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LITERATURGESCHICHTE

BILDUNGSVERHÄLTNISSE
AUTOREN, KUNSTGATTUNGEN, WERKE



BILDUNGSVERHÄLTNISSE

Die Sprache

Die Anjouzeit bewirkte in der Literaturgeschichte Ungarns bedeutende Veränderungen: Auf den Thron war eine von Hause aus französisch-italienisch sprechende Dynastie gelangt, deren politische und kulturelle Orientierung das gesamte Zeitalter hindurch von ihrer Herkunft bestimmt wurde. Den Einfluß der italienischen Beziehungen spürte man vor allem am Stil, Interesse und den Charakteristika der lateinischen Literatur. Die Gattung Literatur war im Vergleich zur Arpadenzeit weniger reich und zugleich wurde ihre Sprache weltlicher. Zwar schrieb man auch weiterhin größtenteils Lateinisch, in erster Linie die Geschichtsliteratur und Lyrik, doch daneben entstanden am Königshof auch bedeutende Werke in deutscher Sprache.

Der sächsische Meistersinger Heinrich von Mügeln schrieb, irgendeine Fassung der ungarischen Chroniken zu Grunde legend, die Geschichte der Ungarn in seiner Muttersprache. Doch nicht nur Ausländer schrieben Deutsch. Bis zum Ende des 14. Jahrhunderts führte man in Szepesszombat deutsche Aufzeichnungen über historische Ereignisse, und um 1370 ließen die Zipser Sachsen das Buch mit ihren Rechten in deutscher Sprache abfassen (Zipser Willkür). Dasselbe taten nach 1405 auch die deutschsprachigen Bürger von Ofen (Ofner Stadtrecht). Hinzu kam, daß im Laufe des Jahrhunderts auch die ungarische Literatur Verbreitung fand. Im Hintergrund dessen mag die Verweltlichung der sakralen Kultur gestanden haben, ihre Schöpfer aber waren die unentwegten Triebfedern der Laienbewegung, die Mönche der Bettelorden, die mit ihren Übersetzungen lateinischer Werke für die seelischen Bedürfnisse jener Nonnen sorgen wollten, die das Latein nicht beherrschten.

Nach Meinung einzelner entstand Anfang des 14. Jahrhunderts von der Hand einer über Lateinkenntnisse verfügenden Nonne die ungarische Übersetzung der Lebensbeschreibung einer im Kreis der Dominikanernonnen außerordentlich beliebten ungarischen Heiligen, der hl. Margarete aus dem Arpadenhaus, welche in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts vielleicht sogar schon überarbeitet wurde. Ihr folgte am Ende des Jahrhunderts der erste gänzlich ungarischsprachige Kodex: der Jókai-Kodex mit einer Übersetzung der Legende vom hl. Franziskus. Und nicht zu vergessen das Wirken der Bettelmönche bei der Verbreitung des Glaubens, denn mit ihren Predigten gaben sie nicht nur die kirchliche Kultur weiter, sondern trugen gleichzeitig zur Herausbildung der ungarischen Literatursprache bei. Keine geringere Bedeutung kommt dem Umstand zu, daß um 1420-1430 zwei sirmische Priester, Pfarrer Valentin Újlaki aus Belcsény und Priester Thomas aus Kamanc, die an der Prager Universität wohl mit den hussitischen Lehren bekannt geworden waren, den größeren Teil der Bibel ins Ungarische übersetzten.

Ihre Übersetzung haben spätere Kopien überliefert (Wiener Kodex um 1450, Münchner Kodex 1466, Apor-Kodex Ende des 15. Jahrhunderts). Die Geburt der Hussitenbibel war Zeichen für die Verbreitung eines neuen Geistes und die Formulierung des neuen Anspruchs, demzufolge die Religion im Gegensatz zu den früheren, kollektiven Formen eine persönliche Angelegenheit der Menschen wurde. Die Lehren des Jan Hus ergänzten die innerhalb der kirchlichen Rahmen gebliebene Bewegung der Franziskaner, wenn auch nach offizieller Beurteilung gegen die Auffassung der Kirche. Als Beweise für das Verhältnis und die enge Beziehung zwischen der Muttersprache und der lateinischen Sprache stehen die lateinisch-ungarischen Vokabulare jener Zeit, die zugleich wertvolle Denkmäler unserer Sprachgeschichte sind.

Das erste dieser Vokabulare entstand zwischen 1380 und 1410, als Georg von Slawonien die Bistritzer Wörterliste kopierte, das 1316 thematisch geordnete Wörter enthielt. Etwa zur gleichen Zeit, vor 1410, stellte ein unbekannter Kopist die Schlägler Wörterliste zusammen. Sie wurde zwar ebenfalls nach Themen geordnet, umfaßte jedoch schon bedeutend mehr als zweitausend Wörter. Diese Vokabulare mögen zu Zwecken des Schulunterrichts verfaßt worden sein, im Gegensatz zu dem lateinischen Sprachbuch des Schreibers Johannes de Rotenborg, der seinem Band zwischen 1418 und 1420 in Ofen auch noch Worterklärungen für Fremde, vielleicht Deutsche, hinzufügte. Und zwar die lateinischen und deutschen Erklärungen der wichtigsten ungarischen Ausdrücke, die für den Umgang in diesem Land unerläßlich waren.

Mündlichkeit und Laienliteratur

Zur Schriftlichkeit gesellte sich nunmehr auch die Mündlichkeit mit eindeutig erfaßbaren Denkmälern. Gewiß ist, daß bis einschließlich zur Herrschaftszeit König Sigismunds Gesänge historischen Inhalts geschaffen wurden, die von den herausragenden Taten einzelner Edelleute erzählten. Auf eine ungarische Ballade bezugnehmend berichtet Johann Thuróczy in seiner Chronik, wie tapfer der gegen Sigismund aufbegehrende Aristokrat Stephan Kont sich 1388 gezeigt, als er seinem Henker gegenüber stand. Über den Anschlag des Felician Záh waren im 16. Jahrhundert gleichfalls noch Gesänge bekannt, und wenn es stimmt, gab es einen solchen auch über Pipo von Ozora. Ein Fragment des Liedes über die "Höllenfahrt", d.h. die Visionen des Laurenz Tar, der 1411 ins Purgatorium des irischen St. Patrik hinabgestiegen war, fand Eingang in die Reimchronik des Sebastian Tinódi.

Die Toldi-Sage wurde zwar erst später, im 16. Jahrhundert aufgezeichnet, ihre inhaltlichen Elemente jedoch zeigen deutlich, daß ihr Ausgangsstoff spätestens unter der Herrschaft Sigismunds Form angenommen hatte, und als Muster diente ihr eine populäre französische Kunstgattung der Zeit, das Chanson de Geste. Bei diesen Stücken der höfischen bzw. Literatur der Ritterzeit handelt es sich teils um Denkmäler der volkssprachlichen Historiengesänge, teils um Werke der lateinischsprachigen Ritterdichtung, die als Übersetzungen erhalten blieben. Möglich, daß die von den Chronisten des 11.-13. Jahrhunderts geschaffenen Abenteuergeschichten und Sagen durch Vermittlung der Latein beherrschenden weltlichen Spielleute oder Vagantendichter zu den Verfassern der Volksepik gelangt sind, und umgekehrt. Auch die Gestalt des hl. Königs Ladislaus, der aus seinem Grabe aufstand, um den Ungarn gegen die Mongolen beizustehen, dürfte diesen Weg von der profanen Lieddichtung in die Annalen gegangen sein.

Die Verbreitung der Schreibkundigkeit

Das 14. Jahrhundert ist bekanntlich die Zeit der allgemeinen Verbreitung des Schrifttums. Immer mehr Männer, die ihre Laufbahn als Priester beginnen, entscheiden sich dafür, ihr in der Schule erworbenes Wissen als Weltliche zu nutzen. So wird das lateinische clericus (= Kleriker, Mitglied des Priesterstandes) neben dem litteratus (= gebildeter, studierter, schreibkundiger Mensch) nach und nach zum Synonym für das ungarische Wort Schreiber. Diejenigen, welche die Priesterlaufbahn aufgeben, finden anfangs in Marktflecken oder an authentische Tätigkeit ausübenden Orten eine Anstellung als Notar (wie z.B. der Eisenburger Notar Bartholomäus oder Stephan, dem die authentische Tätigkeit in Pannonhalma unterstand). Doch im Laufe des Jahrhunderts beschäftigt auch die königliche Kanzlei schon weltliche Schreibkundige (z.B. Meister Stephan Öri), und die Büros der königlichen Kuriengerichte werden in der Regel bereits von Laienrichtern geleitet (z.B. dem späteren Landesrichter Jakob Szepesi).

Durch das Erscheinen der weltlichen Schreibkundigen wurde das Ansehen der an der kirchlichen Laufbahn Festhaltenden geschmälert. Den Diskrepanzen zwischen beiden Schichten ist es wohl zuzuschreiben, daß Meister Johann Uzsai Mitte des 14. Jahrhunderts bemüht war, die Schreiber aus dem Kreis derjenigen auszuschließen, die priesterliche Privilegien genossen. Neben den von ihren Schreibkenntnissen lebenden und oftmals zu hohem Ansehen gelangenden weltlichen Intellektuellen findet man aber auch Vertreter der Aristokratie wie Benedikt Himfi, der nicht nur mit seinen Bekannten, Mitgliedern der Bettelorden, sondern auch mit seinen Temescher Leibeigenen in lateinischer Sprache korrespondierte, und der als Gesandter König Ludwigs am päpstlichen Hof in Avignon weilte. In seiner Person zeigt sich die enge Verflechtung des starken Interesses an den Bettelorden einerseits und an der Laienkultur andererseits in einer glücklichen Konstellation.

Die Ausweitung des Raumes

Auch Laurenz Tar mag den Brief an seine Familienmitglieder eigenhändig aufgesetzt haben. Im Zeitalter der Arpaden kamen die Vertreter der weltlichen Gesellschaft höchstens im Falle einer königlichen Hochzeit mit der westlichen Aristokratie in Kontakt. Im 14. Jahrhundert aber strömten nicht nur mehr und mehr Ausländer nach Ungarn, sondern die Feldzüge König Ludwigs nach Italien und König Sigismunds Europareisen sowie die ausgedehnten diplomatischen und religiösen Beziehungen überhaupt boten breiten Schichten der ungarischen Aristokratie nun auch ausgezeichnete Möglichkeiten, die Kultur ihrer italienischen, französischen oder englischen Standesgenossen in deren Heimat kennenzulernen bzw. deren Sitten, Gebräuche und Anschauungen zu übernehmen.

Nicht selten kam es vor, daß die ungarischen Anführer von Ludwigs Söldnern nach Beendigung des Feldzuges in Italien blieben. Und die zu Sigismunds Gefolge gehörenden Adligen nutzten die Reiselust ihres Monarchen dazu, ihre Neugier hinsichtlich der westlichen Kultur zu befriedigen. Eines der wichtigsten Ergebnisse dessen war der wachsende Anspruch gegenüber der Literatur und die Begegnung mit ihr. Die Visionen des Laurenz Tar - der, wie gesagt, schreiben und lesen konnte - bekunden, daß dieser die Hölle des St. Patrik hinter sich wissende Aristokrat (unabhängig von dem die Visionen schriftlich niederlegenden Notar) über gewisse Kenntnisse der westlichen Visionsliteratur verfügte. Auch die Autoren der Kirche konnten bei diesen Unternehmungen im Ausland ihren Gesichtskreis erweitern. Johann Kétyi läßt in seiner Arbeit über die Feldzüge König Ludwigs keinen Zeifel daran, daß er persönlich unmittelbar an den Ereignissen teilgenommen hat.

Die Schulbildung

Nach den unruhigen Jahrzehnten des Rückfalls zu Beginn des Jahrhunderts besuchten ungarische Studenten im Zeitalter der Angeviner gern wieder ausländische Universitäten. Schon zum Ende der Arpadenzeit hatte man die italienischen der Pariser Universität vorgezogen, ab Mitte des 14. Jahrhunderts jedoch liefen sie dieser nahezu den Rang ab. Aus jener Zeit wissen wir fast ausschließlich von solchen Studenten, die das Studium der Rechte an italienischen Universitäten, in Bologna oder Padua, absolvierten, obwohl der ungarische Königshof 1366 auch mit Stolz auf drei Magister mit Pariser Abschluß verweisen konnte. Im Anschluß an seine Feldzüge gegen Neapel, gleichsam als deren Ergebnis, begann König Ludwig I., seine jungen Anhänger und Kaplane an die berühmtesten Schulen der Rechtswissenschaft zu schicken. Für ihren Unterhalt während der Studienzeit sorgte er durch die Einkünfte aus Kirchenpfründen. Auf diese Weise konnten Valentin Alsáni, Benedikt Himfi d.J., Emmerich Czudar oder Johann Kanizsai in Italien studieren, und aufgrund ihrer Bildung erwartete sie eine glänzende Karriere.

Neben den altehrwürdigen Schulen wurden aber auch neue gegründet: die Universitäten in Prag (1348), Krakau (1364) und Wien (1365). Zahlreiche Studenten aus Ungarn besuchten von den 1380er Jahren an die Prager, vom Anfang des 15. Jahrhunderts an die Krakauer und ab 1368 die Wiener Universität. An letztgenannter wurde 1384 speziell für die Söhne der mitteleuropäischen Völker die sog. Natio Hungarica gebildet. Im Jahr 1367 gab Papst Urban V. dann dem Gesuch König Ludwigs zur Gründung der Fünfkirchner Universität statt. Bis zur Schließung der Einrichtung um 1390 wurden hier Philosophie und Rechtswissenschaften gelehrt. Unter ihren Kanzlern (der Fünfkirchner Bischof Valentin Alsáni) und Lehrern (Galvano di Bologna) findet man nicht wenige frühere Lehrer bzw. Studenten aus Bologna. Allerdings war ihr nur eine kurze Lebensdauer beschieden. Sie wurde wieder geschlossen und ihre Studenten von der Prager Universität übernommen; so z.B. auch Peter von Wydera, der in den 1380er Jahren in Fünfkirchen den Grad eines Baccalaureus errungen hatte.

Vielleicht mit dem Ziel, die Fünfkirchner Universität zu ersetzen, nahm König Sigismund um 1390 in Altofen die Gründung einer Universität in Angriff. 1395 bestätigte Papst Bonifatius IX. die Universitätsgründung und ernannte den Altofner Propst Lukas Szántai zu ihrem ersten Kanzler. Nach langen Jahren der Unsicherheit kam es 1410 schließlich zur Neugründung der aus vier Fakultäten bestehenden Universität, die über dieselben Privilegien wie die Universitäten von Paris, Bologna, Oxford und Köln verfügte. Lernbegierige konnten hier sowohl Theologie und beiderlei Recht als auch Medizin und Philosophie belegen. Die Universität bekam ein Wappen und sogar beim Konstanzer Konzil ließen sich die vier Fakultäten vertreten. Aber auch die Altofner Universität war nach einer kurzen Blütezeit Anfang des 15. Jahrhunderts zum Niedergang verurteilt. Als 1465 die Academia Istropolitana gegründet wurde, drehte sich das Für und Wider im wesentlichen erneut um den Punkt, daß es in Ungarn keine Universität mehr gab. In der Reihe der von den Bettelorden gegründeten Hochschulen folgte der Ofner Hochschule des Dominikanerordens, die Ende der Arpadenzeit entstanden war, das Studium generale der Franziskaner von Gran, was seit 1411 von konkreten Angaben belegt wird.

Weltliche dagegen konnten sich weiterhin hauptsächlich in den Schulen der Domkapitel praktisches Wissen aneigenen, wobei einzelne Kapitelschulen im 14.-15. Jahrhundert für ihr hohes Unterrichtsniveau bekannt waren. Im Graner Kirchenvisitationsprotokoll des Jahres 1397 sind die Pflichten des für das Vorlesen verantwortlichen Domherren (lector), der damals bereits mit der Aufsicht über die Schreibarbeiten betraut war, sowie des stellvertretenden Leiters der Kapitelschule (sublector) detailliert geregelt. An hervorragender Stelle rangiert die Pflicht, mittellose Schüler und die Verwandten der Domherren kostenlos zu unterrichten. Der Lehrplan reichte vom Schreiben- und Lesenlernen bis hin zur Unterrichtung in den universellen Künsten. Hierbei legte man besonderes Gewicht auf die Kunst des Formulierens, das sich aus dem antiken Fach Rhetorik entwickelte hatte (und gleichzeitig die Grundlagen des literarischen Schaffens beinhaltete!). Der Lector der Erlauer Kapitelschule, Johann Uzsai, hatte sich Mitte des 14. Jahrhunderts zu diesem Zweck eine eigene Mustersammlung angelegt, und Thomas Zákányi, Lehrer an der Graner Schule, ließ zwischen 1419 und 1423 vier seiner Schüler einen den Lehrstoff zusammenfassenden Kodex kopieren.

Neben den Kapitelschulen gewann damals noch eine andere Form der Unterstützung an Bedeutung, und zwar das die Studien fördernde, im übrigen auf spezifische Weise mit der Universitätsausbildung verbundene Kollegium. Zum einen wurde im Kollegium unabhängig von der Universität unterrichtet, zum anderen gewährte die Institution den Studenten für ihre Weiterbildung materielle Unterstützung. Im Graner Domkapitel begründete Ende des 14. Jahrhunderts der Erzdechant von Bars, Johann Budai, mit den Einkünften aus seinen vier Ofner Häusern eine Stiftung, die den Namen Collegium Christi pauperum scolarium (= Christus-Collegium für arme Schüler) erhielt. Ihr wichtigstes Ziel war es, mittellosen, aber begabten Schülern, die die Kapitelschule besucht hatten, weitere Studien zu ermöglichen. Die im Jahr 1399 von Papst Bonifatius IX. genehmigte Einrichtung erwies sich bis hoch ins 16. Jahrhundert als sehr segensreich: eine eigene Bibliothek gestattete den Schülern, sich fundiertes Wissen anzueignen.

Bücher und Bibliotheken

Während das Buch früher eher als wertvoller Schatz galt, wurde es vom 14. Jahrhundert an für immer mehr Menschen zum persönlichen Bedürfnis, Bücher zu besitzen. Die Nachfrage nach Büchern wiederum machte billigere Herstellungsverfahren erforderlich. Zum Ende des Jahrhunderts erschienen also die Kodizes aus Papier, und anstelle der früheren Zierschriften (Textura) hielt die bei der Urkundenausstellung erprobte praktische Schrift (kursiv) auch im Kodex Einzug. Wichtigste Schreibwerkstatt war damals nicht mehr die Schreibsstube (scriptorium) der Klöster, sondern die Kopierwerkstatt des Königshofes, die Aufzeichnungen vervielfältigende Manufaktur der Universitäten, mit einem Wort, die mit Laien besetzten Kopierwerkstätten. Nur wenige prunkvolle Kodizes blieben erhalten, was vielleicht ein Zeichen für den Wandel der Ansprüche ist: das Gewicht verlagerte sich auf den Inhalt.

Einige Arbeiten der am Hof der Anjoukönige tätigen Kopierwerkstatt, die als solche auch identifizierbar sind, blieben bis in unsere Zeit erhalten. In den 1370er Jahren entstanden die Bilderchronik und der in Oxford aufbewahrte Kodex Secreta secretorum, und zwar nach zeitgenössischen Maßstäben auf wirklich hohem Niveau. Ihre Miniaturen hatte, wie man früher meinte, Nikolaus Megyessi gemalt. Demselben Kreis läßt sich die prächtige Bibel von Kardinal Erzbischof Demetrius von Nekcse zuordnen. Nicht auszuschließen ist, daß hier auch das Ungarische Anjou-Legendarium entstand. Diese Handschriften fanden im allgemeinen als Geschenke oder beim Unterricht für ein Mitglied des Herrscherhauses Verwendung, sie dienten also in erster Linie nicht praktischen, sondern eher Represäntationszwecken. Im Gegensatz dazu waren die Handkodizes einfach und schmucklos und wurden hauptsächlich in Werkstätten der Franziskaner und Augustiner angefertigt.

In dem Maße, wie sich der Schwerpunkt des Schreibunterrichts durch die Ansprüche der Laien auf die Kapitelschulen verlagerte, wuchs die Bedeutung der Bibliotheken in den Domkapiteln. Vom ersten Drittel des 15. Jahrhunderts sind mehrere Bücherverzeichnisse des Domkapitels Veszprém auf die Nachwelt gekommen, und aus derselben Zeit stammt auch eine Liste des Preßburger Kapitels. Erstgenannte gestatten uns einen detaillierteren Einblick als Letztere. Man kann ihnen zum Beispiel entnehmen, daß die Bibliothek des Kapitels in stärkerem Maße bestrebt war, praktischen Zwecken zu dienen, und daß die Gruppe der juristischen Bücher überwog. Diese Bände wurden zum praktischen Schulunterricht herangezogen und waren für die im Kapitel lebenden Erzdechanten unentbehrliche Hilfsmittel zur Ausübung ihres Richteramtes. Daneben sind natürlich auch theologische sowie den täglichen liturgischen Handlungen dienende Bücher zu finden, aber mitunter begegnet man auch den Werken eines Cicero oder Aristoteles bzw. mittelalterlicher Geschichtsschreiber. Das Agramer Domkapitel führte zu Beginn des 15. Jahrhunderts in seinen Verzeichnissen 225 Bände an, darunter überwiegend Arbeiten im Zusammenhang mit der Liturgie, Seelsorge und Kirchenregierung, aber auch Universitätsaufzeichnungen. Insgesamt betrachtet repräsentiert dieser Bücherbestand des Kapitels die literarischen Früchte der vorangehenden zwei bis drei Jahrhunderte. Ähnlicher Art dürfte auch die Bibliothek der Bruderschaft (confraternitas) der 24 Zipser Pfarrer gewesen sein.

AUTOREN, KUNSTGATTUNGEN, WERKE

Das neue Lebensgefühl

In ganz Europa ist das 14. Jahrhundert eine Zeit großer Veränderungen. Eine zwar noch immer mit Leib und Seele mittelalterliche Welt wird von solchen Monarchen regiert, die bereits der Hauch einer neuen Welt gestreift hatte. Ludwig I. und seine Barone wählten sich ihre Beichtväter meist unter den Franziskanern aus, welche als Autoren literarischer Werke nicht selten zu Dolmetschern des neuen religiösen Gefühls wurden. Schon ebnete die Hinwendung der Formen der Religiosität zum individuellen, persönlichen einer neuen Art von Weltanschauung den Weg, dem Humanismus, der in den Mittelpunkt seines Interesses das Individuum stellte. Wohl konnten die gebildeten Schichten sich noch immer an den gerade erst entfalteten höfischen/ritterlichen Idealen begeistern, doch auch die Anzeichen eines neuen Lebensgefühls verdichteten sich mehr und mehr: König Ludwig korrespondierte mit dem Dichter Petrarca und dem berühmten Kanzler von Florenz, Coluccio Salutati. Der Humanist der Stadt Padua, Giovanni da Ravenna, kam als Sohn von Ludwigs Leibarzt in Ungarn zu Welt. König Sigismund holte sich Pier Paolo Vergerio, einen der bedeutendsten Vorläufer des Humanismus, an seinen Hof. Dantes Divina Commedia, das erste Werk der Frührenaissance, war in Ungarn schon zu Ludwigs Zeit bekannt, und Giovanni Serravalle schickte Sigismund gar die lateinische Übersetzung.

Ungarn im Ausland, Ausländer in Ungarn

Latein galt als Muttersprache der Literatur, und durch die Kirchenorganisation bestanden für die Autoren ungarischer Abstammung weiterhin gute Chancen, gesellschaftliche Anerkennung zu finden. Alexander von Ungarn, ein Mitglied des Augustinerordens, wurde nach Abschluß des Studiums in Paris ab 1302 Magister der Universität, dessen Meinung seine Schüler, Verfasser von Kommentaren, später nicht selten zitierten. Als Autor mehrerer Werke ist uns Herbord von Ungarn bekannt. Er schrieb einen Psalmenkommentar, Predigten sowie ein Traktat gegen das Ketzertum. Sein literarisches Schaffen mag wesentlich dazu beigetragen haben, daß ihm an seinem Lebensabend das Amt des Bischofs von Bergamo zufiel. Ende des 14. Jahrhunderts war in Wien Ladislaus Ungarus als Lehrer tätig, der eine Abhandlung über die Hege der Jagdfalken verfaßte.

Auch zu dieser Zeit zog es viele ausländische Autoren nach Ungarn. Der deutsche Meistersinger Heinrich von Mügeln kam, nachdem er am Hof des böhmischen Königs und des Kaiser geweilt hatte, vermutlich auch nach Ofen. Er faßte für einen seiner Mäzene, den österreichischen Herzog Rudolf IV., die ungarische Geschichte bis einschließlich 1333 in dessen Muttersprache zusammen. Als Quellen verwendete er dabei neben der Hartwickschen Stephanslegende auch eine solche Chronikausgabe, deren Eintragungen bezüglich der Zeit Gézas II. und Stephans III. heute in ihrer Originalform bereits nicht mehr vorhanden sind. Um 1361 widmete er Ludwig I. ein Rhythmische Chronik betiteltes Geschichtswerk in lateinischer Sprache, das in vier Teilen mit rhythmisch unterschiedlich betonten Abschnitten die Geschichte der Ungarn bis 1072 erzählt. Lorenzo de Monacis weilte als Gesandter der Republik Venedig am Hof von Königin Maria. Hier verfaßte er höchstwahrscheinlich sein der Königin gewidmetes Epos über die unglückliche Herrschaft Karls (des Kleinen) II. (Carmen seu historia de Carlo II. cognomento Parvo, rege Hungariae), das in Prosa auch Thuróczy in seine Chronik übernahm.

Die Geschichstschreibung der Anjouzeit

Ein Ofner Minorit zur Zeit Karls I.

Das 14. Jahrhundert war auch eine Blütezeit des Interesses an der Vergangenheit. Historische Werke beherrschten die Literatur sowohl im Hinblick auf den Reichtum der Kunstgattung wie auch ihren Umfang. Damals begann man im Kreis der Stadtbevölkerung und Mitglieder kirchlicher Institutionen, historische Erinnerungen aufzuzeichnen (z.B. Chronik von Szepesszombat). Die Franziskaner als Vertreter der neuen Religiosität verliehen der ungarischen Geschichstschreibung im Zeitalter der Angeviner eine neue Richtung. In der ersten Hälfte der 1330er Jahre erhob sich erstmals der Anspruch, im Gegensatz zur früher üblichen, monographisch geprägten Form der Gesta eine umfassende Nationalgeschichte zu schaffen. Es war gewiß ein Ofner Franziskaner leider unbekannten Namens, der die Denkmäler der Geschichtsschreibung vom Ende des 13. Jahrhunderts - die Werke des Simon Kézai und Meisters Ákos - zusammenfügte und den so erhaltenen Text bis zum Jahr 1334 weiterschrieb. Doch seine Arbeit als Autor blieb nicht auf die Fortsetzung beschränkt, denn sehr wahrscheinlich entstammt seiner Feder auch der entsetzt von der Tat des Felician Zah zu Papier gebrachte Abschnitt über das Attentat des Bans Bánk.

Beim Schreiben hatte den Autor sein - überhaupt für die Geschichstschreibung der Franziskaner typischer - Hang zur Anekdote stark beeinflußt. So mögen unter seiner Feder einige ausführlich geschilderte Episoden entstanden sein: Wie König Otto seine Krone verlor, wie die Ofner den Papst exkommunizierten oder wie König Karl und Dezsõ Szécsi in der Schlacht ihre Kleider vertauschten. Obwohl seine Konzeption Ungenauigkeiten zuläßt, ist sein Stil lebhaft. Bewußt setzt er rhythmische Prosa, Gleichnisse, bildliche Ausdrücke und frappierende Wendungen ein. Ganz offensichtlich war es Ziel des Verfassers, den Leser mit seiner Kunst zu fesseln. Keine seiner Arbeiten blieb in selbständiger Form bis heute erhalten, lediglich die Ofner Chronik hat die Kodizes der Familie der Ofner Chronik überliefert.

Die Bilderchronik

Im Jahr 1358 ging man - wohl auf Wunsch des Königs - an die Zusammenstellung eines weiteren großen Historienwerkes, das die ungarische Geschichte in repräsentativer Form vorstellen sollte. Obwohl sich der Autor in seinem Werk nicht benennt, meinen viele, daß er mit dem Stuhlweißenburger Kustoden Mark Kálti, zugleich Sachwalter der königlichen Schatzkammer und des Archivs, identisch war. Seine Methode folgte der vorangehender Chronisten: Zum Teil goß er frühere Texte in eine andere Form und schrieb dazu teilweise neue Kapitel. Als Grundlage diente ihm die Konzeption aus der Zeit Karls I., in die er Kapitel aus damals schon sehr alten Chroniken bzw. kürzere oder längere Textabschnitte einfügte (Interpolation).

Mit großer Wahrscheinlichkeit war er jener Verfasser, der die unter dem Titel Gesta Ladislai regis am Hof König Kolomans geschriebene Gesta zur Hand nahm, sie in den Mittelpunkt seines Werkes stellte, und damit bewußt das Ritterideal der Anjouzeit bzw. König Ladislaus den Heiligen zu dessen Hapthelden erkor. Große Teile entnahm er aber auch der zur Zeit Stephans III. entstandenen Gesta. Daß der Autor ein Amt als Hofpriester bekleidete, daran läßt die Arbeit keinen Zweifel. Seine Betrachtungs- und Schreibweise waren davon bestimmt, daß er das darzustellende Ideal stets im Auge behielt. An den Anfang seines Werkes schrieb er einen fast schon als Abhandlung zu wertenden Prolog, in welchem er das Wesen der die Staatsidee zur Anjouzeit vertretenden Idee des Königtums darlegte: Alle Macht kommt von Gott, und Gott setzt die Könige deshalb auf ihren Thron, damit sie ihre Völker nach dem Vorbild der himmlischen Herrschaft Gottes in Frieden und Überfluß regierten und die Seelen so vor den Richterstuhl Gottes führten. Konkreter als jemals zuvor ward hier am Ende des Mittelalters das karolingerzeitliche Bild eines Monarchen gezeichnet.

Von der hohen theologischen Bildung dieses Mannes kündet der Umstand, daß er im Prolog neben anderen Autoritäten auf seinen "Meister der Geschichte" (magister historiarum - ihn stellt eine zurecht berühmt gewordene Miniatur in der Bilderchronik dar), Petrus Comestor, verweist und ihn auch zitiert, ebenso wir er die Arbeit von Nicolaus de Lyra verwendet und zitiert. Mit ihrem Ausdruck, ihrem Stil und ihrer bewußten Methode der Konzipierung verrät diese Chronik deutlich, daß ihr Autor am Hofe gelebt hat und daß dessen Auffassung stark von der des wenige Jahrzehnte früher tätigen Minoriten abwich. Auch dieses Werk wurde uns nicht in ursprünglicher Form überliefert. Nur in einer um 1370 kopierten, als Geschenk vorgesehenen prächtigen Handschrift, die bei den Ereignissen der 1330er Jahre abbricht (was einzelne mit dem Tod von Mark Kálti erklären) sowie in ihren Nachfolgern, der Familie der Bilderchroniken, blieb sie erhalten.

Johann von Küküllõ

Das Erscheinen der Kunstgattung Biographie markiert den wirklichen Wandel in der Betrachtungsweise der Geschichte. Johann von Küküllõ, der zunächst als weltlicher Schreiber am Königshof begonnen und seine kirchliche Laufbahn erst in der ersten Hälfte der 1350er Jahre angetreten hatte, ging in den 1360er Jahren daran, eine Lebensbeschreibung (vita) mit dem Titel Chronicon de Ludovico zu verfassen, in deren ersten 25 Kapiteln er die Ereignisse der Feldzüge gegen Neapel als Augenzeuge schilderte. Nach 1382 ergänzte er seine Arbeit durch weitere 30 Kapitel. Hier stellte er in den Mittelpunkt seiner gefühlsreichen Darstellung die Eigenschaften und Taten des alternden Königs. Als Muster wählte er die von Guillelmus de Nangis verfaßte Biographie König Ludwigs (IX.) des Heiligen, einem Vorfahren der Angeviner, dem sie besondere Verehrung entgegenbrachten.

Charakteristisch für die Arbeitsweise des Johann von Küküllõ war, daß er - als ein Mann der Kanzlei, der an die verschiedenen Urkunden herankam - in stärkerem Maße als frühere Autoren ganze Passagen aus Urkunden (Arenga, Narratio) wortwörtlich in sein Werk übernahm. Und um das Idealbild eines Monarchen entstehen zu lassen schreckte er selbst davor nicht zurück, die Tatsachen zu verdrehen. Im Endergebnis ist sein Werk eine moderne Version der frühmittelalterlichen Königsspiegel und der im Hochmittelalter entstandenen Lebensbeschreibungen heiliger Könige, in welchem das Ideal, das man darzustellen wünschte, den Stoff beherrscht. Dabei arbeitete der Autor nach einer sorgfältig vorbereiteten Konzeption und den Regeln der rhythmischen Prosa. Unter seinen Quellen findet man selbstverständlich das Lieblingsbuch Ludwigs, den Kodex Secreta secretorum, das die Gestalt Alexanders des Großen als Maßstab neben den Haupthelden stellte (dieser Kodex aus Ludwigs Hofwerkstätte wird in Oxford aufbewahrt). Daneben bezieht er sich aber auch auf die Arbeiten über Kriegskunst von Aristoteles und Vegetius. Die Originalhandschrift des Johann von Küküllõ ging verloren, doch wurde sein Werk sowohl in die Chronik des Johann Thuróczy als auch die Ofner und Dubnicer Chroniken übernommen.

Der Namenlose Minorit

Die eingehende Schilderung der neapolitanischen Ereignisse steht auch im Mittelpunkt jenes Chronikfragments, das mit dem Text der Dubnicer Chronik auf unsere Zeit gekommen ist. Schon seit langem weiß man, daß dieses Fragment Teil eines umfangreicheren eigenständigen Werkes war, das von einem sicher in der Umgebung des Königs lebenden Franziskaner zwischen 1345 und 1355 verfaßt wurde. In Kenntnis dessen richtete sich das Augenmerk mit Recht auf Johann Kétyi (von Erlau), den Beichtvater des Königs und der Königinmutter. Der Autor blieb den Traditionen der franziskanischen Geschichtsschreibung treu. Bestimmend für sein Werk war weniger das systematische Konzept, sondern eher seine Vorliebe für Anekdoten. Folge dessen sind die vielen detailliert ausgearbeiteten, novellenartigen Geschichten, aber auch Ereignisse lokaler Bedeutung, die er festhielt. Seine Sprache ist dabei mitunter recht volkstümlich-derb (auch Ausdrücke in ungarischer Sprache streute er ein!), gleichzeitig jedoch bemüht er sich, mit stilistischen Wendungen und ausdrucksstarken Bildern die Aufmerksamkeit des Lesers zu fesseln.

Sein Latein weicht vom gewohnten ab. Gegenüber der rhythmischen gibt er der damals schon archaischen, eben darum aber volkstümlich wirkenden, gereimten Prosa den Vorzug. Die Handlung beginnt mit der Ermordung Herzog Andreas', wobei die gefühlsmäßigen Bezüge des Ereignisses den Leser auf die Fortsetzung einstimmen. Im Mittelpunkt des Werkes steht die Betonung des höfischen/ritterlichen Ideals, was in dem Moment endgültigen Sinn erhält, wo der Verfasser sich darüber ausläßt, wie sehr es dem Ideal des heiligen Königs der Angeviner entspricht, daß Ladislaus sich aus seinem Wardeiner Grab erhob, um dem Heer des Andreas Lackfi beizustehen. Unter diesem Zeichen gerät die Geschichte zu einer Serie von Heerschauen, Zweikämpfen und einzelnen Heldentaten, und das wiederum verleiht der Arbeit des Namenlosen Minoriten in der ungarischen Literatur des Mittelalters eine individuelle Note.

Die Anfänge der Kirchengeschichte

In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts erwachte das Interesse an der Geschichte einzelner Kircheneinrichtungen. Um 1334 stellt man in Agram die Statuten des Domkapitels zusammen, und fügt später an den Anfang als historischen Hintergrund eine Chronik ein, die von der Gründung des Kapitels bis ins Jahr 1354 reicht. Dort, wo die Chronik von Ereignissen im Lande berichtet, gibt sie Auszüge aus der Chronikfassung des 14. Jahrhunderts. Am Muster der Agramer Chronik orientierte sich 1374 auch der Wardeiner Domherr und Lector Emmerich (1370-1376), der den Statuten des Wardeiner Kapitels dieselbe Chronik (Wardeiner Chronik) voranstellte, wobei er den Agramer Text aufgrund eines der Kodizes der Ofner Chronik korrigierte und diesen mit einer Liste der Wardeiner Bischöfe ergänzte. Letzgenannter Text schildert die Ereignisse von der Gründung zur Zeit Ladislaus des Heiligen bis ins Jahr 1354. Der erste Teil beider Texte wurde nur fragmentarisch überliefert, der zweite Teil besteht aus 22 Kapiteln.

Was das Interesse der Franziskaner an der Geschichte ihres Ordens anbelangt, spielte dabei zweifellos das Bestreben des Ordenszweiges mit strengerer Disziplin eine Rolle, seine eigene Existenz und seinen Standpunkt mit den Tatsachen der Vergangenheit zu belegen. Balázs Szalkai (1420-1433), der elfte Vikar der 1339 gegründeten Ordensprovinz Bosnien, begann mit der Materialsammlung: er stellte die Liste der Vikare und die Dokumente des Ordens zusammen. Ein anderer setzte die Arbeit fort. Er entnahm die Vorereignisse der Gründung einer universellen Ordensgeschichte und steuerte Angaben aus den Überlieferungen des Ordens sowie anderen Quellen bei. Aus dieser mit dem Jahr 1313 beginnenden Arbeit weiß man, daß sich in den 1320er Jahren auch die ungarischen Franziskaner in den Disput zwischen dem Papsttum und den Bettelorden einschalteten, und daß sich mehrere ihrer Abhandlungen mit der Frage beschäftigten, ob es Ketzerei sei, die Vermögensgemeinschaft zu proklamieren.

Religiöse Literatur

Sermonliteratur

Sowohl in der Ofner und Dubnicer wie auch der Chronik des Johann Thuróczy kann man eine außergewöhnlich detaillierte und plastische Beschreibung vom Tod und von der Bestattung König Karls lesen. Ungeachtet seiner späten Überlieferung wurde dieser Bericht zweifelsfrei zur gleichen Zeit verfaßt und ist das Werk eines Augenzeugen, nach dessen einführenden Worten die von Erzbischof Csanád Telegdi gehaltene Grabrede folgt. Letzgenannte inspirierte den Autor, seine eigenen Gedanken zu formulieren. Während er aber einerseits die gefühlsmäßige Wirkung mit rhetorischen Bildern getreu widergibt, zeigen andererseits Konzept, Gedankengänge und Argumentation der Rede des Erzbischofs eine verblüffende Verwandschaft zur berühmten Grabrede, was nur damit zu erklären ist, daß die Struktur der dem Verstorbenen gewidmeten Ansprache, die sich in Ungarn seit dem frühen Mittelalter herausgebildet hatte, zur liturgischen Formel erstarrt war. Die im Kreis der gelehrten Priesterschaft notwendigerweise populäre Gattung der Predigt machte den Klerus zu einem Mittler der Literatur. Aus diesem Grund kann die Rolle, die den predigenden Priestern bei der Anhebung der Volkssprache auf literarisches Niveau zukam, nicht hoch genug geschätzt werden. Hinweise auf ungarische Autoren von Sermonliteratur gibt es zwar in zahlreichen Quellen, doch Denkmäler sind nur wenige erhalten geblieben.

Hagiographie: Die Gerhard-Legende

Obwohl die Verehrung der heiligen Könige am Hof der Angeviner ihre wahre Blütezeit erlebte, erschöpfte sich die Beschäftigung mit den Lebensbeschreibungen der Heiligen zur Anjouzeit meist im Kopieren von Kodizes. Originalwerke finden sich heute kaum noch. Gesicherten Angaben zufolge soll in der Stuhlweißenburger königlichen Schatzkammer, neben der letzten Ruhestätte Stephans des Heiligen, unter Aufsicht des Kustoden eine Fassung der Hartwickschen Stephanslegende aufbewahrt worden sein, die im ganzen Land als offiziell galt. Deshalb war es wohl auch möglich, daß der Abt von Pannonhalma im Jahr 1349 den Notar des Konvents nach Stuhlweißenburg entsandte, um vom dortigen authentische Tätigkeit ausübenden Ort eine Urkunde mit jenem Teil der Stephanslegende ausstellen zu lassen, welcher die Schenkung des in Somogy eingezogenen Kirchenzehnten an Pannonhalma betraf. Als Ludwig jedoch dem Weißenburger Kapitel im gleichen Jahr befahl, die Legende betreffs der Freiheiten der Burgjobagionen von Karako zu untersuchen, erhielt er zur Antwort, daß man seinem Befehl nicht Folge leisten könne, da sein Vater die Stephanslegende habe nach Visegrád bringen lassen.

Der Ende des 14. Jahrhunderts aufgrund der Urfassung aus dem 12. Jahrhundert entstandenen Gerhard-Legende hingegen kann eine gewisse Originalität nicht abgesprochen werden. Für das als Große Legende bekannt gewordene Werk verwendete man umfangreiche Auszüge aus dem früheren Text, die stellenweise umformuliert bzw. mitunter interpoliert und schließlich mit einer Beschreibung der Wunder des hl. Gerhard ergänzt wurden. Im letzten Kapitel erzählt der unbekannte Verfasser, daß auch Königin Elisabet, die Witwe Karls I., ihre Heilung den Verdiensten Gerhards verdankte, weshalb sie für die Reliquien des Heiligen einen prunkvollen Silbersarg anfertigen ließ. Zum Schluß zeichnete der unbekannte Autor noch auf, daß Elisabet im Jahr 1381 (nach moderner Zeitrechnung 1380) verstarb und in dem von ihr gegründeten Ofner Klarissenkloster bestattet wurde. Anlaß zur Neufassung der Legende mögen Elisabeths besondere Verehrung des hl. Gerhard und die herrscherlichen Intensionen gewesen sein.

Die Reliquien des hl. Paulus des Eremiten

Als es zum Krieg mit Venedig kam, schwor Ludwig I., daß er im Falle seines Sieges die Reliquien des Titularheiligen des Paulinerordens nach Ungarn überführen lassen würde. 1381 schloß der König in Turin Frieden mit Venedig und ließ im Sinne des Vertrages die Gebeine des Eremiten Paulus von Theben aus Venedig nach Ofen überführen, wo man sie mit feierlichem Gepräge im Kloster in Budaszentlõrinc, dem Ordenszentrum der Pauliner, unterbrachte. Aus diesem Anlaß entstand unter dem Titel Historia de translatione Sancti Pauli Thebaei cognomento primi eremitae auch jene Arbeit, welche die Geschichte der Überführung der Reliquien erzählt. Und zwar anknüpfend an die frühmittelalterlichen Traditionen der Hagiographie, die mit Hilfe der Gattung Translatio dazu verpflichteten, nicht nur die Lebensgeschichte, sondern auch die Reliquien der Heiligen stets in Ehren zu halten, und die in den Breviarien der Pauliner überliefert wurden.

Das kurze Geschichtswerk entstand gleichsam als Fortsetzung der Paulus-Biographie des hl. Hieronymus. In sieben Kapiteln schildert es, wie die Reliquien über Konstantinopel nach Venedig gelangten, berichtet vom Schwur des Königs sowie den Bestimmungen des Friedensvertrages, und schließlich darüber, wie die Bischöfe Valentin Alsáni von Fünfkirchen und Paul Horváti von Agram die Reliquien nach Hause begleiteten und an ihren endgültigen Platz stellten. Der Verfasser gehörte mit Sicherheit zum unmittelbaren Gefolge des gebildeten Fünfkirchner Bischofs. Bestimmend für die gedankliche Welt der Arbeit ist das aus der Kultur der Ritterzeit in die Frührenaissance hinüber neigende Ideengut, worin der Drang nach Ruhm und Ehre bzw. das Lob der ausgezeichneten und angenehmsten (insignis et amoenissimus) natürlichen Umgebung beträchtlich an Raum gewinnt. Der Stil ist von den für die Kanzlei typischen Satzkonstruktionen durchdrungen, doch jedes Wort strömt den Wunsch nach Überzeugung aus (pulcher v. decorus stylus, affatus faccundus).

Die Visionsliteratur

Der volkstümlich-weltliche Zweig der religiösen Literatur, die Visionsliteratur, hinterließ in der lateinischsprachigen Literatur Ungarns kaum Spuren. Umso mehr dafür dort, wo man Visionen von Ungarn, um sie zu beglaubigen, aufgezeichnet hat. Seit dem 12. Jahrhundert war das Purgatorium des St. Patrik, eine in Schwefeldämpfe gehüllte Höhle in der irischen Provinz Ulster, ein beliebtes Ziel vieler Pilger, die Neigung zu wundersamen Gesichten verspürten. Auch zahlreiche Ungarn kamen hierher, nachhaltigen Einfluß auf die Literatur übten jedoch nur die Pilgerfahrten von Krisafans Sohn Georg im Jahr 1353 und des Laurenz Tar im Jahr 1411 aus. Die Visionen der Pilger aus der Anjouzeit wurden von einem unbekannten Augustiner aufgeschrieben. König Sigismunds Baron Tar hingegen ließ sie beim königlichen Notar in Dublin schriftlich niederlegen, der sogar dessen eigenhändige Notizen in seine Arbeit übernahm.

Beide Geschichten beinhalten original anmutende Visionen, doch kann man darin auch zahlreiche Begebenheiten lesen, die sich aus den Topoi des Handbuches für Höllenfahrer, der Geschichte des Ritters Oenus aus dem 12. Jahrhundert, ableiten lassen. Von der Wallfahrt des Laurenz Tar blieben in der Literatur über die Dubliner Aufzeichnung hinaus noch andere Spuren erhalten. Wie schon im Zusammenhang mit der ungarischsprachigen Ritterepik erwähnt, schuf man wohl zu Beginn des 15. Jahrhunderts in ungarischer Sprache ein Lied über die Visionen des Meisters Laurenz, daneben entstanden aber auch Versionen in lateinischer Sprache. Diese Stücke der Visionsliteratur sind von hohem literarischen Wert: Einerseits boten sie der schöpferischen Phantasie des Dichters durch die Offenheit der Kunstgattung ein weites Feld, ihre Handlung stufte man als schöngeistige Literatur ein. Andererseits sprach aus ihnen in sehr persönlichem Ton der religiöse Zweifel, welcher mit seiner individuellen Betrachtungsweise der neuen Gedankenwelt, dem Humanismus, den Weg ebnete.

Das Schrifttum: Urkunden, Briefe, Formelbücher

Im 14.-15. Jahrhundert fand die Praxis der Urkundenausgabe in immer stärkerem Maße Verbreitung. Die gut voneinander unterscheidbaren Typen der mittelalterlichen Urkunden bildeten sich heraus, und für jeden einzelnen Typ wurden bestimmte, mit der Zeit starr gehandhabte Formeln üblich. An ihrem Stil konnte man mehr und mehr den Einfluß der Lehrbücher wahrnehmen. Gleichzeitig erschienen die persönlich gehaltenen Briefe. Sie füllten, soweit es die gebundenen Formen gestatteten, eine Leere aus und wurden so zu Vorläufern des neuzeitlichen privaten oder diplomatischen Briefwechsels. Das Hinterlassenschaftsmaterial erweiterte sich nicht nur mengenmäßig, sondern auch in sozialer Hinsicht. Auf der einen Seite kann man Aristokraten sehen, die ihre Briefe eigenhändig schrieben (Benedikt Himfi, Laurenz Tar), auf der anderen die typischste Gestalt des Zeitalters: den Schreiber, den weltlichen Schreibkundigen, der sich im Besitz seiner Kenntnisse nun sogar schon bereit zeigte, Urkunden zu fälschen (z.B. der Schreiber Johann unseligen Andenkens).

Auch die Rechtspflege erweiterte und konsolidierte sich. Die Zahl der aus diesem Zeitalter überlieferten einschlägigen Denkmäler ist bereits beträchtlich. Bei ihrer Formulierung verfuhr man ebenfalls nach den Regeln zur Abfassung von Urkunden. Das höchste Organ der Schriftlichkeit bei Hofe, die Kanzlei, nahm einen stark behördlichen Charakter an. Damals ließ Vizekanzler Tatamér, zwecks Feststellung der Verantwortlichkeit, die Aufzeichnungen der Kanzlei in Urkunden über- und den Text dann in Registern eintragen (den späteren sog. königlichen Büchern). Im Laufe des 14. Jahrhunderts differenzierte sich die Tätigkeit der Kanzlei. Es wurde zur Regel, daß verschiedene Abteilungen sich mit verschiedenen Angelegenheiten befaßten. Neben den authentische Tätigkeit ausübenden Orten im ganzen Lande nahm auch eine Hofstelle diese Tätigkeit auf: die königliche Kapelle.

Charakteristisch für den neuartigen Stil der Kanzlei sind jene Schenkungsbriefe, mit denen König Karl die Güter des Felician Zah unter seinen Anhängern aufteilte. Wie bekannt, strafte das Urteil die Verwandtschaft und Nachkommen des Attentäters bis ins siebte Glied. Die Schuld sowie die Grausamkeit der Sühne fanden nicht nur in den Chroniken Niederschlag, auch in der Narratio vieler Urkunden hallte das Erschrecken des Hofes noch lange Jahre wider. Diese hoben nämlich nicht so sehr die Verdienste des Schenkenden hervor (was eigentlich ihre Aufgabe gewesen wäre), sondern malten stattdessen unter Zuhilfenahme von rhetorischen Bildern und unerhört wendungsreichen Schilderungen die Bösartigkeit des verurteilten Attentäters aus. Am anschaulichsten wird dies in der dramatischen Vortragsweise des Urteilsbriefes (proscriptio) aus dem Jahr 1330.

Der Verfasser der Urkunde beklagt zunächst die Hoffnungslosigkeit im Jahrzehnt nach dem Aussterben des Arpadenhauses und stellt dieser als Kontrast die friedliche Zeit unter der Regierung Karls gegenüber, dadurch eine gewisse Spannung schaffend. Anschließend geht er abrupt zur Beschreibung des Attentas über: Der füchsige (vulpinae dolositatis astutia), vom Teufel besessene Felicianus, dieser kranke und schamlose Hund (morbidus et impudicus canis) - dessen Namensethymologie der Autor sogar mit der Bedeutung "Schmerz" in Zusammenhang brachte und den er weiter unten in einem Wortspiel als Unglücklichen (Infelicianus) bezeichnete oder eher verspottete -, habe sich nicht gescheut, seine unermeßliche Gier durch das Vergießen heiligen Blutes zu stillen, und habe die königliche Familie bis zu den Wurzeln ausrotten wollen. Mit seiner unerhörten Tat sei er nicht nur vor der göttlichen Majestät, sondern auch vor den Bürgern der Erde und des Himmels schuldig geworden, so daß ihm seine Strafe von der Rechten Gottes zuteil wurde.

Um das Abfassen von Urkunden erlernen und anwenden zu können, standen Formelbücher zur Verfügung, die man damals in den Werkstätten des Schrifttums in immer größerer Zahl herstellte. In dem Kodex, der auch die Karlsburger Zeilen überliefert hat, sind 14 Urkundenmuster zu lesen, die um 1320 in Stuhlweißenburg von Franziskanern zusammengestellt wurden. Die Sammlung enthält Urkunden im Zusammenhang mit der Verwaltung und Pastoration des Ordens. Das zweite Denkmal ist in einem Kodex mit den Aufzeichnungen des Bartholomäus Tapolcai von der Wiener Universität auf uns gekommen. In ihn hatte der Eigentümer bis einschließlich zum Jahr 1385 eine aus 34 sachlich eng zusammengehörigen Stücken bestehende Sammlung übertragen, die dazu berufen war, dem Erzdechanten die Rechtsfindung in Eheangelegenheiten zu erleichtern.

Neben Formelbüchern entstanden in Ungarn aber auch richtige Lehrbücher der Rhetorik oder Rechtswissenschaft. Nach seinen Studien in Bologna und seiner Zeit als Rektor der Erlauer Kapitelschule stellte der Domkapitular Johann Uzsai zwischen 1346 und 1351 ein auf echten Rechtsfällen gründendes Lehrbuch zusammen, das zur Verbesserung der praktischen Rechtsausbildung beitragen sollte, wozu natürlich auch eine Einführung in die Kunst des Formulierens gehörte. Diese in ein Vorwort und vier Teile gegliederte Ars dictaminis, oder besser Ars notaria, Pariser Typs fand im Erlauer Domkapitel in den folgenden einhundert Jahren auch tatsächlich Anwendung. Sie enthält neben theoretischen grammatischen Ratschlägen auf der Grundlage der spätantiken Grammatik des Donatus die Formeln der meisten für wichtig befundenen Urkundentypen.

Die Dichtkunst

Blieb die Hagiographie im 14. Jahrhundert auch eher in bescheidenen Rahmen, umso mehr entfaltete sich dafür die liturgische Dichtung. Die damals entstandenen Hymnen, Sequenzen oder Gedichtspsalter kündeten vom Ruhm der ungarischen Heiligen. Unbekannte Dichter schrieben, was dem Interesse der Angeviner ebenfalls entsprach, Sequenzen über die Heiligen des Arpadenhauses - den hl. Stephan und hl. Ladislaus, die hl. Elisabet -, eine Hymne über König Stephan sowie einen Gedichtspsalter über Herzog Emmerich den Heiligen. Zur gleichen Zeit schufen die Graner Domherren in Form eines vierzehnzeiligen Distichons eine Antiphonie zu Ehren des hl. Adalbert, des Schutzpatrons ihrer Kathedrale. Dichtende Mönche trugen mit Werken über die Ordensheiligen zur Stärkung des Zusammengehörigkeitsbewußtseins ihrer Orden bei: Aus der Feder eines Paulinermönchs wurde im Laufe des Jahrhunderts die Sequenz über den hl. Eremiten Paulus geboren, und ein Dominikaner verfaßte um 1300 das Officium der hl. Margarete.

Die Chronik des Johann Thuróczy hat als Schriftdenkmal den Leoninus-Hexamter überliefert. Der 15 Zeilen umfassende Hexamter über den Tod König Karls folgt nach der Grabrede von Bischof Casanád Telegdi und vor der Chronik des Johann von Küküllõ. Wie den Prosatext der Grabrede dürfte auch ihn vermutlich ein zeitgenössischer Autor zu Papier gebracht haben. Wahre Vollendung erfuhr die weltlich geprägte Lyrik jedoch in dem Poem des Heinrich von Mügeln über die ungarische Geschichte. Jeder aus mehr oder weniger Strophen bestehende Teil der Reimchronik des berühmten Meistersingers war in ein eigenes, von den anderen abweichendes Versmaß gesetzt, und dazu gehörte seinerzeit noch eine (auch heute bekannte) selbständige Melodie. Gewissenhaft hatte der Dichter selbst das notiert, wenn eine Melodie oder Versform nicht seine Eigenschöpfung, sondern von einem anderen Dichter übernommen war.

In einigen Werken der mittelalterlichen Dichtung tauchte zu jener Zeit, als die Kultur mehr und mehr weltliche Züge annahm, auch die Kirchenkritik auf. Ein ungarischer Kleriker schrieb um 1310 jenes Gedicht, das unter der Überschrift "Klage der Priester" (Planctus clericorum) mit bitteren Worten die Thronkämpfe in Ungarn, die Einmischung seitens des Papstes sowie die gewissenlose Prasserei des ungarischen Klerus schilderte. In derselben steiermärkischen Sammlung findet man auch die Klage der fahrenden Studenten, das Werk eines anderen Dichters, der vielleicht kein Mann der Kirche, sondern ein fahrender Student war. In seinen von Traurigkeit überschatteten Strophen beklagte er das schwere Schicksal der gebildeten Studenten, denen eine Stelle als Priester verwehrt blieb, und die Verderbtheit der Welt überhaupt. Mit diesen Stücken bzw. der in scharfen Worten geübten Kritik hatte man auch auf dem Gebiet der mittelalterlichen Lyrik die Schwelle zur Renaissance betreten.


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