der Sicht der ungarischen Sprachgeschichte als Höhepunkt, als mittlerer Abschnitt der altungarischen Zeit. Die mit dem Selbständigwerden der Ungarn als Volk einsetzenden und in der Arpadenzeit zunehmenden Veränderungen in der Laut- und Formenlehre haben sich bis zu dieser Zeit vollendet und stabilisiert. Parallel mit der Sachkultur entwickelt sich auch die geistige Bildung. Der Wortschatz wird reicher, die Zahl der Schulen wächst, und in ihnen bilden sich nicht nur kirchliche, sondern auch weltliche Personen.

Es verbreitet sich die Schriftkenntnis, immer mehr Ungarn besuchen ausländische Schulen wie z. B. die Universitäten von Paris, Padua, Bologna, Prag, Wien oder Krakau. Auch in Ungarn entstehen Universitäten: in Fünfkirchen (Pécs) 1367 und in Altofen (Óbuda)1389. Die sich verbreiternde Basis der Bildung fördert wiederum die weitere Entwicklung der Sprache, die somit zu einem immer besseren Träger des möglichst genauen und differenzierten Ausdruckes der Aussage wird.

In der königlichen Kanzlei und den Urkunden ausstellenden Ämtern ging damals die Zahl der Urkunden bereits in die Tausende. Die in ihnen entdeckten verstreuten ungarischen Angaben geben vor allem über den Wortschatz sowie die Laut- und Formlehrenverhältnisse der Zeit Auskunft. Seit dem Ende des 14. Jahrhunderts entstehen dann schon umfangreichere schriftliche Werke, die reiches Material für die Kenntnis des Zustandes und Entwicklungsstandes der ungarischen Sprache bieten. Bei diesen Sprachdenkmälern handelt es sich um Schriften teils kirchlichen und teils weltlichen Gegenstandes.

Sprachdenkmäler kirchlicher Provenienz

Die kirchlichen Sprachdenkmäler sind in ihrer Mehrzahl Kodizes. Der älteste von diesen ist der Jókai-Kodex mit den Legenden des hl. Franz von Assisi. Dies ist das erste handgeschriebene, vollständig ungarisch verfaßte Buch, die um 1448 angefertigte Kopie eines nach 1372 aus dem Lateinischen übersetzten Kodexes. Den Originaltext übertrugen Franziskanerobservanten für die des Lateinischen nicht mächtigen Klarissen oder Altofner Beginen. Die Originalübersetzung ist verlorengegangen, nur die Kopie ist erhalten geblieben, die vermutlich in Altofen (oder eventuell in Gyöngyös) entstand.

Der Text des Jókai-Kodexes schöpft aus mehreren lateinischen Quellen, der größte Teil stammt aus der Legendensammlung "Actus Beati Francisci et sociorum eius" [Das Leben des heiligen Franziskus und seiner Gefährten] aus dem 14. Jahrhundert. Diese Quelle stellt vor allem die Ähnlichkeit des hl. Franz zu Christus dar: sie erzählt das vierzigtägige Fasten des hl. Franz; sein Gebet auf dem Alverna-Berg; wie er zu den fünf Wunden Christi kam; wie er den Franziskanerorden gründete.

Sie erwähnt weiter kleine Episoden und Wunder: wie es in Gubbio auf die Bitte des hl. Franz hin zur Buße eines wilden Wolfes gekommen ist; wie der Heilige "seinen Schwestern, den Vöglein" gepredigt hat. - Die Abschnitte über die Tugenden des hl. Franz, seine Armut, seine Demut und seinen Eifer, entnahmen die Übersetzer der Legendensammlung "Speculum perfectionis" [Spiegel der Vollkommenheit] und außerdem verwendeten sie auch Bonaventuras Biographie des hl. Franz.

Die Rechtschreibung des Jókai-Kodexes hat keine Nebenzeichen: sie folgt der Kanzleirechtschreibung. Die Sprache ist sehr altertümlich, die Kopie zeigt einen weit früheren als den zeitgemäßen Sprachzustand. So gibt die Rechtschreibung in einigen Wörtern z. B. nicht das Offenerwerden der Vokale wieder: (in heutiger Rechtschreibung) husszú [lang], társot [den Gefährte], lossan 'lassan' [langsam], magamot [mich], fiadot [deinen Sohn]. Unter den Veränderungen der Konsonanten gibt sie die Assimilierung weder von mt > nt an (z. B. himt, romt, cimterem 'cinterem') [Kirchhof] noch vom Suffix -val/-vel: malasztval [mit Gnade], járásval [mit Gang], sebességvel [mit Geschwindigkeit] usw. Sie benutzt viele inzwischen veraltete Wörter: álojt [meinen], ösztövérít [verbrauchen, magern], késál [ringen], leuzat [Skandal] usw.

Statt templom [Kirchgebäude] benutzt sie noch egyház [Kirche]; sie kennt noch nicht die substantivische Bedeutung [Wüstung] von puszta [bloß, öde, wüst], stattdessen benutzt sie dafür kietlen [Wüste]. Auffällig dagegen sind die vielen bewußten Wortschöpfungen, die mittels Ableitung und Zusammensetzung gebildeten Wörter: kedveletes [lieb], jelenségbeli [privat, einzeln], községbeli [gemeinsam], átkoztattak [Verdammte], hogyhana [als ob] usw. - Der Aufbau der Sätze im Kodex orientiert sich stark am lateinischen Satzbau. Dieser wird oftmals nur unbeholfen wortwörtlich übersetzt, und die Übersetzung folgt nicht nur dem Sinn, sondern auch allen Formwörtern, der Wortfolge, dem passivischen Verbgebrauch und der Kongruenz des lateinischen Textes.

Die erste ungarische Bibelübersetzung und zugleich das einzige ungarischsprachige Produkt der Hussitenbewegung ist die Hussitenbibel. Die Bibel (bzw. zumindest ihr größter Teil) wurde von zwei Weltgeistlichen aus Syrmien übersetzt, dem Altarpriester Tamás Pécsi aus Kamonc (heute: Kamenica) und Meister Bálint Újlaki, Pfarrer von Belcsény (heute: Beocin). Beide hatten zwischen 1399 und 1411 an der Prager Universität studiert und waren, als sie dort die Lehren von Johannes Hus kennenlernten, selbst zu Hussiten geworden. Sie werden mit der Bibelübersetzung um 1416 begonnen und sie vor 1441 beendet haben. Mit den Hus'schen Lehren übernahmen sie zugleich auch die hussitische Rechtschreibung mit ihren Nebenzeichen und wendeten sie in ihrer Übersetzung an.

Der Geist ihrer Übersetzung wich von dem der katholischen Lehre ab. Ein typisches Beispiel dafür ist, daß sie den Ausdruck spiritus sanctus [szent lélek; Heiliger Geist] mit der als ketzerisch geltenden Wortverbindung szent szellet [Heiliger Hauch] übersetzten. Vor den sie ihrer Ketzerei wegen verfolgenden Franziskaner-Inquisitoren floh Priester Tamás 1439 mit vielen Gläubigen in die Moldau, aber seine Verfolger erreichten ihn auch dort und beschlagnahmten die Bibelübersetzung. Zum Glück vernichteten sie jedoch die beschlagnahmte Übersetzung nicht, sondern benutzten sie später auch selbst. Die Originalübersetzung ging dann im Laufe des 15. Jahrhunderts dennoch verloren, ihr Text wurde nur in Kopien bewahrt. Diese befinden sich in folgenden Kodizes:

Die älteste Kopie der Hussitenbibel befindet sich im Wiener Kodex (Bécsi Kódex). Dieser wird um 1450 vom Original kopiert worden sein. Er enthält einzelne kleinere Bücher des Alten Testaments: die Bücher Ruth, Judith, Esther, die Makkabäerbücher, Baruch, Daniel und die zwölf kleinen Propheten, deren Reihenfolge nicht der der Vulgata entspricht. Der Kodex ist die Arbeit dreier Hände, der größte Teil stammt von der zweiten Hand. Die Kopisten machen viele Schreibfehler, folgen aber treu den Zeichen der Hussitenrechtschreibung. Die Angabe des offenen und geschlossenen e ist in diesem Kodex am konsequentesten.

Die chronologisch als zweite kopierte Handschrift ist der Münchener Kodex (Müncheni Kódex), der die vier Evangelien des Neuen Testaments enthält. Auf einem vor die Evangelien gebundenen Pergamentbogen befindet sich ein ungarisches Kalendarium mit den Namen der Feste und Heiligen und einem Kalenderrad. Mit seiner Hilfe konnte für jedes Jahr der Jahreskalender erstellt werden. Das Kalenderjahr des Kodexes gilt für die Jahre zwischen 1416 und 1435, ein Zeichen dafür, daß man den Kodex nach 1416 zu schreiben begann.

Auch der Münchener Kodex ist die Arbeit dreier Hände. Die Kopie ist nicht so konsequent in der Rechtschreibung (besonders bei der Angabe der e-Laute) wie der Wiener Kodex. Der Kopist des größten Teils trug nach Abschluß des Johannesevangeliums seinen Namen sowie Ort und Zeitpunkt der Beendigung des Kopierens ein. Demnach war der Kopist György Németi, Sohn von Imre Henzsel (Hänsel); seine Arbeit beendete er 1466 in der Stadt Tatros (heute: Trotus, Rumänien) in der Moldau. Sein Name Németi (Deutsch) mag darauf hindeuten, daß er aus einer sächsischen Familie stammte.

Der Apor-Kodex wurde aus Handschriften unterschiedlichen Ursprungs und Inhalts zusammengestellt. Möglicherweise ist er das Ergebnis mehrfacher Kopierung, darauf deuten zahlreiche Buchstabenfehler und Wortirrtümer hin. Seine Kopisten waren wahrscheinlich bereits katholische Mönche. Nur der um 1490 kopierte Teil mit den alttestamentlichen Psalmen stammt aus der Hussitenbibel. Er ist die Arbeit zweier Hände. Die übrigen Teile wurden von vier Händen kopiert. Sie stammen bereits aus dem 16. Jahrhundert und enthalten Übersetzungen im katholischen Geist. Um 1500 kann die sogenannte "három jeles szolgáltatás" [etwa: drei besondere Gottesdienste] entstanden sein, welche die liturgische Ordnung dreier Marienfeste wiedergibt. In einem um 1510 entstandenen Teil befinden sich teilweise mittelalterliche Hymnen und alttestamentliche Gebete. Um 1515 mag der Teil über die Leidensgeschichte Jesu kopiert worden sein.

Die Hussitenbibel verknüpft den Inhalt und auch die Sprache sowie Ausdrucksweise der drei Kodizes eng miteinander. Den originalen Sprachzustand der Bibelübersetzung bewahrte wohl der Wiener Kodex, während die Kopisten in die beiden anderen Kodizes ihren eigenen Dialekt mit einbrachten. Die Übersetzer mußten zahlreiche Schwierigkeiten überwinden, um den Reichtum der biblischen Kultur in Ausdrücken der ungarischen Sprache wiedergeben zu können. Bei ihrer Arbeit waren ihnen vermutlich vor allem die in der christlichen Praxis in Ungarn bereits eingebürgerten biblischen und kirchensprachlichen Elemente und aus der Messe bekannten ungarischsprachigen Formeln hilfreich, doch schöpften sie auch ausgiebig aus dem Sprachschatz des Volkes. Sie werden die deutschen und tschechischen Bibelübersetzungen gekannt haben, so daß auch diese auf ihren Wortgebrauch Einfluß hatten.

Mittels Wortableitung, Zusammensetzung und Wiederverwendung alter Wörter schufen sie mehr als zweihundert neue Wörter. Es finden sich viele ungewöhnliche, seither veraltete Wörter, z. B.: álnalkodat [List], címerlet [Titel, Adresse], ragadozat [Beute], villamodat [Morgendämmerung], levált [Pharisäer], hirvadat [Blaßheit], monnó [beide], holval [Morgen] usw. Charakteristisch für ihre Sprache sind die betonten Formen der Adverbien und Pronomina, z. B.: míglen [solange], mikoron [als], netalántál [vielleicht], önnön bennük [in sich selbst], minenmagunk [wir selbst] usw. Ebenso typisch ist die konsequente Verwendung einiger spezifischer Konjunktionen, z. B.: monnal [wie], és úgy [also], mint, miként, miképpen [wie] usw.

In ihren Sätzen kommen auffällig oft einzelne später veraltende Verbformen vor, wie z. B. das Futur mit -nd-Endung (látand, üldözend, meghaland). Der Aufbau ihrer Sätze, die Kongruenz der Verbmodi und -tempi zeigen oftmals lateinischen Einfluß. Trotz der sprachlichen Unebenheiten und Abhängigkeiten vom Lateinischen ist doch festzustellen, daß die Übersetzer der Hussitenbibel die Schriftsprache des 15. Jahrhunderts geschaffen haben.

Unter den kirchlichen Sprachdenkmälern ist noch das kurze Denkmal/Fragment der "Zeilen und Glossen von Marosvásárhely" (Marosvásárhelyi sorok és Marosvásárhelyi glosszák) zu nennen. Diese wurden im Koncz-Kodex von Neumarkt (Marosvásárhely, heute: Tîrgu Mures, Rumänien) entdeckt. Ihr unbekannter Übersetzer hat sie um 1410 geschaffen. Der Inhalt ist die Übersetzung eines Teils des alttestamentlichen Buches der Könige. Der Text enthält mehrere Fehler und Mißverständnisse. Die Sprache ist durch Vokale charakterisiert, die eine Aussprache ohne Lippenrundung kennzeichnen, z. B.: melléled (mellõled) [von dir weg], midén (midõn) [als], kelket (kölyket) [das Junge (Akk.)], tivis (tövis) [Dorn] usw. Der Übersetzer schrieb neben den biblischen Text auch vier kurze Glossen (insgesamt 11 Wörter).

Ebenfalls kirchlichen Charakters ist das als Laskai-Zeilen (Laskai sorok) bekannte Denkmal von 1433. Es handelt sich um einen fünfzeiligen ungarischen Text in einem lateinischen Kodex, ein gereimtes Bittgebet an den in Gestalt des Brotes gegenwärtigen Christus, die dichterisch schöne Übersetzung eines ebenfalls gereimten lateinischen Bittgebetes. Seine Sprache zeigt die Verwendung geschlossenerer Vokale (i, ü). Seine Rechtschreibung erinnert an die der Kanzlei.

Sprachdenkmäler weltlicher Provenienz

Die weltlichen Sprachdenkmäler dieser Zeit sind fast ausschließlich lateinisch-ungarische Wörterlisten, eigentlich damalige Wörterbücher. Sie entstanden zur Erleichterung des lateinischen Sprachunterrichtes und wurden in Schulen wie auch in den Kanzleien verwendet. In ihnen sind die lateinischen Wörter nach Begriffskreisen gruppiert; die ungarischen Bedeutungen sind über die lateinischen geschrieben. Diese Wörterlisten sind vom Gesichtspunkt des ungarischen Wortschatzes, der Wortbildung und der Bedeutungsgeschichte der Wörter außerordentlich wichtig. Aus ihnen entwickelten sich dann auch die ältesten ungarischen Wörterbücher.

Die älteste lateinisch-ungarische Wörterliste ist die Königsberger Wörterliste (Königsbergi szójegyzék), entstanden um 1380. Möglicherweise benutzte man sie in einer königlichen Kanzlei. Sie enthält 159 lateinische Wörter, von denen aber nur 100 eine ungarische Bedeutung bekamen. Es handelt sich um die Arbeit zweier Schreiber, die vermutlich deutscher Muttersprache waren. Die Wörterliste enthält Verwandtschaftsbezeichnungen, die Benennungen der Sinne, guter und schlechter Eigenschaften, Emotionen und Krankheiten sowie die Namen von Kleidungsstücken, Werkzeugen und Waffen.

Die Bistritzer, die Schlägler und die Ödenburger Wörterliste (Besztercei, Schlägli und Soproni szójegyzék) lassen sich auf einen gemeinsamen Ursprung zurückführen. Sie alle sind das Ergebnis mehrerer verlorengegangener Kopien, ihre Originale werden 1380-1390 entstanden sein. Als Muster mag das lateinische Material einer auf bayerisch-österreichischem Gebiet verfertigten lateinisch-deutschen Wörterliste gedient haben.

Die Bistritzer Wörterliste kopierte um 1395 ein Wanderlehrer, Georg von Slawonien. Die Liste wird wahrscheinlich ein in städtischen Schulen verwendetes Lehrbuch gewesen sein. Sie enthält 1316 ungarische Wörter, gruppiert nach 21 Begriffskreisen. Sie führt auch viele Wörter auf, die bis heute ausgestorben sind: z. B. hort [Windhund], pikonhog [Art Helm], pakocsa [Gespött], kotorgárt [der Schild], higy [Ohrgehänge], egyveng [Bruder] usw. Ein großer Teil der Wörter hat noch geschlossenere Vokale als die heutigen: z. B. iszop (iszap) [Schlamm], sum (som) [Kornelkirsche], lopus (lapos) [flach] usw. Kulturgeschichtlich interessant ist, daß sie, obwohl sie eine detaillierte Beschreibung der Waffen der Sigismund-Zeit gibt, die Namen der Feuerwaffen noch nicht kennt.

Die Schlägler Wörterliste entstand um 1405, ihr Kopist ist unbekannt. Die Liste umfaßt 2140 ungarische Wörter in 32 Begriffskreisen. Unter den Wörtern finden sich bereits solche, die in den Bereich der geistigen Kultur gehören: z. B. elme [Vernunft], értelem [Verstand], szándék [Absicht], ok [Grund, Ursache] usw. Zur literarischen Kultur gehörende Wörter sind z. B. noch die Instrumentennamen (kürt [Horn], síp [Pfeife], gajd [Art Blasinstrument], hegedû [Geige], lant [Laute] usw.) und die Berufsbezeichnungen der Spielleute (kürtös [Hornist], igric [Jokulator, Sänger], dobos [Trommler] usw.). Ausgestorbene Wörter kommen auch hier vor, z. B.: verõ [Hammer], kõláb [Säule], álltetem [Unterkiefer] usw. In einigen Wörtern kommen geschlossenere Vokale als heute vor: z. B. harum (három) [drei], habus (habos) [schaumig], orrus (orros) [-nasig, mit ... Nase] usw.

Die Ödenburger Wörterliste wurde um 1435 kopiert, sie kann der Teil einer längeren Liste sein, denn sie umfaßt nur fünf Begriffsgruppen mit 217 Wörtern. Die ungeübte, fehlerhafte Schrift weist darauf hin, daß der Kopist ein Schüler gewesen sein mag. Die Liste ist zwar um vieles kürzer als die Bistritzer und die Schlägler Wörterliste, sie enthält aber Wörter, die in den früheren größeren Wörterlisten nicht vorkommen.

In einer jassisch-lateinischen Wörterliste findet sich die Jassische Wörterliste, entstanden nach 1422. In ihr gibt es insgesamt 6 (eventuell 8) ungarische Wörter, Speise- und Getränkenamen, beim Kochen nötige Dinge, wie vaj [Butter], árpa [Gerste], fú [Wildente].

Eine Wörtersammlung ähnlicher Art wie die Wörterlisten ist das unter dem Namen Ungarischer Sprachmeister des Schülers Johannes de Rotenborg bekannte Sprachdenkmal. Die Wörter sind Aufzeichnungen eines Studenten deutscher Muttersprache. Der Schreiber notierte zwischen 1418 und 1422 auf einer Seite eines lateinischsprachigen Lehrbuches von 1418 die für ihn notwendigsten ungarischen Wörter und Ausdrücke, so z. B. die Verwandtschaftsnamen, die zur Ernährung, zum Waschen, zur Bekleidung, zum Wortschatz des Alltagslebens gehörenden Benennungen, ja sogar auch einige obszöne Ausdrücke. Der Sprachmeister enthält auch Satzfragmente und kurze Sätze z. B.: "Ist das deins?", "Schenk Wein ein!", "wohin geht er?", "ich spreche zu dir" usw.

Unter den Sprachdenkmälern weltlicher Provenienz finden sich auch kürzere oder längere Glossen. Die als Mondseer Glossen bekannte Drei-Wort-Glosse ("Ravasz átkozta szél" - [Fuchs-verfluchter Wind]) wurde in den Jahren um 1390 in einen Kodex mit Legenden der Abtei Mondsee in Oberösterreich geschrieben. - In einem aus Gran (Esztergom) nach Wien gelangten Schulbuch finden sich die aus der Zeit um 1423 stammenden Wiener Glossen, die von vier Personen eingetragen wurden. Einer war, wie sein Name Jakab Bélai verrät, ein Schüler deutscher Muttersprache, der wohl die ungarische Sprache mit der lateinischen zugleich lernte. - Die umfangreichste Glossensammlung sind die Schlägler Glossen (Schlägli glosszák). Sie enthalten 130 Wörter und wurden wohl um 1430 in jenen Kodex kopiert, an den die Schlägler Wörterliste angebunden war. Die Mehrzahl der Glossen sind Hauptwörter: Pflanzen- und Tiernamen.

DAS SPRACHSYSTEM DER ZEIT

Der Wortbestand

Die Sprachdenkmäler der Zeit zeugen im Bereich sowohl des Wortbestandes als auch der Gestaltung des Sprachsystems vom Reichtum und von der kraftvollen Entwicklung der Sprache. Den Kern des Wortschatzes bilden weiterhin die Wörter des uralten Erbes: die aus der uralischen, finnougrischen bzw. ugrischen Zeit tradierten Wörter. Es existieren auch türkische und sonstige frühe, vorlandnahmezeitliche Wörter. Aus all diesen entstehen mittels Ableitung und Zusammensetzung auch in dieser Zeit zahlreiche neue Wörter. Aus dieser Zeit datierbar sind z. B. unter den abgeleiteten Wörtern szól [sich äußern], remél [hoffen], szerez [verordnen, vorschreiben], habozik [zögern], forgács [Span], szerzet [Orden] usw. Von den zusammengesetzten Wörtern erscheinen z. B. szerszám [Werkzeug], timsó [Alaun], szükszerû [eng], társzekér [Planwagen] usw. Es gibt auch eine lebhafte innere Wortschöpfung: z. B. rí [weinen], óhajt [wünschen], köp [spucken], hurut [husten], üvölt [brüllen], ah [ach (Interj.)], no [nu (Interj.)], rendül [erschüttert werden], háborodik [sich entrüsten].

Unter den Wörtern innerer Entstehung zeigen nicht nur die wichtigsten Wortarten (Verben und Nomina), sondern auch die sonstigen eine Entwicklung. Der bestimmte Artikel, dessen Entstehung in der frühaltungarischen Zeit begonnen hatte, trennt sich zu dieser Zeit schon deutlicher vom auf Substantive hinweisenden Pronomen, und seine Artikelfunktion stabilisiert sich. Zu dieser Zeit beginnt auch die Entwicklung des Zahlwortes egy [eins] zum unbestimmten Artikel [ein]. Unter den Personalpronomina vermehren sich die nachdrücklichen Formen ön, ten, tennen, minnen. Des weiteren erweitert sich auch der Bestand an Konjunktionen, Partikeln, Adverbien und Verbalpräfixen.

Infolge enger Kontakte zu anderen Völkern erhöht sich auch die Zahl der die verschiedenen Bereiche der Kultur, der Religion und des Alltagslebens, die Pflanzen- und Tierwelt sowie das Wirtschaftsleben betreffenden Lehnwörter. Übernahmen aus dem Lateinischen sind z. B. cédrus [Zeder], cinterem [Friedhof], legenda [Legende], fundál [fundieren], július [Juli] usw., italienische z. B. lándzsa [Lanze], egres [Stachelbeere], mandula [Mandel], dézsma [Zehnt], füge [Feige], korcsolya [Schrotbaum (Faßleiter), heute: Schlittschuh] usw. Wahrscheinlich aus dem Französischen übernahm man z. B. paraj [Spinat], lakat [Türschloß], tárgy [Gegenstand], címer [Wappen] und kilincs [Klinke]. Aus dem Deutschen stammen z. B. bognár [Wagner, Rademacher], erkély [Erker], csûr [Scheuer], font [Pfund], hóhér [Henker], kalmár [Krämer], lant [Laute], példa [Beispiel] usw. Slawischer Herkunft sind z. B. gabona [Getreide], jászol [Krippe], iga [Joch], pecsét [Siegel], kapca [Fußbekleidung aus Filz], galagonya [Weißdorn], póráz [Hundeleine], lencse [Linse], kár [Schaden], parancsol [befehlen] usw. Auch aus dem Rumänischen (z. B. ficsúr [rumänischer Bursche]) und Kumanischen (kalauz [Wegweiser; Führer]) wurden in dieser Zeit einige Wörter übernommen.

Auch bei den Eigennamen beginnen Veränderungen. Die Personennamen bestanden in frühaltungarischer Zeit noch aus einem Element. Teils beruhten sie auf der früheren weltlichen Namengebung (z. B. Fekete [Schwarz], Szõke [Blond], Szár [Glatze] usw.), teils waren sie kirchlicher Herkunft und bezeichneten ihren Träger mit seinem Taufnamen (János, Iván [Johannes], Benedek [Benedikt], Mihály [Michael] usw.). Im 14. Jahrhundert beginnt dann der Gebrauch auch von Namen aus zwei Elementen. Denn die Herausgestaltung der Besitzverhältnisse machte die genaue Unterscheidung der Eigentümer der Besitzungen nötig. Das zum Personennamen aus einem Element hinzutretende unterscheidende Namenselement schloß sich anfänglich in einer dem Lateinischen folgenden Form mittels dictus [genannt] oder filius [Sohn] an den Taufnamen an.

Namensbeispiele aus dem Ungarischen Urkunden-Wörterbuch (Magyar Oklevél-szótár): Antonius dictus Kerekes [Kerekes genannter Anton], Petrus dictus Fekete [Fekete genannter Peter], Ladislaum filium Petew [Petõs Sohn, Ladislaus] usw. Später blieb das Element dictus beim Namen fort: Jakobus Oregh (Öreg Jakab) [Jakob Alt], Georgii Kun (Kún György) [Georg Kumane] usw. Auch der Verweis auf den Vater geschieht häufig bereits mit einem ungarischen Element, dem Wort fia [Sohn]: z. B. Pálfiajános [Johann Paulssohn], Demeter fia István [Stephan, Sohn des Demetrius] usw. Später wurde das Unterscheidungselement des Namens zum erblichen Familiennamen; beispielsweise (in Ortsnamen): Egrimihályháza [Erlaumichaelshaus], Varjujánosháza [Krähenjohannshaus] usw. In den niedereren Volksschichten entstand der Familienname erst im 16.-17. Jahrhundert.

In der Namensgebung verringert sich der Anteil von mit dem Ortsnamensuffix (-d, -s, -i) gebildeten Namen, die Zahl der zusammengesetzten Namen dagegen wächst. Deren eine typische Form ist die Benennung des Ortes mittels des Schutzheiligen der Kirche: Szentjános, Szentimre, Szentanna usw. Ein anderer häufiger Namensgebungsbrauch schuf Ortsnamen mit dem Volksnamen als Vorderglied: Magyarfalu [Ungardorf], Németfalu [Deutschdorf], Oroszmezõ [Russenfeld] usw.

Das grammatische System

Die Entwicklung des grammatischen Systems setzt sich in der Richtung fort, die in der ur- und frühaltungarischen Zeit eingeschlagen wurde. Die wichtigsten Lautveränderungen, welche die Sprache klangvoller und der heutigen ähnlicher werden ließen (wie z. B. das Offenerwerden der Vokale, die Vereinfachung der Diphthonge und die Konsonantenassimilation), waren bis zu dieser Zeit schon abgeschlossen oder standen vor dem Abschluß. Dennoch bewahrt die Rechtschreibung den ursprünglichen Lautzustand noch lange Zeit.

Infolge der Lautveränderungen und mit ihnen verbundenen verschiedenen auf Lautausgleich abzielenden Prozesse setzen auch Veränderungen in den Wortstämmen ein. Die Stammauslautvokale unterer Zungenstellung (a, e) und dann später o, ö mittlerer Zungenstellung trennen sich vom Stamm und werden Bestandteil des Affixes. Das vollständige System der heutigen Stammtypen beginnt sich herauszubilden; die ein- und mehrförmigen Stämme entstehen, die verschiedenen Varianten der v-Stämme (z. B. bokor : bokrot; mezõ : mezeje; szõ : szövök; ló : lova; keserû : keserves usw.).

Der Mittelbestand des morphologischen Systems erweitert sich. Bei den Verbalsuffixen erscheinen neben den früher gebrauchten einfachen Suffixen die verschiedenartig zusammengesetzten Ableitungssuffixe, wie z. B. -ng, -sít, -doz/-dez/-döz, -dokol/-dekel/-dököl, -aszt/-eszt, -asztal/-esztel, -aml/-eml, -lkodik/-lködik usw. Auffällig hoch ist die Zahl der mit dem Ableitungssuffix -van/-ven gebildeten Partizipien. Bei den Nomenbildungssuffixen erscheinen -ós/-õs, -atos/-etes, -cska/-cske, -dad/-ded, -lat/-let, -ságos/-séges, -ságú/-ségû, -zat/-zet, das aus dem Wort nõ [Frau] entstandene -né [Ehefrau] usw. - Das Besitzzeichen -é wird zum Ortsnamen-Bildungssuffix -i.

In den Ordinalzahlen erscheint das hervorhebende Zeichen -ik (z. B. harmadik [dritte/r/s]). In der Konjugation werden sämtliche Verbmodi und -tempi verwendet. Um das in der Vergangenheit liegende Handeln und Geschehen auszudrücken, wird besonders oft die Erzählvergangenheit (mene, láta) und das Präteritum imperfectum (megy vala) benutzt. Zur Beschreibung des Dauerzustandes setzt man statt einer Verbform auch die mit -va/-ve, -ván/-vén, -atta/-ette gebildeten Partizipien ein, die sogar mit Personalsuffixen versehen werden: z. B. Wiener Kodex: nézvéjek [sie sahen]; Münchener Kodex: aluvánk [wir schliefen]; Wiener Kodex: elmenettem [ich ging weg], lakattam [ich wohnte]; Münchener Kodex: evezettek [sie ruderten] usw.

Der Ausdruck des Futurs geschieht nicht mehr nur mittels präsentischer Verbformen, sondern auch mit der Konstruktion mit dem Zeichen -nd und dem Hilfsverb fog. Bei der Modus- und Tempusverwendung der Verben zeigt sich ein starker lateinischer Einfluß: Das verbale Prädikat der untergeordneten Sätze steht statt im dem ungarischen Sprachgebrauch entsprechenden Indikativ bzw. Imperativ oftmals im Konjunktiv; z. B. Wiener Kodex: "midõn a király víg volna"; Jókai-Kodex: "parancsolá, hogy semmit ne szólna" usw.

In der Deklination wächst die Zahl der Suffixe. Erstmals erscheinen -szor/-szer/-ször [-mal]; zu dieser Zeit werden -ként [als] aus kéj, kény [Wille, Neigung] und -kor [zur Zeit von] aus kor [Zeit] zu Suffixen. Neue Suffixe sind auch -nként, -nkéd, -stul/-stül und -lan/-len. Bei der nominalen Personalsuffigierung erscheinen neben dem den Pluralbesitz anzeigenden -i auch -ai/-ei und später -jai/-jei. In den substantivischen Possessivkonstruktionen werden die Besitzer im Plural häufig auch am Besitzwort angegeben, z. B. embereknek házuk.

Das Satzsystem der Zeit war abwechslungsreich. In den Textdenkmälern finden sich alle Satztypen. Die häufigste Satzart bei den einfachen Sätzen ist der Aussagesatz, aber es kommen auch verschiedene Ausdrucksformen der Frage, des Ausrufes und des Wunsches vor: z. B. Wiener Kodex: "Avajha eladattatnánk"; Münchener Kodex: "Jaj, tinektek", "Ne akarj félned" usw. Die Sätze werden entweder ohne trennendes Satzzeichen oder mittels Punkt bzw. Komma gegliedert; Frage- und Ausrufezeichen sind noch nicht bekannt. Als Prädikat dient im Satz oftmals auch ein Partizip, z. B. Jókai-Kodex: "õ vala jövendõ"; Münchener Kodex: "Valának evõk és ivók", "valának csudálkodók" usw.

Die Kongruenz von Subjekt und Prädikat im Numerus folgt oftmals dem lateinischen Muster: nach einem Gattungsnamen- oder einem Subjekt mit Mengenattribut steht das Prädikat im Plural, z. B. Münchener Kodex: "hallák a két tanítvány"; "a gyülekezet egybe gyülekezének" usw. Verb und Partizip werden in den Sätzen - wie auch vorher schon - durch Objekt und verschiedene Adverbialien erweitert. Der Bestand an freien Adverbialien wächst ebenso wie die Zahl der abstrakte Verhältnisse ausdrückenden gebundenen Adverbialien.

Unter den Erweiterungen des Substantivs ist das qualitative Attribut häufig das Wort einer substantivischen Wortart (Stoffname, Farbenname, Verwandtschafts- oder Berufsbezeichnung). Diese Situation förderte die Herausgestaltung der Doppelwortartigkeit Substantiv-Adjektiv. Unter den verbalnominalen Attributen erscheint erstmals das instante Partizip: hallandó fülek [zum Hören geeignete Ohren], keresendõ, szeretendõ alázatosság [zu suchende, zu schätzende Demut], tisztelendõ fiú [zu verehrender Junge] usw. Häufig ist auch das mit einem Adverbiale erweiterte Partizip való: Jókai-Kodex: "Szent sebekrõl való csuda"; Bistritzer Wörterliste: "mívesnek való étek" usw.

Wörter mit Mengenattribut stehen nach lateinischem Einfluß oft im Plural: harminc napok, két latrok usw. In Konstruktionen mit Possessivattribut nimmt die Zahl der das Possessivverhältnis stärker betonenden Possessivattribute mit dem Suffix -nak/-nek zu: Izraelnek fiai, Szamaritánusoknak városai usw.

Die Apposition ist relativ selten. Ihre Funktion ist vor allem die Onomatopoesie und die genauere Bestimmung des attributierten Wortes mittels Umschreibung.

Die Erweiterung des Adjektivs ist allgemein. Seine Erweiterung ist immer ein Adverbiale; häufig ist es schon von gebundener Konstruktion und drückt unterschiedliche abstrakte lexikalische Verhältnisse aus. Die Erweiterung von Numerale und Adverb kommt verhältnismäßig selten vor.

Fast sämtliche auch heute verwendeten unter- und nebengeordneten Typen der zusammengesetzten Sätze kommen auch in jener Zeit vor. Auch dies ist ein Beleg dafür, daß die Sprache der Zeit sich bereits zum Ausdruck der unterschiedlichsten bedeutungsmäßigen und logischen Verhältnisse eignete. Stark ist allerdings noch der lateinische Einfluß auf die Modus- und Tempuskongruenz der Verben der Nebensätze. Der Bruch mit der lateinischen Sprache setzt erst in der folgenden sprachgeschichtlichen Periode ein.


Zurück zum Seitenanfang