Iván Andrassew

Königreich am Rande

Novellen mit Illustrationen von Béla Tettamanti

Übersetzung: Karlheinz Schweitzer

 

 

INHALT

Der Hundlose
(A kutyátlan ember)

Olgas Puppen
(Olga babái)

Die Katze
(A macska)

Einmal bückte ich mich
(Egyszer lehajoltam)

Über die Vermehrung der Untertanen
(Az alattvalók szaporodásáról)

Wir sind ein wenig frieren gegangen
(Elmentünk fázni egy kicsit)

In der Grätsche
(Terpeszben)

Der Vorhang des Regens
(Esõ függönyét)

Summend
(Dudorászva)

Die Chose
(A dolog)

Kleinmeister
(Kismesterek)

Der Spießrutenlauf
(Vesszõfutás)

Eilbote zu sein wäre gut
(Futárszolgának lenni, az a jó)

Die geflügelte Nutte
(A szárnyas kurva)

Süden
(Dél)

Mein Sohn der Gärtner
(A kertész fiam)

Ich traf einen Menschen in Jazera
(Jazerában láttam egy embert)

Auf der anderen Seite
(Általa)

Verderbendes Fleisch trocknet in Häuten
(Romló húsok száradnak bõrökben)

Auf der Lauer
(A Les)

Der Muskelkater
(Az izomláz)

Die Hufschuhe
(A patacipõ)

Du könntest von purzelbaumschlagenden Pferden träumen
(Bukfencezõ lovakról álmodhatnál)

Wäre
(Volna)

Der Aasbrunnen
(Dögkút)

Mangels einer Kadaverzange
(Egy dögcsipesz hiánya)

Ins Leere
(Sehovase)

Königreich am Rande
(Peremkirályság)

Die Aasfresser
(A dögevõ)

Der Eisgang
(A zajlás)

Das Pferd, das du mir gegeben hast
(A ló, amit adtál)

 


 

Der Hundlose

(Aufzeichnungen zu einem Bildroman,
den Roland Kosnás und ich nicht verwirklichen werden)

Es klingelte. Zuerst nur einmal, dann noch fünf mal, wie die Aufdringlichen.

Wir saßen auf der Veranda, schwiegen nur, rührten uns natürlich nicht. Schließlich ist das Morgengrauen das Morgengrauen.

Es klingelte wieder. Und wieder fünfmal.

Mein kleiner Bruder fragte, ob er nachschauen soll, wer das Vieh ist.

"Schauen wir. Wenn nicht, wird er uns eh zu Tode klingeln."

Daraufhin brüllte mein Bruder hinaus, wer ist das und was will er zu dieser morgendlichen Stunde!?

"Ich möchte mich erkundigen", sagte derjenige, der sich zu dieser morgendlich Stunde nur hätte erkundigen wollen.

"Erkundigen sie sich, bittschön", sagte ich leutselig und ging mit ausgebreiteten Armen zum Tor.

"Guuuten Tag!" brüllte mir der Mensch ins Ohr. Leise stellte ich fest, daß unserer Meinung nach Morgen ist, Morgengrauen.

"Nun", brachte er hervor.

"Wissen sie mein Herr, was der Unterschied zwischen Tag und Morgen ist?"

"Jawohl, mein Herr."

"Dann wissen sie auch, daß es einen Unterschied zwischen Morgen und Morgengrauen gibt."

"Glaube schon, mein Herr."

"Dann gehen sie jetzt weg, kommen wieder und grüßen ordentlich. Na, wie müssen sie grüßen?"

"Guten Morgen!"

"Es ist Morgengrauen, guter Mann."

"Ja und?"

Betreten, leise brummelte er: "Gutes Morgengrauen?!"

"Fragen sie jetzt oder sagen sie es?"

"Ich würde es sagen."

"Dann kommen sie wieder."

Er ging weg und ich ging zurück zu meinem Bruder, der natürlich alles gehört hatte. Aber trotzdem sagte ich ihm, daß ein Vieh da war.

"Aber vielleicht war es ein anständiger Mensch."

"Kann sein", sagte ich. "Ich habe überlegt, was man mit einem sehr anständigen Menschen anfangen kann.

"Ich will aber nicht, daß er ein sehr anständiger Mensch ist!"

"Na, dann lassen wir es nicht zu."

"Aber was ist, wenn er wirklich ein anständiger Mensch ist, ein sehr anständiger? Wie können wir aus ihm einen sehr, sehr unanständigen Menschen machen?"

"Den bearbeiten wir!", merkte mein Bruder an. "Lassen wir das, mag er sich erkundigen, dann wird er schon einen Fehler machen."

Von der Veranda sahen wir, daß der anständige Mensch schon unruhig vor dem Tor trippelte. Dann überwand er sich und klingelte ein bißchen.

"Wer ist da und was will er zu dieser morgendlichen Stunde?" schrie mein Bruder. Stand auf und ging zum Tor.

"Gutes Morgengrauen!"

"Habe die Ehre! Ich habe gefragt, wer ist das und was will er", sagte mein Bruder. "Ich weiß, daß Morgengrauen ist, ein schlechtes Morgengrauen, weil ständig jemand klingelt."

"Ich bin nur ein unglücklicher Mensch, der seinen Hund verloren hat. Hier war ein Herr, bei dem ich mich erkundigen wollte."

Daraufhin brüllte mein Bruder mit einer Stimme, als sei ich weit weg, daß mich jemand sucht.

"Wer?"

"Der Erkundiger."

Ich ging raus ans Tor, natürlich mit breitem Lächeln und brüllte dem unglücklichen Menschen ins Gesicht: "Habe die Ehre!"

"Gutes Morgengrauen, guter Herr!"

"Bitte erkundigen sie sich", sagte ich, als ich das Tor öffnete, um ihn einzulassen. "Wenn ich mich recht erinnere ging es darum..."

"Sie erinnern sich ausgezeichnet", antwortete er im Nu. Langgezogen.

"Ich weiß, daß ich mich ausgezeichnet erinnere. Es wäre gut, wenn sie sich jetzt ein wenig erkundigen würden."

Auch mein Bruder nickte heftig.

"Ich würde gerne, mit Verlaub, fragen, ob sie hier nicht irgendwo ein Hündchen gesehen haben?"

"Na, dann fragen sie", sagte mein Bruder.

"Nur Mut!" sagte ich sofort, beziehungsweise brüllte ich ihn an.

"Nochmal?"

"Soll ich nochmal fragen, ob sie hier ein Hündchen gesehen haben?"

"Wenn sie das fragen wollten, dann fragen sie es vielleicht."

"Haben sie hier ein Hündchen gesehen?"

"Haben wir", stellte ich fest. "Wir haben schon sehr viele Hunde gesehen."

"War's eine gute Rasse?"

"Eine sehr gute, ein Wolfshund."

"Mit großen Zähnen und einem struppigen Schwanz. Was kann er alles?"

"Nun, zum Beispiel...", reckte er sich stolz "auf fünfzig Meter wittert er einen Zigeuner."

Mein Bruder sprang daraufhin mindestens einen Meter in die Höhe. Aus dem Stand.

"Das ist er. Da haben wir es."

"Da haben wir es", sagte ich, aber eher traurig.

"Worüber beliebt ihnen zu sprechen", fragte dieser Mensch.

Ich beugte mich zu seinem Gesicht, vielmehr zu seinem Mund und kreischte mit kastrierter Stimme über die winzige zwischen uns verbliebene Distanz: "Sag uns lieber Freund, wittert das Rassehündchen auch einen Juden?"

Der Mensch erstarrte erstaunt einen Augenblick.

"Dieser Scheißer wird uns vorlügen, daß der Rassewolfshund keinen Juden wittert", sagte mein Bruder und schaute währenddessen auch in den Mund des Menschen.

"Duzen sie mich, bitte sehr, nicht", erhob er die Stimme mit erstaunlich klarer Aussprache und dem verletzten Stolz einer vornehmen Jungfer.

"Wittert er ihn oder nicht?"

"Er wittert ihn nicht, bittschön!"

"Was für ein Scheißköter ist das, der einen Zigeuner wittert, obendrein auf fünfzig Meter, aber keinen feinen Juden?" schrie mein kleiner Bruder. "Das ist kein Hund, sondern irgendein unschlüssiges Tier." Dann fragte er sofort, mich oder sich selbst, weil er sich nicht zu mir umdrehte und starr den Menschen anblickte: "Weißt du, was er dazu sagen wird?"

"Weil er noch nie Judengeruch gewittert hat, mein Herr, wird er sagen."

"Wirst du das sagen?"

"Das werde..."

"Dann sag's!"

"Weil er noch keinen Judengeruch gewittert hat."

"Also riechen die Juden?" röchelte mein Bruder.

"Er wird sagen, ich weiß nicht, mein Herr."

"Ich weiß nicht, mein Herr."

"Gibst du zu, Hundloser, daß, wenn die Zigeuner Zigeunergeruch haben, die Juden Judengeruch haben?"

"Er wird es nicht zugeben."

"Zweifellos haben sie einen, wenn Euer Gnaden es sagen."

"Euer Gnaden?" schrie mein kleiner Bruder. "Was heißt das: Euer Gnaden? Er hat uns Euer Gnaden genannt."

"Zuerst hat er uns stinkende Juden genannt."

"Dann knallen wir ihn auch ab."

"Warum, wen haben wir den abgeknallt?"

"Na, seinen Hund. Gestern abend."

"Ja, den, der in der Kammer überall nach Zigeunern gesucht hat."

"Jesus...", hauchte der Hundlose.

"Wahrlich! Jesus! Er hat unsere Großmutter gefunden und gebissen. Dann sind wir darauf gekommen, daß in ihren Adern Zigeunerblut plätschert. Wahrlich! Bis dahin hatten wir gedacht, daß sie nur eine stinkende Jüdin ist", packte ich den Menschen am Kragen.

"Ach...", hauchte er nur.

"Sicher leidet er."

"Wir lassen ihn nicht laufen. Hol die Knarre!"

Ich ging auf die Veranda das Gewehr holen. Auf dem Rückweg ließ ich den Verschluß klicken. Meinen Bruder fragte ich, welche Patrone drin ist.

"Nimm sie nicht raus! Daß du sie nicht raus nimmst!"

"Gut, aber was ist drin?"

"Eine Siebenzweiundsechziger."

"Eine davon ist genug für den Schnüffler."

Der Mensch hauchte wieder ein Ach. Er tat mir nicht leid. Ich sagte ihm: "Kusch."

"Kann auch sein, daß eine Platzpatrone drin ist", sagte mein kleiner Bruder.

"Wird sich zeigen."

"Genau: Lassen wir ihn laufen, sehr anständig, wenn es keine Platzpatrone war kippt er dann um."

"Wie ein wundes Wild."

"Mitten im Hüpfen."

"Im Nebel des Morgengrauens sausend."

Der Hundlose warf sich auf den Boden und winselte um Gnade.

"Kusch", sagte mein Bruder. "Du bist nur ein Schnüffler. Vielleicht halten wir dich für ein Tier und bedauern dich."

"Weil wir Tierschützer sind."

"Weil uns gestern abend der arme Hund auch leid getan hat."

Der Mensch winselte auf der Erde um Gnade.

"Na, Hundloser", sagte mein Bruder und trat ihn ein wenig: "ich meine, wir machen das Tor auf. Lauf schön auf allen vieren los und dann wird gehüpft! Ich knall dich dann ab, oder auch nicht."

"So ist es!" sagte ich, öffnete das Tor, dann ging ich zurück und verpasste dem Menschen einen kräftigen Tritt. "Auf geht's!"

Langsam fing er an sich zu bewegen, kroch aber rückwärts. Auf allen vieren und natürlich winselnd.

"Komm mir nicht damit, daß man dir, während du betest zwischen die Augen schießen muß. Das wäre abscheulich", sagte mein Bruder.

"Beweg dich." Ich trat ihm in die Seite. Sein Körper dröhnte. Er bewegte sich winselnd, auf allen vieren, hüpfend aus dem Gartentor.

"Der Unglückliche", sagte mein Bruder.

"Erbärmlich."

"Und wenn wir ihn am Leben ließen?"

"Überlassen wir es dem Zufall. Vielleicht ist eine Platzpatrone im Gewehr."

"Vielleicht."

Mein Bruder lud durch. "Alsdann."

Er feuerte.

Der Hundlose winselte und verstummte dann.

"Du hast ihn erledigt", sagte ich.

"Vielleicht ist er nur ohnmächtig geworden."

"Aber vorher hat er die Hose vollgemacht."

"Damit's was zu schnüffeln gibt."

"Armer Teufel. Sollen wir nachsehen?"

"Was?"

"Ob er tot ist."

"Zur frühen Stunde? Warum?"

"Du hast recht", gab ich zu. "Im Morgengrauen auf einer taufeuchten Wiese eine Leiche oder einen Ohnmächtigen zu betasten ist ein schlechtes Omen."

"So steht's geschrieben."

"Ja."

"Dann trinken wir einen Kaffee", sagte mein Bruder.

Auf der Veranda fragte er dann, welches Problem ich gestern mit Tschechows Gewehr gehabt hatte.

Der Meister rechnete nicht mit einer Platzpatrone und damit, daß man mit dem Kolben leicht jeden erschlagen kann. Aber das ist alles nichts im Vergleich dazu, daß Anton Pawlowitsch niemals hatte Möwen um die Abfälle des Schlachthofes streiten sehen.

 

Olgas Puppen

Ich machte mir nie etwas aus Olgas Puppen. Es ist völlig gleichgültig, ob ich die Wahrheit sage oder nicht, weil Olga nicht mehr lebt. Und wenn doch, dann ist es auch egal.

Jenõke Baltai schoß und zwar, wie ich mich erinnere, genau am Morgen vor meinem Geburtstag, also am 28. Juli, rächte er sich.

Wir spannten.

Olgica war die Schönste im Dorf, wenigstens unter denjenigen, die in der Nähe wohnten. Jeder verachtete jedoch ihren Vater und ihre Mutter, weil der Papa früher angeblich Femerichter gewesen war. Früher. Die Verachtung zeigte sich darin, daß jeder sehr höflich mit ihnen war, die Leute grüßten zuerst, verneigten sich auch ein wenig, unsere Eltern auch, aber sie ließen uns nicht mit ihren Kindern spielen. Schon garnicht in das Haus oder in den Garten gehen.

Ich fragte meinen Vater, was ein Femerichter ist, aber natürlich sagte er nichts. Meine Mutter aber: Dann wenn ich etwas größer bin. Wieviel? Achtzehn.

Aber Jenõke Baltais Geschosse hatten nichts mit Olgas Vater zu tun. Vielleicht doch. Ein Mensch in seinem Alter politisiert noch nicht. Es hatte mit Olga zu tun.

So eine Nutte habe ich nicht einmal als Erwachsener gesehen. Freilich war sie das nicht, sondern wäre es gewesen, aber wir machten es uns ohnehin einfach und nannten jeden so, der seine Sexualität auf ungewohnte Weise offenbarte.

Sie tat immer so, als wüßte sie nicht, daß wir spannten. Morgens gegen zehn begann sie zu spielen. Spielte nur im Sand, mit den Puppen, tat so, als würde sie kochen. Danach legte sie ihre Kinder ins Bett. Und machte sich daran zu pinkeln. Aber nie einfach so, rasch, sondern lange vorbereitet. Sie ließ nicht einfach ihr Höschen herunter, sondern zog es herunter. Hielt es vor ihr Gesicht, als würde sie es überprüfen, aber in Wahrheit zeigte sie es, hob es hoch, um es zu zeigen. Dann begann sie, mit hochgezogenem Rock, ihren Körper im Kreis zu drehen. Aber wie ein Radar. Als würde sie uns peilen. Und schließlich hielt sie so an, daß ihr Dingsbums im Schnittpunkt unserer Blicke lag, egal von wo wir spannten. Ihr Fötzchen. Und dann begann sie zu pinkeln, nicht kauernd, wie die anderen Mädchen, sondern so, daß wir den Strahl gut sehen konnten, fast stehend. Danach drehte sie sich, ließ sich auf alle viere herab, reckte den Hintern hoch und wischte ihn schön langsam mit dem Höschen. Am Ende der Vorstellung sprang sie auf, zog sich an, brachte sich in Ordnung, spielte weiter, als sei nicht geschehen.

Wir spürten kein Entzücken, sondern Scham, weil wir unsere Freude daran hatten unsere Augen zu weiden. Heute weiß ich schon, daß sowohl Vater, wie auch Mutter das bisweilen gesehen haben mußten. Vielleicht wußten sie auch, daß wir Olga belauerten.

Jenõke Baltai sagte zuerst, daß er ihr einmal in den Hintern schießen wird. Und zwar mit der Schleuder. Er hätte auch einen Volltreffer gelandet. Einmal blieb ich in einem Gefecht eine halbe Minute ohne Deckung, er schoß mir so aufs Ohr, daß ich bis heute ein Knötchen auf dem Ohrläppchen habe. Freilich schoß niemand, wir spannten. Olga genoß es. Sehr.

Was sie später mit den Puppen spielte wirkt noch heute auf mich, wenn ich daran denke bekomme ich ein seltsames Gefühl im Bauch.

Zuerst zog sie die Puppen aus. So daß ihre Hinterteile entblößt waren und legte sie der Reihe nach auf den Tisch. Sie schlug sie später mit einem kleinen Stock, mit einer Gerte oder dem Spielzeugbesen. Dann war ihr Lieblingszeitvertreib, ihm frönte sie stundenlang, mit einem Zwergfederwisch, der aus einer Spielputzgarnitur stammte, den Puppen zwischen den Beinen durchzustreichen. Unterdessen lachte sie, als würde sie gekitzelt. Das schauten wir uns drei Tage lang an.

Jenõke Baltai sagte dann, er werde den Federwisch entzwei schießen. Er bereitet alles vor. Um acht Uhr morgens saßen wir auf der Lauer. Jenõke brachte etwa zwanzig ausgewählte Kieselsteine. Vielleicht auch Lagerkugeln. Aus den Schiessen wurde nichts. Olgica verhielt sich an diesem Tag so natürlich wie möglich. Sie pinkelte nicht einmal. Wir wunderten uns auch.

Es wäre ein sehr langweiliger Tag gewesen, wenn er nicht mit gespannter Erwartung erfüllt gewesen wäre. Nachmittags um vier fing sie, wie gewöhnlich an zu packen und als sie mit allem fertig war, nahm sie den Federwisch, steckte ihn in die Mitte des Sandkastens und rannte ins Haus.

Jenõke schoß sofort. Er landete einen Volltreffer, der Stiel brach entzwei. Aber das war noch nicht genug, er verschoß all seine Steine und traf jedesmal. Von den Federn des Wischs flog der Flaum, wie der eines zum letzten mal zappelnden Huhns. Das zusätzlich mit einer unsichtbaren Bestie kämpft oder gerade an Selbstquälerei stirbt.

Wir waren zwölf Jahre alt. Olga zwei oder drei Jahre jünger.

Einmal, es war um die Mittagszeit, bemerkten wir, daß sie mit einer Stricknadel ein Loch zwischen die Beine der schönsten Puppe bohrte. Wir waren sehr gespannt. Nicht vergebens, weil sie etwas erfand, was mir heute, wo ich wirklich sehr alt und sehr verderbt nicht in den Sinn kommen würde.

Sie steckte in das Loch einen winzigen, nicht ausgewachsenen Tannenzapfen. Ein großer Pimmel. Viel größer, als unsere damals waren. Dann begann sie ihn hineinzurammen. Bis er zwischen den Puppenbeinen wegschnellte. Ferike Kovács stürzte vom Dach der Bretterhütte. Olga lachte. Die lachenden Hyänen geben vielleicht, wenn es brennt, solche Laute von sich.

Sie ging nach hinten in den Garten. Wir warteten. Sie kam schnell zurück. Setzte sich neben die Puppen, nahm aus der Tasche eine kleine, spitze Paprikaschote. Steckte sie in das Loch. Ich fühlte, daß ich ohnmächtig werde; sie schleckte daran herum. Sehr lange. Dann biß sie ab. Die Unglückliche. Der Paprika war so scharf, daß sie weinte und ihr der Speichel lief, sie wurde rot, schrie und dann kotzte sie. Sie rettete sich ins Haus.

Jenõke rannte weg. Etwa fünf Minuten später war er zurück, obwohl sie ziemlich weit weg wohnten. Er schoß ohne sich zu verstecken. Von der Puppe blieb kein Teil unversehrt.

Am Nachmittag kam Olgas Vater in den Garten und sah die Überreste der Puppe. Er setzte sich und schaute sie an. Er bettete sein Gesicht in die Hände und es schien, daß er weinte. Aber das bildeten wir uns sicherlich ein.

Von diesem Tag an, bis sie umzogen, durfte Olga nicht mehr in diesem Teil des Gartens spielen. Nur weiter hinten, wohin wir nicht sehen konnten. Ihr Vater aber setzte am nächsten Morgen eine Puppe in den Sandkasten. Wir zerschossen sie. Das heißt Jenõ schoß. Am nächsten Tag noch eine. Zwei Wochen lang jeden Morgen. Und als sie wegzogen, bevor das Tor verschlossen wurde, ging er zurück und legte noch eine in den Sandkasten. Danach ging er zum Tor. Schon fast angelangt blieb er stehen und kehrte um. Ging zurück zum Sandkasten und versetzte der Puppe einen Fußtritt.

 

Die Katze

Sie klingelte immer dreimal und erschreckte mich damit immer gehörig, weil alle drei lang waren und wenigstens das letzte völlig überflüssig. Sowie sie mit einem phantastischen Gespür herausfand, wann es ungelegen ist, wann ich auf dem Klo sitze, in der Wanne weiche.

- Hab ich's getroffen?

- Ja. Gerade hatte ich den Mund voll Schaum.

- Das ist nichts. Hast du ausgespuckt und fertig.

- Ich mag's aber lange, sehr lange, mit außerordentlich viel Zahncreme und einer fast unglaublichen Menge Schaum. Manchmal bin ich eine Viertelstunde ganz weg. Es ist einmal vorgekommen, daß mir hinterher einfiel, daß ich links oben sechs vergessen habe... und ich habe von vorne angefangen.

- Und nur links oben sechs? Und immer links oben sechs?

- Ist schon ausgefallen.

- Na siehst, soviel taugt das Ganze.

- Ich mach dich zum Gespött, wie die Tabakhändlerin.

- Was hast du mit ihr gemacht?

- Sie hat immer ihren Kram angeboten. Sie sagt: ich hab hier, bitteschön, alle möglichen Kaugummis. Ich sage: Küßdiehand, wir haben keine Zähne. Nur Prothesen. Daraufhin bot sie in ihrer Verwirrung solche Aufkleber an, mit denen man die Badezimmerwände verzieren kann. Na, dann sagte ich ihr, Küßdiehand, daß wir kein Badezimmer haben. Aber sie gab nicht auf. Sie zeigte einen Schlüsselanhänger, der zurückpfeift. Also einen dem du pfeifst und der zurückwinselt. Wenn du ihn aufhebst, sagt eine Frauenstimme: Ei laf ju. Er war sehr teuer. Ein Japaner.

- Und?

- Ich gestand, daß ich überhaupt nicht pfeifen kann. Und auch dann bemerkte sie immer noch nicht, daß ich sie verarsche, weil sie fragte, ob ich es schon mal probiert habe. Nein, keineswegs. Und ob's mir die Eltern nicht beigebracht hätten? Ich hatte keine Eltern gehabt.

- Und?

- Sie brach in Tränen aus. Ernsthaft. Sie bedauerte mich.

- Eine Schande, mit blöden Menschen darf man keine Witze machen.

- Und ob! Es ist gut für sie, wenn sie jemanden bedauern können.

- Und du magst es, wenn sie dich bedauern.

- Ein bißchen, aber nur wenn es keinen Grund gibt. Mein Urgroßvater brach jedesmal, wenn er mich sah in Tränen aus. Er bedauerte mich. Ich glaube er war der letzte der mich wirklich geliebt hat. Meine Mutter kam später zur Überzeugung, daß ich mich von jeder alten Frau bedauern lasse. Ich sagte ihr: wenn ich einmal sterbe und eine Menge alter Frauen mich an meiner Totenbahre mich beweint, sie sicher die Bemerkung machen würde, daß er sich mal wieder bedauern läßt.

- Willst du nicht mit mir ins Bett gehen?

- Nein, ich bin gerade aufgestanden.

- Ich hab darüber nachgedacht, warum ich zu dir komme. Ich komme, schön, sauber, wasche mir auch die Haare, ziehe mein sexystes Höschen an, reibe mich mit allerlei wohlriechenden Essenzen ein, und wenn ich dich frage, ob du endlich mit mir ins Bett gehst, sagst du, daß du gerade aufgestanden bist.

- Ich bin wirklich gerade aufgestanden.

- Sieh ein, daß das nicht so weiter gehen kann.

- Warum denn nicht.

- Aber ich liebe dich, ich bin verliebt in dich.

- Ich auch in dich.

- Du willst mich nur nicht anrühren.

- Ich würde dich sehr gerne anrühren. Ich habe kein stärkeres Verlangen. Ich liebe dich sehr, das weißt du. Aber man braucht jemanden im Leben nach dem man sich verzehren kann. Wenn ich mit dir Liebe mache, werde ich deiner überdrüssig und sehne mich dann nach einer anderen, oder auch nach einer anderen. Das war immer so und wäre auch so.

- Dann liebst du mich nicht wirklich.

- Nur du mich.

- Ja.

- Aber du hast mich auch noch nicht angerührt.

- Und dann jetzt oder nie, niemals?

- Das habe ich nicht gesagt. Manchmal habe ich das Gefühl, wenn in mir die Säfte rinnen, sie in jeder Kurve klirren. Ich bin also so, wie eine innere, sogar innerlich hörbare Strassenbahn. Wenn du deinen Kopf hierher, auf meine Brust legen würdest, würdest du erschrecken und es ist ganz sicher, daß du nach einem Liebesspiel nicht angemessen schlafen würdest.

- Was soll das jetzt?

- Ich wollte dich nur warnen, daß ich auch schnarche.

- Aber was zum Teufel willst du damit?

- Es ist nicht in Ordnung, wenn wir uns nach einander sehen und in der Zwischenzeit sogar die Illusionen falsch sind.

- Du willst mich vertreiben.

- Ah, nein, ich will nur das Zähneputzen beenden.

Aber auch davon ging sie nicht weg. Sie kauerte sich in den Sessel meiner Mutter, in dem nachdem sie gestorben war niemand mehr gesessen hatte. Als ich aus dem Badezimmer zurückkam hatte sie sich in eine Katze verwandelt. Den ganzen Tag schaute sie. Das störte mich so, daß ich mich zu Witzen hinreißen ließ. Ich sagte ihr allerlei erlesene Liebesworte, ließ eine verendete Amsel vor ihrer Nase baumeln, sogar meinen Schwanz holte ich schließlich raus. Aber vergeblich, sie verwandelte sich nicht zurück, sie zuckte mit keiner Wimper. Sie sitzt nur und schmachtet. Und schaut.

 

Einmal bückte ich mich

Von der Erde hob ich einen wimmernden Menschen auf. Angesichts der Kälte steckte ich ihn unter meinen Mantel, um ihn an einen warmen Platz zu schleppen. Ich spürte etwas, aber ich dachte nur sein Kinn oder ein Knochen, was weiß ich, drückt.

Als wir endlich ins Warme kamen, konnte ich kaum noch laufen. Ich holte ihn unter meinem Mantel hervor und es zeigt sich sofort, daß er zugenommen hatte. Er war heiß. Sie abschleckend, zog er seine Saugzunge in seinen runden Mund zurück.

Bevor ich ohnmächtig geworden wäre sagte er, das sowas nicht schadet, weil ich gesund bin. Ein Bluttausch tut direkt gut. Ich brachte ihn nicht um, denn er hatte die Wahrheit gesagt.

 

Über die Vermehrung der Untertanen

Gestern Nacht kam ich betrunken nach Hause. Wir hatten griechischen Cognac getrunken. Ich legte mich schlafen und träumte, daß eine alte Frau mich, für meine in den Kriegen begangene Niedertracht und unter all meinen Schandtaten hauptsächlich, weil ich es einmal in Arabien mit einem Mädchen trieb, daß mich angespuckt hatte, verwünscht. Die Alte sagte, ich solle eine Frau sein und ich wurde natürlich sofort zu einer, dann schrie sie, daß ich von einem Verdammte, wie ich es bin geschwängert werden solle. Dies geschah. Es war ein besonderer Fluch, da ich noch nie eine solche Wollust gespürt hatte. Es war gleichgültig zu wissen, daß das, was von Stunde zu Stunde in mir heranwuchs die Frucht meiner Entehrung war, es war gleichgültig zu wissen, daß es ein verdammter Bankert wird, der mich, wenn er genügend Zeit und Glück hat, vielleicht auch vernichten wird. Ich sorgte mich, jedes Zeichen seines Auflebens und Heranwachsens machte mich glücklich. Ich lag den ganzen Tag, mit den Händen auf meinem Bauch. Mit ihnen beobachtete ich. So konnte ich mein Kind sehen, sämtliche Schichten meines Körpers und die Fruchtblase durchleuchten. Es war ein schönes Kerlchen. Schwarzes, gelocktes Haar, eine Adlernase. Die Augen sah ich nicht, weil es einen dicken, dichten Bart und Schnurrbart trug. Der ganze Körper war behaart. Nicht, wie ein Tier, ich kann aber nicht erklären, warum das schwarze, teilweise rötlich schimmernde Haarkleid menschlich war. Immer am frühen Nachmittag fand ich Wohlgefallen in der Wonne. Um diese Zeit schien die Sonne in mein Fenster und wenn ich auf der Ottomane lag, durchstrahlte mich das Licht, als lächle es immer. Dann kamen auf einmal die Wehen. Ich legte mich auf den Boden. Wartete. Ich traute mich nicht die Hände auf den Bauch zu legen. Schließlich tat ich es doch. Vielleicht hatten sie sich vor Schmerz dorthin verirrt. Sie sahen für mich, wie mein Sohn den Daumen in den Mund nimmt und abbeißt. dann auch den Zeigefinger und die übrigen, schön der Reihe nach. Die Hände, die Beine, alles. Langsam und würdevoll fraß er sich lächelnd auf. Ja, so war das.

 

Wie sind ein wenig frieren gegangen

Aber dann stellte sich heraus, daß auch das nicht mehr geht, uns nicht mal mehr das gelingt, immerhin etwas in uns ist, geschweige denn es auszumerzen, wir sind nicht einmal fähig seinen Ort aufzuspüren, oder sind unfähig geworden. Möglicherweise wandert es in uns, wie ein duckmäuserischer Splitter.

 

In der Grätsche

Die Polin, mit der du dich sittsam in die Ruine einer Kapelle zurückgezogen hattest, trieb es mit uns. Mir fällt einfach nicht ein, wo das war. Egal. Ich stand draußen im Regen und du brülltest dort drin. Ich hätte euch heimlich beobachten können, aber der Regen hatte mich bezaubert. Der Morgen graute und es gab dort allerlei Birken. Ich hatte den Augenblick, von dem an schließlich alles gleichgültig ist hinter mir, weil meine Haare, mein Hemd und mein Hintern naß waren.

Ich sah Tropfen auf meinem Bart und unter der Kleidung hervor dampfte von meiner Haut erwärmter, drückender Brodem. Ich verstand einfach nicht, wie du eine Stunde lang brüllen kannst. Die Frau keckerte, wie ein kujonierte Krähe. Aber ich wußte, nicht vor Lust, diesen Laut kenne und verabscheue ich. Ich verabscheue es, wenn mit Ventilen ausgestattete Körper balzen. Ihre Stimme war, wie die des Todes und sie lachte dich aus. Als du es bleiben ließest und ohne Hose herauskamst, warst du blutverschmiert. Du standest in der Grätsche im Gras, pinkeltest, den winzigen Reflexen deines Rückenmarks gehorchend, unheimlich viel Dampf stieg auf. Uns und den wilden Tieren bleibt angeblich nur Traurigkeit und Pinkeln nach dem Liebesakt. Na, und der Nebel. Dann schrie die Frau nach mir. Ich habe keine Ahnung, warum ich hineinging, denn ich habe so etwas stets verabscheut. Vielleicht der Geruch des Blutes. Als ich eintrat sah ich, daß Jesus mich fieberkrank im Dämmerlicht anlächelt, sein Herz in der Hand hält, aus seiner offenen Brust und der dornenvollen Stirn Blut rinnt. Es war rosafarbenes Blut. Die Frau lag auf dem Boden, auf deinem Mantel. Ich stand über ihr und sah, als sie sich zurücklehnet, daß sie Hexentitten hatte. So groß, wie mein kleiner Finger. Ich begriff, daß ich jetzt vollende, was dir nicht ganz gelungen war oder wir niemals mehr lieben werden, wie Menschen. Natürlich ging es nicht. Sei es wegen meines ungeheueren Verantwortungsgefühls oder aus Widerwillen. Ich weiß nicht, was nach uns wimmerte, ich weiß nicht was du für ein Mensch geworden bist, aber ich verabscheue seitdem die Berührungen von Menschen und habe niemals mehr mit einem Weibsbild geschlafen, das ich nicht lieben will.

 

Den Vorhang des Regens

Den Vorhang des Regens mit einem Finger auseinanderziehen und somit wäre es Sommer. Ich befehle dir still zu sein, nichts zu wollen. Ich sage dir: leg dich auf den Rücken, stell dir Bogen über dir vor und dann wirst du sie auch sehen, wenn du die Augen geschlossen hast, schon lange nicht mehr siehst, auch wenn du erblindet wärest. Und stell dir auch Laute, langgedehnte, tiefe Zorneslaute und Gemurre aus der Tiefe des Erdreiches vor und die Stimme der Wale sei auch dort, und die der Vögel. Und alles soll einen Bogen haben. Dann brauchst du nur noch Gerüche. Ein paar schlafbringende Düfte. Langsam in Wellen sollen sie kommen. Sie sollen Rhythmus haben, wie die Wärme, in die das Licht auf deinem Körper dich kleidet. Sei still, dann ist der Sommer da.

 

Summend

Ich mag es, wenn du erklärst, daß betrunken, die Schande des Erwachens in verschiedenen freigewordenen Säften und übelriechenden Speiseresten den Menschen an die Demut gewöhnt. Ich mag dein Intelligenzgekotze. Einmal stand ich an einem leuchtenden Nachmittag am Fenster. Auf der Insel, wo wir in den Zimmern über der Kneipe wohnten. Ich war gerade wach geworden. Nackend beobachtete ich, wie man friedlich auf den Wassern des Überschwemmungsgebiets ruderte. Plötzlich begann ich, ohne jegliche Warnung meines Körpers, mich zu erbrechen, in einem Strahl und als ich entsetzt dastand spürte ich mit wachsender Verwunderung, daß unten meine Schließmuskeln auch nicht funktionieren. Von dort kam auch ein Strahl, der nicht zu halten war. Und aus meinem Schwanz machte sich wie selbstverständlich der schmählich warme Nachfolger auf den Weg. Sowas hatte ich ja noch nie gespürt. Allerdings verstopfte sich meine Nase und es tränten die Augen, aber ich wagte nicht mich anzuschauen. Ich dachte es sei mein Ende, es geht nicht weiter. Ihr schwebtet dort draußen auf den Wassern, und aus mir verflüchtigten sich hier die Stoffe. Wach mußte ich der vollständigen Entleerung meines Körpers Zeuge sein. Ich werde nur Haut sein, während die mir lieben Frauen und Männer auf Sichtweite auf der lauen Tisza bukolisieren. Lange stand ich dort und so. Ich dachte, daß aller Wahrscheinlichkeit nach dein bösartiger Liebergott mir zu meinem dreißigsten Lenz ein Telegramm zugedacht hat, damit in mir Ehrfurcht meinem Körper gegenüber erwache. Ich soll nicht soviel fressen, wie die Pest, nicht wie die Aasfresser kopulieren, weil fortan mein Fleisch mich straft. Mit gekrümmtem Rückgrat, traurig summend, zusammen mit den Überresten meiner Würde putzte ich die aus mir entsprungenen Häßlichkeiten in ein Lavoir. Ihr konntet nicht begreifen, wie aus mir plötzlich ein Jude mit traurigen Augen werden konnte, der gerade eben erfahren hat, daß er zum letzten mal einen araukanischen Indianer gesehen hatte.

Seitdem versuche ich dir zu erklären, daß ich dich beneide, wenn ich dich gegen Mitternacht unten auf der Treppe antreffe, einen Fuß im Wasser, auf deine Gitarre gesunken, natürlich betrunken. Mit kleinen Kieselsteinen warfst du nach einem umherschwimmenden Scheißhaufen.

 

Die Chose

Die Chose hat sich so zugetragen, daß auf einmal etwas zu fallen anfing. Ich kann nicht sagen, ob vom Himmel, wo ist der denn geblieben, aber auch nicht von oben, weil es sein kann, daß es von unten kam. Beziehungsweise von überall her. Irgendwie irgendwann füllte sich die Luft mit irgendwas und es dauerte nur einen Augenblick bis das Ganze sich als Riesel absonderte, auf einmal, überall. Ich würde sagen Kunststoff oder Kunstschimmel. Er war schleimig und fühlte sich glatt an und war trotzdem uneben, sowohl durchsichtig, als auch schillernd gleichzeitig. Vielleicht würden wir uns so fühlen, wenn wir die eigenen gestrigen Exkremente an einem taufrischen Morgen befingerten.

Und das Besondere war, daß wir nicht an ihm zugrunde gingen. Sondern unter ihm, in ihm, schleimig und schillernd lebten. Wir ekelten uns drei Tage. Dann argwöhnten wir nur noch. Wir warteten. Weil wir nicht wissen konnten, wo das Ganze entsteht, dieses Etwas, diese Unbill. Wer würde glauben, daß etwas, das es nicht gibt, weil es nicht meßbar ist, uns friedlich gesonnen sein wird?

Es begann mit meinem Hahn. Er krepierte, jedoch nicht an diesem Schimmel, sondern einfach, weil er alt war und ich nicht das Herz gehabt hatte ihn beizeiten zu schlachten. Und weil ich ihn eben gern hatte - Bakkancs, Schnürstiefel, war sein Name - warf ich ihn nicht dem Hund oder einem anderen Aasfresser rund ums Haus vor, sondern beerdigte ihn.

Nach einer Woche barst die Erde über ihm. Ich dachte sie sei eingetrocknet und stampfte sie mit der Schuhsohle fest. Am nächsten Tag morgens um sechs, als ich wie gewöhnlich an meinen Lieblingsholunder pinkeln ging, sah ich entsetzt, daß sich die Erde langsam auftat. Bakkancs' zerfetzter Körper aus der Öffnung kroch und, wie er von der Last der Erde befreit immer größer und größer wurde. Dann erhob er sich. Flog flügellahm, nicht in den Himmel, denn wo ist der geblieben, nur nach oben.

Ich begriff: So wird es den Mäusen, den Feldmäusen und natürlich auch den Menschen ergehen; aber vielleicht werden die Fische mit ihrer Himmelfahrt dafür Zeugnis ablegen, daß es Gnade nicht gibt, nicht gab und nicht geben kann. Bis sich schließlich das Himmelszelt verdunkelt bleiben nur wir hier und die Stille und die duckmäuserisch in uns herumbrodelnden Gasüberreste.

 

Kleinmeister

Schon im Morgengrauen hatte der Ansatz meiner Flügel gejuckt. Mittags, wenn wir über die Drachen sprachen, mußte ich vor aufsteigender Angst ins Bad gehen.

Wenn ich zurückkam, sagtet ihr, daß meine Phantasie wieder gierig gewesen sei und das es kein gutes Ende nehmen wird, weil solche, wie ich an einer Willensschwäche leiden und statt verschiedene luftfahrende Apparaturen zu bauen zerbrechen sie sich die Köpfe, träumen nur und werden schließlich wie die Bäume.

Ohne mich weiter zu beachten diskutiertet ihr die Richtung des Windes, das vorteilhafte Maß des Anlaufs und die Gefahren der Landung. Als ihr, auf dem Bauch schwebend die Vorteile und Nachteile des Fliegens lamentiertet, verstand ich: ihr könnt niemals das Wesen der Sache verstehen, wie diese Kleinmeister nichts wußten, die Gottes Engeln sowohl Flügel als auch Hände gemalt haben. Leider wollt ihr die Herren über die Kräfte der Natur sein, ich jedoch bin nur davon ausgenommen und die glückliche Entdeckung der Umstände machte mich wieder stark. Von dem Augenblick an, in dem das Jucken zu einem ständigen Schmerz wird, die Qual des Wachsens, beginnen meine Hände zu schwinden.

Es wird keinen Grund geben über die Winde, die auftreibenden Warmluftwirbel zu sprechen. Über das Fliegen muß man kein Wort mehr verlieren, ich bin kein Pilot, sondern will ein fluglustiges Wesen sein. Zum ersten mal in der Geschichte der Dinge bringt das Verlangen die Evolution in Bewegung.

Ich habe fünfzehn Kilo in einem Monat abgenommen. Meine Knochen werden immer schmaler und länger. Solange ihr mit Aluminiumstücken und leerem Geschwätz herumwurstelt, verpuppe ich mich in das Netz meiner Phantasie und Begierde. Dann schwinge ich mich neben euch in die, von eurem Gerümpel wimmelnden Luft, daß ihr mich seht, im lechzenden Neid verschrumpelt all eure Freude zu angstvoller Begierde. Irgendwann, nach Jahren, um die Mittagszeit, in einem Badezimmer könnt auch ihr den Anfang vom Ende des Juckens erkennen.

 

Der Spießrutenlauf

Er lag auf dem Bett und lächelte. Wie ein Honigkuchenpferd. Er beachtete mich nicht. Er dachte an dich. Dann fragte ich ihn auch. Er log mir etwas vor. Ich versuchte mit ihm Liebe zu machen. Er war, wie eine Maschine. Eine lauwarme Maschine aus weichem Metall. Vergeblich nahm ich mich damit in Schutz, daß ich ihn beschämen soll. Er schwang hin und her, kämmte so die Nervenstränge meines Körpers blitzblank, daß ich schließlich zu zittern begann. Ich fürchtete mich nicht vor seiner Stärke, sondern vor seiner letzten Stärke. Weil in dieser Art immer soviel bleibt, wie zerstörenswert ist.

Als er sich dann hinüberschwang war das Ganze so, als würde er hinter mir hasten. Ich würde fliehen, den eigenen Schatten vor mir herschieben und alles vor dieser ungeheueren Stärke, die abschleckt, jeden Stein, jedes Stück Holz, jeden Apfelkrotzen und jede Pfütze farblos hobelt. Als es zu Ende war lag ich mit geschlossenen Augen, schaute vor mich hin und auf der Straße, auf welcher ich mir diesen Spießrutenlauf vorgestellt hatte, sah ich wirklich ein farbloses Fohlen. Als ich ein kleines Mädchen war, war das meine Lieblingsstraße. Auch so kann man jemanden vergewaltigen. Wenn er wenigstens geschwitzt hätte. Er lag, rauchte und lächelte. Er dachte an dich. Es ist kein Unglück, daß ich ihn hasse, sondern, daß er alle Wahrscheinlichkeit nach nur noch das an mir liebt.

 

Eilbote zu sein wäre gut

Der Rückweg ist kostenlos. Er muß sich nicht hetzen, für was, er bleibt stehen, wenn er will. Einen Film machen, das kann er sich auch vorstellen. Er hockt sich in einen Busch, aber nicht nur, weil es gut ist sich zu entleeren, sondern aus dem Busch schauen ist gut. Nur so, entlang des Weges, oder weiter hinten, am Fuß des Waldes. Von hier Schafe, von dort eine sumpfige Wiese. Es könnte irgendein Vogel kommen. Frosche sammeln, Schlangen, so stehen, sagen wir in seiner hehren Storchigkeit, als sei er selbst der Friede, der Friede selbst. Aber er ist ein duckmäusischer Mörder. Aber das ist gut so, er ist nicht schuldig, wir verurteilen ihn nicht, kann auch sein, daß sie für die Jungen holt, sie sollen es nur wissen.

Wenn nur einmal irgendeine Frau käme. Ein Mädchen. Eine Zigeunerin. Sich in den Pfützen reinigen zu wollen. Nackt, braun und schamlos. Sie würde natürlich ihre Scham waschen, na und auch ihre Brüste. Danach würde sie sich auf dem Moos trocknen. Auf dem Rücken, breitbeinig, wenigstens für die Sonne.

Aber es kommen nie Frauen. Aber dann wenigstens Hirsche, wenn die kämen, sumpftrugdoldig, diese Art mit großen Eiszapfen. Zwei natürlich, zur Brunft. Lange. Röhrend. Trotzdem zahm, wie die blutpfotigen Wölfe.

Der Eilbote muß nur noch darauf achten in seiner unschuldigen Lauer bei Sinnen zu sein: wenn er jetzt stürbe, im Schlamm steckend, würde ihn vielleicht niemand finden und vielleicht niemals.

Aber das ist unmöglich. Es fällt ihm ein. Immer, in jedem Busch, auf jeder unschuldigen Lauer und es durchzuckt sein Rückgrat dieser grauenerregende Strom. Er schnellt empor, reinigt sich eilig und jetzt ist schon egal, daß der Rückweg kostenlos ist, die Zeit kostenlos ist, er rennt, saust zur Wachstelle und bittet in Habachtstellung um einen neuen Knechtsdienst. Deswegen stinken also die Eilboten so.

 

Die geflügelte Nutte

Der Mensch beschnupperte sein Kind. Das rührte sich nicht, nicht einmal ein kleines Lächeln regte sich auf seinem Gesicht, aber der Mensch dachte, daß es lebt. Er dachte das immer, wenn er schlafende Kinder beschnupperte und er beschnupperte sie, um das zu denken. Das Kind hatte ansonsten Spitzbubengeruch, war jedoch nicht naß geworden. Wahrscheinlich vom Dunst.

Der Mensch richtet sich auf, schaute sich um, wartete mit gespannten Muskeln ein paar zählbare Augenblicke, riß die Schultern hoch und rannte in den Regen. Er rannte eine Weile, aber dann wurde er langsamer, spazierte fast. Er dachte auch, daß es schade wäre sich zu ducken, er wird genauso naß und es ist schade zu rennen, denn wenn er schnell läuft treffen ihn doch mehr Wasserstrahlen. Also ist es egal und ohnehin ist alles egal, nur soll das Kind nicht naß werden. Es ist doch so schon schwer genug, wie wäre es in nassen Lumpen?

Es war schwer, acht Jahre alt. Natürlich, was heißt das schon: schwer. Im zwölf Wochen wird aus einem pausbäckigen Körperchen fast ein Skelett. Nicht so sehr vom Hunger, eher vor Angst. Der Junge wollte bei den frischgehäuteten, spießgebratenen Tier nicht zulangen. Der Vater hatte ihn nicht gezwungen rohes Fleisch zu essen, besonders kein Aas, aber Braten stopfte er kleingeschnitten in ihn hinein. Hund, Katze, Krähe, egal was. Der Junge stieß manchmal auch im Schlaf auf. Aber der Vater dachte, daß es keine Gnade gibt. Denn wenn er ihn begnadigte, wäre es das Todesurteil.

Der Körper des Jungen hingegen ekelte sich so sehr, daß er die Fleischstückchen fast unverdaut durch sich hindurch jagte. Eine halbe Stunde nach dem Essen, nach dem Stopfen, oder gerade nur ein wenig später sickerte unter den Lumpen und der Nylonbettdecke Gestank hervor.

Aber dieser Frühlingsregen bringt das Grün, dachte der Mensch, und was grün ist, ist schließlich eßbar. Auch das Gras. Aber am besten wäre es, wenn die Nesseln sprössen. Die sind auch noch gesund.

Der Mensch fühlte sich auf der Wiese in Sicherheit. Als ob der Regen ihn bedecke, als ob er unter einer Wasserglocke laufe. Die Stille des Prasselns war nicht bedrohlich. Unter den durchnässten Mantel, dem durchnässten Pullover, dem feuchten Hemd, den drei dampfenden Unterhemden stieg Wärme empor. Von der Bewegung. Und die drei zerlumpten Hosen waren auch warm. Ausgesprochen. Jede einzelne war anderswo löchrig, daher war der Schutz zirkulär.

Der Junge hatte kaum Kleider am Leib. Was er anhatte war auch sommerlich, Leinenhose, langärmliges Unterhemd. Ohne die Lumpen wäre er gestorben. Aber auch so hing das Überleben von der Wärme seines Vaters ab. Wenn der Mensch in einer Nacht hingeschieden wäre - das hatte er sich auch schon oft vorgestellt, vor dem Einschlafen - hätte sich das Kind sicher nicht von seiner Seite bewegt. Es wäre dort ausgekühlt, wie ein kleiner Haufen Dung am Wegesrand, im Winter. Das dachte sich der Mensch so.

Es war einmal ein König, der hatte einen Sohn, der hatte eine Geliebte. Sie war eine schöne Frau und gebar dem Herzog einen Sohn. Aber davon wußte niemand, acht Jahre lang. Dann befahl der König seinem Sohn zu heiraten, weil die Zeit seines Königseins sich näherte. Der Sohn weigerte sich natürlich und erzählte seinem Vater alles. Der König war ein gnadenloser Mann: er sagte, daß er sowohl den Bankert, als auch seine Mutter umbringen läßt. Die Frau floh gerade in ein Kloster, als die Soldaten sie erschossen. Sie hatten nicht das Herz das Kind zu erschiessen und brachten es in das Kloster. Der Herzog hatte ihm von dort zur Flucht verholfen, weil er wußte, daß der König den Jungen vergiften lassen würde.

Man bräuchte eine Hütte, dachte der Mann. Neben einer Wiese im Wald, damit die auflebenden Wurzeln nicht fern seien. Seine Beine und sein Rücken schmerzten. Der Frost war schon aus seinen Eingeweiden gestiegen, aber der Schmerz noch nicht. Und auch der Schmutz schmerzte unter den Nägeln und auf der Haut. Anhalten, nur einen Tag. Baden, mein Gott. Blutgeld war auf den Kopf des Kindes ausgesetzt. Aber so gnadenlos, daß seinem Vater nicht ein Haar gekrümmt werde. So daß jeder der ihnen hilft und sie versteckt massakriert wird und den schrecklichsten Tod erleiden wird. Die Soldaten, die den Bankert nicht getötet hatten ließ er vierteilen.

Gott soll nicht besser sein, als die Menschen. Den Menschen keine Gnade erweisen. Weil er sie mit Gnadenlosigkeit geschlagen hat.

Er lächelte. Aber wissentlich. Nicht einfach blindlings in die Weltgeschichte, blöd, von der Müdigkeit gebrochen, wie ein Idiot. Seit Tagen wußte er von sich selbst, daß er lächelnd zerberchen wird... na, nein er geht nur vorwärts. Man kann ihn auf keinen Fall mit einem Elefanten vergleichen, auch nicht mit einem Schlachtroß. Aber trotzdem mit einem Tier, es könnte eine solche ausgemergelte Wolfsstatur gehabt haben. Am Winterende, sich mausernd. Ein männlicher Wolf, aber nicht von der Räude zerfetzt.

Und er war auch grau. Nur so Schmutzgrau, welches wiederum anders ist als das Schmutzgrau. Er lachte, weil ihm wieder einfiel, wovon das kommt, daß im Frühlings und Sommerregen, besonders im warmen Schauer, gerade wenn auch die Sonne unter dem Vorhang des Regens hindurchscheint also, das männliche Geschlecht sich aufrichtet.

Aber er dachte nicht mal an eine Frau. Seitdem seine Frau tot war, dachte er nicht mehr an Frauen. Aber er sah sie nicht einmal von weitem. Und jetzt, wie wunderbar ist der Frühling, wie eine Art Bote stieg ihm das Blut. Und es war nicht schwer, wie sonst, früher, und er spürte nicht einmal das, daß man durch eine verdammtgroße Majestät brechen müßte, sondern es war leicht, warm als ob er unter seiner Grauheit lächele. Und als ihm dies in Erinnerung kam, lachte er laut.

Er ging wie eine Maschine auf der Wiese. Eine gute Maschine. Dann blieb er plötzlich stehen. Der stille Regen, als ob er unten ankommen zerstöbe, zu Nebel zerstoben wäre. Er fühlte sich davon, als würde die Wiese einsinken, und wohinein, es schwang hin und her wie ein langes, breites Kopfkissen aus einen sehr flaumigen Material, welches es nicht gibt. Dann fiel ihm noch ein, warum es die Sachen gibt, die es nicht gibt.

Der Mensch geht im Nebel. Dachte er. Der Mensch geht im Nebel, es steht der Heller, wie der Batzen. Dachte er. Und, was kann ein Batzen sein. Irgendein Geld. Und auch, das er nicht mehr steht.

Schließlich, Gott vergib mir, wenn ich über Gottes Schläge hinweg komme, bräuchte ich vielleicht doch ein Weib.

Dann fiel ihm ein, warum er noch nach seinem dreißigsten Lebensjahr so sehr die Frauen mit dicken Hintern und breiten Gesichtern geliebt hatte. Weil er zweifellos, sich plötzlich zu diesen hingezogen fühlte. Aber, wie ein Tier. Er wurde verrückt wenn er so eine sah.

Schon früher hatte er seine, sich verbergende Frau nicht gemocht. Nur seinen Jungen. Nach ihrem Tod dachte nicht mal mehr an sie. Beziehungsweise: er dachte an sie, nur egal wie sehr er die Augen schloß, er war nicht in der Lage sie vor sich zu sehen. Er dachte: sie ist erloschen und sofort nach ihr die Leere.

Und er hatte ihr auch den Tod gewünscht. Schon lange. Früher oder später hatte er jeder Frau den Tod gewünscht. Als ob das Weibervolk eine Obstsorte sei. Wenn sie schon geschaffen ist, soll sie fallen, verschrumpeln und verschwinden. Was zurückbleibt, ist etwas, Farbe, sie sei warmbraun. Und das Aroma, wie der Eiswein. Schön schimmlig, süß und warm.

Plötzlich fand er sich an einem Waldrand wieder. Im Nebel hatte er es nicht bemerkt, fast wäre er in eine Schlehenhecke gefallen. Auch Wacholder gab es darin und Heckenrosen, aber egal. Ungefähr fünfzig Meter stolperte er im Nebel, bis er einen Übergang fand, es war offensichtlich ein Wildwechsel. Dann, nach ein paar Schritten wurde der Wald schon durchdringlich. Es war ein junger Eichenwald. Keine Nebel bedeckte ihn.

Eine Lichtung bräuchte man, dachte er. Eine Hütte, obendrein. Mein Gott: Heu! Als er das dachte überlief seine Seele ein Schauer. Er hatte schon eine schlechte Seele, eine kränkliche, deshalb, wenn er die Augen einen Augenblick schloß, sah er etwas von innen und trotzdem vor sich. Irgendwelche Sachen. Sie ähnelten altmodischen Bienenkörben. Er wußte nicht was das ist. Er schloß wieder die Augen. Er sah, daß sie goldgelb, geflochten, so groß waren wie Korb, nur höher. Selten flocht man...

Er stolperte und stürzte. Glücklicherweise nicht auf das Kind, aber es wachte trotzdem auf. Es wimmerte. Er dachte daran, daß man vielleicht überhaupt nicht aufstehen müßte. Ich lege mich so zehn Minuten hin, das schadet nicht, dachte er. Und wirklich legte er sich hin. Aber er bedeckte sich nicht mit dürrem Laub, wie er sonst zu tun pflegte, wenn er schlafen ging. Das Kind wimmerte und er wußte, daß es nicht wieder einschlafen würde. Es wird weinen. Schon nicht mehr vor Hunger, sondern nur so, wegen ihrer schrecklichen zweisamen Einsamkeit, welche auch den Mann mit aussichtsloser und kalter Angst erfüllte, und er nur deswegen nicht schrie, wenn er sich hineinversetzte, weil er wußte, daß solche Sachen auch einmal zu Ende gehen, so oder so. Die Ereignislosigkeit ist auch ein Ereignis. Und schließlich ist er seit Wochen in der Lage am Leben zu bleiben. Wenngleich er argwöhnte: niemals sieht er einen Menschen, aber es war, als folgten und halfen sie ihm. Wenn die Richtung, die der Weg nimmt klar genug ist findet man immer Essen, eine Hütte und Heu zum Schlafen. Ein Tier, daß nicht lebt, aber noch kein Aas ist. Ein geschlachtetes Tier. Als warteten sie. So daß niemand die Gefahr der Begegnung auf sich nehmen muß. Es kann auch nicht sein, daß eine zahlreiche Armee innerhalb dieser Zeit nicht herausfindet, daß er garnicht wirklich vor den verfolgenden Soldaten fliehen mußte, geschweige denn mit ihnen zusammentreffen. Und was für ein Zusammentreffen wäre das schon? Und wie gibt es das, daß man nicht zufällig auf jemanden trifft? Weder auf einen Pfad, noch auf einer Lichtung. Und als gäbe es keine Dörfer ist er noch nicht in die Nähe eines einzigen gelangt. Er geht nur, geht, aber wirklich wie ein Schatten am Ende das Winters. Vielleicht läuft er immer im Kreis. Das kann auch sein, was kann man schon im Nebel wissen, in einem Abenddämmerung, die eine Woche andauert, in den Nächten. In der Dunkelheit kann er es wirklich nicht wahrnehmen.

- Papa!

- Sprich, mein Sohn. - Es war sonderbar, daß das Kind nicht weinte.

- Ich habe geträumt, daß du erzählst.

- Wie früher?

- Wie früher.

- Und was habe ich erzählt?

- Von deinem Großvater. Das, wie vor dem König der Polterer geflohen seid.

- Ich habe dir gerne von meinem Großvater erzählt.

- Würdest du mir nicht jetzt sagen... Nicht das, sondern lieber, wie dein Großvater im Krieg war?

- Jetzt?

- Ja, jetzt.

Der Mann dachte, daß es gut wäre es jetzt nicht anders, als vor zwei... drei Jahren zu erzählen. Vielleicht schon drei, daß er es zum letzten Mal erzählt hatte. Er erzählte gerne, aber das, was er selbst erfunden hatte. Wenn er es jetzt anders erzählt, ist das Kind enttäuscht und die Wärme des Märchen ist dahin. Vielleicht sollte man doch lieber weitergehen. Es würde es verstehen.

- Wie hieß dein Großvater? - fragte das Kind.

- Béla.

- Wie, Béla?

- Ja, Béla.

- Der wievielte?

- Wie der wievielte?

- Der wievielte König Béla war er?

- Er war kein König. Sondern der Vater meiner Mutter.

- Ist das ein Märchen?

- Ja. Aber es steckt Wahrheit darin.

- Was?

- Der Vater meiner Mutter hieß wirklich Béla.

Das Kind dachte ein wenig nach. Ein wenig viel, etwa eine Minute.

- Papa, sind wir jetzt in einem Märchen?

Der erstaunte darüber ein wenig.

- Ja, ich glaube schon. Aber das ist keins für Kinder.

- Und wann ist es zu ende?

- Woher soll ich das wissen? Aber es ist kein gutes Märchen, wenn das Ende gut ist.

- Da irrst du dich.

- Wir müssen gehen, mein Junge.

- Erzähl das vom Krieg.

Der Mann sah ein, daß er keine andere Wahl hat.

Er erzählte davon, wie sein Großvater auszog gegen Napoleon zu kämpfen. Er war ein gewaltiger Mensch, er konnte so laut schreien, daß man ihn im Nachbardorf hörte. Immer an Neujahr schrie er. Dann gingen viele, direkt um ihn zu hören in das Nachbardorf hinüber. Genau zur Mittagsstunde brüllte er sich aus. Immer hörte man ihn. Aus zehn Kilometern Entfernung. Na gut, acht. Darüber gab es keinen Grund sich zu wundern: er war zwei Meter und zwei Zentimeter groß. Es paßte Luft in ihn hinein. Sie nannten ihn Béla das Faß. Man machte ihn zum Richter.

Er ging in die Schlacht. Er saß auf dem Kopf des Pferdes. Zog mit einer Armee gegen eine Armee. Plötzlich fing man an mit Kanonen zu schiessen. Béla das Faß erschrak und zucktezusammen. Bei der zweiten Salve auch wieder. Er zuckte jedoch sehr zusammen. So, daß er immer kleiner wurde. Und bei der hundertsten Salve saß ein ganz winzigkleiner Mensch auf dem Kopf des Pferdes.

Als er aufhörte sagte der Junge natürlich, nooooch!

- Aber jetzt gehen wir wirklich.

- Wohin?

- Du siehst ja, ich weiß es nicht.

Sie erhoben sich schwerfällig. Langsam.

- Könntest du auf den eigenen Beinen laufen?

- Ein wenig.

- Heute wird es noch Frühling.

- Woher weißt du das?

- Ich habe von blinden Vögeln in ihren Käfigen geträumt. Vorhin. Nur einen Augenblick lang.

- Wo gibt es den solche.

- In dem Buch eines Schriftstellers, der Bohumil heißt.

Der Junge fragte nicht weiter.

Jemanden sehen. Wenigstens von weitem. Nicht mal mit ihm sprechen, nicht mal schreien, auch keine Zeichen geben, mit der Hand, aber wenigstens wissen, daß es wirklich noch andere gibt.

Und dann sah er ihn. Etwa hundert Meter entfernt huschte er zwischen den Bäumen vorbei. So schnell, daß es gerade ein Lichtblitz war. Braun, und so schnell, daß er sein eigens Licht hinter sich herzog. Aber er war sich vollkommen sicher eine Menschengestalt gesehen zu haben. Er sagte dem Jungen nichts. Er dachte daran, daß man sich verstecken müsse. Schnell. Er blieb auch einen Augenblick stehen, aber dann dachte er: Wozu? Wozu?

Frank und frei in die Falle zu spazieren ist besser.

Dann noch einen. Dann zwei auf einmal. Aber Menschen bewegen sich nicht so schnell. Und er hörte auch Stimmen. Getrappel.

Wenn sie wirklich so schnell sind wäre es auch schade.

Er ging halt weiter.

- Warum erzählst du nicht? - fragte der Junge.

- Ich hab was gesehen.

- Menschen.

- Zwei oder drei. Aber so schnell, wie Pferde.

- Sag, wenn du wieder was siehst.

- Sie sind sehr schnell. Man kann sie nur einen Augenblick sehen.

- Bleiben wir stehen, vielleicht kommen sie hierher.

Er dachte, daß das Kind recht hat. Sie setzten sich, so daß der Junge in seinen Schoß kauerte.

Die Wolken stoben plötzlich auseinander, das Sonnenlicht fiel auf den Nebel. Das war so, als hätte man ihn an jeder Ecke und Seite gepackt und hochgehoben.

Sie waren sehr aufmerksam. Aber sie sahen auch keine Vögel. Dann kam eine Art Fliege. Schwebfliege.

Das ist gut, sehr gut, dachte der Mann. So döste das Kind nach fünf Minute ein wenig. Es schloß die Augen. Der Vater dachte, es würde einschlafen.

Aber der Junge begann plötzlich zu singen. Aber keine Gedichte, sondern nur I und E- Laute. Langgezogen, dünn, aber auch heiser. Manchmal gab es eine Art Weinen, dann wurde es weich, fast schmiegten sich die Laute auf das Gras, dann erhoben sie sich wieder. Müde.

Er hatte das Kind noch nie singen hören. Unvermittelt dachte er, daß es sicher sterben würde. Eine schreckliche Kälte blies durch sein Inneres, aber er fühlte sich so, als ob es wirklich Wind wäre, der durch ihn hindurchbricht, er würde den Körper nicht mehr zusammenzucken lassen können, weil er schon innerlich erfroren ist. Er neigte sich zu dem Jungen. Beschnupperte ihn lange. Dann küßte er sein Gesicht. Es war heiß vor Fieber.

- Du singst schön.

- Wenn ich ein Vöglein wär - erwiderte der Junge still.

Der Mann verstand nicht, aber er verstand, daß es nichts zu verstehen gab. Wenn das Kind dies hinter sich hat, überlebt es alles. Nur ob das wichtig ist. Wenn es nur nicht hier und jetzt im seinen Armen verrückt wird. Obwohl ein verrücktes Kind besser ist, als ein totes. Das dachte er.

- Wenn ich eine Frau wäre - sagte der Mann.

- Dann wärst du eine geflügelte Nutte - lachte der Junge. - Und würdest mich von hier wegbringen.

Darüber lachte dann auch der Mann. Und auf einmal verstummten sie, plötzlich.

Die Stille war vollkommen.

- Weißt du, was ich dir sage?- fragte der Junge.

- Ich weiß nicht, was du mir sagst.

- Ich sage, daß hier deshalb eine solche Stille herrscht, weil alles darauf wartet, daß uns die geflügelte Nutte holt.

- Aber vorher bricht der Frühling aus.

- Wann?

- Jetzt. Paß auf.

Und es war wirklich wie eine Explosion. Man konnte ein Schnaufen hören, wie ein Geknarre, so wie wenn sehr sehr weiches Leinen reißt. Aber nicht entzwei, sondern in tausend Stücke. Und bevor alles grünte, stieg ein grüner Geruch auf, und sofort zersetzte sich alles.

- Und jetzt kann sie schon kommen - sagte das Kind.

- Wer?

- Die Nutte.

Der Mann verstand langsam, wovon die Rede ist.

- Woher weißt du von ihr?

- Von Mama.

- Hat sie sie gesehen?

- Sie war ihre Freundin. Ich habe sie auch gesehen. Eine Zigeunerin. Sehr schön. Sie kam immer nachts. Stieg durch die Tür des Turmbalkons ein. Das heißt... sie paßte nicht durch. Weil sie Flügel hatte so groß wie ein Segel. Sie hielt sich am Rand des Balkons fest, dann quetschte sie sich durch die Tür. Sie schaffte es nur schwer. Immer verlor sie ein paar Federn. Sie schillerten. Ich habe alle aufgehoben. Und sie rochen gut.

- War sie schön?

- Sehr schön. Und eine sehr große Frau. Aber sehr schön.

- Schwarz?

- Schwarz. Alles an ihr war schwarz. Nur die Flügel waren schillernd. Sie kam immer nachts.

- Wenn du schliefst?

- Ja, sie weckte mich. Sie beugte sich über mich und ich wurde wach.

- Und war auch ihr Körper gefiedert?

- Keine Spur. Flaumig. Nur die Brüste nicht.

Der Mann lächelte innerlich. Aber das war so blaß, so weit entfernt von einem Lachen, so wenig fröhlich, es zeigte nur ein gutes Gefühl, daß es nicht einmal ein Lächeln war, gerade nur eine langgezogene Regung.

Er schloß die Augen und hörte Lärm, eine Art Rauschen, so als ob man dickes, dürres Laub fegte, aber es kann auch sein, daß viele in einer dicken Schicht von dürrem Laub gehen. Aber er öffnete seine Augen nicht, doch er fühlte, daß etwas zwischen ihm und der Sonne steht, und das dies keine Wolke ist, sondern ein Lebewesen.

Dann sah er sich und den Jungen und die geflügelte Nutte. Das Kind hielt sich an ihrem Rücken fest, er aber umschlang ihren Bauch. Aber irgendwie so, daß keine Kraft in diesem Festhalten war, als wären sie zusammengewachsen, seine Hände packten die Flügelansätze, Beine schlüpften zwischen Beine, drückten einander nicht, und das Gesicht barg sich zwischen den trockenen Brüsten der Nutte, welche deswegen auch ein wenig an den Spitzbubengeruch erinnerten. Er spürte, daß sein Körper, wer weiß wann, nackt geworden war, und schon als sie sich an das Fliegen machten, sie sich langsam in einander versenkten, ihre Körper begann einander zu lieben, und aufsteigend, wenn sich alles spannt, umarmten sie sich schon so wie es die Tiere zu tun pflegten. Man kann sie töten, aber sie trennen sich nur lebend, irgendwann, sehr spät. Er dachte daran, daß sie jetzt wie Insekten sind, wie die Bienen, er hat die Königin erreicht, und vielleicht ist es wirklich besser, wenn er am Ende stirbt.

Der Knall hatte eine solch schreckliche Kraft, daß er einen Augenblick gelähmt war. Er öffnete die Augen, sah, daß das Kind ein Loch auf der Stirn hatte. Die Soldaten standen vor ihm, machten eine Kehrtwendung, schon surrte das trockne Laub unter ihren Stiefeln. Wieder schlug das Sonnenlicht in sein Gesicht.

 

Süden

Körniger Schnee fröstelt im Mund. Er taut nur, wenn du dich über mich beugst. Aber auch dann nur eventuell. Wenn du mich nicht berührst. Weil die Kristalle von innen heraus alles bedecken, was sie berühren.

Ich hatte den ganzen Sommer gefiedelt und im Schatten geruht. Und wiederum ziehen wir nicht gen Süden. Die Beine sind steif, der Bauch, als sei ihm ein Stein gewachsen. Zuviel kaltes Salz ist in den Adern. Der Mund hat den ganzen Sommer nichts als Schatten gegessen und getrunken. Aber das geht so nicht. So kann man nur den Winter durchfrieren, auch diesen, und die kommenden dreißig. Wir werden nie gen Süden ziehen. Wir haben gelogen.

 

Mein Sohn der Gärtner

Mein Sohn der Gärtner liebt eingetrocknete Frauen, soviel ist jetzt sicher. Auch die, die er gestern brachte war eher ein Gegenstand als ein Mensch. Als wäre jeder Muskel mit einem stumpfen Messer durchgetrennt. Als wäre sie gegen etwas geprallt, sie verstand sich auf alles, aber ihre Worte bestanden aus kaum hörbaren Lauten. Kein Ekel, kein Mitleid regte sich in mir, sondern ich wurde durstig, aber nicht auf Wasser, lauen Dampf hätte ich eingesogen.

 

Ich sah einen Menschen in Jazera

Er vergnügte sich damit, nachmittags gegen vier, auf den betonierten Promenade, in der Nähe des Hafens, dort, wo sich die meisten blöden Touristen seit Ewigkeiten herumtreiben, weil sie glauben, daß sie vom Flanieren auch ein wenig südländischer werden können. In der Seele.

Er vergnügte sich damit, eine Tausender Banknote vor sich zu legen und zu warten. Es gab immer jemanden, innerhalb von fünf Minuten, der sich schwuppdiwupp niederbeugte und nach dem Geld griff. Und er, patsch, trat auf das Geld. Der Tourist blieb so, auf der Lauer. Gebeugt, wie einer mit Hexenschuß. Betrachtete das stoppelige Gesicht des gleichmütig herumstehenden Mannes. Aber nicht die Augen, weil er irgendwohin vor sich schaute, nirgendwohin, natürlich.

Er vergnügte sich damit, daß er wartete bis der Tourist sich aufgerichtet hatte, er antwortete nicht, ganz egal wie man ihn beleidigte, schaute nur nirgendwohin, steif, wenn er weiterging, husch, nahm er den Fuß von dem Tausender. Er wartete wieder ein Weilchen. Das trieb er bis zum Abend. Die Touristen, die sich genauso langweilten, witterten einen Sport in der Sache. Sie wetteten auf die, die geneigt waren genauso verarscht zu werden. In der Hauptsache waren es Deutsche.

Ich habe es beobachtet, es kam auch vor das hundert Unglücklichen sich bückten.

Ich dachte mir, ich muß ihn bezwingen, wenn das niemand tut, bleibt dieser Unglückswurm ewig so. Und es ist besser für ihn, wenn ihn jetzt, in jungen Jahren, jemand ihn zum Gespött macht. Denn, wenn das später geschieht, sagen wir, wenn er altert, wird jemand schneller sein, als er und das wurde ich mir selbst nicht wünschen.

Ich rieb die Schuhsohlen meiner Latschen mit Baumharz ein.

Das Glück war mir hold. Er bemerkte nicht einmal, wie die Banknote verschwand. Erst eine Minute später, als ich schon auf dem Wellenbrecher saß und das klebrige Geld versuchte von der Sohle zu kratzen.

Er stand auf und ging weg. Aber am nächsten Tag war die betonierte Promenade, als hätte der Wind sie gefegt und das Wasser abgewaschen. Mir kam sie leer vor.

 

Auf der anderen Seite

Es herrschte ein solche Stille, als nestele auf der anderen Seite irgendein Gott. Wir hätten uns zu mucksen getraut, aber saßen dennoch so da, als fürchteten wir uns, als würde jedes Mucksen ihn verjagen, nicht das wir uns vor der Rache gefürchtet hätten. Sondern einfach so; warum hätten wir irgendeinen Gott stören sollen, oder dergleichen, wenn das nicht unser Ding ist, nicht unsere Neigung, nicht mal zu unserem Nutzen, und wenn wir so wären, würden wir erwarten, daß die allerkleinsten Heldelein auf der anderen Seite nicht nesteln.

Meine heiterere Seite, die meine verkrüppelten Körperteile bewohnt, lacht lautlos, aber wirklich so lautlos, wie der mit Pech getränkte Rachen eines Stummen, über diese unschuldige Provokation, die offensichtlich, an sich und für sich unsinnig ist, und wie. Aber die andere, die finstere, meine aasfressende Hälfte, die immer hungrig ist, in allem den Nutzen sieht und dafür auch erpresst, die paßte auf.

Denn wenn wir einmal, ein einziges Mal einen Gottartigen beim Nesteln ertappen, würden wir für unser gutes Betragen eine Belohnung bekommen. Wenn wir es nicht einmal Belohnung nennen könnten, es nicht einmal vergegenständlicht, vorzeigbar, unterscheidbar wäre, wenn wir nicht einmal Könige wären, dadurch obendrein königlicher, sondern nur, sagen wir, nicht mehr als ein Tupfen in unserem Blick. Kleinigkeit: Nur einmal im Jahr würde er aufleuchten. Fast zufällig. Als hätte sich ein winzig kleiner Kristallkäfer in einen nadelspitzengroßen Lichtbogen verirrt, gerade dort und gerade dann.

 

Verderbendes Fleisch trocknet in Häuten

Wären die Pferde nur nicht unsterblich. Schlüge der Regen nicht vom Wind getrieben seitwärts. Streifte das Licht nicht hin und her.

In Rußland traf ich einen Menschen, der von sich behauptete dreihundert Jahre alt zu sein. Er war vertrocknet und stank. Ich glaubte es ihm.

Gleichwohl sagte ich, er hätte auch mehr sagen können. Es gibt keine Zeit. Überhaupt keine. Gott hat mit letzter Kraft ein Loch in die Welt genagt und ist durchgeschlüpft. Sie streben nach den Fäden der Ordnung. Einmal werden sie dahinschwinden, wie die Steine. Sand bleibt, dünenartige Ordnung. Man braucht auch dreitausendjährige Zeugen.

In Paks lebte ein Mensch, der mir ein Netz geschickt hatte. Darin war ein winzig kleiner, vertrockneter Mensch. Natürlich tot.

Das Netz bot keine Erklärung.

Auf dem Begleitzettel des Pakets stand, ich solle nicht so sehr über die Ewigkeit nachsinnen, weil es mir so ergehen wird. Als ich ihn aufsuchte, sagte er nur: Verderbendes Fleisch trocknet in den Häuten. Dann saßen wir auf der Terrasse seines Hauses und schauten auf die Donau.

Auf einmal galoppierten am Ufer etwa zehn Pferde an uns vorüber. Sie waren gekommen, um zu trinken. Dann kam der Regen. Im Licht sahen wir, daß der Wind seine Schnüre zur Seite bog. Das Licht schlug immer wieder auf uns. Als ob es immer das gleiche Licht wäre.

 

Auf der Lauer

Die Aasfresser töten nie von Angesicht zu Angesicht. Ohnehin töten sie selten. Sie haben auch so ein Sprichwort darüber, daß es besser ist zu leben, und wenn du ein Leben auslöschst, so ist das nicht möglich, ohne etwas aus dir herauszureißen. Ich habe vielleicht eins-zwei Aasfresser getroffen, die über hundert Menschen getötet haben.

Sie gehen selten jagen, nur in Zeiten der allergrößten Not. Wenn du mit ihnen auf dem Anstand bist wirst du vor Ungeduld verrückt. Zehn, zwanzig, ja, hundert Tiere lassen sie entkommen, oder einfach nur äsen. Das Tier steht, starrt in die Kimme der Waffe, der Aasfresser lauert nur, unbeweglich. Nur die vor Anstrengung von seinem Körper aufsteigenden Wolken von Gestank zeugen davon. Wenn das einfältige Tier sie wittert geht es schön langsam, sich immer wieder umschauend, immer weiter weg. Nicht aus Angst, es gibt kein Wesen, das sich vor ihnen fürchtet, es ist nur vorsichtig. Oder verabscheut den Gestank.

Wenn sie auf Menschenfleisch warten, werden sie unsichtbar, wie jemand der im Sand lauert. Zu den unmöglichsten Farbveränderungen lassen sie sich hinreißen, damit sie umso umsichtiger in der Stille verschwinden, zwischen den Erdschollen, im Geruch des Laubs, im Dunkel des Gestrüpps, den Geruch des dürren Laubs schnuppernd. Am allergeschicktesten sind sie, wenn sie sich als verendete Lebewesen zeigen. Die Meister der Aastarnung. Nicht nur wird ihr Körper zu einem größeren Vogelkadaver, einem verwesenden Wolfskörper oder zum Geruch verstümmelter Pferdeüberreste, wenn sie wollen bilden sie auch totes Holz nach. Aber so vollkommen, daß sie nicht einmal zu faul sind Feuerschwämme auf sich wachsen zu lassen. Sie fürchten sich nicht vor den Menschen. Sind stärker und klüger als jedes Volk. Sie hätten sich Himmel und Erde untertan machen können. Ihre Verschlagenheit kennt keine Gnade. Sie töten nur von hinten. Plötzlich, lautlos, wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Sie sagen, daß quälen Sünde sei. Auch in Angsthalten, und wär's nur eine Minute.

 

Der Muskelkater

Meine Zähne hängen im Mund, als seien sie mit langen Fäden in der Kuppel meines Schädels aufgehängt. Wenn ich spreche, rülpse oder schreie, läßt die ausströmende Luft sie schwingen. Sie geraten nebeneinander in Bewegung, rückwärts, dann wieder vor und wieder zurück, solange, bis zwei aneinanderschlagen. Dann auch die übrigen und der Zusammenprall die ganze schwingende Reihe aus dem Takt bringt.

Wenn das geschieht spüre ich Schmerz, oben in der dunklen und kalten Kuppel meines Schädels. Dort, wo sie an langen, dünnen Fäden hängen. Sie können kaum dicker als Spinnweben sein. Natürlich befürchte ich, daß sie reißen, daß meine prächtige Zahnreihe lückenhaft wird. Deswegen flüstere ich nun.

Es wäre besser, diejenigen, die auf meinen Aufschrei aus sind ließen mich in Frieden. Beißen kann ich mit diesen außergewöhnlichen Zähnen ohnehin nicht. So gehorche ich jedem. Die Furcht hat schon längst all meine Zellen auseinanderfließen und steif werden lassen.

Der Zustand gleicht einem Muskelkater, den man gerade nicht vertreiben kann. Weder Kompressen, noch vorsichtiges Turnen, noch ruhenlassen hilft. Dann bleibt er eben.

Ich sitze auf meinem Stuhl, nicht unbequem, fast den ganzen Tag der Wand zugekehrt, die mit Kalk nicht mehr zu weißen ist. Ich schaue in den Spiegel. Er ist vielleicht hundert Jahre alt, oder älter. Ich bin noch nicht ganz erblindet, nur am Star erkrankt; jede Grimasse meines Gesichts bändigt er zu einem düsteren, geheimnisvollen Schattenspiel. So würde ich glauben können, daß ich schön bin. Nicht, daß das wichtig wäre.

Manchmal nehme ich alle Kraft zusammen und suche einen Gegenstand. Einen persischen Teller, einen Krug, einen getöpferten Aschenbecher oder irgend etwas. Setze mich wieder auf den Stuhl und schaue ihn mir bis zum letzten Schnörkel, bis zum letzten Haarriß an; betaste ihn. Glücklich ist, wer Haarrisse hervorbringt. Solche Gedanken habe ich.

 

Die Hufschuhe

Um zehn in der Früh weckte mich meine Magd, steh auf 's gibt 'nen verdammten Gestank, dem ganzen Dorf is' schon schlecht. Ich sagte okay, aber vorher würde ich mir ihren Arsch etwas näher anschauen. Wir waren gerade dabei zu befinden, daß ich überhaupt keinen Arsch habe, als ich es roch. Es war durchdringend. Ein verblüffender Gestank. Und er erinnerte an garnichts. Der Gestank eines acht Tage alten Massengrabes ist, würde ich sagen, süßlich. Auch das war er, aber wie Moder mit dem Gestank von Wiesenwanzen in einer unbarmherzigen Konzentration vermischt. Im Mund sammelte sich Gifttaugeschmack. So stark, daß es mich überlief; das war kein Geschmack mehr, sondern der Tau selbst.

Ausgesprochen grau oder grün, gliederlahm, steif lag ich da, unter geschlossenen Lidern den sichtbaren Kampf vertuschend, als Nyisonka mich wieder anschrie, daß dir mir hier nich' schlecht wird, draußen warten sie auf dich, die Bauern, der Polizist.

"Ja, das ist was anderes." Ich sprang aus dem Bett, machte drei Kniebeugen damit die leichte Verspannung nachließ und marschierte, so wie ich war, saumüde, in meinem zerrissenen Nachthemd hinaus auf den Flur. Sofort durchlief es mich, daß ich wohl der Landesvorsteher mit dem allerprophetischsten Äußeren bin. In dieser außergewöhnlichen Lage muß ich mit allen Mitteln die Aufmerksamkeit der Wähler auf mein Charisma lenken. Man muß das Volk auf ästhetischer Grundlage schockieren.

"Guten Morgen, meine Wähler!" rief ich mit hochgeschwungenen Armen.

"Es stinkt." Unterbrach mich der Kreisbeauftragte Stabsfeldwebel Tóth.

"Unbestritten, Herr Kommissär."

"Aber woher kommt's wohl?" fragte er inmitten des kreisenden Nickens der versammelten fünfundzwanzig Männer.

"Haben wir eine Vorstellung von der Richtung der Quelle?"

"Eben nicht", sagte der Polizist: "Das ist es ja. Plötzlich war's da." Die Bauern ließen wieder die Köpfe kreisen und nickten zugleich und gemeinsam. Wenn ich Zeit gehabt hätte, wäre ich über die rätselhafte Form der Bewegung in Verwunderung geraten.

"Ich bin der Ansicht", ansichtete ich: "daß nichts anderes übrigbleibt, als daß wir alle suchen. Aber zunächst soll der Herr Kommissär eine Kartenskizze anfertigen, auf der jeder Anwesende mit einem Pfeil einzeichnet, aus welcher Richtung er zuerst den Gestank wahrgenommen hat. Dann kommen wir vielleicht ein bißchen weiter. Bis dahin ziehe ich mich an. Nyisonka, hol Papier und Bleistift."

*

Ich marschierte zurück ins Badezimmer. Der Gestank hatte die besondere Eigenschaft, daß man sich nicht an ihn gewöhnen konnte. Dies widersprach meinen Kenntnissen bezüglich des Geruchsorgans. Es ließ jedoch darauf schließen, daß die Quelle des Gestanks unbekannte, vermischte Stoffe in die Luft entweichen ließ. Möglicherweise die Nachwirkung eines Vulkanausbruchs.

"Nyisonka, komm rein."

"Komm nich', 's gibt Tratsch!" flüsterte sie durch den Türspalt.

"Dann frag die Wähler, ob's jemandem schlecht geworden ist, sagen wir mal, fast ohnmächtig."

Ich hörte, wie sie fragte. Dann kam sie wieder und flüsterte: "Niemand. Aber's gibt welche, denen hat sich der Bauch umgedreht."

"Der Magen, Mensch, und flüstere nicht, weil sie sonst tratschen."

"Laß mich in Ruhe!"

"Wo ist mein Sohn?" plötzlich kam er mir in den Sinn.

"Der is' mit den anderen Kindern angeln gegangen. Sechs in der Früh. Zum Mittagessen kommt er heim."

"Sag dem Herr Kommissär, daß man jemanden nach den Kindern schicken müßte, die könnten auch suchen kommen."

Das sagte ich aber zur Unzeit, weil ich gerade in diesem Moment meinen Sohn hörte: "Papa... Papa..., es stinkt, wie die Pest!"

"Weil du wieder Zwiebeln gegessen hast!"

"Papa, das war ich nicht." Er kam ins Badezimmer.

"Aber doch, du kannst es nicht leugnen. Du wolltest einen großen Furz lassen, wie dein Vater und hast dir in die Hose gemacht."

"Aber..."

"Na, also..."

Ich sah, wie eine Träne aus seinem Auge quoll.

"Na, schon gut. Ich hab nur Spaß gemacht. Es wäre gut, wenn die anderen Kinder helfen würden zu suchen, woher der Gestank kommt."

"Okay, Papa."

*

Ich kleidete mich an und dann gingen wir wieder unter das Volk. Es hatte sich stark vermehrt, da die Frauen schon eingetroffen waren. Sie schnitten Gesichter, wie Krähen.

"Na, meine lieben und guten Wähler! Hört mir zu!" begann ich meine Notstandsansprache. "Es gibt keinen Grund so verbittert zu sein. Wir werden die Ursache des Gestanks schon finden. Das Wichtigste ist, daß wir unter der grundsätzlichen Leitung des Herrn Kommissär, des Feldhüters und des Herrn Forstaufsehers beginnen in einer Kette, paarweise zu suchen. Der Herr Kommissär teilt das Volk in Gruppen ein. Das Dorfinnere durchsuchen die Frauen und Kinder. Ich bleibe hier und alle Nachrichten werden hierher gebracht. Mein Sohn und drei Kinder bleiben in der Nähe, damit ich sie schicken kann, wenn es eine Nachricht zu übermitteln gibt. Herrn Doktor Pócsfay und den Veterinär Herrn Horváth habe ich zu einer Beratung bitten lassen. Ich glaube nämlich, daß der Gestank aus dem Erdinneren hervordringt. Vielleicht wäre es gut, wenn jeder die Brunnen beschnuppern und auf eventuelle Erdspalten achten würde. Es kann sein, daß das ganze die Nachwirkung eines Vulkans ist. Wenn wir die Quelle des Gestanks finden, verkünden wir das, indem wir alle drei Glocken läuten lassen, achtet deshalb auf den Turm! Jemand soll ins Pfarrhaus rennen und fragen, ob es einen Hinderungsgrund gibt." Drei Kinder rannten sofort los. "Jetzt gehe jeder herumschnüffeln." Daraufhin fiel mir ein, daß es nicht schaden würde dafür geeignete Hunde mitzunehmen. Mag sein, daß sie irgendwo zu heulen anfangen.

"Es gibt ein Problem, Chef." sagte der Polizist:" Die Hunde benehmen sich, als wären sie toll. Und die Katzen auch. Mein Hund hat ein bißchen geheult, dann fing das Maul an zu schäumen. Jetzt liegt er da und röchelt."

"Egal, dann geht ohne. Wir werden siegen!"

Das Dorfvolk lief auseinander. Der Polizist schaute mich nur an, dann ging auch er los. Selten spürte ich so kristallklar, daß ich die Pflicht habe meine Reden mit verschiedenen Ausrufen zu beenden.

*

Kurz und gut, nach einer halben Stunde fand sich mein Sohn zitternd ein.

"Papa, gefunden."

Ich drückte ihn an mich, weil ich wußte, daß er etwas häßliches gesehen haben mußte.

"Ein Mensch... jemand liegt im Garten." Er wurde ohnmächtig. Als ich ihn an mich drückte spürte ich, daß er erschlafft war. Ich schaffte ihn auf das Bett. Rieb und streichelte ihn.

"Nyisonka!"

Als die Magd eintrat, wurde auch sie sofort ohnmächtig. Aber auf hinterhältige Art, weil sie am Bett zusammenknickte und zielgenau neben meinen Sohn fiel.

"Wenn's geht mach jetzt keinen Zirkus:" sagte ich ihr.

"Dafür sollst du ein Einsehen haben." sagte sie und stand sogleich auf.

"Reiß dich zusammen! Mach dem Kind eine Kompresse, leg ihm Eis auf oder mach, was du willst. Wenn der Doktor kommt soll er nach ihm schauen. Er ist seelisch zusammengebrochen, also drück ihn an dich, gib ihm Küsse, als ob du seine Mutter wärest. Er soll Geborgenheit und Liebe spüren."

"Is' aber nich' mein Kind!"

"Verdammt noch mal! Ich habe dich nur gebeten dich so zu verhalten, wie es sich für eine Frau gehört; bis ich zurückkomme."

"Ich bin ein Mädchen."

"Wenn dem Kind was geschieht, wenn du ihn mit deinem Gekreische so in Schrecken versetzt hast, daß er, sozusagen verblödet, mach ich einen Mann aus dir."

Aber wir stritten überflüssigerweise, den der Junge wachte auf.

"Papa, das ist kein Mensch!"

"Aber was denn?"

"Ein Teufel."

Mehr brauchte Nyisonka nicht, um schreiend aus dem Zimmer zu fliehen. Ich warf ihr einen Aschenbecher hinterher.

"Mein Junge, werde Pfarrer. Meide die Frauen."

"Der Teufel ist auch eine Frau... beziehungsweise ein Mädchen."

Wenn jemand glaubt, daß ich davon verlegen wurde, oder verlegen auf meinen Sohn geblickt hätte, der irrt sich.

"Kommst du mit ihn ansehen oder hast du Angst?"

"Hab keine Angst, er stinkt nur schrecklich."

"Das spüre ich ja."

"Ich habe nur Angst jetzt schon zu sterben."

"Das soll das Geringste sein."

*

Ich rief in Nyisonkas Zimmer, sie solle loslaufen und läuten lassen. Sie antwortete nicht. Hatte sich eingeschlossen. Ich schlug das Türglas ein. Sie betete dort kniend auf dem Boden. So inbrünstig, daß sie sich von Zeit zu Zeit zu Boden warf. Ich griff durch das zerschlagene Fenster und schloß auf.

"Nyisonka, was ist in dich gefahren?"

"Er is' gekommen, weil wir gesündigt haben. Er is' wegen mir gekommen." Sie schluchzte so, daß sie auf der Zunge herumbiß.

"Wegen mir is' er gekommen. Wegen mir. Die Jungfrau bestraft mich für meine Sünden."

"Hast du gestohlen?"

"Ich hab Unzucht getrieben. Mit dir!"

"Du bist blöd! Nicht die Jungfrau sondern der Teufel liegt im Garten. Und dem gefällt es, daß du Unzucht getrieben hast. Er bestraft dich keineswegs dafür, sondern belohnt dich eher."

"Er nimmt meine Seele."

"Wohin denn, Mensch, zu Fuß? Wohin paßt denn deine bestialisch große Seele?"

"In die Hölle!"

Ich stellte sie auf die Beine, schlug ihr gehörig auf den Hintern, dann jagte ich sie davon, läuten lassen. Sie rannte, weil sie wußte, daß ich sie so lange schlage, bis sie verschwindet.

*

Obgleich ich aufrecht ging fühlte ich mich so, als ob ich mich in gebückter Haltung dem Ende des Gartens näherte. Der Junge kam natürlich hinter mir her.

"Riechst du es, Papa?"

"Jahja." Wenn ich in meinem Leben etwas gerochen habe, dann diesen Gestank. Dafür gibt es keine Worte. Ich glaube, mein Gehirn ist schon vor Ekel erstarrt. Der Schweiß brach aus. Sicher vor Angst.

Plötzlich lag er vor mir. Und ich vergaß allen Gestank und die Angst. Es war herrlich. Überall bedeckte rötlichschwarzes Haar den winzig kleinen Körper. Krauses natürlich. Nur sein Gesicht war unbehaart, aber von dunkler Hautfarbe. Er hatte keine Hörner auf der Stirn, sondern zwei Ansätze aus Horn. Sie zogen sich über die Augen, als sollten sie vor dem Licht schützen. Sie waren etwas flach und an den Enden abgerundet und weiß. Gleichwohl konnte man sie aus der Ferne für Hörner halten. Die Augen waren geschlossen. Die Ohren fand ich angemessen. Aber sie waren nicht dort, wo sie der Mensch hat, sondern dort, wo die Katzen sie haben. Auch ihre Form erinnerte an jene der Katzen. Sein Gesicht, ansonsten für schön befunden, hatte breite Backenknochen und dicke Lippen. Er hatte winzig kleine, kohlrabenschwarze Titten, spitzig, so wie sie auch die Hexen tragen. An seiner Scham - wenn man das bei einem Teufel so nennen kann - war das Besondere, daß dort die Behaarung knallrot war. Er lag in der Grätsche, der Schwanz war zwischen die Beine geraten, als wäre er ein männliches Glied, aber damit konnte man ihn nicht verwechseln. Das Schwanzende war auch rot. Richtig schwindlig wurde mir, als ich seine Hufe in Augenschein nahm. Von oben sah man auch nichts besonderes, erst als ich mich näher herunterbeugte. Er hatte Hufschuhe an, eine Art Schuhe, mit einem Klettverschluß hinten. Als ich die Sohle sah, floß mir das Blut aus dem Kopf. Es war ein Adidasemblem eingebrannt.

*

Ich fiel auf die Knie. Man sagt, daß an den zum Tode Verurteilten ihr ganzes Leben vorbeizieht, wenn sie die Menschenaugen des Kommandos sehen. Ebenso durcheilte mich alles, was ich gelernt hatte: Wie der Urgroßvater vom Teufel erzählt hatte, der Katechismus, von dem ich glaubte, ihn nach der Ersten Kommunion vergessen zu haben, alle Worte des Religionslehrers, jedes Ministrieren, lateinisch, ungarisch, und auch russisch, der Marxismus und danach alles, was ich über die Juden gehört und gelesen hatte, dann Marx von A bis Z, und Lenin. Als hätte mein Hirn, wie eine elektrische Maschine den Punkt gesucht, wo es sehr wohl eine Verbindung zwischen den Hufschuhen und der Weltordnung gibt. Als knistere etwas in mir; als wären die Nervenstränge zu hunderttausenden kurzgeschlossen, nirgends war etwas. Es gab keine Erklärung. Ich hatte vergebens gelernt, war vergeblich aufmerksam gewesen. Ich litt unter meiner Unwissenheit, damals, dort, zum ersten Mal in meinem Leben, wirklich.

*

Doktor Pócsfay hob mich auf. Drückte mir die Hand.

"So etwas gibt es." sagte der alte Mann. "Wir sind stark, man muß es ertragen."

"Aber warum gerade wir?" fragte ich. Dann erblickte ich den armen hochwürdigen Herrn Halápy. Er betete mit niedergeschlagenen Augen. Auf Latein.

"Komm weg hier, Vater", sagte ich: "ein bißchen Schnaps..."

"Ich muß bleiben." Dies brüllte er leise. Ich muß hierbleiben und Wache halten!" Der Arme keuchte fast.

"Deine Seele mußt du jetzt behüten, Vater. Dabei hilft so ein Schnaps." Ich packte ihn am Arm und fing an ihn kräftig zu zerren. Als es uns gelungen war zehn Schritte zu tun, fragte ich ihn, woran ich dachte: "Bereiten sie euch auf sowas vor?"

"Sicher. Noch dazu habe ich vor fünfzig Jahren die Theologie abgeschlossen. Aber ich hätte nie gedacht, daß dafür...", murmelte er.

"Was bedeutet das? Ein Zeichen?"

"Gott tut so was nicht."

"Ja, und doch ziemlich schlau."

"Jetzt fehlt nur noch, daß du lästerst!"

"Gibt es irgend ein teufelaustreibendes Gebet?"

"Das habe ich schon vorhin gesprochen. Aber diesen Teufel muß man nicht mehr austreiben."

*

Als wir zu meinem Haus kamen hörten wir die Glocken. Nyisonka kam angerannt. Kniete vor Vater Halápy nieder und warf sich auf seine Schuhe.

"Es ist gut."

"Ich hab gesündigt!"

"Ich auch, meine Tochter!"

"Ich hab Unzucht getrieben. Der Teufel will mich holen."

"Du bist blöd, meine Tochter. Geh an die Arbeit. Wenn wegen jeder Unzucht der Teufel käme..."

Er entzog auch seine Schuhe Nyisonkas Umarmung. Am Ende gelang es dem alten Vater sich, vor der alle Augenblicke sich ihm zu Füssen werfenden Nyisonka ins Haus zu retten.

"Das Mädchen ist blöd." sagte ich.

"Sie ist in Verzückung."

"Laß einen Eimer Weihwasser holen."

*

Mein Sohn ist ein Genie. Das meine ich ernst. Während ich den Schnaps holte, es waren kaum Augenblicke vergangen, erschien er schon mit dem Fotoapparat in der Küche.

"Papa, es ist kein Film drin."

"Das ist jetzt wirklich nicht die größte Sorge."

"Aber Papa, was ist denn wenn die Teufel kommen und ihn wegbringen. Wir brauchen eine Aufnahme, weil uns sonst alle für Narren halten und das ganze Dorf auch."

"Er hat recht." sagte der Doktor.

"Aber Papa, es ist kein Film drin."

"In irgendeiner Schublade ist einer. Mein Junge, wenn du einen Schnaps trinken willst, kannst du jetzt einen Schluck trinken. Ich weiß, was du durchgemacht hast." Er ging die Schubladen durchsuchen. Mir fiel ein, daß wir Profiaufnahmen brauchen würden. Ich schrie hinter hin her: "Du, sprich mit dem Lehrer Kovács, schließlich ist er Leiter des Fotografenzirkels."

Der Lehrer mußte nicht gesucht werden, weil schon das halbe oder vielmehr das ganze Dorf in meiner Küche war. Die Schnapsflasche ging von Mund zu Mund. Dann der Cognac. Innerhalb von zehn Minuten war alles leer.

"Können wir ihn anschauen?" fragte der Stabsfeldwebel Tóth.

"Ja doch. Aber nur die mit besseren Nerven:" sagte der Doktor. "Und der ehrwürdige Herr gehe mit euch!"

"Geht noch nicht!" sagte ich. "Weil wir erst besprechen müssen, was mit dem Leichnam werden soll."

"Was soll schon werden? Wir begraben ihn!" sprach der Polizist.

"Ja schon, aber wo? Der Friedhof ist geheiligter Boden. Auf den Schindanger können wir ihn nicht werfen, er hat immerhin menschliche Formen. Wenn wir ihn in meinem Garten begraben, machen alle einen Bogen um mich. Aber er stinkt und man muß etwas unternehmen. Vielleicht besteht Ansteckungsgefahr."

"Wir können nicht erwarten, daß der Priester ihm beerdigt." sagte der Lehrer, der gerade totenbleich von der Beschau aus dem Garten kam.

"Wir verbrennen ihn."

"Hast du ihn fotografiert?"

"Ich habe keinen Apparat dabei."

"Dann lauf mit meinem Jungen!"

"Ich bin auf jeden Fall der Meinung", begann Doktor Pócsfay, daß ich den Leichnam sezieren würde. Obschon ich dazu vielleicht kein Recht habe. Man müßte ein Ministerium verständigen. Oder man müßte ihn in Formalin einlegen... in Alkohol... oder Essig, damit namhafte Wissenschaftler ihn bei mir untersuchen."

"Wir krepieren in dem Gestank, wenn wir warten." sagte ich. "Alle, die neugierig sind sollen den Leichnam anschauen, dann sezierst du ihn, dann verbrennen wir ihn, zum Teufel."

Unterdessen hörte ich Nyisonkas Gekreische, demzufolge sie ihn sich nicht anschauen würde. Daraufhin versicherten die übrigen Bauersfrauen jedem, daß sie ihn nicht anschauen würden, Gott werde sie strafen.

"Paßt auf!" sagte darauf Hochwürden Halápy: "Ich sage euch, daß ihr ihn anschauen sollt, weil ihr euch nie verzeihen werdet, wenn ihr es versäumt. So etwas hat noch kein Mensch gesehen. Wir brauchen Zeugen, denn vielleicht wird sogar der Heilige Stuhl die Sache untersuchen. Wir müssen weise entscheiden..."

In diesem Moment erschien mein Sohn in der Tür:

"Papa, Papa! Ein Unglück! Er ist so klein geworden!" Er zeigte es mit den Händen. Wie ein Kleinkind...

"Hast du ihn fotografiert?"

"Sicher. Der Herr Lehrer ist vor Gestank ohnmächtig geworden. Aber es geht ihm schon besser."

*

Das ganze Dorf rannte aus meiner Küche. Natürlich auch die Weibsleute. Unter der Führung von Nyisonka. Nur der Doktor und der Priester blieben.

"Nach dem Stand der Dinge werden wir ihn nicht sezieren", sagte der Ehrwürdige Herr.

"Ich weiß. Er verdunstet. Deswegen stinkt es so schrecklich. Er verschwindet spurlos."

"Wißt ihr, was zurückbleiben wird?"

"Was?"

"Seine Hufschuhe."

"Das ist kein Beweis. Die konnten wir auch selbst gemacht haben. Man wird uns für Narren halten...", sagte der Doktor.

"Na, wenn's hier noch ein wenig Schnaps gibt", sagte ich: "Trinken wir einen Schluck, dann schauen wir, wie sich die erste und letzte Erscheinung in unserem Leben verflüchtigt. Wenn nur die Fotos gelingen!"

*

Als wir rauskamen war der Teufel nur noch so groß, wie eine Spielzeugpuppe. Beziehungsweise, wie ein Spielzeugaffe. Die Hufschuhe waren auch geschrumpft. Das Volk stand schweigend im Kreis. Die meisten beteten. Aber sie murmelten nicht mit geschlossenen Augen, sondern starrten auf den kleinen Leichnam. Es stank kaum noch. Ich schaute meinen Jungen an. Sein Gesicht sah aus, als sei er ein Mann geworden. Seine Hose war im Schritt ausgebeult. So, wie meine.

Ich dachte daran, daß in neun Monaten sieben, vierzehn, oder einundzwanzig Kinder im Dorf geboren werden. Wenn ich nicht aufpasse ist eins von Nyisonka.

Die Fotos werden nicht gelingen. Der Film wird verpfuscht.

 

Du könntest von purzelbaumschlagenden Pferden träumen

Oder, daß du sie dir winzig, schon zwergenhaft, traurig, struppig, wie einen Hirtenhund denken könntest, kreischend, lachend wiehern sie, rollen nicht einmal, sondern wälzen sich.

Oder von Pegasussen, doch von ihnen träume nicht, weil du lügen würdest, wenn du sie streckst, länger machst, wie einer Giraffe abendlichen Schatten. Und laß nur ihre Hinterläufe übrig, die vorderen werden schwingend zu Flügeln und ihre Flügelmähnen wehen nicht auf dem Hals, sondern wogen, wie ein, von irgendeinem Wind zu Boden gedrücktes Getreidefeld. Und weil sie auf der Erde bedauernswert sind, können sie natürlich nur in der Luft Purzelbäume schlagen, aber nur zuletzt, zu allerletzt, den Flug von einer Kugel unterbrochen. Oder seien wir anständig: sie sollen immer dort sterben, dort oben. Wie unter den gewöhnlichen Pferden die Älteren stehend schlafen und auch so sterben, möglicherweise.

 

Wäre

Du wirst keine so große Fresse mehr haben und von deinem ganzen Leben bleibt ein großer Haufen schweigendes Einverständnis. Deine Haut vor der Sonne, dein Rücken vor dem Zug, du fürchtetest dich vor besonders säuerlich riechenden, aber vor den ekelhaften Ausscheidungen, trotzdem öffnen sich von innen deine Spalten. Und du wirst dir ansehen, was von dir noch nicht vollständig und unwiederbringlich verrottet ist. Weil in dir immer eine winzigkleine Hoffnung sein wird, ein solches mit Selbstironie gemischte Hoffnüngchen, daß die Sache trotzdem umkehrbar, oder wiederherstellbar ist. Nur die Wurzel, das Salz, das Wasser oder den Wein, der dich retten würde, finden andere nicht.

Und vergeblich streckst du dich, wirst dich in die Brust, schwingst du deinen Schwanz, vergeblich kaufst du Schleier, eine dicke Perücke, Cremes, Rouge und trägst fremde Gerüche, jeder wird wissen, daß unter deinen Cremes, und noch tiefer, hinter der feuchten Haut die Fäden schlottern, und das Eiweiß zu gerinnen beginnt. Und der Arzt wird sich ekeln dir an die Brust zu fassen, weil er schon immer wußte, daß sie ein Fettbuckel ist, aber nur so, daß eingeknickt ist, und so wird es unermeßlich offensichtlich. Und der Schwamm ist vergeblich, vergeblich sind die pfiffigen Gummibänder, vergeblich lernst du mit girrender Stimme sprechen, jeder wird wissen, daß deine Schamlippen trocken sind, ihr Fleisch eingefallen, wie ein an einem Tag vergessenes Stück Lyoner: wie in einen zahnlosen Mund plumpst das Ganze in dich, und es gibt nicht den Kuß, der Freude zwischen deine Beine hauchen könnte. Hundertemal kannst du den Spiegel nehmen, dich gar von innen anmalen, mit achtzehnkarätigem Blattgold kannst du Irrlichter kratzen, der hunderterste Spiegel wird wieder deine Schmach zeigen. Nicht an deine Erinnerungen denkst du dann in deinem gierigen Gejammere. Nicht an der verliebten Stülpungen lila und lichtgespinstiges Schlottern. Nicht an das Überschlagen der Schiffschaukel. Sondern an den Tag, an dem auch nicht tausendmal ohne blöde Fragen Liebe gemacht hättest, wenn noch einer dazu dagewesen wäre.

 

Der Aasbrunnen

Mein älterer Bruder Geró lag mit geschwollener Fresse im Schatten, auf der Hängematte. Die Bienen hatten ihn zerstochen. Als wären die Muskeln der Übellaunigkeit geschwollen, machte er so eine böse Miene, wie ein, unter Steinen verschüttet, Sterbender.

- Nimm dich zusammen! Wir gehen! - sagte ich.

- Alle werden mich auslachen!

- Dann lach zurück.

- Auf welcher Grundlage?

- Sie haben Mäusebrüstchen, Taschen an den Ärschen, Erdbeerärsche, egal. Wir können auch spotten. Außerdem treffen wir niemanden. Vorwärts!

Er hing.

- Pack den Kram zusammen!

- Wir müssen heute fertig werden.


Aber das war nicht so, sondern so, daß ich Geró immer trat, weil er kleiner als ich war. Der Arme. Angeblich würde er mit einer Art inneren Räude geboren, das machte ihn klein. Ich habe das erfunden. Weil ich ihn nicht leiden konnte. Aber er war wirklich böse. Ich fürchtete mich vor ihm.

Ich trat ihn, daß er fast aus der Hängematte fiel. Er soll aufstehen, bevor ich rauskippe. Er quälte sich heraus.

- Pack deine Ausrüstung zusammen, wir haben keine Zeit.

- Kommen wir morgen nach Hause?

- Vielleicht noch heute Abend. Und wenn sie uns abholen kommen, können wir trotzdem nicht sagen, daß wir jetzt ein wenig in den Aasbrunnen steigen, aber zur Vesper zurück sind. Und besonders kann es sein, daß wir das Essen auskotzen. Das gab's schon, daß sich jemand vor Ekel zu Tode gekotzt hat.

- Wird's da unten nicht stinken?

- Glaub ich nicht! - sagte ich. - Und wenn nicht vom Gestank dann vor Angst! Das gab's auch schon.


Geró war sechzehn, ich war fünfzehn, aber alle hielten ihn für meinen kleinen Bruder. Ich beobachtete seine Bewegungen, sein Ankleiden. Ich dachte, er wird schon runtersteigen wollen. Er wollte immer alles, wenn ein bißchen Gefahr dabei war. Ich mochte ihn nicht, weil seine Schwächlichkeit ihn duckmäuserisch und sein Ehrgeiz zum Streber machte. Aber dachte auch, daß es besser ist wenn er runtersteigt, weil er im Stande wäre mir das Seil hinterher zu werfen. Nicht um mich zu töten, sondern nur als Lektion. Dann würde er mich abends mit einem anderen Seil rausziehen. Das heißt nicht rausziehen, es runterlassen, damit ich rausklettern und er das von irgendwo anschauen kann. Das kleine Arschloch. So ist der.


Szecsmõmama sagte, daß wir nicht einmal zufällig in die Nähe des alten Aasbrunnens gehen dürfen, weil sie da die Zigeuner reingesteckt haben.

- Wer hat sie reingesteckt?

- Wasweißich.

- Die Deutschen?

- Oder die Gendarmen. Oder die Pfeilkreuzler. Oder die Russen. Die nicht. Weißich. Sagt man.

- Aber da waren sie wohl hier!?

- Wer?

- Na, sie!

- Sie sagen das nur so. Aber es ist sicher, daß sie nach den Fronten auf dem Hügel von Keceli einen neuen Aasbrunnen gegraben haben.

- Und zugeschüttet?

- Das stürzt von selbst ein.

- Und ist keiner runtergeklettert, um zu schauen, ob dort Menschenleichen sind?

- Man hat sich nicht getraut. Ich hätte mich ja auch nicht getraut, na.


Ich weiß nicht, wie oft ich mir vorgestellt haben, wie das ist, wenn man jemanden in einem Brunnen erschiesst. Einen Zigeuner. Und noch dazu viele. Aber auch das, wenn ich selbst jemanden erschiesse. Die Gesichter, wie sie zusammenknicken. Damals dachte ich noch, daß die Menschen schön langsam zusammenbrechen, wie in den Filmen. Und wie ich es mir vorstellte, war es ein gutes Gefühl auf Menschen zu schiessen. Weil ich oftmals keine Zigeuner am Rand des Brunnenlochs sah, sondern meine Feinde: die Karjai Kinder und Jozsi Kurtán, die seitdem kein menschliches Leben mehr leben. Der eine hat Selbstmord begangen, der zweite hat im Rausch getötet, sitzt im Knast, der dritte jedoch ist verrückt geworden.


Heute weiß ich schon, daß wenn ein Mensch auf einen anderen Menschen schiesst, er dabei nichts spürt. Beziehungsweise etwas Kaltes. Als ob bei ihm alles kältelahm wäre, ausgenommen das Nerven-, Muskel- und Linsensystem, welches die Waffe abfeuert. Und wenn man planmäßig töten lernt, also auf die Leber, das Herz oder das Hirn zielt und in der Lage ist eins davon zu treffen, dann sackt der andere Mensch wie ein Gegenstand zusammen, ohne Grimassen und aasige und ergreifende Blicke.


Aber damals hatten wir noch keine richtige Waffe in der Hand gehabt, nur ein armseliges Luftgewehr oder eine Schleuder. Mit diesen schossen blindlings, meistens auf stehende Ziele. Aber es war gut sich zu bilden. Wie hatte ich zu einer solchen Stufe der Verkommenheit gelangen könne, daß mir überhaupt in den Sinn kam: Warum Menschen in einem Brunnen erschiessen? Wenn ich sie stoße brauche ich keine Munition.


Ich hatte den ganzen Sommer über viel mit Geró über den Aasbrunnen gesprochen. Aber dann in den letzten zehn Tagen hatten wir Deichselseile aufgetrieben, eine Lampe und ein anderes Seil zur Sicherheit. Geró übte auch an einer Tanne. Er hatte große Nägel und einen Hammer besorgt. Er dachte, sich nicht nur am Seil herabzulassen, sondern während Abstiegs die Nägel in die Wand zu schlagen, zur Sicherheit. Ich habe nie gesagt, daß Geró nicht tapfer war, nur war seine Tapferkeit erbärmlich. Wieder nur ich hatte in den letzten Tagen den Abstieg vorangetrieben. Er hätte den ganzen Tag unter dem Vorwand der Bienenstiche gefaulenzt. Weil er Angst hatte.


Nur mit Szecsmõmama sprachen wir über den Aasbrunnen, sonst mit keinem. Mit ihm auch nur einmal. Weil es nicht gut ist, wenn man von unseren Plänen Wind bekommt. Einmal war uns auch eingefallen, daß man das Ganze auch mit einer Angel machen könnte.

- Die Köpfe haben sie ohnehin wegrollen lassen.

- Dann ist auch die Kinnlade ab, das ist sicher.

- Ein Angelschnur hält fünf Kilo aus.

- Soviel sicher.

- Wir werfen die Angel aus, und das worin sie sich festhakt, ziehen wir hoch. Das dauert höchstens eine Woche.

- Das fällt auf. Man merkt das wenn wir eine Woche lang auf dem Gipfel des Hügel angeln. Und besonders, wo sollte sich die Angel in einer Kinnlade verhaken. Und wer braucht einen Schädel ohne sie?


Einmal gingen wir im Morgengrauen zum Aasbrunnen. Es regnete. Sie hatte ihn mit dicken Balken und Brettern abgedeckt, Erde daraufgeschüttet und ein gut Teil der Erde war in das Brunnenloch gewaschen worden, die Holzstücke waren morsch geworden. Wie sahen, daß wir das Ganze im zwei Minuten auseinandernehmen können.


Wir suchten die Sachen zusammen und machten uns endlich auf den Weg. Wir gingen wortlos, beziehungsweise schleppten uns ab, weil die Ausrüstung, hauptsächlich das Deichselseil, schwer war und sich als ungeschlacht erwies. Und wir wußte nicht ein mal, ob es lang genug sein wird, wie tief ist denn ein Aasbrunnen? Ich spürte vor Aufregung ein Kribbeln in der Schwanzgegend. Damals zum ersten Mal. Später, wenn ich auf der Flucht war, wenn ich verbotene Grenzen überschritt, wenn ich stehlen ging, wenn ich mich zu geheimen Treffen aufmachte, war dieses Gefühl immer genau dort. Besonders dann, wenn mich die Vorahnung davon ergriff, daß man mich töten will, oder ich plötzlich gezwungen bin ein Leben auszulöschen. Seltsamerweiser spürte ich zum letzten Mal, als ich Gerós letzten Kampf sah. Wir arbeiteten als Mineralsucher getarnt in der Mitte von Afrika. Er ist natürlich bis dahin schon längst zwei Kopf größer als ich gewachsen, ein gewaltiger und gut ausgebildeter Soldat war er. Der beste Kundschafter und Sprengstoffexperte, den man irgendwann kannte. Die Söldner von H.G. jagte man eine Felswand hinauf. Man schoß nicht auf sie, weil man sie lebend wollte. Aber er dachte, daß es sich nicht lohnt die Gefangenschaft bis zur Zahlung eines Lösegeldes zu überleben. So hatte er keine Wahl. Bevor sie ihn erreicht hätten, stellt er sich auf Felsvorsprung und nahm seinen Revolver in den Mund. Er wollte sich keine Chance lassen. Ich sah das Ganze, gefesselt, mit einem Maschinengewehrlauf im alten Loch meines Rachens, an. Jahrelang dachte ich darüber nach, ob es die Heldenhaftigkeit erfordert hatte, meine Hände zu erheben. Und welche Heldenhaftigkeit dazu gehörte, daß er der vernichtenden Feigheit nachgab.


Tatsächlich nahmen wir die Abdeckung des Aasbrunnens in zwei Minuten auseinander. Geró leuchtet hinunter.

- Von hier sieht man nichts.

- Ist das Seil lang genug?

- Ja.

Das Deichselseil befestigten wir an einem aus dem Brunnen gehobenen Balken. Das Sicherheitsseil an einem zweiten. Wir arbeiteten zusammen, als hätten wir einen Plan gehabt. Dann packte Geró seine großen Nägel in eine Tasche seiner Lederhose, den Hammer in seinen Gürtel. Legte sich auf den Bauch und leuchtet wieder hinunter.

- Soll ich nicht lieber gehen? - fragte ich.

- Nein.

Den ersten Nagel schlug er so im Liegen von oben ein. Ich legte das Deichselseil über meinen Nacken, Geró stand auf und band das Ende des anderen Seiles um seinen Leib.

- Nimm lieber dies auf deinen Nacken, das andere werfen wir runter.

- Gut.

Als das Deichselseil in dem Rachen verschwand, legten wir uns auf den Bauch und leuchteten ihm hinterher. Irgendwo in fünf- sechs Metern Tiefe, verschwand es, als sei eine Krümmung im Schacht.

- Na, egal.- sagte Geró. Stand auf, ging hinter dem Brunnen auf alle viere herunter, nahm das Seil fest in die Hand und ging los. Ich sah, wie er runterstieg, weil ich stehen mußte, damit ich das über meine Schultern rutschende dünne Seil halten konnte. Wir waren solche Blödmänner, daß wir nur eine Lampe mitgebracht hatten, und die war in seinem Mund. Dumpf und immer leiser kamen die Laute.


Nach zehn Minuten hielt er an, das Seil erschlaffte auf meiner Haut. Ich trat ein wenig näher, beziehungsweise bückte ich mich, um hinunterschreien zu können.

- Was ist?

- Hier ist die Ziegelwand eingestürzt. - Von sehr weit her kam seine Stimme.

- Dann geh nicht weiter! - plötzlich begann ich mich zu fürchten.

- Die Nägel halten nur nicht mehr. Ich sehe schon den Grund.

- Gibt's Schädel?

- Die Ziegel bedecken alles.

- Komm zurück! - das dachte ich, ich ließ das Seil nicht weiter, dann kommt er schon zurück. Obwohl Geró es am liebsten selbst losknüpfen würde. In dem Augenblick, als ich das dachte, brach der Balken, der das Seil hielt, mit einem einzigen ziemlich dünnen Knacks. Ich verspürte den gewaltigen Ruck des Seils. Er warf mich zu Boden, die Haut abreissend glitt es in mein Fleisch. Der unbarmherzige Schmerz ließ mich fast loslassen. Aber dann wickelte ich es irgendwie um mein Bein und stoppte das Rutschen. Von unten hörte man ein leises, langes Geräusch. Ich spürte kristallklar, daß die Ziegelwand des Brunnens eingestürzt war, die ganze. Und Geró hing irgendwo dort, tot oder lebendig. Jetzt bekam ich schon nicht mehr vor Schmerz, sondern vor Angst kaum noch Luft.

- Ich muß es auf jeden Fall halten. - Ich erinnere mich, daß ich das laut aussprach.

Und langsam ziehen. Sehr langsam. Aber dazu muß man aufstehen. Mit der Schuhsohle drückte ich das Seil auf die Erde und versuchte auf allen vieren, beziehungsweise auf allen dreien zu stehen. Auf jeden Fall halten. Es tat sehr weh, aber es gelang. Ich spürte Blutgeschmack in meinem Mund, offensichtlich hatte ich mir die Fresse eingeschlagen, als ich fiel. Auch meine Nase blutete.

- Lebst du? - Ich hörte die eigenen schwachen Aufschreie. - Leeebst du?! - Er antwortete nicht, oder ich hörte es nicht. Alle Kräfte zusammennehmend fing ich an ihn nach oben zu ziehen. Es war leicht. Geró hatte halt einen kleinen Körper.


Ich weiß nicht wieviel Zeit verging. Plötzlich sah ich seinen Rücken. Dann noch höher und langsam konnte ich hinlangen, um in am Leib gefasst heraus zu ziehen. Ich packte das Seil sehr stark, überprüfte auch, ob ich genügend stark drauftrete, und ob ich das andere genügend spanne, und ich wartete noch ein wenig, damit ich genug Kraft für das letzte Ziehen hatte. Und plötzlich lag Geró draußen vor mir.


Ich glaube in diesem Augenblick, als ich mich neben ihn setzte, bin ich auch ohnmächtig geworden. Dann drehte ich ihn auf den Rücken, und er hatte kein Gesicht. Die stürzenden Ziegel hatten es zerdrückt. Ich konnte es nicht ansehen. An seinem Körper sah ich keine andere Wunde. Als hätte jemand versucht das Gesicht auszuradieren. Es war wie ein von Hunden angenagtes Stück Fleisch. Plötzlich fiel es mir ein und ich löste das Seil von seinem Leib. Meine Hand war nur Blut. Durch das Hemd hatte das Seil einen Gürtel gerieben. Ich beugt mich zu seiner Brust, sein Herz schlug. Und dann hörte ich auch, das sein Rachen pfeift. Ich nahm ihn auf meine Arme und hob ihn hoch. Aber dann ließ ich seine Beine herunter, und nahm ihn wie einen Sack auf meine Schulter. Fast eine Stunde verging bis ich mit ihm ins Dorf geschleppt hatte.


Der Arzt sagte dem Notarzt, daß es nicht schwerwiegend sei, nur Rippen gebrochen sind, und eben das Gesicht. Da war Geró schon bei Bewußtsein, ich sah seine Augen, weil der Arzt sie irgendwie ausgewaschen hatte. Und als ob er gelacht hätte, öffnete sich sein Mund, ich sah die abgebrochenen Zähne.

- Aber wir häffen fünfhunderf Forinf für einen Fädel bekommen können.

- Sogar tausend, Geró.

- Feiffe.

Der Arzt erlaubte mir nicht ihn ins Krankenhaus zu begleiten. Er untersuchte mich, dann rief er meine Großmutter an. Er sagte, daß mein Vater mich holt, und ich auf ihn hier warten soll.


- Große Schwänze sind deine Söhne - teilte er meinem Vater mit.

- Fwänze - sagte ich nicht leise genug.

- Was? - fragte mein Vater.

- Fwänze. Gergely würde jetzt Fwänze sagen.

Mein Vater schaute mich wenigsten drei Sekunden an, dann schluckte er. Daher dachte ich, daß er mich nicht schlagen wird. Aber plötzlich bekam ich eine Ohrfeige, das schon im Fallen das Blut aus der Nase auf den Boden spritzte. Etwa eine halbe Stunde mußte ich in der Praxis liegen, bis es endlich irgendwie aufhörte.

 

Mangels einer Kadaverzange

Die Katzentante trat plötzlich aus der dämmernden Dunkelheit vor Sahin. Und sie ging wirklich, wie eine Katze, während die Hundehalter sich ihren Hunden angleichen. Sahin hatte viel darüber nachgedacht. Er dachte, daß es auch wirklich nur natürlich ist: Wer den ganzen Tag mit niemandem quasselt, als mit einem Tier, der zieht während der Rederei eine Tierfratze. Genauso, wie die vor Sehnsucht nach Liebe verblödeten Großmütter Enkelfressen ziehen. Und das ist so in Ordnung.

Sahin mochte Katzen und keine Hunde. In Wirklichkeit war er Katzen und Hunden gegenüber völlig gleichgültig, jedoch äußerte er aus ganz und gar ideologischen Erwägungen in zahlreichen Fällen, daß er Katzen mag, weil sie Charakter haben und Hunde verachtet, weil sie keinen haben. Als Grund gaukelte er vor, daß je mehr man einen Hund tritt, er umso mehr die Schuhe, die ihn treten leckt, die Katze hingegen auch das Haus verläßt und höchstens zum Scheißen auf den Dachboden des Hauses geht.

Im tiefsten Innern seiner Seele wußte er jedoch, daß die Hunde erstens angebunden sind, zweitens eingezäunt sind, drittens nicht auf Bäume, Zäune und anderes klettern können. Das heißt, daß sie sozusagen keinerlei Fluchtwege haben. Wiederum fressen sie viel, leben nicht von Mäusen und Jungvögeln. Deswegen wurden sie den Menschen ähnlicher, als die Katzen. Und die Katze leckt natürlich in Notzeiten genauso.

Er wunderte sich über die Katzentante. Wunderte sich angeekelt. Morgenrock, leuchtende, rote Schlappen aus Szeged. Lockenwickler morgens um fünf. Schlampig großen Hintern. An der Leine führte sie ein schlampige, rote Katzen mit einem großen Hintern. Groß, wie ein Hund. Auf der Strasse, obwohl sie einen Garten hatte. Jeden Morgen nach fünf.

Sahin hatte einmal gefragt, ob es nicht vielleicht besser wäre das Tier freizulassen. Die Frau sagte darauf nur, daß die Menschen böse sind. Er erwiderte, daß sie es wirklich sind. Dann schlug die Frau dies in den Wind, aber erwartete Sahin jeden Morgen mit neuen Beweisen der Bosheit. Dreißig Tage: dreißig mal Gewißheit. Und die Frau hatte immer recht. Die Spuren und Objekte der Bosheit waren unwiderlegbar. Herrliches Entsetzen für jeden Tag. Das Entsetzen der Frau, war für Sahin herrlich.

Der Zeitungsträger mochte die Frau kein bißchen. Sofern man das nicht für ein wenig Liebe halten kann, wenn wir geneigt sind über jemanden ein Urteil zu fällen: nicht ganz blöd, noch nicht ganz vertiert, in der Katzenperversion steckt noch etwas menschliches, aber trotzdem sollte sie mit ihren schrecklichen Beispielen und ihrer Katze im Weltall verrotten.

Sie huschte aus dem Dunkeln hervor. Sahin trat fast auf ein Tier, daß an eine selbstfahrende Wasserleiche erinnerte.

"Guten Morgen, Madame"!

"Gut, daß sie kommen."

"Ich komme immer."

"Ich habe etwas entsetzliches gesehen. Helfen sie mir."

"Ich stehe zu ihrer Verfügung, Madame."

"Ich habe den Verdacht, daß wieder jemand ein Attentat geplant hat."

"Gegen wen?"

"Gegen Tigerchens Wohl. Das heißt eher... gegen mich. Weil, wenn sie mich umbringen, was für ein Schicksal erwartet dann Tigerchen?"

"Haben sie das Wohl erwähnt?"

"Ein Tier kann nur in seinem irdischen Dasein selig sein. Das ist das traurigste, daß es kurz und aussichtslos ist."

"Schauen wir! Hat man Kadaver geworfen?"

"Nein, nur einen Schwanz. Dort an der Ecke, hinter dem Zaun, es kam mir vor, als hätte ich einen abgeschnittenen Katzenschwanz gesehen. Wenn sie das tun würden, nachzusehen!"

Die Frau weinte fast. Vielmehr weinte sie auch, aber es flossen keine Tränen. Sahin stellte die Tasche ab, nahm die Lampe aus der Tasche, leuchtete hinter das Drahtnetz und wirklich sah er einen Katzenschwanz. Er dachte, daß er ein großes Rindvieh sein wird, wenn er jetzt den guten Menschen spielt und den Überrest des Tiers mit einem Papiertaschentuch aufhebt, um ihn in eine Mülltonne zu werfen. Weil er morgen und übermorgen Katzenbeine, zu guter Letzt aber einen Katzenkopf gleichermaßen wegputzen wird. Und der, die Zähne bleckende, vertrocknete Katzenkopf zu guter Letzt wird sehr stinken. Raffinierte, herrliche Bosheit, schöpferische Bosheit, dachte er.

Nachdem er den Schwanz beseitigt hatte, ging zurück zu der Frau, um seine Tasche zu holen. Er fühlte, daß seine Hände schmutzig sind. Er wußte, daß er den Gestank noch am Abend an sich suchen wird. Man müßte hier eine Kadaverzange haben!

"Warum passiert das, guter Herr Sahin?"

"Weil sonst Krieg wäre."

"Meinen sie?"

"Ja."

"Und das denken sie auch?"

"Ich denke, daß sie das auch mit Menschen tun würden."

"Aber sie tun das doch mit mir."

"Weil man sie jetzt nicht töten kann. Es gibt Gesetze. Aber stellen sie sich vor: wenn sie statt der Katze jeden morgen ein Kind im Verborgenen spazierenführen würden. Und das Kind für sie soviel Wert hätte, wie heute eine Katze. Das ist nur eine Frage der Vereinbarung."

"Mir wird schlecht, von dem, was sie sagen."

"Ich würde es nicht sagen, wenn mir nicht schlecht wäre."

"Möchten sie ein Kaffee?"

"Ich muß gehen", sagte János Sahin. Hob seine Tasche auf. Grüßte nicht, sondern nickte nur...

 

Ins Leere

Das Unglück war sich nicht über ihn hereingebrochen, hatte sich nicht auf ihn gestürzt, sondern hatte sich eher in ihm oder auf ihm niedergelassen. Undicht. Müßig, träge. Fettes, schmerbäuchiges Unglück. Er wurde so, wie die Lebewesen, die sich aus einem aussichtslosen, jämmerlichen Grund in irgendeinen Zweig der Stammesentwicklung zwängen: mangels Rückgrat, guten Nervensystems oder entsprechender Bereitschaft sich zu verstecken, erwarten sie lebendig versteinert das Ende der ihnen zugemessenen Zeit.

Sein Körper, aber besonders sein Gesicht begann zu altern. Seine Haut, seine Behaarung, sein Blick verlor das Licht. Er wurde grau, hutzelig und faltig.

Er wußte von allem, ja, er formulierte es auch selbst. Wiederholte es Tag für Tag und vervollständigte das Bild der Zeit. Forschte auch einige Zeit nach dem Grund.

Er mied die menschliche Gesellschaft. Meinte, daß das Elend sich auf anderen niederlassen kann, die Fröhlichkeit auch bei der kleinsten Chance futsch ist, wenn er die Einladung zu einem gelegentlichen Amüsement annimmt. Er gewöhnte sich an die Einsamkeit.

Es kam immer öfter vor, daß er nur so herumsaß. Er schaute ins Leere. Spielte mit dem Gedanken: daß er nichts dagegen hätte, wenn er stumm und blind würde. Ja, so etwas ihn vielleicht in Schwung bringen, ihn wieder kampffähig machen würde. Obgleich er von dem puren Gedanken an Kampf, selbst vor dem Wort, zurückschreckte.

Eines abends saß er mit hängendem Kopf auf einem Stuhl, schaute lange ins Leere. Als er so von sich aufschreckte, sah er auf seinen Schuhen Wassertropfen.

Speichel - dachte er -, Herrgott, mein Speichel.

 

Das Königreich am Rande

Denn wenn sie euch nicht
erkennen, seid ihr in Armut
und ihr seid die Armut

(Thomas-Evangelium)

Das Königreich gleicht einem Menschen, der keine Macht erstrebt, sondern nur Frieden, ihn aber schon lange gefunden hat und ihn deswegen auch schon nicht mehr will und nur lebt. Einem Menschen, der sein will und sich nicht davor fürchtet, daß er einmal nicht mehr sein wird. Und er fürchtet sich nicht nur deswegen nicht, weil er weiß, daß die Furcht gering macht, sondern weil er die Ordnung verstanden hat und auch, daß er nicht hinzuzufügen hat.

Er ist nicht so geworden, sondern so geboren. Über das, was er weiß spricht er nur, wenn man ihn fragt. Dann sagt er: Schaut, horcht, vergeßt aber auch die Gerüche nicht. Auch den Geschmack nicht. Und gebt keine Ruhe bis ihr alles über die Berührungen wißt. Es ist nicht wichtig reich zu sein, sondern die Armut zu vermeiden. Man muß nicht stark sein, man hüte sich jedoch vor der Schwäche. Man muß nicht weise sein, sondern sich vor dem Rausch der Verblödung hüten.

Das sagt der Mensch, wenn man ihn fragt. Aber nicht aus einer starken unwiderstehlichen Überzeugung, sondern nur, weil das Sprechen auch eine Berührung ist. So wie das Fragen und das Schweigen. Es gibt kein Nichts, was es jedoch gibt, ist untrennbar von dem, was wir anderen sagen. Solche Sachen sagt der Mensch.

Und auf einmal spürt er, daß er Macht über die anderen hat. Sie sagen es ihm auch. Er sieht und weiß, daß sie ihm folgen. Eines Tages wacht er davon auf, daß der Friede, wie eine Art Seil zerfranst. Er weiß, daß er bald verzweifelt vor sich selbst fliehen muß. Er ist als Freier geboren, aber wieder treibt man ihn. Aus seinem Königreich in ein anderes, in welchem er nur König ist. Aber er versteht es, schließt die Augen und lächelt schon: Wer die Welt gefunden hat ist reich geworden. Er kann auf die Welt verzichten.

*

Das Königreich gleicht einem Stummen, der sich nur in einem Wald wohl fühlt, von dem er weiß, daß dort Stille herrscht. Und in einer Grube, in einer Zeche mit taubem Gestein, in einem Bett in der Tiefe des Hauses unter dicken Bettdecken.

Einem Blinden, der nur im Dunkeln nicht schläft und sich auch vor der Wärme der Lampen fürchtet.

Das Königreich gleicht dir, wenn Taube und Blinde in deinem Haus leben, sowie Narren und Verelendete, Dumme und Ruchlose.

Und es ist keine Güte in dir, sondern nur Frieden, oder nicht einmal mehr der. Du bist einfach müde geworden und hütest nur deswegen die Ordnung, weil es nichts gibt, von dem du denkst, daß es besser sei. Du erwartest die Blindheit und die Taubheit, die Lepra und die von innen nagenden Gruben, das Verschrumpeln des Gehirns und du lächelst, wie jemand dessen Liebeslust erwacht.

*

Das Königreich gleicht einem Pferd, einem dreijährigen, schwarzen Hengst, der aus dem Gestüt lief, als wittere er nur einen Geruch, einen Duft. Den des Heus, der Stute oder des Wassers. Oder, weil es gut ist, im Schritt oder etwas trabend die Dinge zu erleben. Aber keinen Galopp. Es ist gut über eine Wiese zu laufen, am Rande des Waldes hineinzugehen, die Quelle zu finden. Zu fressen, obwohl es dort keinen wirklichen Hunger gibt, wo das Licht nichts tut, als in seinen eigenen Schöpfungen zu schwelgen. Das Pferd ist auch eine.

Wind kommt auf und es fängt schließlich an zu galoppieren. Es rennt so schnell, daß er immer von hinten weht, und so schnell, daß die Mähne schwingt. Sie soll beben, aber gerade nur so vom Lauf. Wenn der Wind schwächer wird, fällt es zurück: Trab, dann Schritt und Trott. Wenn es stehen bleibt, dann bleibt es stehen, um abzuwarten.

Sobald am Nachmittag die Sonne kippt, treten die Gerüche in Streifen und Bündeln hervor und treiben sich herum. Wenn du genügend gesättigt bist, ist es gut, nicht nur die Quellen, sondern auch den Weg der Verwitterung zu erforschen.

Das Königreich gleicht einem Pferd, von dem der Beobachter glauben würde, es werde sich verirren, jedoch begreifen die Auserwählten, daß es dann zurückfindet, wenn sich die Ordnung der Dinge wendet.

*

Das Königreich gleicht dem Bauern, der sich einmal wagte dem Schutzmann das Händchen zu verweigern. Ein schönes Patschhändchen. Der Schutzmann war nicht im Dienst und streckte dem in der Kneipe zum Scherz dem Landmann die Hand entgegen, der erhob die Augen, schaute tief in das Gesicht des Schutzmanns und sagte: Nein. Der Blick des Polizisten verdüsterte sich, sein Gesicht wurde rosa, eher lila, wie die Röte des Kitzlers in den Zeiten der Freude. Er streckte erst recht dem armen Bauern die Pfote entgegen und sagte leise, mit zusammengebissenen Zähnen: Gib mir das Händchen. Der andere machte eine halsstarrige Miene und blickte weiter in den Polizisten hinein: Nein, sagte er. Dann wurde der Polizist dienstlich, mit der linken Hand packte er den Kragen des Leibeigenen: Händchen, wiederholte er, das Wort erschallte und die rechte Hand keilte sich unter das Kinn. Der Diener des Feldes blieb aber unbeugsam, nicht einmal sein Blick brach. Und so ging das eine ganze Stunde: Der Polizist beförderte sich alle fünf Minuten: Stabsfeldwebel, dann Unterleutnant, Leutnant, Hauptmann, Major wurde er, am Ende wagte er es sich zum Marschall zu ernennen und übernahm die Macht, der Bauer sagte jedoch nur: Nein, nein, nein und noch mal nein, mit ungetrübten Blick. Der Schutzmann brach zusammen und in Tränen aus, nahm schließlich die Hand zurück, die bis dahin zu einer knochigen Faust gespannt gewesen war, setzte sich auf den mit Speichel bedeckten Boden, mit gesenktem Blick fragte er: Warum. Das Königreich gleicht dem Bauern, der dann sagt, daß man einem Polizisten kein Händchen gibt.

*

Das Königreich gleicht dem Henker, der im Morgengrauen seinen tausendsten Menschen vom Strang schneidet, mit Daumen und Ringfinger in Frieden die Augen des unbekannten Mannes schließt, auf daß er nicht sehe und sich aussöhne, gerade an diesem frühen Morgen, als hinter dem Sammelgefängnis, in einem namenlosen Gäßchen, welches nie einen Namen tragen wird, wo Leute nicht einmal für Geld wohnen würden, schließlich die Sonne einbiegt, holen ihn die Diener, um ihn vor die Richter zu bringen. Der Henker geht auf den buckligen Steinen der Gasse, die keinen Namen haben wird, eingezwängt zwischen den Laufburschen, die man nicht anschauen muß, weil sie gesichtslose Grimassen ziehen und stumm, farblos und ohne Geruch sind, und nichts sie von dem Nichts unterscheidet, außer der Kraft, die daraus beziehen, daß sie die ausgesandten Soldaten der Landesrichter sind, dergestalt dringen sie überall ein, wie jemand, der zur Zeit der Gewalt, auf einem festgestapften, verwundeten, halbverbrannten Feld, in einer Januarnacht gezeugt wurde. Der Henker lächelt, weil er daran denkt, daß die Sonne am Ende der Gasse so aussieht, wie ein warmes, Licht ausstrahlendes Geschlecht, von dem man nicht weiß, ob es zusammenfließt oder sich zweiteilt, dann vervierfacht, versechzehnfacht und in zahllosen Locken wuchert, danach Saugnäpfe hervorbringt, die sich, wie ein Mutterkuchen an der Erde festsaugen. Was würde er in einer solchen toten Gasse fressen? Bald kommen sie dorthin, die Türen knallen nicht sondern schliessen sich leise hinter ihnen. Alle hundert Richter empfangen ihn stehend und befehlen ihm, sich in einem Sessel niederzulassen. Wir haben für dich ein Gesetz gegeben, sagt der Wächter der Krone mit einer solch tiefen Stimme, als spräche ein Tier, kein Löwe, sondern ein, in einem Meer im Inneren der Erde, schwimmender, mächtiger Wal; aber ich frage dich, bevor ich es verkünde. Hast du jemals Mensch oder Tier gequält, hast du aus Wut getötet? Nein, sagte der Henker. Hast du Taube geblendet? Nein. Hast du Frauen unfruchtbar gemacht, Männer des Geschlechts beraubt? Niemals. Hast du Kinder verflucht, ihnen Fessel angelegt, gegen sie die Hand erhoben? Auch das nicht. Hast du den Toten die Augen geschlossen? Immer. Hast du sie mit dem Gesicht zur Erde begraben? Niemals. Hast du sie in feuchten oder schlechten Gruben beerdigt? Niemals. Dann sieh, Henker, Sohn eines Henkers, ich sage dir, du kannst jedes Jahr einen der zu Tode verurteilten begnadigen und zurück unter die Lebenden schicken und dich damit vor dem Volke gnädig erweisen.

Das Königreich gleicht dem Augenblick, in dem der Henker aufsteht, mit den Fingern in seinem Haar wühlt, jeden der hundert Richter anschaut und nein sagt. Weil den ein ekliges Schicksal ereilt, der Gott nachäfft. Mit dem Menschen können Schimpansen, Clowns und Possenreißer Spott treiben, mit Gott aber nur ein anderer Gott.

*

Das Königreich ist so, als erwachten wir davon, daß der Herbst auf uns gewachsen ist. Wir frühstücken Eier und matschige Aprikosen und sehnen uns nur nach einer solchen Frau, die ihren Körper liebt. Wir gehen im Garten umher, als betrachteten wir die Blumen, wundern uns über die Würmer, aber wir schlurfen, damit das taufeuchte Gras den Staub des Sommers von unseren Pantoffeln lecken kann. Wir zerreiben eine welke, gelbe Rose zu Brei, aber verstehen sofort, daß das so nicht richtig war, sondern mit den Fingern, ganz langsam, von der Mitte aus immer im Kreis, ohne hinzusehen, fast verschämt. Wir treten den Hund nicht. Zählen die von Frühling übriggebliebenen knotigen Holzklötze. Schauen, wo das Beil ist. Schlagen auch keine Fliege mehr tot. Auch dann nicht, wenn sie sich gerade nicht paart, sondern nur so da ist. Weil es nicht gestattet ist ein verliebtes Wesen, egal wie es beschaffen ist zu töten. Wir suchen einen Stein und stellen uns darauf. Nicht weil wir von dort besser sehen würden. Wir glauben, daß im Getreidespeicher alles in Ordnung ist. Vielleicht müßte man noch ein Kind haben, weil wer weiß, wie wir den Winter überstehen. Die Frauen überleben immer alles; auch den Krieg, geschweige den Winter. Warum sollte dort in ihnen kein Kind sein? Aber das huscht nur vorüber. An unserer Seele. Wenn wir eine haben.

*

Das Königreich gleicht dem Augenblick, in welchem, einmal in unserem Leben, zwischen Fernrohr und einem Vollmond ein Vogel vorbeifliegt.

 

Die Aasfresser

Zu dieser Zeit, wenn der Herbst zu Ende geht, werden die Aasfresser immer übellauniger. Als seien sie von der vielen Fresserei ermüdet, doch werden sie getrieben von Überresten der Begierde oder besser die Erinnerungen der Begierde treiben sie in die Melancholie. Wie die gottbegnadeten Organe der reifen Frauen, die mit den Mondphasen pulsieren, ihre schleimigen Münder, ihre ständig sich bewegenden Nasen, die Hautfalten um die forschenden Augen für den Winter vorübergehend geschlossen. So werden sie fast den schönen alten Menschen ähnlich. Im Frühling, wenn von neuem die Kriege beginnen, aber auch in den Friedenszeiten fängt das in den Sporen verborgene, mörderisch Verderben wieder an zu wirken, im Frühjahr, wenn die Geschöpfe auch von sich aus sterben, weil ihre Zeit zu Ende geht, schwillt das Gesicht der Aasfresser an. Sie beschnüffeln alles, rennen aufgeregt um die Häuser, prüfen die Ställe und Schober an der Grenze. Ich bin auch schon dahintergekommen, daß nicht immer der Geruchssinn sie auf die Fährte bringt, sondern ihre verblüffen vollkommene Fähigkeit zu spüren, wie sie - hier möge niemand den Vergleich als Hohn empfinden- den Geiern nicht fremd ist. Sie finden eine verendete Maus in einem gewaltigen Heuschober sofort.

Auf dem Gesicht meines aasfressenden Jungen nahm ich gestern die Veränderungen, die das Nahen des Frühlings anzeigen wahr. Hinter seinen sonst rüsselartig gestreckten, zum Schmatzen und Saugen geschaffenen Lippen konnte ich wieder die sich nach hinten neigenden, nadelspitzen Reißzähne erblicken. Die Nasenspitze näßte nicht, obwohl er sie, ob des Geruchs der vorgesetzten Teigwaren rümpfte. Er fragte, ob's kein Fleisch gibt. Ich schlug ihm vor sich im Keller, in den Gruben, unter den Steinen umzusehen. Er erwiderte, daß ich keinen Sinn für das Leben habe, wenn ich die sich auf den Winterschlaf vorbereitenden Würmer und Kriechtiere mit Delikatessen verwechsele. Delikatesse - diesen lächerlichen und ekelhaften Ausdruck gebrauchte er. Ich riet ihm lieber auch selbst den Winterschlaf anzutreten. Wenn er will begrabe ich im Keller. Er erklärte jedoch, daß Gott sie mit Wachsein geschlagen habe. Ich setzte ihn in einen Sessel, deckte ihn zu und ließ ihn Gottes schönste Musik über den Frühling, den Sommer, die Liebe hören. Ich sah, was ich sah, auf seinem Gesicht. Ich weiß er wird den Winter überleben.

 

Der Eisgang

Ich saß am Flußufer und wartete auf die Abenddämmerung, um mit meinen Pferden hinüberschwimmen zu können. Es gab keine Furt. Das Wasser trug Leichen, als sei Frühling und als hätten die menschentragenden Bäume des Überschwemmungsgebietes ihre Früchte an die Strömung verloren. Das Licht trocknete die Tropfen des Nachmittagsregens auf den Gräsern. Ein Stündchen lang erfüllte Frieden mein Herz, weil ich die Vögel zählte, wie sie lautlos, aufgeschreckt und geschwind alle zusammen nach Westen fliegen, als versänke der Osten in Flammen oder als vergiftete dort die Pest die Luft. Als die Vögel wegzogen und ich wußte, daß nicht einer wiederkehrt, beobachtete ich den Wald auf den Ufer gegenüber. Und im Bild einer Giraffe brach die Liebe über mich herein.

Zuerst erblickte ich nur ihren Kopf. Ihre Hörnchen tauchten wie eine schartige Krone im vom Westen hin und her schwankenden Licht zwischen den Bäumen auf. Dann trat sie heraus auf das sandige Ufer und trabte würdevoll, doch ungeschlacht zum Wasser. Auf ihrem Rücken schleppte sie ein Mädchen. Es schien, als tat sie es aus freiem Willen, denn es gab keinen Zügel, keinen Sattel, keinerlei unwürdiges Geschirr fesselte ihren Körper. Das Mädchen hatte langes Haar, lockig, trug ein weißes Kleid, welches in der Mitte ganz bis zur Scham auseinanderklaffte. Ihre Beine waren schön, wie der ganze Körper, aber das war nicht wichtig. Ich sah nur die Giraffe: ich stand auf, um ihren sonderbaren Lauf besser zu sehen.

Meine Pferde scheuten, weil sie vielleicht noch nie in die Nähe einer Giraffe gekommen waren. Aber sie galoppierten nicht auf dem Ufer hin und her, sondern zitterten, starr mit schäumenden Mäuler, an einer Stelle. Ich kümmerte mich nicht um sie. Auch dann nicht, als sie langsam, eins nach dem anderen auf die Knie oder die Seite fielen und prustend verendeten.

Das Mädchen stieg vom Rücken der Giraffe, ging zum Fluß und wusch sein Gesicht. Das Tier stand neben ihr und trank mit gespreizten Beinen. Plötzlich erblickten sie die Toten, die wie Treibeis schwammen.

Ich verstand, daß ich nun für immer an diesem Ufer bleibe.

 

Das Pferd, das du mir gegeben hast

Das Pferd, das du mir gegeben hast funktioniert nicht.