6. Unterricht, Kultur


Inhaltsverzeichnis

Die Schulen

Die größte Veränderung im Schulwesen zu Beginn des 17. Jahrhunderts ist die Vervielfachung des Anteils der Leibeigenen unter den Schülern, die auch den Zeitgenossen auffiel. János Apáczai Csere, der vorzügliche Lehrer und große Schulexperte um die Mitte des Jahrhunderts, meinte, die vielen Leibeigenenkinder verdrängten die Adligen bereits aus den Schulen, und gab als Grund an, sie flüchteten vor der Leibeigenschaft und der Armut. Das mochte wohl auch stimmen, denn in Siebenbürgen garantierte altes Gewohnheitsrecht und dann ein von Bethlen sanktioniertes Gesetz den Leibeigenen die Freiheit des Lernens. Die Grundherren durften sie daran nicht hindern, so daß der schwere und doch für jeden gangbare Weg des gesellschaftlichen Aufstiegs das Lernen war und blieb.

Der Einstieg wurde durch ein relativ dichtes Netz von Schulen erleichtert. Nicht in gleichmäßiger Verteilung, aber überall in Siebenbürgen gab es Schulen, die meisten bei den Sachsen, wo 1660 außer 239 Geistlichen 224 Rektoren registriert wurden, so daß praktisch jede Gemeinde einen eigenen Lehrer hatte. Über eine solche Versorgung verfügten in den Gebieten {345.} ungarischer Muttersprache sonst nur die Szekler. Beeinträchtigt wird das Gesamtbild vom Schulwesen nur durch die unerhörte Rückständigkeit der rumänisch besiedelten Gebiete. Auch wenn vermutlich einzelne Klöster ebenfalls Unterricht erteilten, gab es nur zwei offizielle rumänischsprachige Schulen, und die dritte gründete Georg I. Rákóczis Witwe Zsuzsanna Lórántffy 1657 in Fogarasch.

Die Schulorganisation selbst änderte sich im 17. Jahrhundert in zwei Punkten. Man begann Mädchenschulen zu gründen, ein enormer Fortschritt, weil sich damit einer in der Kultur bisher völlig vernachlässigten Gruppe die Möglichkeit des Lernens bot. Die zweite wichtige Änderung bestand in der Einführung einer Hochschule in das bisher mit dem Gymnasium abschließenden Schulsystem. Dies geschah 1622, im europäischen Vergleich sehr spät, doch kam die Weißenburger Akademie immerhin zustande und blieb bestehen, anders als Stephan Báthorys nur einige Jahre existierende Klausenburger Hochschule im 16. Jahrhundert. Die mit den Lehrstühlen Theologie, Philosophie und Rechtswissenschaft ihre Lehrtätigkeit aufnehmende Weißenburger Akademie sollte Bethlens Absicht nach Georg I. Rákóczi zu einer echten Universität ausbauen, wozu es aber nicht gekommen war. Trotzdem erhielten dort zahlreiche Studenten die Möglichkeit zum geistigen und gesellschaftlichen Aufstieg.

Auch bei den Sachsen entstand die Idee einer Hochschulgründung. 1647 verhandelte darüber ihre kirchliche Synodalversammlung und 1653 die Versammlung der Nation. Im Falle einer Unterstützung seitens der fürstlichen Schulpolitik wäre es wohl schon im 17. Jahrhundert zur Gründung einer evangelischen Hochschule gekommen und die Besten hätten nicht weiter im Ausland ihre Studien beenden müssen. So aber blieben an den ausländischen Universitäten weiterhin die Sachsen in der Mehrzahl: 55 % der ca. 4500 im Ausland studierenden Siebenbürger im 16. und 17. Jahrhundert stammten aus den fünf größten sächsischen Städten, während alle übrigen aus insgesamt 56 Ortschaften kamen.

Der häufige Besuch ausländischer Universitäten war ein Kennzeichen des gesamten Unterrichtswesens in Ungarn und war wohl auf das Fehlen heimischer Universitäten zurückzuführen. Darüber hinaus artikulierte sich darin aber auch der Wunsch nach höherer Bildung. Infolge des Verfalls der mittelalterlichen Universitäten und der Dreiteilung des Landes hat für Ungarn auch die Gefahr bestanden, den Anschluß an die europäische Kultur zu verlieren. Diese Gefahr aber konnte vermieden werden. Eigenartigerweise nahm der Universitätsbesuch nicht einmal während der Kriege ab. Im 16. Jahrhundert z. B. besuchten ferne Universitäten die meisten in den Jahren 1521–1530, und diesen Rekord übersteigt nur die Zahl von 304 an fremden Universitäten eingeschriebenen Hörern im Jahrzehnt nach 1630.

Was die Richtung der Studentenwanderung betrifft, so änderte sich schon um die Jahrhundertwende die Wahl der Universitäten. Unter den reformierten Fürsten, also seit Stephan Bocskai, lagen die katholischen Universitäten für lange Zeit abseits der Reiseroute der Siebenbürger, und erst seit der Mitte des Jahrhunderts ging man wieder nach Padua, wo man die beste medizinische Ausbildung erhielt. Deutschlands Verwüstungen durch den Dreißigjährigen Krieg lenkten die Studenten dann nach England und Holland, so daß Siebenbürgen von der großen Zerstörung Mitteleuropas profitierte, indem seine Studenten nach Holland und England kamen, als dort der Geist am {346.} lebendigsten sprudelte. Mit etwas Übertreibung läßt sich gar behaupten, daß die wissenschaftliche Revolution in England, am Londoner Gresham College, auch einen siebenbürgischen Teilnehmer hatte. Zumindest wirkte im damaligen Zentrum englischer Wissenschaft bis 1646 János Bánffyhunyadi als anerkannter Chemiker.

Viel überraschender als sein Fall ist jedoch die Tatsache, daß einzelne hervorragende Persönlichkeiten jenes komplizierte Ideensystem, das man üblicherweise mit dem einfachen Begriff „Puritanismus“ bezeichnet, fast vollständig mit heimbrachten. Sie verkündeten ebenso die moderne Beziehung zwischen Individuum und Kirche, wie sie sich der Sache der öffentlichen Bildung annahmen oder die Elemente der kartesianischen neuen Metaphysik lehrten. Am bekanntesten wurden Pál Medgyesi, János Tolnai Dali und János Apáczai Csere, bzw. sie waren die ersten, in deren Tätigkeit sich in der Mitte des Jahrhunderts der ungarische Puritanismus konzentrierte. Mit grober Vereinfachung läßt sich sagen, daß sich Medgyesi vor allem mit dem kirchlichen Leben, Apáczai Csere mit der Erneuerung der Wissenschaft und Tolnai Dali mit den Schulen beschäftigte. Nach ihnen und mit ihnen gemeinsam waren weniger bedeutende Persönlichkeiten tätig, und zwar über Siebenbürgen hinaus vor allem in Ostungarn. Später dann trugen – immer wieder verstärkt durch neue ausländische Einflüsse – viele in ihren Spuren die puritanischen Ideen weiter.

Überraschend ist daran besonders, daß für den Puritanismus, den doch die Probleme der modernsten Gesellschaften im damaligen Europa herausforderten, gerade einzelne Siebenbürger sensibel waren. Doch singulär ist dies keinesfalls; schon vorher und auch später erreichten Ungarn bzw. Siebenbürgen die modernen Ideenströmungen jeder Periode. Unterschiedlich waren allein die Umstände ihrer Aufnahme oder Zurückweisung. Der Puritanismus löste außerordentlich extreme Stellungnahmen aus. Selbst die Fürstenfamilie war geteilter Meinung: Georg I. Rákóczis Frau Zsuzsanna Lórántffy und ihr jüngerer Sohn, Zsigmond, standen auf Seiten der Puritaner, während die beiden Georg Rákóczi sie verfolgten. In breiten Gesellschaftskreisen, in den Kirchengemeinden und Schulen kam es zu stürmischen Auseinandersetzungen, weil Intoleranz auf Intoleranz stieß. Die Verfechter des Puritanismus – als hätten sie vergessen, daß sie nicht in England oder Holland lebten – wollten alle ihre Ideen sofort verwirklicht sehen, während die Wortführer ihrer Gegner in ihrer geistigen Eifersucht jeden puritanischen Gedanken von vornherein ablehnten. Beide Seiten hätten mit weiserer Zurückhaltung viel Sturm und Unruhe vermeiden können.

Die Intelligenz

Die Elite der Intelligenz in der Mitte des Jahrhunderts bestand aus Puritanern, die aber bei weitem nicht die Mehrheit bildeten. Dennoch ist ihre Haltung typisch, weil sie trotz aller Schwierigkeiten im Lande tätig blieben. Außerordentlich wenige der Universitätsabsolventen kehrten aus dem Ausland nicht zurück, in 200 Jahren nur 2,4 %, der namentlich bekannten Personen.

Dabei kam es sehr wohl zu Berufungen. Viele hatten vor ihrer Rückkehr ernsthafte Angebote abgelehnt, obwohl sie genau wußten, daß sie aus den {347.} Zentren höchster Wissenschaftlichkeit urplötzlich in kleine Dörfer mit primitiven Verhältnissen gelangen würden. Sie spielten die entscheidende Rolle bei der Erneuerung des Schulwesens, sie waren lebende Vorbilder für die schicksalswendende Kraft des Lernens, und sie brachten die jungen Leibeigenen dazu, Millionen von objektiven und subjektiven Hindernissen zu überwinden, um Bildung zu erwerben.

Auch die Zusammensetzung der Intelligenz änderte sich nicht: Ein naturwissenschaftlich gebildeter Gelehrter war im 17. Jahrhundert unter den Siebenbürgern noch genauso selten wie früher. Nur 10,3 % der namentlich bekannten Personen mit ausländischem Universitätsabschluß im 16. und 17. Jahrhundert wurden in der Heimat Ärzte, Beamte oder Drucker, die übrigen arbeiteten als Lehrer und vorwiegend als Pfarrer.

Die wohl charakteristischste Gruppe der Rückkehrer sammelte sich an der Klausenburger Schule, wo eine ganze Serie von Ärzten lehrte, darunter solche Größen wie Máté Csanaki, der nach dem Besuch mehrerer namhafter Universitäten seinen medizinischen Doktorgrad in Padua erworben hatte. Die Erklärung liegt darin, daß die Unitarier nur in Polen Theologie studieren konnten und sich im Westen meist an medizinischen Fakultäten einschrieben, zu Hause aber häufig als Lehrer arbeiteten oder beide Berufe ausübten. Oft lehrten sie gemeinsam mit den aus Polen berufenen Professoren an den unitarischen Schulen Klausenburgs.

Von den in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts nach Siebenbürgen berufenen ausländischen Lehrern wurden an erster Stelle jedoch stets die an der Weißenburger Akademie Lehrenden erwähnt. Als erster kam einer der bedeutendsten deutschen Dichter seiner Zeit, Martin Opitz, nach Weißenburg, kehrte aber bald nach Hause zurück, da ihm das Leben hier nicht zusagte. Dann kamen 1629, in Bethlens letztem Lebensjahr, drei Professoren von der aufgelösten Universität Herborn. Der namhafte Enzyklopädiker Johannes Alsted und Johannes Bisterfeld, eigentlich ein Diplomat, blieben bis an ihr Lebensende hier.

Neben den Ausländern wirkte in Weißenburg die ausstrahlungsstarke, große Lehrerpersönlichkeit Pál Keresztúri, an dessen vorzüglichen Unterricht sich ganze Generationen erinnerten. Er wirkte dadurch als Erneuerer, daß er aus den unnahbaren Höhen des Professors herabstieg und nicht nur direkt den Stoff abfragte, sondern sich auch um die Aneignung, also den Lernprozeß kümmerte.

Nach 1640 wurde die Wardeiner Schule zum bedeutendsten wissenschaftlichen Zentrum des Fürstentums, in erster Linie durch Mihály Kecskemét Reformtätigkeit. Dort zuerst benutzte man die Lehrbücher von Comenius, Ramus und Amesius, führte Schulschauspiele auf, und die Schule lockte eine lange Reihe vorzüglicher Lehrer an. Der größte von ihnen war vermutlich der von einer holländischen Universität gekommene György Martonfalvi; er hätte gewiß den modernsten naturwissenschaftlichen Unterricht geboten, wenn nicht bald nach seiner Ankunft die Schule wegen der Türkenbelagerung Wardeins 1660 nach Debreczin ausgewichen wäre.

Die eigentlich zur kirchlichen Intelligenz gehörenden vorzüglichen Lehrer hatten im 17. Jahrhundert entscheidend dazu beigetragen, das gesellschaftliche Gewicht dieser Schicht zu erhöhen, wobei Gabriel Bethlen diesen Prozeß auch von sich aus unterstützte, indem er ganz besondere Beziehungen zu einer Gruppe der kirchlichen Intelligenz, den reformierten Predigern aufnahm. {348.} Sicher lag dieser Geste kein konfessionelles Vorurteil zugrunde. Bethlen mit seiner auffälligen Sachlichkeit jedem gegenüber verleugnete sich auch nicht in Dingen des Glaubens. Unter seiner Herrschaft wurde niemals jemand aufgrund seiner Konfession benachteiligt; jede Kirche genoß die Toleranz des Fürsten.

Durch die Bevorzugung der reformierten Prediger wurde also die religiöse Toleranz nicht eingeschränkt. Bethlen wählte sich nur – ähnlich anderen absolutistischen Herrschern jeder Zeit – eine herrschende Kirche. Auch hier ging er aber ebenso vor wie beim Ausbau seiner eigenen Herrschaft: er unterdrückte die anderen nicht, sondern erhob nur die Auserwählten in unüblichem Maße. Zwar nahm er keine kirchliche Persönlichkeit in den Fürstenrat auf, er integrierte aber die Vorsteher der reformierten Kirche in die Herrschaftselite.

Damit wurde das zunehmende gesellschaftliche Gewicht der kirchlichen Intelligenz so offensichtlich, daß auch die von der dominierenden Konfession am weitesten Entfernten, die rumänischen Pfarrer, davon profitierten. Gabriel Báthory hatte sie bereits von der Leibeigenschaft befreit, und unter Bethlen wie seinen Nachfolgern stieg ihr Ansehen verglichen mit dem anderer Elemente der rumänischen Gesellschaft noch höher. Auch zahlenmäßig nahmen sie in der ersten Jahrhunderthälfte zu: Statt 29 rumänischen Pfarrern in Siedlungen der Herrschaft Fogarasch von 1532 waren es 1640 mehr als doppelt so viele.

Allein bei den Sachsen schien ein entgegengesetzter Prozeß abzulaufen. Dort kontrollierte die Nationsversammlung die Kirche; um die Mitte des Jahrhunderts redete die weltliche Behörde bereits in alles hinein – von der Glaubensverkündigung in der Kirche bis zur Kleidung der Pfarrerfamilien. Einerseits lag dies daran, daß die Sachsen außerhalb der fürstlichen Kirchenpolitik verblieben und die weltlichen Vorsteher ganz natürlich die Rolle des Schutzherrn übernahmen. Zum anderen waren diese selbst außerordentlich gebildet, so hatte z. B. der Kronstädter Stadtrichter Michael Weiß vornehmere Universitäten besucht als der mit ihm amtierende Kirchenvorsteher – warum sollte er sich ihm unterordnen?

An Weiß zeigt sich auch, wie schwer sich der Begriff der säkularen Intelligenz im 17. Jahrhundert bestimmen läßt. Denn auch ein Studienabschluß ist kein eindeutiger Maßstab, und selbst die Funktion innerhalb der Gesellschaft entscheidet nicht unbedingt die soziale Stellung einer Person, wie das Beispiel eines anderen Stadtrichters, Tamás Borsos von Neumarkt, verdeutlicht. Während seiner langjährigen Dienstzeit als Diplomat gab er ständig seinen großen Sorgen Ausdruck, ob sein Gut daheim auch wirklich gut verwaltet werde.

Nur die Tätigkeit bestimmte also die Zugehörigkeit zur Gruppe der säkularen Intelligenz, die sich im 17. Jahrhundert stark vergrößerte. Mit der Ausweitung der Außenbeziehungen des Fürstentums benötigte die Diplomatie immer mehr Menschen. Auch wenn es eine ständige Vertretung nur in Konstantinopel gab, erschienen siebenbürgische Gesandte auch an den Höfen anderer Mächte, darunter vornehme Herren und auch Knechte als Kuriere, zumeist aber Vertreter des gesellschaftlichen Mittelstandes der Adligen und Städter. Auch die Beamtenschaft in den Zentralbehörden wird sich erweitert haben, obwohl die Struktur der zentralen Regierungsorgane im 17. Jahrhundert unverändert blieb. Erheblich wuchs aber der Bedarf an Dienstleistungen {349.} der Intelligenz und damit deren Zahl in den örtlichen Munizipalbehörden: in den Komitaten, Szekler Stühlen und Städten.

Die Unterschicht der säkularen Intelligenz setzte ihr üblicherweise durch kurzen einheimischen Schulbesuch erworbenes Wissen in den Dörfern, Landstädten und Gütern ein. Ihr sind auch die in den Herrenhäusern der Vornehmen dienenden und eventuell zu Rentmeistern aufgestiegenen Schreiber zuzurechnen. Die meist kleinadligen Hofrichter in der Güterverwaltung dagegen sind nur mit Vorsicht dazuzuzählen; im allgemeinen hatten sie keine höhere Schulbildung, verfügten aber über breitgefächerte praktische Kenntnisse und hatten meist auch eine eigene Wirtschaft. Für sie kennzeichnend war eine Harmonie der theoretischen und praktischen Bildung.

Die geistige Kultur

Nach der Katastrophe an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert erholte sich in Siebenbürgen das geistige Leben am schnellsten. Das erste ungarische Buch nach dem Krieg erschien 1610 in Klausenburg, ein moralisierendes Lehrgedicht; das erste fremdsprachige war eine lateinische Poetik aus der Hermannstädter Druckerei von 1611. Doch bedeutete die rasche Regeneration keine Kontinuität, denn der am Ende des vorigen Jahrhunderts noch so rege siebenbürgische Esprit hatte einem von den Stürmen des Lebens abgewandten und sich mit der Freude am Denken tröstenden Neostoizismus Platz gemacht.

Dieser Wandel erklärt sich durch die allgemeine Lage Siebenbürgens. Die politischen Versuche zur Jahrhundertwende hatten gezeigt, daß sich das Land auch weiterhin zwischen zwei Großmächten zu behaupten hatte; daran ließ sich nichts ändern. Die Kirchen beendeten schließlich nach vielem vergeblichen Streit ihre Feindseligkeiten, und jede beschäftigte sich mit ihren eigenen Angelegenheiten.

Aus dem Prozeß der geistigen Regeneration ging allmählich eine spezifische weltliche Bildung hervor. Dies zeigen auch die Angaben über den Buchdruck bis 1630. Von den 18 ungarischsprachigen Druckwerken zwischen 1611 und 1630 waren 10 nichttheologischer Art. Danach kehrte sich das Verhältnis um: Zwischen 1631 und 1650 beschäftigten sich 62,5 % der Werke mit Theologie oder waren für kirchliche Zwecke bestimmt. Diese Statistik zeigt aber nur die Oberfläche; inhaltlich konnten auch die eher kirchlichen Bücher weltliche, ja sogar naturwissenschaftliche Kenntnisse vermitteln. Denn die Predigten handelten oft von Krankheiten und die Einleitungen zu theologischen Arbeiten von den Geheimnissen der Natur. Okkulte Naturerklärungen finden sich ebenso wie moderne naturwissenschaftliche Kenntnisse. Die höchstgebildete Intelligenz wirkte zwar nicht auf dem Gebiet der Wissenschaften, sondern in den Kirchen, sie vermochte aber ihre weltliche Bildung sogar von der Kirchenkanzel herab weiterzugeben.

Neben dem Einzug der Säkularisierungstendenzen in die Kirchen ist für die sich entfaltende siebenbürgische Kultur des 17. Jahrhunderts der Anstieg in der Zahl der Druckwerke charakteristisch, wobei in den weltlich geprägten Werken neue Inhalte auftauchten. Anfänglich wurden die immer häufiger erscheinenden neuen Bücher überwiegend in der Weißenburger fürstlichen Druckerei hergestellt, die von Gabriel Bethlen gegründet worden war und in {350.} den 1630er Jahren aufblühte. Georg I. Rákóczi ließ in der Walachei kyrillische Schrifttypen besorgen, und seit 1639 gab die fürstliche Druckerei eine große Zahl von rumänischsprachigen Werken heraus. Bei der Verbreitung der ungarischen Bildung spielte der 1640 von Ábrahám Szenci Kertész gegründete Wardeiner Buchverlag eine wichtige Rolle, der nicht auf ideologische Überlegungen zurückging, so daß in ihm die einzige jesuitische Ausgabe dieser Zeit in Siebenbürgen erscheinen konnte und zugleich auch die Arbeiten von Comenius und die reformierten Kirchengesetze. Von 1640 bis zum Fall Wardeins 1660 erschienen 113 Druckwerke, 70 davon in ungarischer Sprache.

Mit der Zahl der Bücher entfaltete sich auch ihr neuer Inhalt. Die Erzählungen vergangener Geschehnisse verschwinden, statt dessen berichten die Bücher über die Taten der regierenden Fürsten, vorrangig über die Kriegserfolge von Georg I. Rákóczi. Neu sind ferner die ausgesprochen wissenschaftlichen Arbeiten, vor allem die sprachwissenschaftlichen, die Wörterbücher und dann ein Buch über die Übersetzungstheorie; ebenso erscheint eine kleine Grammatik von István Geleji Katona.

Das starke sprachwissenschaftliche Interesse erfaßte sogar die Fürstenfamilie. Noch als Thronfolger neben seinem Bruder Zsigmond stellte Georg II. Rákóczi mit János Erdõbányai ein Wörterbuch zusammen. Die Zahl der ausgesprochen sprachwissenschaftlichen Arbeiten spiegelt aber das in den 1640er Jahren gestiegene Interesse an den Fragen der Sprache gar nicht wider. Damals entstand eine erste Welle der ungarischen Spracherneuerung, deren Zentrum Siebenbürgen war, wenn sich ihre Debatten auch über ganz Ungarn erstreckten. Es war ein Kampf der Vertreter der etymologischen, also der nur von Gebildeten zu erlernenden, mit den Verfechtern einer einfachen, durch bloßen Sprachgebrauch erlernbaren phonetischen Rechtschreibung. Erstere vertrat Bischof István Geleji Katona, letztere Pál Medgyesi, Hofprediger Georg I. Rákóczis. Beide Standpunkte stimmte später, bereits gegen Ende des Jahrhunderts, der in Holland ausgebildete Drucker Miklós Tótfalusi Kis aufeinander ab.

Auch die Siebenbürger Rumänen begannen sich zu jener Zeit um ihre Muttersprache zu kümmern. Nur waren ihre Probleme schwieriger als die der Ungarn. Ganz klar sprach dies der rumänische Bischof von Weißenburg, Stefan Simion aus, als er beklagte, es sei unmöglich, eine für alle Rumänen verständliche Bibelübersetzung zu schaffen, da sie nicht einheitlich sprächen. Dabei dachte er offensichtlich nicht nur an die Siebenbürger, sondern bezog sich auf den unterschiedlichen Sprachgebrauch der in den verschiedensten Ländern lebenden Rumänen. Diese Abweichungen hätte vielleicht die sowohl in den rumänischen Woiwodschaften als auch im Fürstentum Siebenbürgen bestehende griechisch-orthodoxe Kirche aufheben können. Sie aber blieb beim Gebrauch des Altslawischen im Interesse der Bewahrung der Universalität der griechischen Orthodoxie. Muttersprachliche Bestrebungen wurden einstweilen nicht gefördert.

So war es in Siebenbürgen dazu gekommen, daß der so vielversprechende Aufschwung der rumänischen Sprache in der orthodoxen Kirche im 16. Jahrhundert schon um 1580 zum Stocken kam. Seither blieb die Muttersprache auf die reformierten Rumänen beschränkt. Auch das erste vollständige rumänische Neue Testament gab die Weißenburger fürstliche Druckerei 1648 für die reformierten Rumänen heraus. Dieses für die Entwicklung der {351.} rumänischen Literatursprache so wichtige Werk schufen ein näher nicht bekannter Priester Sylvester und Ştefan Simion.

Die Verflechtung der rumänischen Muttersprachenbestrebungen mit der reformierten Kirche in Siebenbürgen hatte eigentümliche Folgen. Sie führte zu einem zweifachen Widerspruch: einmal im Verhältnis zwischen siebenbürgisch-rumänischer Geistlichkeit und Muttersprachenkultur, indem erstere an der Orthodoxie festhielt, zum anderen in der Beziehung zur Muttersprachenbildung in Siebenbürgen bzw. in den Woiwodschaften. Dort nämlich begann sich gerade zur Mitte des Jahrhunderts die Muttersprache im Druck zu verbreiten. Da dies aber innerhalb der Orthodoxie geschah, verstärkte diese ihre Polemik gegen Siebenbürgen ganz erheblich.

Die Sachsen dagegen hatten mit ihrer Muttersprachenbildung keine Probleme, vor allem wohl, weil die Güter der seit der Reformation immer einheitlicher werdenden deutschen Kultur stets auch zu ihnen gelangten. Eine gewisse Sonderstellung bewahrten sie sich jedoch: die literarischen deutschen Texte lasen sie in den Schulen in den verschiedenen sächsischen Dialekten. Ihr sprachwissenschaftliches Interesse zeigte sich eher darin, daß sie nach der lokalen Vorgeschichte ihrer eigenen Sprache suchten. Sie beschäftigten sich mit Etymologien über die getisch-gotisch-siebenbürgisch-sächsische Kontinuität.

Bezeichnend für die kulturgeschichtliche Periode seit den 1630er Jahren war neben dem Interesse am Sprachgebrauch die Aufmerksamkeit für Geschichte und Medizin. Das einzige erschienene ungarische Mathematikbuch taugte dagegen nur zur Lösung einfacher Rechenaufgaben. Die Historiographie und die praktizierte Medizin gingen aber auch nicht viel über die Alltagsansprüche hinaus. Erstere leistete großes bei der Erforschung der polnischen Katastrophe von 1657, und die ärztlichen Bücher behandelten die Seuchen, die das ganze Land heimsuchten.

Die geistige Aufgeschlossenheit

Die Verbindung der Intelligenz mit dem Alltagsleben war im 17. Jahrhundert in Siebenbürgen ein allgemeines Phänomen. Niemand hatte die Möglichkeit oder dachte daran, im Elfenbeinturm der Wissenschaften zu grübeln oder naturwissenschaftliche Versuche durchzuführen. Die hochgebildete Intelligenz blieb daher im engen Kontakt mit den Gläubigen, und daraus ergaben sich viele Vorteile. Da aber eine schöpferische Beschäftigung mit den eigentlichen Wissenschaften nicht möglich war, verblieb unter den siebenbürgischen Zuständen weiterhin die Religion im Mittelpunkt des geistigen Interesses. Wissenschaftlich ausgerichtete Debatten waren mit den religiösen Problemen verknüpft. Die revolutionären wissenschaftlichen Gedanken des 17. Jahrhunderts, die Lehren Descartes’, wurden von János Apáczai Csere, dem Doktor der Theologie an der Universität von Harderwijk auf ungarisch formuliert; sein Werk „Ungarische Enzyklopädie“ war von entscheidender Bedeutung für die Entstehung der ungarischen Wissenschaften bzw. der Wissenschaftssprache und erschien 1655 in Utrecht.

So läßt sich in der Tätigkeit der Intelligenz die mit dem religiösen Interesse verbundene geistige Aufgeschlossenheit klar verfolgen, aber der Kreis der Rezipienten ist schon viel schwerer zu bestimmen. In einem Punkt läßt sich {352.} jedoch sicher belegen, daß die Gedanken der großen Geister der Zeit sich über alle Gruppen der Intelligenz hinaus weit verbreitet haben, noch dazu – überraschenderweise – in einer religiösen Gemeinschaft, in der im 17. Jahrhundert die Tätigkeit gebildeter Intellektueller gar nicht mehr typisch war: bei den Sabbatariern.

Diese als Sonderform des Stoizismus im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts entstandene Glaubensrichtung überschritt mit dem 17. Jahrhundert den engen Kreis der geistig und weltlich Hochstehenden und verbreitete sich unter den Ungelehrten und einfachen Volksschichten. Die Grenzen dieser Verbreitung sind sehr schwer festzulegen, da vermutlich viele ihrer Zeugnisse infolge der Verfolgung von 1638 vernichtet wurden. Aber gerade die Härte und ständige Erneuerung der Sabbatariergesetze bezeugen, in wie großem Ausmaß der Sabbatarismus bei den siebenbürgischen Bauern und besonders bei den Szeklern unausrottbar gewesen ist.

Die allen Verfolgungen widerstehende Hartnäckigkeit dieser Sekte bezog ihre geistige Substanz aus dem Stolz, der durch jede Gewalttat gegen sie neu entfacht wurde, sowie aus dem Zorn des sozialen und politischen Widerstandes gegen die etablierte Gesellschaft; wobei als Kraftquelle noch hinzukam, daß der Sabbatarismus eine stark fühlbare kulturelle Lücke ausfüllte, die von der vernachlässigten Volksbildung herrührte.

Die offiziellen Kirchen hatten nämlich ihre Volksbildungsfunktion verloren, die ursprünglich mit der Missionsabsicht verbunden war. Als dann ihre Organisation und Stellung gefestigt waren, wandten sie sich von den untersten Schichten der Gesellschaft ab, weil eine weitergehende Missionierung nur mittels Umwälzung der bestehenden Verhältnisse möglich gewesen wäre. Konsequenterweise verrichtete der zur Herrschaftsreligion gewordene Kalvinismus seit der Jahrhundertwende eine Volksbildungsarbeit nur noch unter den Rumänen, wobei er beinahe schon gewaltsam auf den Gebrauch der rumänischen Muttersprache in den für die Rumänen organisierten Gemeinden bestanden hat. Diese kulturelle Tätigkeit unter den Rumänen war die wohl verdienstvollste Tat der amtlichen siebenbürgischen Kirche, sie kann aber die Gleichgültigkeit gegen die Bedürfnisse der eigenen Gläubigen nicht vergessen machen.

Der Sabbatarismus wiederum, als junge, missionarische Religion, brachte die Volksbildung, die Orientierung über Alltagsdinge, in die Kirchen hinein und nahm zu allem Stellung, was die Gläubigen bewegte. Die Gemeindelieder der Sabbatarier brachten die Glaubensaussagen mit liebevoller Direktheit den Hörern und Sängern nahe.

Diesen Liedern fehlt das Düstere und das ständig vorhandene Schuld-und-Sühne-Motiv der anderen Konfessionen. Der Mensch vermag Gottes Willen, das Gesetz, nicht zu erfüllen, vermag aber aus Gottes Gnade dennoch selig zu werden, und dies ist ein Glaube ohne Wenn und Aber: Die Sabbatarierlieder verkünden das Heil als unbezweifelbare Tatsache für die Gläubigen. In diesem sicheren Glauben betonen sie die Ruhe der „seelischen Fröhlichkeit“ und sprechen von der leiblichen Freude des Sabbats. Eines ihrer Lieder spricht ganz offen davon, ihre Feste seien zum Zweck der Erholung zu feiern.

Diese humanzentrische Sicht erkennt die weltliche Hierarchie an, verkündet aber die große stoische Erkenntnis von der Eitelkeit weltlicher Karriere nun auch dem Volk. In viele handgeschriebene Liederbücher wurde die ursprünglich anabaptistische Strophe eingetragen, man müsse sich in {353.} Gottes Schöpfungswelt einfügen, weil das Verlangen nach Adel nur Kummer und Leid verursache.

Dennoch ist die weltabgewandte Selbstbildung der Sabbatarier kein Selbstzweck. Sie forscht nach den Naturgeheimnissen und verkündet mit der Ruhe des poetischen Pantheismus Sicherheit in der Welt. Sie lehrt die festen Gesetze der Natur, in deren Normensystem selbst Gottes unberechenbarer, plötzlicher Zorn keinen Platz habe. Die Macht des in der Naturerscheinung verborgenen Gesetzes verkünden die Sabbatarier zugleich mit der Geltung des ptolemäischen Weltbildes. Gott „hat diese Erde in der Mitte aufgehängt“, heißt es in einem Lied, noch mit folgender Argumentation: Der Mensch sieht infolge seiner Unzulänglichkeit nicht, daß die „Himmel“ sich um die Erde drehen. Das widersprach zwar alles dem kopernikanischen sonnenzentrischen Weltbild, doch waren im 17. Jahrhundert noch viele der großen Geister dieser Ansicht.

Für jene Menschen mit erschwertem Zugang zur Bildung war jedoch diese Art der Fragestellung noch wichtiger als die Antwort – sie weckte Interesse. Was der Mensch ständig hört, das beschäftigt ihn, und vermutlich deshalb finden sich in vielen handgeschriebenen Sabbatarier-Liederbüchern Strophen über die Naturgesetze und den Streit um das neue Weltbild. Sie sind Zeugen dafür, welch große gesellschaftliche Aufmerksamkeit das Bemühen der Intelligenz um die Verbreitung der modernen Wissenschaft gefunden hat.