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GESCHICHTE

DIE ANJOUZEIT
DIE SIGISMUNDZEIT



DIE ANJOUZEIT

Kampf um den Thron und die Alleinherrschaft

Mit Andreas III. starb das Geschlecht der Arpaden nur in männlicher Linie aus. Als erste unter den Nachkommen der weiblichen Linie erhoben die neapolitanischen Angeviner Anspruch auf die ungarische Krone. Sie hatten schon die Thronfolge Andreas III. nicht anerkannt. Im August des Jahres 1300 ging im dalmatinischen Spalato der zwölfjährige Caroberto an Land. Er war durch Maria, seine Großmutter väterlicherseits, ein Urenkel Stephans V. Im Inland standen ihm zunächst nur die Subitscher, Ugrin aus dem Geschlecht Csák sowie der streng papsttreue Graner Erzbischof Gregor von Bicske zur Seite. Doch seine ausländischen Anhänger waren einflußreicher als die seiner Konkurrenten: Der Papst als Lehnsherr des Königreichs Neapel gewährte ihm diplomatischen Beistand, seine Vettern mütterlicherseits, die Habsburger Herzöge, unterstützten ihn militärisch.

Als im Frühjahr 1301 die Nachricht kam, Andreas III. sei verstorben, brachte der Erzbischof Caroberto nach Gran und krönte ihn dort mit einer Gelegenheitskrone. Von da an rechnete der den Namen Karl annehmende König die Jahre seiner Herrschaftszeit; nach der putschartigen Krönung zog er sich zu seinen Anhängern in den Süden zurück. Die Mehrzahl der Adligen des Landes aber wählte den Sohn des der Dynastie der Pñemysliner entstammenden böhmischen Königs Wenzel II. - ebenfalls Wenzel genannt und ein Jahr jünger als Karl - zum König, der durch seine Urgroßmutter Anna ein Ururenkel Bélas IV. war; nach der Krönung herrschte er unter dem Namen Ladislaus. Der ungarische Gesandte von Papst Bonifatius VIII. brachte einen Teil der Anhänger Wenzels dazu, sich auf die Seite Karls zu stellen, welcher 1302 erfolglos Ofen belagerte. Daraufhin ließen die zur Wenzel-Partei gehörenden und unter kirchlichem Interdikt stehenden Ofner Bürger von ihrem eigenen Priester den Papst exkommunizieren.

Als kirchlicher Richter im Streit der beiden Könige sprach Bonifatius VIII. das Königreich Karl zu, während er Wenzel verbot, den Titel König von Ungarn zu benutzen. Wenzel II. brachte seinen Sohn zusammen mit den Krönungsinsignien nach Böhmen zurück, die ungarischen und kumanischen Heere Karls I. unternahmen gemeinsam mit österreichischen und Truppen des Deutschen Reiches einen erfolglosen Feldzug gegen ihn. Nach dem Tod seines Vaters wurde Wenzel 1305 König von Böhmen. Er verzichtete auf den ungarischen Königstitel und übertrug ihn zusammen mit der Krone dem bayerischen Herzog Otto.

Herzog Otto aus dem Hause der Wittelsbacher - durch seine Mutter Elisabet ein Enkel Bélas IV. - war im Gegensatz zu dem jungen Karl und Wenzel 1305 bereits 44 Jahre alt. Da die meisten Bischöfe Karl anerkannten, standen nur ein Teil der Barone und die Siebenbürger Sachsen auf seiner Seite. Nachdem ihn die Bischöfe von Veszprém und Csanád mit der aus Böhmen heimgeholten hl. Krone gekrönt hatten, schlossen die gegnerischen Parteien einen einjährigen Waffenstillstand. Ottos Herrschaft brach im Sommer 1307 zusammen, als ihn der Woiwode Ladislaus Kán in Siebenbürgen ergreifen ließ und ihm die hl. Krone abnahm. Nach kurzer Gefangenschaft konnte er über Rußland in seine Heimat nach Niederbayern zurückkehren, wo er den ungarischen Königstitel bis an sein Lebensende trug.

Die Anhänger Karls nahmen Ofen mittels einer List ein, und so gelangte die Mitte des Landes unter die Herrschaft des Anjoukönigs. Anläßlich des Landtages, der im Oktober 1307 auf dem Rákosfeld bei Pest stattfand, wurde Karl vom größeren Teil der Barone, dem Klerus und den Vertretern des Mitteladels zum König ausgerufen. 1308 traf Kardinal Gentilis, der Gesandte des Papstes, in Ungarn ein. Er suchte zunächst, die Anerkennung der Herrschaft Karls auf dem Wege der Übereinkunft zu erreichen, wenn dies nicht gelang, griff er zum Mittel des Kirchenbanns. Da sich die zur rechtmäßigen Krönung erforderliche hl. Krone bei Ladislaus Kán befand, krönte man Karl im Jahr 1309 mit einer vom Kardinal geweihten Krone ein zweitesmal, und 1310 wurde er mit der zurückerlangten hl. Krone zum drittenmal und endgültig gekrönt.

Die Tätigkeit des Kardinals blieb indes erfolglos, denn die Herrschaft Karls erstreckte sich weiter nur auf die mittlere Region des Landes. Träger der wichtigsten Ämter waren die Barone, von deren gutem Willen die königliche Macht abhing. Mit dem mächtigsten unter ihnen, Matthäus Csák, mußte die erste Fehde ausgetragen werden, doch bald verlagerte sich der Hauptkriegsschauplatz nach Nordosten. Den Herrscher dieser Gegend, Palatin Amadeus Aba - der seine Macht auch auf die Stadt Kaschau ausdehnen wollte -, hatten die Kaschauer 1311 ermordet. Der Konflikt zwischen den von Matthäus Csák unterstützten Söhnen des Amadeus und der Stadt führte im folgenden Jahr zum offenen Zusammenstoß. Aus der Schlacht bei Rozgony nahe Kaschau ging das Heer des Königs als Sieger hervor.

Die Macht der Barone gründete auf ihrem Privatvermögen, das jedoch der Einfluß und die Einkünfte, die mit der Ausübung der erlangten Ämter - in der Landesverwaltung und als Komitatsgespane - verbunden waren, bei weitem überflügelten. Sie besetzten die in ihrem Gebiet befindlichen Krongüter, die Jurisdiktion lag in ihrer Hand und die in ihrer Umgebung lebenden Adligen dienten ihnen als Familiares. Ihren Amtstitel trugen sie auch dann noch, wenn der König das Amt längst anderweitig besetzt hatte. In der Mehrzahl gehörten sie alten, vornehmen Geschlechtern an, die Macht übte jedoch nur ein enger Kreis der Familie aus. Häufig kam es auch vor, daß die Mitglieder ein und desselben Geschlechts auf verschiedenen Seiten standen.

Im Jahr 1314 verweigerte ein Großteil der Provinzherren dem zum Feldzug gegen Matthäus Csák aufrufenden König den Gehorsam. Karl erklärte sie für treulos und enthob sie ihrer Ämter, die er mit seinen Anhängern neubesetzte. 1315 verlegte er seine Residenz von Ofen nach Temesvár, das er für sicherer hielt, und lenkte von hier aus den mehrere Jahre dauernden Krieg gegen die Barone. Karl rechnete einzeln mit den Rebellen ab, da sie sich nur in den seltensten Fällen zusammenschlossen. Das Verfahren war folgendes: Einnahme der Burg des Gegners, Unterwerfung seiner Anhänger, Konfiszierung seiner Güter und schließlich Ernennung neuer Würdenträger. Zu einer offenen Schlacht kam es nur selten.

Das entscheidende Jahr war 1317, als die königlichen Heere an mehreren Fronten gleichzeitig kämpften. Am längsten hielt sich der Widerstand in Siebenbürgen, doch 1321 wurden die Kämpfe auch dort beendet. Im gleichen Jahr starb Matthäus Csák. Gegen ihn war der König bis dahin kaum erfolgreich gewesen, doch nun konnte er dessen Provinz innerhalb weniger Monate erobern. Auch in Slawonien und Dalmatien gelang es ihm, vorübergehend Ordnung zu schaffen, und in Kroatien die Subitscher zu entmachten. 1323 war die Wiedervereinigung des Landes abgeschlossen. Der König zog in die Mitte des Landes zurück, wo er seine Hofhaltung in Visegrád (Plintenburg) einrichtete.

Die Konsolidierung unter Karl

Das neue Regierungssystem war streng zentralisiert, alle Angelegenheiten des Landes erledigte man am Königshof. Der Hof bestand aus den Baronen und denjenigen Adelsvertretern, die gerade kein Amt innehatten, die man aber in den Prozeß der politischen Entscheidungsfindung einbezog. Zum Ende der Herrschaftszeit Karls wurden Grundstücksangelegenheiten lediglich von den zentralen Gerichten, den Kurien, bzw. den sog. Gerichtshöfen des achten Tages oder den für mehrere Komitate zusammentretenden Landgerichtstagen verhandelt.

Landtage berief Karl nur in der ersten Zeit seiner Herrschaft ein. Später wurde im Kronrat, also unter Mitwirkung der Kleriker und Barone, über politische Fragen entschieden. In mehreren Schritten reformierte der König die Kanzlei und Finanzverwaltung. Damals tauchte in Ungarn erstmals das Amt des Fiskals auf. Im Gegensatz zu westlichen Ländern hatte im Königreich Ungarn schon immer die königliche Macht überwogen, so daß Karl sich bei seinen Neuerungen auf seine Vorgänger berufen konnte. Die Angeviner sahen sich als Nachfahren der Arpaden, was beispielsweise auch in ihrem Wappengebrauch zum Ausdruck kam. Das Territorium des Landes befand sich zum größeren Teil im Besitz des Königs. Diese Besitzungen übertrug er, verbunden mit einem Amt (honor), seinen Anhängern, die dort lebten und sie für ihn verwalteten.

Das Übergewicht der Krongüter blieb während der ganzen Anjouzeit kennzeichnend, selbst ein Gutteil der Bergwerke und Städte befand sich in der Hand des Königs bzw. der Königin. Karl und Ludwig der Große geizten mit Schenkungen von Erbgütern. Die Inhaber der Ämter waren - ausgenommen die neapolitanischen Drugeter - Mitglieder von Familien ungarischer Herkunft, in der Mehrzahl entstammten sie alten Adelsgeschlechtern. Solche Neuerungen Karls wie der Blutbann oder die Präfektion dienten ebenso den Interessen des königstreuen Hofadels wie die von Ludwig I. eingeführten Neuschenkungen. Doch Karl wußte seine absolutistische Macht auch seinen anfänglich wichtigsten Befürwortern, den Bischöfen, gegenüber geltend zu machen. Er ernannte sie persönlich, mitunter sogar noch zu Lebzeiten ihrer Vorgänger.

Das Banat Matschow hatte Karl noch zur Zeit der um die Wiedervereinigung geführten Kämpfe von den serbischen Herrschern zurückerobert. An seine Spitze stellte er einen Ban und übertrug ihm die Verwaltung mehrerer ungarischer Komitate. Weitere Expansionsbestrebungen scheiterten allerdings am Widerstand der damals erstarkenden serbischen Macht. Bosnien bestand, wie früher schon, als selbständiger, doch von Ungarn abhängiger Staat. In Kroatien hingegen gelang es auch nach Absetzung der Subitscher nicht, die königliche Macht vollständig wiederherzustellen. Und da Venedig seine Herrschaft über die dalmatinischen Städte weiter ausbaute, wurde die Oberhoheit der ungarischen Könige über die Städte Zadar, Sebenico, Trau, Spalato und Nona zur Formsache.

Als Könige von Kumanien erhoben die ungarischen Könige Anspruch auf die Herrschaft über die Walachei. In dem Gebiet, wo damals überwiegend schon Bevölkerung rumänischer Nationalität lebte, entstand unter Führung des gebürtigen Kumanen Basarab und mit bulgarischer Unterstützung ein unabhängiges Fürstentum. Im Herbst 1330 brach Karl auf, um den neuen Staat zu unterwerfen. Auf dem Heimweg geriet das ungarische Heer vermutlich beim Rotenturmer Paß in eine Falle. Ein großer Teil kam ums Leben, und selbst der König konnte sich nur mit Mühe retten. Künftighin unterließ Karl Angriffe auf die Walachei. Die Schlacht hat maßgeblich zur Konsolidierung des neuen Fürstentums beigetragen.

Nach Beendigung der inneren Kämpfe wurde die Außenpolitik aktiver und änderte ihre Richtung. Infolge der Rückeroberung von Preßburg und der Murgegend, die zu Beginn des 14. Jahrhunderts in österreichische Hand gelangten, kühlte sich das gute Verhältnis zu den Habsburgern ab. Ungarische Truppen fielen mehrfach in Österreich ein, während die österreichischen Herzöge weiterhin die zuletzt in den dreißiger Jahren rebellierenden Güssinger unterstützten. 1320 ehelichte Karl die Tochter des polnischen Königs Wladislaw Lokietek, Elisabet, und leistete seinem Schwiegervater dann mehrfach Waffenhilfe gegen den Deutschen Ritterorden, die Litauer sowie die Böhmen. Im Ergebnis der neuen Außenpolitik besserte sich langsam auch das Verhältnis zu Böhmen, wo die letzten Pñemysliden und danach die ihnen folgende Dynastie der Luxemburger Anspruch auf den polnischen Thron erhoben.

Gemäß Erbfolge der Angeviner hätte Karl der neapolitanische Thron gebührt. Doch seines jugendlichen Alters und der ungarischen Angelegenheiten wegen wurde sein Onkel, Robert der Weise, König von Sizilien, d.h. eigentlich von Neapel. Da Roberts einziger Sohn noch zu Lebzeiten seines Vaters starb und lediglich zwei Töchter hinterließ, hielt es Karl für angebracht, seinen Thronanspruch zu erneuern. Allerdings nicht im eigenen, sondern im Interesse seines Sohnes. Eine Vereinigung der ungarisch-neapolitanischen Macht hielt man weder in Neapel noch am päpstlichen Hof für wünschenswert. 1333 brachte Karl seinen zweiten Sohn Andreas selbst nach Neapel, wo man diesen mit Johanna, der älteren Enkelin Roberts, verlobte. Die Krönung seines Sohnes erreichte Karl zwar nicht, doch vertraute er darauf, daß Andreas nach dem Tod Roberts den Thron besteigen würde, denn bis dahin gab es in Europa kein Beispiel für die Herrschaft einer Frau.

Vor diesen Ereignissen, im Frühjahr 1330, hatte in der Visegráder Burg einer der Höflinge des Königs - Felician Záh, ein Grundbesitzer aus dem Komitat Nógrád - einen Anschlag auf die königliche Familie verübt. Angeblich sollte der Bruder der Königin mit deren Wissen seine Tochter Klara verführt haben. Karl erlitt dabei nur leichte Verletzungen, Königin Elisabet verlor vier Finger. Záh wurde sofort getötet, sein Geschlecht bis ins dritte Glied ausgelöscht. Dieses an die in Neapel übliche Blutrache erinnernde Vorgehen stand im Widerspruch zum ungarischen Rechtssystem, und es hat wesentlich dazu beigetragen, daß die Herrschaft des ersten Anjoukönigs von der späteren Überlieferung geringer geschätzt wurde als die Ludwigs des Großen.

Die Zeit Ludwigs des Großen

Nach Karls Tod bestieg sein 16jähriger Sohn Ludwig (der Große) I. den Thron. Neben ihm stand seiner Mutter Elisabet, ähnlich einer Mitregentin, bei allen Angelegenheiten das Mitspracherecht zu. Ihr übertrug er, wenn er fern des Landes weilte, mehrfach die Aufgaben eines Statthalters. Der junge König führte gern Krieg - in mehreren Schlachten geriet er in Lebensgefahr -, liebte Ritterturniere und Jagden. Wie seine Mutter war Ludwig sehr religiös. Besonders verehrte er den hl. Ladislaus, dessen Abbild er auf seine Goldforinte prägen ließ, die er anstelle der nach florentinischem Muster mit dem Porträt Johannes des Täufers geschmückten Münzen Karls in Umlauf brachte.

1343 verstarb Robert der Weise von Neapel, und in seinem Testament setzte er nur seine Enkelin Johanna zur Erbin ein. Nach langem Zögern gab der Papst schließlich seine Einwilligung, Andreas als König von Sizilien zu krönen. Daraufhin wurde der Herzog von den Anhängern Johannas und mit Wissen der Königin ermordet. Zwar ließ man die Mörder hinrichten, doch Ludwigs Bitte an den Papst, er möge Johanna die Krone nehmen, blieb ungehört. Denn dem Heiligen Stuhl schien es nach wie vor nicht wünschenswert, den ungarischen und neapolitanischen Zweig der Angeviner zu vereinen. Gestützt auf den seinerzeit erhobenen Anspruch seines Vaters hielt sich der ungarische König für den Erben des Throns von Neapel. Laut veränderter Erbfolge jedoch hätte im Falle der Enthebung Johannas ein anderer aus der Anjoudynastie, Herzog Karl von Durazzo, den Thron geerbt.

Ludwig selbst eröffnete 1347 den Feldzug gegen Neapel. Seine ungarischen und deutschen Söldner stießen nur auf schwachen Widerstand. Königin Johanna floh auf ihre angestammten Güter in Frankreich, um dort Truppen zu rekrutieren. Ludwig ließ die Anjou-Herzöge, die kamen, um ihm zu huldigen, ergreifen und seinen Rivalen Karl hinrichten. Anfang des Jahres 1348 marschierte er in Neapel ein, wo er den Titel König von Sizilien und Jerusalem annahm. Einige Monate später veranlaßten ihn die von der Hinrichtung ausgelöste Unzufriedenheit sowie die große Pestepidemie, die auch Neapel erreichte, heimzukehren. Seine als Besatzung zurückbleibenden Truppen waren außerstande, die eroberte Stellung zu verteidigen. Bald kehrte nämlich Johanna an der Seite ihres neuen Gatten zurück und nahm mit Ausnahme einiger Burgen ihr Land wieder in Besitz.

1349 erreichte die Epidemie Ungarn. Auch die Königin, Ludwigs erste Gemahlin, starb an der Pest. Im Jahr 1350 brach das königliche Heer zu seinem zweiten Feldzug gegen Neapel auf. Es eroberte die Hauptstadt, aber auch diesmal gelang es ihm nicht, die ungarische Herrschaft über das Land zu festigen. Ludwig der Große verzichtete also auf sein neapolitanisches und sizilianisches Königtum. 1352 schlossen er und Johanna einen Waffenstillstand, und der größte Teil des königlichen Heeres kehrte nach Ungarn zurück. Doch einige ungarische Ritter kämpften als Mitglieder der "großes ungarisches Heer" genannten Söldnertruppe noch jahrelang in Italien, unter ihnen auch Nikolaus Toldi.

Unter Ludwig I. konnte sich das von seinem Vater ausgebaute zentralisierte Regierungssystem weiter festigen. Nur einmal, im Zeitraum nach den erfolglosen Kriegen gegen Neapel und der Pestepidemie, war der König gezwungen, es zu lockern. Im November 1351 berief er - erstmals während seiner Herrschaft - einen Landtag nach Ofen ein. Dort bekräftigte er die Goldene Bulle, die ab dem 15. Jahrhundert in dieser im Gesetz fixierten Form als Grundgesetz der ungarischen Adelsrechte ansgesehen wurde. Lediglich an einer Stelle modifizierte er die Verfügungen Andreas II.: Er setzte das Recht der ohne Erben verstorbenen Adligen zur letztwilligen Verfügung außer Kraft und dehnte im Interesse des königlichen Devolutionsrechts die Avitizität auch auf sie aus.

Das Gesetz des Jahres 1351 sprach vom Prinzip der "gleichen Freiheit" für alle innerhalb der Landesgrenzen lebenden Adligen, was Befreiung von jeglichen Steuern und Dienstleistungen bedeutete. Damit waren auch die Adligen Slawoniens sowie der Komitate Pozsega und Valkó nicht mehr verpflichtet, Steuern zu zahlen. Weiters verschärfte das Gesetz die Strafe des kirchlichen Interdikts für Adlige, die gegen die Kirche prozessierten, verfügte über den Nutzen der Kammer sowie die Abschaffung ungerechter Zölle und regelte verschiedene prozeßrechtliche Fragen. Darüber hinaus erhob es die Einziehung des Neunten zur Pflicht, was sowohl für die Güter des Königs als auch der Königin zugesagt wurde.

Ludwig der Große beabsichtigte nicht, seine Macht dauerhaft mit dem Landtag zu teilen. 1352 rief er die Stände noch einmal zusammen, danach nicht mehr. Der Einfluß des Landadels erstreckte sich nur auf das jeweilige Komitat. In den Komitaten gab es weder ständige Brachialkräfte noch andere öffentliche Foren außer dem Sedria genannten Gericht, von einer Kommunalverwaltung der Komitate kann also nicht gesprochen werden. Die Verurteilung der lokalen Rechtsbrecher und die Jurisdiktion in den Angelegenheiten jener Adligen, die sich nicht an die königliche Kurie wenden konnten, war Aufgabe des Palatins und der auf königlichen Befehl handelnden Würdenträger, die von Zeit zu Zeit für mehrere Komitate Landgerichtstage abhielten.

In den siebziger Jahren kam es zu verschiedenen Änderungen in der Administration, deren Ziel es war, die Macht noch stärker als bisher zu zentralisieren. Die Kanzlei wurde geteilt, es entstand die geheime Kanzlei an ihrer Spitze mit dem Geheimkanzler. Der Leiter der früheren Kanzlei erhielt den Titel Hauptkanzler. Auch die dritte Sektion der Kurie wurde gegründet: Neben dem Gerichtshof des Palatins und dem königlichen Präsenzgericht unter Vorsitz des Landesrichters bildete man das königliche Sonderpräsenzgericht, das unter Vorsitz des Hauptkanzlers stand. Der Schatzmeister war künftighin kein Beamter des Finanzwesens mehr, sondern entschied als Richter über Berufungsangelegenheiten der königlichen Freistädte. Seine Aufgaben im Bereich der Finanzverwaltung übernahm von da an der unabhängig von ihm tätige Fiskal.

In Kroatien hatte Ludwig die königliche Macht schon zu Beginn seiner Herrschaft wiederhergestellt. Die Städte Dalmatiens unterwarf er 1356 bei einem im Bündnis mit Padua eröffneten Feldzug gegen Venedig. Im Frieden von Zadar verzichteten die venezianischen Dogen 1358 schließlich auf den Titel "Herzog von Kroatien und Dalmatien", den sie seit Jahrhunderten trugen. Der ungarische Machtbereich erstreckte sich nun von Ragusa - das man damals eroberte - bis an den Kvarner. Das bekräftigte auch der nach einem weiteren Krieg 1381 geschlossene Friede von Turin. In Bosnien kämpfte der König nach dem Tod seines Schwiegervaters, Stephan Kotromanitsch, mit Waffengewalt gegen das bogumilische Ketzertum.

Nachdem Stephan Duschan gestorben war, der sich 1346 als Zar hatte krönen lassen, zerfiel Serbien in mehrere Teile. Der nördliche Teil des Lande gelangte unter ungarischen, das südliche Serbien nach der Schlacht am Ufer der Marica (1371) unter türkisch-osmanischen Einfluß. In der Walachei unterwarf sich nach dem Tod von Basarab dessen Nachfolger dem ungarischen König, und erhielt als Gegenleistung dafür das Severiner Banat. Das rumänische Fürstentum blieb jedoch praktisch unabhängig. Als Schutz vor dem unzuverlässigen Nachbarn entstanden in den siebziger Jahren die Grenzburgen Türzburg und Tolmesch, während man die Burg von Orsova renovierte. Im Jahr 1375 lieferten sich ungarische Truppen und die damals als Verbündete der Walachei kämpfenden Osmanen die ersten Gefechte, zu einem türkischen Einfall aber kam es zur Lebzeiten Ludwigs I. nicht.

Für kurze Zeit unterstand auch der nördliche Teil des auseinander gebrochenen Bulgariens, das Zarenreich Vidin, der Oberhoheit ungarischer Bane, und wurde dann zum Vasallenstaat. Im Gebiet der Ostgrenzen kämpften die Ungarn erfolgreich gegen die mehrmals einfallenden Mongolen. Nach Abzug der Goldenen Horde gründete Bogdan, der Woiwode von Máramaros, um 1359 das Moldau genannte zweite rumänische Fürstentum. Obwohl Ludwig der Große mehrere Feldzüge hierher führte, war Moldau nur vorübergehend Vasallenstaat Ungarns. Später gelangte es unter polnischen Einfluß.

Im Jahr 1370 starb der polnische König Kasimir der Große. Seinen Thron erbte im Sinne des 1339 geschlossenen Vertrages Ludwig I., der den Polen früher schon bei mehreren Feldzügen gegen Litauen Beistand geleistet hatte. Erfolg war der polnisch-ungarischen Personalunion nicht beschieden. Der König betraute zuerst seine Mutter mit den polnischen Regierungsgeschäften. Doch in Krakau brach ein Aufstand gegen die Gewaltherrschaft Elisabets aus, der sie zur Heimkehr zwang, und auch die Statthalterschaft ihres Nachfolgers, des Oppelner Herzogs Ladislaus, war nicht von langer Dauer. Das den Litauern abgerungene Galizien verwaltete Ludwig der Große von Ungarn aus, an die Spitze der dortigen Burgen stellte er Ungarn.

1374 überreichte der ungarische Herrscher in Kaschau das für die Entwicklung der polnischen Stände eine wichtige Rolle spielende "große Privilegium". Damit gelang es ihm, die Polen zur Anerkennung des Thronfolgerechts seiner Töchter zu bewegen. Das Erbe sollten nach dem Willen Ludwigs des Großen seine ältere Tochter Maria und deren Verlobter Sigismund antreten. Johanna, die sich beim Bruch der Westkirche auf die Seite des in Avignon residierenden Papstes gestellt hatte, wurde 1380 vom römischen Papst entthront, der ihren Thron dem am ungarischen Hof aufgewachsenen Karl (dem Kleinen) II. anbot. Unterstützt von ungarischen Truppen konnte Karl II. Neapel 1381 leicht einnehmen, und 1382 ließ er Johanna ermorden.

Zum Ende seiner Herrschaftszeit erkrankte Ludwig I. an Lepra. Von da an lebte er zurückgezogen, in religiöser Versunkenheit. Seine Untertanen hatten die weibliche Erbfolge zwar akzeptiert, die Herrschaft der Königinnen widersprach jedoch dem weltlichen Rechtsgrundsatz, wonach die Eignung eines Königs in erster Linie in dessen Fähigkeit zur Kriegführung besteht. Nach dem Tod des Königs krönte man in Stuhlweißenburg seine elfjährige Tochter Maria. An ihrer Stelle führten ihre Mutter Elisabet und Palatin Nikolaus von Gara die Regierungsgeschäfte. Auch die Polen hätten Maria und Sigismund anerkannt, ihre Bedingung war allerdings, daß der neue König bei ihnen leben solle.

Die Herrschaft der Königinnen

Nach langwierigen Verhandlungen entließ die Königinmutter schließlich ihre jüngere Tochter Hedwig nach Polen. Sie wurde 1384 gekrönt, und damit bestand keine Möglichkeit mehr, die Personalunion zu erneuern. Zwei Jahre später heiratete Hedwig den gerade erst getauften Großfürsten Jagello von Litauen. In Ungarn wuchs zwischenzeitlich die Unzufriedenheit mit Elisabet, die sich selbst als Königin betitelte. Die Königinmutter und ihre Anhänger, an deren Spitze Palatin Nikolaus von Gara stand, hatten den Plan, Maria mit dem Herzog von Orleans zu verheiraten. Die Mehrheit der Barone bestand auf Sigismund als Ehemann, die im Kreis des Mitteladels einflußreichen Gebrüder Horváti aber wollten einen Mann als König und forderten Karl II. auf, den ungarischen Thron anzunehmen.

Im September 1385 ging Karl der Kleine in Dalmatien an Land. Da Maria und Elisabet um ihre Herrschaft fürchteten, waren sie nun mit Sigismund einverstanden. Es wurde Hochzeit gehalten, doch als der frischgebackene Ehemann von der Ankunft des Thronbewerbers erfuhr, floh er. Ein in Ofen stattfindender Landtag wählte Karl II. zum König, Maria ließ man abdanken. Die Herrschaft des neuen Königs währte ganze 39 Tage. Elisabets Männer griffen ihn 1386 in seinem Ofner Palast an. Schwer verwundet wurde er nach Visegrád gebracht und dort wahrscheinlich vergiftet.

In Ungarn kam es zum Bürgerkrieg. Slawonien, Kroatien und Bosnien fielen in die Hände der Aufständischen. Um die Unruhen zu dämpfen, brachen die Königinnen 1386 in die südliche Landesgegend auf. Kurz vor dem Marktflecken Gara wurden sie von den Gebrüdern Horváti überfallen, die Palatin von Gara sowie dessen Begleiter töteten und die Frauen gefangen nahmen. Elisabet wurde im folgenden Jahr in ihrem Gefängnis erdrosselt. Nach dem Willen Horvátis, der auf der gesetzlichen Erbfolge bestand, sollte der Sohn Karls II., der Säugling Ladislaus von Neapel, ungarischer König werden. Die Barone übernahmen das Regierungsruder. Sogar ein eigenes Siegel ließen sie prägen, mit der Inschrift "Siegel der Landesbewohner". Von Ständevertretung konnte keine Rede sein, die einstigen Barone Ludwigs hielten sich für die Repräsentanten des Landes.

DIE SIGISMUNDZEIT

Die Liga und ihr König

Die in der Liga zusammengeschlossenen Herren nahmen auch Sigismund in ihre Reihen auf. In der veröffentlichten Satzungsurkunde der Liga versprach er, die alten Sitten des Landes zu ehren, Regierungsentscheidungen nur nach Befragen der Liga zu treffen sowie Fremden keine Ämter und Güter zu schenken. 1387 wurde Sigismund gekrönt, sein Königtum gründete auf einer Wahl, nicht auf der Erbfolge. Nachdem seine Frau freigekommen war, assistierte er nur noch als formeller Mitregent, denn in Wirklichkeit regierte sie. Den Aufstand im südlichen Landesteil gelang es erst nach mehrjährigen Kämpfen niederzuschlagen. Im Jahr 1395 verschied Königin Maria, und "mit ihr starb das Geschlecht der heiligen Könige in beiden Linien aus".

Sigismunds Herrschaft wurde bis zum Jahr 1403 von dem - wenngleich immer geringeren - Einfluß der Liga bestimmt. An ihrer Spitze standen der Graner Erzbischof und Hauptkanzler Johannes von Kanizsa sowie der Palatin der ersten Jahre, Stephan Lackfi. Auch die übrigen Mitglieder entstammten den von Ludwig I. begünstigten Baronsfamilien. Sie waren in den Jahren 1387-1392 Nutznießer jener großen Güterschenkungen, in deren Folge die Zahl der seit Beginn der Arpadenzeit überwiegenden Krongüter gegenüber der Zahl der Eigengüter, insbesondere aber der weltlichen Großgrundbesitze, mehr und mehr zurückging. Innerhalb weniger Jahre hatte man mehr als die Hälfte der königlichen Burgen und dazu gehörigen Domänen, aber auch Städte und kleinere Güter verschenkt.

Nach der Schlacht auf dem Amselfeld 1389 unterwarfen sich die benachbarten Balkanstaaten der Reihe nach den Osmanen. Im Gebiet des Flusses Marosch und in Sirmien kam es häufig zu türkischen Übergiffen. Sigismund versuchte es zunächst mit der Strategie des Angriffs. 1396 ließ er im Ergebnis langer diplomatischer Vorbereitungen seinen Feldzug gegen die Türken zum Kreuzzug erklären, und dann konnte er sein aus nahezu allen europäischen Nationen rekrutiertes Ritterheer in Richtung Balkanhalbinsel in Marsch setzen. Doch auf dem türkischen Kriegsschauplatz erwies sich die traditionelle ritterliche Kriegführung als ungeeignet. Am 28. September wurde das Kreuzfahrerheer beim bulgarischen Nikopol vom türkischen Heer unter Sultan Bajesid vernichtend geschlagen.

Von 1396 an richtete sich Ungarn auf Verteidigung ein. Als Mittel dazu dienten ab den 1420er Jahren die Pufferstaaten. Sigismund machte die benachbarten Balkanländer zu seinen Vasallen, in deren Gebiet die türkischen Angriffe gestoppt wurden. An die Spitze der Walachei stellte er 1395 Mircea cel Bætrin, der darüber hinaus Güter und Burgen im südlichen Siebenbürgen erhielt. In Serbien erkannte Stephan Lasarevitsch, der den Türken gehuldigt hatte, 1403 auch Sigismund als seinen Herrscher an. Schwieriger war die Unterwerfung Bosniens, wo es keine starke Zentralmacht gab. Hervoja, der wahre Herr des Landes, unterwarf sich nach mehreren Feldzügen erst im Jahr 1409.

Unzufrieden mit Sigismund nahm der ehemalige Palatin Stephan Lackfi nach der Schlacht bei Nikopol Kontakt zu Ladislaus von Neapel auf, dem die Gelegenheit günstig erschien, nach der ungarischen Krone zu greifen. Doch die Verschwörung kam an den Tag. 1397 wurde Lackfi von den Anhängern des Königs ermordet und das riesige Vermögen der Familie konfisziert. Im gleichen Jahr fand in Temeschwar ein Landtag statt. Dieser bekräftigte, mit einzelnen Änderungen, die Gesetze des Jahres 1351 sowie die Goldene Bulle, aus der man allerdings die Widerstandsklausel strich.

Die Adligen wurden, ungeachtet ihrer alten Privilegien, für die Dauer der türkischen Bedrohung zu Militärdiensten auch außerhalb der Landesgrenzen verpflichtet. Wer dieser Pflicht nicht nachkam, hatte mit Geldbußen zu rechnen. Gleichzeitig verfügte man die Aufstellung einer Grundstücksschutztruppe: Jeder Grundherr hatte für jeweils zwanzig Leibeigene einen Bogenschützen zu stellen. Um die Verteidigungskosten zu decken, erhob man von den Kirchenmännern eine Sondersteuer und requirierte den Kirchenzehnt. Bekräftigt wurde auch das Recht der Leibeigenen zur Freizügigkeit: Wenn sie ihr Pachtgeld und ihre Schulden bezahlt hatten, durften sie den Besitz ihres Herren ungehindert verlassen. Darüber hinaus versprach der König, die Präfektionen in Grenzen zu halten, unverdiente Schenkungen von ihm zurückzunehmen und fremde Beamte abzulösen.

Schon vor der Schlacht bei Nikopol hatte Sigismund neue Verbündete gefunden, mit deren Hilfe er die Macht der Liga zurückdrängen wollte. 1401 ließen die unter der Parole "Weg mit den Fremden" agierenden Barone den König verhaften. Für einige Monate übernahmen die Kleriker und der Rat der Barone im Namen der hl. Krone die Regierung des Landes. Ihre Urkunden gaben sie mit dem "Siegel der hl. Krone Ungarns" heraus. Das Auftreten seiner Getreuen, Nikolaus von Gara und Hermann von Cilli, rettete den König. Sigismund verlobte sich mit Hermanns Tochter Barbara, den Verschwörern aber sicherte er Straffreiheit zu.

Im Jahr 1402 nominierte Sigismund, für den Fall, daß er ohne Erben sterben würde, Herzog Albert IV. von Österreich als seinen Nachfolger auf dem ungarischen Thron, und ernannte Gara zum Palatin. 1403 zettelten die sich betrogen fühlenden Mitglieder der Liga einen Aufstand an, dessen Zentren Siebenbürgen, das Gebiet jenseits der Theiß und die seit jeher oppositionelle südliche Landesgegend waren. Auch zahlreiche Vertreter des Mitteladels schlossen sich ihnen an. In der dalmatinischen Stadt Zadar krönte Erzbischof Kanizsai den dort eingetroffenen Ladislaus von Neapel mit einer Gelegenheitskrone. Doch Sigismunds Anhänger waren ihnen militärisch überlegen. Ein Teil der Aufständischen ergab sich kampflos, und der Widerstand der übrigen konnte bald gebrochen werden.

Ein ungarischer König auf dem Kaiserthron

Nach dem Aufstand festigte sich Sigismunds Macht in Ungarn. Seine wichtigsten Stützen blieben der das Amt des Palatins bis an sein Lebensende bekleidende Nikolaus von Gara sowie Hermann von Cilli. Der König weilte oft jahrelang fern des Landes. Während dieser Zeit führten seine Bevollmächtigten, die Vikare, die Regierungsgeschäfte, indes immer mit Wissen Sigismunds. 1408 gründete der König zusammen mit seiner Gemahlin Barbara und 22 seiner Anhänger die Gesellschaft des Drachens. Ihr formelles Ziel war der Kampf gegen die Ungläubigen, das heißt die Türken, tatsächlich stellte sie jedoch ein Bündnis der neuen Elite mit der Herrscherfamilie dar.

1410 wurde Sigismund zum deutsch-römischen König gewählt und 1414 in Aachen gekrönt. Nach dem Tod seines älteren Bruders Wenzel errang er auch die böhmische Krone. Den Thron konnte er allerdings erst an seinem Lebensabend besteigen, da das Vorgehen gegen die Hussiten mit Waffengewalt erfolglos blieb. Nach 1428 fielen die Böhmen mehrfach im Oberland ein. Die Beendigung des Kirchenbruchs beim Konstanzer Konzil, die Förderung der Kirchenreform und die diplomatische Lösung der Hussitenfrage, all das trug zur Erhöhung von Sigismunds Ansehen bei. Im Jahr 1433 krönte man ihn in Rom zum Kaiser des Römischen Reiches Deutscher Nation.

Was die Frage seines Erbes betraf, hielt Sigismund auch nach dem Tod Alberts IV. an den Habsburgern fest. Seine Tochter Elisabet verheiratete er mit dem österreichischen Herzog Albert V. Das Verhältnis zu den Jagellonen aber war kühl: Am Anfang seiner Herrschaft hatte er zu ihren Gunsten auf Galizien verzichten müssen, und auch das Vasallenverhältnis des Fürstentums Moldau zu Polen mußte er zur Kenntnis nehmen. 1409 hatte Ladislaus von Neapel Dalmatien für 100 Goldforint an Venedig verkauft, und bis zum Jahr 1420 konnte die Republik die ganze Provinz besetzen. Vergeblich unternahm Sigismund mehrere, stets mit einem Waffenstillstand endende Feldzüge, die dalmatinischen Städte waren der ungarischen Oberhoheit für immer entglitten. Zur Deckung der Kosten für die Kriege in Dalmatien verpfändete er 1412 einen Teil des Zipserlandes an den polnischen König Wladislaw II.

In den zwanziger Jahren des 15. Jahrhunderts zerfiel das System der Pufferstaaten. Angesichts der Unzuverlässigkeit der bosnischen Herren wurden in einigen Burgen ungarische Wachmannschaften stationiert, auf die volle Unterwerfung des Landes mußte man jedoch verzichten. Nach dem Tode Mirceas schwankten auch die Fürsten der Walachei zwischen der ungarischen und türkischen Lehnsherrschaft. Die Türken überfielen von Bosnien aus Slawonien und verwüsteten von der Walachei aus Siebenbürgen. 1427 übergab Stephan Lasarevitsch die Burg Belgrad an Sigismund, Galambóc allerdings gelangte in türkische Hand. Ein im darauffolgenden Jahr eröffneter Feldzug zur Rückeroberung der Burg scheiterte. Ungarn wurde unmittelbarer Nachbar des Osmanischen Reiches.

Die neue Verteidigungsstrategie gründete auf dem mit hohen Kosten ausgebauten System der südlichen Grenzburgen, das die Türken bald ein Jahrhuntert lang aufhalten konnte. In den dreißiger Jahren reformierte man die Heeresorganisation. Das Heer bestand zu jener Zeit aus drei Teilen: den königlichen Truppen, den Banderien der Grundherren und den Truppen der Komitate. Wo die einzelnen Truppen in die militärischen Auseinandersetzungen einzugreifen hatten, wurde vorher festgelegt. 1435 verabschiedeten die Gesetzgeber ein bedeutsames Gesetz in bezug auf das Prozeßrecht. Das königliche Sonderpräsenzgericht wurde abgeschafft, an seine Stelle trat das Gericht der persönlichen Präsenz des Königs, also ein Gerichtshof, wo der Haupt- und Geheimkanzler im Namen des Königs Urteile fällten.

Im Frühjahr 1437 brach im nördlichen Siebenbürgen und in den Komitaten Szatmár, Szabolcs und Ugocsa ein Bauernaufstand aus. Anlaß dafür war die Forderung des Bischofs von Siebenbürgen, den Zehnten für die drei vorangehenden Jahre, den er zur Zeit der Geldverschlechterung nicht eingezogen hatte, mit dem 1436 in Umlauf gebrachten guten Geld zu zahlen. Die in der Gemarkung des Markfleckens Alparét, auf dem Berg Bábolna, lagernden aufständischen Bauern wurden vom Heer des Woiwoden bezwungen. Danach schlossen die Seiten zwei Vergleiche, in denen man die letztwillige Verfügung von Leibeigenen, das Pachtgeld, die Geschenkleistung und den Frondienst, die Versorgung beim Durchzug eines Heeres sowie die Schafsteuer der Rumänen regelte. Anfang des nächsten Jahres konnte der Aufstand niedergeschlagen werden.

Kronenkunde

Als Folge des mehrmaligen Dynastienwechsels und der natürlichen Rechtsentwicklung entstand ein neuer staatsrechtlicher Begriff. Im 14. Jahrhundert erweiterte sich der Begriff Krone, der bis dahin die Rechte des Königs bezeichnet hatte. Von da an verstand man darunter das Territorium des Landes bzw. die vom König unabhängige Staatsmacht. Ein besonderes Merkmal des ungarischen Kronebegriffs war, daß man darin einen tatsächlichen Gegenstand sah: die für die Krone Stephans gehaltene hl. Krone. In ihrem Namen schloß man Verträge mit dem Ausland, so daß die Krone nach und nach vom König unabhängig wurde. Man betrachtete sie nicht mehr als Krone des Königs, sondern vielmehr des Landes. Damals wurde auch zum Prinzip erhoben, daß eine Krönung nur dann den Gesetzen entspricht, wenn sie mit der hl. Krone vom Graner Erzbischof, oder in dessen Abwesenheit vom Erzbischof von Kalocsa, in Stuhlweißenburg vorgenommen wurde.


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