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KIRCHENGESCHICHTE

DIE BEZIEHUNG ZUM HEILIGEN STUHL
KIRCHLICHE GESELLSCHAFT
KIRCHE UND GESELLSCHAFT



DIE BEZIEHUNG ZUM HEILIGEN STUHL

Geschwächtes Papsttum - erstarkendes Königtum

Während das Papsttum im 13. Jahrhundert seine Glanzzeit erlebte, bedeutete dieses Zeitalter, insbesondere die zweite Hälfte des Jahrhunderts, für die ungarische Königsmacht eine Zeit der allmählichen Auflösung. Ungarn war nach 1301 ein von den Baronen in Aufruhr versetztes und aufgeteiltes Land ohne Zentralmacht, wo der Gedanke des Königtums einerseits vom stabilen institutionellen System und Gedankengenäude der katholischen Kirche, zum anderen von der gegenständlichen Wirklichkeit der auf den Staatsgründer König Stephan den Heiligen zurückgeführten hl. Krone repräsentiert wurde. Karl I. stellte durch seine "Einigung des Landes" die Zentralgewalt wieder her und hinterließ seinem Sohn, Ludwig dem Großen, ein gut organisiertes und in außenpolitischer Hinsicht in diesem Raum zu den Großmächten zählendes Land als Erbe. Gleichzeitig bezeichnet die Geschichtsschreibung die Herrschaft des Papsttums in den Jahren zwischen 1305 und 1377 - nach dem Muster der siebzigjährigen babylonischen Verbannung des Judentums - treffend als "Avignoner Gefangenschaft" des Papsttums. Die Päpste hatten unter Vormundschaft der französischen Könige ihr bisheriges politisches Gewicht verloren.

Die Besetzung des ungarischen Throns und die Legaten

Nach Auffassung des Heiligen Stuhls schuldete Ungarn ihm nicht nur christlichen Gehorsam, sondern unterstand auch seiner irdischen Oberhoheit. Allerdings hatte sich bei den Mitgliedern der Bischofsversammlung und im Kreis der Barone schon unter Andreas III. die Überzeugung gefestigt, daß das Land in irdischer Hinsicht vom Papsttum unabhängig sei. Sie betrachteten Ungarn als Erbe der Heiligen Jungfrau (also nicht St. Petri), für sie war die Verteidigung der Souveränität des Landes ein weit wichtigerer Aspekt als der Gehorsam gegenüber dem Papst. Ihrer Ansicht nach konnte der 1301 verwaiste Thron nur durch eine Wahl neubesetzt werden. Der Papst hingegen war bestrebt, den Ungarn seinen eigenen Kandidaten, Karl von Anjou - als rechtmäßigen Erben der Arpaden -, aufzudrängen. Nur Schritt für Schritt gelang es den nach Ungarn entsandten Legaten, Boccasini und dann Kardinal Gentilis, die Bischöfe zur Wahl Karls zu bewegen.

Karl I. und die Kirche

Bald nachdem sich die Herrschaft Karls, der durch die päpstliche Macht auf den Thron gelangt war, gefestigte hatte, kam es zur Konfrontation mit den ungarischen Klerikern. Sie sahen sich von dem neuen König getäuscht, weil er ihrer Meinung nach das Land ohne Einberufung von Landtagen, despotisch regiere, die Kirchengüter, auf die die Provinzherren schon früher ihre Hand gelegt hatten, nach deren Niederringung für sich behalte und vakante Stellen hoher kirchlicher Würdenträger oftmals mit Weltlichen besetze. Die Kleriker müßten kostspielige Banderien aufstellen, und häufig würden Kirchenmänner vor weltliche Gerichte zitiert. Der König gestatte nur seinen eigenen Kandidaten die Erlangung der Bischofswürde, was er selbst mit Umgehung der kanonischen Kapitelwahl durchsetze. Diese und ähnliche Anklagen enthielt der Brief, den die verbitterten Bischöfe dem Papst 1338 sandten. Doch die darauf folgende gelinde päpstliche Ermahnung zeitigte keinerlei Wirkung, der König änderte seine Kirchenpolitik nicht.

Mit starker Hand suchte Karl I. den Interessen des Landes selbst gegenüber jener päpstlichen Macht Geltung zu verschaffen, ohne deren Unterstützung er den Thron niemals erlangt hätte. Konsequent wandte er das von den Arpaden ererbte Patronatsherrenrecht an und wagte es sogar, den zwischen 1332 und 1337 eingezogenen sog. päpstlichen Zehnt zu besteuern. Erst nachdem der Papst zugunsten des Königs auf ein Drittel der Abgabe verzichtet hatte, durften die ausländischen Steuereinteiber mit ihrer Arbeit beginnen. Gleichzeitig jedoch veranlaßte Karl bedeutsame Maßnahmen im Interesse der Klöster. Der Reihe nach bestätigte er die alten Privilegien der verschiedenen Abteien, und auch die Orden (hauptsächlich aber die Bettelorden) gewannen während seiner Herrschaftszeit beträchtlich an politischem Einfluß. Darüber hinaus ließ er mehreren Mönchen ein Bischofsamt zukommen.

König Ludwig der Große, Streiter für die Kirche

Von den Kriegen, die König Ludwig anstrengte, widersprach nur sein aussichtsloser Kampf um den neapolitanischen Thron den Interessen Avignons. Seine nachfolgenden, in "alle Windrichtungen" geführten Feldzüge (wie z.B. gegen die dem griechischen Ritual anhängenden Serben, die ketzerischen Bosnier oder die heidnischen Litauer und Mongolen) kamen den politischen und Bekehrungsbestrebungen des Heiligen Stuhls durchaus entgegen. Ludwig I. hatte den Päpsten zur Austragung der inneren Kämpfe des Kirchenstaates mehrfach Militärhilfe geleistet und sogar ungarische Truppen zur Verfügung gestellt, als der Papst von Avignon nach Rom zurückkehrte. Ein päpstliches Schreiben aus dem Jahr 1356 nannte ihn "Schutzschild Christi, Athleten des Herrn". Aber auch Ludwig I. hielt an der Politik seines Vaters fest, indem er den päpstlichen Zehnt verbot und bei der Verteilung der Kirchenpfründe seinen königlichen Willen durchsetzte.

Zur Zeit des Kampfes um den neapolitanischen Thron kennzeichnete ein bis dahin nie gesehener Austausch von Gesandtschaften die Beziehung zwischen Rom und dem ungarischen Hof. Päpstliche Legaten weilten auch später noch desöfteren in Ungarn, im allgemeinen wegen Fragen weltpolitischer Bedeutung. Bei ihren Aufträgen ging es um das Bekehrungswerk im Osten, die Pazifizierung der Balkanhalbinsel oder das Ansuchen, die Vermittlerrolle bei einer Friedensmission zu übernehmen. Wichtig war z.B. die Entsendung des Kardinals Guido im Jahr 1349. Auch hinsichtlich der von den Päpsten früh erkannten türkischen Bedrohung schickte Papst Urban V. einen Gesandten nach Ofen. 1371 reiste ebenfalls ein päpstlicher Legat an den ungarischen Hof, um den Streit zwischen König Ludwig und Kaiser Karl IV. beizulegen. Andererseits weilten auch die ungarischen Gesandten viele Monate in Avignon, wo sie nicht nur offizielle Angelegenheiten erledigten, sondern dem Papst in Form der sog. päpstlichen Anträge (supplicatio) auch Bitten ihrer Verwandtschaft oder eventuell Familiares vortrugen.

Ungarn und die Spaltung der Westkirche

Als der nach Rom zurückgekehrte Papst Gregor XI. verstarb, konnten sich die verschiedenen Gruppen der Kardinäle nicht auf eine Person einigen und wählten 1378 zwei Päpste, von denen einer wieder nach Avignon ging. Ungarn gehörte zu jenen Ländern, die den "rechtmäßigen" römischen Papst anerkannten und unterstützten. Das alles blieb nicht auf die Ebene der diplomatischen Höflichkeit beschränkt, denn damals reichte die Macht des Papstes im Bereich der Kirchenregierung sehr weit. Zu jener Zeit hatte sich auch in Ungarn bereits der Brauch eingebürgert, wonach der Papst sich das Recht vorbehielt, ungarische Kirchenpfründe zu vergeben (reservatio). So kam es, daß ausländische sog. Bullaten ins Land strömten, die nicht nur bischöfliche, sondern auch Erzdechanten- bzw. Kapitularpfründe und andere Benefizien in Besitz nahmen, auf die sich wiederum die Mitglieder der nach und nach erstarkenden kirchlichen Mittelschicht ebenfalls Hoffnung gemacht hatten. König Sigismund und Papst Bonifatius IX. lösten das Problem anfangs mit Hilfe von Kompromissen.

Die Kirchenregierung König Sigismunds

Das gute Verhältnis zwischen Papst und ungarischem König währte bis 1403. Es kühlte sich ab, als Bonifatius IX. den auch von einem Teil des ungarischen Hochadels und Klerus protegierten Gegenkönig Sigimunds, Ladislaus von Neapel, unterstützte, und zur Stärkung von dessen Position gar einen Legaten ins Land sandte. Nachdem Sigismund die Oberhand behalten hatte, konfiszierte er die Güter der frondierenden Kleriker und übertrug an ihrer Stelle die Regierung der einzelnen Diözesen weltlichen Gouverneuren. Der König verweigerte Bonifatius IX. den Gehorsam, aber auch den zwischenzeitlich gewählten Gegenpapst Benedikt XIII. erkannte er nicht an. Stattdessen strebte er danach, die Kirchenangelegenheiten des Landes dem praktischen Einfluß des Heiligen Stuhls zu entziehen und diese selbst in die Hand zu nehmen. Im Interesse dessen wurde am 6. April 1404 ein Dekret erlassen, welches auch das sog. königliche Zustimmungsrecht beinhaltete. Dies war der Status quo bis zum Jahr 1410, als Sigismund zu dem vom Reformkonzil in Pisa gewählten neuen Papst, Johannes XXIII., diplomatischen Kontakt aufnahm.

1414 berief Sigismund, als deutscher König und Anwärter auf die Kaiserkrone, den für das spätmittelalterliche Europa bedeutendsten Kongreß ein, das Konstanzer Konzil. Den Vorsitz übernahm er persönlich. Wichtigstes Ziel war es, den Kirchenbruch zu beenden, der den Kontinent seit 1378 spaltete, und einen neuen, von allen anerkannten Papst zu wählen. Aber auch eine innere Reform der immer mehr verweltlichenden Kirche sollte beschlossen werden. Das mehrjärige diplomatische Tauziehen bescherte Sigismunds Bemühungen schließlich einen Teilerfolg. Zwei Päpste waren freiwillig zum Rücktritt bereit, dem dritten machte man seine Anhänger abspenstig. Die geplante Reform scheiterte, doch bevor man in der Person Martins V. einen neuen Papst wählten konnte, ließ Sigismund von den Kardinälen eine Urkunde ausstellen, die sog. "Konstanzer Bulle". Auf dieses Dokument beriefen sich die ungarischen Könige in späterer Zeit, um ihr Patronatsherrenrecht geltend zu machen.

Nach dem Konzil war das Verhältnis Sigismunds zum Papsttum ausgeglichen, ungeachtet dessen, daß Papst Martin V. sich und seinen Nachfolgern sofort nach seiner Inthronisierung das Verfügungsrecht über die Kirchenpfründe sicherte. In der Praxis wurde die Rolle des Königs bestimmend, weil der Papst im allgemeinen nur solche Personen in ein freigewordenes Amt berief, die der König vorher ausgesucht hatte. Weiters strebte Sigismund danach, die praktische Möglichkeit zu begrenzen, daß Kirchenmänner in Rom Berufung einlegten - was dem ungarischen Klerus wegen der Prozeßkosten wichtig war -, und schränkte andererseits auch den Kompetenzbereich der Kirchengerichte (sog. Gerichte des Heiligen Stuhls) zu Gunsten der Weltlichen ein.

KIRCHLICHE GESELLSCHAFT

Kleriker

Die an der Spitze der Kirchengesellschaft stehenden Kleriker überließen die tatsächliche Lenkung der Diözesen ihren Vikaren, da sie die meiste Zeit von ihren Aufgaben als hohe Würdenträger des Landes in Anspruch genommen wurden. Die Erzbischöfe und Bischöfe waren von Amts wegen Mitglieder des Kronrats. Aus ihren Reihen kamen die für die schriftliche Tätigkeit der Regierung zuständigen Kanzler, obwohl es zur Sigismundzeit auch weltliche Geheimkanzler gab. Wegen ihrer Schreib- und Sprachkenntnisse betraute der König in erster Linie sie mit diplomatischen Missionen. Im Kriegsfall führten sie die aus den Einkünften ihrer riesigen Güter finanzierten Banderien - Bataillone - selbst an. Im behandelten Zeitraum entstammten sie meist noch einer der Aristokratenfamilien. Zur obersten Schicht des Klerus zählte man außerdem den Stuhlweißenburger Probst sowie den Johanniterprior von Vrana.

Die Mittelschicht

Im Falle des Todes oder der Versetzung eines Klerikers war die Ernennung eines neuen Bischofs Ergebnis eines längeren Verfahrens und hing von drei Faktoren ab. Das von den Domkapiteln im 13. Jahrhundert allerorts praktizierte Recht der Bischofswahl wurde im behandelten Zeitalter mehr und mehr von den beiden anderen Machfaktoren in den Hintergrund gedrängt: Der Papst ernannte im allgemeinen die vom König präsentierten Bischöfe (praesentatio). Die Domherren als Vertreter der kirchlichen Mittelschicht versahen vom 14. Jahrhundert an ihre liturgischen Pflichten häufig nicht mehr persönlich, sondern übertrugen sie einem Stellvertreter, den man - nach dem regelmäßig an ihn gezahlten Einkommen, der Präbende - Präbendar nannte, und der im Hinblick auf seine Vermögenslage eher schon zur unteren Priesterschaft gehörte. Das begehrte Domherrenstallum, in den rund 50 Domkapiteln und Kollegiatsstiften gab es etwa 600 davon, war mit einem regelmäßigen Einkommen verbunden. Daher kam der bestimmende Teil der Intellektuellen im mittelalterlichen Ungarn aus den Reihen der Inhaber eines solchen Stallums.

In der kirchlichen Hierarchie unterteilte sich das Bistum eines Bischofs in Erzdechanate, deren Grenzen in etwa mit jenen der Burgkomitate zusammenfielen. An ihrer Spitze standen die im Domkapitel wohnenden und ins Kollegium der Domherren aufgenommenen Erzdechanten. Sie nahmen bei den ihrer Gerichtsbarkeit unterstehenden Pfarrern die Aufsichtspflicht des Bischofs in Form von Kirchenbesuchen, sog. Visitationen, wahr. Die jährlichen Visiten bedeuteten für die Seelsorger der Dörfer eine große materielle Belastung, weshalb die Anzahl der Begleiter des Erzdechanten gesetzlich geregelt wurde. Pfarrer nannte man zu Beginn des 14. Jahrhunderts die Priester der freien Königsstädte oder Marktflecken, die der Jurisdiktion des Erzdechanten und mitunter sogar des Bischofs entzogen waren. Sie durften den eingenommenen Zehnt in vollem Umfang behalten. Diese rechtlich privilegierten Kirchenämter sowie die damit verbundenen Einkünfte erhielten Personen, die fallweise gar keine priesterliche Funktion ausübten. Der Hofarzt Karls I. bekam beispielsweise das Pfarramt in Patak. Doch in der Mehrzahl der Fälle wurden die Pfarrer der Städte und Markflecken von den Bürgern gewählt. Eine Ernennung durch den König (praesentatio) gehörte zu den Ausnahmen.

Die untere Priesterschaft

Zum Ende des 14. Jahrhunderts bezeichnete man auch die nicht über obige Privilegien verfügenden Priester kleinerer Pfarren oder Kirchspiele bereits als Pfarrer (früher hießen sie Kaplane). Im Sinne der aus dem vorangegangenen Zeitalter überlieferten Patronatsherrenordnung wurden sie vom Grundherren angestellt, für den ausgehandelten Lohn und eine bestimmte Zeit. Ihre Aufgabe war es, die Sakramente zu erteilen, Messen zu lesen und zu predigen. Die meisten von ihnen hatten in den Kapitelschulen grundlegende theologische und praktische Kenntnisse erworben, und sie erhielten im allgemeinen nur ein Sechzehntel vom eingeflossenen Kirchenzehnt. Zur untersten Schicht der Kirchengesellschaft gehörten die von den Pfarrern ernannten und unterhaltenen Kaplane. Außer ihnen beteten in den einzelnen Kirchen Altar- und Kapellendirektoren für das Seelenheil der Stifter, die mit Geldern aus Meßstiftungen bezahlt wurden. Auch in den Bischofsdomen gab es Altardirektoren mit bescheidenem Einkommen, sie bildeten das Kollegium der Chorpriester.

Umgestaltung des Mönchtums

Im anbrechenden 14. Jahrhundert hatten die monastischen Orden ihre Blütezeit bereits hinter sich. Die Zahl der Klöster ging zurück, in den verbleibenden gab es weniger Mönche und auch die Disziplin lockerte sich. Ursache für ihren langsamen, aber kontinuierlichen Verfall war, daß es ihnen nicht gelang, den neuen Anforderungen der Gesellschaft gegenüber einer gewandelten Religiosität zu entsprechen, die nach aktiverer Seelsorge, nach Predigten und Aufmerksamkeit für die Armen verlangte. Hinzu kam der Umstand, daß die mittelalterlichen Päpste und Könige, aus Mangel an Mitteln für diese Zwecke, ihre an der diplomatischen und Arbeit der (Kirchen)Regierung teilnehmenden Untertanen durch das Überlassen reicher begüterter Abteien bezahlten. Solche als Abt fungierenden, vielfach einem anderen Stand angehörenden bzw. häufig weltlichen, sog. Kommendatoren oder Gouverneure wohnten in der Regel nicht im Kloster ihrer Abtei und befaßten sich kaum mit der vorgeschriebenen Disziplin und den Interessen ihre Mönche. Gouverneur von Pannonhalma wurde 1376 z.B. der polnische Herzog Wladislaw.

Monastische, Domherren- und Ritterorden

Die Zahl der Abteien des ursprünglich 81 Klöster besitzenden Benediktinerordens schmolz bis 1400 auf 64 zusammen. Im Laufe des 15. Jahrhunderts gelangten 27 Abteien in die Hände von Kommendatoren. Mit dem Ziel der Erneuerung folgte eine Reformbewegung der anderen, welche die jährliche Abhaltung von Landeszusammenkünften, sog. Kapiteln, des Ordens verfügten. Die Zisterzienser hatten nur ein Viertel soviele Klöster, und König Ludwig I. selbst forderte den Großmeister des Ordens auf, die hier vorgekommenen Mißbräuche abzustellen. Etwas zahlreicher waren die Prämonstratenser Domherren mit ihren 33 Klöstern, die sich ihre Popularität und Bedeutung auch wegen der gern übernommenen authentischen Tätigkeit besser erhalten konnten. Die Gemeinschaft der Mönche in Klöstern der monastischen Orden wurde Konvent genannt. Die Ritterorden verfügten lediglich über einige Ordenshäuser. Nach Auflösung des Templerordens im Jahr 1312 fiel dessen Besitz an die Johanniter, unter anderem an das Priorat von Vrana. König Sigismund versuchte auch - allerdings erfolglos -, den deutschen Ritterorden in Siebenbürgen anzusiedeln. Ebenfalls im 14. Jahrhundert begann der Verfall des von Ungarn gegründeten Stefaniterordens, und Mitte des 15. Jahrhunderts stellte er seine Tätigkeit bereits wieder ein.

Einsiedlerorden

Mehr Achtung brachte die Gesellschaft zu damaliger Zeit den größere Disziplin fordernden Einsiedlerorden entgegen. Die für ihre Strenge bekannten "stummen Brüder", die Kartäuser, bevölkerten vier Klöster. Im 14.-15. Jahrhundert erlebte auch die andere, von Ungarn gegründete Mönchsgemeinschaft ihre Glanzzeit: der Paulinerorden. Er hatte 1308 aus der Hand des päpstlichen Legaten Gentilis die Ordensregeln des hl. Augustin entgegen genommen. 1327 besaßen die Pauliner 30 Klöster, zur Sigismundzeit verdoppelte sich diese Zahl. Auf Ansuchen Ludwigs I. erteilte der Papst dem Orden 1367 seine Zustimmung, die ihm Unabhängigkeit vom Bischof garantierte. 1381 gelang es Ludwig I., aus Venedig die sterblichen Überreste des hl. Paulus des Eremiten zu beschaffen, und man brachte die Reliquie im Ordenszentrum der Pauliner in Budaszentlõrinc unter. 1418 erhielten sie mit päpstlicher Genehmigung die Möglichkeit zum Predigen. An der Spitze der einzelnen Klöster standen Priore, die auf der jährlich in Budaszentlõrinc stattfindenen Kapitelversammlung vom General des Ordens in Ungarn bestellt wurden.

Bettelorden

Im Gegensatz zu den Paulinern, die meist abgewandt vom Weltenlärm lebten, ließen sich die Bettelorden in dicht bevölkerten Gegenden nieder. Die Mitglieder des Ordens der Augustiner, der zu Beginn des 14. Jahrhunderts über etwa 25 Klöster verfügte, nannte man zwar Einsiedler, tatsächlich aber war es ein Bettelorden. Den Karmelitern gelang es 1372, sich in Ofen anzusiedeln, doch Beliebheit erlangten sie nicht; wir wissen nur von insgesamt vier Karmeliterlöstern. Anders die Dominikaner, die im behandelten Zeitraum, vorwiegend in den Städten, rund 40 Ordenshäuser besaßen. Ihr Metier war das Predigen, und daneben taten sie sich vor allem bei der Pflege der Wissenschaften hervor. Als noch schwungvoller kann man das Vordringen der Franziskaner bezeichnen. Im Jahr 1316 unterteilte sich die ungarische Ordensprovinz der Franziskaner in acht Wachen (custodia) mit 43 Häusern, deren Zahl bis 1379 auf 50 anstieg. Karl I. besetzte mehrere Bischofsstühle mit Franziskanern und wählte unter ihnen meist auch seine Gesandten aus. In den Gebieten der Balkanhalbinsel kam den Bettelorden eine wichtige Missionsrolle zu.

KIRCHE UND GESELLSCHAFT

Christlicher Alltag

Das alltägliche Leben der Menschen verlief innerhalb der von der Kirche abgesteckten Rahmen. Den Rhythmus der Zeit bestimmte im Mittelalter der Wechsel zwischen dem Alltag, der mit den an die Jahreszeit gebundenen Arbeiten angefüllt war, und den durch das Kirchenjahr vorgeschriebenen Sonn- und Feiertagen. Häufig bedeuteten die kirchlichen Feiertage auch jene Stichtage, an welchen die Leibeigenen der Dörfer, die die große Mehrheit der Landesbewohner bildeten, ihre verschiedenen Abgaben an die Grundherren zu leisten hatten. Kalenderfeiertage waren in erster Linie an den Kult der Heiligen gebunden, den Tag des Schutzpatrons ihrer Kirche feierten die einzelnen Kirchgemeinden auch gesondert. Die Anjoukönige haben in bedeutendem Maße zur Popularisierung des Kults um die Heiligen ("hl. Könige") aus dem Arpadenhaus, insbesondere des Kults um den hl. König Ladislaus, beigetragen. Nicht zuletzt auch König Sigismund, der sich in Wardein neben dem Grab des hl. Ladislaus bestatten ließ.

Heiden, Abtrünnige

Die Sprache der von den Priestern vorgenommenen liturgischen Zeremonien war Latein. Schon früh dürfte sich aber auch der vulgäre Sprachgebrauch der Kirche herausgebildet haben, der in erster Linie für die im Rahmen der Messe erklingende Predigt sowie für die Beichte, das muttersprachliche Eingeständnis der Sünden, verwendet wurde. Indes gab es in Ungarn auch außerhalb der Kirche lebende, nicht-christliche bzw. nicht-katholische Bevölkerungsgruppen. Um die Heiden und Abtrünnigen zu bekehren, unternahm man besonders in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts außerordentliche Anstrengungen, denn König Ludwig hielt dies für seine erstrangige Pflicht als Monarch. Die Juden suchte er ebenfalls zu bekehren. Nachdem dies jedoch mißlang, vertrieb er sie um 1360 aus dem Land. Und wenngleich er sein Dekret 1364 wieder aufhob, kam die Mehrzahl der Vertriebenen nicht mehr zurück. Die an ihrer Stelle aus westlichen Ländern eingewanderten Juden, die sich hauptsächlich in größeren Städten ansiedelten, konnten ihren religiösen Sonderstatus als geschlossene Gemeinschaften bewahren, obwohl es Anfang des 15. Jahrhunderts sogar zu antijüdischen Ausschreitungen kam.

Der Bekehrungs- und Anpassungsprozeß im Kreise der Kumanen lief selbst nach den Gesetzen des Jahres 1279 nicht ganz reibungslos ab, da sie noch immer an ihrer heidnischen Lebensweise und den alten Traditionen festhielten. Die ursprünglich nach byzantinischem Ritual lebenden Jazygen hatten ihre Privilegien ihren Militärdiensten zu verdanken. Ihre Bekehrung zum katholischen Glauben, an der die Bettelorden maßgeblichen Anteil nahmen, dauerte mehrere Jahrhunderte und dürfte etwa in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts abgeschlossen worden sein. Zum Teil läßt sich diese Verzögerung mit ihrer Abneigung gegen die Zahlung des Zehnten erklären. Im 14. Jahrhundert wurde auch die Besiedlung der Randgebiete des Landes fortgesetzt, wo sich Teilvölker orthodoxen Glaubens niederließen. Die Bekehrung der von Nordosten einströmenden Ruthenen sowie des anderen, zahlenmäßig bedeutsamen Ethnikums (ca. anderthalb Tausend), der Rumänen, die sich über die Südkarpaten kommend in Siebenbürgen ansiedelten, nahm Ludwig I. ebenfalls mit Hilfe der Franziskaner in Angriff.

Nach der 1366 erfolgten Einigung der Völker orthodoxen Glaubens mit der katholischen Kirche konnte nur derjenige geadelt oder zum Kenéz erhoben werden, der katholisch geworden war. 1386 zerbrach die Union, und 1428 versuchte Sigismund, die Politik Ludwigs wieder aufzugreifen. Dessen ungeachtet wuchs ihre Zahl ständig, und die Quellen des behandelten Zeitraums berichten bereits von ihren Kirchen und Klöstern. Ein Teil der geadelten Rumänen (Kenéz) katholisierte zwar weiter, allerdings nicht gezwungenermaßen, sondern aus Prestigegründen, weil der Religionsunterschied für die damals häufigen Eheverbindungen mit ungarischen Adelsfamilien ein unüberwindliches Hindernis darstellte. In ähnlicher Weise betrachtete die katholische Kirche auch die nach orthodoxem Ritual lebenden Serben als Abtrünnige, die vom Ende des 14. Jahrhunderts an vor den Türken flohen und sich in Sirmien bzw. im Komitat Keve niederließen. König und Grundherren hingegen gewährten auch ihnen - wohl in erster Linie aus ökonomischem Interesse - die Möglichkeit zur freien Religionsausübung.

Die Erweiterung der Kirchenorganisation

Zur Zeit der Angeviner erreichte die ungarische Kirchenorganisation ihre größte Ausdehnung. Die auf den Ausbau von Vasallenstaaten entlang der östlichen und südlichen Landesgrenzen gerichtete königliche Politik traf sich mit den Bestrebungen der katholischen Kirche, das Bekehrungswerk voranzutreiben, was meist den Franziskanern oblag. Auch die Bischöfe der Missionen kamen häufig aus den Reihen der Mitglieder von Bettelorden. 1322 erneuerte Karl I. das noch Ende des 13. Jahrhunderts gegründete, aber bald darauf wieder abgeschaffte Bistum Belgrad. Ludwig I. unternahm 1354 einen erfolglosen Versuch, die Diözese Milko erneut zu organisieren, und das südlichste ungarische Missionsbistum in Bodony (Vidin, Bulgarien) wurde 1365 ebenfalls von Ludwig I. gegründet. Allerdings war ihm, ähnlich wie der 1382 gegründeten Diözese Arges, kein allzu langes Leben beschieden (beide bestanden nur bis 1386). Das 1371 zur Bekehrung des Rumänentums jenseits der Karpaten gegründete, bis zum Ende des 15. Jahrhunderts bestehende Bistum von Siret unterstand unmittelbar der Gerichtsbarkeit des Heiligen Stuhls und man zählte es somit nicht zur ungarischen Kirchenorganisation. Würdigung fanden in den königlichen Urkunden wiederum - obgleich nicht zur ungarischen Kirchenorganisation gehörend -, auch die dalmatischen und kroatischen Kleriker.

Ketzer

Der Kampf gegen das Ketzertum konzentrierte sich im 14. Jahrhundert auf die Flagellanten und Waldenser, vor allem aber auf die in Bosnien verbreiteten patarenischen Strömungen. Mitunter dienten die Feldzüge König Ludwigs in den Süden ausgesprochen diesem Ziel. Vom 15. Jahrhundert an bestanden Verbindungen zwischen den Ketzern der südlichen Landesgegend und dem Hussitentum, das sich ursprünglich im Oberland verbreitet hatte. Sigismund führte nämlich ab 1420 einen Kreuzzug gegen die böhmischen Hussiten, die als Antwort darauf ab 1428 regelmäßig Vernichtungsfeldzüge nach Ungarn unternahmen. Schließlich einigte man sich im Rahmen des Basler Reformkonzils 1433 mit den Kalixtinern, und im Bündnis mit ihnen wurden 1434 die Taboriten besiegt. Eine bedeutende Rolle spielten die Lehren des Jan Hus auch bei der Vorbereitung des siebenbürgischen Bauernaufstandes von 1437. Die aus Kamanc gebürtigen Studenten Thomas (Tamás) und Valentin (Bálint), Übersetzer eines Teils der Bibel ins Ungarische, konnten sich vor der auf mehrere Bistümer in der südlichen und östlichen Landesgegend ausgedehnten Missionstätigkeit des Franziskaners Jakob von Marchia nach Moldau retten.

Bildung, Schulen, Universitäten

Auch im behandelten Zeitraum hat sich die Kirche besonders um die Bildung verdient gemacht. Die Kloster- und Domschulen (Kapitelschulen) dienten in erster Linie zur Ausbildung des Priesternachwuchses. Neben den sieben freien Künsten aber lehrte man in einigen von ihnen, im Interesse der Wahrung der Landesrechte, auch Jurisprudenz und bereitete die Studenten auf eine weltliche Laufbahn vor (Kanzlei, authentische Tätigkeit ausübende Orte). Anfang des 14. Jahrhunderts nahm die Ofner Hochschule der Dominikaner (studium generale) den Lehrbetrieb auf, indes war dies keine richtige Universität.

1367 gründete Ludwig der Große in Fünfkirchen die erste ungarische Unviversität, wozu Papst Urban V. - mit Ausnahme der theologischen Fakultät - auch seine Genehmigung erteilte. Doch im ausgehenden 14. Jahrhundert wurde die Universität wieder geschlossen. Noch kürzere Zeit bestand die von Sigismund 1395 eingerichtete Ofner Universität, die der König wegen der hussitischen Bedrohung 1410 unter Mitwirkung des päpstlichen Legaten Branda Castiglione neugründete. Eine Abordnung der Universität nahm zwar auch am Konstanzer Konzil teil, aber schon in den Quellen der 1420er Jahre wird die Einrichtung nicht mehr erwähnt. Die nach Universitätsbildung strebenden Ungarn mußten also die Universitäten im nahe gelegenen Wien oder Krakau besuchen.

Neben dem für nur wenige erreichbaren Universitätsbesuch boten vom 14. Jahrhundert an die Kirchfahrt und Wallfahrten ins Ausland bereits breiteren Schichten der Gesellschaft Reisemöglichkeiten. Beliebtester Wallfahrtsort ungarischer Pilger war Aachen in Deutschland, insbesondere seit Ludwig I. 1367 dort eine Kapelle mit den Reliquien der heiligen Könige (Stephan, Emmerich und Ladislaus) gestiftet hatte. Darüber hinaus pilgerten Ungarn auch gern nach Jerusalem, Rom und Compostela.


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