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LEBENSWEISE

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GESELLSCHAFT

Die Bewohner des Landes

In den 1330er Jahren kamen päpstliche Steuerbeamte nach Ungarn, die den Zehnt eintrieben. Ihre Aufzeichnungen über die eingezogenen Summen blieben, wenn auch fragmentarisch, erhalten. Demnach dürften damals in Ungarn und Slawonien insgesamt um die zwei Millionen Menschen gelebt haben. 1349 wütete im Karpatenbecken die große Pestepidemie, und Ende 1359 brach erneut eine Epidemie aus. Doch Zahlenangaben über die Auswirkungen dieser Epidemien sind uns nicht bekannt. Anderswo wiederholt vorkommende Hungersnöte hielten sich in Ungarn in Grenzen. Für einen Rückgang der Bevölkerungszahl, wie er sich in Europa in dieser Zeit beobachten läßt, gibt es hier keine Anzeichen. In den 1430er Jahren dürfte die Einwohnerzahl des Landes bei 3-3,5 Millionen gelegen haben.

Wie in Westeuropa wurden die verschiedenen Klassen bzw. Gruppen der Gesellschaft auch in Ungarn Stände genannt, die Zugehörigkeit zu einem Stand bezeichnete man als Position bzw. Stellung. Der Stand bedeutete die Gemeinschaft der mit gleichen Rechten ausgestatteten Personen, wobei die Vermögenslage von Angehörigen ein und desselben Standes sehr abweichend sein konnte. Die Zugehörigkeit zu einem Stand entschied sich bei der Geburt, der Spielraum für sozialen Aufstieg war eng bemessen. Die Privilegien der einzelnen Gesellschaftsgruppen wurden Freiheiten genannt, man sprach beispielsweise von der Freiheit des Adels oder der Hospites. Im 14. Jahrhundert kam es innerhalb der Stände zur rechtlichen Angleichung. In den ersten Jahrzehnten genossen die Angehörigen des Adels im ganzen Land ähnliche Rechte, und bis zur Mitte des Jahrhunderts auch die Leibeigenen.

Vereinheitlichung der Rechte

Zum Adelsstand gehörten außer jener Schicht, die man schon immer Adel nannte, auch die königlichen Servienten und ein Teil der Burgjobagionen. Der im Gesetz von 1351 formulierte Grundsatz, wonach "alle Adligen diesselbe Freiheit genießen", hieß nicht, daß von nun an für jeden einheitliche Rechte galten - denn das gab es schon seit Jahrzehnten - , sondern er bezog sich auf die Position der rechtlich anders gestellten Adligen in den Gebieten jenseits der Drau und in Siebenbürgen. Als Adlige bezeichnete man die Grundbesitzer, unabhängig von der Größe ihrer Güter. Ein Grundstück konnte ebenso Adelsgut sein wie mehrere Burgbesitztümer.

Über das Adelsgut verfügten nicht einzelne Mitglieder der Familie, sondern es gehörte dem ganzen Geschlecht. Der angestammte Besitz vererbte sich innerhalb des Geschlechts weiter. Die Avitizität war keine Erfindung Ludwigs des Großen. Er hat den schon immer bestehenden Rechtsgrundsatz im Gesetz des Jahres 1351 lediglich präzisiert, indem er einen Passus der Goldenen Bulle außer Kraft setzte, der eigentlich kaum oder überhaupt nie in die Praxis umgesetzt worden war. Die Gesetzesänderung 1351 sollte das Recht des Königs schützen, welches vorschrieb, daß das Erbe kinderlos (d.h. ohne männliche Nachkommen) Verstorbener an den König zurückfällt. Ein schwerer Schlag für den Geschlechterbesitz war das von Ludwig I. noch zu Beginn seiner Herrschaftszeit eingeführte System der Neuschenkung.

In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts lösten sich die alten Vornehmengeschlechter auf. Sie lebten als selbständige Familien weiter, an deren Verwandtschaftsbeziehung nur noch das angestammte Gut und ihr gemeinsames Wappen erinnerten. Wenn Mitglieder von Adelsfamilien für ihren Dienst bei Hofe mit Gütern beschenkt wurden, teilten sie diese nicht mehr mit den Sippenangehörigen. Doch die wirkliche Trennlinie innerhalb des Adelsstandes verlief zur Anjouzeit und zu Beginn der Sigismundzeit zwischen dem Hof- und Landadel. Der Dienst am Hofe ermöglichte es auch, zum Baron aufzusteigen.

Unter Baronen verstand man zur Anjouzeit noch die Hauptwürdenträger des Landes. Um 1350 engte sich ihr Kreis erstmals ein. Von da an wurden die Komitatsgespane - mit Ausnahme des Gespans von Preßburg - nicht mehr dazu gerechnet. Selbst Würdenträger, die ihr Amt nicht mehr bekleideten, waren Barone; ihren Kindern konnten sie den Titel damals allerdings noch nicht vererben. Nach den großen Donationen Sigismunds aber begann sich jener geschlossene Hochadelsstand herauszubilden, der nicht mehr ausschließlich auf dem übertragen Amt, sondern auch auf dem durch Erbschaft erlangten Großgrundbesitz fundierte.

Am Hof weilende Adlige, die noch kein Baronsamt erhalten hatten, wurden drei Gruppen zugeordnet; sie waren die Hofritter, Hofjunker und Edelknaben. Wer zu welcher der drei Gruppen gehörte, richtete sich nicht nach dem Alter, sondern nach Herkunft und Verdiensten. Die Adligen des Hofstaates nahmen an der täglichen Verwaltungsarbeit teil. Ihnen und den Baronen schenkte der König nicht nur Eigengüter, sondern auch mit einem Amt verbundene sog. Honorargüter, die er ihnen jederzeit wieder wegnehmen konnte. In den Genuß der Einkünfte dieser Güter kamen jedoch sie.

Die Schicht der über Grundbesitz verfügenden Landadligen nannte man Mitteladel. Auf die große Politik hatten sie keinen Einfluß, lediglich bei der Verwaltung der Komitate konnten sie mitreden. Landadlige mit nur einem Grundstück lebten in bäuerlichen Verhältnissen. Zahlreiche Angehörige beider Schichten traten in den Dienst irgendeines mächtigen Grundherren, gehörten damit zu dessen Familie und wurden so zu Familiares. Allerdings entwickelten sich weder der Hofadel noch die Familiares, gleich wie real sie als soziale Gruppen auch waren, nicht zu einem Stand. Sie galten ebenso als Adlige wie ihre Herren, denn nach ungarischem Recht zählte jeder als adlig, der Grundbesitz sein Eigen nannte.

In den verschiedenen Teilen des Landes lebten darüber hinaus Adlige, die mit abweichenden, enger begrenzten Freiheiten ausgestattet waren. Diese Schicht nennt man lokalen oder Partikularadel. Den Adligen jenseits der Drau gewährte man erst 1351 Steuerfreiheit, und um diese Zeit wurde auch das Recht des Siebenbürger Adels zur Bildung von Patrimonialgerichten anerkannt. Die abweichende Rechtsstellung des Liptauer und Turozer Adels oder der sog. Zehnlanzen des Zipserlandes hing mit ihrer Herkunft und besonderen geographischen Lage zusammen. Ebenso zählte auch der Kirchenadel, die sog. Prädialisten, nicht als wirklich adlig. Sie lebten auf Kirchengütern, versahen in Friedenszeiten Verwaltungsaufgaben und zogen in Kriegszeiten an der Seite ihrer Herren in den Kampf

Unter den wirren politischen Verhältnissen der Wende vom 13. auf das 14. Jahrhundert kam es zur Auflösung der königlichen Burgorganisation und aller daran gebundenen Schichten. Die Burgsassen und Burgjobagionen verschwanden, die Organisation der Truchsesse zerfiel. Von der Mitte des 14. Jahrhunderts an nannte man die auf den Gütern anderer lebenden Bauern einheitlich Leibeigene, egal ob sie auf königlichen, Adels- oder Kirchengütern lebten. Aus freigelassenen Dienstleuten, die von ihren Herren Land erhielten, aus den Burgsassen der königlichen Burgorganisation und verarmten Burgjobagionen, aus den Truchsessen und Hospites waren Leibeigene geworden. Ihre Rechte und Pflichten legte man nach dem Muster der früheren Hospesrechte fest.

Der Leibeigene konnte frei über seinen Boden verfügen und ihn an seine Nachkommen vererben. Hatte er seine Schulden und das Pachtgeld bezahlt, stand es ihm frei, vom Grundherren wegzuziehen. Diese Freizügigkeit suchten die Grundbesitzer häufig zu behindern, so daß sie schon 1391 gesetzlich fixiert werden mußte. Leibeigene zahlten ihrem Grundherren die Bodenpacht in Bargeld, das sog. Geschenk lieferten sie in Form von Naturalien ab - z.B. Schafe, Brot usw. -, und schuldeten ihm darüber hinaus noch den Neunten Teil des Weinertrages bzw. an einigen Orten der Feldfrüchte. Der Frondienst, den sie für den Meierhof des Grundherren leisten mußten, war damals noch gering bemessen. Bodenpacht und Geschenke gab man in mehreren Raten ab, deren Zahl und Datum örtlich differierten.

Die Frondienste waren durch das Gewohnheitsrecht geregelt. Doch ungeachtet der rechtlichen Gleichstellung gab es große Unterschiede, die daraus resultierten, zu welcher Schicht der Gesellschaft die Vorfahren der Leibeigenen gehört hatten. Zuletzt unterschied man im Zeitalter Sigismunds die Truchsesse von den übrigen Leibeigenen. Die Hospites hingegen konnten ihre vergleichsweise bessere Stellung vielerorts das ganze Mittelalter hindurch bewahren. Infolge der Weitervererbung wurden die Grundstücke nach und nach aufgeteilt. Die Leibeigenen wirtschafteten auf Halbviertel- oder noch kleineren Gütern, und im 15. Jahrhundert waren Viertelgüter bereits der Durchschnitt. Bauern, die höchstens ein eigenes Haus, aber keinen Boden besaßen, nannte man Häusler. Sie arbeiteten als Tagelöhner oder mieteten ein Stück Land.

Für den Schutz des Leibeigenen sorgte der Grundherr, wenn es sein mußte, selbst mit Gewalt. Er war verpflichtet, einem Leibeigenem vor dem Patrimonialgericht zu seinem Recht zu verhelfen. Mit Beginn der Herrschaftszeit Karls I. erhielten in erster Linie die Barone, aber auch immer mehr Angehörige des Hofadels das Privileg des Blutbanns, so daß sie auf ihren Gütern nicht mehr nur in geringfügigen Angelegenheiten über ihre Leibeigenen, sondern auch über die dort gefaßten Straftäter richten konnten. Die Besitzungen des Grundherren, der das Recht über Leben und Tod erlangt hatte, unterstanden von da an nicht mehr der Jurisdiktion des Komitatsgespans, weshalb man dieses Recht im Ungarischen Freigespanschaft nennt.

Nationalitäten und privilegierte Gruppen

Im 14. Jahrhundert wurde die Besiedlung der Randgebiete des Landes fortgesetzt. Doch weil dazu einmal im Landesinneren nicht genügend Menschen zur Verfügung standen, und zum anderen die überwiegend bewaldeten und schneebedeckten Berggegenden eine besondere Art der Bewirtschaftung erforderten, kamen die neuen Bewohner der Karpaten von außerhalb. Dank dieser weitsichtigen Siedlungspolitik traf in Ungarn nicht ein, was zu jener Zeit für Europa typisch war, nämlich ein Rückgang in der Bevölkerungszahl. In den Randgebieten des Landes siedelte sich damals größtenteils slowakische, ruthenische und rumänische Einwohnerschaft an.

Das Oberland, wo schon immer Slawen gelebt hatten, erhielt Zuzug von Siedlern aus Mähren, Polen und den russischen Fürstentümern. Meist wurden sie von einem deutschen Vorsteher hergeführt, den man Schultheiß nannte. Sie rodeten die Wälder und gründeten neue Dörfer, sog. Reutdörfer. Im 14. Jahrhundert traf in den Ostkarpaten eine größere Zahl orthodoxer Ruthenen ein. Ein Teil von ihnen lebte nach walachischem (rumänischem) Recht, d.h., sie befaßten sich ausschließlich mit Viehzucht und mußten nur die Schafsteuer entrichten.

Auch die rumänische Besiedlung wandelte sich im 14. Jahrhundert. Als Karl I. den Grundbesitzern gestattete, Rumänen auf ihren Ländereien anzusiedeln, war dies lediglich eine Legalisierung der während des Interregnums entstandenen Situation. Die Schafsteuer allerdings hatten sie weiterhin an den König zu entrichten. Für die auf den Krongütern lebenden Rumänen wurden walachische Bezirke organisiert, wie z.B. die Bezirke Lugos, Sebes, Hátszeg und Hunyad. An der Spitze der rumänischen Gemeinwesen stand der sog. Kenéz. Zu jener Zeit setzte die zweite rumänische Einwanderungswelle aus dem Osten ein. Die unter Führung ihrer Woiwoden eintreffenen Rumänen, unter denen sich prägnantere soziale Unterschiede zeigten als bei ihren Vorgängern, ließen sich in den dünnbesiedelten Gebieten der Marmaros-Gegend am linken Theißufer nieder. Von den rumänischen Woiwoden der Gegend um Marmaros wurde auch das Fürstentum Moldau organisiert.

Die Gemeinschaften der Sachsen und Szekler in Siebenbürgen funktionierten als selbständiges, in sich geschlossenes System. Das Szeklertum gliederte sich in drei Stände: An der Spitze standen die Hauptleute, unter ihnen die Primipile, unter diesen die gemeinen Szekler. Dem Gemeinwesen der Siebenbürger Sachsen standen früher die Gräven vor, die ihr Amt jedoch nicht Kraft Adelsrechten ausübten. Im ausgehenden 14. Jahrhundert wurde ihre politische Führungsrolle von der tonangebenden Bürgerschaft der Städte übernommen. Unter den Siebenbürger Sachsen kam es nicht zur Herausbildung der Leibeigenschaft, die Bauern blieben ihrer Rechtsstellung nach Freie. Die südlichen Gebiete des Landes hatten als erste unter den türkischen Übergriffen zu leiden, so daß schon zur Sigismundzeit ganze Dörfer untergingen. Danach ließen sich hier die von der Balkanhalbinsel flüchtenden Serben nieder.

Die Eingliederung der Kumanen in die ungarische Gesellschaft geschah schrittweise. Sie gaben ihr Nomadenleben nach und nach auf, wurden ansässig und übernahmen die Lebensweise von Ackerbauern. Aus ihren Siedlungsgebieten wurden kumanische Stühle, aus den Oberhäuptern ihrer Geschlechter Kapitäne und später Adlige.

Jazygen werden auf ungarischem Gebiet erstmals 1319 erwähnt. Außer in der heute Jászság genannten Gegend lebten sie noch im Komitat Pilis und an der unteren Donau. Sie dürften einige Jahrzehnte früher als zum oben genannten Zeitpunkt, aber später als die Kumanen nach Ungarn eingewandert sein. Ihre Sprachen waren einander nicht verwandt. Die Kumanen sprachen eine türkische, die Jazygen eine indoeuropäische Sprache. Doch schon im 15. Jahrhundert hatten sich die Sprachen beider Völker weitgehend dem Ungarischen angepaßt.

Städte und Stadtbewohner

Auch die Angeviner hielten an der von ihren Vorgängern begonnenen Politik der Städtegründung fest. Doch nicht alle mit Privilegien ausgestatteten Städte erfüllten die in sie gesetzten Hoffnungen. Deshalb ließ man nur jenen Städten königliche Unterstützung angedeihen, die auch auf eigenen Füßen stehen konnten. Und diese lagen meist an den wichtigsten Handelsrouten des Landes. Sigismund hatte zu Beginn seiner Herrschaftszeit zahlreiche Städte verschenkt. 1405 rief der Monarch alle königlichen Freistädte - königlich, weil sie in der Hand des Königs blieben und frei, weil sie im Besitz eines Freibriefs waren - und Dörfer zu einer Beratung zusammen. Eine ähnliche Zusammenkunft gab es in der ungarischen Geschichte weder vorher noch nachher.

Das im Ergebnis der Beratung erlassene Dekret ordnete an, alle vom König privilegierten Siedlungen mit Mauern zu umgeben, und erhob die Benutzung der Ofner Maße im ganzen Land zu Pflicht. Als Berufungsgericht der Königsstädte setzte es das vom Schatzmeister geleitete Kammergericht ein, übertrug den Städten die Gerichtsbarkeit über Leben und Tod (Blutbann) und befreite sie gegenüber dem von Ofen praktizierten Stapelrecht. Im Laufe der Zeit bildete sich im Kreis der königlichen Freistädte eine kleine Elitegruppe heraus - Ofen, Preßburg, Ödenburg, Tirnau, Kaschau, Bartfeld und Preschau -, in denen das aufgrund des Ofner Rechts ausgearbeitete Kammerrecht galt. Besondere Gruppen bildeten auch die später Personalstädte genannten Städte sowie die Bergstädte des Königs und der Siebenbürger Sachsen.

Neben den von Mauern umgebenen sog. Schlüsselstädten entstanden an den wichtigsten Marktorten des Landes Marktflecken, die sich überwiegend in privater Hand befanden. In einigen baute man ab Anfang des 15. Jahrhunderts Burgen und sie wurden zu Herrensitzen (Eisenstadt, Pápa, Gyula). Die Einwohner dieser Marktflecken zählten rechtlich als Leibeigene, die vielerorts jedoch bedeutende Privilegien erlangten. In den königlichen Freistädten und Marktflecken gab es nur wenige Handwerker oder Kaufleute, ihre Bewohner lebten hauptsächlich von der Landwirtschaft.

Die Einwohnerschaft der ungarischer Freistädte bestand in der Mehrzahl aus deutschsprachigen Bürgern. Bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts lag die Führung der bedeutenderen Städte in den Händen einer Schicht, die einen ritterlichen Lebenswandel führte, über Grundbesitz verfügte, gleichzeitig aber auch Handel betrieb. Häufig knüpften sie eheliche Bindungen zu Adligen, und viele stiegen selbst in den Adelsstand auf. Die meisten dieser Familien waren zur Jahrhundertwende ausgestorben, an ihre Stelle trat ein neuer Typ der Statdbewohner, die Schicht der Kaufleute. Zu einem ähnlichen Wechsel kam es in den Bergstädten nicht, denn ihre Bürger - Nachkommen der vormaligen Gründerfamilien, denen die Häuser am Hauptplatz sowie ein Großteil der Minenanteile gehörten - konnten ihre Positionen behaupten.

WIRTSCHAFT

Ackerbau

Der größere Teil der Bevölkerung Ungarns befaßte sich damals mit Landwirtschaft. Das Verhältnis von Ackerbau und Viehzucht änderte sich je nach Gebiet. Bei den Kumanen und Rumänen z.B. kam der Viehzucht im Vergleich zum Ackerbau die weitaus überragendere Rolle zu. In weiten Teilen des Karpatenbeckens wurde das regulierte Bodennutzungssystem angewandt, die Dreifelderwirtschaft war in Transdanubien verbreitet. Beide unterschieden sich lediglich darin, daß die bestellten und unbestellt gelassenen Felder nicht mehr aller vier bis fünf Jahre, sondern alljährlich gewechselt wurden.

Im System der Feldwirtschaft war das ungenutzte Ackerland kein Ödland mehr, sondern Brache. Wo es vorkam, wurde die Dreifelderwirtschaft angewandt. In diesem Fall mußte sich die ganze Dorfgemeinschaft miteinander abstimmen, um zu verhindern, das die auf den Feldern weidenden Tiere Ernteschäden verursachten. Beide Bewirtschaftungssysteme basierten auf den Gundstücken, zu denen mehrere, verstreut gelegene Äcker in der Gemarkung des Dorfes gehörten. Diese Ackerstücke wurden mittels Pfeilen unter den Dorfbewohnern ausgelost. Die einzelnen Parzellen waren durch Grasstreifen voneinander getrennt, weshalb man dieses Verfahren (sinngemäß) als Verteilung auf Gras bezeichnet.

Als sich die Grundstücksordnung herausbildete, gehörte in jeder Siedlung zu einem Grundstück jeweils auch Ackerland bestimmter, aber identischer Größe. Sein Umfang hing von der Größe des zur Bearbeitung geigneten Bodens und dessen Qualität ab. Auch die Größe der Grundstücke im Dorfinneren - hier befanden sich das Haus, die Wirtschaftsgebäude und der Garten - war festgelegt. Im Oberland gab es das System der Tornukfelder, wo die länglichen Äcker unmittelbar hinter dem inneren Grundstück lagen. Hier war es nicht Brauch, die Gemarkung des Dorfes neu aufzuteilen, sondern die Landwirte bestellten immer ein und dieselben Felder.

Der Boden für den Weinbau unterlag den Vorschriften der Grundstücksordnung nicht, denn er galt als Rodungsland. Die Weinbauern entrichteten ihren Zehnt an den Grundherren meist in Form des zehnten Teils von ihrem Weinertrag; das war der Bergzoll. Da Weinberge nicht zur Gemarkung jedes Dorfes gehörten, kam es häufig vor, daß mehrere Dörfer gemeinsam über einen Weinberg verfügten. Im allgemeinen wurde Weißwein gekeltert. Wenn man Rotwein haben wollte, färbte man den Weißen durch Zugabe von Schlehe, Holunder und Sauerkirsche.

In Transdanubien kam schon vom 13. Jahrhundert an neben der Trotte auch die Kelter zur Anwendung. Östlich der Donau fand sie erst später Verbreitung. Gekelterten Wein hielt man aber im Vergleich zu dem in herkömmlicher Art hergestellten Wein für minderer Qualität. Das Stampfen und Keltern der Trauben ging unter freiem Himmel vor sich, zu Hause wurde dann der Saft abgefüllt und auch gelagert. In den Weinbergen standen damals noch keine Gebäude, sog. Keller. Mit ihrem Bau begann man im Balatonoberland und in Südtransdanubien erst um diese Zeit.

Viehzucht, Fischerei, Mühlen

Die Viehzucht diente in Ungarn nicht ausschließlich dem lokalen Verbrauch. Schon zur Anjouzeit begann man, auch mit westlichen und südlichen Ländern Rinderhandel zu betreiben. In der Großen Ungarischen Tiefebene wurden die von den Kumanen angesiedelten großwüchsigen Rinder gezüchtet. Diese Tiere hielt man im Freien, die Stallhaltung verbreitete sich außerhalb der Großen Tiefebene. Schweine wurden, wo dies möglich war, in Wäldern, also teilweise im Freien gehalten. Die Schafhaltung der Siebenbürger Rumänen fußte auf dem Wechsel zwischen sommerlichen Bergweiden und winterlichen Talweiden. Ein Pferd konnten sich in erster Linie die Reicheren leisten. Doch als Zugtier wurde es auch von den Leibeigenen genutzt, da es im Vergleich zu Westeuropa billig war.

Fisch gehörte im Mittelalter zu den Hauptgerichten. Einmal der kirchlichen Fasttage wegen, zum anderen weil es in Ungarn zahlreiche zum Fischen geeignete natürliche Gewässer gab. An den Fischplätzen dieser Gewässer fischte man entweder mittels Reusen oder staute einen Bach und legte so Fischteiche an, die von den Dorfbewohnern gemeinsam genutzt wurden.

Zum Mahlen von Korn machte man sich am häufigsten die Wasserkraft zunutze. Wassermühlen standen an Bächen, deren Wasser die Mühlräder von oben oder unten her antrieb. Auf größeren Flüssen gab es Schiffsmühlen. Die Müller zahlten den Grundherren Pachtgeld für die Benutzung der Mühlen bzw. im Falle von Schiffsmühlen für die Erlaubnis, ihre Mühle am Ufer verankern zu dürfen.

Bergbau und Münzprägung

Zwischen 1320 und 1350 nahmen die Goldgruben von Kremnitz, Szomolnok, Frauenburg, Großschlatten und Kleinschlatten den Förderbetrieb auf. Durch die neu erschlossenen Fundstätten wurde es möglich, den Goldforint zu prägen. Zu jener Zeit betrug der Anteil Ungarns am Goldgewinn der damals bekannten Welt etwa ein Drittel, das waren ca. 90% der europäischen Goldförderung. Auch Silberaubbau wurde in den vorhandenen Gruben betrieben, der ungarische Förderertrag lag allerdings hinter dem der böhmischen, sächsischen und Tiroler Minen.

Die Reform des ungarischen Bergbaus und der Münzprägung stützte sich auf böhmische Erfahrungen. Aus dem böhmischen Kuttenberg eingewanderte Bürger gründeten Kremnitz, die Stadt erhielt das Kuttenberger Bergrecht. Im Jahr 1327 erließ Karl I. ein Dekret etwa folgenden Inhalts: Er werde einem Grundbesitzer, der in seinem Boden Edelerz findet, sein Land nicht wegnehmen, weiters dürfe der Grundherr ein eigenes Bergwerk eröffnen und auch ein Drittel der Urbura genannten Bergwerksteuer für sich behalten. Ludwig der Große wiederholte dies im Gesetz von 1351, doch in der Praxis befanden sich nahezu alle Edelerzgruben des Landes in königlicher Hand. Im Sinne der Bergfeiheiten konnten die Bürger der Bergstädte sowohl im Boden königlicher Domänen als auch von Privatbesitzungen frei nach Erz suchen.

Das ausgeschmolzene Edelmetall mußte zu festen Preisen an die königliche Kammer verkauft werden, der Handel mit ungeprägtem Metall war verboten. Aufstellungen über die geförderte Metallmenge sind nicht erhalten geblieben. Unsere einzige diesbezügliche Angabe ist, daß Königin Elisabet, die 1344 nach Italien reiste, um die Interessen Herzog Andreas' zu vertreten, 6.628 kg Silber, 5.150 kg Gold und darüber hinaus geprägte Goldforinte in ihrem Gepäck führte. Bis zu den 1370er Jahren hatte man die Gruben ausgeschürft, sie standen unter Wasser, und am Ende der Herrschaftszeit Ludwigs I. sah sich die an hohe Einnahmen gewöhnte Schatzkammer gezwungen, zum Mittel der Degradation zu greifen.

Die arpadenzeitlichen Eisenerzfundstätten, wie zum Beispiel Eisenburg, hatten ihre Bedeutung verloren. Der Schwerpunkt der Eisenerzgewinnung und der daran anknüpfenden Hüttenindustrie verlagerte sich in das Erzgebirge der Gegend Zips-Gömör. Ihr erstes Zentrum war Dobschina. Das Bergregale besaß im Eisenerzbergbau keine Gültigkeit. Die Gruben waren Privateigentum einiger Grundbesitzer, den Abbau betrieben bayerische, österreichische und Tiroler Einwanderer. Aus dem Jahr 1344 stammt die erste Erwähnung des Hammers in Ungarn. Und wahrscheinlich wurde auch im siebenbürgischen Torotzko (Eisenburg) im 14. Jahrhundert zum erstenmal Eisenerz gefördert.

Salz war im Mittelalter das wichtigste Konservierungsmittel. Das Salz der Karpaten "schnitt" man in Würfeln heraus. Die im Ausland allgemein verbreiteten Salzquellen waren hier selten, was wiederum das Salzsieden erübrigte. Im Vergleich zur Salzsiederei erforderte das Herausschneiden weder besondere technische Kenntnisse, noch Kapitalkraft, weshalb sich auf diesem Sektor auch keine Unternehmerschicht wie im Edel- oder Eisenerzbergbau herausbildete. Neben den Salinen in Siebenbürgen gewann im 14. Jahrhundert der Marmaroscher Salzabbau an Bedeutung, und zum Ende des Jahrhunderts kam der größere Teil des im Land gehandelten Salzes aus den hiesigen Salinen. Salz wurde auch im Komitat Sáros gewonnen.

Der Salzvertrieb war königliches Monopol und wurde von den Salzkammergespanen beaufsichtigt. Zur Anjouzeit stellte der Edelmetallumtausch die wichtigste Einnahmequelle der Schatzkammer dar. Unter Sigismund rückten die Erträge aus dem Salzmonopol an erste Stelle, an zweiter Stelle rangierten die mit dem Nutzen der Kammer verbundenen Einkünfte und an dritter Stelle der Edelmetallumtausch. Als Sigismunds Herrschaftszeit zu Ende ging, betrug das Jahreseinkommen der Schatzkammer annähernd eine halbe Million Goldforint.

Das System der Münzprägung durchlief im Zeitraum 1301-1437 einen entscheidenden Wandel. Während man bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts im Osten des Landes, vor allem in Siebenbürgen, häufig noch in Rohsilberbarren zahlte und rechnete, hatte sich bis zum Beginn der Sigismundzeit bereits überall die Geldwirtschaft durchgesetzt. Unter den Königen Otto und Wenzel, sowie anfangs auch noch unter Karl I., hielt man an den Traditionen des arpadenzeitlichen Münzprägens fest. Geprägt wurden zweierlei Silbermünzen: der Denar und der Halbdenar (Obolus). Auch viel ausländisches Geld war im Land in Umlauf; der böhmische Groschen verbreitete sich besonders in den zwanziger Jahren.

Vermutlich 1325 ließ Karl I. damit beginnen, Goldmünzen nach florentinischem Muster zu prägen. Das waren in Ungarn seit Stephan dem Heiligen die ersten Goldprägungen, deren Gewicht und Münzfuß jahrhundertelang unverändert blieben. Goldmünzen wurden meist zu Hause gehortet, im alltäglichen Verkehr verwendete man das Silbergeld. Karl I. brachte erstenmals auch böhmische Silbergroschen in Umlauf, die sich jedoch nicht zur ständigen Währung entwickelten. Nach 1369 prägte man in Ungarn rund einhundert Jahre ausschließlich Denare bzw. kleinere Münzen, die nur Bruchteile des Denarwerts besaßen und im Volksmund verschiedene Namen hatten. Zur Zeit Karls I. erschienen auf den Münzen dann die auf den Ort der Emission und den Kammerbeamten hindeutenden Prägezeichen.

Im Jahr 1336 hob Karl I. den jährlichen Zwangsumtausch des Geldes in den Provinzen auf. Die daraus stammende Einnahme, der Nutzen der Kammer, verwandelte sich in eine alljährlich an den König abzuführende Steuer. Sie wurde pro Tor für jedes Leibeigenengrundstück erhoben, unabhängig von der Größe der Bauernwirtschaft und ihren Erträgen. Zuerst zog man unter diesem Titel drei Groschen, später einen Fünftelforint ein. Befreit waren von dieser Steuer der Adel, die Dienstleute, Kirchenmänner, Städte und ehemaligen Truchsesse. In den Städten geschah der Zwangsumtausch noch eine zeitlang in hergebrachter Weise, doch 1338 wurde er gänzlich abgeschafft. Man begann, unbefristet gültige Denare zu prägen, und verbot die Benutzung ausländischer Münzen.

Diese Maßnahmen waren nicht von Dauer. Ludwig I. setzte den Zwangsumtausch wieder ein, zur Degradation der Denare kam es jedoch erst in den letzten Jahren seiner Herrschaft. 1390 führte Sigismund eine große Geldreform durch: Er ließ neue, gute Denare prägen, von denen 100 Münzen den Wert eines Gulden hatten. Nach 1403 trat wiederum eine Verschlechterung ein, der 1427 eine erneute Geldreform folgte. Seit 1255 gab es im Banat Slawonien ebenfalls eine Münzstätte, die bis zum Jahr 1384 neben der zentralisierten königlichen Münzprägung bestand. Auch die Stadt Ofen prägte zwischen 1311 und 1355 eigenes Geld. In beiden Fällen wurden Denare geprägt, und beide Emissionsorte brachten ihre Münzen grundsätzlich mit königlicher Vollmacht in Umlauf.

Steuern

Beim Nutzen der Kammer handelte es sich, mit dem später gebräuchlichen Ausdruck, um eine ordentliche Steuer, während die Kriegssteuer eine außerordentliche Steuer war, die man nur gelegentlich einzog. In Slawonien sowie den Komitaten Pozsega und Valko mußte die Marderfellsteuer - Marturina genannt -, gezahlt werden, damals bereits in Bargeld. Von den Städten, den Juden, den Siebenbürger Sachsen, Rumänen, Kumanen und Szeklern wurden Sondersteuern erhoben. Blieben Bischofsstühle lange Zeit unbesetzt, floß der den Bischöfen zustehende Anteil der Kircheneinkünfte in die Schatzkammer, was zwar nicht als Steuer zählte, die Einnahmen der Kammer aber vermehrte.

Handwerk, Handel

Viele Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs stellten die Bauernwirtschaften selbst her, alle übrigen die Handwerker des Dorfes: Schmiede, Stellmacher, Kürschner, Schuster. In den Städten gab es bereits spezialisierte Handwerkszweige. In Ödenburg waren im Jahr 1379 11% und in den Jahren 1424-27 20,5% der Einwohnerschaft Handwerker. Damals wurden in Ungarn die ersten Zünfte gegründet. 1411 wollte König Sigismund alle Barchentweber des Landes in Kaschau ansiedeln, denen er Vergünstigungen gewährte. In Bártfa schütze ein königliches Privileg die Leinenbleicherei.

Ein Großteil des Binnenhandels wurde auf den Märkten abgewickelt. Das Landesmarktrecht erlangte man in Verbindung mit einem königlichen Privileg. Bei Wochenmärkten konnte der über dieses Recht verfügende Ort an einem bestimmten Tag der Woche Markt abhalten, wobei im Umkreis von einer Tagesreise am selben Tag kein Markt stattfinden durfte. Bedeutendere Städte hatten zwei Markttage in der Woche. Seltener war die Vergabe des Jahrmarktrechts; Jahrmärkte hielt man im allgemeinen am Festtag des Schutzheiligen der Kirche der Siedlung ab.

Im Bereich der Industrieartikel war Ungarn auf Importe angewiesen. Aus dem Westen wurden Tuche und Eisenwaren eingeführt, während man von hier - allen Verboten zum Trotz teilweise ungeprägt - Edelmetalle und lebende Tiere ins Ausland lieferte. Wichtigste Außenhandelspartner Ungarns waren die süddeutschen Städte. Außer den Landwegen nutzte man damals zwischen Ofen und der Westgrenze in immer stärkerem Maße auch schon die Donauschiffahrt.

ALLTAGSLEBEN

Die Männer- und Frauentracht

Bilderchronik: östliche und westliche Mode

Unversehrte Kleidungsstücke aus dem 14.-15. Jahrhundert sind in Ungarn nicht erhalten geblieben, so daß wir unsere Kenntnisse darüber aus Schriftquellen (Testamenten, Inventarverzeichnissen) und von zeitgenössischen Darstellungen beziehen. Angaben zur Geschichte der Tracht können neben Wandgemälden, Tafelbildern, Skulpturen und Miniaturen in Kodizi unter anderem die zur Beglaubigung von Urkunden dienenden Siegel, ja sogar Grabsteine beisteuern. Allerdings lassen sich mittelalterliche Darstellungen nur vorbehaltlich als kunsthistorische Dokumente heranziehen, denn bei einem Teil der Trachten handelt es sich um seit der Antiquitätenepoche abgebildete "zeitlose" Kleider, bei einem anderen Teil um Nachahmungen von als Muster dienenden Kunstwerken, während die auf den Darstellungen sichtbaren Abzeichen oder Gegenstände oft symbolische Bedeutung haben.

Das Titelbild der in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts entstandenen Bilderchronik (illustriertes Geschichtswerk) stellt König Ludwig den Großen dar. Der auf seinem Thron sitzende Monarch trägt ein gestreiftes Gewand und einen hermelingefütterten Umhang. Unter seinem Gefolge lassen sich anhand der Bekleidung zwei Gruppen absondern: Rechts von ihm stehen nach westlicher Mode gekleidete, gepanzerte Ritter mit Schwert und Schild, zu seiner linken orientalische Kleidung tragende Männer in langen, kaftanartigen Gewändern, die mit Pfeil, Bogen und Säbel ausgerüstet sind. Diese Duplizität war bis zum Ende des behandelten Zeitraums typisch für die ungarländische Bekleidung. Von der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts an ist neben der westlichen Mode die Verbreitung der kumanischen, ab dem 15. Jahrhundert der benachbarten balkanischen und dann in immer stärkerem Maße der türkischen Tracht zu beobachten.

Die westliche Tracht

In den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts bestand noch immer die frühere Mode, mehrere aus demselben Stoff genähte, aber farblich verschiedene, weite Gewänder übereinander zu tragen und diese mit einem Gürtel zusammenzufassen. Auf dem 1317 entstandenen Wandgemälde der Kirche von Szepeshely ist auch der Waffenträger Karls I., Thomas Semsei, Kommandant der Zipser Burg, in solch einem Anzug zu sehen. Die große Wende in der europäischen Mode kam mit den 1340er Jahren, in Ungarn erst etwas später. Von dieser Zeit an folgte die Oberbekleidung mehr und mehr den Körperformen, wurde enger und kürzer.

Auf den Miniaturen der Bilderchronik ist die neue Tracht - die in Ungarn zuerst am Hofe erschien, wo man sich an der Kleidung der westlichen Aristokratie orientierte - gut zu beobachten. Als Unterwäsche diente den Männern eine badehoseartige, kurze Unterhose, Berhe genannt. Mann kann sie auf Bildern mit Darstellungen sich kasteiender Flagellanten sehen. Die Berhe wurde von einer um die Taille gebundenen Schnur gehalten, an der die als Beinkleider verwendeten farbigen Strümpfe (mit anderen Worten die Hose, beide Wörter bedeuteten damals noch das gleiche) befestigt waren. In solchen Strumpfhosen - so hat es die Bilderchronik bildlich überliefert - schleppte man bei der Belagerung von Krakau das Erdreich heran.

Das als Unterwäsche am Oberkörper getragene Hemd verbreitete sich erst ab Anfang des 15. Jahrhunderts. Es ist z.B. auf dem Wappenbrief von Kistárkány zu sehen, den König Sigismund ausstellte: ein weites, fast bis zum Knie reichendes, an Hals und Ärmeln geschlossenes Leinenhemd. Im 14. Jahrhundert trug man die farbige Tunika mit engen Ärmeln noch ohne irgendwelche Unterbekleidung. Die Tunika reichte etwa bis ans Knie, schmiegte sich bis zur Taille eng an den Körper und wurde von da an weiter. Zum Verschließen des auf den Körper zugeschnittenen Gewandes dienten Knöpfe, Schnüre oder Riemen.

Der Panzer wurde über die Tunika gestreift, das Kettenhemd war etwas kürzer als die Tunika. Das im 12.-14. Jahrhundert über dem Panzer getragene weite, an der Taille von einem Gürtel umschlossene Waffenhemd kam zu Beginn des 14. Jahrhunderts aus der Mode. Eine der letzten Darstellungen dieses Kleidungsstücks ist auf einem 1317 geschaffenen Wandgemälde über den hl. Ladislaus in Kakaslomnic zu finden. An seine Stelle traten ein bis zur Mitte der Oberschenkel reichender oder knielanger Umhang mit Kapuze, ein straff sitzender Waffenmantel oder ein aus Leder gefertigter, unten durch Einschnitte verzierter - besser gesagt bequemer gemachter -, enger Lendenrock. Der Gürtel verlor seine Funktion, wurde nicht mehr um die Taille sondern auf der Hüfte getragen, und diente in erster Linie zur Zierde.

Ein Kleidungsstück für besondere Anlässe war der Mantel, den man - wie Ludwig I. auf dem Titelblatt der Bilderchronik - über der Tunika trug. Dieser Mantel wurde häufig bestickt, mit Spitzen und Silberagraffen geschmückt, und sehr beliebt war auch das aus mehreren Farben zusammengestellte oder eventuell aus verschiedenfarbigen Streifen gefertigte Oberkleid. Um den Witterungsverhältnissen gerecht zu werden bzw. der Repräsentation zuliebe legte man über den Mantel noch einen mit Edelpelz gefütterten Umhang. Nach der Mode richteten sich in erster Linie die Vornehmsten, und unter diesen wiederum vor allem die Jüngeren, denn die ältere Generation hielt weiterhin an den knöchellangen Oberkleidern fest.

Ende des 14. - Anfang des 15. Jahrhunderts kam es zu einem Wandel in der Männermode, der an den Gestalten des Budaer Skulpturenfundes gut zu verfolgen ist. Als Oberkleid über den sich damals verbreitenden Hemden trug man eine ab Mitte des Jahrhunderts Dolman genannte, bis zur Taille enge Tunika mit geschlitzten Ärmeln, die unterhalb des Gürtels weit und gefältelt war. Zur vornehmen Tracht gehörte weiters ein über dem Dolman oder Hemd angelegter, an der Seite häufig geschlitzter Umhang oder Rock aus Samt bzw. Brokat, den ein Pelzkragen und -saum zierten. Bestandteile der alltäglichen Kleidung waren auch die mit Federn oder Pelz dekorierten Kopfbedeckungen, Hüte oder Mützen.

Die auch die Füße bedeckenden Strumpfhosen hatten als Schutz gegen Abnutzung Ledersohlen, an denen man häufig noch eine dickere Leder- oder Holzsohle anbrachte. Daneben trugen die Vornehmen auch kurze, stiefelartige, an den Knöcheln geschnürte Schuhe aus weichem Handschuhleder, die mitunter durch Einschnitte in Form eines Spitzenmusters verziert wurden. Dies war keine haltbare Fußbekleidung, weshalb man davon, ähnlich wie bei den Handschuhen, immer gleich mehrere Paar erwarb. Dessen ungeachtet kam bei verschiedenen Grabungen doch Schuhwerk in relativ unsersehrtem, durchaus rekonstruierbarem Zustand ans Licht. Ein wilder Trieb der Schuhmode waren die im 14. Jahrhundert verbreiteten sog. Rüsselschuhe. Die das Gehen erschwerende, unsinnig lange Spitze der Schuhe wurde versteift oder hochgebunden. In Ungarn fand diese Mode jedoch kaum Anhänger.

Die östliche Kleidung

Die typische Bekleidung der Kumanen bestand aus einem langen Rock oder Kaftan, einer hohen, spitzen Mütze sowie Stiefeln mit weicher Sohle. Der aus Innerasien stammende Kaftan wurde an der Seite geschlossen und ähnlich wie die langen Röcke fernöstlichen Ursprungs (beispielsweise der Gestalten auf dem Titelblatt der Bilderchronik) häufig aus feinem Seidenstoff angefertigt. Ein wichtiges Element der Tracht war der Waffengürtel, den man - wie die erhalten gebliebenen Exemplare bezeugen - interessanterweise hauptsächlich mit abendländischen Motiven verzierte. Die kumanischen Männer trugen abweichend von den christlichen Bräuchen keinen Backenbart, sondern einen dünngezwirbelten Schnurrbart. Ihren Kopf schoren sie vorn kahl, und das am Hinterkopf verbleibende Haar flochten sie zu Zöpfen.

Der Panzer

Den Körper der Krieger schützte ein Ketten- oder Blechpanzer, zwischen diesen beiden Grundtypen existierten aber auch Übergangstypen. Für den Kettenpanzer fertigte man aus flachgehämmerten Drähten Ringe an und lötete diese zu einem langärmeligen Hemd zusammen. An den gefährdetsten Körperstellen wurde er meist noch mit zusätzlichen Schutzblechen besetzt. Der Schuppenpanzer entstand aus schuppenartig aneinander gehefeten Metallplättchen, und die ebenfalls beliebte Brigantine war ein mit Eisenblechen gefüttertes Lederhemd. Die leichte Reiterei, vor allem bei den Kumanen, trug einen aus mehren Schichten übereinander gelegten Lederpanzer.

Vom 14. Jahrhundert an entwickelte sich aus den bestimmte Teile des Kettenhemdes verstärkenden Eisenblechen der Blechpanzer, der nach und nach immer größere Körperflächen bedeckte, und bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts waren die Ritter dann von Kopf bis Fuß in Eisen gekleidet. Eine vollständiger Panzerrüstung wog 20-25 kg. Sie bestand aus separaten Brust-, Rücken-, Arm- und Beinpanzern, die mit Riemen befestigt wurden. Als Schutz der Hände trug man Panzerhandschuhe und an den Füßen Panzerstiefel. Die Anschaffung einer solchen Rüstung, die den Wert mehrerer Dörfer hatte, konnte sich nur eine enge Schicht, ein kleiner Teil des Adels, leisten.

Zum Schutz des Kopfes waren mehrere Helmtypen in Gebrauch. Mit Beginn des 14. Jahrhunderts kam der flache, zylindrische Kessel- oder Topfhelm langsam aus der Mode und wurde bald gar nicht mehr benutzt. An seiner Stelle übernahm man den oben kegelförmigen Helm, der einem gegnerischen Schlag weniger Angriffsfläche bot. Die Grundvariante bestand aus einem einfachen konischen oder glockenförmigen, leichten Helm, der sich in einem daran befestigten Kettenharnisch als Schutz für Hals und Schultern fortsetze, wobei das Gesicht aber unbedeckt blieb. Wesentlich mehr Sicherheit boten der vollständig geschlossene Eimerhelm bzw. der von der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts an verwendete Helm mit Visier; hier schützte das Gesicht ein an den Helm genietetes, durchbrochenes Visier, das man öffnen konnte.

Zu erkennen waren die in geschlossener Rüstung kämpfenden Ritter an ihrem auf den Schild gemalten Wappen und dem Helmschmuck. Die frühesten Wappenverleihungen in Ungarn bestanden eigentlich in Helmschmuckschenkungen, hinter denen die Darstellungen an Schilden häufig noch zurückstanden. Auf dem Siegel des Landesrichters Thomas Szécséni beispielsweise ist der Helmschmuck - ein aus dem Helm herauswachsender, bekrönter Löwe - gut auszumachen, der Schild allerdings fehlt. Helmschmuck der Anjoukönige war ein auf ein Hufeisen beißender, bekrönter Vogel Strauß. Diese Darstellung blieb an zahlreichen zeitgenössischen Denkmälern erhalten. Einen Wendepunkt im ungarischen Wappengebrauch bedeutete das Konstanzer Konzil. Der ungarische Adel hatte bei seinen Auslandsreisen den Wappengebrauch des Westens kennengelernt, und viele erbaten sich nun von König Sigismund ein Wappen.

Waffen

Wichtigste Angriffswaffe war das Schwert. Es gab zwei Grundtypen, die in Ungarn beide benutzt wurden. Das gerade, zweischneidige Schwert westlichen Typs war die Waffe der schweren Reiterei, während man den gekrümmten Säbel mit zum Ende hin verbreiterter Klinge bei der leichten Reiterei einsetzte. Letztgenannten bildete man auf zeitgenössischen Darstellungen als typischen Bestandteil der östlichen Tracht ab. Als Ergänzung zum Schwert dienten im Nahkampf Dolche und Kampfmesser. Die am weitesten verbreitete Hieb- und Brechwaffe im behandelten Zeitalter war der Streitkolben. Sein hauptsächlich aus Bronze gegossener Kopf hatte unterschiedliche Formen, am häufigsten gab es den Typ des Morgensterns.

Zu den Hiebwaffen gehörten ferner die in mannigfaltiger Größe und Form hergestellten Streitäxte bzw. Äxte. Am häufigsten findet man in der ungarischen Kunst die auf den verschiedenen Darstellungen von Ladislaus dem Heiligen zu sehende Axt. Man betrachtete sie auch als Attribut des Ritterkönigs bzw. als ein Symbol, das dem Betrachter behilflich war, ihn zu erkennen. Im übrigen läßt sich auf den Wandgemälden der Legende über den hl. Ladislaus die vollständige zeitgenössische Bewaffnung identifizieren: Der kampfbereite König und sein Gefolge preschen mit gesenkten Lanzen auf die mit gespannten Bögen nahenden feindlichen Kumanen zu. Größe und Form der Lanzen oder Speere richteten sich danach, wem sie als Waffe dienen sollten (z.B. einem zu Fuß kämpfenden Krieger oder einem Reiter).

Unter den im Fernkampf benutzten Angriffswaffen kam dem Bogen bzw. dessen weiterentwickelter Variante, der Armbrust, die größte Bedeutung zu. Der Bogen genoß in erster Linie bei den leicht berittenen Kumanen hohes Ansehen. Ähnlich wie der Säbel zählte auch er auf zeitgenössischen Darstellungen als Bestandteil der orientalischen Tracht. Doch seine Anwendung war nicht ausschließlich auf dieses Ethnikum beschränkt. Die auf Wandgemälden oder Miniaturen in aufgespanntem Zustand sichtbaren Bögen gehören zu ein und demselben Typ, es waren sog. Reflexbögen. Zur Aufbewahrung der Pfeile dienten Köcher bzw. die den Bogen schützenden Bogenköcher. Einzelne zeitgenössische Wandmalereien haben diese Hilfswaffen so exakt festgehalten, daß dadurch ihre Rekonstruktion möglich wurde.

Frauentracht

Der Wandel der Mode im 14. Jahrhundert veränderte auch die Frauentracht. Wichtigstes Element der neuen Mode war die Betonung der Figur. Anstelle der für frühere Jahrhunderte typischen geschlossenen, die Körperform verbergenden Kleider trug die modebewußte Frau ab der Mitte des Jahrhunderts ein bis zur Taille eng anliegendes, tief ausgeschnittenes, von der Taille oder Hüfte an weiter werdendes Kleid mit engen Ärmeln. Da diese Kleider bereits auf die Gestalt ihrer Trägerin zugeschnitten werden mußten, bedeutete das 14. Jahrhundert auch einen Wendepunkt im Schneiderhandwerk. Das Kleid oder der Rock (die beiden Begriffe waren damals noch identisch) wurden einteilig zugeschnitten, mit hoher, unterhalb des Busens ansetzender Taille und einem weiten, faltenreichen Rock.

Anfang des 15. Jahrhunderts kamen anstelle der bis dahin engen weite Kleiderärmel in Mode, die man oftmals wie Spitze zackenartig einschnitt, so daß an den Einschnitten das unter dem Kleid getragene Hemd hervorlugte. Auch der tiefe Halsausschnitt des Kleides wurde so gearbeitet, daß das häufig reich bestickte Hemd zu sehen war. Über dem Kleid legte man gegen die Kälte einen am Hals mit einer Schnalle oder Agraffe verschlossenen Umhang an. Den Saum des Umhangs und mitunter sogar des Kleides zierte Pelzbesatz. Als Kopfbedeckung trugen die Frauen - mit Ausnahme der unverheirateten Mädchen - Schleier oder Hauben, deren Form und Material sehr mannigfaltig waren. Die übertriebensten Auswüchse der westlichen Mode erschienen in Ungarn jedoch nicht.

Die neuste Mode wurde natürlich in erster Linie von den Mädchen und Frauen der Aristokratie getragen. In der Garderobe der Vertreterinnen des mittleren Adels und der Bürgerschaft erschienen diese Stücke oft erst Jahrzehnte später, und auch dann nur in einer weniger anspruchsvollen Ausführung. Das Material der Kleidungsstücke war - sowohl bei Frauen als auch Männern - ein genauer Gradmesser der gesellschaftlichen Position. Da man für Goldbrokatstoffe, Seide und Samt hohe Preise zahlen mußte, konnten es sich nur die Mitglieder der vornehmsten und reichsten Familien leisten, solche Stoffe zu tragen. Die Tuche gehörten ebenfalls zu den Importartikeln. Ihr Preis differierte je nach Herkunftsort und Qualität, so daß jeder die seinem Vermögen und seiner Stellung entsprechende Auswahl treffen konnte.

Schmuck

Schmuck spielte im Mittelalter in zweierlei Hinsicht eine Rolle: Einerseits hielt man ihn neben der Kleidung für das wichtigste Mittel der Repräsentation. Zum anderen sah man darin (neben Ziergefäßen) eine der naheliegendsten Art und Weisen, Werte bzw. Schätze anzuhäufen, die sich im Notfall leicht mobilisieren ließen. Ein Teil der Schmuckgegenstände diente zum Verschließen von Kleidungsstücken oder wurde als Zierde auf den Kleiderstoff genäht. Das waren z. B. die Verschlußspangen der Umhänge, die dekorativen Knöpfe an Kleidern, und nicht zu vergessen den für dieses Zeitalter typischen Gewandschmuck wie Metallknöpfe, Rosetten, Figuren sowie heraldische Motive. Bei Ausgrabungen kamen neben Originalstücken auch die zu ihrer Fertigung verwendeten Prägestöcke ans Licht.

Die wichtigste Ergänzung der Tracht war der Gürtel, dessen modische Variante in diesem Zeitalter um die Hüfte getragen wurde. Prunkvollere Stücke fertigte man aus Metallfäden und schmückte sie mit Gold- oder Silberblechen. Solche Gürtel sind auf den Darstellungen der Bilderchronik ebenso zu sehen wie an den weltlichen Gestalten des Skulpturenfundes aus der Budaer Burg. Gürtel gehörten als wesentlicher Bestandteil nicht nur der westlichen, sondern auch der östlichen Tracht genauso zur Bekleidung von Frauen wie von Männern. Auch goldene Ketten und Fingerringe trugen beide Geschlechter. An den Halsketten hingen Kreuze, eventuell Reliquienbehälter oder Standesabzeichen, die mitunter ein ganzes Vermögen wert waren.

Den wertvollsten Schmuck trug man am Königshof, allerdings sind diese Gegenstände nicht erhalten geblieben. Wie aus den Schriftquellen hervorgeht, wurde Karl I. mit einer goldenen Krone auf seinem Haupt und mit edelsteinbesetzten Schuhen mit Goldsporen an den Füßen beigesetzt. Die drei als Abbild des Königs am Trauerzug teilnehmenden Ritter zierte seine mit den militärischen Rangabzeichen geschmückte goldene Krone, sowohl die Reiter als auch ihre Pferde waren von Perlen und Edelsteinen übersät, und das Pferdegeschirr bestand aus vergoldetem Silber. Königin Elisabet, die Witwe Karls I., hinterließ ihren Enkelinnen in ihrem Testament je eine goldene Krone, aber auch den Klarissen in Altofen vermachte sie edelstein- und perlenbesetzte Kronen.

Die im Wardeiner Grab König Sigismunds gefundene Lilienkrone war im 14. Jahrhundert ursprünglich als Reliquienkrone (also nicht zum Tragen) entstanden. Die im wechselnden Rhythmus der Farben zusammengestellten silbervergoldeten Lilien zieren Edelsteine und Perlen. Im Auftrag des Hofes wurden auch die prächtigen Umhangschnallen angefertigt, die Ludwig I. der ungarischen Kapelle in Aachen zum Geschenk machte. Auf diesen sibervergoldeten, emaillierten Pluvialeschnallen (zwei größere und vier kleinere, die das Pluviale vorn in der Mitte bzw. an den Schultern verschlossen) ist das Wappen Ludwigs des Großen abgebildet. Die interessante Gestaltung der beiden größeren Stücke deutet auf architektonische Vorbilder.

Zur Ergänzung des sich anhand der Schriftquellen bzw. zeitgenössischen Darstellungen abzeichnenden Bildes tragen auch die in Ungarn zum Vorschein gelangten Hortfunde bei. Der Fund von Kelebia, dessen Eigentümerin die Gattin des Matschower Bans Paul gewesen ist, bestand aus 97 Stücken, darunter neben Umhangspange, Ohrgehänge, Armring und Fingerringen auch Knöpfe, Zierbleche und -scheiben. Der ebenfalls aus dem 14. Jahrhundert stammende Schatz von Körmend enthielt Knöpfe, Siegelringe, die Gewandbeschläge von Kiskunhalas sowie Rosetten. Diese Schmuckgegenstände hatten einheimische Goldschmiede hergestellt, und wie die Ähnlichkeit der Funde bzw. die erhalten gebliebenen Prägestöcke bezeugen, sogar in ziemlich großer Zahl.

Auch im Falle der Hortfunde sind es die Gürtel bzw. Gürtelbeschläge, die besonderen Wert besitzen. Aus dem kumanischen Siedlungsgebiet stammen der in Kígyóspuszta freigelegte, mit Abbildern kämpfender Ritter geschmückte Gürtel, den man Anfang des 14. Jahrhunderts umgearbeitet und durch Knöpfe mit lateinischen Inschriften - Gebete an die Heiligen - ergänzt hat, sowie der Gürtel mit Wappenschild von Felsõszentkirály, dessen Besitzer um 1350 verstarb. Darüber hinaus kamen Prunkgürtel aus der Zeit Ende 14. - Anfang 15. Jahrhundert zum Vorschein: Auf dem Silberbeschlag der Gürtelschnalle von Nagytállya stellte der Goldschmied eine Dame bei der Falkenjagd dar, und den Gürtel von Kerepes ziert Blattornamentik.

Das 14.-15. Jahrhundert war in Europa die Zeit der Gründung weltlicher Ritterorden, und zu den Äußerlichkeiten gehörten natürlich die Ordensabzeichen. Über die Tätigkeit des ersten ungarischen Ritterordens, den von Karl I. gegründeten Orden des hl. Georg, wissen wir gar nichts, lediglich seine Gründungsurkunde blieb erhalten. Der von König Sigismund 1408 gegründete Drachenorden dagegen hat uns zahlreiche Denkmäler hinterlassen. Das Zeichen des Ordens, der zu einem Kreis gekrümmte Drache, wurde von den Mitgliedern entweder auf die Kleidung appliziert oder als Schmuck um den Hals bzw. auf einem über die Schulter geworfenen breiten Band getragen. Mit einem aus Gold gefertigten Drachen um den Hals hat man in Wardein auch Sigismund zur letzten Ruhe gebettet, das bei der Freilegung Ende des 18. Jahrhunderts zum Vorschein gelangte Ordenszeichen ging jedoch verloren.

Die Gegenstände des täglichen Lebens

Wohnungseinrichtung, Möbel

In den knapp 150 Jahren zwischen der Thronbesteigung Karls I. und dem Tode Sigismunds kam es auf dem Sektor der Wohnbedingungen zu bedeutenden Veränderungen. Die Ansprüche aller gesellschaftlichen Schichten waren gestiegen. Anfang des 14. Jahrhunderts bestand die Mehrzahl der Burgen aus nur einem Turm und einer Ringmauer, und in solche Türme schloß sich auch die führende Schicht der Städter ein. Doch zum Ende des 14. Jahrhunderts hatte sich das Bild sowohl der Burgen als auch der Städte wesentlich gewandelt: Innerhalb der Burgen erhoben sich Paläste und Kapellen, in den Städten standen bereits eingeschossige Bürgerhäuser, und zur gleichen Zeit begegnete man in den Dörfer mehr und mehr dem Typ des Wohnhauses mit drei Räumen.

Aus heutiger Sicht betrachtet waren diese Gebäude ziemlich kahl. In der Mehrzahl der Räume standen höchstens ein oder zwei Möbelstücke. Als wichtigstes Möbelstück zählte die Lade, die man in erster Linie zur Aufbewahrung benutzte, wurde doch vom Mehl bis zum Schmuckgegenstand alles in Laden verwahrt. Aber auch als Sitzgelegenheit oder Liegestatt dienten sie. Der früheste Typ war die aus einem Baumstamm geschnitzte, gegen Zerplatzen dicht mit Eisenbändern beschlagene trogartige Truhe - wie beispielsweise die im 14. Jahrhundert entstandene Lade von Szepesbéla. Eine wesentlich entwickeltere Technik erforderte das Zimmern von Laden (z.B. die aus der Hermannstädter Umgebung stammende Lade von Rosenthal), die in Ungarn jedoch erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erschienen und sich verbreiteten

Tische besaßen in diesem Zeitalter noch keinen großen Wert. Zur Essenszeit baute man aus Böcken und Platten provisorisch einen Tisch zusammen, und danach wurde die Tafel im wahrsten Sinne der Wortes wieder "aufgehoben". Bei Tisch saß man auf Hockern oder Bänken, Stühle galten auch im 15. Jahrhundert noch als seltener Luxusgegenstand. Wie zeitgenössische Darstellungen zeigen, war selbst der königliche Thron ein starres, eckiges und unbequemes Sitzmöbel. Auf einem ähnlichen, länglichen Podest ruhten die Betten, die man vom 14. Jahrhundert an auch mit Enden versah. Nach damaliger Sitte schliefen mehrere Leute zugleich in einem Bett, und zwar nackt. Im 15. Jahrhundert hatten auch die Leibeigenen schon Betten, obgleich sich die Männer - dem bis ins 20. Jahrhundert bestehenden Brauch gemäß - im allgemeinen bei ihren Tieren bzw. in den Ställen einen Platz zum Schlafen richteten.

Neben den einfachen Möbeln spielten die Bequemlichkeit und Behaglichkeit verbreitenden Teppiche bzw. Raum- und anderen Textilien eine wichtige Rolle. Einen hohen Wert verkörperten Federbetten und Kissen, die unerläßlicher Bestandteil der Aussteuer waren. Auch in den Haushalten der Leibeigenen gehörten sie dazu, denn Vermögens- und gesellschaftliche Unterschiede zeigten sich eher in ihrer Menge bzw. der Qualität ihres Materials. Teppiche fand man dagegen nur in den Wohnungen vermögender Adliger oder Bürger. Sie konnten vielseitig verwendet werden: zum Abdecken der Betten oder Truhen, als Zierde für Wände, und mitunter ersetzten sie als Raumteiler sogar eine Tür.

Steinfußböden in den Zimmern bzw. verglaste Fenster zählten langezeit als Luxusartikel und tauchten selbst bei den Wohlhabenderen erst im 15. Jahrhundert auf. Meist bezog man die Fenster mit getrockneten Rindermagenhäuten und schützte sich mit Holzläden gegen die winterliche Kälte. In den Dorfhäusern war der mittlere Raum die Küche mit offener Herdstelle, von wo aus auch der Ofen in der Stube geheizt wurde. Wesentlich problematischer gestaltete sich die Beheizung der Burgen und Stadthäuser. Die Mehrzahl der darin befindlichen Räume, so war es damals üblich, blieb im Winter unbeheizt. Eine der reichsten Aristokratenfamilien des Landes, die Familie Garai, besaß in Buda zwei wertvolle Anwesen. Doch nur in einem verschwindend geringen Teil der etwa fünfzig Zimmer gab es einen Kamin oder Ofen.

Mitte des 14. Jahrhunderts erschienen in den Burgen des Königs bzw. Hochadels sowie den Häusern der reichen Bürger die ersten prunkvollen Kachelöfen. Den Grundtyp bildete ein auf einem Steinsockel stehender, quadratischer Feuerraum, über welchem sich ein turmartiger, von einem Gesims abgeschlossener, aus mitunter gefäßförmigen Kacheln gesetzter Aufbau erhob. Die Mehrzahl der grünen, gelben oder braunen Ofenkacheln erhielt eine Bleiglasur, und dekoriert wurden sie mit Szenen aus dem Hof- und Ritterleben, mit Pflanzenmotiven, Tierfiguren oder geometrischen Formen. Zur Herstellung der meisten Kacheln verwendete man ein Holz- oder Tonmodel, doch bei den schönsten Exemplaren - nischenartig gestalteten, offenen Kacheln mit kleinen Skulpturen in den Nischen - dürfte es sich um handgeformte Einzelstücke gehandelt haben.

Gebrauchs- und Prunkgefäße

Die in den Haushalten zum Kochen oder Aufbewahren dienenden Gefäße waren damals überwiegend Tongefäße. Und obwohl die zur Arpadenzeit noch gebräuchlichen Tonkessel bis zum 14. Jahrhundert verschwanden, fertigte man die Mehrzahl der Gefäße noch immer so an, daß sie in der Küche auf das offene Herdfeuer gestellt werden konnten. Ein großer Teil der Keramiken kam aus hauseigenen Werkstätten. Die Funde belegen aber auch ein beständiges Erstarken des städtischen Töpferhandwerks. Darüber hinaus lassen sich unter den Funden territoriale Abweichungen beobachten: In der Umgebung von Buda dominiert die weiße, in den östlichen und südlichen Landesgebieten die dunklere Keramik, während für das Gebiet nahe der Westgrenze die auf höherem technischen Niveau hergestellte graue, und später dann die gelbe oder rote Keramik typisch ist.

Vom 15. Jahrhundert an machte sich der Einfluß der Importe aus dem Westen bemerkbar. Nun gingen auch die ungarischen Meister zur Fertigung gelber oder roter Keramiken, oftmals schon mit Bleiglasur, über. Töpfe stellten die Töpfer in Massen her, seit dem 13. Jahrhundert gab es dazu auch Deckel. Zur Aufbewahrung von Flüssigkeiten dienten Kannen, Krüge und Flaschen, für Speisen benutzte man Schüsseln und Schalen. Im 14. Jahrhundert tauchten eine neue Form der Tafelgefäße bzw. dessen größere Variante auf: Tonbecher und Kelch. Ab dem 15. Jahrhundert wurden diese Tonbecher in immer mannigfaltigeren Formen produziert; nahezu jede größere Stadt zog eine eigene, jeweils andere Becherfom vor.

Lange Zeit war das ungarische Handwerk nicht in der Lage, den Repräsentationsansprüchen des Königshofes, der Aristokratie und wohlhabenden Bürgerschaft zu genügen. Der verbreitetste Typ unter den importierten Prunkgefäßen waren die Becher mit Salzglasur aus dem mährischen Lostice, man benutzte aber auch österreichische und deutsche Keramik. Wer es sich leisten konnte, die teuren Glasbecher und -flaschen zu erwerben, wurde im 14. Jahrhundert von venezianischen Kaufleuten mit Glaswaren versorgt. Mit Anfang des 15. Jahrhunderts begann man auch in Ungarn, Glaswaren zu produzieren, zunächst wahrscheinlich aus Italien eingewanderte Glasbläser. Die Luxusgefäße jedoch wurden weiterhin eingeführt.

Neben der Kleidung und dem Schmuck dienten die Prunkgefäße als bester Gradmesser der Vermögenslage einer Familie. Da Glasgegenstände relativ selten waren und Zinngefäße erst ab dem Ende des 15. Jahrhunderts Verbreitung fanden, kamen in dieser Kategorie hauptsächlich silberne, sibervergoldete und mitunter goldene Gefäße auf die Festtafeln. Jene Fülle an Goldgefäßen, die sich im Testament des Palatins Wilhelm Druget widerspiegelt, gehörte selbstverständlich auch im Kreis der Aristokratie damals nicht zur Regel. Dennoch war jeder seinen Möglichkeiten entsprechend bestrebt, in den Besitz solcher Werte zu gelangen. Mit dem Hortfund von Körmend kam eine Reihe vergoldeter Silbergefäße ans Licht, und den Schatz von Kiskunhalas hatte man in einer ins Wasser gefallenen Silberschale verborgen.


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