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HISTORISCHE GEOGRAPHIE

DAS KÖNIGREICH UNGARN UND SEINE NACHBARN
DIE VERWALTUNG DES LANDES
DIE NICHT-UNGARISCHEN EINWOHNER DES LANDES
SIEDLUNG UND WOHNSTÄTTE



DAS KÖNIGREICH UNGARN
UND SEINE NACHBARN

Das Bild des Landes

Welches Bild das arpadenzeitliche Ungarn im allgemeinen bot, kann man aus mehreren, einander ergänzenden Beschreibungen erfahren. Drei davon entstanden Mitte des 12. Jahrhunderts. 1147 reiste der Freisinger Bischof Otto mit den Teilnehmern des zweiten Kreuzzuges durch das Land, und seine Eindrücke schrieb er dann in einer seiner Arbeiten nieder. Ein anderer Reisender, der Mohamedaner Abu-Hamid al-Garnati, hielt sich zwischen 1150 und 1153 in Ungarn auf. Autor der dritten Beschreibung aus dem Jahr 1154 war der Geograph Idrisi, ein Araber von der Insel Sizilien. Zu ihnen gesellt sich ein Unbekannter, der 1308 eine "Beschreibung Osteuropas" verfaßte. In all diesen Arbeiten wird das Königreich der Arpaden als ein an Naturschätzen reiches Land geschildert.

Der Boden des Landes war fruchtbar, weshalb die Menschen - verglichen mit den Verhältnissen in Westeuropa - nur selten Hunger litten. Auch im Erdinneren verbargen sich Schätze. Es gab bedeutende Silbervorkommen - die frühen Zentren des Silberbergbaus waren Selmecbánya (Schemnitz) im Oberland und Radna im nördlichen Siebenbürgen -, der Goldabbau erlebte seine Blütezeit erst im 14. Jahrhundert. Außer Edelmetallen wurden vor allem Eisen und Kupfer zutage gefördert. Und zu den Haupterzeugnissen des Bergbaus gehörte natürlich Salz, das als Speisewürze ebenso unentbehrlich war wie als Konservierungsmittel. Die wichtigsten Salinen lagen in Siebenbürgen und befanden sich in königlichem Besitz, doch am Nutzen des Salzhandels war auch die Kirche beteiligt.

Die Nachbarn

Das Territorium des arpadenzeitlichen Ungarn deckte sich annähernd mit dem des Karpatenbeckens. Die Randgebiete allerdings waren im 11.-12. Jahrhundert größtenteils noch unbewohnt und bevölkerten sich erst gegen Ende dieses Zeitalters. Direkte Nachbarn des Landes im Westen waren Österreich und die Steiermark als Teile des 962 gegründeten Römischen Kaiserreiches Deutscher Nation. Im Nordwesten lag Mähren, das zu Böhmen - ebenfalls einer Provinz des Kaiserreichs - gehörte. Nördlich grenzte das Land an Polen, östlich davon an die Kiewer Rus, und nachdem letztgenannte auseinanderbrach, bildeten Galizien und Wolhynien die beiden nächstgelegenen russischen Fürstentümer.

Östlich der Karpaten erstreckte sich die Steppe, als deren Bewohner einander verschiedene Nomadenvölker ablösten. Von der Mitte des 11. Jahrhunderts an beherrschten die Kumanen diese Gegend, nach denen im 13. Jahrhundert Kumanien benannt wurde, und wo sich im Laufe des 14. Jahrhunderts dann die beiden rumänischen Fürstentümer Moldau (östlich von Siebenbürgen) und die Walachei (südlich von Siebenbürgen) herausbilden. Südliche Nachbarn waren zunächst Bulgarien, anschließend das dieses annektierende Byzantinische Reich, und ab Anfang des 13. Jahrhunderts, neben dem damals wiedererstehenden Bulgarien, die beiden südslawischen Staatengebilde Serbien und Bosnien. Von dem südwestlichen Grenznachbarn Kroatien wird im folgenden noch die Rede sein.

DIE VERWALTUNG DES LANDES

Königshof und Gespanschaften

Bei der Verwaltung des Landes standen dem König teils an den Hof, teils an die einzelnen Organe der Territorialverwaltung gebundene Beamte zur Seite. Der erste Platz unter ihnen gebührte dem Palatin. Dem Träger dieses Amtes fielen als Gespan des Königshofes im 11. Jahrhundert hauptsächlich wirtschaftliche Aufgaben zu, im 13. Jahrhundert allerdings begegnet man ihm bereits als Richter mit landesweiter Kompetenz. Seine Wirtschaftsfunktion ging zunächst auf den Hofgespan über, doch nachdem auch dieser als Landesrichter sich nur noch mit Rechtsangelegenheiten befaßte, wurde sie zu Beginn des 13. Jahrhunderts vom Schatzmeister übernommen. Zur gleichen Zeit tauchten am Hof auch Truchseß, Mundschenk und Stallmeister auf. Die Träger all dieser Ämter kamen aus den Reihen des Adels, sie besaßen das Vertrauen des Königs und waren Mitglieder des Kronrates, welcher die politischen Entscheidungen traf.

Andere königliche Beamte standen an der Spitze der einzelnen Gespanschaften. In Gespanschaften zusamengeschlossen lebten die königlichen Dienstleute, die zu speziellen Diensten herangezogen wurden (z.B. Pferdeknechte), Gespanschaften der Hofleute organisierte man jeweils um die königlichen Kurien und Burggespanschaften um die Burgen des Königs. Letztgenannte stellten die lokalen Einheiten der königlichen Burgorganisation dar, deren in kleineren oder größeren Gruppen verstreut gelegene Grundstücke gemeinsam mit der als Zentrum dienenden, im 11.-12. Jahrhundert meist noch durch holzverstärkte Erdwälle befestigten Gespansburg eine Art territorial nicht zusammenhängende Domäne bildeten. Die Mehrzahl dieser Burggespanschaften war jeweils an eines der Komitate gebunden, weshalb das Amt des Gespans als Baronswürde zählte.

Die Institution des Komitats

Das Komitat war die Grundeinrichtung der territorialen Verwaltung des Landes. Die ersten Komitate entstanden, den damaligen Verhältnissen Rechnung tragend, zur Zeit der Staatsgründung. Verwaltungsmäßig erstreckten sie sich auf den Herrschaftsbereich jeweils einer königlichen Burg, waren aber nicht mit den Burggespanschaften identisch. Denn das Gebiet eines Komitats umfaßte, über die Burggespanschaften hinaus, auch alle innerhalb seiner Grenzen liegenden königlichen, kirchlichen sowie weltlichen Privatbesitzungen. Gleichzeitig stand an der Spitze sowohl der Burggespanschaft als auch des Komitats ein und dieselbe Person, die in dieser Doppelfunktion mit weitreichenden militärischen, richterlichen, ökonomischen und Verwaltungskompetenzen ausgestattet wurde. Diesen frühen Typ des Komitats, das der Gespan mit Hilfe der Einrichtungen der örtlichen Burggespanschaft verwaltete, pflegt man als königliches Burgkomitat zu bezeichnen.

Im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts kam es zur Ablösung der Institution des königlichen Burgkomitats durch das sog. Adelskomitat. Die Organisation der Burgespanschaften war infolge der großen Güterschenkungen im Laufe des 13. Jahrhunderts zusammengebrochen, und die gemeinen Freien, die über Grundbesitz verfügten und ein Adelsprädikat erlangten, konnten sich durch ihren Status als königliche Servienten der Jurisdiktion des Komitatsgespans ebenfalls entziehen. Folge davon war, daß sich die traditionelle Ordnung der Komitatsverwaltung nicht länger aufrecht erhalten ließ. Gelöst wurde das Problem, indem man dem Komitatsgespan aus den Reihen des Komitatsadels vier Stuhlrichter beistellte, und die so gebildete Komitatsbehörde war von nun an für alle Angelegenheiten der Komitatsbewohner zuständig - bis zum Ende des 14. Jahrhunderts auch für die der Adligen.

Die Provinzen

In zwei Gegenden des Landes kam es zur Bildung einer über den Komitaten stehenden Separatregierung: Siebenbürgen wurde von einem Woiwoden und Slawonien von einem Ban verwaltet. Der siebenbürgische Woiwode war in früheren Zeiten Gespan des im südlichen Siebenbürgen gelegenen Komitats Fehér, doch bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts erstreckte sich seine Gerichtsbarkeit schon auf alle siebenbürgischen Komitate. Als Statthalter des Königs verfügte der Woiwode über weitreichende richterliche, militärische und wirtschaftliche Kompetenzen. Eine ähnliche Rolle kam dem Ban zu, der dem in der westlichen Hälfte des Zwischenstromgebietes von Drau und Save gelegenen mittelalterlichen Slawonien vorstand. Sowohl der Woiwode als auch der Ban zählten als Barone zu den Mitgliedern des Kronrates. Im 13. Jahrhundert entstanden entlang der südlichen Landesgrenzen weitere Banate, unter denen Matschow und das Severiner Banat größere Bedeutung erlangten.

Seit der Wende vom 11. auf das 12. Jahrhundert gehörte auch das sich zwischen den Dinarischen Alpen und der Adria erstreckende Kroatien zum Königreich der Arpaden. 1091 hatte Ladislaus der Heilige den Staat der slawischen Kroaten erobert, und Koloman festigte die ungarische Herrschaft, als er sich im Jahr 1102 zum König Kroatiens krönen ließ. Die von der ungarischen abweichende gesellschaftliche und institutionelle Struktur Kroatiens blieb zwar erhalten, bis zum Jahr 1918 aber trug immer der jeweilige ungarische Herrscher den Titel des kroatischen Königs, und zwar im weiteren auch ohne gesonderte Krönung. Kroatien wurde - vom 13. Jahrhundert an auf jeden Fall - wie Slawonien von einem Ban regiert.

DIE NICHT-UNGARISCHEN
EINWOHNER DES LANDES

Ankömmlinge aus dem Osten

Die Bevölkerung des arpadenzeitlichen Ungarn setzte sich von Anfang an aus mehreren Ethnika zusammen. Einzelne dieser Ethnika - z.B. verschiedene slawischen Gruppen bzw. Reste der awarenzeitlichen Bevölkerung - hatten die landnehmenden Ungarn bereits im Karpatenbecken vorgefunden, andere wiederum siedelten sich im Laufe des 10.-13. Jahrhunderts im Lande an. Ebenso steht außer Zweifel, daß auch das landnehmende Ungartum keineswegs einheitlich war - weder in ethnischer, noch in sprachlicher Hinsicht: Die finnougrische Stammbevölkerung faßte verschiedene, türkische und iranische Sprachen sprechende Teilvölker im Stammesverband der Sieben Ungarn (Hétmagyar: hét=sieben, magyar=Ungarn) zu einer politischen Einheit zusammen.

Ein Teil der Einwanderer kam aus dem Osten. Zu ihnen gehörten die Muslime unterschiedlicher Herkunft, die man in Ungarn entweder Ismaeliten oder Kaliser nannte. Einige der Ismaeliten dienten im Heer, andere waren Kaufleute oder Wirtschftsexperten. Größere Gruppen von ihnen lebten in der Nyírség (Birkenländchen) und in Sirmien. Die ersten Ismaeliten dürften zusammen mit den landnehmenden Ungarn im Karpatenbecken eingetroffen sein, und sogar von der Mitte des 12. Jahrhunderts liegen uns noch Angaben über ihre Einwanderung vor. Ihre religiöse Selbständigkeit hatte man schon mit den Gesetzen des 11. Jahrhunderts versucht aufzuheben. Dennoch blieben einzelne dieser Gemeinschaften bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts bestehen und gingen erst in der Folgezeit im christlichen Ungartum auf.

Gleichfalls zu den frühen Ankömmlingen gehörten die eine Art der türkischen Sprachen sprechenden Petschenegen. Im Laufe des 10.-12. Jahrhunderts wanderten die Petschenegen in kleineren oder größeren Gruppen nach Ungarn, wo sie sich hauptsächlich in den Komitaten Fejér und Tolna in größerer Zahl niederließen. Ein Teil von ihnen verschmolz rasch mit dem Ungartum, andere Gruppen organisierten sich in selbständigen Gespanschaften und bewahrten ihr ethnisches Antlitz bis ins 14. Jahrhundert. Schon im 10. Jahrhundert hatten im Karpatenbecken Juden gelebt, wenngleich sich die auf sie bezogenen Angaben erst vom Ende des 11. Jahrunderts an mehren. Sie befaßten sich überwiegend mit Handel und Geldangelegenheiten. Ihre Stellung regelte König Béla IV. 1251 in einem für das ganze Land gültigen Gesetz.

Mitte des 13. Jahrhunderts trafen erneut Teile eines türkischsprachigen Volkes in Ungarn ein, die Kumanen. Nach dem Mongolensturm führten die Kumanen im Gebiet zwischen Donau und Theiß sowie den Flüssen Körös und Maros ihr Nomadenleben weiter, und trotz der Bestimmungen des 1279 erlassenen "Kumanengesetzes" konnten sie ihre heidnischen Traditionen langezeit bewahren. Nach 1270 unterstanden sie dem jeweiligen Palatin. Ihre Siedlungsgebiete wurden den Komitaten nicht angegliedert, und aus diesen entwickelten sich im 15. Jahrhundert dann die Kumanischen Stühle als separate ethnische Verwaltungsorgane. Die ersten Gruppen der vom 14. Jahrhundert an erwähnten Jazygen iranischer Herkunft waren vermutlich zusammen mit den Kumanen eingewandert.

Im 13. Jahrhundert erschienen innerhalb der Grenzen des Königreichs Ungarn die Rumänen. Das eine vom Lateinischen abstammende Sprache sprechende urrumänische Volk hatte sich im 1. Jahrtausend n. Chr. im Zentrum der Balkanhalbinsel herausgebildet. Die in slawischen und byzantinischen Quellen als Walachen erwähnten Rumänen betrieben eine spezielle Form der nomadisierenden Tierhaltung. An der Wende des 12./13. Jahrhunderts tauchten sie erstmals im Gebiet Siebenbürgens auf. Ihre ersten Gruppen ließen sich in der Umgebung von Fogaras im südlichen Siebenbürgen nieder, und nach dem Mongolenüberfall lebten sie, zunächst in noch nicht allzu großer Zahl, auch in den Gebirgsgegenden des Komitats Bihar. Diese Zuwanderung setzte sich in den späteren Jahrhunderten des Mittelalters fort.

Als ein vom Ungartum getrenntes Ethnikum betrachtete man im Mittelalter die Szekler, die ihrer Sonderstellung auch durch separate Einrichtungen und Gebräuche Ausdruck verliehen. Die Herkunft der in den Schriftquellen des 12. Jahrhunderts auftauchenden Szekler ist nicht geklärt. Nach Meinung einzelner soll es sich um die Nachkommen eines Teilvolkes des bulgarisch-türkischen Stammes der Eskiler handeln, das sich dem Ungartum noch in der osteuropäischen Steppe angeschlossen hatte und mit diesem schon vor der Landnahme verschmolzen war. Da es jedoch keine Anzeichen dafür gibt, daß die Szekler außer dem Ungarischen je eine andere Sprache gesprochen hätten, sind andere Forscher der Meinung, daß das Szeklertum aus verschiedenen ungarischen Gruppen entstanden ist und seine ethnische Selbständigkeit sich erst sekundär herausgebildet hat.

Die Anwesenheit der Szekler ist an zahlreichen Punkten im arpadenzeitlichen Ungarn zu belegen. Neben dem westlichen Grenzstreifen sowie den Komitaten Szabolcs und Baranya gilt insbesondere die Umgebung von Telegd im Komitat Bihar als eines ihrer bedeutenden frühen Siedlungsgebiete. In Siebenbürgen werden Szekler erstmals zu Beginn des 13. Jahrhunderts erwähnt, doch sehr wahrscheinlich bestanden die Szeklersiedlungen im südlichen Siebenbürgen auch im 12. Jahrhundert schon. Die große Mehrzahl der Szekler wurde um 1200 zum Schutz der Grenze im Gebiet des heutigen Szeklerlandes angesiedelt, wo man für sie eine separate, nicht der Oberhoheit des siebenbürgischen Woiwoden unterstehende Gespanschaft einrichtete. Hier entwickelten sich bis zum 14. Jahrhundert die Szekler Stühle als spezifische Institutionen der Verwaltung. Die archaische Struktur der Szekler Gesellschaft blieb das ganze Mittelalter hindurch erhalten.

Einwanderer aus dem Westen

Andere nach Ungarn einwandernde Gruppen kamen aus den verschiedenen Gegenden Westeuropas, und in erster Linie auf sie wurde der Ausdruck hospites angewandt. Einen Teil von ihnen nannte man "Italiener" (Latinus), eine Bezeichnung für die das Neulateinisch sprechenden Völker, die sich somit neben den Italienern auch auf Franzosen und Wallonen bezog. Im Ergebnis ihrer Mitte des 11. Jahrhunderts einsetzenden Zuwanderung bildeten sich in der Umgebung von Erlau und Sárospatak sowie in Sirmien bedeutende italienische Siedlungen heraus. Die Mehrheit der Latiner ließ sich als Ackerbauern nieder. Gleichzeitig entstanden in größeren Siedlungen (z.B. Gran, Stuhlweißenburg) Kolonien italienischer Kaufleute. Diese Gemeinschaften der Hospites waren in Ungarn die Keime der Stadtentwicklung westeuropäischen Typs.

Die zweite große Gruppe westlicher Einwanderer kam aus dem deutschen Sprachraum. Sie wurden nachher zusammenfassend "Sachsen" genannt. Ihre Ansiedlung dürfte bereits im 11. Jahrhundert begonnen haben, doch ihre beiden größeren Siedlungsgebiete - in Siebenbürgen und im Zipserland - bildeten sich erst ab Mitte des 12. Jahrhunderts heraus. In Siebenbürgen entstanden bis zum Ende des 13. Jahrhunderts in vier Landesteilen von der Macht des Woiwoden unabhängige sächsische Gespanschaften, mit den Zentren Hermannstadt, Kronstadt, Radna und Bistritz. Durch die Ausstellung eines Freibriefes (Andreanum), der die Rechte und Pflichten der Hermannstädter Sachsen regelte, legte Andreas II. im Jahr 1224 das Fundament für die Selbstverwaltung der Siebenbürger Sachen, deren Ausbau zum Ende des Mittelalters abgeschlossen war.

Die meisten Siebenbürger Sachsen lebten vom Ackerbau, ihre Vorsteher nannte man Gräven. Unter den bei Radna ansässig gewordenen Sachsen gab es aber auch Bergleute, die in den dortigen Silbergruben arbeiteten. Ebenso konnte man unter den Zipser Sachsen sowohl Bauern als auch Bergleute finden. Den ersten hiesigen Gruppen des Deutschtums folgte nach dem Mongolensturm eine größere Einwanderungswelle. Die Zipser Sachsen lebten in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts schon in separat organisierten Gespanschaften. Stephan V. hatte ihre Stellung 1271 mit einem Freibrief geregelt, der in vielen Punkten dem Andreanum ähnelte. Nach dem Überfall der Mongolen wurden im Zipserland immer mehr Slawen angesiedelt. Diese Ansiedlung führten die Schultheiße durch. Und die Verschmelzung der aus Böhmen, Mähren oder Polen eingetroffenen Siedler mit dem hier seit Urzeiten ansässigen Slawentum führte zur Herausbildung des heutigen slowakischen Volkes.

SIEDLUNG UND WOHNSTÄTTE

Straßen

Straßen verbanden nicht nur die einzelnen Gegenden des Landes, sondern, da sie sich über die Grenzen hinaus fortsetzten, das Königreich Ungarn auch mit den umliegenden Staaten. Im 10. Jahrhundert hatte Stephan der Heilige das Land aus seiner Isoliertheit befreit und um 1018 den Landweg eröffnet, der von Westeuropa durch Ungarn - an Raab und Stuhlweißenburg vorbei durch Transdanubien in Richtung Balkanhalbinsel - und über Byzanz ins Heilige Land führte. Die sowohl für den Handel als auch in militärischer Hinsicht wichtigen "großen Straßen" gingen von dem durch die frühen königlichen Zentren - Gran, Stuhlweißenburg, Altofen - markierten Dreieck aus, weshalb man diese Gegend, übrigens ihrer tatsächlichen geographischen Lage entsprechend, schon sehr früh die "Mitte des Landes" nannte.

Interessante Angaben über das frühe Straßennetz enthält die Beschreibung des Geographen Idrisi. Wie daraus zu entnehmen ist, gab es vier wichtigere Verkehrswege. Einer davon zeigte die Route der siebenbürgischen Salztransporte über die Stationen Karlsburg, Csanád und Csongrád. An der Straße nach Kiew werden Waitzen, Erlau und Ungvár erwähnt, während die Knotenpunkte des Verkehrs in Richtung Byzanz Bács, Titel und Barancs sowie Nagyolaszi gewesen sein dürften. Bemerkenswert ist, daß Idrisi die dem Lauf der Donau folgende Straße in Richtung Westen noch als relativ unbedeutend beschreibt.

An zwei Punkten änderte sich diese Lage bis zur zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts entscheidend. Das nach dem Mongolensturm gegründete Buda und dessen "Zwillingsstadt" Pest am anderen Donauufer übernahmen die frühere Rolle der zentralen Region, und die sechs wichtigsten Verkehrswege des Landes gingen nun von diesen Städten aus. Gleichzeitig kam, infolge der politischen Ereignisse, die sich in der Nachbarschaft des Karpatenbeckens abgespielt hatten, der Handelsverkehr nach Kiew und Byzanz teilweise zum erliegen bzw. fiel in bedeutendem Maße zurück. An seine Stelle traten die Handelsbeziehungen zu Westeuropa, und demgemäß wurden auch die dahin führenden Straßen zu Hauptschlagadern des Verkehrs.

Dörfer

Das Dorf ist eine kleinere Siedlungseinheit, seine Bewohner beschäftigen sich mit der Landwirtschaft. Zur Arpadenzeit kennzeichneten diesen Siedlungstyp die Mannigfaltigkeit der Formen und eine dynamische Entwicklung. Im Zeitalter der Landnahme war die Lebens- und Wirtschaftsweise des Ungartums halbnomadisch. Das bedeutete, die Familien hatten schon seit Jahren Winterunterkünfte geschaffen, in denen sie die kalte Jahreszeit verbrachten. Im allgemeinen sorgten sich einige miteinander verwandte Familien um das Winterquartier, und in seiner Nähe lagen auch ihre Äcker. Wie die bulgarisch-türkischen Lehnwörter der ungarischen Sprache andeuten, bauten sie dort nicht mehr nur Getreidearten, sondern auch schon Küchenkräuter an. Diese Winterunterkünfte waren die ersten Ansätze der späteren Dörfer. Denn in der Folgezeit begleitete nicht mehr die ganze Familie die Tiere vom Frühjahr bis zum Herbst von einer Weide zur anderen, sondern nur einige dazu ausgewählte Männer.

Der Ausbau von Burgkomitaten bzw. der Kirchenorganisation und die Bildung weltlicher Großgrundbesitze im Zeitraum nach der Staatsgründung führten dazu, daß die Menschen seßhaft wurden. Schon in den Schriftquellen des 11. Jahrhunderts ist von Nomadentum keine Rede mehr, wenngleich dabei auch die Anschauung der westeuropäischen Augenzeugen eine Rolle gespielt haben dürfte. Die Gesetzbücher des hl. Stephan und des hl. Ladislaus sowie die Schenkungsurkunden aus dem 11. Jahrhundert beschreiben als Wohnort des Gemeinvolkes auschließlich das Dorf (villa) mit festgelegten Grenzen. Hinweise auf die Geschlechterbindungen fehlen in diesen Quellen, doch hatte das Dorf, ähnlich wie in späteren Jahrhunderten, bereits einen Vorsteher: den Dorfschulzen, der später Dorfrichter (villicus) genannt wurde. Aufgrund von ethnographischen Analogien der Neuzeit (Baschkirien, Kasachstan, Kirgisien) kann auch angenommen werden, daß man damals noch Weidwechsel betrieb, allerdings nur innerhalb der feststehenden Grenzen des jeweiligen Dorfes. Dem frühjährlichen Viehauftrieb folgte wohl nicht mehr die gesamte Einwohnerschaft des Dorfes, sondern nur noch ein Teil von ihnen.

Wichtiger als der Ackerbau dürfte in den meisten Dörfern der Arpadenzeit noch die Tierhaltung gewesen sein, obwohl man innerhalb ein und derselben Familie im allgemeinen beide Wirtschaftszweige betrieb. Im System der halbnomadischen Bewirtschaftung kam den in der Umgebung des Siedlungsplatzes gehaltenen Haustieren ein wichtige Rolle zu. Mangels Düngung war der Kulturboden nämlich schnell ausgelaugt, und diesen Nachteil suchte man zu beheben, indem man am Standort früherer Dörfer den Boden umbrach und bearbeitete. Infolge dessen mußte die frühere Winterunterkunft, d.h. das Dorf, an eine andere Stelle umgesiedelt werden, um den "fetteren" Boden des alten Platzes bestellen zu können. Historischen Niederschlag fand diese Erscheinung in einem der Gesetze Ladislaus des Heiligen (I. Gesetz, Art. 19), wonach es den Dörfern verboten war, zu weit von der Kirche wegzuziehen. Den archäologischen Spuren solcher zyklisch umziehenden Dörfer begegnet man dort, wo innerhalb der Verwaltungsgrenzen einer heutigen Gemeinde mindestens 8-10 arpadenzeitliche Siedlungsplätze zu finden sind. Diese Art der Bewirtschaftung wird als wildes oder auch unregelmäßiges Bodennutzungssystems bezeichnet.

Bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts veränderte sich dieses Bild nicht wesentlich, lediglich die Zahl der Siedlungen wuchs. Als Folge davon gab es im Flachland immer weniger Siedlungen mit großen Gemarkungen, und vom Ende des 12. Jahrhunderts an begann auch die dichtere Besiedlung der Gebirgsregionen an den östlichen und nördlichen Grenzen des Landes. Die Größe der einzelnen Dörfer war sehr verschieden: Ihre Einwohnerzahl differierte zwischen 16 und 65 Familien, am häufigsten waren Dörfer mit 20-25 Familien. Wie es scheint, hing die jeweilige Größe eines Dorfes auch von der Rechtsstellung seiner Bewohner ab. Die mit Landwirtschaft oder einem Handwerk befaßten Dienstleute der Kron- und Kirchengüter lebten in größeren Dörfern, während die Siedlungen der - unter ähnlichen Umständen wie die kleinen Grundbesitzer - zu Waffendiensten Verpflichteten wesentlich kleiner waren. Darüber hinaus gab es noch weilerartige, aus ein bis zwei Wohnhäusern bestehende Ansiedlungen sowie einen speziellen, Prädium genannten Typ der kleinen Siedlung. Letztere befand sich als Gutszentrum nach Art eines verpachteten Meierhofes meist in privatem Besitz eines weltlichen Grundherren, und die hier lebenden Einwohner waren ihrer Rechtsstellung nach Sklaven.

Das Gefüge der arpadenzeitlichen Dörfer wurde grundlegend von ihrer natürlichen Umgebung bestimmt. Im allgemeinen entstanden sie in der Nähe stehender Gewässer oder von Wasserläufen, aber stets auf hochwassergeschützten Anhöhen. Ausschlaggebend für die Wahl des Ortes dürfte nicht nur die Wasserversorgung gewesen sein (obgleich gegrabene Brunnen zu dieser Zeit noch selten vorkamen). Die im Wasser gefangenen Fische dienten als Nahrung, das am Ufer wachsende Schilf und Riedgras waren wichtige Baustoffe. Das Straßennetz besaß für die Ansiedlung von Dörfern damals scheinbar noch keine allzu große Anziehungskraft.

Anhand archäologischer Freilegungen ist es heute bereits möglich, die Grundrißanordnung der Winterunterkünfte oder Dörfer zu skizzieren. Die Siedlungsplätze waren allgemein großer Ausdehnung. In diesen frühen Siedlungen hatte man die Jurten, Häuser, Herdstellen und Vorratsgruben, scheinbar unregelmäßig, in Form von "Büschen" angeordnet. Meist lagen die Unterkünfte im Umkreis um die zwecks Haustierhaltung errichteten Hürden und Gräben. An den Ecken der umzäunten Teile befanden sich die Siedlungsobjekte.

Grundlegenden Einfluß auf das Leben der Dörfer hatte außer der Bewirtschaftung die Tatsache, ob sie sich zu einem Zentrum ihrer engeren Umgebung entwickeln konnten. Größere Chancen boten sich solchen Siedlungen, die in der Nähe von Straßen bzw. Furten lagen und/oder in denen es eine Kirche gab. Eines der Gesetze des hl. Stephan (II. Gesetz, Art. 1) schrieb lediglich als erwünschtes Ziel vor, daß von jeweils zehn Dörfern eine Kirche gebaut werden müsse. Bis Ende des 13. Jahrhunderts verfügte in den besser entwickelten Landesteilen etwa die Hälfte, andernorts hingegen nur ein Fünftel der Siedlungen über einen eigenen Sakralbau. Vom Ende des 12. Jahrhunderts an tauchten in den Dörfern auch bäuerliche Handwerker auf, die den Bedarf der Ortsansässigen schon in ziemlich breitem Maße decken konnten. Eine Schmiedewerkstatt wurde in den meisten Dörfern gegründet, aber Beispiele für leder- oder holzverarbeitende Handwerker gibt es aus dieser Zeit noch selten. Als allgemein verbreitet darf jedoch das Keramikhandwerk gelten, dessen Herausbildung davon abhing, ob in der Nähe eine brauchbare Tonfundstätte lag.

In der Wohnkultur des Gemeinvolkes zeigten sich insgesamt gesehen ebensolche Unterschiede. Eine aus der südrussischen Steppe mitgebrachte Tradition, das Zelten, kann bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts belegt werden. Filzjurten wurden nur in der wärmeren Jahreszeit bewohnt, während man den Winter in einem Gruben-, Schlamm- oder eventuell Holzhaus verbrachte. Der Freisinger Bischof Otto hat die Wohnungen des ungarischen Gemeinvolkes im Jahr 1147 folgendermaßen beschrieben: "Da es in den Dörfern und Siedlungen nur sehr dürftige, also aus Schilf, seltener aus Holz und noch seltener aus Stein gebaute Häuser gibt, wohnen sie den ganzen Sommer und Herbst hindurch in Zelten."

Der besseren Belüftung und des größeren Innenraumes wegen dürfte die Jurte im Vergleich zum Grubenhaus weit bequemer gewesen sein. Die Darstellung, mit der Verbreitung des Grubenhauses hätte sich eine höhere Wohnkultur eingebürgert, fußt auf einem Irrtum. Denn das Grubenhaus war eine kleine, dunkle und verrauchte Wohnstätte, die wohl nur einen Vorteil hatte: Ihre aufgehenden Wände und Dachkonstruktion konnten leicht errichtet werden, und zwar aus solchen Baustoffen (aus Holzstämmen und Ästen, aus Schilf), die man in der Umgebung jeder beliebigen Winterunterkunft fand, und im Winter dürfte sie wärmer als die Jurte gewesen sein. Größter Nachteil der Benutzung einer filzbedeckten Jurte war, daß in etwa eine Schafherde benötigt wurde, um das zur ständigen Instandhaltung notwendige Filzmaterial herstellen zu können.

Grundtyp der dörflichen Wohnstätten war, den archäologischen Befunden zufolge, das kleine (im allgemeinen 3x4 m messende) Grubenhaus. Seine Dachkonstruktion wurde von mindestens zwei Pfostenstreben gestützt, in einer Ecke hatte man aus Lehm oder kleineren Steinen einen Herd errichtet. Aus den Maßen dieses Grubenhauses ergab sich, daß die Bewohner nur saisonal, in der kälteren Jahreszeit, darin wohnten. Sobald es das Wetter erlaubte, hielten sie sich lieber im Freien oder in den Nebengebäuden auf. Zur Wohnstätte der Familien des Gemeinvolkes gehörten neben dem Grubenhaus noch ein Herd unter freiem Himmel, Speichergruben, fallweise zur Tierhaltung dienende Gebäude sowie an der Erdoberfläche stehende, provisorisch errichtete Bauten.

Die Größe des Grubenhauses ermöglichte es den gemeinen Freien nicht, mit ihren Haustieren unter einem Dach zu wohnen. Aus den Schriften über die Heiligsprechung Margaretes aus dem Arpadenhaus geht hervor, daß von einer Familie des Gemeinvolkes um 1250 nur die Ehefrau und die beiden Kinder im Haus schliefen, während der Ehemann sich in der Nähe der Haustiere, unter freiem Himmel, einen Platz zum schlafen suchte. Dieselbe Quelle informiert noch über zwei weitere wichtige Fakten. Zum einen dürfte die Siedlungsstruktur eines Teils dieser Dörfer ziemlich weiträumig gewesen sein. Ein unter Eid über die wundersame Wiederbelebung seines Kindes aussagender Gemeiner berichtet beispielsweise, daß sein nächster Nachbar einen Pfeilschuß von seinem Haus - also mindestens 100 m - entfernt wohne. Andererseits hat die weder als reich, noch als arm zu betrachtende, aber zum Stand der Freien gehörende Familie innerhalb von drei Jahren an drei verschiedenen Orten gewohnt, was auf eine relativ große Mobilität hindeutet.

Mitte des 13. Jahrhunderts begann sich das oben gezeichnete Bild des Dorfes zu wandeln, und in den folgenden anderthalb Jahrhunderten entvölkerten sich viele dieser Dörfer, sie starben aus. Früher hat man den Beginn dieses als Verödung bezeichneten Prozesses im allgemeinen mit dem Mongolensturm erklärt. Heute pflegt man die gesellschaftlichen Bewegungen zum Ende der Arpadenzeit als erstrangige Ursachen dafür anzusehen; und die tragischen Ereignisse der Jahre 1241-42 dürften den Vorgang noch beschleunigt haben. Gleichzeitig aber war bei einem wesentlich geringeren Prozentsatz der Dörfer Wachstum zu verzeichen, sowohl was ihre Größe als auch die Einwohnerzahl anbelangte. Die Entwicklung des neuen Dorfbildes wurde, nach allgemeiner Auffassung, neben der natürlichen Umgebung (orographische, hydrographische Faktoren) vor allem vom Straßennetz beeinflußt - obwohl auch größere Gebäude, die Kirche bzw. Kurie zur topographischen Gestaltung der Siedlung beitrugen. Ein großer Teil der Dörfer war nach Grundstücken geordnet. Zu den Häuser einer jeweiligen Siedlung gehörten außerhalb gelegene Grundstücke (Äcker, Wiesen) identischer Größe. Die Zwangsbewirtschaftung fand immer stärkere Verbreitung und auch die Wohnstätte veränderte sich: an die Stelle des Grubenhauses mit einem Raum trat das Bauernhaus mit mehreren, im allgemeinen drei Räumen. Dieser Haustyp entsprach den Bedürfnissen in solchem Maße, daß er vielerorts bis in die Gegenwart zu beobachten ist.

Städte und Burgen

Die ersten Keime der ungarischen Städte erschienen bereits zur Herrschaftszeit der Arpadenkönige. Weite Landstriche waren damals noch von Wäldern und Sümpfen bedeckt, die landwirtschaftliche Produktion erstreckte sich auf ein eng begrenztes Gebiet und war aufgrund ihrer relativ primitiven Struktur noch nicht in der Lage, eine größere Zahl städtischer Bürger zu ernähren. Zu der für westliche Länder im 12. Jahrhundert typischen demographischen Explosion dürfte es in Ungarn etwas später gekommen sein, und sie schuf die Möglichkeiten zur Entwicklung der Städte. Infolge der steigenden Warenproduktion entstanden in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts mehr und mehr Marktplätze. Bei den durch königliche Gesetze geregelten Wochenmärkten wechselten landwirtschaftliche Erzeugnisse und einfache Industriewaren (z.B. Tuche, Schuhe) den Besitzer. Die wichtigsten Handelsstraßen überzogen das Land wie ein Netz von Ost nach West und von Nord nach Süd. Entlang dieser Straßen, im Umkreis der Marktplätze, bildeten sich die ersten, unter den Verhältnissen der damaligen Zeit als urban zu bezeichnenden Siedlungen heraus.

In dem für die "Mitte des Landes" (medium regni) gehaltenen Gebiet, das sich vom Donauknie bis zur Nordlinie des Balaton (Plattensee) erstreckt haben dürfte, lagen ebenfalls riesige Wälder. Zu jener Zeit gab der Wald den Menschen Schutz, Baustoffe, Heizmaterial und nicht zuletzt Nahrung (Pilze, Obst, Wildfleisch), was deshalb besonders wichtig war, weil die Domestizierung noch nicht den Entwicklungsstand erreicht hatte wie heutzutage. Es ist kein Zufall, daß die frühen Königsburgen Ungarns ebenso wie die Herrensitze (Kurie), Städte und vom König gegründeten Klöster in den erwähnten Wäldern bzw. deren Randgebieten entstanden (z.B. Pannonhalma, Tata [Totis], Esztergom [Gran], Dömös, Visegrád [Plintenburg], Óbuda [Altofen], Székesfehérvár [Stuhlweißenburg], Veszprém, Pilis).

Über den Grundriß bzw. das Gefüge unserer frühen Städte wissen wir relativ wenig. Bis zum 13. Jahrhundert hielten sich die ungarischen Könige meist in Gran auf. Hier wurde Stephan der Heilige geboren, der es als wichtig empfand, in dieser Stadt ein Erzbistum zu gründen, und ihr damit ermöglichte, zum kirchlichen Zentrum des Landes zu werden. In Stuhlweißenburg, dem Geburtsort des hl. Emmerich, ließ König Stephan den von seinem Vater errichteten Fürstensitz zu einer Königsburg mit Palast umbauen. Die von ihm gegründete Basilika war Schauplatz der Krönungen, königlichen Hochzeiten und Taufen, und in der Nähe des Grabes Stephans des Heiligen und des hl. Emmerich wurden die sterblichen Überreste zahlreicher ungarischer Könige bestattet. Zu den Gerichtstagen am Festtag des hl. Stephan weilte der König immer hier, wie man auch in den Artikeln der Goldenen Bulle lesen kann.

In Altofen bildete sich in der Umgebung einer Kurie eine Siedlung heraus, und später, vom 13. Jahrhundert an, in der Nachbarschaft einer Burg. Im nördlichen Teil der Stadt befand sich das kirchliche Zentrum mit dem Gebäudekomplex der Propstei, in dessen Nähe man den Marktplatz anlegte, und nahe der Peterskirche erbauten die Franziskaner ihr Kloster und ihre Kirche. Die ersten ungarischen Städte entstanden teilweise an der Stelle römischer Siedlungen oder auf deren Ruinen. Mitunter errichtete man sie nur der günstigen Siedlungsmöglichkeiten wegen (Wasser, Wald, Wehrhaftigkeit, das leicht zugängliche Baumaterial der römischen Ruinen) auf den antiken Überresten. Dies war z.B. in Szombathely (Savaria/Steinamanger), Gyor (Arrabona/Raab), Pest (Contra-Aquincum), Esztergom (Solva/Gran) und Kolozsvár (Napoca/Klausenburg) der Fall.

Verschiedene neue Siedlungen verwendeten aber auch die noch stehenden Bauten bzw. deren Ruinen wieder. Einzelne Forscher nehmen an, daß Kurszán, der Großfürst der landnehmenden Ungarn, nachdem er mit seinen Kriegern an der Furt bei Megyer die Donau zum Ofner Ufer überquert hatte, seine Burg im Amphitheater der einstigen Militärstadt einrichtete. Das Straßennetz von Altofen paßte sich dem Straßensystem des früheren römischen Kastells an. In Visegrád schützen die Mauern des Kastells Pons Navatus den Gespanssitz, und die römerzeitichen Mauern von Scarbantia umgaben das mittelalterliche Sopron (Ödenburg). Auch in Fünfkirchen (Sopianae) beeinflußte das Straßennetz des Kastells die Herausbildung des Straßengefüges der zum Teil auf dessen Territorium erbauten mittelalterlichen Stadt. Daß es bis ins Mittelalter überlebte, verdankte Sopianae den zu jener Zeit noch stehenden Grabkapellen seines Friedhofes. Im Umkreis dieser in Europa auch als Wallfahrtsorte geltenden Grabkapellen entstanden mehrere Siedlungen. Eine davon könnte, wie der mittelalterliche Name (Quinqueecclesiae) zeigt, Fünfkirchen gewesen sein.

Im Mittelalter wurden also teilweise die Städte römischen Ursprungs an den von Handelsstraßen durchquerten Marktplätzen oder am Ufer schiffbarer Wasserläufe (Pest, Altofen, Gran) weiter ausgebaut, zum Teil waren es aber auch neugegründete Städte (wie Weißenburg). Fremde Kaufleute - Kaliser, Juden - ließen sich dort nieder, Mitte des 12. Jahrhunderts kam es durch demographisches Wachstum zu einer Wanderung im Landesinneren, und dann erschienen auch die ausländischen Siedler (Latiner, Deutsche). Sie bildeten die Einwohnerschaft dieser Siedlungen. Stadtrechte, der wachsende Reichtum der Bürgerschaft sowie die Entwicklung des Handwerks trugen zur Erstarkung der Städte bei. Daneben befaßten sich die Einwohner der frühen Städte noch immer mit landwirtschaftlicher Tätigkeit - in Stuhlweißenburg z. B. mit Weinbau bzw. in Gran mit Fischfang. Mehrere dieser frühen ungarischen Städte wurden als Stadt ohne Wehranlagen gegründet. Ein solche Stadt war Fünfkirchen, hier stand schon im 12. Jahrhundert eine von Wällen umgebene Bischofsburg mit Palast. Und vielleicht trifft dasselbe auch auf Pest zu.

Im Falle von Raab, Neutra, Waitzen oder Kalocsa handelte es sich um zweipolige Städte, wo sich die Siedlungen am Fuße der Gespans- oder Bischofsburgen (bei 11 Bischofsresidenzen) ausbreiteten. In Raab bot der durch Wälle und Gräben geschützte Sitz der weltlichen Macht auch dem Bischofspalast und der Kirche Platz. Darüber hinaus gab es mehrpolige Städte wie Weißenburg, wo man um den von Mauern umgebenen Gebäudekomplex der Propstei (hier stand auch die der Heiligen Jungfrau geweihte Königskathedrale) mindestens drei Siedlungen errichtete. Aus heutiger Sicht sind diese frühen Städte wohl eher Siedlungen mit dörflichem Gepräge und meist nur einer Straße gewesen. Ihre Bewohner waren Kaufleute, Burgjobagionen, Burgsassen, Leibeigene. Die zum engeren Stadtkern gehörenden Siedlungen wurden wie ein Kranz von einer ganzen Anhäufung Siedlungen umringt, oder sie verwuchsen mit diesen (Raab, Gran, Weißenburg, Veszprém). Die zeitgenössischen Handelszentren bildeten sich heraus (Weißenburg, Gran, Altofen, Pest), deren Mittelpunkt der Marktplatz darstellte; es konnte im Gebiet dieser Städte aber auch mehrere Marktplätze geben.

In Stuhlweißenburg läßt sich das frühe Stadtgefüge eindeutig nachweisen. Der Markt lag im Herzen der Stadt, südlich davon die frühe Königsburg mit Palast und östlich davon der Gebäudekomplex der Propstei mit der königlichen Kathedrale. Nördlich der Basilika, im Umkreis der Heiligenkreuzkirche, wohnten die Leibeigenen der Propstei. An der Nordwestseite des Marktplatzes, in der Umgebung der Bartholomäuskirche, dürften die Burgjobagionen gelebt haben, während die im nördlichen Teil des Marktes stehende Jakobskirche vermutlich den hier angesiedelten Kaufleuten als Kirche diente.

Kirchen oder Kapellen erhielten in den königlichen (bischöflichen) Burgen der frühen Städte einen Platz neben dem Palast. Hier befanden sich wohl auch die Wachunterkünfte und eventuelle Stallungen. Die Grundfläche der frühesten Periode der frühen Königsburg von Stuhlweißenburg betrug 5.200 m2, was sich annähernd mit den Abmessungen der europäischen Königsburgen dieser Zeit deckt. Die Schönheit der in den Königsburgen stehenden Paläste kann man außer an fragmentierten Steinmetzarbeiten und auf Grundrißzeichnungen in der Burg von Gran noch heute bewundern.

In den durch Mauern befestigten Kirchenzentren dürften der Palast, die Kirche sowie - nach dem Muster der Stuhlweißenburger Königskathedrale - an der Südseite der Kirche das Kloster Platz gefunden haben. Entlang des Kreuzganges wohnten die Domherren, und hier stand wohl auch die Schule bzw. das Gästehaus. Die Grundfläche des von einer Mauer umgebenen Gebäudekomplexes stimmte annähernd mit dem Gelände der erweiterten frühen Königsburg überein (ca. 20.000 m2). Bereits Mitte oder Ende des 10. Jahrhunderts dürfte man in Ungarn mit dem Bau von Burgen begonnen und im Zuge dessen mehrere Burgen mit Holzkonstruktion erbaut haben. Die an strategisch wichtigen Punkten, an Flüssen, auf Sumpfinseln, Halbinseln oder Landzungen errichteten Burgen waren vermutlich auch durch Gräben geschützt, ihre Wälle bestanden aus einer Erde-Holz-Konstruktion. Schon diese frühen Burgen dienten meist dem Schutz der Grenzen, oder sie waren Sitz eines Gespans bzw. Sippenoberhauptes. Im 12.-13. Jahrundert dann entstanden weitere Burgen dieses Typs, zumeist mit rundem oder ovalem Grundriß. Durch ihren Bau wurde die Wehrhaftigkeit der natürlichen Verteidigungslinien verstärkt (steile Bergabhänge, längliche Einschnitte an Bergrücken). In der Mitte dieser Burgen erbaute man einen Wohnturm bzw. Wirtschaftsgebäude, damals nicht selten schon aus beständigem Material wie Steinen oder Ziegeln.

Relativ früh, bereits zur Zeit Stephans des Heiligen, muß es in Ungarn mehrere Steinburgen gegeben haben, deren Zahl Anfang des 13. Jahrhunderts weiter zunahm. Im Jahr 1242 erwiesen sich neben Stuhlweißenburg und Gran auch die Burgen von Veszprém, Tihany, Raab, Pannonhalma, Wieselburg, Ödenburg, Eisenburg, Güssing, Zalavár, Lockenhaus, Preßburg, Neutra, Komarn, Fülek sowie, auch ohne steinerne Mauern, Abaújvár als derart stark, daß sie sogar dem Ansturm der Mongolen widerstanden. Einige Burgen hatten römische Vorläufer, z.B. Visegrád (Pons Navatus). Am charakteristischsten für die frühen ungarischen Steinburgen war, daß man sie an schwer zugänglichen Stellen erbaute (Detrekõ). Mehrere Burgen entstanden inmitten sumpfigen Geländes (Stuhlweißenburg), andere an Flußmündungen (Adorján, Újvár).

Nach dem Mongolensturm ging man unter König Béla IV. an den Wiederaufbau des Landes, wozu auch der Bau mehrerer Königs- und Eigenburgen gehörte. Diese Burgen waren aus Stein, sie hatten relativ hohe, durch Türme mit quadratischem, rechteckigem oder halbrundem Grundriß gegliederte Mauern. Solche Mauern umgaben auch die befestigten Städte (Gran, Stuhlweißenburg, Pest, Ofen). Die Tore befestigte man extra mit einem bzw. mehreren Türmen. Im entsprechenden Winkel der durch Mauern geschützten Städte entstanden dann die Königs- oder Kirchenburgen, die sich von der Stadt absonderten. Mitunter dermaßen, daß man sie sogar mit Gräben umgab (Stuhlweißenburg, Ofen, Güns, Fünfkirchen, Waitzen). An den Ecken der innerhalb, entlang der Stadtmauern errichteten Paläste dürften Türme gestanden haben (Stuhlweißenburg, Güns).

In Ungarn wurden von Steinmauern geschützte Städte als eine direkte Folge des Mongolenüberfalls ausgebaut, und zwar nur kurze Zeit nach ihrem Erscheinen in der westlichen Hälfte Europas. Eine Stadtmauer erhielten damals Stuhlweißenburg, Ofen, Fünfkirchen, Tirnau, Kaschau, Preschau und Güns. Die Ausdehnung dieser Städte und die Zahl ihrer Einwohner hingen von der Wichtigkeit ihrer Rolle im Handelsverkehr, ihrer Wehrhaftigkeit und nicht zuletzt - wie in Stuhlweißenburg - von ihrer geographischen Lage (den Grenzen des Sumpfgebiets) ab. Dementsprechend gab es Städte mit Grundrissen in der Form eines Bogendreiecks, eines Bogenquadrats oder annähernd eines Kreises. Einige von den Vorstädten, die sich außerhalb der Wehranlagen erstreckten, wurden am Vorabend der türkischen Eroberung durch holzverstärkte Erdwälle und Gräben befestigt (Stuhlweißenburg), und einzelne umgab man später mit einer Steinmauer (Ödenburg). Viele große Vorstädte blieben jedoch völlig ungeschützt.

Innerhalb der Mauern kam es zum Ausbau des Straßennetzes. Im Zentrum der nach Plan errichteten Innenstadt von Stuhlweißenburg blieb der alte Marktplatz erhalten. Nördlich davon baute man jeweils drei Straßen mit entsprechenden Nebenstraßen aus. Das System der Straßen war überwiegend unregelmäßig, doch an mehreren Stellen läßt sich die für ihren Bau typische Planmäßigkeit erkennen. Die Pläne hatten mannigfaltige Form. Dort, wo sich die wichtigeren Handelsstraßen verbreiterten, entstanden die Märktplätze mit trichterförmigem oder quadratischem Grundriß. Daneben wurde das Rathaus und die für den Marktplatz typische Kirche erbaut. Zu dieser Zeit erschienen in den Städten auch die verschiedenen Mönchs- und Nonnenorden: Franziskaner-, Dominikaner-, Augustiner- und Karmelitermönche bzw. die Nonnen des Dominikaner- und Franziskanerordens (Klarissinnen). Ihre Klöster errichteten sie größtenteils in den Vorstädten, da im Stadtinneren meist kein Platz mehr war.

Zwischen den unregelmäßig verlaufenden Straßen oder Plätzen lagen die Häuserblöcke. Die Grundstücke dieser Blöcke hatten unregelmäßige Grundrißform und unterschiedliche Größe. Entlang der Straßen und an den Plätzen wohnten die verschiedenen Nationalitäten angehörenden Bürger der Städte (Ungarngasse, Latinergasse, Deutsche Gasse, Judengasse). Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts aber verschmolzen sie mit der ungarischen Einwohnerschaft, bzw. durch Umzüge wohnten in diesen Straßen damals überwiegend schon Bürger mit ungarischem Namen. Die Straßennamen konnten auf den Beruf ihrer Anwohner verweisen (Brötchenbäckergasse, Domherrengasse, Schwertfegergasse), oder sie trugen den Namen von Heiligen bzw. einer dort stehenden Kirche (Sankt Petersgasse, Sankt Annengasse, Sankt Nikolaigasse). Darüber hinaus sagten die Namen etwas über Größe, Wichtigkeit und Alter einer Straße aus (Hauptstraße, Große Straße, Alte Straße), oder sie enthielten Hinweise auf den Inhaber (Kapitelgasse) bzw. die Funktion (Marktplatz, Kornmarkt, Fischmarkt).

Im Unterschied zu den Häusern des 11.-12. Jahrhunderts - dies waren teilweise Grubenhäuser mit Wänden aus Holz oder Flechtwerk mit Lehmbewurf - erhoben sich nach dem Mongolensturm an den Sraßen und Plätzen schon Steinhäuser. Den inneren und äußeren Rand der Hausmauer setzte man aus größeren Steinen, eventuell Quadern, und der Raum zwischen den beiden Steinreihen wurde mit in Mörtel gegossenen Bruchsteinen ausgefüllt. Diese in gelbem, braunem oder weißem, kieshaltigem Mörtel verlegten Mauern waren 80-120 cm dick, was den Bau von ein-ja sogar zweigeschossigen, häufig unterkellerten Häusern ermöglichte. Stabilität verlieh man den aus Quadersteinen bestehenden Ecken dieser Häuser durch Eckarmierung. Anfangs standen die Stadtgebäude meist noch mit der Schmalseite zur Straße, doch in späteren Jahrhunderten waren die Straßenfronten fast überall schon bebaut.

Die frühen Häuser bestanden aus zwei äußeren Zimmern und einer in der Mitte liegenden Küche, vermutlich mit freistehendem Stornstein. Sie wurden zum Hof hin und an der Straßenfront zellenartig erweitert. Ihr Fußboden bestand aus einfachem Terrazzo, mitunter vielleicht auch aus Ziegeln oder Brettern. Noch im heutigen Buda (Ofen), Székesfehérvár (Stuhlweißenburg), Pécs (Fünfkirchen) und Sopron (Ödenburg) kann man solche mittelalterlichen Häuser besichtigen.


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