András Németh

Das verlorene Jahr*

(Roman)

 

Übersetzung: Anna Szõnyi

 

Kapitel I.
Kapitel II.
Kapitel III.
Kapitel IV.
Kapitel V.
Kapitel VI.
Kapitel VII.
Kapitel VIII.

 


 

Kapitel I

Vor dem großen Tor unseres Hauses am Theißufer stand ich mit meiner Mutter, ich, ein zwanzigjähriger Junge, und sie, die damals 41 war, eine reife, schöne Frau. Es war an einem warmen Nachmittag im Herbst, der sonnig und üppig, eine reiche Ernte versprach. Ich stand da, an mein Fahrrad gelehnt und wartete auf meinen Freund, den Pista Bodó, um mit ihm gemeinsam vor den russischen Truppen, die schon die Stadtgrenze von Makó erreicht haben, zu flüchten, irgendwohin, in die weite Welt hinein.

Nach einer unruhigen Nacht hatte ich beschlossen, den Eindrang der russischen Truppen nicht abzuwarten. Ich hatte Angst. Die ganze Nacht hindurch hörte man das Dröhnen der Artillerie, die Mündungsfeuer, sozusagen als Antwort auf das laute Gebell der Maschinengewehre. Durch die sich zeitweise einstellende Stille verstärkte sich nur der darauffolgende Lärm, und ich beneidete oft die friedlich summenden, wenn auch stechenden Mücken, die keine Sorgen hatten.

Wir konnten in dieser Nacht keinen Schlaf finden. Am nächsten Morgen konnte man auf Plakaten den Befehl lesen, demnach alle Bürger über dem achtzehnten Lebensjahr die Stadt verlassen mussten. Überall hörte man beängstigende Gerüchte, dass die Frauen vergewaltigt, die Männer nach Sibirien verschleppt würden.

Mein Pflegevater war auch nicht zu Hause, kaum wussten wir etwas von ihm. Nach einiger Zeit tauchte er wieder zu Hause auf, er war von irgendwo aus dem westlichen Landesteil, aus Transdanubien, zurückgekehrt.

Meine Mutter weinte und wusste auch gar nicht, was sie sagen sollte.

- Junge, wohin willst du? Ich halte dich ja nicht zurück, aber bedenke wohl, was du tust. Was wirst du jetzt anfangen?

Das wusste ich ja auch selbst nicht. Es dämmerte mir nur etwas im Sinn, was die Zukunft betraf: Vielleicht versuchte ich etwas in Budapest, im Pázmány Institut, wo wir, Medizinstudenten des zweiten Jahrgangs, den ganzen Sommer verbracht haben, während wir an einer eiligen Feldscherausbildung teilnahmen. Oder ich versuche das 5. Szegediner Garnisonskrankenhaus aufzufinden und wenn ich dorthin einrücke, bleibt mir erspart - was mir erspart bleibt, das wusste ich damals gar nicht.

- Ich werde die Familie der Erzsi Balogi aufsuchen, dort verbringe ich ein paar Tage und nachher will ich sehen, was sich machen lässt.

- Aber Kind, Budapest wird jeden Tag bombardiert!

- Ja schon, im Sommer gab es ja auch Bombenangriffe und trotzdem, wie du siehst, ist mir nichts widerfahren.

- Mein Gott! - leise jammernd bat sie mich. - Befestige deinen Koffer gut am Fahrrad. Ich weiß gar nicht, was ich dir da eingepackt habe...

Inzwischen tauchte auch Pista Bodó auf, von der Bertalansäule kam er hergefahren auf seinem Fahrrad, da er ebenfalls am Theißufer wohnte. Er war außer Atem, als er sich uns anschloss.

- Pista, haben Sie es sich auch so überlegt? Wenn Ihr beisammen weggeht, werdet Ihr wenigstens aufeinander aufpassen - sagte meine Mutter.

- Tante Therese, beruhigen Sie sich! Leider müssen wir von hier wegkommen, wenn wir nicht in russische Gefangenschaft fallen wollen.

- Und welche Richtung wollt Ihr einschlagen?

- Zuerst mal wollen wir zu meiner Tante nach Satjmaz und dann fahren wir weiter nach Budapest mit dem Fahrrad, denn es gibt ja keine Züge mehr!

So fuhren wir zur Brücke. Umsonst hatte ich meine Mutter gebeten, uns schon am Tor zu verabschieden, schluchzend und wortlos kam sie mit uns. Wir gingen an den im frühherbstlichen Prunk blühenden Gärten der so trauten Häuser vorbei. Ein Schauer überkam ich, als ich im Garten der Familie Kovács die schwer beladenen Birnenbäume erblickte, von denen wir, gemeinsam mit dem Sohn des Inhabers, als Kinder, Obst gestohlen haben, obwohl uns davon immer gegeben wurde. Dann wandte sich mein Blick der Stadt zu und ich verabschiedete mich vom einstigen Spielplatz, dem Wäldchen zwischen Ufer und Damm. Könnte das sein, dass ich Újszeged niemals wiedersehen werde?

Wir gelangten zur Brücke. Wie sollte ich mich jetzt verabschieden? Ich sah meine Mutter an, ihr kam auch kein Wort über die Lippen. Ich schluckte meine Tränen hinunter und sagte mit fremd klingender, etwas theatralischer Stimme:

- Mutter, kannst dir dessen sicher sein, dass ich heimkehren werde, spätestens nach einem Jahr.

Es war Sonntag, der 8. Oktober. Wir fuhren zur Brücke hinauf, doch, es gab da einen so regen Verkehr, dass wir mehrmals von unseren Rädern absteigen mussten.

Ein unglaubliches Getümmel spielte sich da ab, in beiden Richtungen. In Stadtrichtung schleppten sich Pferdewagen, in unendlich langen Reihen, vorwärts. Auf jedem Wagen nahm eine Familie Platz, die vor allem aus Frauen und Kindern bestand. Manchem Wagen folgte ein Hund, an einen Strick angebunden, mit eingezogenem Schwanz und traurigem Blick.

- Wer sind die? - flüsterte ich meinem Freund zu.

- Ich will mal jemanden fragen.

Er begab sich zu einem der Wägen und wechselte ein paar Worte mit dem Kutscher.

- Das sind Schwaben aus dem Banat - sagte er, als er zurückkehrte. - Sie flüchten sich vor den Russen.

- Dann haben sie all ihr Hab und Gut dahingelassen.

Mit einem Gemisch von Mitleid und Trauer schob ich mein Fahrrad an der, einem Leichenzug ähnlichen Wagenreihe vorbei. Es fiel mir ein, dass viele von diesen Schwaben aus den südöstlichen Gebieten, zu den Waffen SS einrücken mussten, darüber haben die Zeitungen geschrieben. So war ihre überstürzte Flucht verständlich.

Aus der entgegengesetzten Richtung kamen militärische Fahrzeuge, ungarische und deutsche. Sie sahen nicht so aus, als ob sie organisierte Truppen wären. Ein Geländewagen jagte zwei Pferden einen Schreck ein, beinahe stürzte er samt seinen Insassen in die Theiß. Zum Glück hatte die Brücke starke, eiserne Schranken.

Mit großer Mühe konnten wir uns auf die Landstrasse herauspressen, die nach Budapest führte, aber die Flüchtlinge konnten wir bis Satjmaz nicht überholen.

Die kleine Gemeinde Satjmaz war ein Kanaan, voll mit prachtvollen Pfirsichen, Weintrauben und sonstigem Obst. Dicht nebeneinander standen die hübschen Gartenanlagen und in deren Mitte die schönen Häuser des wohlhabenden Bürgertums.

Die Tante meines Freundes, eine ältere, in jüngeren Jahren gewiss schön gewesene Dame, empfing uns freundlich vor der Veranda des großen Hauses, das einer "Kuria" (Haus eines Großbesitzers) ähnlich war.

Wir wurden von ihr mit einer Jause empfangen und nachher machten wir einen Spaziergang im Garten.

- Der Sohn eines hohen Offiziers hat gesagt, die Deutschen könnten den Krieg nicht verlieren. Jetzt konzentrieren sie sich, vorübergehend, auf die westliche Front und sie werden eine neue Waffe einsetzen - sagte ich zu Pista. - Und übrigens, die Rumänen waren es, die eine solche Lage an der Ostfront hervorgerufen haben.

- Aber das halbe Land ist uns schon verlorengegangen!

Unser Gespräch wurde von einem Autogeräusch unterbrochen und bald hörten wir, dass der Wagen stillstand. Während wir uns dem Haus näherten, sahen wir, dass ein LKW vom ungarischen Militär im Hof steht.

- Wie ich den so anschaue, ist das keine Munition, was die da transportieren.

- Mit Koffern ist er vollgepackt, die flüchten auch. Schau, dort auf der Veranda sind sie.

Ein hochrangiger Offizier, ein Oberleutnant, ein Zivilist in Jägeranzug und zwei Soldaten von niedrigerem Rang, führten ein reges Gespräch mit der Tante.

Als wir uns zur Gruppe stellten, war schon ein Schweigen eingetreten. Nachdem wir uns gegenseitig vorgestellt hatten, setzten wir uns an den gedeckten Tisch - die beiden Soldaten, ich dachte, einer wäre der Fahrer, der andere Offiziersdiener - verzehrten ihr Abendessen an einem abseits aufgestellten Tisch. Beim Abendessen und auch danach wurde Wein getrunken, so dass sich unsere Stimmung allmählich besserte.

- Na und Ihr, junge Leute, wohin wollt Ihr? - fragte der mit dem hohen Rang.

Ich stieß Pista mit meinem Knie und rückte auch gleich mit der Antwort heraus:

- Ich will in das 5. Garnisonskrankenhaus einrücken.

- Und weißt du auch, mein Lieber, wo sich das jetzt befindet?

- Ich habe gehört, dass man es in den westlichen Landesteil verlegt hat.

- Ja, das hat man, nach Kaposvár.

Dabei wurde Pista ganz außer Acht gelassen und von dem guten Satjmaser Rislingwein wurde die Stimmung immer besser.

Der Fahrer und der andere Soldat gingen hinaus in den Hof. Ich ging ihnen nach und merkte, wie sie leise miteinander redeten, während sie ihre Not verrichteten. Sie hatten mich nicht bemerkt.

- Ich fahre keinesfalls weiter mit - sagte der Fahrer.

- Bist du verrückt? Man wird dich fangen und aufhängen!

- Ich bin aber nicht ganz von Sinnen gekommen, dass ich mich mit dem ganzen Vermögen des Herrn Obersts im Land herumtreibe und dass man mich am Ende dann in irgendeine Kampftruppe reinschmeißt und dann ist alles futsch! Ich werde denen zu Liebe nicht verrecken! Ich werde nach Szeged zurückkehren, von dort ist mein Dorf, Ferencszállás nicht weit weg und da wird für mich der Krieg zu Ende sein.

- Und wer wird morgen den Wagen weiterfahren?

- Was kümmert mich das, der Jäger dort besitzt ein Auto, der versteht sich bestimmt auf Kraftfahrzeuge. Kommst du mit, Kamerad?

- Ich traue mich nicht.

- Wenn du so ein Scheißkerl bist, dann bleib, aber dann halt 's Maul!

- Wie kannst du nur an so was überhaupt denken?

Ich kehrte zurück zur Gesellschaft. Der Oberst sprach uns mit gehobener Stimme an:

- Also, Jungs, morgen könnt Ihr mitkommen bis nach Baja. Das geht doch schneller, als mit Fahrrad!

Bald danach gingen wir zu Bett. Ich überlegte, ob ich meinem Freund verraten soll, was die zwei Soldaten miteinander gesprochen haben, aber ich fand es für besser, nichts zu sagen, es könnte ja sein, dass der Fahrer doch nicht davonläuft.

Es wurde nicht mehr geschossen und so schlief ich bald ein. Kaum dämmerte es, als wir durch die offenen Fenster ein heiseres Brüllen vernahmen.

- Du hättest wissen müssen, dass er uns wegläuft. Ich lass dich ausbinden, du Schwein! Den Anderen, den Schuft, nehme ich fest und erschieße ihn persönlich!

- H... Herr Oberst, ich melde gehorsamst, ich habe nichts bemerkt, ich glaube, ich habe gestern abends ein bisschen mehr getrunken und sehr tief geschlafen.

Aus diesem Geschrei wurde mir klar, dass sich der Fahrer doch aus dem Staub gemacht hat. Pista sprang aus dem Bett, sah zum Fenster hinaus und fragte:

- Was ist los?

- Wie ich gehört habe, ist der Fahrer durchgebrannt. - Dann erzählte ich ihm, was ich am Abend vorher gehört habe.

- Warum hast du mir nichts davon gesagt?

- Na und, was hättest du gemacht? Hättest du es dem Oberst gemeldet?

- Verdammt mal, wer wird jetzt den Wagen lenken?

Sozusagen als Antwort auf unsere Frage hörten wir von draußen:

- Lass es sein, Nándor, ich werde diesen Rappelkasten weiterfahren. Bis Baja wird er wohl durchhalten.

Der Stimme nach war es offenbar der Jäger. Er fuhr fort:

- Den Mündungsfeuern nach sind die Russen nicht weit von Szeged. Lassen wir die Jungen aus dem Bett springen und schauen, dass wir so bald wie möglich davonkommen!

Na ja, dachte ich, der Oberst will auch sein Leben nicht aufs Spiel setzen und da er sich die Sache wohl überlegt hatte, schrie er den zitternden Diener an:

- Der Teufel hole dich, Dummkopf, pack schnell den Wagen, in Baja werden wir schon sehen, was mit dir geschieht!

Der arme Soldat salutierte und holte eilig das Gepäck. Die Schimpfworte machten ihm wahrscheinlich nichts aus, er fühlte vielmehr, dass sich der Zorn des Obersten stillte oder war er an eine derartige Rede sowieso gewöhnt.

Die Tante war auch aufgestanden, machte ein schnelles Frühstück, wir verschlangen es und nach einem flüchtigen Abschied sprangen wir mit unserem Gepäck auf den Wagen. Die Fahrräder konnten wir nicht mitnehmen, es gab keinen Platz mehr.

Der Motor setzte sich mit großem Gebrumm in Gang und bei strahlendem Wetter erreichten wir die Landstrasse, die nach Baja führte.

Mit großer Mühe konnten wir auf Kisten und Koffern Platz finden und langsam ging es auf dem rüttelnden Steinweg vorwärts. Auch auf diesem Weg gab es eine Menge von Pferdewagen, aber unser Militärschild half uns einigermaßen beim Überholen.

- Ja, der Weg wird auch so etwa zwei-drei Stunden dauern - sagte ich meinem Freund.

- Macht nichts, wenigstens werden wir uns ein bisschen unterhalten können, seitdem du im Juni nach Budapest weggegangen warst, haben wir uns eigentlich kaum getroffen. Sag', wie war's dort?

- Nützlich war's. Es gab die allerbesten Vorlesungen, von den besten Professoren wurden wir unterwiesen, damit wir bei Fronteinsatz oder in einem Krankenhaus etwas Hilfe leisten können.

- Nicht das interessiert mich. Was habt ihr sonst gemacht?

- Bei Bombenangriffen rannten wir aus der Stadt, auf Fahrzeugen die es eben gab. Einmal liefen wir bis zum Jánosberg, zu Fuß, weil es in der Straßenbahn kein Platz mehr da war.

- Und wenn es keine Bombenangriffe gab?

- Du meinst, was wir in unserer Freizeit gemacht haben? Womit wir uns beschäftigten?

- Beschäftigt, beschäftigt, wie schön sagst du das! Habe ich nicht genug klar gesprochen?

- Jaa....! Die Mädel, oder was?

- Na, endlich hast du es begriffen!

- Du weißt, ich bin nicht so flatterhaft.

- Gott im Himmel! Und bist du nicht flatterhaft, dann lügst du!

- Also, wenn du unbedingt eine Frauengeschichte haben willst, so sei es. Aber nicht von mir wird die Rede sein, sondern von Lacó.

- Wer ist das?

- Einer von meinem Jahrgang, du kennst ihn nicht. Aber damit dir diese Geschichte verständlich wird, muss ich dir einiges sagen. Das war nämlich so ein bodenständiger Bauernbursch aus unserer echtesten Landstadt Félegyháza, die Eltern sind wohlhabend, sie hatten so besitzen etwa 30-40 Joch. Er selbst war so ein altungarischer Streitertyp, kräftig wie ein Stier. Vor dem Abitur wurde er Landesmeister im Ringen im Halbschwergewicht. Auch im Gesicht ist er nicht hässlich, und er trägt einen hübschen Schnurrbart.

- Und was hat das mit Frauen zu tun?

- Wart' nur - mahnte ich meinen Freund zur Ruhe. - Ich habe dir noch nicht gesagt, dass das Essen in unserer Kantine so schlecht war, davor hätten sich eure Schweine auch nur geekelt. Natürlich hatten wir auch darum immer Hunger. Wenn einer ein Packet von zu Hause bekam, wurde alles im Nu verschlungen. Eines Tages, ich glaube es war Samstag, stand Lacó verdrossen da und meinte, er hätte schon genug von dieser Hungersnot. Und da es praktisch keine Post mehr gäbe, würde er persönlich nach Hause fahren und einen Korb Lebensmittel mitbringen.

- Ich höre dir zu, aber dieses magenzentrische Gerede ist mir zu langweilig.

- Na und! Haben wir nicht Zeit? Auch bis Mélykut sind wir nur auf der halben Strecke. Also, der Lacó ist weggefahren. Kaum haben wir den Montag erwartet, die Stadt wurde auch sonst den ganzen Sonntag hindurch von mehrhundert Liberatoren angegriffen. Lacó kam aber nicht, auch am Dienstag und auch am Mittwoch nicht. Wir haben uns schon ernsthaft Sorgen um ihn gemacht. Donnerstag Nachmittag, so gegen fünf Uhr, stellte er sich mit einem Wäschekorb ein. Verdächtig war es aber, dass er ihn so leicht in der Hand hielt und als ob sein Gesicht ein bisschen blasser geworden wäre. Acht oder Zehn von uns waren im Zimmer, wir wollten uns auf den Korb stürzen. Wart mal! - rief er. Aber wir rissen ihm den leichten Korb aus der Hand. Schaut her! Ein Töpfchen mit Honig und nichts mehr! Wir hätten den armen Kerl verprügelt, wäre er nicht so kräftig gewesen. Wir nahmen die für das Abendessen beiseite gelegten Brote und den feinen, goldgelben und herrlich duftenden Honig auf die großen dicken Schnitte fließen lassend, aßen wir gierig. Während dessen erzählte Lacó, was geschehen war. Zuerst haben wir ihm nicht so richtig zugehört, aber langsam hat sich dabei doch herausgestellt, was in den drei Tagen geschehen war. Ich bin am Haupttor des Westbahnhofs mit dem vollen Korb rausgetreten und wollte zur Straßenbahnhaltestelle gehen. Aber die Straßenbahn kam nicht. Gaffend stand ich da, und einige Meter weit tauchte ein schönes Freileinche - so sagte er es - auf. Ich hab' sie mir gut angeschaut, vorn und hinten war sie gut ausgerüstet so eine für en armen Mann. Und dann, stellt euch vor, lächelte sie mir zu und näherte sich langsam. Ich sah mich auch noch um, ob nicht jemand hinter mir steht, aber nein, da war niemand. Sie sprach mich an, zuerst habe ich auch nichts verstanden, ich schwitzte und fürchtete, sie hätte mir die Gedanken vom Gesicht herabgelesen und ich schämte mich. Da hörte ich wieder ihre Stimme: Verzeihen Sie, mein Herr, sind Sie nicht aus Kecskemét? Nein - antwortete ich -, aber nicht weit von dort bin ich zu Hause, in Félegyháza. Dann fragt sie mich, ob ich nicht eine ältere Frau mit Gepäck in Kecskemét einsteigen sah, das wäre nämlich ihre Mutter, die ihr in diesen kargen Zeiten Lebensmittel zu bringen pflegte. Es tut mir wirklich leid, aber so Viele reisen heutzutage und ihre Mutter kenne ich auch nicht. Meine Augen wurden groß, ich schaute drein wie ein aufs Kätzchen lauernder Kater und mein Blick rastete in der Grube zwischen ihren aus dem leichten Sommerkleid hervorschwellenden Brüsten. Dann fragte sie lächelnd, aber scheen: Auch Sie, bringen Nachschub ihren Verwandten? Ja, aber nicht meinen Verwandten, sondern den Freunden. Ich bringe geräucherten Schinken, Wurst, Eier, gebratene Hühnchen, Honig und ein bisschen Wein auch. Und natürlich habe ich auch einen Kuchen dabei, den meine Mutter gebacken hat. Während er das Menü von Félegyháza so schön aufzählte, fielen uns fast die Augen aus dem Kopf und das Honigbrot konnten wir kaum hinunterwürgen. Lacó redete ununterbrechlich, obwohl er sonst jeden Satz fünfmal zu überlegen pflegte, vor allem an den Prüfungen. Er erzählte, wie auch schon die Straßenbahn an ihnen vorbeifuhr, und ihm hat die Armselichi so leid getan, dass er ihr etwas von dem von zu Hause mitgebrachten anbot. Aber er konnte doch nicht auf der Strasse im Korb herumkramen. 'S schene Freilein wehrte aber ab, doch er bestand darauf, da sagte sie: Wenn Sie schon so lieb sind, wirklich, wie würde es aussehen, wenn wir hier auf der Strasse auspacken würden, ich habe aber hier in der Nähe ein Mietzimmer, dort wohne ich mit meiner Freundin, kommen Sie herauf für einen Augenblick. - Der Teufel hole dich, und der Augenblick dauerte drei Tage lang?! - schrie Jóska. - Und das gute Essen, das habt ihr auch aufgefressen? Nicht dir gönne ich es nicht, sondern, dass es der dicken Hure zukam, dass sie der Teufel hole. - Ich dachte, dass jetzt Lacó den gleich zerhaut. Er fing an zu schreien. Dass das Freilein 'ne Hure wär'? Das is' a feines Freilein! - Und was habt ihr drei Tage lang gemacht? - fragte Jóska, in demselben Ton. Wir haben uns angefreundet, uns geliebt, und inzwischen haben wir gegessen. - Die ganze Zeit seid ihr nicht aus dem Haus gekommen? - Gar nicht! - Und was hat sie am Ende verlangt? Ich hau' dir in die Goschen, du Schuft! Wenn du es gerade wissen willst, sie ließ mich nackt im Zimmer herumspazieren, um mich bewundern zu können! Da fielen wir um vor Lachen. Der Eine wieherte hockend, den Anderen musste man am Rücken schlagen, denn beinahe ist er vom Honigbrot erstickt. Der arme Lacó schaute verlegen drein und wusste nicht, was die Gesellschaft hatte...

Meinem auf einer Kiste kauernden Freund Pista ging auch vor Lachen der Atem aus und schwer kamen ihm die Worte auf den Mund.

- Ich kann mir diesen hunnenländischen Herkules vorstellen, wie er nackt vor der Frau im Parademarsch defiliert, während sein dreitägiges Liebchen Hühnchenschlegel zusammen mit der Wurst verschlingt.

- Zur Geschichte gehört noch - sagte ich -, dass der arme Lacó mich am liebsten hatte und nach einigen Tagen rief er mich in der Pause beiseite und flüsterte mir zu: Du, Freund, borge mir fünfzig Pengõ, in der nächsten Woche gebe ich dir das Geld zurück. Da frag' ich ihn, wieso zum Teufel hast du kein Geld? Der Bursch war ja immer gut mit Geld versehen. Sag's keinem, aber als ich vom Mädel herauskam rannte eine alte Hure aus der Küche heraus und schrie mich an, sie wäre eine anständige Frau und sie duldet keine Unsittsamkeit, übrigens das Frauenzimmer da ist ihr auch noch schuldig. Da zog ich erschrocken meinen Hundertschein aus der Tasche, den gab ich ihr damit sie das Maul hält, kleineres Geld hatte ich leider nicht. Und dann, am nächsten Tag, sagte er mir traurig: Freund, gestern ging ich in die Wohnung, aber die alte Hexe hat mich 'rausgeschmissen. Sie sagte, sie hätte nie eine Untermieterin gehabt... Aber gelt du glaubst es mir, dass es ein ordentliches Mädel war? Siehst du, mein Lieber, da hast du deine Geschichte und daraus entstand der Spruch: er ist reingefallen, wie Lacó bei der Hure...

Von unserem hohen Sitz aus auf dem vollgepackten Auto konnten wir kaum nach vorne sehen, aber die Aussicht interessierte uns auch nicht, denn außer den langen Pferdewagenreihen, die wir zeitweise mühselig überholen mussten, gab es nicht viel interessantes.

Plötzlich hielten wir an der Ortsgrenze von Mélykut. Ich dachte, dem Motor hatte genug von dem ständigen Langsamgang und das Wasser hätte sich erhitzt. Wir erhoben uns und erblickten vier Mann von der Feldgendarmerie, die uns schon von 15-20 Meter weit zum Halten anwiesen. Ein Wachtmeister war der Kommandant. Er näherte sich der Fahrerkabine und schon erklang das wohlbekannte Soldatengebrüll.

- Herr Wachtmeister, haben Sie keine Augen im Kopf? Sehen Sie nicht, dass Sie den Wagen eines Stabsoffiziers festhalten?!

Der Wachtmeister stellte sich aber selbstsicher ans Fenster und salutierte.

- Herr Oberst, ich melde gehorsamst, ich habe einen außerordentlichen Befehl, von allen, sich nicht in Verband nach Westen bewegenden Militärfahrzeugen, Militärmannschaften und wehrpflichtigen Zivilpersonen einen Ausweis zu fordern.

Der Oberst brummte etwas vor sich hin, dann sagte er, nach hinten zeigend:

- Der eine Junge, der Stärkere, ist mein Neffe, der andere ist Medizinstudent, der auf Grund des öffentlich ausgesteckten Befehls in das von Szeged in den westlichen Landesteil verlegte 5. Garnisonskrankenhaus einrückt, natürlich hat er keinen Einberufungsbefehl.

Damals wusste ich noch nicht, was es heißt, wenn ohne Ausweisbefehl herumstöbernde Soldaten von der Feldgendarmerie erwischt werden, darum habe ich die Geschehnisse eher neugierig als angstvoll beobachtet. Der Wachtmeister schien sich mit dem Gesagten zufrieden gegeben zu haben, er salutierte und ließ uns weiterfahren. Der Oberst hatte wahrscheinlich den entsprechenden Ausweis (kann sein, dass er sich diesen selbst ausgestellt hat) und auch für seine Begleiter hatte er Dokumente.

Der erhitzte Motor setzte sich schwer in Gang.

- Noch vierzig Kilometer bis Baja, mit zwanziger Durchschnittsgeschwindigkeit, das sind zwei Stunden - sagte ich meinem Freund.

- Siehst - antwortete er -, du hast dich mit deiner Geschichte übereilt und ich werde jetzt auch reinfallen wie dein Freund Lacó, aber leider nur zwischen zwei verdammte große Koffer, ich versuch's mal mit einem Schläfchen.

- Denke nicht, dass das pikante Melodrama schon zu Ende ist! Der tatarenköpfige Wachtmeister hat mich unterbrochen.

- Na dann spinn den Faden deiner Geschichte weiter, wenn sie mich langweilt wirst du es daran merken, dass ich einschlafe - sagte Pista gähnend.

- Der Honig, den uns Lacó mitgebracht hat, wurde für uns unvergesslich. Schon waren wir am letzten Viertel des Töpfchens, da sagte Gyuri, der Vielfraß: Kinder, ich bin jetzt noch hungriger, als am Anfang. Wie kann nur einer so gefräßig sein, dachte ich, wo nimmt sein Hunger ein Ende? Da von Lacó der Honig mir anvertraut wurde, sagte ich, mit dem entsprechenden Selbstbewusstsein zu Gyuri: Hör mal zu! Wenn du bereit bist, deinen Schwanz in den Honig zu tunken, dann gehört das Ganze dir! Die Gesellschaft war nicht gerade einverstanden, aber Gyuri bestand darauf. Ich mach' s, dann gehört das Ganze mir, ihr werdet dann sowieso nicht davon essen. - Jungs, das wird eine große Produktion sein, überlassen wir ihm den Rest vom Honig, das Schwein soll fressen! Nach einigem Gebrumm wurde eine dreiköpfige Schiedsrichterschaft aufgestellt die nun entscheiden musste, wann Gyuris Männlichkeit den Honig erreicht hat. Dann steckte er diese in den Topf, aber nicht in den Honig, denn der befand sich ganz unten am Boden. Das entspricht dem Abkommen nicht, sagten wir, das Glied hat den Honig nicht erreicht! Dann stülpte er den Topf und versuchte es so, aber es ging doch nicht. Wir wälzten uns schon am Boden vor Lachen, als wir sahen, wie sich Gyuri mit dem immer kürzer werdenden Penis plagte. Du hast Hemmungen, Gyuri! - sagte Einer von uns. Gyuri unterbrach den Versuch und sagte: Ihr werdet sowieso schon nicht mehr von diesem Honig essen, er gehört mit! - Davon kann keine Rede sein! - brüllten wir. - Wir haben vereinbart, dass du ihn in den Honig hineinhängst. Aber ihr seht, er erreicht den Honig nicht. Ich schlug vor, die Schiedsrichterschaft zur Beratung einzuberufen. Bis dahin wird der Honig beschlagnahmt. Gyuri hielt eine weitere Polemik für sinnlos, traurig wartete er auf den "Beschluss", der auch nicht lange auf sich warten ließ. Die Ausbuchtung des Topfes und der niedrige Stand des Honigs hat die Erfüllung der Wettbedingungen nicht ermöglicht, also wird der Honig nur dann in Besitz des Wettenden geraten, wenn diese Bedingungen erfüllt werden. Demnach, wenn der Berg nicht zu Mohamed geht, dann soll der Honig auf Gyuris Männlichkeit getropft werden. Der Teufel soll euch holen, gebt den Honig her! - Gut, das werden wir, nachdem wir ihn abgetropft haben. Und sieh, was tut die Gier: Gyuri legte sich auf den Fußboden und ließ uns den Honig hintropfen, was aber so richtig nicht gelingen wollte, weil wir vom Lachen derartig geschüttelt waren, und so wurde er bis zum Nabel mit Honig verschmiert. Genug damit! Lasst mir etwas zum Essen übrig! Wir ließen ihm also den Rest übrig. Zornig sprang er auf, ergriff den Honig und ging ins Bad um sich zu waschen. Seine stolze Männlichkeit zwischen den Schenkeln konnte ihre normalen Schwenkungen nicht durchführen, weil sie an seinem Schenkel klebte.

Unser Auto rüttelte sich auf dem holperigen Weg. Mein Freund, Pista, lachte:

- Was für einen Film könnte man daraus machen, nur würde ihn die Zensur leider nicht genehmigen!

Inzwischen kamen die Häuser der Stadt Baja zum Vorschein; unser Auto hielt plötzlich, der Oberst stieg fluchend aus, mit ihm der Leutnant und hinter ihnen stieg der seine steifen Glieder reckende Offiziersdiener auch aus. Es war unmöglich mit dem Wagen weiterzufahren, so groß war der Tumult um uns. Ein deutscher Panzer stieß an einen der Pferdewägen, der stürzte um, zum Glück gab es keine größeren Verletzungen, aber das von zu Hause bis hierher gerettete Hab und Gut wurde zu einem bedeutenden Hindernis.

- Das kann man nicht abwarten bis es da weitergeht - sagte der Oberst.

- Kommt, Jungs, die Lehrerbildungsanstalt ist nicht weit von hier, der Wagen wird uns schon nachkommen.

Die Schule gehörte jetzt dem Militär. Nach dem Abendessen konnten wir die Nacht im Offiziersquartier verbringen. Am nächsten Morgen stand Pista früher auf und unterhielt sich eine Weile mit dem Oberst. Als er zurückkam sagte er, ihn würde man nach Budapest mitnehmen, aber ich würde besser tun, wenn ich im westlichen Landesteil jenseits der Donau, das Szegediner Krankenhaus aufsuchen und mich dort melden würde, denn es bestehe die Gefahr, dass ich in eine Fronttruppe eingegliedert werde. So einigten wir uns, dass wir hier voneinander Abschied nehmen. Ich machte mich nach dem Frühstück mit meinem immer schwerer werdenden Koffer zu Fuß auf den Weg und drängte mich zwischen den im Schritt sich nach vorwärts schleppenden Fahrzeugen voraus.

Gegen zehn Uhr erreichte ich die Donau, wo mehrere Hundert Gespanne und eine Menge von Menschen auf die Fähre warteten. Die Brücke war schon durch einen Bombenangriff zerstört. Mein Gott - dachte ich -, wann komme ich da an die Reihe?

Militärverbände wurden bevorzugt, aber beinahe kam es zu einer blutigen Auseinandersetzung zwischen einem deutschen Oberleutnant und einem ungarischen Hauptmann - der den Aufstieg auf die Fähre leitete -, ob nun eine ungarische Kompanie oder noch einige schwäbische Fuhren auf die vollgestopfte Fähre heraufkommen sollten.

Spät am Nachmittag gelang es auch mir, auf eine der Fähren, es gab nämlich zwei davon, heraufzukommen. Die Donau wälzte sich langsam voran und brachte die von den Bäumen herabgewehten gelben Blätter mit. Es gab einen angenehmen, kühlen Wasserduft ringsherum... Ich dachte an die Theiß...

Auf einmal - ich traute meinen Augen kaum -, stieg eine junge Schwäbin mit zwei ungefähr 5-4 jährigen Kindern von ihrem Wagen herab, nahm das Bübchen und das Mädchen in ihre Arme und sprang ins tiefe Wasser hinein. Für einige Sekunden verschwanden sie unter dem Wasser, dann tauchte die Frau auf, aber sie hielt nur das Mädchen in den Armen, das Bübchen zappelte so um zehn Meter weit von ihr, bis es dann für immer im Wasser versank...

- Hilfe! Hilfe! - schrie die Frau und dann verschlang auch sie der friedlich dahinwallende Fluss.

Bestürzt schauten alle dem tragischen Ende einer Familie zu. Da es kein Boot gab, konnte keiner helfen, auch sonst hat sich alles in so kurzer Zeit abgespielt, dass bis sich die vom Anblick geschockten Menschen besonnen hatten, war schon alles zu spät...

Und die Donau wälzte sich ruhig weiter.

Die Fähre landete am jenseitigen Ufer und die Menschen stiegen schweigend aus. Auch mich hat die Tragödie, die sich vor meinen Augen abgespielt hatte, ordentlich mitgenommen und dazu war auch niemand da, mit dem ich ein Wort hätte reden können. Ich entschloss, zuerst doch nach Budapest zu fahren, vielleicht gibt es etwas auch an der Uni. Das Krankenhaus werde ich noch vorfinden, auch sonst hatte ich keinen Einberufungsbefehl.

Ein paar Hunderte standen wir da mit unseren Siebensachen, und weinenden Kindern, bis da ein Eisenbahner kam und uns mitteilte, dass der Zug nur bis zum Bahnhof von Bátaszék kommt, und bis dorthin müsse man zu Fuß gehen, eine Entfernung von 5-6 Kilometer.

Als wir am Bahnhof angelangt waren, war es schon ziemlich spät am Abend. Ich aß von dem von zu Hause mitgebrachten Essen und wartete mit den Anderen auf den Zug. Gegen 9 Uhr kam er an, wir drängten uns hinein und nach dem mir so lang scheinenden Warten, fuhren wir endlich los. Keiner wusste wohin, wir hofften, in Richtung Budapest.

Ich dachte schon, nie kämen wir an unserem Reiseziel an. An jedem Bahnhof versuchte man einzusteigen, am Ende waren auch die Stiegen voll mit Reisenden. Auf einem kleinen Bahnhof versuchte sich eine Wachtmannschaft durchzuzwingen und von wem sie nur konnten, forderten sie einen Ausweis. Am nächsten Bahnhof stieg die Wache mit einigen Zivilisten, die sie aus der Menschenmenge herausfischen konnten, ab und brachten diese ins Bahnhofsgebäude. Ein katholischer Priester war auch dabei, aber so unrasiert und so müde war er, dass es keine Kunst war zu erraten, er hätte sich die Kutte zur Verkleidung irgendwie verschafft.

Nach einer überaus mühseligen Fahrt kam der Zug, im Schneckentempo, in Budapest an. Wohin soll ich jetzt? Meine Verwandten, die Familie Balogi, wollte ich nicht erschrecken; ich hoffte, im Studentenheim am Üllõer Weg übernachten zu können.

Ich läutete an der Tür und nach einer Weile kam Pali bácsi, der Portier, hustend und brummend, schwerfällig zum Eingang. Um seinen Zorn zu stillen gab ich ihm eine zwei-Pengõ-Münze und so konnte ich in einem Fauteuil, im Gesellschaftsraum, den Rest der Nacht verbringen.

Gegen zehn Uhr wurde ich durch einen lauten Wortwechsel aufgeweckt. Drei Philologen und ein Bekannter aus Budapest, einer von meinem Jahrgang, disputierten miteinander und das Thema war, natürlicherweise, der Krieg. Der eine schimpfte die Deutschen, der andere die Russen, der dritte schwärmte von irgendeiner Invasion am Balkan, der vierte sprach von Zucht und Ordnung und fluchtete auf das verlotterte ungarische Oberkommando.

Nach Jahrzehnten zurückblickend, wiederspiegelte dieses Durcheinander in den Köpfen der jungen Intelligenz jene Verstörtheit, Unbeholfenheit und Uneinigkeit, von der unsere ganze damalige Gesellschaft geprägt war.

- Der Teufel soll euch holen, was schreit ihr hier herum! - sagte ich. - Es musste schon vier Uhr gewesen sein, als ich hier zum Schlaf kommen konnte.

- Schau mal, der aus "Szöged" ist aufgewacht! Wie bist du hierher gelangt, der Zug fährt ja nur bis Kecskemét - sagte einer von der Gesellschaft.

- Und was ist bei euch los? - fragte ein anderer.

- Meiner Meinung nach haben die Russen die Stadt schon in ihren Händen. Den wievielten haben wir heute? - Bei meinem Streifzug jenseits der Donau hatte ich schon keine Ahnung mehr, welch ein Tag es nun war.

- Den elften - gab man mir die Antwort. (Gerade an diesem Tag sind die russischen Truppen in Szeged eingezogen.)

Ich hatte keine Lust, mich in eine weitere Auseinandersetzung einzulassen, alle meinen Gedanken beschäftigten sich mit der Frage, wie es nun weitergehen solle. Ich sprang schnell auf, verabschiedete mich von den jungen Männern und von Pali bácsi.

Es blieb mir nichts anderes übrig, als meine Verwandten aufzusuchen, die am Josefring, in einer Dreizimmerwohnung, im dritten Stock wohnten. In der nicht allzu bequemen Wohnung wohnte das Ehepaar mit zwei Kindern (ein Junge und ein Mädchen) und die Großmutter.

Sie empfingen mich mit der gewohnten, mir als übertrieben scheinenden Freundlichkeit und den dazu gehörenden Küssen. Nachdem ich ihnen erzählt hatte, was sich in den vergangenen Tagen ereignet hat, bat ich meine Verwandten, mir für einige Nächte Unterkunft zu gewähren. Ich betonte, dass ich nur Unterkunft brauche, da ich über die materielle Lage meiner Gastgeber Bescheid wusste, es war das knapp bemessene Einkommen eines durchschnittlichen Budapester Beamten, dessen Gehalt nur eine sehr bescheidene Lebensführung ermöglichte.

Ich hatte ein wenig Geld, etwa Hundert-hundertfünfzig Pengõ und ich hoffte, dass mir das für ein-zwei Wochen ausreichen wird. Etwas von Lebensmittel ist mir von zu Hause auch noch übriggeblieben: Speck und etwas von unserer guten Pick-Salami. Als ich von meinem Mittagessen aus der Gaststätte zurückkehrte, sah ich die ganze Familie um den Tisch sitzend, sie hatten sich an mein von zu Hause mitgebrachtes Essen rangemacht.

- Oh, lieber Bandi! Sei nicht böse - sagte die junge Frau und lächelte verlegen - wir haben auf dich nicht gewartet und haben uns an die feinen Leckerbissen aus Szeged rangemacht, das Essen vom Dorf schmeckt so gut. (Nachher sagte sie Land, anstatt Dorf, da ja meine Heimatstadt eine königliche Freistadt war und sie wollte mich keineswegs beleidigen.)

- Esst nur weiter, ich habe schon zu Mittag gegessen. Wegen Magenschwäche muss ich Gekochtes zu Mittag essen.

Dann besann ich mich plötzlich, dass ich hier eigentlich nicht viel zu suchen hätte. Das wurde mir später noch mehr klar, als ich zu einer anderen Familie zum Mittagessen eingeladen wurde.

Ich muss damit anfangen, dass meine erste "große" Liebe, sie hieß Jutka, ein Mädchen aus Budapest war. Ihre Tante wohnte in unserem Haus und gelegentlich eines Besuches hatten wir uns kennengelernt. Die Liebe beschränkte sich auf einen regen Briefwechsel und einmal jährlich trafen wir uns, gingen spazieren und ins Kino. Daraus bestand unsere Liebe, nicht einmal geküsst hatten wir uns.

Als ich an die Uni kam, war es mit ihrer Zuneigung zu Ende. Den Grund dafür kannte ich nicht. Mein Liebeskummer war groß, aber ich kam darüber hinweg, wozu die schönen, schwarzhaarigen bulgarischen Studentinnen an meinem Jahrgang, beigetragen haben.

Wenn ich schon da bin - dachte ich - werde ich meine einstige Liebe, Jutka, besuchen. Die Familie empfing mich freundlich, aber ich merkte, dass Mutter und Tochter in Verlegenheit waren. Der Grund dafür saß im Zimmer, es war ein hochgewachsener, schon etwas glatzköpfiger aber doch hübscher Offiziersanwärter. Der hat mir also so viel Leid angetan, dachte ich.

Wir setzten uns hin, zu einer Plauderei, damals gab es ja allerhand, worüber man sich unterhalten konnte. Ich schreibe über diese Episode wegen des darauffolgenden Mittagessens! Sie hatten mich zum Mittagessen eingeladen... Ich nahm die Einladung mit Freude an, ich hatte Hunger und die Mutter kochte sehr gut. Es gab Sauerbraten aus Rindfleisch, mit einer herrlichen Sauce. Ich muss sehr gierig gewesen sein, denn schon war ich im Begriff, das vierte Stück auf meinen Teller zu legen, da sagte die Mutter:

- Lieber Bandi! So kommen die Anderen nicht dazu... Wir leben in Kriegszeiten - fügte sie hinzu, sich entschuldigend.

Ich wäre vor Scham am liebsten in der Erde versunken. Ich stotterte nur, als Entschuldigung, ich hätte an Besorgungsschwierigkeiten nicht gedacht (damals pachteten sie einen mehrhundertjöchigen Gutsbesitz irgendwo in Nordungarn) und ich bat um Verzeihung.

Inzwischen stürmte die traurige Geschichte unseres Landes mit voller Kraft auf uns zu. Der 15. Oktober, die Proklamation von Horthy, die Machtergreifung der Pfeilkreuzler. Was eigentlich geschehen ist, das habe ich erst nach dem Krieg erfahren. In der Stadt fuhren deutsche Tanks, Tiger, herum, offenbar um einen psychologischen Druck auszuüben. Die schwarzgekleideten, Pfeilkreuzler mit ihren Árpádstreifen, erschienen auf den Strassen.

In meinem Kopf wurde das Durcheinander immer größer, ich wusste nicht, was und wohin. Mit meinem Geld ist es bald aus, und da ich wehrpflichtig bin, wird man mich am Ende doch noch irgendeiner Kampftruppe zuteilen und dann kann ich schauen, wie ich davonkomme. Bei den Verwandten konnte ich nicht bleiben und so entschloss ich, doch zu versuchen, das Szegediner Krankenhaus aufzufinden. In irgendeinem Militärsamt hatte ich mich erkundigt und man hat mir dort den Ort angegeben: Kaposfõ! Zum Teufel, dachte ich, jetzt kann ich mich wieder durch das halbe Land jenseits der Donau treiben.

Ich zählte mein Geld auf der Strasse und stellte fest, dass ich in keine ordentliche Gaststätte mehr gehen kann, denn ich wusste nicht, was die Zukunft noch bringt. Ich begab mich in das berüchtigte Imbissrestaurant Ilkovics, das sich dem Westbahnhof gegenüber in einem ebenerdigen Gebäude befand. Dies war das erste Selbstbedienungsrestaurant in Ungarn, dessen sich aber sehr bald die Unterwelt bemächtigte. Ich kaufte mir einen Kartoffelkuchen und bestreute ihn, unbesonnen, ganz dick mit einem weißen Staub, der sich auf einem Teller befand und den ich, Dummkopf, für Zucker hielt. Die Verkäuferin sah staunend zu und ich dachte, dass sie mich für einen unverschämten Kerl hält, aber egal, was ihre Meinung ist, ich bin hungrig.

- Wird der Kuchen nicht allzu salzig sein? - fragte sie.

Wie konnte ich nur daran denken, dass man zu Zeiten, wo Zucker nur für Lebensmittelkarten erhältlich ist, sich damit nur so, ganz nach belieben, bedienen kann. Ich versuchte mich auszureden:

- Ich mag den Kuchen so, mit viel Salz - antwortete ich.

Und dann versuchte ich, abseits, das viele Salz herabzuwischen; etwas gelang mir davon, na und, dachte ich, wenn ich jetzt viel Wasser trinken werde, dann werde ich nicht so hungrig sein.

Ich kehrte zu meinen Verwandten zurück, doch bei der Familie gab es gerade einen riesigen Streit mit dem sie auch dann nicht aufhörten, als ich eintrat.

- Sag' nur, lieber Bandi, ist es nicht genug, dass dieses Schwein ein Schwein ist! - schrie mir die junge Frau zu, auf ihren Mann zeigend. - Und er leugnet es gar nicht.

Ich ahnte, dass es sich hier um eine immergrüne Geschichte handelte und fragte auch nicht, warum das Schwein ein Schwein sei. Ich sagte nur, ich müsse ins Szegediner Lazarett, das sich jetzt in Kaposfõ befindet, einrücken. Ich bedankte mich für die Unterkunft und warf den Streitenden noch einen Luftkuss von der Tür zu. Nachdem ich mich so von der Verwandtschaft verabschiedet hatte, machte ich mich mit meinen Klamotten wieder auf den Weg. Der Streit ging ununterbrochen weiter, das Geschrei und Gepüff hörte man auch unten im Hof, wo sich die Hausbewohner schon zum Spektakel ansammelten.

Mein Gott, seufzte ich, die Welt zerbricht in Stücke und fällt uns auf den Kopf, aber das verdammte Leben geht auf seine alltägliche Weise weiter.

In einer überfüllten Straßenbahn fuhr ich bis zum Südbahnhof, der einen unbeschreiblichen Anblick bot. Die Menschen, als wären sie von Sinnen gekommen, rannten hin und her, zerrten weinende Kinder mit sich, die Alten hockten entweder auf ihren Bündeln, oder liefen, ganz verwirrt, hin und her.

Ich erinnere mich nicht mehr daran, in welchem Maße der Bahnhof von Bombenangriffen zerstört war, aber ich weiß, dass ich bis zum Zug eine ziemlich weite Strecke hinterlegen musste. Als ich ihn erreichte, war er schon ganz voll, obwohl die Abfahrt erst für zwei Stunden später angesagt war.

Auf einem, am letzten Wagen aufgehängten Stück Kartonpapier war die Fahrtrichtung und Abfahrtszeit angegeben: Szekszárd, 20 Uhr.

Ich wusste gar nicht genau, wo Kaposfõ ist, aber ich dachte, es müsste in der Umgebung von Kaposvár sein. Und wie gelange ich bis dahin? Mal sehen. Es gibt einfach keinen anderen Zug, irgendeiner ist für Mitternacht angesagt, aber auch der ist ganz unsicher.

Es gibt sowieso keinen Platz, nur auf der Stiege, und ich bin hungrig. Ich ging zurück zum Bahnhof, versuchte in dessen Umgebung etwas aufzutreiben, aber nichts war offen, außer der diensthabenden Apotheke. Erinnerungen aus meiner Kindheit kamen mir in den Sinn: der Wurmzucker! Zwar habe ich, hoffentlich, keine Würmer, obwohl man das nie wissen kann. Ein Medizinstudent bildet sich allerlei Krankheiten ein, je nachdem, mit welchem klinischen Gegenstand er sich gerade beschäftigt.

Der Zucker! Wichtig ist, dass ich Zucker bekomme. Ich trat in die Apotheke ein, beklommen schaute ich um mich herum. Eine ältere Dame kam mir entgegen.

- Was wäre Ihnen gefällig? - fragte sie.

Meine Augen suchten den Wurmzucker, der in unserer guten, alten Apotheke in Újszeged immer vorne auf dem Glaspult stand. Ich sah ihn aber hier nicht. Ich schaute nach oben und jauchzte vor Freude, als ich auf den obersten Regalen einige Schachteln vom Kindernährmittel Ovomaltine erblickte. Dann sagte ich aber, leise und bescheiden:

- Ich möchte von dem Nährmittel haben.

Inzwischen sah ich die Dame ängstlich an, ich wusste nicht, was sie mir antworten wird, vielleicht sind die Schachteln dort oben auch leer und wurden nur als Dekoration hingestellt.

- Das Ovomaltine meinen Sie?

- Ja, das.

Sie nahm eine Schachtel herunter und während sie diese einpackte, fragte ich mit klopfendem Herzen:

- Könnte ich... könnte ich noch zwei weitere haben? Ich habe eine fünfjährige kleine Schwester und einen siebenjährigen Bruder.

Ich weiß nicht, wie mir diese Lüge in den Sinn kam, aber vom Hunger kann man sogar zu einem Mord bewegt werden - versuchte ich mich selbst zu entschuldigen.

Die Frau schaute mich, voll Verdacht, an. Ich versuchte ein so einfältig liebenswürdiges und unschuldiges Gesicht zu machen, wie in der Schule, immer wenn ich meine Hausaufgabe nicht gemacht hatte und man mich danach fragte. Und es war mir gelungen...

- Ich dürfte Ihnen ja nur eine Schachtel geben, aber lieber soll das Nährmittel ihren Geschwistern zukommen, als den Russen - sagte sie traurig und packte auch die übrigen zwei Schachteln ein.

Ich musste nur zehn bis zwölf Pengõ dafür bezahlen und wieviel Kalorien bekam ich dafür! (Es waren nämlich große Schachteln.)

Mit meiner "Beute" lief ich zum Zug zurück, der war auch schon mit Menschen vollgestopft. Nur mit Mühe konnte ich an einer der untersten Treppen Platz finden. Ich legte meinen Koffer darauf und wartete auf die Abfahrt. Eine Schachtel vom Ovomaltine machte ich auf und den Inhalt in meine Handfläche schüttend, aß ich das feine, süße Pulver mit dem wunderbaren Malzgeschmack.

Das Wetter war trüb am ganzen Tag - es war der zweite November. Langsam fing es an zu regnen und auch der Wind wehte. Ich schaute ab und zu in das Innere des Wagens hinein, ob es nicht irgendwo eine Lücke gäbe, um wenigstens eine Treppe höher zu rücken, aber auch auf den Gepäcksrechen gab es keinen Platz mehr.

Gegen viertel neun fuhr der Zug los. Ich kauerte auf einer Treppe und ein freundlicher junger Mann, der eine Stiege höher saß, gab mir für das eine Bein Platz, so dass ich etwas bequemer bei meinem Koffer sitzen konnte, den ich, um ihn nicht zu verlieren, mit einem Stück Spagat an die Schranke angebunden hatte.

Ich hielt mich auch fest an der Schranke und nahm meinen verhältnismäßig bequemen Stehplatz ein. Der Zug fuhr lange nur langsam vorwärts, so dass ich die Reise am Anfang gut vertragen konnte, aber als die Lokomotive ordentlich anzog und die Fahrt mit voller Geschwindigkeit losging, prasselte der kalte Regen auf meine Augen zu und nach einer Weile brannte mein Gesicht von den eiskalten Tröpfchen, die mir ständig ins Gesicht schlugen.

Ein kalter Schauer überfiel mich, der nachher in heißen Schweiß umschlug: Du lieber Gott, wie werde ich das stundenlang aushalten können?

Wenn jemand diese Zeilen liest, der die schreckliche Hölle am Don hinter sich hat, der wird jetzt verächtlich meine damalige Not belächeln. Eine Bagatelle, man muss sich eben festklammern, wenn nicht, dann bleibt einem nur das runterfallen übrig, als zweite Möglichkeit. Doch die Fahrt verlangsamte sich nach einer halben Stunde, zu meinem Glück, und der Zug blieb am Ende auf der freien Strecke stehen. Ganz steif stieg ich ab und sprang hin und her um mich ein bisschen zu erwärmen.

Ich sah auf die Uhr: Erst vor zehn Minuten sind wir abgefahren. Mir schien, als wäre eine viel längere Zeit seitdem vergangen.

- Warum halten wir? - fragte der um eine Treppe höher stehende Mann.

- Weiß Gott - antwortete ich, aber bald konnte man das Brummen, erst aus der Ferne und dann immer näher kommend, hören, ein wohlbekanntes, pulsierendes Geräusch.

- Die kommen zum nächtlichen Bombenangriff, die Engländer - murmelte mein Reisegefährte.

Der Zug versank in vollkommene Dunkelheit und man konnte merken, dass die Reisenden immer aufgeregter geworden waren. Viele stiegen aus, schauten zum Himmel hinauf und horchten aufmerksam.

- Die fliegen nordwärts - sagte jemand.

Nachdem einige Passagiere abgestiegen waren, gelang es meinem cleveren Reisefreund, auf den Peron hinaufzuklettern.

- Geben Sie mir den Koffer her, dann können Sie sich besser festhalten - flüsterte er mir zu.

Einigen in unserer Umgebung gefiel ja das nicht, aber alle andere Gefühle wurden von der gemeinsamen Angst unterdrückt.

So gelang es mir "vorzurücken", auf die oberste Stufe. Wie bequem das nun war! Ich musste jetzt nicht mehr auch noch mein Gepäck festhalten.

Nachdem die Flugzeuge weggezogen waren, fuhr auch unser Zug weiter. Wir hielten an einem Bahnhof, wo sich, wie überall, dasselbe abspielte, wie im Südbahnhof von Budapest: eine ungeheuere Menschenmenge, vor allem Frauen, alte Leute und Kinder. Sie rannten dorthin, von wo einige ausgestiegen waren, aber das Ergebnis war nur Geschrei und Flucherei, denn nur wenigen gelang es, sich in den Zug hinaufzupressen.

Ich hielt mich fest auf meinem Posten, aber als wir gegen halb zwei in Szekszárd ankamen, fühlte ich, dass ich ganz durchfroren und kaum imstande war, mich bis zum Bahnhof fortzuschleppen.

Hinter mir bemerkte einer:

- Wie schade, dass das Bahnhofgebäude nicht aus Gummi ist, jetzt könnte man es nach Belieben ausdehnen!

Die Menschenmenge war so groß, dass es unmöglich war, in den Wartesaal zu gelangen. Ich suchte einen von Wind verhältnismäßig geschützten Platz, setzte mich auf meinen Koffer und lehnte meinen Rücken gegen die Wand.

Und dann rannte ich und rannte auf einem weiten Feld, es wurde geschossen hinter mir und weit und breit keine Deckung, und dann spürte ich auf einmal, dass ich einen Schuss ins rechte Knie bekommen habe.

Umsonst versuchte ich weiterzurennen, ich fühlte einen stechenden Schmerz, sobald ich den Fuß bewegen wollte. Nun ist alles zu Ende, man hat mich eingeholt.

- Wird es Ihnen so auf der Erde nicht zu kalt sein, junger Mann? Umsonst wärmt ihr Inneres der gute Schnaps, so wird es doch nicht gut sein!

Langsam öffnete ich meine Augen und anstatt meiner Verfolger stand ein älterer Eisenbahner vor mir, im Morgengrauen, und betäubt, wie ich war, sah ich nur verschwommen seine Gestalt.

- Schauen Sie mal, ihr Knie ist in diese Pfütze eingefroren.

Ich bedankte mich stotternd und verwirrt, und fügte nur noch zu, dass ich keinen Schnaps zu trinken pflege, niemals. Dann zog ich mein, im Traum von einem Schuss verletztes, Knie aus dem Eis heraus und richtete mich auf.

- Hier, trinken Sie einen Schluck, bevor Sie erfrieren! - und der gütige Eisenbahner hielt mir eine flache Flasche unter die Nase.

Wie der Schnaps unbekannten Ursprungs an meiner Kehle entlang kratzend, hinunterfloss, kam ich zu Sinnen. Er brannte in meinem Magen, aber ich fühlte, dass mir der Trunk gut bekam.

- Vielen Dank, dass sie mich aufgeweckt haben, und auch für den guten Schnaps bedanke ich mich.

- Gern geschehen - sagte er. - Ich habe schon früher bemerkt, dass Sie von Ihrem Koffer hinuntergefallen sind, ich hätte Sie auch eher ansprechen sollen, aber sehen Sie was alles hier los ist, die Welt ist aus den Fugen geraten. Letzten Endes habe ich Sie darum aufgeweckt, damit es nicht die Feldgendarmerie tut - er zwinkerte inzwischen und wies mit dem Kopf auf den Wartesaal -, dort drinnen sind sie, sie wärmen sich.

- Ich möchte nach Kaposvár gelangen.

- Na ja, junger Mann, mit dem Zug ginge das nur so, wenn Sie erst nach Bátaszék fahren würden, aber wer weiß, ob es überhaupt noch einen Zug bis dorthin gibt. Es wäre besser, wenn Sie sich auf die Landstrasse stellen würden, irgendein Fahrzeug wird Sie, früher oder später, schon aufnehmen.

Ich bedankte mich nochmals, da murmelte er nur, "einen beiläufig so alten Sohn habe ich, wie Sie, und der streift auch im Lande herum, Gott möge ihn heimführen". Dann kehrte er sich um und begab sich, auf dem frischgefrorenen Eis ab und zu ausrutschend, zu den Lagergebäuden.

Der Alte hatte recht und ich wollte auch Bátaszék nicht wiedersehen.

Der Himmel klärte sich auf, ein schwacher, bisschen scharfer Ostwind begann zu wehen, und am Horizont stieg die rote Sonnenkugel langsam hoch.

Ich erinnere mich nicht mehr, wie ich an die Landstrasse gelangte während ich durch das Städtchen, das einem ausgehobenen Ameisenhaufen ähnlich war, zog. Aller rannte in einem großen Durcheinander, hin und her. Autos, mit Gepäck beladene Fuhren, Panzer fuhren kreuz und quer herum. Ich glaube, viele wussten wirklich nicht, wohin sie eigentlich gelangen wollten, die Menschen waren nur vom instinktiven Drang, unter allen Umständen zu überleben, hin- und hergerissen, egal ob sie Zivilisten oder Soldaten waren.

Ich hatte Glück. Ich wurde auf einen Militär-LKW aufgenommen, der irgendeinen Nachschub nach Kaposvár transportierte. Unterwegs gab es den gewohnten Verkehr und das dazugehörende Durcheinander, so dass es ein paar Stunden in Anspruch nahm, bis wir unser Ziel erreichten, das Städtchen Kaposvár, wo man mir den Weg nach Kaposfõ zeigte.

In Wasser aufgelöst trank ich eine halbe Schachtel von dem vortrefflichen Ovomaltine Pulver und machte mich zu Fuß auf den Weg. Diesmal hatte ich kein Glück, ich musste, mit dem mir immer verdrießlicher werdenden Koffer, die neun Kilometer bis dorthin, zu Fuß hinterlegen.

Ich irrte im Dorf herum, von denen, die ich um Auskunft bat, wurde mir in den meisten Fällen die Antwort gegeben: "Ich bin kein Hiesiger", oder: "Wir sind von Siebenbürgen geflüchtet"; einige sagten etwas auf deutsch.

Endlich fand ich ein größeres Gebäude mit einem gewölbten Toreingang und mit Soldaten darin. Das wird wohl das Lazarett sein, dachte ich, als ich zwei Militärwägen mit Rotem Kreuz erblickte. Ich hielt einen davoneilenden Zugsführer an und fragte ihn, wo sich die Kommandantur befindet. Er wies auf den ersten Stock.

In den Korridoren gab es ein aufgeregtes auf und ab, Männer in verschiedenen Uniformen, die meisten mit dem schwarzen Kragenspiegel des Sanitätsdienstes. Es war mir aber aufgefallen, dass ich keinen einzigen Bekannten aus Szeged gesehen habe. Besorgt und voll Zweifel betrat ich das Vorzimmer des Kommandanten, wandte mich an den Schreiber und trug ihm mein Anliegen vor.

- Das fünfte Garnisonskrankenhaus suchen Sie? - fragte er.

- Ja.

- Das wurde schon vor einer Woche nach Esztergom (Gran) verlegt, wir sind aus Pécs (Fünfkirchen).

Verdammt... dachte ich, gut muss unsere Armee organisiert sein, wenn man nicht einmal in einer Zentralstelle Bescheid weiß, wo sich ein Lazarett mit einem Personal von vierhundert Mann, befindet, und was sucht dieses eigentlich im nördlichen Landesteil. Das habe ich später erfahren.

Also, ich muss wieder zurück, aber wie mir die vergangene, qualvolle Nacht einfiel, bekam ich schon vom Gedanken einer Rückfahrt, Gänsehaut. Ich ging in den Hof hinunter, wo die Mannschaft gerade ihr Mittagessen bekam. Es duftete herrlich nach dem in der Feldküche gekochtem, vortrefflichem Bohnengulasch. Ich begab mich zum Koch und schilderte ihm meine Lage. Es gelang mir auch, ein gutes Mittagessen zu erbetteln und nachdem ich so gesättigt war und mich wohl fühlte, begann ich über meine weitere Reise nachzudenken. Ich merkte, dass man auf der Strasse LKW-s bepackte und da fand ich einen, von dem es sich herausstellte, dass er nach Szekszárd fährt. Der Fahrer war auch entgegenkommend und sagte: dort hinten ist genug Platz für Sie und um vier Uhr wird abgefahren. Bis dahin kann ich schon warten, dachte ich, und als ich im Toreingang zwei leere Eisenbetten erblickte, kümmerte ich mich um gar nichts mehr, ich war so schläfrig und müde, dass ich mich einfach auf ein Bett hinlegte und gleich in einen tiefen Schlaf fiel. Ein grobes Schütteln weckte mich.

- Was machen Sie hier, Unglückseliger! - schrie mich ein Oberfeldwebel an. - Diese Betten wurden darum hier abgestellt, weil sie desinfiziert werden müssen, die darin lagen, hatten Flecktyphus.

Ich wurde hellwach, sprang auf und durchsuchte meine Kleidung, putzte und streifte sie mehrmals ab, nach Läusen suchend. Da würde mir auch mehr nicht fehlen, brauche gar nicht an die Front zu kommen, ich kann im Krankenhaus gleich schon in einem Krankenbett verrecken! Nachher, noch viele Wochen später war ich nachts in Schweiß gebadet, immer wenn ich mich an die Szene erinnerte, die sich damals abgespielt hat. Zu der Zeit kannte man schon die Schutzimpfung gegen Flecktyphus, aber diese war in so kleinen Mengen vorhanden, dass für uns, Ungarn, nicht viel davon zur Verfügung stand.

Ich hatte Angst, der so gutgesinnte Fahrer hätte etwas von meinem Abenteuer mit dem infizierten Bett erfahren und würde mich nicht aufsteigen lassen in seinen Wagen, doch zum Glück sagte er nichts als ich hinaufkletterte und mich in einer Ecke zusammenzog.

Am nächsten Vormittag war ich, gegen elf Uhr, in Budapest. Es wäre langweilig nochmals über meine Reise bis dorthin zu berichten, diesmal gab es nur den Unterschied, dass es mir, vier Stunden vor der Abfahrt, in Szekszárd gelungen war, mich in das Innere eines Wagons hineinzudrängen, so dass ich die Nacht auf einem Gepäckrechen verbringen konnte. Wenn ich den Tagen meiner Streifzüge im westlichen Landesteil so richtig nachzähle, musste damals der vierte November gewesen sein.

Im vorherigen Sommer war ich in Esztergom und ich wusste, dass am Nachmittag, gegen fünf Uhr, vom Bahnhof in Buda ein Zug dorthin abfährt. Es war ein miserables Herbstwetter und ich nahm mir vor, bei den Verwandten eine kurze Rast zu machen. Dort war nur die Großmutter zu Hause, ich erzählte ihr schnell, was alles mit mir geschehen war und fügte, um sie zu beruhigen, zu, dass ich schon am Nachmittag weiterfahre und sie solle mir nur einen kurzen Schlaf in der Wohnung erlauben. Ich legte mich hin und schlief auch gleich ein. Von einem mächtigen Krach wurde ich geweckt, das Haus war in Bewegung gekommen, wie bei einem Erdbeben, ein gewaltiger Schreck überkam uns, wir wussten nicht, was für eine Explosion das war, ohne dass es vorher ein Alarmsignal gegeben hätte. Eine mächtige Angst bewegte mich zur Flucht, aber nicht nur mich, sondern viele Zehntausende Budapester und noch viele andere, die aus verschiedenen Landgegenden in der Hauptstadt Zuflucht gesucht haben.

Alles wollte über die Donaubrücke nach Buda. Auch ich wollte zur Margarethenbrücke, doch die ungeheuere Menschenmenge und die vielen Fahrzeuge machten jeglichen normalen Verkehr unmöglich.

- Wohin gehen Sie? - schrie mich ein aufgeregter Polizist an der Ecke der Rundstrasse an. - Die Margarethenbrücke ist gesprengt worden!

So begab ich mich zum Kaiser-Wilhelm-Weg und ging diesen entlang zur Basilika (Stephanskirche) hoffend, dass ich über die Elisabethbrücke gehend und so nach Buda gelangen kann. Die Straßenbahnen waren aneinander gefahren und in der ganzen Innenstadt war ein ungeheurer Stau entstanden. Drei Stunden lang hatte es gedauert, bis ich endlich über die Brücke kam, von wo ich die Trümmer der Margarethenbrücke zur Sicht bekam, aus deren Bruchteilen der Rauch noch immer hervorquoll und die Straßenbahnen, die sich bei der Explosion gerade auf der Brücke befanden, waren ins Wasser gerutscht.

Der Krieg hatte unsere Hauptstadt erreicht.

Den Zug hatte ich natürlich verpasst und der nächste fuhr erst den Tag darauf, doch von diesem Bummeln hatte ich schon genug. Ich entschloss mich, gleichwohl wie, aber unverzüglich nach Esztergom zu gelangen und inzwischen wurde mir bange beim Gedanken, was dann, wenn ich das Krankenhaus auch dort nicht vorfinde.

Ich stellte mich an den Bécsi út (Wiener Weg) und ich stand eine gute Weile da, während der kalte Wind wehte und dann fing es auch zu schneien an. Mehrere militärische Autokolonnen fuhren an mir vorbei, nordwärts, ungarische und deutsche Fahrzeuge, doch kein einziges Zivilfahrzeug befand sich darunter. Endlich stoppte ich ein Öltankwagen, dem ich zugewinkt hatte und der, wie es sich später herausgestellt hat, mich im Nebel für eine Amtsperson hielt und dachte, er müsse sich ausweisen.

- Es tut mir leid, aber im Wagen gibt es keinen Platz für Sie, doch wenn Sie sich mit dem Oberteil zufrieden geben, dann steigen Sie aufs Dach, aber Sie müssen sich da ordentlich festhalten - sagte der Fahrer. - Ich nehme Sie bis Dorog mit.

Man musste sich wirklich sehr festklammern, denn nicht nur die Kälte drang mir bis ins Knochenmark, ich wurde auch beinahe durch den Wind von der eisernen Leiter, die zur Tanköffnung führte, herabgeschleudert. Ich hatte keine Handschuhe, aber vielleicht war es auch besser so, weil sich meine Hände am Eisen so festgekrampft hatten, dass ich sie in Dorog kaum losbekam.

- Ich habe Sie bis an den Bahnhof gebracht, von hier aus fährt ein Buß nach Esztergom in einer halben Stunde - sagte der Fahrer. - Sind Sie nicht erfroren?

- Das weiß ich jetzt noch nicht, morgen wird es sich herausstellen, was aus mir geworden ist - antwortete ich.

Der Fahrer lachte, schlug die Tür zu und fuhr weiter.

Am Bahnhof wartete eine so große Menschenmenge auf den Bus, so dass ich feststellte, wenigstens fünf Fahrzeuge wären nötig, um all die Leute fortzubringen. So ging ich gar nicht ins Wartezimmer, ich wusste, dass es ein Gedränge geben wird und diesmal wollte ich nicht stecken bleiben, darum rannte ich zum Buß und es gelang mir auch, gleich mit dem ersten Schub einzusteigen. Es gab ein Geschrei und Geprügel, der Fahrer schloss mit Mühe die Tür und wir fuhren endlich los.

Gegen zehn Uhr abends kam ich in Esztergom an und brauchte mich nicht viel zu erkundigen, bald fand ich das Lazarett, das im Heiliger Anton Gymnasium der Franziskaner untergebracht war, in der Kossuth Strasse.

Der Wachekommandant wusste augenblicklich gar nicht, was er mit mir anfangen sollte, als ich mich bei ihm meldete.

- Diese Nacht können Sie hier in der Turnhalle verbringen - wies er auf ein abseits stehendes Gebäude im Schulhof - dort wird sich schon eine Schlafstelle finden.

- Endlich habe ich ein Dach überm Kopf und was mir noch bevorsteht, werde ich irgendwie schon überstehen - antwortete ich ihm.

Ich betrat den Saal (hier schlief die Mannschaft), da schaute man mich zuerst fremd an.

- Wo ist der Zimmerälteste, den suche ich.

- Den gibt es hier nicht - brummte jemand im Halbdunkel.

Die Männer lagen größtenteils auf ihren Decken am Fußboden.

Da erhob sich einer und kam an mich heran.

- Guckt mal, Leute, wer da ist, das ist ja der Bandi - rief er den anderen zu - der aus Újszeged!

Man umarmte mich, klopfte mir auf die Schultern und man brachte mir allerlei zum Essen und zum Trinken...

Ein Platz wurde mir auch eingeräumt und man wollte allerhand von mir wissen.

Also, wer waren diese jungen Männer: die gesamte Fußballmannschaft der Hanffabrik von Újszeged befand sich hier, Sportler, die man ins Krankenhaus einrücken ließ, um nicht an der Front eingesetzt zu werden. Unsere Stadt bemühte sich auf diese Weise, ihre Lieblingsmannschaft zu bergen.

 

Kapitel II

Ein eifriges Tun und Schaffen weckten mich in dem wohlgeheizten Turnsaal. Die durch die Sprossenwand scheinende Morgensonne zeichnete ein lichtes Gittergebilde auf den Fußboden. Die Mannschaft versuchte irgendeine militärische Ordnung nachzuahmen - aber nichts um mich herum erinnerte daran, und dadurch verstärkte sich nur mein Wohlbefinden, außerdem war ich nun endlich ausgeruht.

- Bandi, raff’ dich zusammen, gleich ist das Essen da! - sagte einer von diesen mir so gutgesinnten Kameraden.

Ich fühlte mich recht wohl beim Gedanken, dass jetzt für mich gesorgt wird, dreimal täglich krieg’ ich wenigstens was zum Essen. Ich zog meine "extra" Zugsführeruniform an, und nachdem ich eine Essschale geliehen bekam, stellte ich mich im Hof in die Reihe.

Zichorienkaffee und Brot gab es, nicht gerade ein Sanatoriumsfrühstück, aber von den Jungs wurde mir, ersatzweise, noch Wurst und Speck angeboten, so dass ich mich nicht beklagen konnte.

Nachdem ich meinen Hunger gestillt hatte meldete ich mich an der Kommandantur, wo man mich, nach der Registrierung erst warten ließ, dann wurde ich vom als Schreiber diensttuenden Feldwebel aufgefordert, mich beim Befehlshaber des Krankenhauses zu melden. Beim Herrn Oberstleutnant Laborczi... Ich meldete mich gehorsamst.

- Nanu, mein Sohn, wie kommst du hierher?

(Einmal schon habe ich ihn getroffen und es schien, als ob er mich erkannt hätte.)

- Auf genug großem Umweg ist es mir gelungen - antwortete ich - ich streifte durch halb Transdanubien, bis ich hierher gelangte.

Ich beantwortete seine Fragen, erwähnte auch die Sprengung der Margarethenbrücke, worüber er auch schon Bescheid wusste.

- Du hättest wissen sollen, dass du dich in Budapest, an der Universität melden musst, die Medizinstudenten wurden nämlich nach Halle, nach Deutschland gebracht, man hat es im Rundfunk eingesagt.

- Entschuldigung, aber seit vier Tagen hatte ich keine Möglichkeit, Radio zu hören.

- Egal - fuhr er fort -, du wirst in Bestand genommen, aber weder Kleidung, noch sonstige Wehrausrüstung können wir dir geben, denn was wir hatten, wurde für die Panzerdivision Hunyadi beschlagnahmt. Aber wie ich sehe, hast du eine Extrauniform, die kannst du tragen, eine Essschale kannst in der Küche beziehen. Du wirst in der chirurgischen Abteilung arbeiten, melde dich zum Dienst bei Hauptmann Hunyadi. Abtreten!

Ich salutierte und wollte den Raum verlassen.

- Solltest du irgendein Anliegen haben, dann kannst du dich ohne weiteres an mich wenden - sagte er freundlich.

Als ich mich im Flur erkundigte, wo sich die chirurgische Abteilung befindet, sah ich plötzlich einen hohen, dünnen, mit schwankendem Schritt herankommenden Mann in Zivilkleidung, der sich mir lachend näherte.

- Du bist es, Pista! - Pista Kovács war es, einer von meinem Jahrgang, den wir alle gern hatten.

Er war schweigsam, hübsch, blond, hatte blaue Augen und stets ein freundliches Lächeln um den Mund, welche Eigenschaften vor allem von den Studentinnen hochgeschätzt waren. Sonst wussten wir nicht viel von ihm, nur soviel war uns bekannt, dass er aus Ujvidék stammte, erfolgreich im Studium war und an Athletik (Speerwerfen) Freude fand, außerdem, er sprach außer seiner ungarischen Muttersprache, ebenso gut serbisch, russisch und deutsch.

Es gab nur ein Geheimnis bei ihm und das war seine "Herkunft".

Im Jahre 1943 wurde nämlich unser Jahrgang zu einer Infanterieausbildung einberufen. Das ging so wie in einer Fremdenlegion, zwei Jutas Unteroffiziere (Jutas war ein berüchtigtes Ausbildungslager) waren bemüht, alles mögliche mit uns vorzunehmen, damit uns nicht nur die Persönlichkeit und der eigene Willen weggenommen werde, wir sollten auch unsere eigenen Namen vergessen.

Pista machte dabei mit. Von unserem Jahrgang wurden die Studenten jüdischer Herkunft zu dieser Ausbildung nicht einberufen, an deren Ende wir vorrückten und den "hohen" Rang eines Zugsführers bekamen, wozu ein Stern gehörte. Aber für diesen Rang brauchten wir einen sogenannten Ahnenpass. Wer die Papiere über seine Herkunft nicht aufweisen konnte, der bekam den Stern nicht. Es gab zwei solche Studenten unter uns, der eine war Pista Kovács. Wir haben uns um die Sache nicht gekümmert, aber ab und zu äußerten einige Großmäulige vom Jahrgang ihre Meinung: gewiss gibt es Juden in seiner Familie.

Während unseres, von da an sieben Monate lang dauernden freundschaftlichen und kameradschaftlichen Zusammenseins hatte sich herausgestellt, dass seine Mutter eine Russin war und so traute er sich nicht, die Dokumente über seine Herkunft vorzulegen. Und warum hatte er Angst? Vor allem darum, weil er zu der Zeit daheim in Ujvidék war, als von den Feketehalmi Sonderkommandos dort jene berüchtigte Streifzüge durchgeführt wurden.

- Lieber Bandi, es freut mich so, dass ich dich sehe, wie kommst du hierher?

- Ich bin ins Krankenhaus eingerückt, um nicht an die Front zu müssen und hier habe ich auch gleich meine Kost und mein Quartier.

- Ich konnte auch nichts besseres tun, da haben wir ja auch dasselbe Schicksal.

Pista blieb in Zivilkleidung, denn es gab keine Uniform für ihn, aber das tat ihm auch gar nicht leid. Er wurde, zur Arbeit, der internistischen Abteilung zugeteilt.

Wir wurden in der Lehrerbildungsanstalt, die sich gegenüber der schönen, monumentalen Basilika befand, untergebracht, und ich bewohnte mit mehreren anderen ein Klassenzimmer.

Vorerst meldete ich mich in der chirurgischen Abteilung, aber Hauptmann Hunyadi war gerade im Operationssaal, von dort ließ er mir sagen, ich solle am nächsten Morgen an der Visite teilnehmen.

In der Stadt, deren Einwohnerzahl sich aufs dreifache erhöht hat, begann jetzt unser Alltag. Um halb acht morgens Visite, dann wurden Verbände angelegt, wir assistierten bei kleineren Operationen und nachmittags, wenn wir Eintrittskarten bekommen konnten, gingen wir ins Kino. Am Abend kratzten wir uns und schmierten uns mit Krätzensalbe, denn von den hundertjährigen Militärdecken haben wir alle die Krätze bekommen.

Die Patienten unseres Krankenhauses waren eine Zeitlang beinahe dieselben wie in Friedenszeiten. Leichtverletzte, einige adbominalen Katastrophen (Blinddarmentzündung, Magenperforation), mit denen unsere Soldaten eingeliefert wurden, haben das Leben der Chirurgen nicht allzu sehr erschwert.

Da habe ich mich nicht gut ausgedrückt, denn unter uns gab es nur einen einzigen gut qualifizierten Fachmann, und das war Doktor Hunyadi, Hauptmann in Reservestand. Der stämmige, hartgeprägte, Ruhe ausstrahlende Chefarzt, der an der chirurgischen Klinik in Szeged bei einem berühmten, durch sein derbes Benehmen berüchtigten Chef, im Vidakovics-Institut, zu einem guten Chirurgen ausgebildet wurde, war bei seinen Mitarbeitern sehr beliebt. Er war ein in der abdominalen Chirurgie gut befahrener Fachmann. Einst sagte mir ein alter Chirurg, ein Freund von mir, der den Feldzug am Don-Knie mitgemacht hat: mein Lieber, die beruflichen Feldärzte - alle Achtung vor den wenigen Ausnahmen - hätten der Reihe nach unsere Schützen sterben lassen, aber den als "zivile Schwächlinge" geltenden Reservisten, solchen wie auch ich es bin, können viele ihr leben verdanken.

Auf unseren Alltag zurückkehrend: Die in der Stadt anscheinend herrschende Ruhe, wozu vielleicht auch die Anwesenheit des Fürstbischofes beigetragen hat, schwand langsam dahin. Gegen Ende November, Anfang Dezember wurde allmählich ein reger Verkehr bemerkbar. Aus dem nördlichen Hochland und aus Siebenbürgen trafen viele Flüchtlinge ein, doch nur wenige blieben in der Stadt, die meisten waren bemüht, je weiter in den Westen zu gelangen. Immer mehr Pfeilkreuzler Uniformen waren zu sehen und am Hauptplatz der Stadt schmetterte durch den Lautsprecher die Proklamation von Szálasi. Bodenreform wurde versprochen, fünf Joch Feld für jeden zerstörten russischen Panzer und Tod allen Deserteuren und allen, die Juden Schutz und Obdach zu bieten wagten.

Eines Tages, auf dem Weg zu unserem Quartier, sagte ich meinem Freund:

- Pista, im Sommer haben meine Bekannte hier, bei einer Witwe gewohnt, komm, besuchen wir sie, nur so zur Abwechslung.

- Da mache ich mit, vielleicht wird uns dort etwas gutes angeboten.

- Du denkst auch immer nur ans Essen!

Elisabeth, eine Frau in den fünfziger Jahren, hat mich wirklich freundlich und als einen alten Bekannten begrüßt und wir wurden ordentlich bewirtet.

- Hierher werden wir schon noch zurückkehren - brummte mein Freund am Heimweg.

Schweigend gingen wir die steinbelegten Straßen entlang, als mein Freund sagte:

- Bandi, alles hat man uns in diesem scheußlichen Leben verdorben.

- Welch ein Philosoph bist du geworden! Du pflegst nicht so erbittert zu sein, und außerdem, dass wir in einer scheußlichen Lage sind, fehlt dir noch sonst was?

- Ich habe mit niemandem darüber gesprochen, aber ich komme über eine große Enttäuschung meines Lebens nicht hinweg.

- Und was war das?

- Es gab eine Zeit, wo ich mich schämte, dass ich ein Ungar bin. Hast du etwas davon gehört, was in Ujvidék geschehen ist, nachdem die ungarischen Truppen dort einmarschiert sind?

- Von unbedeutenden Streitigkeiten konnte man etwas hören, man sprach von Tschetniks, mehr weiß ich nicht.

- Dann hör zu! In einer Nacht machten ungarische Kommandos Streifzüge durch die Stadt, mehrere Tausende wurden ermordet und dann warf man sie in die Donau und ließ sie den Fluss hinabfließen.

- Unmöglich!

- Darüber weiß ich Bescheid! Nämlich hat man auch mich beinahe umgebracht. Gegen Mitternacht läutete es an unserer Tür, meine Mutter schaute hinaus, und zu ihrem Unglück, sprach sie serbisch. Dann, als sie ungarische Soldaten erblickte, fuhr sie auf ungarisch fort, aber weil sie eine Russin ist, spricht sie mit einem fremden Akzent ungarisch. Da fingen die Soldaten an zu schreien und zu schießen und so rannte ich zum Gartentor. Ich weiß nicht warum, vielleicht aus Gewohnheit nahm ich meine Armbanduhr vom Nachtkasten und da sag’ ich ihnen, das wäre ein Irrtum, wir sind die Familie Kovács und wir sind Ungarn. Und ich überreichte dem Unteroffizier, dem Befehlshaber der Truppe meine Uhr. Der riss mir sie aus der Hand und steckte sie ein, dann sagte er nur: Ungarn seid ihr? Das ist etwas anderes. Mehrere gute bekannte aus der Nachbarschaft, die zuerst nicht gleich ungarisch sprachen, wurden an Ort und Stelle erschossen. Mehr will ich auch darüber nicht erzählen. Jetzt, da wir den Krieg sowieso verloren haben, kannst du dir vorstellen, welch ein Schicksal auf die ungarische Bevölkerung in der Bácska wartet. Ein Serbe kann ein gutherziger Freund sein, aber Gott bewahre vor seiner Rache. Darum bin ich auch von zu Hause weggegangen, obwohl ich keinem etwas angetan habe. Ich kehre erst dann zurück, wenn dort wieder Ruhe und Frieden herrschen werden.

Betroffen hörte ich meinem Freund zu. Man sah ihm die Aufregung an, während er sich an das Geschehene erinnerte. Auf dem Heimweg sprachen wir kein Wort mehr. Die Treppen emporsteigend sagte ich halblaut:

- Das kann doch nicht wahr sein. Hättest es nicht du mir gesagt, würde ich sagen, es wäre eine Lüge.

- Leider ist das die Wahrheit, so war es geschehen.

In bedrückter Stimmung kehrten wir in unser ziemlich armseliges Quartier zurück, wo aber auch der übrige Teil der Mannschaft ganz verstimmt war. Es sprach sich herum, dass von Generalstab ein Befehl erlassen wurde, wonach unser Krankenhaus nicht zur Krankenversorgung im Hinterland, sondern zum Einsatz hinter der Frontlinie bereitgestellt werden sollte. - Da brauchen wir auch gar nicht an die Front, die kommt von sich selbst an uns heran - sagte mein Freund.

Am Morgen des 11. Dezembers erfuhren wir, staunend, von den Krankenschwestern, dass das Krankenhaus in den Westen verlegt wird, und das erwies sich auch tatsächlich nicht als eine Hiobsbotschaft. Im Tagesbefehl wurde es nämlich auch verkündet, dass eingepackt werden müsse - vierundzwanzig Stunden stünden dafür zur Verfügung - und am nächsten Tag wolle man losfahren, man wusste nicht wohin, aber gewiss nicht nach Osten.

Innerhalb einiger Minuten wurden, mit unbeschreiblicher Bestürzung, die Vorbereitungen getroffen. Die Kranken wurden in das städtische Krankenhaus hinübergeschafft oder einfach entlassen.

Zum Schluss war dann, am Mittag des nächsten Tages, alles auf Wägen (darunter gab es auch Pferdegespanne) gepackt, und um halb zwei setzte sich der Zug auf der Kossuth Straße, in westlicher Richtung, in Gang.

Es ging sehr langsam vorwärts, dasselbe spielte sich ab wie im Oktober auf der Landstraße, die nach Baja führte. Ein Wagen nach dem anderen, hin- und herfahrende Panzer, Menschen mit Bündeln und Gepäck.

- Das nennt sich eine kopflose Flucht - sagte ich zu meinem Freund.

- Aber nie hätte ich gedacht, dass es auch dabei so langsam geht - antwortete er und fiel ins Schweigen.

Kaum hatten wir fünf bis sechs Kilometer hinterlegt, da raste schon ein Unteroffizier auf seinem Motorrad an uns vorbei, während der Schlamm von den Rädern hochschlug, und bald darauf blieb der ganze Zug stehen. Wir warteten eine Weile, dann kam einer von unserer Mannschaft, ein Feldwebel, begab sich zu einem jeden einzelnen Wagen und überall konnte man seinen lauten Befehl hören:

- Zurück, zurück - schrie er.

- Das sieht aber gut aus - sagte ich, unsere Lage hat sich geändert, wir werden zu einem Feldlazarett umgewandelt.

- Jetzt können wir wieder auspacken - murmelte mein Freund.

Am nächsten Tag gab es, gegen Mittag, einen Fliegeralarm. Von drei-vier sowjetischen Flugzeugen wurde ein Schreck verursacht, einige kleinere Bomben wurden herabgeworfen und als das Alarmsignal erklang, waren sie auch schon verschwunden.

Bald brachte man die Verwundeten, Soldaten und auch Zivilpersonen, worauf eine kopflose Hast entstand, denn keiner von uns war für Notfälle vorbereitet und geübt, und wir wussten nicht, wie man nun vorgehen, wen man zuerst behandeln sollte. Ungefähr zehn bis fünfzehn Verwundete wurden eingeliefert.

Zum ersten mal in meinem Leben habe ich damals Schwerverletzte gesehen. Hauptmann Hunyadi erschien und zeigte, dem Anschein nach nur so nebenbei, auf einen jammernden, aus einer Bauchwunde blutenden, jungen Soldaten:

- Bringt diesen schnell in den Operationssaal und desinfiziert euch!

- Was soll mit den übrigen geschehen? - fragte ich mit heiserer Stimme und trockenem Mund. Mir war es am Erbrechen.

- Verbindet sie, nachher werden wir schon sehen.

So begannen wir mit den Krankenschwestern und einigen Sanitätern die blutenden Wunden zu verbinden.

Dann begann sich bei mir herauszukristallisieren, dass wir schon beim ersten mal mit unserem Latein am Ende waren. Doch was wird geschehen, wenn mehrere hundert eingeliefert werden? Da wäre ein guter Chirurg mit einigem Hilfspersonal, ein Operationstisch, eine Verbandstelle und ich, mit all dem Unwissen und der Erfahrungslosigkeit eines Studenten vom dritten Jahrgang, ich sollte also hier eine wichtige Person sein? Ich konnte ja weder schneiden, noch nähen, ich konnte nur die Wunden verbinden und vielleicht deren Heilung überwachen.

Ich trat an eine Tragbahre, ein junger, kräftiger, sehr blasser Mann lag darauf. Ich hob die Decke hoch und erblickte seinen linken Oberschenkel. Der sah so aus, als ob man ihn in einem Fleischwolf durchgedreht hätte, doch die Wunde blutete kaum. Seine Hände waren schon fast kalt und er hatte keinen Puls mehr, sein Gesicht war bewegungslos und mit starren Blick schaute er zur Decke hinauf.

- Aber vor kurzem hat er ja noch gelebt - sagte ich zu Pista, der herbeikam und mithelfen wollte.

- Er ist verblutet - sagte er.

- Da ist ja gar nicht viel Blut zu sehen, weder auf der Tragbahre, noch auf seiner Kleidung.

Langsam klärte sich in meinem Bewusstsein all das, was ich im Sommer an den damaligen Vorträgen gehört habe und die daraus entstandene Wirre, die in meinem Kopf vorhanden war, klärte sich zur Erkenntnis der Symptome eines Schocks, ab. Ich besann mich der Worte des Chirurgen, dessen Vorlesungen ich mit Vorliebe beiwohnte und der seinen diesbezüglichen Vortrag mit folgendem Satz einleitete: In meinem heutigen Vortrag geht es um den Schock. Das ist ein englisches Wort und bedeutet Stoßen, Anprallen und außerdem noch vieles, so dass man es nicht genau übersetzen kann. Damit es ihnen aber verständlich sei, worum es sich hier handelt, kann ich das sagen: ein Schock ist, was dem Patienten schon zuviel ist, worüber er nicht mehr hinweg kann.

Dem Mann da war diese, von einem Splitter verursachte Verwundung an seinem Schenkel schon zuviel.

Ich muss hier beim Erzählen halt machen, weil ich nicht umhin kann, wenn auch nicht als ein Urteil (obwohl es auch das sein könnte), aber wenigstens als eine Schilderung der Lage, über die Wundversorgung bei der ungarischen Armee zu berichten. Man braucht kein Psychologe zu sein, um festzustellen, dass bei besiegten und fliehenden Truppen die Schädigungen der Mannschaft verhängnisvoller sind, als es bei den Verfolgern und den siegreich Vorandringenden der Fall ist. Unsere Armee gehörte zur ersteren Gruppe und bei unseren Schwerverletzten mussten Blutungen und größere Wunden öfter zu Entstehung eines Schockzustandes geführt haben und sie hatten auch, leider, weniger Chancen zum Überleben. So starben viele an solchen Schäden, die eigentlich nicht unbedingt zu einem tödlichen Ende hätten führen müssen.

Warum war das so?

Nach den damaligen Vorschriften mussten Verwundete auf folgende Weise behandelt werden: Blutstillen, Wundverband/verbände/, Verabreichung von einer Ampulle Morphium und Impfung gegen Tetanus und bei sehr verschmutzten Wunden sollte ein Serum gegen Gasödem verabreicht werden, wenn eines vorhanden war.

Ich möchte nicht missverstanden werden, und ich will unser Sanitätswesen der Kriegszeiten nicht vom Blickpunkt einer, nach vierzigjährigerem Fortschritt entstandenen Lage ausgehend be- oder verurteilen. Ich möchte nur die, im damaligen Unterricht auch mir als grundsätzlich beigebrachten Methoden, schildern. Ich kannte zwar nur die Verhältnisse im Krankenhaus von Szeged, aber wenn man bedenkt, dass es sich dabei um eine sich in einer Großstadt befindende und auch in Friedenszeiten funktionierende Institution handelt, muss man sich darüber Gedanken machen, was die Lage in den Lazaretten gewesen sein konnte, die ohne beständigen Aufenthaltsort, oft in aller Hast, manchmal auch kopflos immer weiter ins Hinterland verlegt werden mussten.

Es gibt auch heute noch ungeklärte Fragen über das Entstehen des Schocks, aber schon am Anfang der vierziger Jahre und auch noch früher hat man gewusst, dass bei dessen Behandlung ein Volumenersatz entscheidend ist, also eine große Bedeutung der Normalisierung des Kreislaufvolumens zukommt. Das gilt übrigens auch für den bei Blutverlust eintretenden Zustand. Bei den Männern der Waffen ß, den Lieblingen der Hitlerarmee, wurde auch darum die Blutgruppe in die Achselgrube tätowiert.

Zweifellos ist die Blutkonservierung und die organisierte Blutversorgung eine weltweite Errungenschaft des darauffolgenden Jahrzehntes, damals konnte man Blut nur direkt vom Spender transfundieren, aber zum Blutersatz dienende Lösungen waren schon damals bekannt, z. B. die 0,9 %-ige Kochsalzlösung. Davon hatte unser Krankenhaus einen Vorrat - das scheint jetzt ganz unglaublich zu sein: fünf Liter waren es, über diese Menge verfügten wir, was höchstens für zwei Patienten hätte genug sein können. Wir gingen mit der Lösung so sparsam um, als wäre sie aus purem Diamant hergestellt gewesen und kein einziges Mal sah ich, dass eine Bluttransfusion durchgeführt worden wäre.

Bei gut ausgerüsteten Kampftruppen war es üblich, dass die Sanitäter gleich in der ersten Kampflinie, sobald es möglich war, wenn auch auf der Erde liegend, dem Verletzten die Infusionsnadel in die Armvene einführten und so wurde die notwendige Menge verabreicht. An der Westfront wurden schon Blutplasmapräparate angewandt (dafür ist die gleiche Blutgruppe nicht nötig).

Über die Tatsache wage ich gar nichts zu sagen, dass sich unsere, eine allgemeine chirurgische Praxis ausübenden Ärzte nur im Bauch gut auskannten und sich außerdem noch, gut auf die Extremitätenchirurgie verstanden. Nur wenige gab es, die am Brustkorb den damaligen Anforderungen gemäße Operationen durchführen konnten. Die Gefäßchirurgie wurde größtenteils durch Amputationen ersetzt, wie in den napoleonischen Kriegen. Die am Gehirn Verletzten konnte nur der liebe Gott retten.

Und da könnte man auch noch über die übrigen Spezialdisziplinen einiges sagen.

Von den, durch den vorausgegangenen Bombenangriff Verletzten, starben noch drei, während unseres Notfalleinsatzes. Inzwischen kamen Ärzte anderer Fachgebiete, Internisten, Hals-Nasen-Ohren- und Augenärzte, zur Hilfeleistung bereit, aber viel konnten sie nicht tun, eine gut geübte Krankenschwester war da mehr wert.

Wir verbanden die Leichtverletzten und wiesen ihnen ihre Plätze an.

Hauptmann Hunyadi ließ mich in den Operationssaal holen.

- Bandi, du musst dich auch desinfizieren, noch zwei helfende Hände brauche ich - sagte er mit müder Stimme.

Der Mann, der Operiert wurde, hatte eine Verletzung durch einen größeren Splitter erlitten, er wurde so unglücklich am Hinterteil getroffen, dass ihm der Mastdarm und Blasenhals zerrissen. Seit mehr als zwei Stunden wurde er schon operiert. Mit großer Mühe ist es gelungen, den Darm zusammenzunähen, aber der Blasenhals konnte nur notdürftig versorgt werden.

Noch zwei Verwundete operierten wir bis spät in die Nacht.

- János, was geschieht, wenn uns die Front erreicht? - fragte ich so auf zivile Art und Weise von Hauptmann Hunyadi.

- Ja, mein Lieber, dann werden wir Tag und Nacht arbeiten, bis zum Umfallen.

- Und wenn wir es nicht schaffen, was geschieht dann mit den unversorgten Verwundeten?

Hauptmann Hunyadi sah mich an, während er seine Handschuhe auf den Wäschehaufen warf, dann sagte er leise - Ein Glück, dass wir einen Priester haben, der wird uns dann helfen.

Der nächste Tag verging verhältnismäßig ruhig und wir besuchten mit meinem Freund unsere Bekannte aus Esztergom.

Als wir die Straße erreichten, wo sie wohnte, sahen wir schon von weitem, dass ein Militärauto und die Feuerwehr vor dem Haus stehen.

- Du, hier muss etwas sehr Schlimmes geschehen sein - sagte ich zu Pista -, was sucht denn hier die Feuerwehr?

Wir näherten uns in eilendem Schritt und als wir am Haus ankamen, bemerkten wir sofort ein ein Meter großes Loch am Hausdach. Wir gingen ins Vorzimmer, wo sich schon zwei Soldaten befanden.

- Herr Korporal, was suchen Sie hier?

Ich staunte plötzlich über die Ansprache, denn ich war an den erst vor kurzem erhaltenen neuen Stern noch nicht gewöhnt.

Da erschien Elisabeth in der Tür des Wohnzimmers. Sie war in schrecklichem Zustand. Auch sonst war sie nicht besonders schön, aber so zerzaust, blaß und mit vor Aufregung glotzenden Augen sah sie aus, als ob sie vom Luzifer soeben aus der Hölle gejagt worden wäre.

- Ah, meine Lieben, das war ja entsetzlich, was sich da heute Nacht ereignet hat - jammerte sie mit erstickender Stimme. - Kommt mal ins Schlafzimmer - und sie zog uns auch gleich hinein in die Wohnung.

Da gab es wirklich Grund zum Staunen. An der sich uns gegenüber befindenden Wand ragte quer aus einem großen Loch eine etwa fünfzig bis hundert Kilogramm schwere Bombe ins Zimmer hinein, deren Spitze eine alte Couch derartig zusammengepresst hatte, dass davon nur noch Brennmaterial übriggeblieben war.

- Wurde dabei jemand verletzt? - fragte ich.

- Ah, nein, Gott sei Dank, diesmal hat darauf niemand geschlafen, auch meine Mutter befand sich im anderen Zimmer.

- Der liebe Gott hat Ihnen beigestanden, Elisabeth, denn das ist wahrhaftig ein Wunder, dass Sie verschont geblieben sind - sagte ich.

- Nur meine Katze kann ich nicht finden, der wurde so ein Schreck eingejagt, dass sie einen Meter hoch aufgesprungen war und als die Tür geöffnet wurde, lief sie schnell davon.

Wir versuchten die alte Frau zu trösten und boten ihr unsere Hilfe an, bis man die Bombe aus dem Haus wegschafft.

Nachdem wir uns verabschiedet hatten, gingen wir langsam in die Stadt.

Der verdammte Lautsprecher brüllte ständig, wir hörten gar nicht zu, aber auf einmal wurden wir aufmerksam, denn da wurde durchgesagt, dass die, der Kirche und dem Adel angehörenden Großbesitze, aufgeteilt würden.

- Was soll das bedeuten? - fragte Pista. - Und was sagt der Fürstbischof Serédi dazu?

- Die werden für diese Sache keine Zeit mehr haben, anstatt ihnen wird das von den Russen vollzogen werden.

- Verstehst du was davon?

- Ich will das auch gar nicht verstehen, ich werde mich nie im Leben um die Politik kümmern. Lassen wir alles sein und gehen wir lieber ins Kino, wenn wir überhaupt Eintrittskarten bekommen.

Zwei unserer beliebtesten Schauspieler spielten in einem überaus sentimentalen Film, die süßliche Geschichte spielte sich, zum Teil, in Afrika ab und am Ende gab es Tränen in allen Augen.

Vor dem Film sahen wir in der Rundschau den "Volksführer", wie er eben auf die heilige Krone Ungarns seinen Eid ablegt, und unsere, an der Front kämpfenden Helden konnte man sehen, wie von ihnen die Angriffe der Sowjets stets zurückgeschlagen werden. Was für ein Film es auch war, für anderthalb Stunden hatten wir den Krieg vergessen.

Von Tag zu Tag wurden immer mehr Verwundete in unser Krankenhaus eingeliefert und auch die Patienten eines aus dem Ipoly Gebiet (Ipoly, Fluss im nördlichen Landesteil) evakuierten Krankenhauses wurden in unser Lazarett eingeliefert. Langsam wurden die Krankenzimmer übervoll und so wurde, nach und nach, auch der oberste Stock ganz belegt. Fast jeden Tag gab es Alarm, manchmal auch täglich mehrmals und dann begaben sich die Patienten, die bewegungsfähig waren, ebenso wie auch wir - wenn wir nicht gerade im Operationssaal arbeiteten - in den großen, zum Luftschutzraum ausgestalteten Keller, wo sonst Heizkohle gelagert wurde.

Damals sah ich zum ersten Mal einen Tetanuskranken. Der arme Mann begann erst starr zu grinsen, was man in der Fachsprache einen "risus sardonicus" (Teufelslächeln) nennt, dann entwickelte sich eine Mundsperre mit darauffolgenden, sich auf den ganzen Körper ausbreitenden, diesen äußerst schmerzhaft erschütternden Krämpfen. Der Vorschrift nach hätte ein solcher Patient in einem abgesonderten, dunklen Raum liegen müssen, aber das war hier unmöglich. Man gab ihm, schluckweise, Rum zu trinken und ein Serum gegen Tetanus, das aber, in diesem Stadium der Erkrankung, nicht viel nützte, denn das krankheitserregende Toxin war schon an das Nervensystem gebunden.

Vom nächtlichen Dienst wurden doppelte Mengen von Rum verbraucht, doch dem Patienten blieb trotzdem noch soviel übrig, dass er, immer wenn er nicht gerade vom Krampf geplagt war, nur noch grollte wie ein zum Angreifen bereiter Hund, wenn man ihm das Essen wegnehmen will, und dazu drehten sich seine blutroten Augen im Kreis.

Im Hof gab es einen ständigen Autoverkehr, nicht nur Verwundete wurden hergebracht, sondern aus irgendeinem Betrieb versuchte man eine große Menge von Leder zu bergen, das wurde auf LKW-s hergefahren und in unseren Keller gebracht.

Später hat uns dieses Leder viel Ärger bereitet, denn wir hatten deswegen keine Ruhe, wer konnte oder wer eben die Oberhand über die Stadt gewonnen hatte, der kam und holte sich davon, wieviel er nur konnte.

Die ersten deutschen Verwundeten wurden in unser Lazarett gebracht, so dass wir immer größeren Anforderungen gerecht werden mussten. Noch ein Chirurg wurde unserer Abteilung zugewiesen, aber der größte Teil der Arbeit wurde auch weiterhin von Hauptmann Hunyadi geleistet.

Diejenigen, die eine internistische oder augenärztliche Behandlung benötigten, wurden weggeschickt, um der chirurgischen Abteilung mehr Platz zu machen, wo die Anzahl der Patienten langsam auf 200 hochgestiegen war.

Was war eigentlich geschehen? Von wo wurden die Verwundeten hierher gebracht?... Ich hatte das erst ein-zwei Wochen später erfahren.

Man hatte die Reste der Szent László (Sankt Ladislaus) Division, die letzten, übriggebliebenen "Elite" Truppen, Panzersoldaten, Fallschirmjäger (als Infanteristen), Seklerregimente, im Ipolygebiet zu einem letzten Kraftaufwand zusammengezogen und so kam es da zu einer schweren, mit großen Verlusten einhergehenden und doch in kurzer Zeit verlorenen Schlacht am Ipoly Fluss.

Und weil sich unser Krankenhaus in der Nähe befand, wurde es zu einem Frontlazarett. Immer öfter stellten sich Autos mit Verwundeten ein rund bei den immer erbitterter werdenden Kämpfen wurden dann auch einfache LKW-s zum Krankentransport in Anspruch genommen. Man streute Stroh auf die Platte und die Leute wurden darauf gelegt.

- Jungs, es wird besser sein, wenn ihr euch hier ein freies Bett sucht, ihr werdet keine Zeit mehr haben, in euer Quartier zu gehen - sagte, mitten in der Nacht, Hauptmann Hunyadi.

So zogen wir, mit unseren Habseligkeiten, aus der Lehrerbildungsanstalt ins Krankenhaus um und nahmen an den freien Betten im oberen Stock unsere Plätze ein. Zum Schlafen konnten wir nur ab und zu kommen. Immer mehr Verwundete wurden eingeliefert, allmählich gab es keine freie Betten mehr.

Von den Räumen wurden immer mehr in Krankenzimmer umgewandelt, die Möbel wurden in die Ecken geschoben, der Fußboden mit Stroh bedeckt und darauf wurden dann die Kranken gelegt. Schon war es kurz vor Weihnachten. In einer Nacht schreckte ich von meinem müden, betäubten Schlaf auf.

- Du lieber Gott! Die sind schon wieder da! - stieß mich mein Freund in die Seite.

In der Nähe explodierten Bomben. Unsere Patienten wurden unruhig, wer nur konnte, machte sich auf den Weg in den Keller.

Wir hatten einen, unserer rumänischen Minderheit angehörenden Mann. Wir wussten alle, dass man mit ihm kaum etwas machen kann, denn sobald man ihn anrührte, fing er an zu jammern, der Arme, wahrscheinlich tat er es, um nicht wieder an die Front zu müssen (er war von einem Pferdewagen heruntergefallen und bekam einen Sprung am Beckenknochen).

- Komm doch schon, Bandi! Gleich wird auch uns der Teufel holen - rief mir Pista zu, während ich mir die Schuhe anzog.

- Herr Do-do-do-dok-tor! - hörte ich, dass man mich ruft.

- Wart' mal! Unser Tetanuskranker ist bei Bewusstsein, ich werde ihm schnell einen Schluck Rum geben - sagte ich.

- Gib auch mir davon, denn ich hab' die Hose voll!

- Da hast du die Flasche, trink und schau, dass wir davonkommen.

Wir rannten die Treppe hinunter, aus einiger Entfernung waren Explosionen hörbar und der Kohlenkeller wurde voll mit Menschen, denn auch Zivile haben hier Zuflucht gesucht. Wir kauerten uns auf einen Kohlenhaufen und irgendwo wurde eine Kerze angezündet.

- Schau mal, wer dort in der Ecke hockt - zeigte mein Freund auf einen Mann, der in einer Ecke, zusammengekauert, dasaß.

Es war tatsächlich der wehleidige Rumäne, den man gar nicht anrühren konnte, weil er so jammerte und der jetzt vom dritten Stock heruntergekommen war. Als der Fliegeralarm zu Ende war, begab ich mich zu ihm.

- Na also, warum ärgern Sie die Pfleger mit ihrem Gejammer? Versprechen Sie mir, dass Sie, von nun an, geduldig sein werden und dann wollen auch wir nicht gesehen haben, dass Sie, wie ein Hase, die Treppe heruntergesprungen sind.

- Ja, ja... - sagte der Mann, mit zur Erde gesenkten Augen und von da an bereitete er uns keine Sorgen mehr.

Die Nacht verging nachher ruhig. Manchmal wurde ich zu einem Feldwebel gerufen, dem wegen seiner Bauchverletzung die Milz und die linke Niere entfernt werden musste und weiß Gott, welchen veralteten chirurgischen Grundsätzen zufolge, um die übriggebliebene Niere zu schonen, durfte ihm nichts zum trinken gegeben werden. Zum Glück nahm sich eine der Krankenschwestern des hübschen jungen Mannes an und verabreichte ihm mit Wasser durchtränkte Mülllappen, aus denen er das Wasser aussaugen konnte.

Der Tetanuskranke heulte ab und zu, aber es schien, als ob sich die Krampfanfälle vermindert hätten. Im verdunkelten Krankensaal brannte nur ein spärliches Licht, doch ich konnte nicht schlafen und wenn ich ein wenig Freizeit hatte, las ich das Lehrbuch der Pharmakologie von Issekutz, in dessen zweitem und drittem Band, für Ärzte der Allgemeinpraxis über Symptomatik, Diagnostik und Behandlung verschiedener Krankheiten beschrieben waren.

Das Lehrbuch für Pharmakologie blieb mein treuer Begleiter und später kannte ich fast jeden Buchstaben davon. Ich war nicht besonders gut bei meinem Studium, denn ich hatte nur dazu Lust, was mich interessierte, aber als ich ein Jahr später bei Professor Jancsó (er war Nobel-Preis-Kandidat) in Pharmakologie meine Prüfung ablegte, unterbrach er mich schon beim fünften Satz und sagte in seiner charakteristischen, gedehnten Redensart:

- Herr Kollege, für eine vorzügliche Zensur ist soviel vollkommen ausreichend.

Am nächsten Tag assistierte ich den ganzen Vormittag im Operationssaal (ich hielt den Haken), da fiel auf einmal ein Sanitäter zur Tür herein:

- Herr Hauptmann! Verwundete Russen hat man gebracht, es können so ungefähr zwanzig Mann sein.

- Bringt sie hierher auf den ersten Stock, ich werde sehen, wer von ihnen operiert werden muss.

Die Mannschaft stand um den im Hof stehenden LKW herum, sogar die Köche kamen hervor, um sich die abgerackerten, verwundeten russischen Soldaten anzusehen. Diejenigen, die bei Bewusstsein waren, schauten erschrocken um sich herum, einige mit zusammengepressten Lippen, scheinbar gleichgültig, ihrem Schicksal, voll Zweifel, entgegenschauend.

Wir machten uns dran und arbeiteten bis früh am Morgen. Die LKW-s kamen ständig, Deutsche brachte man und es erschienen die ersten verwundeten ungarischen Fallschirmjäger, Männer aus der Leibwache des Reichsverwesers (die sich in der Burg den Deutschen widersetzten und nachher nur so begnadigt wurden, dass sie sich "freiwillig" in die Szent László Division, zum Einsatz meldeten).

- Guck mal, Bandi, hast du bemerkt, dass sich kein einziger Pfeilkreuzler unter diesen Verwundeten befindet?! - fragte mein Freund während des Frühstücks.

- Mir ist es auch aufgefallen, obwohl in der Wochenschau nur sie marschieren. Und noch etwas habe ich beobachtet: die Offiziere werden, nach notfälliger Versorgung, gleich mit Autos von hier weggefahren.

- Ich habe gestern einem Gespräch zugehört, nur habe ich in dem Durcheinander, das da war, vergessen es dir zu sagen - fuhr Pista fort. - Ein deutscher Arzt, ein Major, verhandelte mit Herrn Laborczi über den Abtransport der deutschen Verwundeten, über die Abwicklung und Hilfeleistung unsererseits.

- Die wollen möglichst schnell von hier wegkommen - sagte ich.

- Ich befürchte, uns wird es dabei auch schlecht ergehen.

- Reg' dich nur nicht auf, du bist so mager, dass dich eine Kugel so leicht nicht treffen kann.

- Na ja, schon! Aber wenn ja, dann stößt sie gleich auf einen Knochen!

Die bis Weihnachten verstrichene Zeit ist mir nur unklar in der Erinnerung geblieben, das einzige, was mit aller Entsetzlichkeit in meinem Gedächtnis geblieben war, waren die Folgen der Schlacht am Ipoly Fluss in die wir einbezogen waren, durch die auf uns zuströmenden Schwerverletzten, deren Leid und oft auch langsamen Sterben man fast hilflos hinnehmen musste. Das alles hatte mich sehr mitgenommen und lag mir auf der Seele.

Mit einem Krankentransport wurde ein Unteroffizier eingeliefert, dem das Kinn mit einem Dreiviertel der Zunge, durch eine Granate, abgerissen wurde. Diese Verletzung entspricht, ihrer Größenordnung gemäß, eigentlich nur dem Verlust eines Arms, aber die fachgerechte Betreuung geht in diesen Fällen mit sehr großen Schwierigkeiten einher, weil hier für das Problem des Flüssigkeitsersatzes (da dem Verletzten der Speichel ständig aus dem Mund floss), der Infektionsgefahr und vor allem für die Durchführung einer plastischen Ersatzoperation irgendein Losung hätte gefunden werden müssen. Doch anstatt dessen wurde nur ein Verband angelegt, das musste ich machen und den Verband täglich wechseln, wobei der Mann, bei vollkommen klarem Bewusstsein, mit aus der Kehle kommender Stimme und dem übriggebliebenen Stück der Zunge, zu artikulieren versuchte. Er starb in der Weihnachtsnacht, und wurde so von seinem Leiden erlöst.

Der Abtransport der Deutschen wurde in Gang gesetzt. Wir freuten uns darüber, denn so konnten wir unseren neu eingelieferten Verwundeten Platz einräumen.

Mit Pista traf ich mich kaum, denn entweder war ich im Operationssaal, oder er war dort. Eines Abends, es könnte vielleicht der einundzwanzigste oder der zweiundzwanzigste Dezember gewesen sein, aß er in aller Ruhe, wie er es zu tun pflegte, sein Abendessen (Schweinsmagen, Brot und Gurken dazu).

- Wie kannst du nur so gemütlich essen? Mein Magen ist nur so groß wie eine Nuss - schrie ich ihn an.

- Ja, mein Lieber, ich habe kein Magengeschwür, und auch sonst, beneide mich nicht wegen dieses puritanen Vergnügens. Riech mal, wie fein dieser Schweinsmagen schmeckt.

- Also, hör mal zu! Denkst du auch nicht daran, wieviel besser ist es, eine Kugel in den leeren Magen zu bekommen? Erinnerst du dich an den alten Fuhrmann, dem der Bohnengulasch die Bauchhöhle übergossen hat und umsonst wurde er sofort operiert, in zwei Tagen war er ganz ausgetrocknet und starb an Flüssigkeitsverlust.

- Ich mag Bohnengulasch durchaus nicht, der bläht mich auf - brummte er philosophisch, mit vollem Mund, vor sich hin.

Schön der Reihe nach aß er auch meine übriggebliebene Portion auf, wischte sich den Mund ab und sagte:

- Jetzt kann der Bauchschuss kommen.

- Zum Teufel, du Vielfraß, bei so vielem Essen bist du trotzdem so mager - sagte ich etwas verärgert.

- Ja das stimmt, so mager wie du, aber du bist noch dazu ein blöder Kerl.

- Wieso?

- Merkst du nicht, was hier zugeht?

- Wie meinst du das?

- Lieber Bandi, hier wird eingepackt!

- Wo?

- Ich hab' in die Apotheke reingeschaut und gesehen, dass die Medikamente in große Kisten verpackt werden.

- Du willst doch nicht sagen, dass das Krankenhaus von hier weggeschafft wird?

- Daran denke ich nicht, denn womit und wohin könnte das durchgeführt werden.

Nachdem wir eine Weile geschlafen hatten, wurden wir aufgeweckt. Ein neuer Transport war angekommen, Artilleristen hat man gebracht. Während ich die Verwundeten, nach Schweregrad einzuordnen versuchte, erkannte ich einen jammernden Oberleutnant. Der Älteste war er von den vier Brüdern der wohlbekannten Familie Káplány. Sie waren darum wohlbekannt, weil sie alle viere sehr hübsch und somit die beneidenswerten Lieblinge der Schönen in unserer Stadt waren.

- Herr Oberleutnant, erkennst du mich? - sagte ich zu ihm.

Zuerst sah er mich nur unsicher an.

- Bist du es, Bandi Németh? Wie gut, dass ich in dir einen Bekannten sehe! Schau, was die blöden Kerle da mit mir angerichtet haben! Umsonst flehte ich sie telefonisch an, das Feuer um sechs Kilometer nach vorne zu verlegen, unsere eigene Schwerartillerie hat auf uns geschossen. Ich habe schreckliche Schmerzen am linken Bein.

- Bleib ruhig liegen, gleich wird es dir besser sein.

Von einem Sanitäter ließ ich das Bein anziehen, da ich sah, dass es sich in einer ausgerenkten Lage befand. Der Splitter war in die Mitte des linken Schenkels eingedrungen, brach den Schenkelknochen, und nachdem er dort durchkam, blieb er im rechten Schenkelknochen stecken.

- Die Front kann nahe sein, wenn man dir nicht einmal erste Hilfe geleistet hat - sagte ich.

- Die Russen sind an mehreren Stellen der Frontlinie durchgekommen, sie können nicht weit entfernt von der Stadt sein, aber eine so große Wirre herrscht da, dass wahrscheinlich nicht einmal der Generalstab mit der Lage im klaren ist.

Inzwischen befestigte ich das Bein auf einer Schiene, ich gab ihm die Impfung gegen Tetanus und die vorgeschriebene Morphiumspritze.

Ganz unerwartet, fing er zu schreien an:

- Schafft mich weg von hier! Ich will nicht in Gefangenschaft fallen!

Die Offiziere, so auch er, wurden wegtransportiert. Später habe ich gehört, dass er im Krankenhaus von Szombathely an Blutvergiftung, in den Armen seiner Mutter, verschieden ist. Seine Mutter hat sich vom Krankenbett ihres Sohnes, bis zu seinem Tode, nicht weggerührt.

Am Morgen wartete ich auf die Visite. Als Hauptmann Hunyadi erschien, war er ungewöhnlich aufgeregt und sagte, in aller Eile, nur soviel:

- András, mach' die Visite allein, ich muss zum Kommandant.

So was gab es bisher noch nicht. Ich kannte zwar alle Patienten und wusste über alle Bescheid, aber so eine Aufgabe einem Medizinstudenten anzuvertrauen?...

Ich begann die Verbände zu wechseln, die Wunden zu behandeln. Ich fragte die Krankenschwester, die in dieser Nacht im Dienst und auch noch da war, bei welchen Patienten es Probleme gegeben hat.

- Der eine Russe, der einen offenen Unterschenkelbruch hatte, jammert seit früh am Morgen, schon zweimal habe ich ihm Morphium gegeben.

- Den sollen wir dann sehen - antwortete ich.

Das linke Bein war bis zur Schenkelmitte von einem Gipsverband bedeckt und so war mir nichts aufgefallen. Den Nachmittag vorher haben wir seine Wunde in Ordnung gebracht, an dieser war nichts besonderes zu sehen.

Aber der Soldat, in den vierziger Jahren, zeigte ständig auf sein Bein, wimmerte mit verstelltem Gesicht und machte Bewegungen, als ob er den Verband hätte herabreißen wollen.

- Geben Sie ihm noch ein Beruhigungsmittel, am Ende der Visite werde ich zurückkommen und wenn es sein muss, schneiden wir den Gipsverband auf.

Mir gefiel aber die grauweiße Gesichtsfarbe des Mannes nicht.

- Hat er Fieber gehabt? - fragte ich.

- Nur eine etwas erhöhte Temperatur.

- Schwester, spüren Sie nicht einen so komischen Geruch, es riecht so süßlich, wie bei gärenden Käse.

- Aber was, Herr Doktor, hier gibt es ja gerade genug eitrige Wunden, warum würde es bei diesem Russen anderswie riechen. Gestern Nachmittag war mit seiner Wunde noch gar nichts los.

Wir gingen weiter. Von den am vorigen Tag eingelieferten Deutschen lagen noch einige hier und da kommen wir an einen von denen während unserer Umschau.

- Der war auch unruhig, aber er hat auch Luftdruck bekommen, und so stottert er nur, übrigens kann ich auch nicht deutsch, und er langt immer nach seinem Penis. Er hatte einen Beckenbruch erlitten, gestern haben wir ihm den Gipsverband angelegt.

Ich hob seine Decke hoch, er hatte einen Hosengipsverband.

- Schwester, Sie wären auch unruhig, wenn man Ihnen jene Öffnung am Unterkörper mit einem Gipsverband verschlossen hätte.

- Ah, der Teufel soll den Jóska holen, er hat am Gipsverband unten kein Loch ausgeschnitten.

- Rufen Sie ihn, seien Sie so gut, jetzt gleich, ich werde hier auf ihn warten.

Bald kam die Schwester mit dem Gipsschneidervorrat zurück.

- Ich habe die Männer in ihrem Quartier vorgefunden, die sind bis zur Bewusstlosigkeit betrunken, nicht nur der Jóska, sondern noch mehrere. Wahrscheinlich konnten sie sich an den Rum in unserem Lager ranmachen.

So schnitt ich am Verband die lebensrettende Öffnung aus und der Soldat stotterte mit zufriedenem Lächeln weiter, besonders als er auch noch die Bettschüssel erblickte, die ihm hergebracht wurde.

Eine Zeitlang pflegten wir die Russen in einem gesonderten Krankensaal, aber als sich auch ihre Zahl immer mehr erhöhte, legten wir sie dorthin, wo es eben Platz für sie gab. So kam es oft vor, dass Ungarn, Russen, Deutsche nebeneinander lagen, im Frieden des Leidens und oft auch des Todes, miteinander verbunden.

Während der Visite kam mir im Korridor Hauptmann Hunyadi entgegen und er war jetzt noch mehr aufgeregt als vorher.

- Gleich gibt man den Tagesbefehl, wonach das Krankenhaus nach Mosonmagyaróvár oder Kapuvár verlegt werden muss, genau weiß ich es gar nicht, wohin - sagte er, während er davoneilte. Während er so sprach, blieb er auch gar nicht stehen. - Ich eile mich, um den Operationssaal einpacken zu lassen - fügte er noch hinzu.

Pista war auch aus dem Verbandraum hervorgekommen.

- Siehst du, was habe ich dir gesagt! Die Fluchtpanik hat sich aller ermächtigt, alle packen ein und laufen, wie verrückt, hin und her.

- Und wohin bringt man die Verwundeten? - fragte ich.

- Was stellst du dir vor? Für das Krankenhaus selbst sind ja nicht genug Fahrzeuge da, das wird einfach hier bleiben.

- Das kann ich nicht verstehen... Und die Ärzte? Wer wird von denen im Krankenhaus hinterbleiben?

- Ich würde nicht glauben, dass irgendjemand wagen wird, hier zubleiben, um dann am Ende in Gefangenschaft zu fallen.

- Und die Krankenpfleger?

- Ich habe gehört, dass geflüchtete Nonnen aus Siebenbürgen hierher kommen werden, nur weiß ich nicht, wo sie untergebracht werden können, da es hier überhaupt kein Platz mehr übriggeblieben ist. Aber darum brauche ich mich nicht zu kümmern.

- Komm, beenden wir die Visite und nachher musst du mit einem jammernden russischen Soldaten reden, er soll uns genau sagen, was ihm eigentlich fehlt.

Noch waren wir mit den übrigen Patienten beschäftigt, als eine Krankenschwester herbeigeeilt kam.

- Herr Doktor! Bitte, kommen Sie in den unteren Krankensaal, der jammernde russische Soldat hat sein Bewusstsein verloren.

Wir rannten hinunter. Der Mann war wirklich bewusstlos, und auch seinen Puls konnte man nicht fühlen.

- Donnerwetter! Der stirbt ja gleich. Aber warum? - fragte ich.

Ich hob die Decke hoch und sah entsetzt, dass die Haut an seinem verletzten Bein, dort wo es nicht vom Gipsverband bedeckt war, bläulich-lila verfärbt war und diese Veränderung der Farbe erstreckte sich auch auf den Bauch. Ich drückte auf den geschwollenen Körperteil mit dem Finger und unter der Haut wurde ein knisterndes Geräusch hörbar.

- Was ist das? - sah mich mein Freund an.

- Ein Gasödem... Noch nie habe ich so was gesehen, aber es wurde an den chirurgischen Vorträgen im Sommer darüber gesprochen.

- Und wie kann daran geholfen werden?

- Nur durch eine Amputation, aber, wenn es soweit kommt wie bei dem da, dann ist es schon zu spät.

- Unglaublich. Vor zwei Stunden konnte man noch nichts sehen.

Der arme Teufel hatte recht gehabt, als er stets auf den Gipsverband hinwies, er fühlte, dass sich etwas Schlimmes darunter abspielt.

- Rieche nur, wie das so süßlich riecht. Das darf man nie vergessen, diesen eigenartigen Geruch.

Niedergeschlagen und schweigend verließen wir den Krankensaal und im Korridor sagte mein Freund leise zu mir:

- Denkst du, wenn wir am Morgen das Bein amputiert hätten, wäre er am Leben geblieben?

- Das wäre für ihn die einzige Möglichkeit zum Überleben gewesen.

So gingen wir wieder, in Schweigen versunken, zum obersten Krankensaal. Nach einigen Schritten unterbrach Pista wieder das Schweigen:

- Ich sehe, du hast dir die Sache sehr aufs Herz genommen. Sei nicht erbittert darüber, diejenigen haben die Verantwortung, die eine so große Aufgabe einem Medizinstudenten anvertraut haben.

- Aber trotzdem...

Wir betraten den Krankensaal und da kam uns der Feldpriester entgegen, ein Jesuitenpater, Oberleutnant Faragó, der von Pista nur einfach "Kuttenträger" genannt wurde, auch dadurch seine nicht allzu große Sympathie der Kirche gegenüber ausdrückend. Der Priester war jedoch ein sehr sympathischer, hochgebildeter Mann und durch sein ruhiges, tapferes Verhalten hatte er eine sehr gute Wirkung auf die verletzten Soldaten ausgeübt.

- Bitte, Herren Doktors, ich gehe auch gleich weiter schon, einige Kranke haben kommuniziert und jetzt störe ich ihre Arbeit nicht mehr.

- Verzeihung, hochwürdiger Pater, sehen sie welche Vorbereitungen man hier macht, darf ich Sie fragen: gehen auch Sie mit dem Krankenhaus, weg von hier? - wandte ich mich an den sich schon entfernenden Priester.

- Nein, ich bleibe mit den Verwundeten! - antwortete er entschlossen.

- Wenn wir hier bleiben würden, so wäre uns wenigstens die letzte Ölung gesichert - bemerkte Pista, mit einem zynischen Lächeln.

Die Patienten, die sich in unserer Nähe befanden, müssen das Gespräch gehört haben, aber auch die Vorbereitungen sind ihnen wohl nicht entgangen und auch sie wurden von der allgemeinen Unruhe ergriffen.

- Herr Doktor! Was wird mit uns geschehen? Bleiben wir ohne einen Arzt hier?

Nicht weit vom Fragenden lag der Tetanuskranke, der schon wenigstens zwei Wochen überlebt hat, er hatte nun weniger Krampfanfälle, aber sonst war er in einem sehr schlechten Zustand. Er wandte sich uns entgegen, erhob sich ein wenig und sich auf seinen Ellbogen stützend, winselte er:

- Heerr Doktor - dabei grinste er - ver-ver-verlassen Sie uns nicht - wieder grinste er und sank dann zurück auf sein Bett.

- Bleiben Sie bei uns, Herr Doktor, ohne einen Arzt sind wir verloren - sagte ein anderer.

Ich sah Pista an, der mit seinen großen blauen Augen nur blinzelte und nichts sagte. Ich sah mich im Krankensaal um. Die Kranken, die es tun konnten, richteten sich in ihren Betten auf und schauten uns fragend an. Ich wandte mich meinem Freund zu, der auch weiterhin blinzelte und fragend die Schulter hob.

Ich ging voran und blieb in der Mitte des Krankensaales stehen, die verwundeten Soldaten folgten mir stumm mit ihrem Blick.

- Wir werden hier bleiben, dessen könnt Ihr sicher sein...

Nach einer tiefen Stille gab es eine derartig heftige Reaktion auf diese Worte, die so richtig gar nicht geschildert werden kann, keiner würde es mir glauben, nur wer dabei war. Einige weinten, viele flüsterten mir innigsten Dank zu, während ich davoneilte, manche beteten, andere sangen vor Freude.

Ich fasste Pista am Arm und wir verließen schnell den Krankensaal.

- Mich hast du auch gar nicht gefragt, was ich tun will, du hast nur so einfach auch in meinem Namen gesprochen, hast du eigentlich über die Verantwortung nachgedacht, die du jetzt auf dich genommen hast? - sagte er zu mir, ziemlich grob.

- Hier gibt es nichts zu bedenken, hier muss ein jeder für seine eigene, werte Haut Sorge tragen, auch ich, und du auch, doch wir haben weder Frau noch Kind. Ich mache dir aber nichts mehr vor, ich bleibe hier und Schluss damit!

- Und du denkst jetzt, du wärest ein Held - sagte er.

- Also hör mal, du kannst jetzt machen was du willst, wenn du willst, kannst du mit den Anderen weiterfahren!

- Schon gut, regen Sie sich nicht auf, Herr Kommandant...

Wir gingen einige Minuten lang schweigend nebeneinander zum Verbandraum hinauf, der sich im ersten Stock befand, da machte mein Freund plötzlich halt und ging dann mit einigen lächerlich ungeschickten Marschschritten vorwärts (nie konnte er ordentlich marschieren), dann kehrte er sich um und sagte mit lauter Stimme, während er salutierte:

- Herr Korporal! Ich, István Kovács, ein Schütze mit Intelligenzstreifen, melde mich gehorsamst zum Dienst in dem in Esztergom zurückgebliebenen Abteil des fünften Garnisonskrankenhauses.

- Du Vieh...

Und ich schlug ihm auf die Brust.

Unsere scherzhafte Neckerei wurde von einer herbeieilenden Krankenschwester unterbrochen.

- Herren Doktors, gehen Sie schnell in den Verbandraum, noch eine deutsche Mannschaft hat man hergebracht, obwohl der große Teil von ihnen schon wegtransportiert wurde.

- Und Hauptmann Hunyadi? - fragte ich.

- Ihm habe ich es auch schon mitgeteilt, aber seine Antwort war, ich solle Sie herbeiholen.

Im Verbandraum ging es schon hoch zu. Ich schaute mir schnell die Gruppe an, ob darunter solche waren, die schnell operiert werden mussten. Es gab da auch Schwerverletzte, aber alle waren in transportierbarem Zustand.

Dem einen deutschen Soldaten war ein daumengroßer Splitter, neben der linken Brustwarze eingedrungen und über die Rippen und das Brustbein hinwegrutschend, landete er am Rande der rechten Achselhöhle, direkt unter der Haut. Der Verletzte konnte den Splitter auch selbst abfühlen.

- Herr Doktor, bitte nehmen Sie das heraus.

Ich tastete den Splitter noch einmal ab, der auch die Haut hochwölbte und war an so einer Stelle, wo sich kein größeres Blutgefäß in der Nähe befand. Der Deutsche hatte recht, wenn er abwartet, bis der herausgenommen wird, kann er vielleicht auch noch eine Blutvergiftung bekommen. Mit einem Hautschnitt könnte man den Splitter entfernen.

- Schwester! Geben Sie mir ein wenig Novokain, ein Skalpell und eine Pinzette!

- Herr Doktor, nichts kann ich Ihnen geben - sagte sie mit ausgebreiteten Armen -, alles haben wir schon verpackt und die Sachen sind schon im Wagen verladen.

- Wieso?! Alles wird mitgenommen?

- Nicht ich habe den Befehl gegeben!

Das Blut stieg mir in den Kopf und ich entschloss, sofort mit Oberst Laborczi zu sprechen. Aber der deutsche Soldat ließ nicht ab, er jammerte und hielt den Splitter, der sich unter seiner Haut hervorwölbte, fest in der Hand.

Mit meinen spärlichen Sprachkenntnissen, noch von der Mittelschule her, erklärte ich dem Mann, wir hätten weder ein Messer zum Schneiden, noch irgendein schmerzbetäubendes Mittel, aber er sagte, das würde ihm nichts ausmachen, der Splitter solle ihm trotzdem herausgenommen werden. Da sagte ich, höchstens mit einer Rasierklinge könnte ich es machen, aber ohne Novokain. Er nickte einverstehend.

- Sehr gut.

Ich ging schnell in mein Zimmer und nahm aus meinem Gepäck eine unbenützte Rasierklinge heraus, die ich mit einem Feuerzeug bis zum Glühen erhitzte und dann schnitt ich, voller Aufregung, in die vom Fremdkörper straff ausgespannte Haut hinein. Ich wälzte dann den von Kleiderresten und mit Erde verschmutzten Splitter aus der Wunde heraus. Der Deutsche schrie auf, aber danach nahm er lächelnd das verschmutzte Eisenstück in die Hand und fasste mich mit der Anderen am Handgelenk an.

- Vielen Dank, Herr Doktor, danke sehr.

Das war die erste Operation in meinem Leben.

Wir setzten unsere Arbeit fort, verbanden die Wunden und waren schon beinahe fertig damit als der diensthabende Unteroffizier kam und mir, in der Tür stehend, zurief:

- Herr Korporal! Herr Doktor! Ich teile Ihnen den Befehl des Herrn Oberstleutnants mit: Sie sollen in den Turnsaal gehen und den gesundheitlichen Zustand der dort ausgebundenen fünf Schützen überwachen.

- Was? Kruzifix noch mal! Da werde ich am Ende auch noch einer Hinrichtungsmannschaft zugeteilt. Was haben die armen Teufel angerichtet? - fragte ich den Mann, der den Befehl brachte.

- Unter dem Vorwand, dass sie einpacken, haben sie sich im Lebensmittelvorratslager, während sie dort im Dienst waren, bis zur Besinnungslosigkeit besoffen und darum wurde vom Herrn Oberstleutnant das Ausbinden befohlen.

(Das Ausbinden war das strengste physische Strafverfahren, das beim ungarischen Militär vollzogen wurde und sozusagen noch als ein Erbe der ehemaligen k.u.k. (kaiserlich und königlichen) Heeres aufrechterhalten blieb. Dem Sträfling wurden die Handgelenke hinten zusammengebunden und dann wurde er an einen Baum festgebunden und an den Armen bis dahin hochgezogen, dass er eben noch mit den Zehenspitzen oder mit der Spitze seiner Schnürstiefel den Boden berühren konnte. Im allgemeinen dauerte die Strafe ein-zwei Stunden lang. Die meisten verloren nach fünf bis zehn Minuten das Bewusstsein, dann wurden sie mit Wasser übergossen und so wieder zu Sinnen gebracht und das wurde so mehrmals wiederholt. Das war eine grausame Strafe. Der Dienstregel gemäß musste ein Arzt gegenwärtig sein, offenbar darum, weil es manche gab, die eine solche Prozedur nicht überleben konnten.)

- Keinen anderen Arzt konnte man da finden, ausgerechnet mir, einem Medizinstudenten, wurde auch das anvertraut!

- Alle sind mit den Vorbereitungen zur Abfahrt beschäftigt - sagte der Dienstleiter leise.

Ich rannte in den Turnsaal, der sich im benachbarten Gebäude befand. An der Sprossenwand hingen die unglücklichen Bestraften. Da sagte ich dem, mit der Durchführung und Überwachung des Strafvorganges beauftragten Zugsführer, die armen Teufel da wären alle meine "Gesellen" aus Újszeged, er solle die Stricke lockern damit sich die Bestraften auf den Boden stellen können.

- Herr Doktor, wenn man mich kontrolliert, komm' ich auch an die Wand.

- Kein Schwein ist für so etwas da, alle sind mit dem Abzug beschäftigt, übrigens werde ich gegebenenfalls die Verantwortung übernehmen und werde die Männer da zur derzeitigen Vollziehung dieser Strafe, aus gesundheitlichen Gründen, für untauglich erklären.

- Ja, wenn Sie, Herr Doktor, die Verantwortung übernehmen?

Ich wartete ab, bis er die Leute am Fußboden abgestellt hatte und ging dann schnell zurück in den Verbandraum.

Während ich die Treppe hinaufging traf ich mit Gepäck beladene Schützen, die, in Kisten verpackt, unsere Medikamente hinunterschleppten.

- Wohin tragen Sie diese Medikamente? - fragte ich.

- Wir bringen alles in die Wägen hinunter, bald sind wir auch schon fertig damit.

Ich befürchtete etwas Schlimmes, und rannte in den als Apotheke dienenden Raum, wo ich Hauptmann Dénes, den Leiter unserer Apotheke vorfand.

- Herr Hauptmann! Lieber Zoltán! - sagte ich außer Atem. - Ihr werdet doch nicht alle Medikamente mitnehmen?!

- Das ist der Befehl.

- Und was wird mit den Patienten werden?! Lasst doch von jedem Medikament etwas hier, wenigstens einen Vorrat für zwei Wochen.

- Das kann ich von mir selbst nicht tun, nur wenn ich einen Befehl erhalte.

- Von wem?

- Von Oberstleutnant Laborczi.

Ohne Gruß rannte ich davon und lief zum Zimmer des Befehlshabers. Im Vorraum saß der Dienstleiter.

- Ist der Herr Oberstleutnant hier?

- Ja, aber er hat Besuch.

- Ich muss sofort mit ihm reden!

- Aber ich sage Ihnen doch, dass er beschäftigt ist, setzen Sie sich, Herr Doktor, Sie müssen warten.

- Dafür habe ich jetzt keine Zeit. - Ich kümmerte mich um die Mahnung des Feldwebels nicht und stürzte ins Zimmer hinein. In meiner Aufregung vergaß ich die vorgeschriebene militärische "Subordination" und ohne zu salutieren, begann ich, mit einer fast erstickenden Stimme mein Anliegen vorzutragen.

- Herr Oberstleutnant! So was kann man nicht tun!

Der Oberstleutnant, der auch sonst ein hoffärtiger Mann war, wurde plötzlich knallrot, und sich mit beiden Armen auf den Tisch stützend, stand er auf:

- Was kann man nicht tun?!

- Sie lassen vierhundert Verwundete hier, ohne Arzt, ohne Instrumente und ohne Medikamente.

Sein Gesicht wurde noch röter und er war einem Truthahn ähnlich als er mich brüllend anschrie:

- Stillgestanden, Korporal! Welch ein Benehmen ist das, haben Sie den ganz vergessen, dass Sie Soldat sind und ihrem Befehlshaber gegenüberstehen? Lasst uns jetzt allein - wandte er sich an diejenigen, die sich im Zimmer befanden. Ich, die entsprechende Stellung einnehmend, blieb jetzt allein mit ihm im Zimmer. Er ging eine Zeitlang auf und ab, bis er sich nach und nach beruhigt hatte.

- Die Verwundeten werden von einem Krankentransportzug abgeholt, hast du verstanden?!

- Herr Oberstleutnant, dieser Zug ist wahrscheinlich schon weggefahren, von dem wurden die Deutschen und unsere Offiziere mitgenommen.

- Woher weißt du das?

- Einer von den Fahrern hat es mir gesagt, der die Verwundeten zum Bahnhof gebracht hat und dort stand nur ein einziger Zug und der wurde ganz überfüllt, kaum konnte man für den letzten Transport Platz darin finden, hat er mir gesagt.

Mein Vorgesetzter dachte ein wenig nach und sagte dann, mit fast heiserer Stimme:

- Wenn die Lage so steht, wovon ich mich aber zuerst mal überzeugen will, so muss eben das städtische Krankenhaus unsere Patienten übernehmen.

- Herr Oberstleutnant, im städtischen Krankenhaus ist auch kein Platz mehr, so viel Menschen kann man auch dort nicht unterbringen.

Noch immer stand ich still. Nach einer Weile sah er mich nachdenklich an.

- Ruhe! - befahl er mir. - Vom Generalstab ist ein strenger Befehl erteilt worden, dem gemäß das Krankenhaus mit seinem gesamten Personal nach Westen ziehen muss. Übrigens, kein Arztoffizier würde freiwillig hier bleiben und sich der Gefahr außetzen, zu einem Deserteur deklariert zu werden, oder in Gefangenschaft zu fallen.

- Wir beide, Pista Kovács und ich, wir sind bereit, hier zu bleiben.

Er sah mich an, dann ging er zur Tür und sagte zum Dienstleiter:

- Lassen Sie Schützen Kovács hierher kommen, rufen Sie ihn!

- Herr Oberstleutnant, wir kennen einen jeden Verwundeten, wir wissen, wer wie verletz wurde. Einige von denen hat nicht einmal Hauptmann Hunyadi untersuchen können. Wenn Sie die paar Kranken, deren Zustand nicht befriedigend ist, ins Krankenhaus verlegen lassen könnten, dann würde sich auch mein Gewissen beruhigen.

Pista kam außer Atem. Er versuchte "stillgestanden" Stellung einnehmen, aber auch das war er nicht imstande vorschriftsmäßig durchzuführen.

- Ruhe! - sagte der Oberstleutnant zu ihm. - Bist auch du willig hier zubleiben?

- Jawohl.

- Dann werde ich die Maßnahmen treffen. Wir werden für 2-3 Wochen genügend Medikamente und Instrumente hier hinterlassen und, um bei eventuellen Einschüssen oder Bombenangriffen einigermaßen Schutz zu gewährleisten, werde ich im Keller einen Verbandraum einrichten lassen. Ihr aber, wenn die Russen in die Stadt einmarschieren, zieht Zivilkleidung an. Sicherheitshalber lasst euch je eine Handwaffe geben, ich denke eine Pistole wäre da angebracht, denn man kann nie wissen, was geschieht. Und beim Generalstab werde ich euch als vermisst melden.

- Einen freiwilligen Koch und zwei oder drei Sanitäter seien Sie so gut, auch noch zuzuordnen, denn sonst hätten wir es sehr schwer - unterbrach ich ihn.

- In Ordnung. Da fällt mir vom Koch ein, dass wir keinen allzu großen Lebensmittelvorrat haben, denn wir müssen uns davon auch etwas auf den Weg mitnehmen, aber was übrigbleibt, wird hier bleiben, auch in dieser Hinsicht werde ich den Direktor des Krankenhauses um Hilfe bitten. Jetzt geht in die Apotheke und besprecht mit Hauptmann Dénes, was ihr brauchen werdet und das soll man euch hier hinterlassen. Ich werde ihm inzwischen den Befehl geben.

Nach dem Mittagessen, um zwei Uhr, mussten wir wieder zur Befehlserteilung im Hof antreten. Der Befehl der sich auf uns bezog lautete irgendwie so:

Tagesbefehl Nr. 2. Das Gepäck und die dem Krankenhaus angehörenden Mobilien müssen noch im Laufe des heutigen Tages in marschbereiten Zustand gesetzt werden. Abfahrt morgen früh um 9 Uhr. Vorher beziehe ein jeder kaltes Essen für den ganzen Tag. Zur Betreuung der Verwundeten bestelle ich András Németh, Korporal, Medizinstudenten, als Befehlshaber der in Esztergom hinterlassenen Abteilung des 5. Garnisonkrankenhauses und ihm untergeordnet István Kovács, Schützen, Medizinstudenten. Herr Leutnant László Faragó, Feldpriester, wird mit der Verwaltung des Krankenhauses beauftragt. Er ist berechtigt, den Stempel des Krankenhauses zu benützen... Darauf folgten die Namen des Koches und der drei freiwilligen Sanitäter, die mit uns hinterbleiben sollten. Und am Ende ein paar ermunternde Worte, etwas von Liebe zum Vaterland. Datum: Esztergom, den 23. Dezember 1944. Oberstleutnant Dr. Laborczi.

- Na, darüber sind wir auch gut hinweggekommen - brummte Pista vor sich hin. - Hoffentlich wirst du uns vieren keine Tagesbefehle geben.

Wir verpackten die uns zugewiesenen Medikamente. Der Hauptmann versorgte uns sehr bereitwillig mit allem notwendigen und vor allem von den bei der Bekämpfung von Wundinfektionen sehr nützlichen Sulphonamidpräparaten speicherten wir uns eine beträchtliche Menge auf.

Wir begaben uns in unser Zimmer zurück. Pista nahm ein Stück Brot hervor und schmierte aus einem kleinen Napf Schmalz darauf.

- Willscht esse, Szegediner? - zeigte er mit seinem Taschenmesser auf die Hälfte des Schmalzbrotes.

- Nein, danke... Mein Lieber, hast du schon daran gedacht, dass morgen der Weihnachtsabend sein wird? - fragte ich ihn.

- Uhum - soviel konnte er nun aus dem vollen Mund herausbringen.

- Vielleicht kommen auch die Russen bis dahin an, das Kanonenfeuer hört man ganz aus der Nähe. Auch ist es gar nicht sicher, ob wir auf die Straße gehen können, obwohl ich so gerne, der Weihnachtsstimmung wegen, in diese kleine Kirche da gehen möchte - zeigte ich in die Richtung wo das Gotteshaus stand -, hättest du keine Lust mitzukommen?

Er sah mich an, hielt mit dem Essen still, legte das Schmalzbrot auf den Tisch und dann schnitt er gemütlich mit dem Taschenmesser den nächstfolgenden Bissen ab.

- Meinetwegen kannst du gehen, bis dahin werde ich den Dienst leisten.

- Das ist kein Grund dafür, dass du nicht mitkommst, noch ist der ganze Ärztestab hier.

- Schau, ich war zuletzt als Gymnasialschüler in der Kirche, auch dann nur darum, weil die Anwesenheitsliste vorgelesen wurde. Du weißt ja, in mir wurde der ungarische Gott, der serbische Gott und der russische Gott zusammengemischt - er hielt still für einen Augenblick und dann sagte er, mit unterdrücktem Zorn - und der... ja, ich will nicht fluchen, auch der deutsche Gott, so dass ich mich jetzt gar nicht auskenne. Ich konnte nicht entscheiden wer von allen denen Recht hat. So sollen sie streiten miteinander, aber ohne mich.

- Das was du sagst, ist einer antichristlichen heiligen Predigt gleich.

Pista stach mit dem Taschenmesser den abgeschnittenen Bissen auf und führte ihn langsam zu seinem Mund.

- Sei mir nicht böse, geh' allein - und er fuhr mit dem Essen fort.

Ich zog mich warm an und machte mich auf den Weg. Mein Freund, als ob er es für sich gesagt hätte, aber dass auch ich es höre, murmelte:

- Noch das würde fehlen, dass du mich weinen siehst.

Von der Tür rief ich ihm zu:

- Du, es schneit!

- Schön... schöne weiße Weihnachten werden wir haben - antwortete er.

Ich ging die schmalen, kurzen Straßen entlang bis zur Franziskanerkirche und freute mich über den immer stärker fallenden Schnee. Die Schneeflocken fielen aufeinander und langsam wurde der schmutzige, hartgefrorene Dreck vom Schnee bedeckt und die Erde wurde schön und rein.

Weihnachten, die ich als kleines Kind bei meinen Großeltern, in den Schulferien, auf ihrem Bauernhof verbracht hatte. Sie wohnten in einem einsamen Gehöft, in einer Tanja, vier Kilometer von der Großgemeinde Deszk entfernt. In den, von der großen Wirtschaftskrise bedrängten dreißiger Jahren lebten auch sie, wie alle von unserer in der Gegend zerstreuten Großfamilie, nur von heute auf morgen. Aber doch sind mir die einfachen, innig warmen, von altertümlichen Bräuchen, oft Aberglauben durchdrungenen Feiertage unvergesslich geblieben.

Früh am Morgen stand mein Großvater auf, das wenige Vieh, das sie hatten, musste gefüttert und getränkt werden. Bald höre ich ihn, wie er wegen dem großen, mit Stroh vollgestopften Korb, den er am Rücken trägt, mit schwerfälligen Schritten zurückkehrt. Von der benachbarten Kammer aus musste der Ofen des Bauernhauses geheizt werden. Ich sah so gerne zu, wie vom Stroh das Feuer im Ofen aufloderte. Meine Großmutter ließ mich noch nicht aufstehen, damit ich mich nicht erkälte. Ich höre zuerst den Stroh rascheln. Jetzt macht der Großvater das Feuer an. Das Prasseln hört man schon von der Ofenwand her und langsam verbreitet sich die Wärme von oben nach unten. Meine Großmutter kocht den Tee und knetet den Brotteig für den Brotkuchen, den Lángos. Es wird immer wärmer. Mein kleines Käferle, steh' jetzt schun uf, ich back' de Lángos - widerschallt die Stimme meiner Großmutter in meinen Erinnerungen. Ich springe aus dem Bett, wasche mir in der Waschschüssel nur das Gesicht, wie eine Katze, und laufe hinüber in die Kammer, denn der Lángos kann nur da mit einem richtigen Vergnügen gegessen werden, wenn man auch zusehen kann, wie er gebacken wird.

Mein Großvater streift über die Ofenöffnung und die Großmutter bringt auch schon den Teig. Ein einziges Stück davon ist so groß, dass ich mich damit hätte zudecken können. Der Kuchen wird schön rot, Bläschen bilden sich und etwas von der feinen Asche wird auch mitgebacken.

Jetzt keine mehr schun esse, dumm ach du, Vater, kehr' de Stroh vom Gwand ab, mach' ke Schmutz drin.

In den Tee (wir hatten keine Kuh) kommen vom so teuren Rum nur einige Tropfen hinein, wie fein der riecht; und dazu kommt auch ein wenig Zucker, mit dem auch recht sparsam umgegangen wird.

Von der Juliska hab' ich e bisl Rahm (Sauersahne) for 's Kind gebracht, aber du schmier' ach davon uf de Lángos.

Welch ein wunderbares, feines Essen war das! Die Sahne verschmilzt auf dem heißen Kuchen und es duftet so wie in den Feinbäckereien.

Des lass' em Kind, siehscht wie gut es esst - sagte meine Oma zum Alten. - Un es is Faschtezeit, mer braucht net so viel esse.

Komm doch schon raus, Goldapfel - höre ich den Ruf aus dem Hof.

Do sin die Kumrade, aber eher sollscht esse un dann kannscht spiele gehe, aber geht net weit weg, bleibt ums Haus rum - befiel mir die Oma.

Zahlreiche "Geschwisterkinder" von mir lebten in diesen zerstreuten Gehöften, in den Tanjas, so dass ich hier viele Gespielen hatte. Auch jetzt stehen schon einige vor der Tür, im Schnee stampfend.

Den Namen "Goldapfel" gab mir der Bruder meiner Großmutter, Onkel Paul, weil ich ein Städtler und der einzige Sohn meiner Eltern war.

Alles war strahlend weiß, die Sonne kam auch auf und der Schnee glänzte, als wäre die ganze Gegend mit Millionen von Diamanten bestreut. Natürlich blieben wir nicht ums Haus herum.

Kommt zur Bodó-Tanja, dort in der Nähe gibt es Schilfrohr und dort kann man auch herumrutschen - sagte einer meiner Cousins.

Zwei verspielte, junge Pulihunde, Bogár (Käfer) und Bolha (Floh) schlossen sich uns an, sie hüpften und sprangen hinter uns her, dem kleinsten Buben, dem Willy, der immer zurückblieb, hängten sie sich spielerisch an die Hose.

Nie im Leben habe ich seitdem so glattes Eis gesehen, wie das, das auf einer freien Fläche, inmitten des Schilfs, entstanden war. Da konnte man nur ausrutschen und auf den Hintern fallen. Aber wir mussten uns auch hinsetzen, vor Lachen, denn die zwei lustigen Hündchen, wie zwei Knäuel aus Fell, sahen uns mit erschrockenen Augen an, weil sie trotz gespreizter Beine immer nur ausrutschten und sich nur rundherum im Kreis drehen konnten. Der eine stellte sich mit Mühe auf die Beine und wollte davonlaufen, aber er rutschte so aus, dass ihm sogar die Zähne zusammenklapperten.

Im Schilf haben wir allerhand Kleintiere, Rehe, Hasen, Fasanen, aufgescheucht. Auch ein Fuchsloch fanden wir. Wir stampften darauf mit den Füßen, doch kein Fuchs kam raus, nur unsere Kleider bekamen so einen Gestank, dass die Großmutter meine Stiefelchen zornig scheltend aus dem Haus hinaustrug: In was for a Scheißdreck bischt reingetrete tu Lausbub, die Stiefel kann kei Mensch im Zimmer aushalte.

Die weihnachtlichen Fastenspeisen aß ich sehr gern. Zum Mittagessen gab es Mohnnudeln, ohne jegliches Fett, nur mit ein bischen Öl und mit Honig. Der Tisch war mit einem weißen Tischtuch gedeckt, in der Mitte stand ein Teller mit dem keimenden Weizen, der vom Luzientag an (13. Dezember) begossen wurde und so zur Weihnachtszeit schon zehn oder fünfzehn Zentimeter hoch war. Unter dem Tisch, in einem Backkorb, im "Simbel" befand sich Mais und ein kleines Bündel Heu, das war die "Krippe". In dem einzigen Krug der am Tisch stand lag ein roter Apfel im Trinkwasser, ein jeder trank davon. Der Apfel wurde darum ins Wasser getan, damit wir im nächsten Jahr gesund bleiben. Am Heiligen Abend gab es in einem jeden Gehöft, in jeder Tanja, dasselbe Abendessen: Eine Suppe aus gedörrten Äpfeln und Pflaumen, und dann Nüße, Knoblauch mit Honig. Letztere Speisekombination wurde von mir nur mit Mühe hinuntergeschluckt, aber weil es sich diesem Aberglauben nach um die zukünftige Gesundheit handelte, musste es sein.

Der Weihnachtsbaum, dieser schöne deutsche Brauch, war damals bei den Bauern der ungarischen Tiefebene noch nicht üblich und selbst in den Dörfern wurde er nur beim Pfarrer und dem Kantor, beim Arzt und beim Dorfkrämer aufgestellt. Die Tanne wurde durch den keimenden Weizen ersetzt, was eigentlich auch die Keimfähigkeit des Samens anzeigte.

Am Abend kamen die Verwandten und guten Nachbarn im Hause von Onkel Paul, der für einen "Großbauern" galt, zusammen, und an diesem Abend durften wir bis Mitternacht mit Geld (einige Heller) oder mit Nüssen Karten spielen. Um Mitternacht stellte der Hausherr eine große Korbflasche mit Wein auf den Tisch und die Erwachsenen bekamen je ein Gläschen voll von dem. Und wenn der Winter nicht allzu grimmig war, gingen die älteren Frauen zur Mitternachtsmesse.

Weder Glückwünsche, noch Geschenke gab es damals, das war nicht der Brauch, doch das Christkind kam trotzdem zur Welt.

Es schneite in immer dichter werdenden Flocken und ich dachte so gerne an die Weihnachtsfeiertage meiner Kindheit.

Ich ging in die Kirche. Die Messe hat schon angefangen, früher als es sonst üblich war, wegen der Verdunkelung, denn die großen Kirchenfenster waren unbedeckt. Kerzen brannten am Altar und auch an manchen Bänken. Außer mir waren keine Männer da, einige zitternde Greise ausgenommen, und alle, die dem Gottesdienst beiwohnten, sangen auf die Knie gesunken, die althergebrachten Weihnachtslieder Vom Himmel der Engel und Ihr Hirten, Ihr Hirten.

Ich weinte und durch meine Tränen verdoppelten sich die brennenden Kerzen und deren Flamme vergrößerte sich so, wie ich sie einst daheim in der kleinen Kirche von Újszeged vor mir sah. Ein junges Mädchen trat ein, kam an mir vorbei und ging zum Heiligenwasserbecken, bekreuzigte sich, fiel auf die Knie und versank in ihr Gebet. Hinter ihr brannte eine Kerze, deren schimmerndes Licht ihr Gesicht beleuchtete und die Schönheit ihrer Züge ahnen ließ: blaue Augen, eine feingewölbte Nase, ein schön gezeichnetes Profil und dazu das schwarze, glänzende, lockige Haar... Mein Gott, wie schön bist du. Nach einer Weile stand sie auf und ich erblickte ihre schlanke Gestalt und die schön geformten Beine. Ich trat ein paar Schritte näher an sie heran und schaute ihre schönen, zum Gebet gefalteten Hände mit den feinen Fingern, die wohl samtweich waren, an.

Nicht weit von der Kirche explodierte eine Bombe und das Kirchenschiff erbebte. Der Gesang verstummte für einen Augenblick, aber dann ertönte er wieder, erst dünn und angstvoll: Vom Himmel der Engel... Ehre Gott dem Herren, Friede den Menschen...

Ich war voller Angst und dachte an den Tod. Muss ich denn wirklich so jung zunichte werden? Erbittert dachte ich daran, dass ich jetzt eigentlich dieses schöne Geschöpf in meinen Armen halten sollte, doch ich werde sie ganz sicher nie im Leben wiedersehen. Es kann sein, dass man mir die Augen aus dem Kopf schießt, ich Arm und Bein verliere, dass ich von einer Granate in Stücke zerrissen werde. Und das alles in meinem zwanzigsten Lebensjahr? Verdammter Krieg...

Die Melodie des Hymnus unterbrach meine Gedanken. Die Messe war zu Ende. Das Mädchen ging an mir vorbei, sie sah mich an, nur für einen Augenblick, ich folgte ihr und ging ein paar Schritte hinter ihr her aber sie schlug die entgegengesetzte Richtung ein, zum Donauufer und die schöne Gestalt verschwand im schneienden Halbdunkel. Lange sah ich ihr nach...

Vom nördlichen Stadtteil her hörte man Schüsse und Explosionen. Mischt fest an die Häuser haltend eilte ich die Straßen entlang bis zum Krankenhaus.

- Wo zum Teufel warst du so lang? - schrie mich mein Freund an. - Na ja, klar, du konntest nicht genug wegen deiner vielen Sünden beten... Aber, Spaß beiseite, die Nonnen sind angekommen und warten auf dich. Der Laborczi hat ihnen gesagt, von morgen an bist du ihr Befehlshaber und sie sollen sich bei dir melden.

- Wie viele sind sie?

- Fünf oder sechs können es sein. Aber ich habe vor allem nachgeschaut, ob es an denen was zum Abtasten gibt.

- Du Satire von Újvidék, ist dir gar nichts mehr heilig?

- Ja, heilig schon, aber trotzdem wäre es gut, sie auszuprobieren!

Wir machten uns mit den Nonnen bekannt, von Dreien sind mir die Namen im Gedächtnis geblieben: Heliodora (sie war die Vorstehende), Milburgis (unseres spätere Mitarbeiterin als Operationsschwester) und Atanasia (meine Landsmännin).

Heliodora war schön, temperamentvoll, etwas vollschlank, eine dreißigjährige, sie war eine wunderbare, sehr gewandte Operationsschwester. Ich habe sehr viel von ihr gelernt. Die kleine Milburgis, die "Hübsche", war wenigstens so schön, wie geschickt. Atanasia war eine unschöne, trockene Frau, ihre Stimme knarrte und schnarrte wie bei einem alten Seebären, aber über ihren Charakter, ihre Seele, wenn das besser passt, kann ich nur schönes und gutes außagen.

Nachdem sie sich vorgestellt hatten, ergriff auch gleich die Oberin das Wort.

- Im oberen Stock haben wir ein leeres Zimmer bekommen, dort werden wir uns einrichten. Von der Oberschwester, die jetzt das Krankenhaus verlässt, werden wir die Patienten übernehmen und schon heute abend treten wir unseren Dienst an. Offenbar werden Sie mir unsere Dienstordnung überlassen.

- Natürlich - antwortete ich.

Mir fiel eine schwere Last vom Herzen, weil ich sah und fühlte, welch eine große Hilfe uns diese Nonnen leisten werden. Besser gesagt, nicht einmal Hilfeleistung war das, sondern die unentbehrliche Sicherheit für unsere weitere Arbeit wurde uns so gewährleistet.

Wieder lieferte man Verwundete ein, darunter befanden sich Russen. Wir arbeiteten bis Mitternacht, inzwischen strömten die Bombenangriffe fortwährend auf die Stadt zu. Die Verwundeten, die sich fortbewegen konnten, zogen sich in den Keller zurück. Ich dachte, die Nacht würde nie ein Ende nehmen.

Wir waren eben im Verbandraum im Obergeschoss, als Schwester Heliodora hereinstürzte:

- Herr Doktor, der Pfarrer von diesem Stadtkreis hat uns gebeten, bis die Front nicht wegzieht, vier oder fünf jungen Mädchen Zuflucht zu bieten, weil sie Angst haben. Und bei so vielen Verwundeten können wir auch deren Hilfe gut brauchen.

Ich sah sie fragend an.

- Und wo können Sie die Mädchen unterbringen?

- Das überlassen Sie mir, wir werden uns eben ein wenig zusammenziehen, es wird schon gehen, ich möchte Sie nur um Ihre Genehmigung bitten.

- Schon gut, wenn es nicht mir zukommt, die Mädchen zu unterbringen, sollen sie kommen.

- Ich möchte Ihnen die Mädchen vorstellen, sie warten hier im Korridor.

Ich wusch mir die Hände.

- Also bitte, Schwester, lassen Sie die jungen Fräuleins eintreten!

Fünf junge Mädchen, so um zwanzig, traten ein, eine nach der Anderen und, du lieber Gott!... Die Fünfte war die, die ich gestern in der Kirche gesehen habe. Kaum verstand ich die Namen: Erzsi, Kathi, Maria, die nächste flüsterte nur etwas, was ich nicht verstand, und dann stellte sich die "Erscheinung" aus der Kirche vor, in leibhafter Gestalt vor mir dastehend:

- Ich bin Eva Faludi.

Ich schüttelte ihre Hände, die wirklich samtweich und wunderschön waren und überaus schön waren auch ihre blauen Augen bei dem hellen Tageslicht. Du bist mein Weihnachtsgeschenk, nur bist du dir dessen noch nicht bewusst, spielte die Fantasie in meinen Gedanken. Ihre Augen senkten sich ein wenig und sie wurde so einer Madonna ähnlich. Gewiss spürte sie etwas von dem, was in mir zuging, denn sie zog langsam ihre Hand zurück.

Die Oberin unterbrach das plötzlich eingetretene Schweigen:

- Ich werde euch jetzt euer Quartier zeigen, kommt mit mir. Ich werde euch auch Arbeitskittel besorgen und dann könnt Ihr auch gleich anfangen mit der Arbeit. Ich werde die Mädchen schon belehren und übrigens, aufräumen, die Kranken im Bett umwenden, ihnen das Essen geben, mit der Bettschüssel umgehen, das alles können sie auch sowieso schon jetzt machen - sagte sie dann, sich wieder an mich wendend.

Gegen Mittag suchten mich zwei ältere Damen und ein Franziskanermönch auf. Die Kirchengemeinde hatte Spenden für die verwundeten Soldaten gesammelt und sie möchten denen gerne mit einem kleinen Geschenk eine Freude bereiten und auch einige Weihnachtsbäume hätten sie für uns bereitgestellt damit in den Krankensälen eine, dem Fest gebührende und gemütlichere Stimmung sei. Ich freute mich sehr darüber, dass man auch an uns gedacht hat, gelegentlich der Feiertage.

- Wie viele Verwundete haben Sie da? - fragte der Priester.

- Wir haben noch keine Zeit gehabt, sie abzuzählen, es müssen so um die dreihundertfünfzig bis vierhundert Mann sein.

- Dann werden wir vierhundert Pakete zusammenstellen, so dass ein jeder etwas bekommt. Und noch etwas - fuhr der Mönch fort - unser Prior möchte mit Ihnen sprechen.

- Noch heute soll das sein? - fragte ich.

- Morgen wird es auch entsprechen.

- Dann, wenn alles gut geht, morgen Vormittag gegen elf Uhr.

Nachdem es dunkel geworden war, konnte man wieder das Getöse der in der Nähe ausgetragenen Kämpfe hören. Erst gab es nur vereinzelte Schüsse, darauf folgten, in immer kürzeren Abständen, Detonationen der Kanonenschüsse.

Ich ließ den Krankenschwestern sagen, dass alle, die sich bewegen können, in den Keller gehen sollten und man solle den einigermaßen bewegungsfähigen Kranken helfen, damit so viele wie möglich dorthin hinuntergeschafft werden können. Meinen Freund bat ich, die Beförderung der Leute zu beaufsichtigen, um eine, im schmalen Treppenhaus ausbrechende Panik und etwa daraus entstehende, zusätzliche Verletzungen zu vermeiden.

- Pista, Ihr könnt dort unten die Kerzen am Weihnachtsbaum anzünden und du kannst auch die Pakete verteilen, ich werde mit der diensthabenden Schwester noch einen Rundgang durchs Haus machen.

Plötzlich löschten alle Lichter aus, die Stromversorgung wurde unterbrochen.

- Gerade das hat uns noch gefehlt - wandte ich mich an Schwester Atanasia, die im Dienst war. - Zünden wir eine Weihnachtskerze an, damit sie nicht umstolpern im Dunkeln.

- Warten Sie nur, Herr Doktor, wir haben damit gerechnet, dass die Beleuchtung gestört sein wird und haben uns vom Herrn Pfarrer von den Kirchenkerzen geben lassen. Und es schadet auch gar nicht, dass diese eingeweiht sind. Ich gehe schnell hinauf in unser Zimmer und bringe davon für jeden Krankensaal.

Die Mädchen haben in jedem Zimmer einen einfachen Weihnachtsbaum geschmückt, sie behängten ihn mit hausgemachtem Salonzucker. Die üblichen "Sternstreuer" gab es nicht, aber als die erste Kerzenflamme im unteren Krankensaal aufleuchtete, wurde alles still... Jemand begann im Halbdunkel vom Himmel der Engel... Langsam und schüchtern schloss man sich an und der Gesang wurde immer lauter, mehrere kamen aus dem Keller herauf und laut tönte das Weihnachtslied, während das Dröhnen der Geschosse, die unsere Weihnachtsstimmung zunichte machen wollten, immer mehr vom Gesang überwunden wurde. Alle weinten wir...

Und auch 1944 kam das Christkind zur Welt...

Mit brennenden Kerzen und Päckchen gingen wir von einem Krankenzimmer ins andere. Einen mächtigen Knall gab es und das Haus wackelte, wie bei einem Erdbeben.

- Das kam aus der Nähe - flüsterte ich mit ausgetrockneter Kehle.

Wir blieben für einen Augenblick stehen aber Schwester Atanasia stand da, wie eine Säule, nicht einmal ihre Wimpern zuckten.

- Schwester, haben Sie keine Angst?

- Nein - sagte sie resolut -, der liebe Gott braucht uns jetzt, ohne uns könnten die vielen unglücklichen Menschen da den Geburtstag seines einzigen Sohnes nicht feiern.

Ich zauderte einen Augenblick lang und dachte, man müsste jetzt in den Luftschutzraum gehen, aber der Mut dieser einfachen Seele gab auch mir Kraft zum Bleiben.

Wir gelangten ans Krankenzimmer der Russen. Die Tür war halb geöffnet, aber im Zimmer war es so dunkel wie in einem Tunnel.

- Hier wurde kein Weihnachtsbaum aufgestellt? - fragte ich die Krankenschwester.

- Wir wussten nicht, was wir tun sollten, Herr Doktor, eigentlich glauben die nicht an Gott und so haben wir keine Tanne hierher gebracht. Wir wollten Sie erst mal fragen, was wir tun sollten, doch hatten wir keine Zeit mehr dazu.

- Schwester, bringen Sie einen Zweig mit einigen Kerzen.

Wieder wurde das Gebäude durch eine nahe Detonation erschüttert...

Da wimmerte jemand in der Tür und auf allen Vieren kam ein russischer Soldat hereingekrochen. Er hatte einen Schuss ins Bein bekommen und wahrscheinlich hat ihn das Licht der in meiner Hand brennenden Kerze, als etwas, was Zuflucht versprach, hierher gezogen, denn er hatte offenbar Angst, wegen der Einschläge.

Die Schwester kehrte mit einem Tannenzweig zurück.

Wir begaben uns ins Krankenzimmer, stellten das Weihnachtsbäumchen auf den Fußboden, einen besseren Platz konnten wir nicht finden, und dann zündeten wir die Kerzen an. Atanasia betete laut und half dabei auch dem in der Tür liegenden Russen zurück in sein Bett. Die verwundeten Russen sahen uns schweigend zu.

- Also, Schwester, dann werden wir jetzt die Pakete verteilen!

Einen ausgenommen waren da lauter zwanzigjährige junge Burschen, so wie ich. Ich übergab dem Ersten das Geschenk, er nahm es zögernd in die Hand und sagte etwas (wie ich später erfuhr, als ich schon wusste, wie man "danke" auf russisch sagt, hatte er sich bedankt), der nächste richtete sich auf, übernahm das bescheidene Geschenk, küsste den kleinen Tannenzweig darauf... dann umarmte er das Päckchen, er legte sich auf den Bauch und begann schluchzend zu weinen. Er sagte etwas, vielleicht hat er nach seiner Mutter gerufen.

Nur an einem Bett hatten wir kein Glück. Als ich dem darauf Liegenden das Päckchen übergeben wollte, sah er mich sehr zornig an und brummte etwas unter die Nase, dann schlug er mir das Geschenk aus der Hand und wandte mir den Rücken zu. Ich sagte auch etwas Unschönes, aber leise, damit es die Krankenschwester nicht hört.

Atanasia hob das Päckchen vom Fußboden auf.

- Legen Sie es ihm auf sein Bett - sagte ich -, vielleicht überlegt er es sich noch.

Der letzte in der Reihe war ein Mann in den vierziger Jahren. Er hatte einen Kopfschuss erlitten, die Kugel traf die linke Stirnhälfte, aber hinter der Schläfe war sie aus seinem Schädel herausgetreten. Vor zwei Tagen wurde er, in gutem Zustand, eingeliefert, nur reden konnte er nicht, denn vom Geschoss war sein Sprachzentrum beschädigt worden. Er übernahm das Päckchen und nickte mit dem Kopf, seine Tränen rannen ihm am Gesicht entlang, dann zog er aus seinem Uniformrock eine kleine, schäbige Ledertasche hervor und ein kleines zerknittertes Foto herausnehmend, zeigte er, lallend, auf das Bild. Eine nicht besonders gute Amatöraufnahme war es, vor einem Bauernhof stand ein Bauernpaar umringt von vier plackköpfig geschorenen verschieden großen Buben, die voll Staunen in den Apparat hineinschauten. Mit einer anerkennenden Kopfbewegung fragte ich ihn: Familie? Er nickte darauf bejahend mit seinem Kopf und weinte. Am nächsten Morgen lag er erstarrt in seinem Bett, wie ein schlafendes Kind hielt er das Weihnachtsgeschenk fest in den Armen und das Foto vor seinen Augen, er konnte nie die ungarischen Weihnachtsbonbons kosten... Aus seiner Brieftasche waren ungarische Heiligenbilder herausgefallen und lagen, auf dem Bett zerstreut, um ihn herum...

- Welch eine Kriegsbeute - brummte Pista.

Es blieb uns nur noch das Zimmer im obersten Stock übrig. Wir trugen die Pakete hinauf und zündeten die Kerzen an, aber hier gab es eine gewisse Unruhe. Die festliche Stimmung und die Andacht wurde durch die aus der Nähe kommenden Detonationen zu einem leisen Stottern. Am oberen Teil des Zimmers gab es nur eine dünne Deckenschicht und gleich darüber das Ziegeldach, das keinen Schutz gegen Einschläge bot. Aus der inneren Ecke des Zimmers hörte man ein ständiges Jammern, ich trat an den Mann heran.

- Was fehlt Ihnen? - fragte ich.

- Das Bein tut mir sehr weh, unter dem Gipsverband, am Vormittag ging es mir noch ganz gut, am Mittag hat es angefangen zu schmerzen und jetzt ist es schon sehr schlimm. Bitte, nehmen Sie den Gipsverband ab, ich habe das Gefühl, als wäre mein Bein in einem eisernen Stiefel eingezwängt.

- Am Vormittag war die Wunde noch in Ordnung.

- Schwester - wandte ich mich and die Krankenschwester, die den Nachtdienst hatte -, bitte seien Sie so gut, nehmen Sie den Verband ab.

Wie sie langsam und behutsam den Verband abwickelte, fühlte ich immer stärker den überaus starken, süßlich stinkenden Geruch der Wunde und ich sah, dass auch die Nonne ihren Atem zurückhielt.

- Gasödem...

Schnell durchschnitt ich das Gips und das Bild dieser schrecklichen Krankheit bot sich in ihrer grauenhaften Blöße dar. Die Wunde befand sich im mittleren Drittel des Unterschenkels, aber die graubraune Farbe erstreckte sich schon bis zum Kniegelenk. Als ich mit dem Finger auf das Bein drückte, wurde ein Knistern hörbar, wodurch sich mein Verdacht nur verstärkte.

- Atanasia! Holen Sie aus dem Luftschutzraum Herrn Doktor Kovács.

Mein Freund stellte sich auch bald ein.

- Was gibt's?

- Schau her! - zeigte ich auf das kranke Bein.

- Gasödem?

- Ja, genau das ist es.

- Was sollen wir jetzt tun?

- Ich weiß es noch nicht, aber wir haben jetzt nur dazu Zeit, dass wir jede Wunde abriechen und wo dieser charakteristische Geruch spürbar ist, dort muss der Verband oder das Gips sofort herabgenommen werden.

- Meinst du das ernst? - wunderte sich mein Freund. - Vierhundert Mann sollen wir abschnuppern?

- Was sonst? Wie kannst du jetzt, bei dem Kanonenfeuer, die Leute verbinden? Das würde drei-vier Stunden lang dauern. Riech' die Wunde noch einmal ab und fange mit der Hundsarbeit am anderen Ende des Krankensaals an.

Wir rochen und schnupperten jeden Verband ab. Vor dem Krankenzimmer der Russen traf ich Pista wieder.

- Hast du etwas gefunden? - fragte ich.

- Einer ist verdächtig, komm schau ihn an.

- Welcher?

- Der mit dem Schenkelschuss im ersten Stock, rechts das dritte Bett.

- Am Vormittag gab es auch bei dem nichts besonderes als wir ihn verbunden hatten, jedenfalls, man muss der Sache nachgehen.

Als wir beim Patienten ankamen, hatte die Schwester den Verband schon herabgenommen. Pista hatte leider recht. Sein ganzer linker Oberschenkel war graubraun und der Geruch... der kann mit keinem anderen verwechselt werden.

- Und was machen wir jetzt? - fragte mein Freund.

- Beiden muss das Bein sofort amputiert werden.

- Du willst die Amputation machen?

- Woran denkst du? Man muss sie ins städtische Krankenhaus bringen.

- Und findest du so ein Rindvieh, das bereit wäre, bei dem Kanonenfeuer jemanden dorthin zu schleppen?

- Wir haben zwei Sanitäter, denen werde ich den Befehl erteilen und ich werde versuchen noch Freiwillige zu finden unter den Zivilisten im Luftschutzkeller.

Dort war auch die Familie Koczkás aus Szeged, das war die Familie des zur Zeit angesehenen Literaturwissenschaftlers, Sándor Koczkás.

- Bitte schön - wandte ich mich an die beim blinzenden Kerzenlicht herumsitzenden und -liegenden Menschen - zweien unserer Soldaten muss das Bein dringend amputiert werden. Wir können die Operation nicht durchführen, aber wenn diese nicht gemacht wird, sind die Kranken in einigen Stunden tot. Wir möchten zwei, sich freiwillig stellende Männer bitten, gemeinsam mit unserer Mannschaft die beiden Verletzten auf Tragbahren, ins städtische Krankenhaus zu bringen.

Alles wurde still... Durch drei nacheinander eintretende Detonationen in unserer Nähe wurde die Gefährlichkeit des Transportes nur bekräftigt.

- Also bitte, zehn Minuten stehen zur Verfügung, um es zu überlegen, wenn sich keiner meldet, dann werde ich die Kranken mit meinem Freund und mit der Mannschaft hinschaffen, aber dann bleibt unser Lazarett ohne Arzt.

Nach einigen Geflüster stellten sich zwei Männer, Sándor Koczkás und noch einer, ich glaube Pater Faragó war es, vor mich hin.

- András, wir machen es - sagte Sanyi, mein ehemaliger Mitschüler.

Ich umarmte ihn und drückte ihm die Hand.

- Der liebe Gott möge euch beschützen...

(Später erzählte mir mein Klassenfreund, gelegentlich eines Abiturjubiläums, dass es unendlich lang gedauert hat, bis sie im Kanonenfeuer diesen, ungefähr einen Kilometer langen Weg, hinterlegt haben. Auch waren die beiden Männer auf den Tragbahren ziemlich wohlbeleibt. Sie konnten sich ein paar Mal nur fest an den Boden geschmiegt fortbewegen, aber sie sind am Ende doch glücklich im Krankenhaus angekommen. Vielleicht wird er diese Geschichte irgendwann auch niederschreiben. Sollte er es nicht tun, so soll dieser kleine Bericht von mir, zum Andenken und als Beweis, dastehen.)

Im Krankenhaus wurde die Operation sogleich vorgenommen und einer von den Beiden überlebte auch, also hatte es sich doch gelohnt...

Und dann, so gegen neun oder zehn Uhr, war die Hölle los...

Die Russen nahmen, aus strategischen Gründen, die ganze Kossuth Straße, die der wichtigste Weg bei einem Rückzug nach Westen war, mit voller Kraft unter Feuer. Flugzeuge erschienen und warfen ihre tödliche Last auf verschiedene Teile der Stadt, dazu kamen dann noch die sogenannten "Stalinkerzen", die Phosphor enthaltenden Leuchtkörper, die an Fallschirmen hängend, herabkamen. Die Stadt leuchtete wie am hellen Tag, und wäre der Krieg nicht als blutige Wirklichkeit überall gegenwärtig gewesen, hätte man all das was sich da abspielte, als ein grandioses weihnachtliches Feuerwerk hinnehmen können.

In immer kürzeren Abständen folgten die Kanonschüsse einander und das durch die Einschläge vorgeführte Konzert erreichte das "Fortissimo-" als auch die Töne der "Stalinorgeln" erklangen. Viu... Viu... Viu... So etwas habe ich noch nie gehört, nur im Kino habe ich diese neue Waffe gesehen, doch die Wirklichkeit war ganz anders. Dieses dröhnende Krachen jagte einem eine ungeheure Angst ein. Alle saßen schweigend im Luftschutzkeller und in einer Ecke begannen Frauen mit dem Gebet Herr, erbarme dich unser, Christus sei uns gnädig!...

Plötzlich erschien eine der Nonnen in größter Aufregung und vor Schreck mal flüsternd, mal laut schreiend:

- Herren Doktors, kommen Sie, kommen Sie, helfen Sie. Machen Sie doch etwas, oben sind die Leute verrückt geworden!

Wir rannten die Treppe hinauf in den Krankensaal, der sich unmittelbar unter dem Dach befand. Wir waren ganz bestürzt von dem, was wir da sahen. Verwundete, die sich kaum bewegen konnten, stürzten sich von ihren Betten hinunter, diejenigen, die ihre Arme bewegen konnten, krochen jammernd zur Tür, einige konnten sich nur wälzend fortbewegen, manche versuchten, sich mit den Beinen Weg zu machen. An der Tür gab es ein Gedränge, Prügelei und Geschrei. Die Krankenschwestern schrieen und jammerten und bemühten sich umsonst, die Kranken zurückzuhalten.

- Leute! - schrie ich. - Leute! Beruhigt euch! Ihr verprügelt einander und werdet dann noch mehr leiden. Ruhe! - schrie ich sie an.

Viel konnte ich aber nicht erreichen.

Und da erschien auf einmal, aus dem dunklen Flur kommend, in der Türöffnung Pater Faragó, im Priesterrock.

- Jetzt soll der "Kuttenträger" zeigen was er kann - flüsterte mir mein Freund zu -, er ist nun an der Reihe.

Der Priester hielt eine brennende Kerze und ein Kruzifix in der Hand. Er stellte die Kerze auf den Boden, kniete sich hin und begann, vor den sich nach außen drängenden verwundeten Männern, halblaut zu beten. Das Gedränge ließ allmählich nach und langsam verstummte auch das Geschrei und das Wehklagen. Der Priester setzte leise sein Gebet fort...

Und dann wurde alles still. Nach einer Weile hörte auch der unter dem Bett liegende Tetanuskranke mit dem Gewinsel auf.

Der Pater machte ein Kreuz, stand auf, küsste das Kruzifix und begab sich zu dem Nächstliegenden. Er streichelte ihm den Kopf und während er ihn unterstützte, brachte er ihn in sein Bett. Dann blieb er in der Mitte des Zimmers stehen...

- Meine Brüder! Ich wende mich an euch alle, welchen Glaubens Ihr auch seid, und ich habe auch für diejenigen was zu sagen, die an Gott nicht glauben. Unser Leben ist in Gefahr und da fühlt man wahrhaftig, wie klein und elend, und wie wehrlos und entblößt der Mensch dasteht. Gibt es da nichts, woran man sich festhalten könnte? Wo findet man Hilfe?

Inzwischen halfen wir den Leuten sich in ihre Betten zurückzulegen, die schweigend der beruhigenden, schönen und ohne jeglichen Pathos gehaltenen Rede zuhörten. Ich hatte das Gefühl, dass der Priester mit diesen Worten auch sich selbst zuredete, es war, als ob er laut nachgedacht hätte.

Auf einmal gab es einen fürchterlichen Knall... Die Fensterscheiben zerbrachen, der größte Teil der Kerzen löschte aus und auch wir warfen uns auf den Boden. Es sauste in unseren Ohren und ein feiner Staub senkte sich langsam nieder.

- Das hat hier eingeschlagen - flüsterte ich Pista zu.

Der Pater unterbrach seine Rede für eine kurze Zeit, aber dann kniete er sich nieder und fuhr fort:

- Lasst uns zu Jesus Christus beten, dass er uns beschütze, und lasst uns auch für diejenigen beten, die an Gott nicht glauben aber mit uns das Los teilen, und lasst uns gemeinsam an menschliche Güte, an Liebe, an Freundschaft und Frieden glauben... Vater unser, der du bist im Himmel...

 

Kapitel III

Gegen Mitternacht hörte das Kanonenfeuer allmählich auf und immer weniger Flugzeuge konnte man hören. Unsere Patienten beruhigten sich und schliefen, übermüdet, ein. Der Priester verbrachte die Nacht bei uns im Krankenhaus und ging von Zimmer zu Zimmer.

Am Morgen wartete uns ein schöner, weißer Weihnachtstag, gleichmäßig, in großen Flocken fiel der Schnee vom Himmel herab und bedeckte die Erde mit einer glänzend weißen Decke und alles sah jetzt so aus, als ob es am Abend vorher ein recht schönes Weihnachtsfest gegeben hätte. Nur an der Hausecke, oben am Dach, starrte ein großes schwarzes Loch auf mich herab, wie die leeren Augenhöhlen eines Totenkopfschädels, was mich an unseren gräulichen Weihnachtsabend erinnerte, den wir vor kurzem erlebten.

Es herrschte eine vollkommene Stille...

Ich ging in den Hof hinaus und stampfte mit dem Fuß in den frischgefallenen Schnee. Dann umging ich das Gebäude und suchte nach Spuren von Einschlägen. Die Fensterscheiben des Turnsaales waren zum Teil zerschlagen und an der Mauer zur Kossuth Strasse gab es Spuren von zersplitterten Granaten. An der Außenseite konnte ich keine Schäden sehen, ich stellte fest, dass wir diesmal Glück hatten und ziemlich gut davonkamen.

Die Krankenschwestern waren schon damit beschäftigt, die Fensterscheiben in den Krankenzimmern mit Papier zuzukleben, als wir mit der Visite und den Verbänden unsere Arbeit anfingen. Die schwer Verwundeten wurden im Verbandraum, die Leichteren im Krankenzimmer verbunden.

Auch die Mädchen waren an den Krankenbetten fleißig bei der Arbeit, sie wuschen die Kranken und brachten sie in Ordnung.

Meine Augen suchten Eva, aber ich konnte sie nirgends sehen.

- Wo ist Eva? - fragte ich Marika.

- Ja, wissen Sie, sie hat einen alten, kränklichen Vater und deswegen ist sie noch gestern Abend nach Hause gegangen.

- Bitte, gehen Sie und holen Sie Eva, wir brauchen auch ihre Hilfe sehr.

Es stimmte schon, dass wir ihre Hilfe brauchten, aber auch das stimmte, dass ich traurig war und Angst hatte, ob etwas mit ihr geschehen ist. Alles konnte ich in der vergangenen Nacht besser ertragen, weil ich überzeugt war, wir wären unter demselben Dach.

- Kathi und ich werden sie herholen - antwortete das Mädchen.

Während ich die Wunden behandelte, kam Pista in den Verbandraum.

- Drei Ärzte sind hier aus dem Krankenhaus, der Direktor ist auch dabei.

- Der Herr Direktor Egenhoffer? - hob Schwester Heliodora den Kopf hoch.

Der Direktor war ein sympathischer, jovialer, hochgewachsener, älterer Herr, er stellte sich vor, und dann machte er uns auch mit seinen Kollegen bekannt. An den Namen des Einen erinnere ich mich nicht, der andere hieß Doktor Miller. Er war ein Flüchtling aus Polen, der, nachdem die polnische Armee zerschlagen wurde, wie mehrere tausend seiner Landsleute, in Ungarn, wo man ihnen vor der Verfolgung durch die Deutschen, "offiziell" und auch geheim, ein Asyl bot.

Der Direktor sagte mir, ein bischen herablassend (was mir nicht allzu sehr gefallen hat), er möchte sich über das "Krankengut" durch einen flüchtigen Umgang informieren und noch einen oder zwei Schwerverwundete könnte er übernehmen.

- Das freut uns sehr und wir sind Ihnen dankbar, Herr Direktor. Wir hätten hier mehrere Patienten, deren Behandlung mehr Fachkenntnis beanspruchen würde.

- Wir können nur einen oder zwei Verwundete übernehmen, solche, die operiert werden müssen.

- Zwei sind es, bei denen das äußerst wichtig wäre.

Ich zeigte ihm den wegen Bauchschuss operierten Patienten, dieser hatte, wahrscheinlich infolge einer Bauchfellentzündung, hohes Fieber.

- Na ja - murmelte der Chefarzt -, wie ich sehe, muss der bald auf den Operationstisch. Wir übernehmen ihn... Und wen habt Ihr noch da?

- Wir haben einen neunzehnjährigen Ingenieurstudenten, den man nach einwöchiger Ausbildung eingesetzt hat, noch dazu in der Nacht, und vor Aufregung hat er die Handgranate vor sich selbst niedergeworfen. Der Splitter ist in der rechten Schläfengegend eingedrungen und der Mann ist an beiden Augen erblindet. Sein Allgemeinzustand ist übrigens in Ordnung, aber außer dem, dass wir ihn verbinden, können wir mit ihm nichts vornehmen.

- Der unglückliche Junge, der ist wahrscheinlich vom Universitätsbataillon... die Schlächter... - bemerkte er, mit gedämpfter Stimme.

Nachdem er den jungen Mann untersucht hatte, sagte er:

- Er muss auch hinübergebracht werden. Was seine Augen betrifft, viel Hoffnung gibt es da nicht, aber die Augenärzte werden etwas versuchen.

Als wir im oberen Stock an den Tetanuskranken kamen, der schon ab und zu in seinem Bett saß und auch seltener mit den Zähnen fletschte, flüsterte mir der Direktor in die Ohren:

- Wer ist der wunderliche Kauz da? Hatte er vielleicht Luftdruck bekommen, dass er so grinst?

- Tetanus hat er seit drei Wochen, aber ich meine, der wird jetzt schon überleben, essen kann er auch schon.

- Das ist brav, der Mann hat Glück. Womit habt Ihr ihn behandelt?

- Mit Tetanusserum, solange wir welches hatten, aber vor allem mit Rum. Die Hälfte des Vorrats, den das Krankenhaus hatte, hat er getrunken.

- Wie geht es Ihnen? - wandte sich der Chefarzt an den Patienten.

- Da... danke, jetzt schon zie... ziemlich gut, nur möchte ich immer nur Mi... Milch trinken.

- Darüber wundere ich mich nicht, aber das wundert mich schon, dass er kein Magengeschwür bekommen hat.

Wir übersahen sämtliche Patienten. Wir hatten viere mit Verletzungen am Brustkorb, aber diese konnten wir dem Krankenhaus nicht übergeben.

- Übervoll ist es bei uns, es geht nicht. Vielleicht, wenn sich ein Fieber einstellt, aber auch in dem Falle kann ich nichts versprechen. Übrigens, Ihr sollt jetzt über die Zukunft Bescheid wissen. Es sieht so aus, dass es in der Stadt keinen einzigen Soldaten mehr gibt. Die Russen befinden sich am nördlichen Stadtrand, unsere Truppen dagegen haben die Stadt bereits verlassen. Also, Ihr müsst auch weiterhin hier aushalten - wandte er sich an mich. - Der polnische Doktor Miller bleibt hier bei euch, er wird euch helfen, natürlich wird er dir unterstellt sein, aber gewiss wird er euch keine Sorgen bereiten, er ist ein sehr ordentlicher Mensch. Ein wenig Lebensmittel lasse ich euch bringen, solange bis man nicht wieder schießt, und ich werde auch versuchen für die Schwerkranken Milch zu verschaffen.

Dann schlug er uns auf die Schulter, drückte uns die Hände, und sagte:

- Mut, Jungen! Macht nur so weiter, haltet durch!

Wir schauten dem sich entfernenden Auto nach, schwiegen eine Weile, dann sagte Pista:

- Jetzt fass' mal da das große Nichts an...

- Aber es ist doch gut, dass er diese zwei Patienten übernommen hat - sagte ich. - Komm, machen wir uns an die Arbeit, denn bald wird auch der Prior hier sein. Ich werde den Pater bitten, die Daten der Toten aufzuschreiben, vielleicht wird das von uns noch gefordert werden.

- Zwei sind heute Nacht gestorben, nicht war? - fragte mein Freund.

- Nein... Drei.

- Wer ist der Dritte? Der Eine dem das Kinn zerschossen wurde, der andere der stumme Russe mit dem Kopfschuss... Und?...

- Ich habe es dir noch nicht gesagt, denn wegen dem Besuch ist es mir aus dem Sinn gekommen, im oberen Krankenzimmer ist der Feldwebel gestorben, dem Hauptmann Hunyadi die Milz und gleichzeitig auch die linke Niere entfernt hat. Auch der war so dagelegen wie der Russe, mit Weihnachtspäckchen in seinen Händen.

Plötzlich hörten wir vom Hof her das starke Brummen eines Motors und ein lautes Gerassel dazu. Ich dachte, die Russen wären da und wir begaben uns ans Fenster, aber mit Staunen sahen wir, wie ein Zrinyi Panzer, im Rückwärtsgang, durch den schmalen Toreingang hereingerappelt kam.

- Wo kommt der her? - fragte Pista. - Der Direktor behauptete, die ungarischen Truppen wären von hier schon weggezogen.

Inzwischen stiegen einige aus dem Panzer aus und von zwei Männern wurde, auf ihren übereinander gekreuzten Händen ein augenscheinlich am Bein Verletzter zu uns heraufgebracht.

Schnürstiefel kamen laut herangestampft und die Tür des Verbandraumes wurde geöffnet.

- Guten Tag - begrüßte uns ein Feldwebel in einer etwas nachlässigen Haltung. - Könnten Sie unserem verwundeten Kameraden Hilfe leisten?

- Legen Sie ihn dorthin - sagte ich, auf einen Tisch weisend. - Was ist geschehen? Und wieso sind Sie noch immer hier? Man hat uns ja gesagt, in der Stadt gäbe es keine Soldaten mehr, weder Russen, noch Ungarn.

Inzwischen nahm Schwester Heliodora vom linken Unterschenkel des Verwundeten den von Blut durchtränkten, in Eile angelegten Verband ab und eine nur wenig blutende Schusswunde an der Wade wurde sichtbar.

- Zum Glück ist das nicht schlimm - sagte ich, als ich mir die Wunde ansah. - Aber was ist eigentlich jetzt die Lage? - wandte ich mich an den Feldwebel.

- Jetzt beherrschen wir die Stadt - sagte er, mit einem schelmischen Augenblinzeln - nur solle es uns gelingen, aus dieser Zwickmühle rauszukommen. In der vorausgegangenen nächtlichen Schlacht ging, 15 oder 20 Kilometer weit von hier, unser Motor kaputt. Die Russen sausten an uns vorbei und so befinden wir uns jetzt hinter ihrem Rücken. Der Rand des Dorfes war nicht weit, ich weiß gar nicht, wie die Gemeinde da heißt, dort haben wir in einem Haus am Dorfende den Morgen abgewartet. Wir wollten nicht in Gefangenschaft geraten, denn wir fürchteten, dass wegen der zwei ausgeschossener T-34-er, die auch jetzt noch dort am Feld liegen, uns der Garaus gemacht wird. Als es dämmerte, sagte ich meinen Leuten, ich meine, der Motor wäre verstopft, ich geh' mal raus und schau nach, vielleicht ist der Schaden nicht allzu groß und er wird noch losgehen. Sie wollten mitkommen, aber ich hatte es nicht zugelassen, denn auch ein einziger Mensch fällt im Schnee auf. Ich sagte meinen Leuten, solltet Ihr ein Motorbrummen hören, dann macht euch schnell auf die Beine und lauft wie ihr könnt in Richtung unseres Panzers. Gott sei Dank, dieser hat uns auch nicht im Stich gelassen, nach einigen Putzen fuhr er auch schön gehorsam los. Bald sah ich auch meine Kameraden kommen, sie rannten wie sie nur konnten, aber von wo der herkam, weiß ich nicht, von einem Russen wurde uns eine Schussreihe abgegeben und so bekam Jóska die Kugel ins Bein.

- Und wie sind Sie durch die russische Linie durchgekommen? - sah ich ihn neugierig an.

- Ja... wir zogen den Hals ein und fuhren mit Volldampf fest drauf los.

- Und die haben nicht geschossen?

- Zum Teufel, und wie sie geschossen haben, an der Wand unseres Wagens prasselte es, wie Hagelschlag an einer Blechwand hörte es sich an, aber die Muskas (Russen) schienen so erstaunt gewesen zu sein, dass sich ihre Artillerie augenblicklich nicht besonnen hat.

Ich behandelte die Wunde, verband sie und wies dem Mann einen Platz an, wohin man ihn legen sollte.

- Herr Doktor, ich kann nicht hier bleiben, ich muss weiter mit den Jungs - wehrte sich der Verwundete.

- Wir nehmen ihn auch mit, wir waren bisher immer, in Gut und Böse, stets beisammen - fuhr der Feldwebel fort -, ich bin zwar kein Arzt, aber Herr Doktor, Sie müssen ja auch einsehen, seine Verwundung ist nicht so schwer, dass wir ihn nicht mitnehmen könnten.

Ich wollte die Mannschaft von ihrem Vorhaben abreden, aber es ging einfach nicht. Sie tranken je eine Tasse Tee und machten sich auf den Weg. Der Feldwebel rief mir noch zu:

- Noch einmal vielen Dank, Herr Doktor, und seien Sie nicht böse, aber wir müssen uns eilen, vielleicht schlafen die Russen noch und das soll ausgenützt werden.

- Lassen Sie ihm an der Nothilfestelle Tetanusimpfung geben, denn wir haben keine! - rief ich ihnen nach.

Der Panzer fuhr mit großem Gerappel davon.

Mehrere Wochen später fragte ich die Leute aus der Umgebung, ob sie einen ausgeschossenen Zrínyi Panzer im westlichen Stadtrand gesehen haben. Von Mehreren bekam ich die Antwort, Tiger und T-34-er wären da herumgelegen, die an die Kämpfe, die hier ausgetragen wurden, erinnerten, aber keinen Zrínyi Panzer hätten sie gesehen. Ist es denen also doch gelungen, die Stadt zu verlassen?

Bald stellte sich der nächste Besuch ein: Der Benediktinerabt, den ein junger Priester begleitete. Der Abt selbst war ein etwas beleibter Fünfzigjähriger, mit einem dicken Hals, aber er bewegte sich frisch und wendig. Er konnte sehr diplomatisch verhandeln.

- Lieber Herr Doktor, ich bin gekommen, um Sie kennenzulernen, als den neuen Befehlshaber des Krankenhauses und ich danke Ihnen gleichzeitig, dass Sie mir Zeit widmen konnten.

Er sprach noch eine Zeitlang über nichtssagende Dinge, Pista und ich saßen unruhig auf unseren Stühlen, bis am Ende aus der gezierten Rede herauskam, wir sollten gegebenenfalls aussagen, dass die Abtei zum Krankenhaus gehört. Besser gesagt: wir sollten den Priestern Schutz gewährleisten.

Das versprach ich ihm, aber was der gegebene Fall sein wird und was ich dann tun werde, das wusste ich durchaus nicht.

- Und noch etwas, liebe Herren Ärzte - fuhr er fort -, ich möchte Ihnen ein Zimmer anbieten, ziehen Sie in das benachbarte Gebäude um, dort ist es ja doch bequemer. Bei uns ist die Heizung ungestört.

- Das ist wirklich sehr nett von Ihnen, Herr Kanonikus - übernahm ich seine Redensweise und inzwischen schaute ich unsicher blinzelnd drein, ob ich ihn nicht unter seinem Rang angesprochen hätte -, wir können aber ihr großzügiges Angebot nicht annehmen, denn wir können unsere Patienten nicht verlassen. Damit jedoch gleich auch praktisch bewiesen werde, dass das Ordenshaus und das Krankenhaus zusammengehören, möchte ich Sie bitten, unserem Koch zu genehmigen, unsere, nur mehr für einige Tage genügenden Lebensmittel, aus ihrem Vorrat zu ergänzen.

Der Abt versprach uns jedwede Hilfe und beide Mönche entfernten sich in guter Stimmung. Ich begleitete sie bis zum Tor.

Pista sagte während des Besuches kein Wort, nur als ich zurückkehrte äußerte er seine Meinung.

- Also? - sah ich ihn fragend an.

- Der Kuttenträger hat unheimlich Angst - murmelte er leise, damit es die Schwester nicht hört.

- Wieso? Und geht es dir nicht ebenso?

- Mein Lieber, ich hatte noch keine Zeit darüber nachzudenken. Übrigens, ist es auch schon höchste Zeit, dass auch du Zivilgewand anziehst, damit du gegebenenfalls aus Angst diese schöne Militärhose nicht verschmutzest.

- Die Sanitäter sind angekommen - sagte eine Krankenschwester, in der Tür stehend.

- Auch mein Freund, Sanyi Koczkás? - fragte ich.

- Den kenne ich nicht, aber alle viere sind da.

- Wo?

- Unten im Luftschutzraum.

Wir rannten hinunter in den Keller. Sanyi war blass, mit vor Entsetzen übermüdeten Augen konnte der sonst sich so schön ausdrückende junge Mann nur soviel herausbringen: es war schrecklich, fürchterlich war's, ganz in unserer Nähe schlugen die Granaten ein, einmal haben wir die Tragbahre weggeworfen.

Die Einzelheiten - wie schon erwähnt - hat er erst gelegentlich eines Abiturjubiläums, schön zusammenhängend erzählt.

Gegen Mittag kamen die Mädchen an, auch Eva war mitgekommen.

- Schwester - jetzt redete ich sie schon so an -, haben Sie schon Ihre Diensteinordnung?

- Ich habe noch keine - antwortete sie leise.

- Dann werden Sie mit mir im Verbandraum arbeiten.

Der Tag verging in so einer Ruhe, als wären wir gar nicht mitten drin im Kriegsgeschehen gewesen. Unserem Abendessen verlieh das Kerzenlicht eine angenehme und gehobene Stimmung. Doktor Miller unterhielt uns mit alten polnischen Anekdoten. Er war geistreich, aber wir machten uns vor allem über seine komische ungarische Redeweise lustig.

Wir gingen früh zu Bett. Aus dem ersten Schlaf weckte mich das Klopfen an der Tür.

- Herr Doktor! Herr Doktor, bitte, kommen Sie schnell! - sagte eine Krankenschwester, ganz außer Atem.

- Was ist los? - zog ich schnell meine Hose an.

- Im Keller ist eine junge Frau am Gebären!

Pista war auch schon aufgestanden und zündete die Kerze an.

- Was sagt die Schwester?

- Das sich bei jemandem im Luftschutzraum die Wehen eingestellt haben. Nur das hat mir noch gefehlt.

- An jenem Kurs, den du im Sommer durchgemacht hast, gab es keine Vorträge über Geburtshilfe? - sah er mich mit schläfrigen Augen an.

- Zum Teufel! So was gab es nicht, warum hätte man das unterrichten sollen, im ungarischen Heer gibt es ja keine Marketenderinnen.

- Was willst du jetzt tun?

- Ich will mal sehen, wie eine Normalgeburt abläuft, bisher hatte ich sowieso nur das gewusst, wie das Ding hineinkommt, aber wie es herauskommt, das werde ich erst jetzt erfahren.

- Also, Herr Befehlshaber - lachte mein Freund -, jetzt wird es mit deinem Ansehen auch aus sein. Aber ruf mich nur, wenn es schief geht.

Während ich die Treppe hinunterging, fragte ich die Nonne:

- Ist jemand von Ihnen schon dabei?

- Woran denken Sie?! Herr Doktor, wissen Sie nicht, dass wir bei Geburten nicht anwesend sein dürfen?

- Und wer wird dann Hilfe leisten?

- Der liebe Gott.

Während ich so hinunterlief, durchkreuzten so manche, mir einen Schreck einjagende Gedanken meinen geburtshelferisch durchaus unwissenden Kopf und vor Komplikationen, von denen in Laienkreisen herumgeredet wurde, bekam ich eine unheimliche Angst: Querlage, Beckenendlage, ineinander verwickelte Zwillinge, geplatzte Gebärmutter, Verblutung. Mehr davon viel mir nicht ein, aber auch das genügte, dass ich in Schweiß gebadet, unten im Keller ankam.

Welch ein Glück, dass wir dort einen Verbandraum für Notfälle eingerichtet hatten, sonst hätte die junge Frau auf einem Kohlenhaufen ihr Kind zur Welt bringen müssen.

Ich stürzte zur Kellertür hinein...

Mein Gott, was hörte ich da? ... Oa! Oa! Oa!

Dann ist das Kind schon draußen!

Ich ging dorthin, von wo die Stimme kam. Einige Frauen umstanden die Mutter und eine wischte auch schon das kleine, gesunde Kind ab. Es war ein Mädchen.

- Viel zu tun bleibt Ihnen da nicht mehr übrig, Herr Doktor - sagte eine der bei der Geburt helfenden Frauen -, der Mutterkuchen ist auch schon geboren, aber gucken Sie mal hin für einen Augenblick.

Ich guckte hin...

Die hübsche, kleine, braunäugige, schwarzhaarige junge Frau strahlte vor Freude, und hatte Tränen in den Augen. Ich gratulierte ihr.

- Herr Doktor, an so einem Ort, im Keller wurde sie geboren. Sie ist unser erstes Kind... Und er... mein Mann, weiß Gott, wo er jetzt ist....

Da begann sie zu weinen und beruhigte sich erst dann, als man ihr das Kind in die Arme legte.

- Ein Weihnachtsgeschenk - sagte ich -, und wie schön ist es!

- Maria werden wir sie nennen - und sie umarmte fest das zappelnde, schwarzhaarige Menschenkind.

Früh am Morgen des nächsten Tages hörte man wieder Schüsse hie und da, diese kamen von Handwaffen. Wir standen ziemlich früh auf, ich zog mein Zivilgewand an. Meine Pistole versuchte ich an so einem Ort zu verstecken, wo auch ich selbst sie niemals suchen würde, wäre ich an dessen Stelle, der sie auffinden möchte.

- Pista! Verstecke auch du diese Waffe, man kann sie unter deinem Sakko sehen und wenn man sie findet, wird es uns beiden schlecht gehen - machte ich meinen Freund aufmerksam. - Diese Männer aus den vordersten Frontlinien sind keine barmherzigen Brüder...

- Ich werde einen besseren Platz suchen, aber erst geh' ich mal schnell in die Küche und schau nach, ob es was warmes zum Frühstück gibt - und er verließ mit eilenden Schritten das Zimmer.

- Immer kommt dein Magen zuerst! - rief ich ihm nach.

Plötzlich wurden wir durch schrilles Maschinengewehrfeuer aufgescheucht. Mein Herz schlug in meinem Hals, denn es hörte sich so an, als ob man schon im Zimmer geschossen hätte.

Ich schaute zum Fenster hinaus... Vier sowjetische Soldaten, mit schlitzäugigen Tatarengesichtern, standen im Hof mit schussbereiten Maschinengewehren, der eine hatte sein Gewehr gegen den Kirchturm gerichtet.

Nervös und verlegen schauten sie um sich herum und als sie unsere kleine, am vorigen Tag in aller Eile angefertigte Fahne mit dem Roten Kreuz, die an der Wand befestigt war, bemerkten, kam einer von den Männern im Laufschritt zum Eingang.

Mit dieser Angelegenheit musst du dich auch zurechtfinden - ermutigte ich mich selbst und lief die Treppe hinunter.

Unten sah ich, dass der übereifrige, kleine Soldat, schreiend und mit seinem Gewehr drohend, die Leute aus dem Keller hinausjagte, sogar auch die Verwundeten.

Wo zum Teufel mag mein Freund steckengeblieben sein, gerade jetzt, wo man seine russischen Sprachkenntnisse so sehr brauchen würde - dachte ich verärgert, aber ich ging zum Russen und versuchte ihm, mit lauter Stimme, klarzumachen, das hier Kranke untergebracht sind.

- Hospital, Hospital! - schrie ich.

Die russischen Verwundeten, die bewegungsfähig waren, kamen nach und nach herauf aus dem Keller, wohin sie sich zurückgezogen hatten und mit deren Hilfe gelang es, den mit seinem Maschinengewehr herumfuchtelnden Schützen zu beruhigen.

Nicht weit vom Toreingang erblickte ich Pista, der aufgeregt gestikulierend mit den übrigen drei Russen redete. Ich näherte mich der Gruppe und da sagte mein Freund, ich wäre auch Arzt und arbeite hier in diesem Krankenhaus.

Ich merkte, wie sein Gesicht mal blass, mal purpurrot wurde, scheinbar war auch er aus seinem gewohnten Gleichgewicht gekommen.

Aber warum greift der immer nach seiner rechten Hosentasche?... Ich sah ihn aufmerksam an und begann danach ebenfalls zu schwitzen: Der törichte Kerl hatte noch immer seine Pistole in der Tasche!

Mit zitternder Stimme fragte ich die Soldaten, ob sie ungarisch können. Nachdem sie verneinend den Kopf schüttelten, sagte ich zu Pista:

- Was um Gottes Willen sollen wir jetzt tun?! Greif' wenigstens nicht ständig deine Hose an - zischte ich - wie ich sehe, hast du deinen "Stucker" noch immer dabei. (Ich sagte absichtlich weder Pistole, noch Revolver.)

- Ich hatte nicht einmal Zeit ihn wegzuwerfen, so schnell haben sie mich überfallen.

Dann wandte er sich wieder an die russischen Soldaten und redete ihnen weiter zu.

- Was wollen die eigentlich? - unterbrach ich ihn.

- Sie suchen das Vorratslager. Ich versuche ihnen zu erklären, dass es so etwas nicht gibt, weil vom Krankenhaus alles mitgenommen wurde, als es von hier wegzog.

Sie glaubten uns das wirklich nicht, denn der mit den meisten Sternen, sprach immer lauter.

- Zeig' ihnen den Turnsaal, wo einst unser Vorratslager war. Dort gibt es noch genug Kram, Schachteln, Kisten, da können sie schon sehen, welch eine überstürzte Flucht sich hier abgespielt hat. Und bitte, sei so gut und greife keinesfalls nach deiner Hosentasche!

Inzwischen wurde der im Inneren des Gebäudes sich hitzig gebärende kleine Soldat von seinen Landsleuten hinsichtlich dessen beruhigt, dass es im Krankenhaus keine "germanski Soldat" gäbe, weder verwundet, noch heil und gesund wären keine da und Waffen habe es hier nie gegeben.

Pista kam mit seinem Geleit bald aus dem Turnsaal zurück und schon von der Eingangstür her sah ich, dass meinem Freund der Mund von einem Ohr bis zum anderen reicht.

- Was ist mit dir passiert? - fragte ich, als sie mich erreichten.

- Ich bin den Scheißdreck endlich losgeworden. Als die Jungs da herumguckten - und er zeigte mit dem Kopf auf die Russen - warf ich ihn auf einen Haufen von Lumpen und Stroh, so dass man nichts hören konnte und er verschwand auch gleich im Hüllhaufen.

Die Sonne erschien und die Russen, die sich bewegen konnten, kamen alle in den Hof und blinzelten im strahlenden Licht. Ich dachte, jetzt wird die Freude groß sein, sie werden sich gleich umarmen und sich nach slawischer Sitte, küssen. Aber zu meinem Erstaunen, einer der "vielsternigen" kam zu einem Schützen, der am Arm verwundet war und schrie ihn ganz grob an, während er dem Mann an seinem Arm herumzerrte. Ich dachte, gleich wird er dem auch eine Ohrfeige geben.

- Was schreit der? - wandte ich mich an Pista.

- Er hat gesagt, wegen dieser kleinen Wunde hättest du nicht sofort kapitulieren müssen, du Schwein.

Bald erschien ein Beiwagenmotorrad mit drei Mann darauf, der eine war ein Hauptmann. Die uns zuerst besuchenden Soldaten gingen hin, von weitem sah es so aus, als ob sie über das hier Gesehene Bericht erstatten würden, und dann verließen sie salutierend den Hof.

Mit den neuen Ankömmlingen unterhielten wir uns überein und dasselbe: Wo befindet sich das Vorratslager?

- Es gibt hier kein Lager - war die Antwort.

Der Hauptmann ließ aber nicht nach. Pista zeigte ihm einen jeden Raum, aber der traute nicht einmal seinen eigenen Augen. Er schüttelte den Kopf und wiederholte mehrmals, es wäre unglaublich, dass man hier so viele Verwundete sozusagen ohne nichts hinterlassen hatte.

Sie gingen auch in den Keller hinunter, und dass der Teufel sie hole, da fanden sie das gelagerte Leder vor.

Dies hat uns, aber vor allem unseren Patienten, sehr viel Ärger bereitet, denn von da an erschienen zu verschiedenen Tageszeiten, manchmal aber auch nachts, LKW-s und luden mit riesigem Lärm das Leder auf, so dass wir keine Ruhe hatten.

Der Hauptmann ging weg und bald darauf erschien ein "privater" Kriegsheld in ziemlich "gehobener Stimmung" und forderte ein reines Hemd, da er überzeugt war, in einem Krankenhaus müsse es so etwas geben. Darauf folgte eine Auseinandersetzung mit Pista, die eine Weile dauerte und zu keinem Ergebnis führte, am Ende wurde er dann von meinem Freund in den Raum geführt, wo allerlei Kram aufeinander gestapelt dalag, unter anderem befanden sich darunter auch die Kleider der Verstorbenen und da sagte er dem Mann, er solle sich hier etwas aussuchen, wenn er aber unbedingt etwas rein gewaschenes braucht, dann könnte er ihm nur sein eigenes Hemd geben. Der Mann hob ein Hemd aus dem Haufen heraus, das zwei, von Kugeln stammende Löcher hatte, und mit Blut befleckt war; da warf er das Hemd mit Grauen und Zorn auf den Boden, ließ meinen Freund stehen und ging, fluchend und mit unsicheren Schritten, davon.

Kaum hatten wir mit der Behandlung unserer Patienten angefangen, stellte sich wieder ein Gast ein. Ein Major, in Begleitung zweier bewaffneter Soldaten. Pista ging ihm entgegen und kehrte bald in den Verbandraum zurück.

- Bandi, komm' ins Krankenzimmer da unten, dieser Offizier behauptet, er wäre ein Chirurg und er möchte mit dem Befehlshaber oder dem Chefarzt sprechen.

Der russische Offizier war ein sympathischer Soldat, streng und entschlossen. Er reichte mir die Hand nicht und sprach kurz und bündig, ihn interessierten die Verwundeten, die einen Bauchschuss erlitten hatten. Ich zeigte ihm einen, der zwar eine Bauchwunde hatte, aber nur die Muskulatur wurde dabei beschädigt. Als er den Patienten untersuchte, sah ich, dass er sich auf seine Sache versteht. Er tastete den Kranken ab, sah mich mit zornig funkelnden Augen an und machte eine Handbewegung aus der ich sah, dass er die Verletzung für unbedeutend hielt, dazu sagte er etwas, was ich nicht verstand.

- Was hat er gesagt? - fragte ich meinen Freund.

- Ich habe ihn nicht genau verstanden, aber so etwas, dass du ihm nichts vormachen solltest.

Wir begleiteten den Russen in den Krankensaal. Dort untersuchte er einen jeden und sagte, die zwei Brustverletzten würden hier bleiben, die übrigen werde man von hier wegtransportieren. Die zwei Russen dagegen solle man in ein abgesondertes Zimmer legen und, natürlicherweise, bestens versorgen. Mein Freund machte große Augen.

- Wo sollen wir ein extra Zimmer hernehmen? - sagte ich verblüfft. - Und was die Versorgung betrifft, bitte, mache ihm klar, dass wir hier, abgesehen von der Nationalität, mit einem jeden auf gleiche Weise umgehen und auch bisher umgegangen sind.

- Das habe ich ihm schon gesagt, aber er hat uns geantwortet, um 16 Uhr würde ein Sanitäter hier erscheinen und die Erfüllung seiner Wünsche (seines Befehls) überprüfen.

- Also, das heißt: "Vae victis" - Wehe den Besiegten!

- Genau wie du es sagst.

Der Major zeigte noch einmal auf seine Uhr, dann schaute er erst auf Pista, dann auf mich, und fuhr auf Deutsch fort. "Um sechzehn Uhr! Ja?" Mein Freund nickte, ich aber stand dort wie jener Esel aus der Bibel und erinnerte mich gar nicht, ob ich seinen Abschiedsgruss erwidert hatte.

Bald erschien ein LKW und die Russen wurden mitgenommen. Einige schüttelten uns die Hände und äußerten so etwas wie Dank, manche klopften uns auf die Schultern.

Die zwei, die am Brustkorb verletzt waren, wurden bei uns hintergelassen. Der eine war gegen vierzig, der andere ein Zwanzigjähriger.

Der Unterredung mit dem Major hatten auch sie beigewohnt und als dieser weggegangen war, stellten sie auch gleich ihre Anforderungen an uns, wir sollten auch sofort entsprechende Maßnahmen treffen, denn man müsse ihnen Steppdecken und eine extra Verpflegung zukommen lassen.

- Auch diese geben uns Befehle - murmelte ich, als mein Freund mir die dringenden Wünsche der beiden Männer übersetzte. - Wo sollen wir denen ein gesondertes Zimmer und Steppdecken hernehmen.

- Bandi! Ich habe eine Idee.

- Dazu ist es auch höchste Zeit. Und was wäre das?

- Die Abtei!

- Daran habe ich gar nicht gedacht.

Wir gingen hinüber zum Abt und baten ihn, uns ein Zimmer mit zwei guten Betten zu geben, denn wer weiß, welche Unannehmlichkeiten uns dadurch erspart bleiben werden.

Mit einer Handbewegung ließ er uns wissen, dass man da nicht umhin könne und sagte:

- Vis maior, Herren Doktors.

So wurden die zwei Russen in ein schönes, helles Möncheszimmer verlegt, dessen Luxus auch dem Oberbefehlshaber entsprochen hätte.

Am Nachmittag, Punkt vier, erschien der Sanitätsleutnant und nickte zufrieden mit dem Kopf, als er sah, wie die beiden Soldaten untergebracht waren. Beim Weggehen sagte er noch etwas zu Pista.

- Was wollte er? - fragte ich.

- Er hat gesagt, wenn einer von den Beiden stirbt, dann können wir zusehen, wie wir davonkommen.

- Wie wir davonkommen!... Warum droht er uns? Die ganze Sache bereitet mir sowieso genug Sorgen; und noch dazu können wir jetzt mit der Verbandausrüstung zweimal täglich gesondert hin und her laufen.

- Reg' dich nicht auf, letzten Endes haben sie keinem was angetan. Die Fallschirmjäger haben alle ihre Abzeichen versteckt, weil sie sich vor einer Vergeltung fürchteten. Ich nehme an, dass das auch die Folge irgendeiner einheimischen Propaganda ist. Sie sagten, ein Blutgeld wäre auf sie ausgesetzt.

Dieser lange Tag wollte kein Ende nehmen. Mein armer Freund hat tagsüber so viel reden müssen, wie sonst nicht einmal ein Jahr hindurch. Wir waren müde vor so viel Aufregung und das Abendessen in der Gesellschaft der Mädchen tat uns äußerst wohl.

Am nächsten Morgen wartete eine kleinere Gruppe Leichtverletzter vor dem Verbandraum auf uns.

- Herr Doktor - sagten sie, nachdem sie mich begrüßten -, wir sind von hier aus der Umgebung und möchten nach Hause.

Ich dachte nach...

- In dreierlei Dingen kann ich keine Verantwortung übernehmen. Erstens: Eine weitere ärztliche Behandlung kann nicht gewährleistet werden. Zweitens: In Uniform können Sie in Gefangenschaft fallen, der Krieg ist ja noch gar nicht zu Ende. Drittens, sollte man die Russen doch zurückschlagen, dann werden Sie als Fahnenflüchtig gelten.

- Geben Sie uns ein Schreiben, Herr Doktor - sagte ein mich offen und aufrichtig ansehender Unteroffizier.

- Was für ein Schreiben? - sah ich ihn fragend an.

- So etwa, wir würden zum Patientenbestand des Krankenhauses gehören, aber ein äußerer Aufenthalt wäre uns genehmigt.

Ich zerbrach mir den Kopf, denn jedenfalls wäre es eine Erleichterung, wenn sich die Anzahl der Patienten vermindern würde. Außerdem haben die Männer auch recht, warum sollten sie nicht heimkehren können?

Ein dodonaisch verfasstes Dokument wurde ausgestellt und abgestempelt und so konnten ungefähr vierzig Mann ihren Weg gehen.

- Vielen Dank, Herren Doktors! - sagten sie beim Abschied.

Während des Abschieds schaue ich mir den Einen an und erkenne ihn.

- Aber Szilágyi! Sie waren ja ganz taub und konnten wegen des Luftdrucks auch noch heute Morgen gar nicht reden.

- Hja, Herr Doktor! Es gibt einen Gott im Himmel und Wunder gibt es auch noch! Übrigens bedanke ich mich recht schön für Ihre Geduld und die Behandlung.

- Der Teufel hole Sie!... Ihnen zuliebe versuchte ich schon die Taubstummensprache zu erlernen. Es ging mir schon ganz gut und jetzt muss ich damit abbrechen, die ganze Mühe war umsonst.

- Ja, manchmal hat mir Herr Doktor auch leid getan, dass er vor Schreien fast heiser wurde. Manchmal sauste es mir auch in den Ohren, wegen dem Geschrei, aber "Aushalten"..., das hat auch Szálasi gesagt, und ich habe es auch ausgehalten, ohne ein Wort zu sagen. Seien Sie mir nicht böse... Man hat aber nur ein einziges Leben.

- Der Simulant hat uns gut an der Nase geführt - brummte Pista -, aber man kann von ihm was lernen.

Am Vormittag suchte mich ein, sich sehr untertänig gebührender Mann in den vierziger Jahren, auf. Er war in Zivilkleidung und sein Gesicht schien mir bekannt zu sein. Ich erinnerte mich dann auch daran, dass er vor einigen Wochen unser Patient war in der internen Abteilung.

Auch Eva war bei mir im Zimmer beschäftigt und sie flüsterte mir zu:

- Ich kenne den Mann, er ist ein Zuckerbäcker, nicht weit von unserer Wohnung hat er sein Geschäft.

Der Mann rutschte eine Zeitlang hin und her auf seinem Stuhl und nach langem Umherreden brachte er endlich sein Anliegen hervor, eine Schrift wäre ihm nötig, denn eigentlich wäre er ja noch im Militärdienst, aber einerseits, er möchte nicht in Gefangenschaft geraten, andererseits, falls die Frontlinie wieder zurückverlegt wird, dann sollten ihn die Pfeilkreuzler nicht als Fahnenflüchtigen festnehmen.

- Also, Sie würden eine solche Schrift brauchen, wodurch bestätigt wäre, dass Sie krank sind und zum Bestand unseres Krankenhauses gehören? - fragte ich.

- Ja, das würde ich brauchen. Aber ich werde nicht undankbar sein, Herr Doktor - eilte er mit der Antwort -, und ich bin auch wirklich krank, ich habe Nierensteine und habe, auch zur Zeit, Blut im Harn.

- Schauen Sie, mein Lieber, Sie sollen mich nicht missverstehen, ich würde Ihnen auch ohne ihre Dankbarkeit gerne helfen - antwortete ich -, aber da muss man so was herausfinden, was für einen jeden gut wäre und einem jeden entspricht.

- Bitte, Herr Doktor, ich weiß, dass Sie mit Lebensmitteln schlecht versorgt sind, wenn ich die Schrift bekomme und so lange ich diese brauche, werde ich Sie jeden Tag mit Gebäck versorgen, ich bin nämlich Zuckerbäcker und backe jeden Tag.

- Wissen Sie, dass wir hier beinahe Dreihundert sind?

- Ja, das weiß ich.

- Warten Sie mal hier ein bischen, ich muss das noch besprechen.

Ich suchte Pista auf und erzählte ihm, warum mich der Mann aufgesucht hat.

- Was ist deine Meinung? - fragte ich.

- Keinen Augenblick sollst du es überlegen. Egal was für ein Dokument wir ausstellen, zur Zeit ist es sowieso nichts wert und das Angebot ist unglaublich, der Mann ist mehr als großzügig. Ich weiß gar nicht, wann ich zuletzt Feingebäck aus einer Konditorei gegessen habe.

- Dann werden wir auch ihm ein solches Schreiben geben, wie den Anderen, die weggegangen sind.

So gaben wir auch dem Zuckerbäcker ein Schreiben (das ihm zwei Wochen später das Leben gerettet hat), und warteten, ob er sein Versprechen halten wird.

Und er hielt es...

Die Patienten (und auch wir natürlich) konnten kaum das Mittagessen erwarten, wo uns auch je ein Stück "Mehlspeise" zukam.

Am nächsten Morgen weckte uns das Quietschen eines Schweins. Pista sprang ans Fenster und sah hinunter in den Hof.

- Was gibt dort? - fragte ich.

- Na, so was, ein wahrhaftiges Schweineschlachten - sagte er voll Freude.

Ich sprang auch ans Fenster und sah, dass unsere zwei Sanitäter ein ungefähr hundertfünfzig Kilo schweres, kraushaariges Mastschwein festhielten und Wester (Kosename von Sylvester), unser Koch, versuchte mit einem langen, scharfgeschliffenen Bajonett die Kehle des zappelnden Tieres durchzuschneiden.

Wir rannten in den Hof hinunter. Bis dahin stellten sich auch einige unserer bewegungsfähigen Patienten dort ein und schauten dem Metzger zu.

- Wester! - rief ich. - Woher habt ihr das schöne Schweinchen?

Unser Koch antwortete nicht gleich, erst wartete er ab, bis das arme Tier seinen letzten Ruck machte, dann richtete er sich auf, fasste sich mit der linken Hand an seinem schmerzenden Kreuz, blinzelte mir lächelnd zu und wischte sich die schwitzende Stirn mit der blutigen rechten Hand ab.

- Ist das nicht egal, lieber Doktor. Der liebe Gott hat es uns geschenkt, gestohlen haben wir es, oder so was ähnliches - sagte der hübsche, braune Bursche, wobei seine weißen Zähne hervorblitzten.

- Nur darum frage ich, damit keine Unannehmlichkeiten daraus entstehen.

- Reg' dich keinesfalls auf, lieber Bandi, das Schwein gehört uns und wir werden es als unser eigenes Schwein aufessen.

Nach einigen Tagen erfuhr ich, dass unser Koch, ein "Casanova", in äußerst kurzer Zeit, dem hübschen Nachbarsmädchen - und vielleicht auch der jungen Mutter - den Kopf verdreht hat und ihnen so lange vormachte, dass "die Russen so und so", die werden ihnen die gemästeten Schweine wegnehmen, und so schenkten sie ihm, oder besser gesagt dem Krankenhaus, eines von ihrem vierfüßigen "Lebensmittelvorrat".

Aus dem Turnsaal wurden einige Büschel von dem Stroh, der als Liegestätte diente, herausgebracht und man begann, auf traditionelle Weise, erst damit, dass man die Borsten herabbrannte. Wir umstanden das Feuer, der Schnee knirschte unter unseren Füssen, wir wärmten uns und das ganze Tun und Schaffen ließ schöne Erinnerungen in uns erwachen und versetzte uns in eine überaus freudige Stimmung. Aber es dauerte nicht lange...

Das Schwein, als ob es an seinen Henkern Rache hätte nehmen wollen, schoss aus dem brennenden Stroh heraus.

Tschiuu... Tschiu...

Die ganze Gesellschaft legte sich schnell auf den Bauch und nahm volle Deckung im Schnee.

- Noch zwei Schüsse sind übrig - brummte Pista, der bis auf die Stirn mit Schnee bedeckt war.

- Woher weißt du das?

- Weil sechs Kugeln drin waren.

- Deine Pistole?

- Ja...

Wester erhob den Kopf und sah hilflos auf das glühende Tier.

- Donnerwetter, jetzt zerbrennt es vor unseren Augen, schon tropft das gute Fett raus - stöhnte er.

- Hast gehört, noch zwei Schüsse sind drin, das musst du abwarten. Wurde keiner verletzt? - rief ich ihnen zu.

- Wenn das Blut gelb ist, dann ich - kicherte einer unserer Patienten, aber er hob den Kopf nicht aus dem Schnee.

Noch zweimal knallte es...

- Nur dass die Russen nicht hergelockt werden - sagte ein anderer Soldat.

Pista stand zuerst auf, dann erhoben sich, vorsichtig, auch die Anderen. Wir sahen einander an und lachten gelassen und übermütig. Von Kopf bis zu Fuß waren wir mit Schnee bedeckt, das Gesicht der beiden Sanitäter war ganz vom Russ beschmutzt, denn sie standen ganz nahe am Feuer.

Wester schlug eilig, mit dem Gluteisen, die Glut vom Schwein ab und als das Eisen gegen einen harten Gegenstand prallte, schob er die neben dem Bauch des Tieres liegenden Überreste der Pistole weg, hinein in den Schnee.

- Wieso habt ihr die Waffe nicht bemerkt? - fragte ich den Koch.

- Ja, wer kann an so was denken, wir haben einfach eine gute Handvoll Stroh aus dem Haufen geholt, jetzt ist es aber sowieso alles eins, wichtig ist, dass wir alle davongekommen sind - antwortete er.

Bald war auch unser Schreck vorüber und wir gingen in bester Laune durch die Krankenzimmer und konnten mit Vergnügen feststellen, dass die Gesichter unserer Patienten vor Zufriedenheit strahlten und um ihren Mund waren die glänzenden Spuren der gebratenen Wurst zu sehen, so was feines hatten sie seit langem nicht genossen.

Jeden Tag ging ich, vormittags und nachmittags, mit Eva ins Ordenshaus hinüber, um die Russen zu behandeln. Dem Jüngeren ging es schon ganz gut, aber der Ältere gefiel mir nicht, von Tag zu Tag wurde er stiller und jetzt forderte er schon nichts mehr von uns. Vor kurzem hatte er noch gesagt, man solle ihm "Stschni" kochen. Fast hatte er der Schwester die Kartoffelsuppe aus der Hand geschlagen und forderte zornig, dass man ihm "Stschni" bringen solle.

Was kann nur dieses "Stschni" sein? Zum Glück wusste Pista soviel, dass das irgendeine aus Weißkohl gekochte Suppe ist, aber gekocht hat er so was nie und er hatte auch keine Ahnung, wie man diese Suppe zubereiten sollte. Wir ließen dann dem Koch des Ordenshauses sagen, er solle eine Bohnensuppe kochen, aber anstatt Bohnen solle er Weißkohl hineintun.

An einem Morgen erwartete mich die Krankenschwester mit der Nachricht:

- Herr Doktor, der "Alte" hat sehr hohes Fieber und er warf sich die ganze Nacht hindurch unruhig hin und her.

Ich untersuchte seine Wunde, diese bestand aus einem, durch einen Minensplitter verursachten Loch mit einem Durchmesser von zwei Zentimeter, ohne eine Ausgangsöffnung. Gott weiß, wo sich der Fremdkörper in seinem Brustkorb befand.

- Schwester, wann haben Sie zuletzt den Verband angelegt?

- Das ist noch der Verband von gestern Abend.

- Aber hier scheidet sich gar nichts aus!

- ...Wahrscheinlich kann das Ding nicht herauskommen.

- Wie gut käme jetzt eine Röntgenuntersuchung.

(Und noch dazu eine Befahrenheit in der Thoraxchirurgie - dachte ich.)

Ich klopfte den Brustkorb ab und da ließ sich ein sehr dumpfer Ton hören. Hier muss etwas drinnen sein, und etwas muss man auch tun, aber der Mann darf dabei nicht sterben.

Ich verlangte eine Pinzette und wie die einstiger Schmiede, die auch chirurgische Eingriffe durchführten, begann ich an der Wunde, die sich in der Achselhöhlenlinie, zwischen der siebenten und achten Rippe befand, herumzustechen.

Immer tiefer drang ich mit dem Instrument hinein, es begann mir schon heiß zu werden, und ich zog es heraus, es kam noch kein Blut. Dann versuchte ich es wieder, vorsichtig senkrecht aber nicht in Herzrichtung und auf einmal wurde meine Hand von Eiter übergossen von dem sich mehr als ein Liter entleerte. Dem Mann ging es sofort besser. Die Atmung besserte sich und bald sank auch sein Fieber. Wir hatten, aber vor allem er hatte Glück. Bei der Visite am nächsten Tag forderte er wieder seinen "Stschni", was ein sicherer Beweis dafür war, dass es ihm besser ging.

So kam der Sylvesterabend an... Vor dem Feiertag wurde wieder eine Gruppe von Männern, die schon am Genesen waren, entlassen, und auch wir beglückwünschten einander um Mitternacht, wobei wir, im geheimen, wegen der unsicheren Zukunft voll mit Angst waren. Ich erinnere mich gut daran, dass wir mit einer, unmöglich schlechten roten Flüssigkeit, die angeblich ein Wein war, anstießen, so dass es mir auch heute noch gruselt, wenn ich daran denke.

Ein-zwei Tage später sagte die Krankenschwester, die die Russen betreute:

- Herr Doktor! Seit drei Tagen ist keiner von den Russen da gewesen, um die Landsleute zu besuchen, obwohl sie früher entweder täglich, aber wenigstens jeden zweiten Tag da waren; sie waren entweder ein Arzt oder ein Feldscher, bisher ist aber immer jemand gekommen.

Da fiel auch mir ein, dass seit gestern auch kein Leder weggeschafft wurde.

Was konnte geschehen sein?

Am Abend bekamen wir auch Antwort auf unsere Fragen...

Erst sahen wir Mündungsfeuer aufblitzen, darauf folgte ein leises Donnern, danach eine Schussreihe, die sich nachts immer verstärkte.

- Der Krieg ist wieder da - murmelte mein Freund erbittert. - Wieder können wir in den Keller übersiedeln.

- Ein Glück, dass wir den obersten Stock leer machen konnten - sagte ich.

Am nächsten Tag ließ der Kriegslärm nach, nur das Dröhnen der Panzer erinnerte uns an die Nähe der Frontlinie.

Gegen Abend wurden die Schiessereien wieder lauter. Vom westlichen Stadtrand her flammten Lichter auf; bald hörten wir das brummende Geräusch von Flugzeugen, aber welcher Nationalität sie waren, wussten wir nicht. Hie und da gab es Bombenangriffe und so zogen sich alle, die nur konnten, in den Keller zurück. Auf den angehäuften Kohlen kauernd verbrachten wir die Nacht, ab und zu gingen wir schnell durch die Krankensäle, um die diensttuenden Krankenschwestern und die ans Bett gebundenen Patienten zu ermutigen.

Wir hatten keine Ahnung, was sich in der Stadt abspielte, wir waren in unsere eigene kleine Welt eingeschlossen.

An einem etwas ruhigeren Morgen erwachten wir, wenn man das eigentlich ein Erwachen nennen konnte, was unseren kurzen Schlummerpausen folgte. Unausgeschlafen und müde machten wir uns an die Arbeit. Mein Freund war noch stiller als gewöhnlich.

Am Vormittag aßen wir ein wenig.

- Du, Pista, du bist so still - brach ich das Schweigen. - Drückt die vergangene Nacht auf deiner Seele? Zu Weihnachten war ja das Spektakel viel größer und vor allem lauter.

- Ah... nein.

- Ist was geschehen? - äußerte ich meinen Verdacht. - Na, raus damit!

- Ich glaube, ich bin ordentlich reingefallen.

- Wieso? - sah ich ihn an und einige kleine Falten um seine Augen und den Mund deuteten auf ein verschämtes, unterdrücktes Lächeln. Ich überdachte die vergangene Nacht und es fiel mir ein, dass ich meinen Freund gar nicht gesehen hatte, er hatte sich mit den Mädchen in irgendeine dunkle Ecke zurückgezogen.

- Ob ich reingefallen bin - antwortete er -, das wird sich erst demnach herausstellen.

- Rück' endlich raus mit der Sache, die du sowieso hervorbringen willst, munkele nicht herum!

- Weißt du, ich saß zwischen Kathi und Marika... Und die Nacht war lang, und eine Bombe kann auch noch fallen, dachte ich. .. Und das Leben ist auch so kurz.

- Aber deine Geschichte scheint lang zu sein, mach's etwas schneller, wir haben noch viel Arbeit.

- ... Am Abend kann ich es dir auch sagen.

- Na, so eilig haben wir es jetzt doch nicht.

- Also, kurz ist das Leben...

- Das hast du schon gesagt - schrie ich ihn an.

- Kathe wärmte mich so gut an der einen Seite, da begann meine Hand zu frieren und so umarmte ich vorsichtig ihre Schulter... Sie schmiegte sich gefügig an mich an.

- Und da hast du deine Hände gewärmt?

- Immer unterbrichst du mich! Du bringst mich aus der Stimmung.

- Schon gut, fahr' fort.

- Sie hat sich nicht gewehrt, ihr Mund war so fein, warm und weich, dass ich sogar den Krieg vergessen hatte. Sie bot mir schmiegsam den "Reichtum" ihrer Brüste und ich ließ es mir da gut gehen.

- Also, ihr wart ja so goldig. Gut habt ihr es getan, aber wie bist du da reingefallen?

- Dann riefst du mich, um in den Krankenzimmern Umschau zu halten und ich ging mit dir.

- Na, und???

- Als wir zurückkehrten suchte ich, im Dunkeln herumtappend, meinen Platz und fand des Mädchens Hand, mit der sie mich an sich heranzog. Da bin ich also am richtigen Ort, dachte ich... und wir setzten dort fort, wo wir es vorher unterbrochen hatten. Mit der linken Hand knöpfte ich ihr Kleid vom Hals bis nach unten aus, ich schob meine Hand in die Öffnung, und stell dir vor, nicht das "Reichtum" fand ich vor, sondern harte und straff gespannte Äpfelchen hielt ich in meiner Hand... Marika war es.

- Und was geschah danach?

- Eine unvollendete Symphonie.

- Das nenne ich Erfolg, zwei haben sich auf einmal in dich verliebt, du bist ein wahrhaftiger Don Juan aus der Bácska.

- Das kann schon sein, aber diese Scham? Denn eine nach der anderen, das wäre ja schön gewesen, aber so...

- Na und, was stimmt da nicht?

- Verstehst du mich nicht? Beide haben ja den Rollentausch gemerkt. Wie kann ich den beiden Mädchen jetzt in die Augen schauen?

- Kümmere dich nicht darum, Junge, darin kannst du sicher sein, dass sie dir nie Vorwürfe machen werden, höchstens das "Unvollendete" hätte sie stören können.

Ich hatte recht, denn meines Wissens nach, haben die Mädchen später meinem Freund wegen des zufälligen Fehltritts keine Vorwürfe gemacht.

Es war ein düsterer, trauriger Tag und nicht nur darum, weil wir den Krieg vor der Tür hatten, sondern weil einer unserer Patienten mit Lungenschuss, ein Feldwebel, in einer kritischen Lage war. Er bekam Atemnot, seine Haut bekam eine blaue Farbe und langsam, stufenweise blähten sich sein Kopf und sein Hals und die Haut über dem Brustkorb, auf.

Ich wusste nur soviel, dass er einen Pneumothorax hatte, also aus dem Loch in der Lunge konnte die Luft in die Brusthöhle und unter die Haut eindringen. Meine diesbezüglichen Kenntnisse versagten und ich wusste nicht, was ich tun sollte. Einen unserer Sanitäter schickte ich auf die Strasse hinunter und bat ihn, er solle Umschau halten, ob man den Kranken ins städtische Krankenhaus bringen könnte, aber der kam bald atemlos zurückgerannt.

- Herr Doktor, es ist unmöglich! Russische Patrouillen gehen überall herum und als sie mich erblickt hatten, drohten sie mir mit der Waffe und schrieen etwas, wahrscheinlich dass ich verschwinden solle, sonst würde man mich erschießen.

Der Feldwebel erstickte vor meinen Augen...

Ein bedrückendes Gefühl ist das der Hilflosigkeit, besonders dann, wenn es um Menschenleben geht.

Noch in derselben Nacht starb noch einer von unseren Verwundeten, der ebenfalls an der Lunge verletzt war.

An dem Tag redeten wir kaum miteinander, wir waren dermaßen niedergeschlagen. Dazu kam noch, dass sich von irgendwo eine Mine in unseren Hof verirrte und vor den Fenstern des unteren Krankenzimmers einschlug. Zum Glück wurde keiner verletzt und es gab auch keine Wirre deswegen, denn die dort untergebrachten Fallschirmjäger hatten bessere Nerven.

Es kam der Tag der heiligen Dreikönige, der sechste Januar wird es gewesen sein, oder vielleicht schon der siebente, genau erinnere ich mich nicht mehr. Am Vormittag arbeiteten wir im Verbandraum, da hörten wir auf einmal Schwester Heliodoras laute Stimme:

- Die Deutschen sind da!

Wir gingen ans Fenster und sahen, dass zwei SS-Soldaten unten im Hof herumgingen. Wir begaben uns zu ihnen und sagten, das wäre ein ungarisches Lazarett und ich wäre der Befehlshaber.

- Gibt es hier deutsche Soldaten? - fragten sie.

Ich sagte, es wären keine da.

- Und Russen?

- Ja, zwei Verwundete - antwortete ich unüberlegt und ohne jeden Verdacht, letzten Endes beziehen sich die Vorschriften des internationalen Roten Kreuzes auf jedermann.

Dann kamen die zwei Männer herein, hielten Vorschau im unteren Krankensaal, gingen hinunter in den Keller und von dort zurückkehrend, fragten sie wieder, wo sich die Russen befinden. Wir erklärten ihnen, dass diese, wegen ihrer schwerer Verwundung am Brustkorb, von den anderen abgesondert untergebracht wurden.

Die Männer ließen aber nicht nach und wir wurden immer mehr bedrängt, man solle ihnen die Russen zeigen, sie möchten die beiden Verwundeten unbedingt sehen. Da war nichts zu tun, ich musste sie ins abgesonderte Krankenzimmer führen.

Ich öffnete die Tür, wir traten ein, und ich war verblüfft von dem, das sich da vor meinen Augen abspielte. Das unerwartete Erscheinen des bewaffneten Feindes jagte den beiden verwundeten Russen einen derartigen Schreck ein, dass sie von ihren Betten sprangen und unter das Bett kriechend dort irgendwelche Zuflucht suchten.

Auf einmal hörte ich ein Klicken und schaute in die Richtung, woher es kam. Der jüngere SS-Soldat hob sein Maschinengewehr hoch...

Gott im Himmel! Das kann doch nicht möglich sein... Der hat seine Waffe ausgerastet. Mir schwindelte es, dann begann ich zu schwitzen, meine Beine zitterten und ich stellte mich taumelnd vor die beiden Soldaten.

- Aber, aber - stotterte ich, und ich denke, ich war dabei leichenblass.

- Bleib' ruhig, Franz, wir sind in einem Kloster - sagte der Ältere und drückte gemütlich, mit der linken Hand, das zum Schuss erhobene Gewehrrohr nach unten.

Damit kehrten sie sich um, sagen etwas, vielleicht, dass sie noch zurückkehren werden, ich erinnere mich nicht mehr. Ich war noch immer ganz von Sinnen...

Auch heute noch überfällt mich ein Schauer, wenn ich daran denke, wie konnte es doch sein, dass ich mir damals den ganzen Krieg, auf äußerst infantile Art und Weise, als so etwas wie ein Kriegsspiel auf einem Spielplatz vorstellte. Das musste aber wohl die Lage gewesen sein.

Wie sich dir Tür hinter den Weggehenden schloss, krochen die Russen langsam hervor.

Sie sagten mir etwas, ich verstand es nicht. Dann formte der Ältere, wie es die Kinder beim Spielen machen, eine Pistole aus seiner rechten Hand und hob den ausgestreckten Zeigefinger zur Schläfe.

- Doktor? Puff-puff? - fragte er, und zeigte dabei, wie man tot umfällt, ob man sie also totschießen wolle, war seine Frage.

- Njet!!! - schrie ich, da ich mich schon zu besinnen begann. - Njet!

- Davaj, davaj! Russki Soldat, wengerskij Hospital! - (soviel konnte ich schon russisch), und dann öffnete ich die Tür und winkte ihnen, sie sollten mitkommen.

Ich schaute in den Hof, die Deutschen waren schon fort. Inzwischen erschien auch die Krankenschwester, und nachdem ihr die Lage klar wurde, nahm sie die Kleider der Russen aus dem Schrank.

Der ältere Soldat wehrte sich heftig dagegen und rief mir lachend zu:

- Davaj, Doktor! Davaj!

Und so liefen die beiden, in Hemd und Unterhose, barfüssig die Treppen hinunter, ich konnte sie kaum einholen.

Ich zeigte auf ihre Füße und fragte:

- Schuhe?!

- Njitschewo, njitschewo.

Und voll Freude wichen sie, springend, den Schneehäufen aus.

Wir liefen zum Lazarett und stürzten gleich ins untere Krankenzimmer hinein. Die Männer richteten sich in ihren Betten auf, sie wussten nicht, was sich hier abspielte.

- Kameraden! Hier sind zwei verwundete ungarische Soldaten, die keine Kleidung haben - wandte ich mich an unsere Kranken -, man müsste beide ankleiden. Das soll euch nicht stören, dass sie nicht ungarisch können. Bitte, bringt ihnen wenigstens soviel bei, wenn Deutsche kommen und die zwei Russen suchen, sollen die beiden wenigstens dann nicht russisch sprechen.

Allen war es klar, worum es sich handelte.

- Idji suda, batjuska! - sagte ein Verwundeter lächelnd und überreichte ihm eine Hose.

Bald waren die Russen in ungarische Uniform umgekleidet und den beiden wurde bei unserer Mannschaft Platz gemacht, auch bekamen sie gleich den Namen "Ivan".

Inzwischen kam auch Pista zur Sicht.

- Haben unsere Freunde bei den Pfaffen die Miste gekündigt?

- Lass' es, ich war zu Tode erschrocken, der eine Deutsche hob sein Maschinengewehr auf die Russen.

- Aber das sind doch Verwundete!

- Ich weiß nicht, ob er schießen wollte oder nicht, jedenfalls wird es für die Beiden hier bei uns besser sein, man soll sie nicht vorfinden, wenn sie gesucht werden.

Am Nachmittag, gegen vier Uhr, suchte mich ein älteres Ehepaar auf, sie hatten ein Anliegen. Im östlichen Stadtteil (ich erinnere mich nicht wie der hieß) hatten sich mehrere Familien in einem Keller verborgen, der Raum war überfüllt mit alten Leuten, Frauen und Kindern. Mehrere davon erkrankten und kein Arzt wäre bereit, die Leute aufzusuchen. Sie waren auch schon im städtischen Krankenhaus, aber dort wurden sie abgewiesen.

- Herr Doktor, um Gottes Willen, tun Sie das wenigstens den Kindern zuliebe, kommen Sie und untersuchen Sie wenigstens die Kleinen.

- Was fehlt denen, was sind die Symptome? - fragte ich.

- Fieber haben sie und Husten, es gibt auch welche, bei denen sich Krämpfe einstellten - fuhr der Alte fort.

- Ja, aber wie sind sie hierher gekommen und wer beherrscht jetzt eigentlich die Lage hier in der Stadt?

- Nur Deutsche haben wir gesehen, aber die Russen können nicht weit sein, denn bei uns kann man auch Schüsse hören.

Das hörte sich nicht allzu sehr ermunternd an, aber sollte ich mich zum Gehen entschließen, so muss ich mich noch bei Tageslicht auf den Weg machen.

Ich sagte Pista, der noch die Wunden verband, mit welchem Anliegen uns das alte Ehepaar aufgesucht hat.

- Du hast wohl nicht den Verstand verloren, dass du dorthin gehst, das ist ungefähr zwei Kilometer weit weg von hier. Gib ihnen Medikamente und mach Schluss damit, oder, willst du absichtlich verrecken?!

- Aber lieber Pista, es gibt keine Straßenkämpfe, wenn diese beiden Alten hierher gelangen konnten, warum könnte ich es nicht auch schaffen?

- Einmal hast du mir gesagt, welchen Rat dir dein Vater gegeben hat, wie du dich im Krieg verhalten solltest: "Sei lieber ein lebender Feigling, als ein toter Held", hat er gesagt. Erinnerst du dich auch daran? Übrigens, hast du keine Angst?

- Natürlich, habe ich Angst, mein Magen ist schon ganz verkrampft.

- Ich kenne deine Argumente, bin auch mit diesen einverstanden, aber alles hat seine Grenzen - setzte er zornig fort.

Lange diskutierten wir aber nicht mehr über die Sache, ich ging hinauf in unsere Apotheke und packte eine Menge von Medikamenten ein, die ich für notwendig hielt: Tabletten gegen Fieber, schmerzstillende und schleimlösende Mittel, dazu auch noch Abführmittel und, vor allem, Ultraseptyl (ein Sulphonamidpräparat).

Ich machte mich mit den beiden Alten auf den Weg. Wir gingen eine lange Nebenstrasse entlang, uns fest an die Hauswände anschmiegend. Von Zeit zu Zeit hörten wir Minendetonationen, woran sich auch noch das Schrillen einschlagender Granaten anschloss. Von unseren Verwundeten wusste ich, dass der lang anhaltende schrillende Ton ungefährlich ist, aber wenn dieser kurz ist, muss man sich schnell zu Boden werfen.

Man kann sich an diese Schiesserei nicht gewöhnen. Leider konnte ich nicht schneller vorwärtskommen, weil die beiden Alten oft ausrutschten.

- Viuuu!!!

Bis ich überlegte, dass dies jenes gefahrbringende Geräusch wäre, lag ich auch schon, fest an die Wand gedrückt, am Boden.

Zwanzig oder dreißig Meter weit von uns schlug ein Geschoss ein. Das arme, alte Ehepaar lag auf den Knien und betete.

- Wir müssen so schnell vorwärts gehen, wie wir nur können und wir sollen auch weiterhin auf dieser Seite der Strasse bleiben, denn aus dieser Richtung wurde geschossen - sagte ich zum Ehepaar.

Ich hatte unheimlich Angst, mein ganzes Innere zitterte und in etwas schnellerem Schritt gingen wir weiter.

In einer halben Stunde - mir schienen es zehn Stunden gewesen zu sein - kamen wir an. Ich meine, es war ein Schulgebäude, oder ein Gasthaus, ich weiß es gar nicht mehr.

Ich betrat den Keller...

40 oder 50 Personen waren hier zusammengepresst. Kinder lagen herum auf notdürftig zusammengehauenen Liegestätten.

Eine junge Frau wandte sich an mich.

- Ich hätte nicht gedacht, dass man einen Arzt finden könnte, Gottes Segen sei mit Ihnen, Herr Doktor, mein kleiner Sohn hat vierziggradiges Fieber.

Ich untersuchte fast alle. Vor allem gab es hier Infektionen der Luftwege, einige Kinder hatten eine eitrige Mandelentzündung. Gut, dass ich Beruhigungsmittel mitgebracht hatte, so konnte ich den alten, an hohem Blutdruck leidenden Leuten auch etwas geben. Ich teilte die Medikamente aus und verabschiedete mich. Sie hielten mich zurück, wollten mir etwas Speise und Getränk anbieten, aber mein Magen brauchte nichts und ein früheres Gespräch mit meinem Freund war mir auch eingefallen, wo wir feststellten, es wäre viel besser einen Bauchschuss bei leerem, als bei vollem Magen zu erleiden. Das bezieht sich natürlich auch auf die Harnblase, aber das hat mir keine Sorgen gemacht, denn vor Aufregung musste ich unterwegs dreimal stehen bleiben, um meine Not zu verrichten.

Der Rückweg war kürzer, denn ich hatte ihn sozusagen im Laufschritt hinterlegt. Ich traf eine deutsche Patrouille, aber die haben sich nicht um mich gekümmert, und so kehrte ich heil und gesund, ins Lazarett zurück.

Scheinbar hatten die Deutschen die Stadt zurückerobert und die Russen haben sich nach Osten zurückgezogen; der Krieg zog wieder über uns hinweg. Nach einigen Tagen waren auch keine Schüsse mehr hörbar. Auf den Strassen erschienen auch die patrouillierenden Pfeilkreuzler mit den Árpádstreifen.

An einem Morgen sahen wir uns während der Visite, unsere russischen Patienten an. Der Mann, der neben diesen lag, blinzelte mir schelmisch zu. Ich wusste nicht, was das bedeuten sollte, doch bald wurde es mir klar, als der eine Russe mich auf ungarisch begrüßte:

- Guuten Mor-gen, Doktor!

- Herr Doktor! Ivan, hier bei uns ist ein jeder Mann ein Herr, gut dass du nicht Towarisch gesagt hast - rief man dem Russen aus dem benachbarten Bett zu.

Der Russe ließ sich nicht stören:

- Da, da, Herr, Herr Doktor, Ich bin Sza-bo Ivan von der Szent Lászl-lo (Sankt Ladislaus) Di-vi-si-on.

- Das war schön! - wandte ich mich an seinen Nachbarn - aber warum habt ihr ihm gerade Ivan genannt? - Wobei wir über die schwerfällig hervorgebrachten Worte lächelten und natürlich auch darüber, wie sich der neue "Freiwillige" vorgestellt hatte, der Arme wusste auch gar nicht, was er gesagt hat.

- Ivan nannten wir ihn, damit er um ein Wort weniger lernen solle - antworteten mehrere.

- Aber Schweinereien sollt ihr ihnen nicht beibringen - sagte ich, doch die schelmischen Blicke mancher braven Männer ließen mich wissen, dass meine Mahnung zu spät kam.

Am Vormittag stellten sich zwei Männer von den Waffen SS ein.

- Zum Teufel, die sind wegen der Russen gekommen - sagte ich zu meinem Freund.

Zum Glück war das nicht der Fall. Sie kamen in den Verbandraum, wo auch Doktor Miller tätig war. Der eine hatte eine leichtere Verletzung am Arm und sie baten um Hilfe. Ich war gerade mit einem Patienten beschäftigt, so dass Doktor Miller mit der Behandlung der Wunde anfing, übrigens sprach er sehr gut deutsch.

Der verwundete Soldat fragte ihn, wo er die Sprache so gut erlernt hat. In Schlesien, antwortete er, und das war also in Polen.

Der Deutsche erblasste und schob mit einer beinahe groben Bewegung die Hand des Arztes von sich weg, seine Hilfe abwehrend. Er wandte sich an mich:

- Bitte, machen Sie es, Herr Doktor.

Ich verband die Wunde. Sie bedankten sich, schauten sich noch einmal den polnischen Kollegen an, aber scheinbar wussten sie nicht, was in diesem Fall zu tun wäre, diesbezüglich gab es keine Anweisung, und so gingen sie fort.

- Das war sehr gewagt von Ihnen, Herr Kollege, Sie hätten sich nicht verraten dürfen - sah ich Doktor Miller vorwurfsvoll an.

- Ich habe ausprobiert, wie stark die sind, aber ich war dessen sicher, dass sie hier keinen Skandal machen werden - antwortete er.

- Man soll jedenfalls den Teufel nicht an die Wand malen - machte ich ihn auf die immer lauernde Gefahr aufmerksam.

Ich sah zum Fenster hinaus und erblickte staunend Pater Faragó, der vor dem Eingang mit einem Karren, den er selbst bis hierher gezogen hatte, stehen blieb. Auf dem kleinen Wagen befanden sich Säcke, Schachteln und allerhand Pakete. Ich ging ihm entgegen.

- Pater, wo waren Sie? Was haben Sie mitgebracht?

- Einige Esswaren, denn ich weiß, dass unsere Lebensmittel knapp sind.

- Von wo haben Sie das her?

- Ich habe mich in einen Bettelmönch umgewandelt. Ich klopfte an jeder Haustür an, hier in der Umgebung und sagte den Leuten, unsere verwundeten Soldaten könnten nicht entsprechend ernährt werden. Überall gab man mir etwas, wenn es auch nur zwei Eier oder ein Topf mit Bohnen waren. Als ich schon allzu viel Gepäck hatte, gab man mir das Wägelchen da und damit wurde mir auch sehr viel geholfen, weil da habe ich auch noch zwei Säcke voll Kartoffel, die hätte ich nicht so einfach herschleppen können.

Ich war sprachlos...

- Also helfen Sie, Herr Doktor! Laden wir die Säcke ab.

Am nächsten Tag erschienen zwei deutsche LKW-s im Hof mit einigen Soldaten und einem Zivilen, der ein Pfeilkreuzler Armband trug. Selbstsicher begaben sie sich zur äußeren Kellertür, öffneten sie (ich wusste gar nicht, ob die verschlossen war oder nicht) und wieder ging es los mit dem Leder, den ganzen Tag fuhren Autos hin und her und schleppten das Leder weg.

Am Mittag stellte sich unser Zuckerbäcker, lächelnd und mit einer großen Kasserolle ein und bat um Entschuldigung, dass es heute kein Gebäck gab, aber aus "kriegstechnischen Gründen" konnte er diesmal seiner diesbezüglichen Pflicht nicht nachkommen.

- Herr Doktor, ich bin Ihnen sehr dankbar, meine Frau hat einen großen Hahn geschlachtet und daraus ein Gulasch gekocht, sie schickt es Ihnen mit vielem Dank. Lassen Sie es Ihnen gut schmecken.

- Vielen Dank - sagte ich -, aber wie haben wir das gute Essen verdient?

- Oh, Sie wissen gar nicht, wie die Pfeilkreuzler überall herumstreifen und nicht nur Juden, sondern auch Deserteure suchen. Wir waren zu Tode erschrocken, als sie auch zu uns einkehrten, aber die Schrift da - und da zog er das von uns ausgestellte Schreiben aus seiner Tasche - das Dokument, das habe ich ihnen vorgezeigt und da sagten sie, es wäre alles in Ordnung und sie gingen ihres Wegs. Darum sind wir Ihnen so dankbar, denn ohne Ihr Schreiben hätte man mich vielleicht auch gleich hingerichtet. Übrigens, von Morgen an bringen wir das Gebäck wieder.

Während der Mann sprach, kam ich auf eine glänzende Idee.

- Na dann danken wir schön für das Gulasch und wir werden uns auch gleich ranmachen. Aber Herr Meister, ich möchte Sie etwas fragen. Haben Sie Schuster in Ihrer Bekanntschaft?

- Natürlich habe ich. Drei oder Vier gewiss. Warum fragen Sie das?

- Schauen Sie, hier im Hof liegt eine Menge Leder für Schuhsohlen herum, das geht sowieso zugrunde, aber wenn es unter den hiesigen Schustern einige verlässliche Leute gäbe, die dem Krankenhaus Lebensmittel für das Leder da liefern würden, wären wir Ihnen sehr dankbar.

- Überlassen Sie mir das, Herr Doktor, ich werde schon alles erledigen.

Und es wurde auch erledigt...

Die Zeit zwischen zwei Lastwagenfuhre wurde vom örtlichen Schubkarrenverkehr der einheimischen Schuster voll ausgenützt und plötzlich trat auch eine bedeutende Besserung in unserer Lebensmittelversorgung ein.

In ein paar Tagen erholte sich auch die Stadt von den Kämpfen, ein Ausgangsverbot gab es nur für die Nacht.

Wir bekamen Besuch: Zwei Kollegen aus dem städtischen Krankenhaus kamen herüber um zu sehen, was mit uns los ist. Wir gingen gemeinsam durch sämtliche Abteilungen unseres Lazaretts und konsultierten miteinander über die schwereren Fälle.

Beim Tee sagten sie uns, das Krankenhaus wäre noch immer überfüllt, aber nach und nach werden die Patienten weggebracht, diesbezüglich wäre auch schon ein Befehl von den ungarischen militärischen Behörden erteilt worden.

- Gibt es hier eigentlich ungarisches Militär außer den Pfeilkreuzlern? - fragte ich.

- Eigentlich nicht - antwortete der eine -, der Befehl wurde uns telefonisch mitgeteilt, die Verbindung ist schon hergestellt.

Die Hilfe wurde uns also versprochen, aber danach geschah ziemlich lange gar nichts.

Am nächsten Vormittag stellten sich zwei deutsche Soldaten ein. Wir verrichteten eben unsere gewohnte Arbeit.

Marika sprach ziemlich gut deutsch, sie empfing unsere Besucher und fragte, was sie wollten.

Sie kam in den Verbandraum zurück und sagte, sich an mich wendend:

- Sie suchen den Befehlshaber vom Krankenhaus, Sie, Herr Doktor.

- Worum handelt es sich? Haben sie nichts davon gesagt?

- Von ihrem Anliegen nichts, aber es ist gewiss, dass sie den Sanitätstruppen angehören und auch sind sie nicht von den Waffen SS.

- Ich will auch hoffen, das es nicht die Gestapo ist. Bitte führen Sie die Männer in unser Zimmer, bald bin ich fertig.

Ich begab mich doch gewissermaßen beklommen ins Zimmer, wo man mich erwartete. Als ich die Tür öffnete stellten sich die beiden Soldaten (keine Offiziere) vorschriftsmäßig vor mich hin, salutierten und der eine teilte mir, in militärisch offiziellem Ton, aber keineswegs unfreundlich mit, der Befehlshaber des vor kurzem errichteten deutschen Lazaretts, Herr Stabsarzt Bechtle, lasse mich grüßen und er lässt auch fragen wann er uns seinen Besuch abstatten könnte.

Ich bedankte mich für den Gruß und sagte den beiden Soldaten, sollte es ihm passend sein, dann würden wir den Herrn Befehlshaber um fünf Uhr nachmittags gerne bei uns sehen.

Ich bat die Mädchen, Brötchen zu bereiten und das Gebäck vom Mittag sollte man auch "zusammentun", vom Weinbauern aus der Nachbarschaft sollten einige Liter Wein gekauft werden, damit wir vor unseren Gästen nicht wie arme Teufel dastehen.

Am Nachmittag, genau um fünf Uhr, fuhr der Feldwagen mit dem Befehlshaber in unseren Hof herein. Hauptmann Bechtle war ein stattlicher, hochgewachsener, blonder Mann, so gegen fünfunddreißig, ein typischer Deutscher. Er stellte sich vorschriftsmäßig vor, das machte er so wie Erich von Stroheim, der weltberühmte österreichische Schauspieler, in dem Film "Der große Traum". Er salutierte, die Hand an seine Feldmütze hebend. (Wenn ich mich gut erinnere, wurde schon damals, einheitlich, auch der Wehrmacht der faschistische Gruß, das hochheben des Arms, vorgeschrieben.)

Ich merkte, dass er mich von Kopf bis zu Fuß ordentlich anschaute (ich hatte mich in meine Gefreiten-extrauniform" umgezogen), und sein Blick bliebe an meinen zwei Sternchen für einen Augenblick haften. Er musste in Verlegenheit gewesen sein, denn es war doch ein bischen komisch, dass ein Hauptmann, noch dazu ein Deutscher, einem Gefreiten seinen Besuch abstattet, noch dazu einem Ungarn.

Aber, gediegen und elegant, redete er mich als Herrn Kollegen an und bat mich, ihn ebenfalls nicht seinem Rang gemäss, sondern Gleicherweise als Herrn Kollegen anzureden.

Die Mädchen haben sich ordentlich Mühe gegeben und deckten so schön und vornehm den Tisch, dass unsere Armut nicht zum Vorschein kam, wie beim einstigen Mann, dem sein Hinterteil aus der Hose herausschaute, aber er blieb auf der Ofenbank sitzen und stand nicht auf, bis sein Gast nicht weggegangen war.

Hauptmann Bechtle hat sich bei uns sehr gut gefühlt, wohl hatten auch die Mädchen zu seiner guten Laune beigetragen.

Über Politik unterhielten wir uns nicht und auch vom Krieg sprachen wir nur so nebenbei. Es hatte sich herausgestellt, dass er eine "französische" Bildung hatte, und das kam mir gut, da ich französisch besser sprach, was ich meinem guten Lehrer, Herrn László Madácsy verdanken konnte, wenn uns auch diese Sprache nur vier Jahre lang, dreimal wöchentlich unterrichtet wurde.

Es war ein angenehmer Abend, wir vergaßen den Krieg. Beim Abschied lud uns unser Gast ein, ihm seinen Besuch zu erwidern.

Es konnte am zwölften oder dreizehnten Jänner gewesen sein, als uns wieder ein Todesfall Trauer und Kummer bereitete. Ein sehr sympathischer, stiller Bauer, Vater von drei Kindern, starb plötzlich. Er stammte, soweit ich mich erinnere, aus der Gemeinde Rém. Als er eingeliefert wurde, befand er sich in einem guten allgemeinen Zustand, obwohl sein Rücken so aussah, als ob eine Mähmaschine darüber gefahren wäre. Ganz in seiner Nähe war eine Mine explodiert. Er war schon am Genesen, als ihn an jenem Morgen die Krankenschwester umsonst aufzuwecken versuchte. Er war wahrscheinlich an einer verschleppten Blutvergiftung gestorben.

Diejenigen, die mit ihm gemeinsam im Zimmer waren, unterhielten sich nur ganz leise an jenem Tag.

Ich wurde sehr krank. Vierzig Grad Fieber infolge einer eitrigen Mandelentzündung. Ich musste das Bett hüten und man ließ mich auch nicht aufstehen. Mein Freund arbeitete den ganzen Tag hindurch, gemeinsam mit dem polnischen Kollegen.

Eva war sozusagen den ganzen Tag bei mir, besser gesagt, sie kam an mein Krankenbett, sooft sie nur konnte, inzwischen verrichtete sie auch ihre Arbeit. Ich hatte anhaltendes Fieber und war ziemlich verwirrt, ich fühlte, dass jemand mir ständig kalte Umschläge machte und als es mir etwas besser ging, früh am Morgen, erblickte ich, mit verschleierten Augen, Eva, die bei mir saß und meinen Puls abfühlte.

- Sind Sie schon wach, Herr Doktor?

- Ja, ich habe nur so ein Sausen im Kopf.

- Und Sie haben auch gegen Mitternacht ganz schön herumgefabelt.

- Was habe ich gesagt?

- Ich glaube, Sie haben ihre Mutter gerufen.

Ich fasste ihre Hand, die Sie mir willig überließ und ich konnte sie streicheln.

- Was anderes habe ich nicht gesagt?

- Nein.

- Also, dann werde ich es sagen, wenn ich wieder einen klaren Kopf haben werde. Ich möchte Sie aber bitten, dass Sie mich zukünftig nur dann als Herrn Doktor anreden, wenn wir im Dienst sind.

- Ja... Bandi... lieber Bandi - und auch sie streichelte meine Hand.

- Kann ich Ihnen etwas erzählen?

- Ja, was Sie auch immer erzählen, ich höre gespannt zu.

- Ich erzähle also von einem Gefreiten, der sich im vorigen Jahr, am achten Oktober auf den Weg gemacht hat und jetzt liegt er krank hier, und bei ihm ist das schönste Mädchen von Esztergom. Ich hatte mich damals von meiner Mutter verabschiedet, und mit meinem Freund fuhren wir auf unseren Fahrrädern los, in die weite Welt...

So begann ich ihr das kleine Stückchen meiner Lebensgeschichte zu erzählen und dachte dabei daran, dass wir beide, ausgenommen bei der Gelegenheit als die Russen gekommen waren, eigentlich nie zu zweit miteinander waren und eigentlich gar nicht über uns selbst irgendetwas gesagt haben. Ich habe sie nie berührt und doch hatte ich das Gefühl, es bestehe ein geheimes und selbstverständliches Bündnis zwischen uns beiden.

Langsam wurde es hell; Pista wandte sich auch in seinem Bett um (er pflegte sehr gut zu schlafen). Sich den Schlaf aus den Augen reibend richtete er sich auf.

- Küss die Hand, Eva - sah er uns verwundert an -, haben Sie denn die ganze Nacht hier verbracht? So tief zu schlafen, wie ich es tat, ich schäme mich lieber Bandi, aber von mir aus hättest du auch sterben können. Wie ich dich aber so ansehe, wirst du jetzt schon am Leben bleiben. Habe ich nicht geschnarcht?

- Nur ein wenig - antwortete das Mädchen -, aber nicht in dem Masse, dass es einmal ein Scheidungsgrund wäre, vor allem dann nicht, wenn Sie von ihrer zukünftigen Frau auch geliebt sein werden.

Man ließ mich nicht aufstehen, ich hustete aber auch sehr, wie ein Esel.

Die Nonnen besuchten mich, und auch Kathi und Marika, und aus jedem Krankenzimmer kam einer, der sich bewegen konnte, um mich zu besuchen. Am Nachmittag erschien auch Hauptmann Bechtle, persönlich, mit einem Stück Schokolade und er drückte mir ein kleines Päckchen Cibazol (damals war dies die wirkungsvollste Variante der Sulphonamidpräparaten) in die Hand, während er uns fragte, warum wir ihn nicht benachrichtigt haben, er hätte nur zufällig erfahren, dass ich krank bin.

Am nächsten Tag blieb ich schon nicht mehr im Bett. Ich hatte kein Fieber mehr und ich wusste, dass Pista die Arbeit kaum bewältigen kann und nur schwer mit der Versorgung unserer Patienten zurechtkommt.

Es war am Nachmittag... Zuletzt verbanden wir mit Eva zusammen unseren "Lieblingspatienten", einen zwei Meter langen Gardisten, der einen offenen Bruch am rechten Oberarm hatte. Sobald man ihn in den Korridor begleitete, begann er, mit lauter, singender Stimme zu beten: Vater unser... allmächtiger Vaaater, der du bist im Himmel... und dann fing er wieder von vorne an. Beim Verbinden überging er ins Fortissimo und ließ seine Stimme wehklagen zittern, wie die Klageweiber in unserer Unterstadt. Wir konnten kaum unser Lachen verbergen, um so weniger da wir ja wussten, dass ihm die Behandlung keine Schmerzen bereitete.

Der Mann wurde in sein Krankenzimmer gebracht und wir blieben mit Eva allein im Verbandraum...

Sie reinigte die Instrumente, ich stand hinter ihr und in meiner Kehle würgte es mich, ich konnte kein Wort herausbringen. Ihre Bewegungen verlangsamten sich, ich fasste sie an den Schultern und sagte ihr leise:

- Eva... Sie wissen ja, dass ich Sie liebe?

Langsam wandte sie sich um, ihre milden, sanften Hände umschlossen meinen Hals.

- Ja... ich weiß... und auch ich liebe dich... Herr Doktor... Herr Gefreiter... lieber Bandi... mein Bandi!

Sie strahlte, ihre Augen lächelten, sie nahm mein Gesicht in beide Hände und küsste mich.

- Seit wann? - fragte ich.

- Seit meiner Geburt - lachte sie und drehte sich im Tanzschritt rundherum, dann legte sie wieder ihre Hände um meinen Hals.

- Aber so sehr und in Wirklichkeit seitdem, als einer unserer Verwundeten starb und du dich der Wand zugewandt hattest, dass keiner deine Tränen sehe. Mein Gott, wie gern wäre ich an dich getreten um die Tränen von deinem traurigen Gesicht wegzuküssen... Und welche Sorgen ich durchgemacht habe, als du zu den Kranken am Stadtrand gingst; ich zog mich zurück, damit mich keiner sieht und ich betete, bis du nicht zurückkamst.

Sie legte ihren Kopf auf meine Schulter und weinte still in sich hinein...

Plötzlich ging die Tür auf und Pista blieb für einen Augenblick an der Schwelle stehen, dann trat er lächelnd zurück und schloss leise die Tür...

Wir saßen mit den Mädchen beim Abendessen. Die Augen meines Freundes strahlten, ich stieß ihn am Fuß unter dem Tisch, aber er ergriff trotzdem das Wort:

- Mädel! So schön hat heute die Sonne geschienen, der Frühling ist schon in der Luft zu spüren, Sie werden sehen, bald ist das schöne Wetter da.

- Der Frühling?... Wie lange dauert es noch bis dahin! - sagte Marika, etwas streng.

- Ein sicheres Zeichen ist es, wenn die Wildtauben gurren und sich küssen! - und er lachte dazu.

- Rindvieh! - flüsterte ich ihm zu und stieß ihn wieder am Fuß, worauf er wieder laut auflachte.

Wir gingen zu Bett. Pista saß am Bettrand und zog sich aus.

- Habe ich dich vielleicht beleidigt? - fragte er.

- Gar nicht. Aber ich wollte nicht, dass es für Eva vielleicht unangenehm wäre.

- Dann ist schon alles gut... Aber sag' mir mal, hast du schon darüber nachgedacht, was wir tun werden, wohin wir gehen, wenn es mit unserem Lazarett aus sein wird?

- Das hängt davon ab, wer hier die Oberhand gewinnt.

- Nehmen wir die jetzige Lage an.

- Dann können wir nur eines tun, nämlich dass wir uns bei unserem Verband melden. Dur die Frontlinie können wir unsere Heimkehr nicht antreten.

- Weiß Gott, wo sich das fünfte Garnisonskrankenhaus jetzt befindet? - seufzte mein Freund.

- Wir werden sehen, aber jetzt sollen wir erst schlafen.

In der zweiten Hälfte vom Januar begann das städtische Krankenhaus mit der Übernahme unserer Patienten, jeden Tag wurden fünf oder sechs Mann dorthin verlegt. Gleich mit der ersten Gruppe verließ uns auch unser Tetanus-Patient. Kaum waren bei ihm kleinere Anzeichen der überstandenen schweren Krankheit merkbar nur wer darüber Bescheid wusste, dem fiel an ihm auf, dass sein Mund ab und zu zuckte. Bevor er wegging, nahm er, wie auch die Anderen, Abschied von uns.

- Herren Doktors! Ich kann mich bei Ihnen sowieso nie genug für all das bedanken, was Sie für mich getan haben, denn als mein Körper so verkrampft war, dann dachten diejenigen, die um mich herumstanden, ich wäre bewusstlos, und von wie vielen und wie oft wurde ausgesagt, dass "der hat nicht mehr viel vom Leben übrig", also habe ich mein Leben durch Sie zurückbekommen.

- Vor allem ihrem kräftigen Organismus können sie es verdanken, dass Sie überlebten - sagte ich.

- Aber doch, dass wissen Sie auch genau, Herr Doktor, nicht nur daran war es gelegen. Eines muss ich Ihnen aber sagen. Ich habe früher, wenn auch mit Maß, aber doch meine Portion getrunken, manchmal auch Schnaps, und auch Rum, aber ich kann Ihnen schwören, dass es in meinem Leben, außer Wasser, Suppe und Milch, keine andere Flüssigkeit in meinen Mund kommt! Man hat mir ein ganzes Fass Rum zu trinken gegeben, seitdem ich erkrankte. Ich wurde zwar betäubt von dem Getränk und hatte keine so arge Schmerzen während der Krämpfe, aber jetzt kann ich nicht einmal den Geruch von Rum vertragen. Also, noch einmal vielen Dank für alles, was Sie für mich getan haben und, wie man es bei uns Seklern zu sagen pflegt, ein schönes Wiedersehen, wenn wir uns wieder treffen und der liebe Gott sei mit Ihnen.

Es gab immer weniger Patienten und wir konnten sie nicht mehrt mit so einer Bescheinigung entlassen wie bisher, denn die entsprechende militärische Behörde war nun auch schon tätig und die Geheilten oder die schon am Heilen waren, wurden vor einen Ärzteausschuss gestellt und untersucht, ob sie für den Fronteinsatz wieder tauglich wären.

Wir hatten immer weniger Arbeit und Anfang Februar sah es so aus, dass unser Lazarett seine Tätigkeit einstellen wird.

- Bevor auch wir, vorübergehend, ins städtische Krankenhaus umziehen, sollte man hier einen Abschiedsabend veranstalten - sagte ich an einem Morgen zu meinem Freund.

- Daran habe ich auch schon gedacht, nur habe ich vergessen, es dir zu sagen.

- Und auch ich habe vergessen, dir mitzuteilen, dass uns der Direktor des Krankenhauses sagen ließ, wir müssten uns wahrscheinlich nach Magyaróvár begeben, weil sich die für uns zuständige militärische Sanitätsdirektion dort befindet.

- Und das sagst du erst jetzt? - schaute mich mein Freund vorwurfsvoll an. - Wie gelangen wir dorthin?

- Das werden wir schon sehen. Wenn man uns braucht und wenn mit uns gerechnet wird, wird man uns auch hinschaffen.

Zum Abendessen hatten wir auch Hauptmann Bechtle eingeladen und Doktor Miller nahm, natürlich, auch daran teil. Wir saßen schon am Tisch, als unser deutscher Gast ankam, der sich mit dem polnischen Kollegen bisher noch nicht getroffen hat.

- Herr Hauptmann, Doktor Miller aus der polnischen Armee - stellte ich den Kollegen vor.

Bechtle sah uns für einen Augenblick betroffen an, er konnte mit der Anwesenheit des neuen Bekannten nichts anfangen, aber mit einigen Worten erklärten wir ihm, dieser wäre unser Mitarbeiter und ein Chirurg.

- Ja... - lächelte er und salutierte vorschriftsmäßig, wie er es gewohnt war. - Hauptmann Bechtle - stellte er sich, in streng militärischem Ton, vor.

Wir verbrachten den Abend in sehr guter Stimmung; selbst Schwester Heliodora saß bei uns als Vertreterin der Nonnen, und, zum ersten Mal, nahm sie an unserem gemeinsamen Abendessen teil. Wir hatten uns diesmal einen Wein verschafft, der sich trinken ließ und so wurde zur Stimmung der lieben, guten Friedenszeit in höchstem Masse beigetragen.

Nachdem unsere Abreise erwähnt wurde, machte uns Hauptmann Bechtle, bevor er sich von uns verabschiedete, das Angebot, er würde für uns, wann immer es auch sein soll, in einem nach Westen fahrenden deutschen Lazarettzug, zwei Betten in einem Offiziersabteil, sichern.

Wir bedankten uns dafür und verabschiedeten uns von ihm. Die Gesellschaft löste sich langsam auf, es war schon nach Mitternacht.

Pista flüsterte mir zu:

- Lieber Bandi, bleib' hier, ich habe Eva gesagt, du würdest auf sie warten, bis dahin werde ich mich noch mit den Mädchen unterhalten, die haben ihre Ohren schon sehr "zugespitzt".

Eva kehrte, außer Atem, zurück.

- Nur einige Minuten lang kann ich hier bleiben, denn Marika und die Anderen lassen mich nicht aus den Augen.

Sie legte ihr Haupt auf meine Schultern.

- Eine so wehmütig schöne Zeit nimmt jetzt ein Ende - sagte sie leise. - Nie hätte ich gedacht, dass bei so viel Leid und Schmerz um uns herum, wo wir uns in ständiger Angst befanden, von dem so geizigem Schicksal uns doch solch ein Glück zugeteilt wurde. Ich fürchte mich so vor der Zukunft, ich habe so Angst um dich...

- Jetzt gibt es keine Zukunft, jetzt gibt es nur die Gegenwart - und ich zog sie an mich heran.

- Recht hast du... Jetzt sollen wir nicht an die Zukunft denken...

Bald wurde leise an der Tür geklopft, und Pistas Kopf erschien in der Türöffnung.

- Es tut mir leid, es ist schon nach Mitternacht und zu dieser Zeit gibt es viel Arbeit für Mephisto, er kann nicht auf die Liebenden aufpassen - sagte er lächelnd, mit gedämpfter Stimme. - Ich wende mich noch, bis zu einem Abschiedskuss, ab, und dann sollen wir zu Bett gehen.

Mit dem letzten Verwundetentransport - unsere Sachen hatten wir schon eingepackt - begaben auch wir uns ins Krankenhaus. Die Mädchen kehrten heim, die Nonnen wagten sich ins Kloster zurück.

Man hätte sich noch lange voneinander verabschiedet, wenn ich es zugelassen hätte.

- Ein gutes Wiedersehen. Schönes Wiedersehen - winkten wir noch Abschied und eilten zum Tor hinaus.

Ich schaute noch einmal das Gebäude, den Hof an und wir ließen ein unvergessliches Stück unseres Lebens hinter uns zurück.

Als wir im Krankenhaus ankamen, begaben wir uns gleich zum Direktor, der eben eine Unterredung mit seinen Ärzten hatte. Wir wurden mit großer Freude empfangen:

- Hier sind unsere Helden! - wies er auf uns. - Unsere tapferen Medizinstudenten!

Wir brachten kein Wort heraus, weil wir nicht genau wussten, ob er mit uns Spaß machte oder ob seine Worte ernst gemeint waren.

- Wir haben uns um euch sehr viel Sorgen während der Feiertage gemacht, aber der Krieg hat uns eine größere Hilfeleistung nicht ermöglicht, außerdem war es auch bei uns überfüllt. In der militärischen Sanitärdirektion weiß man schon über euch Bescheid, meldet euch dort so bald wie möglich, gewiss werdet ihr eine Auszeichnung bekommen. Solange ihr hier seid, seid ihr Gäste des Krankenhauses.

- Vielen Dank - endlich kam ich zu Wort - nach einigen Tagen können wir mit einem deutschen Lazarettzug wegfahren.

- In Ordnung, die Sekretärin wird euch in eure Zimmer führen. Es ist zwar ein gemeinsames Zimmer, aber nur das können wir euch zur Verfügung stellen.

- Bevor wir wegreisen, Herr Direktor, möchte ich Sie um etwas bitten.

- Was wäre das?

- Unter den verwundeten Soldaten befinden sich auch zwei russische Schützen, sie tragen ungarische Uniform und etwas können sie auch schon ungarisch. Bitte, liefern sie diese den Militärbehörden nicht aus, vielleicht wird man sie später auch noch als Dolmetscher brauchen können.

- Ich versteh's schon, mein Lieber - schaute er mich bedeutungsvoll an - es wird in Ordnung sein, das kann ich dir versprechen.

Wir nahmen unsere Plätze in dem uns zugewiesenen Zimmer ein, wo noch zwei Ärzte aus der Umgebung untergebracht waren. Nachdem wir uns miteinander bekannt gemacht hatten, setzten wir uns beide, Pista und ich, einander gegenüber auf unseren Betten und hatten das Gefühl, als wären wir aus einem Flugzeug herausgesprungen und der Fallschirm hat sich noch nicht geöffnet.

Wir verrichteten nicht mehr unsere gewohnte Arbeit und gingen den ganzen Tag ratlos hin und her. Abends waren wir bei irgendeinem Mädchen, unseren früheren Mitarbeitern, zu Gast eingeladen, natürlich auch bei der Familie von Eva.

Endlich bekamen wir die Nachricht: Am 13. Februar fährt der Zug um 23 Uhr ab.

Bechtle brachte die Mädchen mit seinem Wagen an den Bahnhof, um von uns Abschied zu nehmen.

Wir spazierten auf und ab in der abendlichen Kälte. Die Gesellschaft ließ mich und Eva, mit auffallender Diskretion, zu zweit, hinten nachkommen.

- Lieber Bandi, warum schweigst du? Du kannst so schön reden, dass deine Worte meiner Seele so wohl tun - drückte Eva meinen Arm. - Trauriger als ich kannst ja auch du nicht sein.

- Ich habe nur darüber nachgedacht, ob alles war ist, was mit uns geschah, oder habe ich es nur geträumt.

- Wahr ist es, hier sind wir, schließ' mich in deine Arme. Ich habe fest entschlossen, nicht zu weinen, aber ich kann es nicht aushalten. Schau, schon rinnen auch meine Tränen. Ich bete so viel, dass dich der liebe Gott heil und gesund wieder zu mir zurückkehren lässt.

Wir standen lange in einander Armen verschlungen, schweigend da.

Ich fühlte den Finger meines Freundes auf meinem Rücken.

- Kinder, der Deutsche muss abfahren.

- Ja, wir gehen schon - sagte Eva.

Wir verabschiedeten uns...

Zum Abschied drückte Eva noch meine beiden Hände an ihr Gesicht.

- Schreib' mir, Liebster, und denke viel an mich, ich werde dasselbe tun.

Wir stiegen in den Zug ein. Der Hauptmann schüttelte uns noch lange die Hände.

- Alles Gute! Viel Glück! Gute Reise! Auf Wiedersehen!

Ich sah noch lange dem Auto nach, das schnell im nächtlichen Nebel verschwand.

Wir begaben uns in unseren Wagon, in dem nur wir zwei waren. Der Zug machte einen Ruck und fuhr, ohne ein Pfiffsignal, nach Westen ab...

Es gab einmal ein Lazarett...

Und es gab einmal eine schöne Liebe, voll Trauer und Leid...

 

Kapitel IV

Der Zug durchdrang nur schrittweise die stockdunkle Nacht. Unsere im Krieg abgehetzte Lokomotive keuchte, schnaufte und zischte wie ein schwerer Herzkranker.

Tak-tak... tak, tak-tak... tak - klapperten die Räder. Wir lagen im Dunkel auf unseren Feldbetten, man durfte kein Licht anzünden wegen der ständigen Fliegergefahr, nur im höchsten Notfall konnte man eine Taschenlampe, mit gedämpften Licht, benützen.

So lagen wir also in aller Stille da. Plötzlich fragte mein Freund:

- Schläfst du?

- Nein.

- Worüber denkst du nach?

- Es geht alles durcheinander in meinem Kopf herum. Die vergangenen drei Monate, die Daheimgebliebenen, die Zukunft.

- Tut 's weh? - fragte er weiter.

- Meinst du Eva?

- Ja.

- Das ist nicht schön von dir. Kaum haben wir uns verabschiedet und schon rufst du die Erinnerungen wach, wo ich mich doch noch gar nicht beruhigt habe... Natürlich tut es weh.

- Schon gut. Ich wollte dir keinen Schmerz bereiten, nur möchte ich eben reden, denn es ist so furchtbar in dieser dunklen Kiste herumgeschüttelt zu werden, als wären wir in einem reisenden Gefängnis.

- Alles ist relativ - antwortete ich -, weißt du wie glücklich die mit uns fahrenden deutschen Verwundeten dieses Schütteln dahinnehmen, die lebendig aus diesem Fleischwolf davongekommen sind und, wie immer es auch sei, sich doch auf dem Heimweg befinden? Aber versuchen wir zu schlafen, es muss schon gegen Mitternacht sein.

Mit Mühe gelang es mir einzuschlafen, aber ich schlief nur wie ein guter Haushüterhund, der mit halboffenen Augen ein paar Minuten schlummert und dann wieder aufspringt.

Langsam dämmerte es durch unser Gitterfenster. Ich stand auf und warf Kohlen in den Ofen, denn es begann in unserem Wagon kühl zu werden. Ich schaute zum Fenster hinaus, ein dichter Nebel war draußen, nur die Telefonbalken und die entblätterten Akazienbäume waren am Gleis entlang sichtbar, deren Äste sich, wie Arme von alten Weibern, flehend dem Himmel entgegenstreckten.

Es war halb sieben.

Ich legte mich noch ins Bett zurück, denn ich hatte kalt. Auch Pista war schon munter.

- Wo sind wir? - schaute er mit schläfrigen Augen drein.

- Keine Ahnung. In dem Nebel ist nichts zu sehen.

- Das ist schon gut so, denn dann steigen auch die Flugzeuge nicht hoch. Dort hinter dir hängt eine mit Stoff eingezogene Feldflasche in einer kleinen Einkaufstasche, Tee mit Rum ist darin, gib sie mir her und schenke dir auch etwas davon ein.

Wir tranken schluckweise das duftende, warme Getränk und allmählich wurde es uns warm.

Sehr schnell wurde es hell und auch der Nebel verschwand nach und nach. Unser Zug rollte nur schrittweise vorwärts, ab und zu bremste er, blieb stehen, dann bummelte er weiter.

Auf einmal knirschten die Bremsen und wir hielten. Ich sah zum Fenster hinaus.

- Was gibt es draußen? - fragte mein Freund.

- Ich sehe eine große runde Uhr, die sieben anzeigt, sonst nichts. Der Teufel soll es holen, wir halten gerade vor dem Hauptgebäude des Bahnhofs von Komárom und am hellen Tag, vom Nebel ist keine Spur mehr da.

Kaum hatte ich das herausgesagt, wurde das Brummen von Flugzeugen hörbar und gleich danach das Brausen und Heulen von Motoren.

- Im Tiefflug greifen sie an! - schrie ich.

Pista sprang schnell aus seinem Bett heraus. Er zog eilig seine Hose an und rannte zur Schiebetür.

- Bandi, komm! Gleich wird geschossen! - und schon war er durch die Türöffnung verschwunden.

Und es wurde auch geschossen... Der regelmäßige Knall der Maschinenkanone, das ohrenbetäubende Heulen, jagten mir einen tödlichen Schreck ein.

Fliehen!!!

Ich erwischte meine Stiefel und so wie ich aus dem Bett gesprungen war, in langer Unterhose, zog ich mir den Linken an.

Da knatterte es wieder aus dem Maschinengewehr. Ta-ta-ta-ta-ta...

Fliehen!!! - Aber ich komme nicht auf die Beine, ich kann einfach meinen Stiefel nicht anziehen!

Und da prasselt es!!! - Nachdem es wieder still wurde, sah ich zwei rauchende Löcher, eines am Dach und eines am Boden des Wagons.

Jetzt ist es mit mir zu Ende! Hier werde ich sterben! - raste mir der Gedanke durch den Kopf, aber der verdammte Stiefel kam nicht rauf. Dann runter damit und ich lauf' barfüssig...

Es ging aber nicht! Verdammt noch mal!

Ich hüpfte zur Tür. Das Flugzeug stürzte sich wieder auf uns ein.

Ta-ta-ta-ta-ta....

Und dann gab es einen riesigen Krach! - nicht weit von uns explodierte eine Bombe.

Ich legte mich schnell auf den Fußboden... Es gab Rauch, Staub, ein Gejammer und Gebrüll!

Und dann hörte man das Flugzeug nicht mehr.

Ich tastete mich selbst ab, ich konnte aber keine Verletzung an mir feststellen. Schnürstiefel wurden zusammengeschlagen und man rannte irgendwohin... Wie ich es später erfahren hatte, hat sich ein Wagon in Brand gesetzt.

Da heulten die Alarmsignale auf, es war eine ordentlich verspätete Warnung vor dem Bombenangriff.

Ich horchte aufmerksam, das Flugzeug oder die Flugzeuge waren weggeflogen, jetzt ist schon alles egal, vielleicht kehren sie auch nicht zurück.

Ich hüpfte an mein Bett und versuchte den Stiefel herunterzuziehen, und quälte mich noch damit, da heulte das Signal wieder auf und der gleichmäßige Ton zeigte das Ende des Angriffs an.

Pista erschien in der Türöffnung des Wagens. Wahrscheinlich war er gerannt, denn seine Wangen waren rot und ein bischen keuchend sagte er.

- Also, lieber Bandi! Ich wusste immer, dass du kein Feigling bist, aber dass du so einen Mut hast, das hätte ich nicht gedacht!

- Du brauchst an gar nichts zu denken, hilf mir den Stiefel herunterzubringen, mein Bein hat sich darin eingeklemmt.

Mein Freund sah mich an, setzte sich auf einen Stuhl und lachte aus voller Seele, er beugte sich, schlug die Hände zusammen, sprang auf und drehte sich rundherum, während er unaufhörlich lachte...

Dann stellte er sich vor mich hin, zeigte auf meinen Stiefel, und vor Lachen schluchzend, sagte er:

- Du! Duu! Verrückter Kerl, siehst du denn nicht, dass du den rechten Stiefel auf den linken Fuß gezogen hast und darum hat sich dein Bein eingeklemmt! Und ich dachte noch, dass du so ein mutiger Kerl bist! Siehst du, so wird man zum Held!

Da merkte auch ich den Tausch.

- Zieh' ihn doch runter! - sagte ich, und dann begann auch ich zu lachen und stieß ordentlich in Pistas Hinterteil, der mir den Rücken wendend, meinen Stiefel zwischen die Beine nahm und daran so lange zog, bis er mich endlich aus meinem Gefängnis befreite.

Damals war ich zum ersten und zum letzten mal ein tapferer Held...

- Sieben Uhr zehn - sagte mein Freund aus dem Fenster hinausblickend; und mir kam es vor, als hätte das Schauspiel stundenlang gedauert.

Bald setzte sich der Zug wieder in Gang, auch weiterhin bummelte er nur vorwärts. Die Sonne schien und das hügelige, schneebedeckte Gelände glänzte im Sonnenstrahl, aber stellenweise waren auch schon schwarze Flecken sichtbar. Es taute und die klare Luft deutete schon den sich nähernden Frühling an.

- Schau dorthin! - rief Pista, der am Fenster stand.

Ich ging ans Fenster und was sich da unseren Augen darbot, war bestürzend. Vor sechs Wochen hatten sich hier schwere Kämpfe abgespielt.

Überall lagen ausgeschossene Panzer herum, Leichen, die Toten der hier ausgetragenen Schlacht, aber nur Russen, die Deutschen hatte man, augenscheinlich, weggebracht. Die gefallenen Soldaten lagen so da, wie sie der tödliche Schuss getroffen hatte. Ein hoher, starker Mann, scheinbar ein Offizier, lag, mit dem Kopf nach unten, am Eisenbahndamm, mit ausgebreiteten Armen musste er zusammengefallen sein, sein verrosteter Stahlhelm lag einen halben Meter weit weg von ihm, mit der Öffnung nach oben, wie ein, als nutzlos weggeworfener Topf. Um sein dichtes, blondes, zerzaustes Kraushaar war sein Kopf schon am Zerfallen und stellenweise kam schon der weiße Schädelknochen zum Vorschein.

Ich wandte mich ab. Das war selbst mir, einem zukünftigen Arzt, zuviel, denn wenn auch der Anblick einer Leiche in unserem Beruf nichts ungewöhnliches ist, war es doch etwas ganz anderes, die Toten da, wie in einem letzten Akt der Tragödie, die sich hier abgespielt hatte, zu betrachten.

Ich könnte das Gefühl von Schauer, dass sich damals meiner ermächtigte, durch ein Erlebnis aus späteren Jahren, veranschaulichen.

Einem Chirurgen ist der Anblick von Blut und Wunden etwas alltägliches, nur Reflexe der kunstgerechten Handlung werden dadurch ausgelöst. Doch dasselbe Grauen, wie damals, fühlte ich, als ich an einem Samstag im Dienst war und in einer Herbstnacht die Männer vom Rettungsdienst, außer Atem, in unser Krankenhaus angerannt kamen, mit einem jungen Bauern auf der Tragbahre. Die Jacke des jungen Mannes war von Blut durchtränkt und ein Messer, mit dem man Schweine zu schlachten pflegt, ragte aus seinem Brustkorb heraus, der Hausarzt hatte es nicht gewagt, es herauszuziehen. Er war schon an Blutverlust gestorben, als man ihn einlieferte...

In diesen Fällen wird die Leiche wieder lebendig und die Tragödie eines Menschen spielte sich vor uns ab, der an einem Weinleseball ermordet wurde, vielleicht aus Eifersucht oder aus Hass.

Wenn ich denselben Mann am Operations- oder Seziertisch vor mir sehe, dann schaue ich ihn nur mit den Augen des Arztes an und das, was zu dieser Tragödie geführt hat, bleibt im Hintergrund.

So stellte ich mir auch damals vor, wie der Soldat an seinem Todestag noch heil und gesund jenseits des Dammes lag und voll Aufregung seine Waffe fest in der Hand hielt, und er wusste, dass er über das Eisenbahngleis laufen muss; vielleicht hat er seine Kampftruppe angeführt und er musste als erster aufspringen und sich somit dem Feind als Zielpunkt preisgeben. Gleich wird es gelingen! - hätte er denken können und dann schlug es auf seine Brust ein...

Aber es gelang ihm noch die andere Seite des Dammes zu erreichen...

Wir verließen das "Totenfeld" und unsere Reise dauerte noch stundenlang.

Gegen fünf Uhr nachmittags kamen wir in Mosonmagyaróvár an. Wir waren müde, obwohl wir genug sitzen, ja sogar auch liegen konnten. Wir waren froh, als man uns im Lazarett, nach kleineren Formalitäten, in unser Quartier führte, was ein Krankenzimmer für Offiziere war, wo sich größtenteils Verwundete befanden, die schon am Heilen waren.

Wir stellten uns vor.

- Ah so... Ihr seid also die zwei Mordskerle von Medizinstudenten aus Esztergom? - fragte erstaunt ein Oberleutnant, dessen Arm in einer Schlinge war. - Ich erinnere mich an dich - wandte er sich an mich - ich wurde in der Ipoly-Gegend verwundet. Welch ein Spektakel es da gab! Gerade dann brachte man mich zu euch, als das Krankenhaus im Begriff war ins Hinterland zu ziehen. Ich dachte, nie werde ich an die Reihe kommen, weil ihr mit den Schwerverwundeten beschäftigt wart. Danach machte ich mir wieder nur darum Sorgen, dass ich ja nicht bei euch stecken bleibe, aber mit dem letzten Zug hat man auch mich weggebracht. Der "Alte" hat euch schon erwartet - fuhr er fort -, aber genug spät seid ihr angekommen, so dass er das Verhör auf morgen um neun Uhr verschoben hat, denn er muss an der Generalstabsberatung teilnehmen.

- Was für ein "Alter" und welch ein Verhör? - fragte ich verwundert.

- Na, der Herr Oberst. (Ich erinnere mich nicht mehr an seinen Namen.) Und Verhör, so hat man es in seinem Amt gesagt.

- Also, wir sollen uns nicht melden, sondern wir werden verhört?

- Ja, ihr werdet verhört - antwortete der Oberleutnant.

Am nächsten Morgen betrat ein diensthabender Hauptmann den Krankensaal. Nachdem er sich vorgestellt hatte, sagte er vorschriftsmäßig, aber nicht unfreundlich:

- Meine Herren, fünf Minuten vor neun treffen wir uns im Büro vom Herrn Oberst. Du hast keine Uniform? - sah er Pista an.

- Ich habe keine und hatte auch keine, denn das Krankenhaus hat den Uniformbestand einem anderen Verband übergeben - antwortete er.

- Egal, also dann um acht Uhr fünfundfünfzig!

Wir standen schon vor der angegebenen Zeit vor dem Amtszimmer unseres Vorgesetzten und waren etwas aufgeregt.

- Sollte man uns vielleicht doch eine Auszeichnung übergeben - flüsterte mein Freund.

- Keinesfalls, das hat der Direktor in Esztergom nur so gesagt.

Nach einer Weile erschien der Hauptmann.

- Also, kommt Jungs! Ihr sollt euch, den militärischen Vorschriften gemäss, gehorsamst melden!

Das geschah... Der Oberst stand auf und wandte sich, mit besorgter Miene, an den Hauptmann.

- Herr Hauptmann, nach einer Viertelstunde bringen Sie die Tagesmeldung! Danke!

Der Offizier entfernte sich, der Oberst sah uns von Kopf bis zu Fuß an, spazierte noch ein bischen auf und ab und begann dann, ohne Erregung, aber mit kraftvoller Stimme:

- Ihr seid die Mordskerle von Esztergom? Wisst ihr was ihr seid?! Lauskerle!!! Deserteure!!! Gefahndete Deserteure!!! Ja, das seid ihr, umsonst schaut ihr mich so verwundert an.

Er kehrte sich um, ging an seinen Schreibtisch, hob von dort ein Papier hoch und fuchtelte damit vor unseren Augen herum.

- Hier habt ihr es, schaut her! Die Vermissten des fünften Garnisonskrankenhauses: András Németh... Korporal, István Kovács.... Schütze, dazu noch zwei Sanitäter und ein Koch, deren Namen lese ich gar nicht mehr vor.

Der Oberst schnaufte sich aus, wir aber sahen ihn ganz verblüfft an.

- Herr Oberst, ich frage gehorsamst, beziehungsweise, ich sage, das ist noch keine Fahndung, nur ein Verzeichnis - stammelte ich.

- Dann setzt euch jetzt. Hier nehmt Platz - und er wies uns zwei tiefe Sessel an.

Er trat an einen kleinen Schrank, nahm eine Flasche und drei Gläser heraus.

- Bitte! Schenkt euch etwas Kognak ein, mir nur einen Schluck, ich pflege nicht zu trinken wegen meinem hohen Blutdruck.

Dann setzte er sich und legte verschiedene Papiere vor sich auf den Tisch. Er sah uns an und nahm sein Glas in die Hand.

- Zu eurem Wohl! - und er trank einen Schluck. - Ihr irrt euch ordentlich, wenn ihr meint, dieses Papier da wäre nur ein Verzeichnis. Ich habe mit Oberstleutnant Laborczi gesprochen, bevor die Truppe nach Westen abzog, aber nicht nur ich habe mit ihm gesprochen, sondern auch zuständige Militärbehörden. Er wurde gefragt, ob es möglich wäre, das oben Angeführte, infolge von Kampfhandlungen, ums Leben gekommen sind, oder vermisst werden. Laborczi hat natürlich darauf geantwortet, das Krankenhaus wäre in keinen direkten Konflikt mit dem Feind verwickelt gewesen, also, besser gesagt: Ihr habt euch aus dem Staub gemacht.

- Entschuldigung, Herr Oberst, wir wurden wegen der Verwundeten dort hinterlassen, sonst wäre das Lazarett ohne einen Arzt dageblieben. Das stand auch im Tagesbefehl - sagte ich.

- Mein Lieber, das alles weiß ich genau, aber in der dienstlichen Meldung stand, dass die Patienten in den Bestand des städtischen Krankenhauses verlegt wurden, versteht ihr das jetzt? Den Dokumenten nach bestand euer Lazarett überhaupt nicht. Bis dahin gab es keine Probleme, bis Esztergom nicht zurückerobert wurde. Nach einigen Tagen waren sie schon da - er hielt für einen Augenblick still und zeigte auf seinen Arm, das Armband der Pfeilkreuzler war damit gemeint -, also die haben sämtliche Dokumente durchgeschaut und so fanden sie dieses Verzeichnis vor. Habt ihr überhaupt irgendwelche Papiere? Der Laborczi hat euch keinerlei schriftlichen Auftrag gegeben?

- Nichts hat er uns gegeben, aber wem wäre das auch damals eingefallen? - antwortete ich.

- Dem Laborczi hätte es einfallen müssen, aber ein sehr kluger Jurist vom Militär hätte dabei sein müssen, um sich für euren Fall etwas einfallen zu lassen, womit diese Handlung gerechtfertigt gewesen wäre.

- Herr Oberst, aufrichtig gesagt, wir sind, im Interesse der Verwundeten, freiwillig hinterblieben. Das städtische Krankenhaus war total überfüllt, mit Ausnahme von ein oder zwei Schwerkranken, konnten sie keinen unserer Patienten übernehmen.

- Auch das weiß ich, mein Lieber, aber was soll ich jetzt mit euch anfangen? Als Arzt kann ich euch nur sagen, dass ihr eure Prüfung ausgezeichnet bestanden habt, aber was soll ich als Soldat sagen? Auch ich habe Vorgesetzte. Ja, und noch etwas: Auch das hat man von euch gesagt, ihr hättet Russen Versteck geboten, was ist davon wahr?

- Wir hatten verwundete Russen da, aber die wurden von ihren Landsleuten weggebracht, als die Stadt eingenommen wurde - antwortete ich.

- Wenn ihr darüber noch einmal gefragt werdet, dann ist das nicht die entsprechende Antwort. Nie habt ihr russische Soldaten gesehen, versteht ihr?!

- Jawohl.

- Also, dann trinkt, wie ich sehe, seid ihr ordentlich blass - und er trank wieder einen Schluck.

Ich habe wirklich den Geschmack vom Kognak nicht gespürt, denn langsam wurde mir klar, die Lage wäre viel schlimmer als ich es mir im ersten Augenblick vorgestellt hatte. Das habe ich aber gemerkt, dass der Alte zu uns steht. Weiter konnte ich über die Sache nicht nachdenken, denn der Oberst sprach weiter.

- Ich habe über eure Sache mit dem Befehlshaber des dritten Garnisonskrankenhauses - das ist das Krankenhaus von Szombathely (Stadt an der westlichen Grenze Ungarns) - verhandelt, nämlich, die Medizinstudenten, die bei dem Umzug nach Halle zu spät kamen, dort zu einer Kompanie zusammengezogen wurden und dorthin müsstet ihr geschickt werden, aber ich muss irgendein Dokument dazu haben, wo ihr also wart und was ihr bisher gemacht habt.

Es klopfte an der Tür und nach lautem Herein, betrat der Hauptmann das Zimmer mit der Tagesmeldung in der Hand.

- Komm auch du her, lieber Laci - sagte der Oberst -, du bist ein kluger Junge, setze dich. Bring' dir auch ein Glas und schenk' dir ein.

- Ich bin im Dienst, Herr Oberst.

- Jetzt sollst du davon für zehn Minuten befreit sein. Zu eurem Wohl! Kennst du die Angelegenheit dieser Jungen?

- Ja, ich kenne sie gut.

- Was könntest du uns da vorschlagen?

- Irgendein Dokument würde man brauchen, irgendeine Bescheinigung.

- Das weiß ich auch.

Eine kleine Stille trat ein. Pista sprach bisher kein Wort, nur zeitweise rutschte er hin und her in seinem Sessel. Es war komisch, als er stöhnend das Wort ergriff:

- Ö-ö... Ein Papier hätten wir schon, einen Fahrschein für den Zug.

- Zeig' ihn mal! - sagte der Oberst.

- Bandi, du hast ihn bei dir.

- Wirklich, daran habe ich gar nicht gedacht.

Aus meiner inneren Tasche nahm ich den Schein hervor und übergab ihn dem Oberst.

- Das ist noch dazu deutsch geschrieben! - schlug er auf den Tisch. - Und auch noch der Stempel von einer Division steht darauf. Lieber Laci, was sagst du dazu? - und er übergab das Schreiben dem Hauptmann.

- Und wie gut das verfasst ist: "Den beiden ungarischen Militärärzten soll an der zuständigen deutschen Kommandatur jedwede Hilfe geleistet werden!" Herr Oberst, das ist vollkommen genügend, wir werden dies dem Steckbrief beilegen und werden die mit der Fahndung betraute Dienststelle davon überzeugen, die Beiden hätten vorübergehend in der deutschen Wehrmacht Dienst geleistet.

- Wunderbar - sagte der Oberst mit gehobener Stimme - gießt die Gläser nochmals voll.

So gelangten wir, demnach, in die Gemeinde Kámon, die sich ein paar Kilometer weit von Szombathely befindet. Ungefähr dreißig Medizinstudenten meines Alters hatten sich hier aus allen Landesteilen angesammelt und was ihre Diensteinteilung betraf, gehörten sie alle zum dritten Garnisonskrankenhaus. Bis zur zweiten Hälfte vom März waren sie bloß damit beschäftigt, dass sie nur so herumlungerten, abgesehen von einigen Tagen, an denen sie Trümmer wegräumten. Eine Uniform hatte keiner, und da ich die "höchste" Rangstufe hatte, wurde ich zum Befehlshaber ernannt, was für mich nur den Nutzen hatte, dass ich nach unerwarteten sanitären Kontrollen den verschmutzten Abort reinigen konnte, um die Strafe zu vermeiden.

In einem "großen" Gasthaus hatte man uns zusammengepresst, wo von Morgen bis am Abend Karten gespielt wurde, manchmal dauerte das Gefecht fast die ganze Nacht hindurch. Pista spielte nie und es gelang ihm auch mich davon abzureden, als ich bei einem großen, bis in den Morgen hinein anhaltenden Spiel meine vier weiße Hemden samt mit dem größten Teil meines Geldes, verlor.

Abends wurden fragwürdige, um Geld erworbene Liebesgeschichten erzählt, denn nicht nur die Regierung, sondern auch die Budapester Kupplereien waren nach Szombathely umgezogen.

Die Stadt hatte wenigstens eine halbe Million, wenn nicht mehr Einwohner, die vielen Flüchtlinge mitgerechnet. Man kann sich vorstellen, wie überfüllt da alles war, in den Geschäften, Unterhaltungsstätten, auf den Strassen und in den Luftschutzräumen und bei Bombenalarm.

In einigen Wochen schloss sich uns ein neuer Freund an, ein gewisser Dani Lõrincz, der ein echter Sekler war, er stammte aus Korond. Pista benahm sich ihm gegenüber sehr zurückhaltend, aber Dani war uns mit so einer Aufrichtigkeit und Selbstlosigkeit, mit so warmen Herzen zugetan, dass auch Pista davon gerührt war und von da an wurden wir drei zu guten Kameraden, was man in solchen, und auch später, in noch schlimmeren Zeiten, allzu nötig brauchte und was einem, gegebenenfalls, auch das Leben retten konnte.

Der in der Nachbarschaft wohnenden Leuten kam es zur Kenntnis, wir wären so was wie Ärzte und so wurden wir, vor allem ich, zu den benachbarten Kranken geholt, offenbar darum, weil wir kein Geld verlangten, einigen Nutzen gab es für uns doch von dieser "Praxis", wir bekamen nämlich Lebensmittel, was uns auch gut kam, denn ziemlich sparsam wurden wir vom Staat beköstigt. In Fällen, die, wenn auch in geringstem Masse zweifelhaft waren, nahm ich mich natürlicherweise, der Behandlung nicht an. Ich betreute nur Patienten, zu denen man, normalerweise, keinen Arzt geholt hätte.

Am achten oder zehnten Tag unseres dortigen Aufenthaltes, stellte sich ein Feldwebel mit Armlitze ein. (Ich muss dazu bemerken, dass von Szálasi, eine Woche vorher, das Tragen dieses Abzeichens verboten wurde, aus irgendwelchem solchen Grund, als ob das etwa einer brüderlichen Einheit widersprechen würde.)

- Ich bin Sándor Székely, studiere Medizin an der Universität von Kolozsvár (Hermannstadt). Ist das da der Abteil der Medizinstudenten?

- Komm, Kamerad - sagte ich ihm - der Dienstvorschrift gemäss wirst du auch gleich unser Befehlshaber sein, wenn du schon hierher zur Dienstleistung zugestellt wurdest.

Danach stellten wir uns einander vor und nachdem ich erfuhr, dass wir gleichen Alters sind, fragte ich ihn:

- Sag mal, wie bist du zu diesem hohen Rang dazugekommen? Besser gesagt, wann hast du ihn bekommen, denn die militärische Ausbildung war dieselbe an allen Universitäten des Landes und am Ende derselben kam einem jeden nur ein einziger Stern zu. Ich bin, ausnahmsweise, zum Gefreiten vorgerückt, aber diesen Rang bekam ich in einem Frontlazarett.

- Vorerst - sagte er, schelmisch lächelnd, in schöner siebenbürgischer Redensart - gewiss werde ich hier kein Befehlshaber sein, vom Militärdienst habe ich genug. Zweitens, wenn ich mich ein bischen ausgeschnauft habe, werde ich euch schon sagen, wie ich zum Feldwebel wurde, das ist eine eigenartige Geschichte.

Dann packte er seine Sachen auf sein Bett, legte den Mantel und den Uniformrock ab und setzte sich an den Tisch. Einer hatte etwas Wein, ein Glas wurde ihm eingeschenkt und vor ihn gestellt.

- Also, dann Landsmann - sagte Dani - raus mit der Rede, der Wein da wird dir dazu verhelfen, kannst uns deine Geschichte erzählen, es wird auch dann nicht schaden, wenn sie nicht wahr ist, wir haben genug Zeit dich anzuhören.

- Also trink' - sagte der, dem der Wein gehörte.

- Allein? - fragte Sándor (Alexander).

- Viel ist nicht mehr in der Flasche, ich stelle sie auf den Tisch, Stoß mit deinem Glass an diese an und denke daran, dass das der Wein vom ganzen Zug ist, also kannst dabei daran denken, du hättest mit uns allen angestoßen. Sei willkommen.

Sándor ließ sich den Wein schmecken und wischte langsam seinen Mund ab.

- Ah... Das war gut. Ein bischen säuerlich, aber gut. Also, ich fange damit an, dass ich gar nicht Sándor Székely, sondern Peter Schwarz heiße - er schaute sich um und wartete auf die Wirkung seiner Aussage. Ja, ich bin der Schwarze Peter, das werdet ihr schon sehen. Ich habe, genau so wie ihr, im Sommer in dreiundvierzig, den vorgeschriebenen vier und ein halb monatigen Militärdienst absolviert.

Im August mussten wir auf dem Gelände scharfschiessen. Wir lagen in Gruben auf einer Wiese und mussten Reihen aufs Ziel abgeben. Etwa zehn Meter vor meiner Stellung protzte ein Maulwurfhügel und der bewegte sich auch. Ich wurde von der Jagd erst überwältigt und ich schoss fünf Kugeln, eine nach der anderen, in den Erdhaufen.

"Schütze hierher!" - höre ich den Befehl, denn der Teufel brachte den Bataillon-Kommandanten, den Oberstleutnant, hinter meinen Rücken.

"Was machen Sie da? Was war der Befehl?"

"Reihenschuss aufs Ziel, melde ich gehorsamst" - antwortete ich.

"Dann haben Sie sich gegen den Befehl vergangen, denn nicht aufs Ziel, sondern auf den Maulwurf haben Sie geschossen. Morgen früh um acht melden Sie sich zum Verhör bei mir. Rechts um, abtreten!" Und ich wurde für zwei Wochen ins Gefängnis gesteckt... Das wäre auch nicht das Schlimmste gewesen, ich habe es ausgehalten. Das Unglück geschah beim Abrüsten am Abschlussbankett.

Wir haben uns sehr gut unterhalten. Ich suchte mir ein ziemlich nettes, aber nicht allzu schönes Mädchen aus, also eine, die zu so einem hartgeprägten Kerl, wie ich, passte. Voll Freude tanzte ich mit ihr und erzählte ihr allerhand Soldatengeschichten, auch meine Maulwurfjagd. Und als ich ihr dabei sagte "und der blöde alte Scheißkerl, der Oberstleutnant stand hinter mir", da sah sie mich an, zog ihre Hand zurück und sagte: "Ich bedanke mich für den Tanz, Herr Zugsführer!" Ich wusste nicht, was das Mädchen hatte, nur am nächsten Tag erfuhr ich es, beim Verhör: sie war die Tochter des Oberstleutnants... Und so wurde nichts aus meiner Abrüstung, das alte Schwein liess mich weiterdienen. So habe ich auch ein Halbjahr verloren. Ja... So wurde aus mir ein Feldwebel, ich habe meinen ordentlichen Dienst dafür abgeleistet. - Sándor sah uns zufrieden an und trank mit einem Schluck den Rest seines Weines aus.

Eines Tages, gegen Ende Februar, in der schlaffen Ruhe der Nachmittagspause, sagte mein Freund:

- Etwas müsste man doch machen, oder irgendwohin gehen. Hättest du keine Lust nach Sopron zu fahren, ich war noch nie dort. Man sagt, es wäre eine schöne Stadt.

- Siehst du, das ist eine gute Idee, auch darum, weil wir dann Evas Schwester aufsuchen könnten, die in Sopron wohnt bei ihren Schwiegereltern.

- Das höre ich erst jetzt, du hast auch gar nicht gesagt, dass Eva eine Schwester hat.

- Ich hielt es nicht für wichtig, darum habe ich es auch wahrscheinlich vergessen. Zum Glück habe ich die Adresse aufgeschrieben, ich habe gar nicht daran gedacht, dass ich sie besuchen könnte.

So beschlossen wir, dorthin zu fahren.

Die Fahrt wurde uns genehmigt und am ersten März fuhren wir mit dem Zug nach Sopron.

Die Familie wohnte in einer kleinen Villa in den Lövéren. Sie waren verwundert und etwas misstrauisch, aber bald befreundeten wir uns. Zum Essen gab es wenig, aber wir hatten Lebensmittel mitgebracht, was wir von einem Nachbarn beim Schweinschlachten bekommen hatten. Es wurde uns auch angeboten, dort zu übernachten.

Am nächsten Tag verabschiedeten wir uns nach dem Mittagessen und gingen zu Fuß bis zum Bahnhof.

- Das waren zwei schöne Tage - sagte Pista -, und sehr nette Leute sind es.

- Und Evas Schwester ist auch eine schöne Frau.

- Ja, das ist sie - sagte mein Freund.

Wir bummelten weiter, den Berg hinab.

- Hör mal, was für ein ständiges, feines Brummen ist das? - fragte ich.

- Mir ist es auch verdächtig.

Das Warnsignal erklang...

Bald erschienen, hoch über uns, die amerikanischen Silbervögel.

- Gott im Himmel - sagte ich - wie viele sind es, da oben! Und jetzt, wohin?

- Vielleicht bleibt es der Stadt diesmal erspart - schaute mein Freund um sich herum, Schutz suchend.

Schnell nacheinander hörte man ein Knattern, wir schauten zum Himmel hinauf und nach dem Geknall erschienen die kleinen Watteknäuel von zersprengten Luftschutzkanonengeschößen.

Das Geschwader flog ruhig und majestätisch voran, das Brummen wurde immer stärker und dann, als wäre das Ende der Welt da: es gab ein furchtbares Prasseln als ob der Himmel sich auf uns einstürzen wollte und die Erde unter uns kam auch in Bewegung...

- Pista!!! Pista!!! Laufen wir zurück!

Wir warfen uns zur Erde. Ich bekam einen Druck, fast zerriss mir das Trommelfell und Hunderte der herabgeworfenen Bomben explodierten fast auf einmal, zweihundert Meter weit von uns.

Eine kleine Pause trat ein und eine riesige Rauchwolke qualmte über der Stadt.

- Laufen wir schnell, um einen Schutz zu finden, denn das nächste Geschwader kommt!

Und wir rannten jetzt bergauf, so schnell wie wir nur konnten. Ich erreichte bald die Mündung einer Felsenhohle, wo schon viele Menschen Zuflucht suchten. Ich rannte hinein.

Wieder hörte man das schreckliche Brummen, worauf mächtige Explosionen folgten.

Ich kauerte hilflos auf der Erde, die Menschen um mich herum beteten bei brennenden Kerzen, klagend und monoton klang das flehende Gebet.

Noch nie habe ich mich so vor dem Tod gefürchtet. Tief bedrängt und voller Angst schloss ich mich den Betenden an:

"Herr, erbarme Dich..."

Noch dreimal wurde der Flächenangriff wiederholt. Lange danach, wagten wir uns noch nicht herauszukommen, auch nachdem die, das Ende des Angriffs anzeigenden Sirenen, aufheulten.

Aber wo konnte Pista sein? Ich schaute in der Höhle herum und suchte immer aufgeregter nach ihm. Mehrmals durchsuchte ich alle Ecken des Notluftschutzraumes, aber ich fand ihn nicht.

Wo kann er nur sein? Ich versuchte, jeden Augenblick in meinem Gedächtnis wachzurufen, was geschehen war, als wir zurückliefen. Er kam hinter mir her, ich habe sein Schnaufen gehört. Wäre er weitergerannt? Wahrhaftig, darauf habe ich gar nicht geachtet, ob er überhaupt in die Höhle hereingekommen war.

Mit blinzelnden Augen gingen die Leute hinaus ins Freie.

- Pista!!! Pistaaa!!! - schrie ich, am Berghang stehend. Dann ging ich in die Häuser in der Nähe und wo ich jemanden vorfinden konnte, dort fragte ich, ob sie nicht einen Mann wie ich, hoch und blond, in einem grauen Wintermantel, gesehen hätten.

Dann ging ich zu Evas Schwester zurück. Die Familie zitterte noch immer vor Angst, sie waren bestürzt, aber auch froh, als sie mich sahen.

- Pista? - fragte ich.

- Pista ist nicht da - war die Antwort. - Wo seid ihr voneinander weggekommen?

- Unten am Bergfuß. Ich weiß nicht, wohin er gehen konnte, aber am Bahnhof werden wir uns, hoffentlich doch treffen. Küss die Hand.

- Auf Wiedersehen, Bandi. Wir wollen hoffen, dass ihrem Freund nichts widerfahren ist.

Voller Angst machte ich mich auf den Weg und war auf mich selbst auch böse, nicht nur auf Pista; wie konnten wir nur dermassen unseren Kopf verlieren? Aber ich hoffte, dass er doch weiß, wann der Zug abfährt und dann treffen wir uns am Bahnhof.

Der Bahnhof? Wo ist der Bahnhof? Du meine Güte! Der Anblick, der sich hier darbot, war schrecklich. Ruinen, zerstörte Wagons, Rauch, und einen Bahnhof gab es nur einst. Wann wird sich die Stadt Sopron von all dem erholen?

Ich machte einen großen Umweg, von einem Zug gab es aber, weit und breit, keine Spur. Irgendwie musste ich aber nach Szombathely gelangen.

In der Umgebung haben die Rettungsarbeiten schon angefangen und auch die Feuerwehr war im Einsatz.

An einer Ecke wartete eine erschrockene Menschengruppe, einige SS-Soldaten gingen auch auf und ab. Egal, was ich tue, es interessierte mich nicht, worauf man hier wartete. Es stellte sich aber heraus, dass all die Leute da wegfahren wollten, und es hieß, vielleicht wird, als Ersatz für den Zug, ein Autobus kommen.

Der kam auch und als er anhielt begaben sich die deutschen Soldaten - offenbar auf Befehl - zur Tür, und versuchten die sich dort drängende Menschenmenge zurückzuhalten, aber das gelang nur so, dass der Unteroffizier, in seinem Zorn, mit seiner Pistole in die Luft schoss.

Der Fahrer begann, mit einer Liste in der Hand, Namen vorzulesen und die Soldaten ließen nur diejenigen einsteigen, die im Verzeichnis aufgeführt waren. Mit Mühe drängte ich mich in die Nähe. Die Uniform hat mir geholfen, denn größtenteils standen zivile Reisende um den Bus.

Im Verzeichnis standen lauter berühmte Namen, Kálmán Latabár, Maria Mezei, Eva Szörényi... Alle waren berühmte Schauspieler, von denen aber keiner da war.

Es gelang mir, mich an den Unteroffizier heranzudrängen.

Ich zeigte ihm mein Dokument vor und er ließ mich in den Buß einsteigen. Also, mein Problem war gelöst, doch was konnte mit meinem Freund los sein?

Ich kam in unserem Quartier an, so gegen acht Uhr. Da wurde schon in einer mächtigen Rauchwolke Karten gespielt. Ich fragte, ob Pista nicht angekommen sei. Nein - war die Antwort.

In sehr schlechter Laune machte ich mich ans Abendessen, aber ich konnte kaum etwas hinunterbringen. Ich hatte Gewissensbisse, weil ich weggefahren war, ich hätte vorher noch im Krankenhaus nachsehen müssen. Ich bemühte mich, meine Sorgen loszuwerden.

Während ich den Kartenspielern zusah, schlug mir jemand auf einmal an den Rücken.

- Rindvieh! - rief ich dem zu.

Pista war es. Grinsend stand er hinter mir und wir fielen einander um den Hals.

- Wie froh bin ich, dass du lebend davongekommen bist! Wo, zum Teufel, hast du gesteckt? - fragte er. - Ich habe dich in der ganzen Umgebung gesucht und nirgends gefunden.

- Wie bist du zurückgekommen?

- Mit dem Zug. Frei auf dem Bahngleis stand ein Zug und ich stieg ein; kein Schwein hat mich gefragt, was ich will, der Zug fuhr los und so bin ich jetzt da. Den Bombenangriff habe ich im Keller eines Privathauses überstanden.

- Ich war sehr traurig wegen dir, aber dass ich dir auch etwas gutes mitteile, ich habe einen Brief aus Esztergom bekommen, Eva hat mir auf mein Schreiben geantwortet.

- Was schreibt sie, außer der Liebe, die aus ihrem Schreiben natürlich nicht fehlen konnte.

- Ich weiß, dass du dich für Marika interessierst. Was sie betrifft, Eva schreibt, die Pfeilkreuzler hätten ihren Bruder weggeschleppt.

- Dass sie der Teufel hole!

- Und stell' dir vor, Hauptmann Bechtle ist deswegen persönlich nach Komárom gefahren und es gelang ihm, den Jungen irgendwie freizukriegen, so dass er wieder daheim ist.

- Ich habe immer gewusst, dass der ein recht ordentlicher Mensch ist.

Danach sprachen wir wieder über all die fürchterlichen Ereignisse, die wir am Nachmittag erlebten.

Die Gesellschaft wurde auf uns aufmerksam und man fragte, was geschehen war. Wir erzählten, was für einen schrecklichen Luftangriff wir durchgemacht hatten und dass der Bahnhof vollkommen zerstört wurde.

Zur guten Stimmung haben wir dadurch überhaupt nicht beigetragen.

Zum Glück stellte sich Sanyi Székely in bester Stimmung ein. Er merkte nicht, dass wir die Nase voll hatten, auch war er etwas betrunken.

Er zog eine Flasche Wein aus seiner Manteltasche und stellte sie an den Tisch der Kartenspieler.

- Trinkt also, Herrschaften.

Unsere Stimmung besserte sich ein wenig.

Sanyi Székely war redelustig, er setzte sich auf sein Bett, zog den Mantel aus und warf die Schuhe ab, dann begann er zu reden:

- Ich sag' es euch, ich, der Schwarze Peter, dass es besser in der Kneipe ist, als in der Kupplerei. Die Kneipe enttäuscht einen nicht. Man braucht nur das Glas hochzuheben und wenn ein guter Wein darin ist, dann kommt das übrige ganz von selbst. Das Weinglas ziert sich nicht, quänquelt nicht und beklagt sich nicht, sondern überlässt sich dir willig und verlangt auch kein Geld von dir.

- Der Wirt verlangt es aber - unterbrach ich ihn.

- Ja schon, aber auch dann bin ich der Meinung, dass die Kneipe einem Hurenhaus überlegen ist. Das sag' ich euch, der "Schwarze Peter".

- Warum nennst du dich Schwarzer Peter? - fragte Dani Lõrincz.

- Du warst nicht hier, als ich die Geschichte meiner militärischen Karriere erzählte, wie ich zum Feldwebel wurde?

- Ich war schon da, aber deshalb musst du dich nicht für einen Pechvogel halten.

- Dann hört mal zu! Noch eine Geschichte: Warum wurde aus mir kein Flieger? Und wenn ihr dann noch immer sagt, ich wäre kein Pechvogel, erzähle ich nichts mehr. Seit meiner Kindheit wollte ich nämlich immer Flieger werden. Kaum habe ich mein sechzehntes Lebensjahr erwartet, denn das war die Altersgrenze. Ich meldete mich bei Segelfliegern. Nach der ärztlichen Untersuchung ging ich glücklich nach Hause, ich wurde für tauglich erklärt! Ich wartete auf die Benachrichtigung, die traf auch bald ein, wonach ich mich am ersten Juli im Ausbildungslager von Csikszereda melden sollte. Ich konnte den Tag kaum erwarten. Den Zug hatte ich verspätet, so dass ich erst am nächsten Tag, am zweiten Juli, ankam.

- Warum hast du den Zug verspätet? - fragte Pista.

- Ich hatte den Einberufungsbefehl zu Hause gelassen. Ich lief heim, um ihn zu holen, aber der Zug hat nicht auf mich gewartet. Also, ich kam im Lager an, wo der Diensttuende mir mitteilte, die Übungen hätten schon angefangen und alle befinden sich draußen am Flugplatz. Er zeigte mir, wohin ich gehen sollte. Sogar meinen Koffer nahm ich dorthin mit. Nach halbstündigem Bummeln kam ich am Flugplatz an. Da standen in der Reihe die schönen "Schwalben" (in Ungarn konstruierter, sehr beliebter Flugzeugtyp). Ich war davon begeistert, stellte mein Gepäck ab, suchte mir ein abseits stehendes Flugzeug aus, ging hin und tastete es ab: Es war ein wunderschönes Ding. Wie sitzt man darin? - dachte ich nach. Ich werde es mal ausprobieren - und ich setzte mich ins Flugzeug. Ich probierte den Steuerknüppel und die Pedale aus und fühlte mich im siebenten Himmel. Endlich ein wirkliches Flugzeug und ich sitze drin. Jesus, Maria!!! Mit kraftvollem Ruck ging es los, dann sah ich erst, dass das Windeseil angehängt ist und der Motor war auch in Gang gesetzt. Ich schrie wie ich nur konnte: Ich kann nicht fliegen!!! Ich kann nicht fliegen!!! Aber schon im nächsten Augenblick schwebte ich in der Luft über dem Tal, fünf-sechshundert Meter hoch. Wohl hatte man mein Geschrei gehört, denn alle kamen angerannt. Ich winkte verzweifelt aus dem Flugzeug herab. Jemand, ich denke, es war der Kommandant, gab mir durch einen Trichter verstärkte Anweisungen von unten. Stell' den Steuerknüppel in gerade Stellung und hebe ihn dann vorsichtig, die Richtung haltend, aufwärts! Die Gesellschaft rannte schon hinunter ins Tal. Zitternd hielt ich das Steuer festgeklammert und langsam näherte sich die Erde. Ich wurde etwas ruhiger und achtete darauf, was man mir von unten zuruft. Ein Maisfeld vergrößerte sich sehr schnell. Schon hundert Meter! Fünfzig! Zwanzig! Einziehen! Einziehen! Hörte ich von unten und zog das Höhensteuer ein. Der Vorderteil des Flugzeugs fuhr plötzlich hoch und es klappte in senkrechter Richtung, hoch, so dass sich die auftreibende Luftströmung nicht an die Flügel heranmachen konnte und ich rutschte, mit dem Hinterteil nach unten zur Erde, aus einer Höhe von etwa zehn oder fünfzehn Meter. Das Flugzeug zerbrach in der Mitte. Mir passierte nichts, bloß stotterte ich nachher eine Woche lang. Man kam an mich heran und als man sah, dass mir außer dem Stottern nichts fehlte, schrieen alle auf mich los, wie konnte ich nur so blöd sein. Ich wurde auch gleich aus dem Ausbildungslager 'rausgeschmissen und noch am selben Tag in den Zug gesetzt. Aber doch bin ich einmal in meinem Leben geflogen...

- Und du sagst noch, du wärest ein Pechvogel? - sagte Dani. - Von Zehntausenden hätte unter solchen Umständen nur kaum einer mit heiler Haut davonkommen können. Ich meine, du bist eher ein Hochstapler, oder, es kann auch sein, du lügst ein wenig.

- Ob es Lüge war oder nicht, eine solche Geschichte zu erfinden, ist auch eine Kunst - verteidigte Pista den Burschen.

Dem in so guter Stimmung verbrachten Abend folgte ein schlimmer Tag.

Am Vormittag erschienen die amerikanischen Bomber über der Stadt und ein großer Teil der Innenstadt fiel ihnen zum Opfer.

Am nächsten Tag mussten auch wir beim Wegschaffen der Trümmer mithelfen. Kaum hatten wir mit der Arbeit angefangen, waren die Flugzeuge wieder da.

Wir wussten nicht wohin, wir kannten uns in der Umgebung nicht aus. Einen Luftschutzraum suchend rannten wir hin und her; schon schlugen die Bomben Ein-zwei Kilometer weit von uns ein! Zehn Zentimeter von meinem Fuß entfernt schlug eine Bombenschleifvorrichtung ein. Wenn die mich am Kopf getroffen hätte...

Eine Kopflosigkeit herrschte überall, in vielen Häusern der Umgebung wurde eingepackt und alles für eine Flucht vorbereitet.

Am 15. März mussten wir, anlässlich des staatlichen Feiertages, der festlichen Veranstaltung im Kulturhaus beiwohnen. Die Rede wurde vom örtlichen "Pfeilkreuzführer" gehalten. Er stotterte und stammelte, nur ein Satz blieb mir in Erinnerung: "Brüder, wir sollen unseren verzweifelten Mut nicht verlieren".

- Dessen kann er auch gewiss sein - sagte einer von uns und darüber machten wir uns, den ganzen Tag hindurch, lustig.

Es ist interessant, wenn ich so zurückdenke, dass sich keiner von uns über sein eigenes Schicksal besondere Gedanken gemacht hatte. Wir alle warteten darauf, dass irgendjemand Maßnahmen trifft, Befehle erteilt, also wir waren in einer genau solchen Stimmung, wie es zu einem echten Militärverband gehört. Das einzig wichtige war für uns, und darin waren wir uns einig, dass man, unter allen Umständen, überleben müsse!

Eine Woche nach Ostern kam der Befehl, wonach das Krankenhaus nach Österreich verlegt werden sollte. Einpacken und nach dem Mittagessen geht 's los!

Es war ein elender Zug, der sich auf den Weg machte. Unsere Sachen wurden auf einige Pferdewagen gepackt, darauf durften nur Frauen Platz nehmen (Angehörige von Ärzten und einige Krankenschwestern). Wir folgten zu Fuß, mit je einem Rucksack bepackt, in dem sich unser ganzes Vermögen befand.

Ich kann es bis heute nicht verstehen wieso niemand zurückgeblieben war.

Fliehen und fliehen, das war das Gefühl das uns ganz in seiner Macht hielt und so gingen wir und gingen, nach Westen.

 

Kapitel V

Wir waren ein wahrhaftiger Zigeunerzug. Wägen mit Frauen und Kindern und wir, Männer, zu Fuß. Wir haben uns auf den Weg gemacht und gingen irgendwohin, ohne Ziel, aus Angst vor dem Unbekannten.

Mehrere Tage später, während wir uns auf den, in den hohen Bergen Österreichs sich windenden Wegen, müde und vor Hunger schwindelnd, dahinschleppten, erschien an einer Kreuzung eine Rinderherde, grau und großhornig, sie kam aus unserer Pusta, aus Hortobágy.

Im ersten Augenblick freute ich mich und begrüßte sie fast als "Landsleute", "tschelö-hojs", rief ich ihnen zu, wie ich es einst von einem Knecht in einem Grossbauernhof gehört habe, wenn er das Ochsengespann vorantrieb. Sie schauten mich traurig an, einige weideten das Gras am Wegrand, vielleicht haben sie die ihnen ungarisch zugerufenen Worte verstanden. Dann gingen sie, dicht nacheinander, langsam vorwärts, irgendwohin, Gott weiß wohin...

Niemand trieb sie voran, es war kein Hirt dabei.

- Woran denkst du, Pista? - wandte ich mich erbittert an meinen Freund, der unseren unterwegs angeschafften kleinen Karren hinten festhielt, um ihn bergabwärts zu bremsen, damit unser armseliges Hab und Gut nicht hinunterstürzt.

Wir standen still da und warteten, bis die Kühe und Ochsen an uns vorbeikamen.

- Ich denke an dasselbe wie du - antwortete er. - Kein großer Unterschied besteht zwischen uns und denen dort - und er wies auf das Vieh -, höchstens, dass sie, früher oder später, geschlachtet werden.

- Noch ist der Krieg nicht zu Ende - sagte ich - auch uns kann ihr Schicksal zuteil werden.

- Das kann sein, aber ich möchte es nicht.

Auch bisher hatten wir schon manches hinter uns gebracht. Kaum hatten wir ein kleines Stück des Weges der von Szombathely nach Kõszeg (ein Städtchen, dicht an der österreichischen Grenze) hinterlegt, nicht einmal eine halbe Stunde waren wir unterwegs, als die sowjetischen Jagdflugzeuge, die Ratas, erschienen. Die in der unendlichen Reihe dahinziehenden Menschen, Zivile, Soldaten, alt und jung, Frauen und Kinder, rannten, tief erschrocken, hin und her. Die lange Kolonne löste sich auf wie wenn man in einer aufgestellten Dominoreihe auf den ersten Würfel stößt und dann umfällt die ganze Reihe. Alle legten sich auf die Erde, den ganzen Weg entlang.

Die Flugzeuge flogen so niedrig, dass man die Gesichter der Insassen beinahe herausnehmen konnte. Nachdem sie unseren Verband - das war schon keine Militärgruppe mehr, sondern nur ein flüchtender Menschenhaufen - erreicht hatten, feuerten sie auf uns zu und warfen einige Bomben ab.

Zum Glück gab es nicht viele Verletzte. Nur einen tragischen Vorfall hatte ich da gesehen, das böse Schicksal des Mannes konnte es gewesen sein: Als wir den Teil des Zuges erreichten, der angegriffen wurde, sah ich einen Feldwebel tot am Wegrand auf seinem Bauch liegen, mit auseinander gespreizten Armen und Beinen und in der Mitte seines Rückens, im zerquetschten Fleisch, befand sich ein blutiges Loch, eine kleine Bombe, die nicht explodierte, war gerade auf ihn herabgefallen.

Stumm gingen wir an ihm vorbei, später bemerkte Dani, der Sekler:

- Der war auch wirklich ein "Schwarzer Peter", wäre diese Bombe nur um dreißig Zentimeter weiter entfernt herabgefallen, dann hätte er einst seinen Enkelkindern etwas darüber erzählen können.

Dazu konnten auch wir nichts sagen, und wir hatten auch keine Lust, uns über die Angelegenheit zu unterhalten und unser Rucksack wurde auch immer schwerer.

Langsam wurde es dunkel und wir erreichten den Grenzübergang bei Kõszeg. Da sagte ich meinem Freund:

- Jetzt komme ich, zuerst in meinem Leben, ins Ausland.

- Dafür hättest du dir auch bessere Zeiten aussuchen können - murmelte Pista.

- Bist du heiser? - fragte ich. - Warum ist deine Stimme so belegt?

- Mit deinen Ohren ist etwas nicht in Ordnung - antwortete er.

Aber da warfen wir uns auch schon zur Erde. Die Gegend wurde von den Stalinkerzen, die aufleuchteten, hell beleuchtet, und alles wurde so hell wie bei Tageslicht, und gleich waren auch die Jagdflugzeuge da, so dass es ein "schönes Feuerwerk" gab. Wir krochen unter einen Pferdewagen, als ob wir vor den Maschinenkanonen, aus denen auf uns heruntergeschossen wurde, Schutz hätten finden können.

Zum Glück dauerte dieser Angriff nicht lange, so dass wir bald hervorkriechen und weitergehen konnten, doch bald schleppten wir uns nur einfach vorwärts und alle wurden ungeduldig. Irgendwo müsste man doch Rast halten, auch die Pferde waren schon müde.

Wir hatten es gar nicht gemerkt und schon befanden wir uns jenseits unserer Grenze, kein Reisepass war uns dazu nötig und es gab auch keine Zollkontrolle. In einem größeren, irgendeinem Gutsbesitz angehörenden Haus verbrachten wir die Nacht. Ein jeder aß seine eigene Kost.

- Hör mal, das Essen wird nicht länger als für zwei oder drei Tage ausreichen - sagte ich am Morgen meinem Freund. - Gut schauen wir aus, wenn uns nichts gegeben wird.

- Jetzt muss ja sowieso gefastet werden, diesmal wird das wenigstens eingehalten werden - spottete Pista.

Alle rafften sich zusammen und es ging weiter, doch bald wurden wir von einem "Empfangskomitee" zum Stehen gebracht. Die deutsche Feldgendarmerie ließ uns halt machen, sie überprüften die Ausweispapiere des Krankenhauses. Danach wurde uns der Befehl gegeben: "sämtliche Waffen abgeben!"

- Welch ein Vertrauen die uns entgegenbringen - murmelte Dani. - Ein Glück, dass ich, außer einer Holzflinte, nie ein anderes Gewehr hatte. Schön wird da mit den Verbündeten umgegangen.

- Ich werde meine Pistole nicht abgeben, was für ein Vorgehen ist das! - zürnte ich. - Was denken die, dass wir etwa irgendeine Räuberbande sind?

- Es wird besser sein, wenn du keinen Unsinn machst - wandte sich Pista mir zu - die haben schon genug Verstand und sie wissen, was sie machen. Stell dir vor, wenn wir noch eine Woche lang nichts zum Essen bekämen, da würdest auch du deine Waffe auf irgendeinen Bauern anlegen, um dir ein Stück Brot zu verschaffen.

- Ich will aber trotzdem mit den Deutschen sprechen.

Da gab es aber nichts zu reden, denn sobald ich zu erklären versuchte, dass ein Soldat nicht unbewaffnet bleiben könnte, wurde mir mit dem Maschinengewehr Bescheid gegeben, so dass ich meine Pistole auf den Haufen warf, wo die abgegebenen Gewehre schon dalagen.

Ich begab mich zurück zu meinen Freunden.

- Ich hab' dir doch gesagt, sträub' dich nicht, aber du gehorchst mir nicht - sagte mein Freund.

- Schon gut, aber sag' mir bloß, wo unser Platz in diesem verdammten Europa ist. Wer ist unser Feind, wer unser Verbündeter, oder gar unser Freund?

Mein Freund sagte nichts dazu und wir gingen weiter.

Schon seit zwei Tagen streiften wir so herum, die Nacht verbrachten wir in Scheunen. Die Berge wurden immer höher, zum Essen bekamen wir nichts, nur davon aßen wir die ganze Zeit, was wir uns mitgebracht hatten und mit dem war es jetzt auch schon zu Ende.

Es war Ostermontag. Wir gingen an einem Rübenfeld vorbei und kauten an den Rüben herum die äußerst schlecht schmeckten, doch irgendwie mussten wir unseren Hunger stillen. Das war unser festliches Mal.

Am nächsten Tag erreichten wir eine kleine Stadt (ich glaube, es war Pinkenfeld) wo uns, nach einigem hin und her, in einer Textilfabrik Unterkunft zugewiesen wurde. Es war uns aber aufgefallen, dass wir Soldaten kaum zur Sicht bekamen. Einige Männer, die Armbänder der Bürgerwache trugen, brachten uns in unser Quartier.

Da gab es einen Reichtum, ein wahrhaftiges Eldorado von Kleiderstoffen. Wir wurden in einem riesengroßen Lagerraum untergebracht. Im Betrieb gab es keine Arbeiter.

Wir machten es uns womöglich bequem. Nach einer Weile erschien ein Ziviler, verhandelte aufgeregt mit unserem Befehlshaber und ging dann fort.

Unser Hauptmann nahm seine Mütze herunter, wischte sich die Stirn ab und wandte sich an uns:

- Ich weiß nicht, wie ich es euch sagen soll. Männer... Soldaten... Schützen... meine Herren! Dieser Herr da, war der Direktor dieses Betriebes. Er hat mir mitgeteilt, dass man die Stadt geräumt, also besser gesagt, aufgegeben hat. Er hat uns seinen Wohnungsschlüssel übergeben und gesagt, lieber sollen wir essen, was wir in seiner Vorratskammer vorfinden, als die Russen. Also, folgt mir jetzt, diszipliniert und geordnet.

Was die Disziplin betraf, die gab es...

Wie wenn Schweine an den vollen Trog heranrennen.

Zum Glück gab es da ein großes Regal, vollbeladen mit verschiedenen Getränken. Die meisten machten sich daran...

Es war von großem Nutzen, dass wir so hochgewachsen waren.

- Den Speck! - rief ich Pista zu. - Und das Schmalz!

Mein Freund erreichte die hoch aufgehängten geräucherten Schätze und auf dem obersten Gestell den Schmalztopf.

- Schmeiß' hierher! - dirigierte ich ihn von der Tür aus, denn wegen dem Gedränge konnte ich nicht hinein.

Es gelang noch einen Glastopf mit zwei Liter Honig und einige Gläser mit hausgemachten Fleischkonserven zu bergen. Aber was dort hinterblieb...! Der arme Hausherr, wenn der gesehen hätte, was aus seiner Vorratskammer geworden ist! Ausgegossener Wein, Glasscherben und ein zerbrochenes Gestell, also nichts wurde unversehrt hintergelassen.

Endlich sind wir wunderbar satt geworden, nur das Brot fehlte uns. Aber wer noch nicht geräucherten Speck mit Honig gekostet hat, der soll zwei-drei Tage lang nichts essen, danach wird er gewiss Lust dazu bekommen. Pista war es gelungen, eine Flasche französischen Rotwein einem böseren Schicksal zu entziehen, so dass wir für das große Fasten der Ostertage entschädigt wurden.

Die Nacht haben wir dort verbracht, dann zogen wir weiter, südwärts.

In einer Nacht wurde noch eine "festliche Beleuchtung" von den Flugzeugen veranstaltet, und das war meine letzte Erinnerung vom Krieg. Wir zogen auf Nebenwegen dahin, aber auch auf diesen gab es ein ständiges hin und her von Menschen, Militär und Fahrzeugen.

Unser Kommandant ließ uns in jedem Ort anhalten, aber überall wurden wir weitergeschickt.

Endlich bekam das "Krankenhaus" einige Lebensmittel. Auf einem Nebenweg stiegen wir zu einem Bergdorf hoch, das aus insgesamt fünfzehn bis zwanzig Häusern bestand. Der Bürgermeister hat sich gar nicht gefreut, als er erfuhr, wer wir sind, aber er erlaubte es uns, auf den Heuboden einzurichten.

Von unserem Jahrgang war einer, der wunderbar Geige spielte, ein feinfühliger Schöngeist. Er war am meisten von diesem Herumstreifen mitgenommen und tröstete sich selbst und auch uns damit, dass er abends Violine spielte und sich übte. Auch jetzt nahm er am Dachboden sein Instrument in die Hand und vertiefte sich, ganz verklärt, in sein Geigenspiel. Der Bürgermeister hatte es vernommen, und nachdem er eine Weile zugehört hat, ließ er uns herunterkommen und lud uns in sein Haus ein. Wir hatten genug Platz in seinem großen Wohnzimmer, das wahrscheinlich auch als Ratsaal diente. Er brachte uns Apfelwein und bat unseren Kollegen, zu spielen. Er musste ein Musikfreund gewesen sein, denn er hörte sich mit Vergnügen das gelegentliche Konzert an.

Am Ende des Programms gingen wir auf die Strasse und aus einem Hof wehte uns der milde Frühlingswind einen wunderbaren Geruch entgegen. Der Koch des Krankenhauses kochte eine Gulaschsuppe. Endlich war es ihm gelungen, etwas Fleisch zu verschaffen.

Wir spazierten auf der Strasse mit meinem Freund, und auf einmal - ich traute meinen Augen kaum - ein Mädchen aus meiner Heimatstadt Szeged, kam uns entgegen. Sie war vom zweiten oder dritten Jahrgang, an unserer Philosophischen Fakultät. Sie war auch ordentlich verwundert als sie uns erblickte und fiel uns um den Hals.

- Anna, wie kommen Sie hierher? - fragte ich. - Und gerade in das kleinste Dorf der Welt?

- Ah, Jungs, fragen Sie mich nicht danach, denn ich habe mir selbst auch mehrmals diese Frage gestellt. Ich verließ das Land mit einer bekannten Familie, aber ich habe es schon bereut. Wir streifen im Land herum, es gibt nur wenig zum Essen und es kamen noch allerlei Unannehmlichkeiten dazu...

Und ihre Klagen wollten kein Ende nehmen.

- Da wir uns aber so schön hier getroffen haben - unterbrach ich Sie - möchten wir Sie zum Abendessen einladen, es wird eine feine Gulaschsuppe geben.

- Ja, wir erwarten Sie - bekräftigte Pista die Einladung - und wir werden auch mit einem Apfelwein anstoßen, den wir vom Bürgermeister bekommen haben.

Das Mädchen zierte sich ein wenig, aber nicht lange. Die Suppe schmeckte wirklich wunderbar, es gab auch genug Fleisch darin. Ein feines und lustiges Abendessen hatten wir in unserem Quartier, am Heuboden. Wir tranken langsam die Flasche Wein aus und erinnerten uns an so manches Schöne und Gute, was es einst daheim gab, bis spät am Abend; um uns herum wurde deswegen schon herumgebrummt.

- Dann gehe ich also zu meinen "Flüchtlingen" - stand Anna auf und begab sich zur Leiter.

Fast auf einmal sagten wir, sie solle bei uns bleiben, hier wäre es genug bequem und wir würden ihr garantieren, dass sie "unversehrt" bleiben wird.

Das Mädchen war, nach einigem Nachdenken, einverstanden.

- Zuerst sag' ich es aber den Meinen, damit sie nicht glauben, ich wäre verlorengegangen. Böse werden sie wegen meines Wegbleibens gewiss nicht sein, sie werden sich freuen, wenn es um ein hungriges Maul weniger gibt.

Nach zehn Minuten kam sie zurück.

Wir machten ihr zwischen uns beiden Platz. Wir lagen angekleidet da, woran wir schon gewöhnt waren, aber plötzlich fiel mir ein, es wäre doch nicht ganz selbstverständlich mit einem jungen Weib die Nacht zu verbringen. Dann aber schlief ich ein.

Ich konnte nicht lange geschlafen haben als ich aufwachte und merkte, dass das Mädchen schnell und kurz atmete. Mein Freund schnarchte leise.

- Schlafen Sie nicht? - flüsterte ich ihr zu.

- Ich kann nicht - antwortete sie.

Und im nächsten Augenblick umarmte sie mich fest und küsste mich leidenschaftlich am Mund.

Mein zwanzigjähriger Kreislauf wurde immer schneller, und es pochte in meinen Ohren, als hätte ich eine Handvoll Chinin eingenommen, es wurde mir schwindelig und instinktiv griff ich nach ihrem Körper.

- Ich bin noch Jungfrau - flüsterte sie, außer Atem.

Das würde mir noch fehlen - dachte ich, und der in meinen Gedanken rasende Schnellzug wurde abgebremst. Meine Erregung verschwand auch gleich und ich überlegte, wie sehr dieses arme Mädchen ihrem Schicksal ausgeliefert war. Seit Wochen hat sie niemand freundlich und liebevoll angeredet und, überaus dankbar, wäre sie imstande, auch sich selbst hinzugeben. Eva kam mir in den Sinn.

Sanft schob ich Anna von mir weg.

- Ich muss hinausgehen - sagte ich leise.

Nie hätte ich gedacht, dass das Heu so rasseln kann. Konnte es möglich sein, dass die Gesellschaft da am Heuboden aufmerksam geworden war?

Fast war ich von der Leiter herabgestürzt, weil ich doppelt so schnell hinuntergehen wollte.

Es war eine wunderbare, stille Nacht, mit Mondschein und glänzenden Sternen und ein milder Südwind wehte noch dazu. Hinter dem Bau, an dessen Heuboden wir hausten, war eine Weide, die bis zum Bergfuß reichte. Ich lehnte mich an einen Heuschober und atmete tief, um mich auszuschnaufen.

Eine halbe Stunde konnte so vergangen sein und ich schlummerte ein wenig. Auf einmal sah ich eine hohe Gestalt, die sich mit schwankendem Schritt, von der Scheune her, mir näherte. Wer könnte das sein? Ich schaute auf meine Uhr: Halb zwei. Die Gestalt kam nun gerade auf mich zu und fing sogar zu laufen an.

- Der Teufel soll dich holen - rief ich erleichtert Pista zu, denn er war es - fast wäre ich erschrocken. Was suchst du hier?

- Dasselbe wie du, ich wollte pinkeln.

- Und so weit weg? Das hättest du auch gleich bei der Scheune verrichten können.

- Ich habe dich gesehen und dachte, das Wetter wäre so schön und wir könnten uns ein bischen miteinander unterhalten - und er grinste dabei.

- Gerade jetzt, zwei Stunden nach Mitternacht hast du Lust, dich zu unterhalten?

- Ja, wir haben ja Zeit, nicht war? Oder willst du in die Scheune zurückgehen?

- Vorläufig will ich nicht.

- Na, also.

- Weißt, es handelt sich darum, dass...

- Ich weiß. Mir ging es genau so wie dir - unterbrach mich Pista.

- Wieso, wie ist es mir gegangen? - fragte ich ihn, etwas unsicher.

- Lieber Bandi, ich habe alles gehört, nur eben gesehen habe ich nichts, weil es dunkel war.

- Du hast nicht geschlafen? Du hast ja sogar auch geschnarcht.

- Das tat ich nur wegen der Anderen, weil ihr allzu laut wart.

- Auch das hast du gehört, was das Mädchen gesagt hat?

- Natürlich habe ich es gehört, ich hab' es dir schon gesagt.

- Und auch dich wollte sie lieben?

- Nach einer Weile, als es schon hoffnungslos schien, dass du zurückkommst.

- Na und?

- Was na und? Ich bin ja kein Satyr. Ich dachte daran, wie sehr sie es später bereuen würde, wenn sie ihre Unschuld hier am Heuboden verloren hätte.

Wir sahen einander an und begannen zu lachen.

- Schön sehen wir aus! Wie schauen wir am Morgen einander in die Augen? - neckte ich ihn.

- Ich denke, keiner hat sich hier zu schämen, auch Anna nicht.

Wir kauerten im Heu und müssen so ausgesehen haben, wie zwei nasse Hähne am Hausdach, bei einer Überschwemmung, und ohne ihre Hennen...

Am Morgen verabschiedeten wir uns von Anna und setzten unseren Streifzug fort.

Tagelang wanderten wir herum, bis man uns endlich, in der Nähe von Weiz, einem mittelgroßem Herrenhof unterbrachte. Wir bekamen auf der offenen Diele Platz und konnten uns endlich ausruhen. Auch irgendwas zum Essen wurde uns gegeben, meistens ein wässriges Zeug.

Ein rothaariger, sommersprossiger, lebhafter Junge von unserem Jahrgang nahm sich der Arbeit des Koches an, denn unser bisheriger Koch war irgendwo weggeblieben. Eines Tages sagte ich ihm:

- Du, Jóska, gestern bin ich mit ein paar Burschen zur Landstraße gegangen und dort haben wir eine Kuhherde gesehen, die niemandem gehört. Was würdest du dazu sagen, wenn man einige von diesen Kühen hierher, in unseren Hof, hereintreiben würde, gleich wären wir besser dran.

- Daran habe auch ich schon gedacht, aber wer versteht sich hier auf Rinder? Ich bin ein Budapester, an städtischen Asphalt gewöhnt, mit zwölf Jahren habe ich zuerst von nahe eine Kuh gesehen, als ich noch daran glaubte, eine bunte Kuh gäbe den Milchkaffee.

- Das soll aber auch kein Hindernis sein, Kamerad, ich habe schon als sechsjähriger, Kühe gehütet.

- Also, gut, dann gehen wir, vier oder fünf Mann, holen uns Stöcke mit, und...

- Stöcke? Keinesfalls. Nur einen Stock brauchen wir, das übrige sollt ihr mir überlassen. Wir werden ein Bündel von dem feinen, jungen Gras pflücken und dann kann 's losgehen.

Wir saßen einige Stunden lang am Wegrand, der beiderseits von einem lichten Wald umsäumt war.

- Daraus wird nichts werden - sagte Dani, auch ein "Fachmann" - seine Großeltern besaßen Kühe.

Wir wollten gerade enttäuscht zurückkehren, als eine, aus fünfzehn bis zwanzig Rindern bestehende Herde auftauchte. Meiner Meinung nach, waren es braungefleckte Kühe aus Ungarn, so wohlbekannt für uns, aber sie waren sehr mager.

- Der Teufel soll es holen! - sagte Jóska. - Da ist jemand dabei.

- Wie ich sehe, er ist ein älterer Mann, der sich auch kaum vorwärtsbewegen kann - sagte Pista.

- Wartet mal! Wenn sie an uns vorbeikommen, dann werden wir den letzten in der Reihe das Gras hinlegen und dann sollen wir mal sehen, was geschieht. Der Alte geht sowieso inmitten der Herde. Jedenfalls verstecken wir uns hinter dem Gebüsch - machte ich die Jungs aufmerksam.

Alles ging sehr einfach. Zwei magere Jungkühe machten sich ans frische Gras, der Alte hatte gar nicht gemerkt, das sie zurückgeblieben waren.

- Na also, Jóska! Jetzt rafft das Gras auf und geht langsam zum Schloss, ich folge von hinten und, wenn nötig, helfe ich nach mit dem Stock - dirigierte ich die Mannschaft.

Die braven Viecher gingen schön gehorsam in unseren Hof hinein.

Von da an ging es uns außerordentlich gut. Jeden Tag gab es Rindsgulasch, nur hatten wir vorerst Probleme, beim Abschlachten der Kühe. Die erste, die schwächere, legte sich, beim ersten Schlag aufs Genick hin, aber die zweite hatte Jóska mit seinem Werkzeug, einem von uns irgendwie zusammengebastelten Beil, zuerst nicht auf der rechten Stelle getroffen, das Tier wurde vom Schlag wild, zog die den Strick haltenden Männer mit, so dass ihn diese loslassen mussten, und rannte dem hausgemachten Fleischhauer, der die Flucht ergriffen hatte, nach.

Der "Stierkampf" hätte auch schlecht ausfallen können, aber zum Glück gelang es dem Verfolgten auf einen Baum zu klettern. Später hat er dann auch ausgesagt, er würde niemals, nicht einmal Chirurg werden, geschweige denn Fleischhauer!

Unweit von uns lagerte eine friedliche Truppe von älteren deutschen Soldaten und ein Veteran war bereit, für ein Päckchen Zigaretten, unserer Bitte nachzukommen und mit einem Schuss unsere Fleischversorgung zu sichern.

Es ging uns ganz gut. Das Krankenhaus bildete eine kleine Kolonie und einige musikalische Kollegen, samt unserem Geigenspieler, taten sich zu einem Chor zusammen. Zeit hatten wir genug. Eines Abends streifte ich mit meinen Freunden in der Gegend herum, und wie wir uns dem Schloss näherten, hörten wir den Gesang unseres Chors aus dem Innenhof...

Es war wunderbar. Wahrscheinlich hatten die immer stärker werdenden Gefühle, das Heimweh, die Lieder der Heimat und nicht zuletzt auch die vortreffliche Akustik, dazu beigetragen, dass die "Vorführung" in künstlerischen Höhen schwebte.

So schön klangen die Lieder, dass die Bauern aus der Umgebung und immer mehrere von der Veteranentruppe zu uns herüberkamen. Das Publikum füllte den Hof und der Flur oben, im Innenteil, es war wie eine Logenreihe im Theater bei einer Galavorstellung.

Nach den einzelnen Liedern gab es einen überaus begeisterten Applaus und der Chor war darüber so froh, dass eine Zugabe der anderen folgte: "Der Frühlingswind lässt die Wässer schwellen", "Wasser der blonden Theiß" und das Gedicht von Petõfi: "Kleines Heim an der großen Donau", das alles ging ans Herz. Bei den letzten Sätzen, wo vom Verlassen des kleinen Heimes und der Mutter die Rede war, traten uns, Ungarn, die Tränen in die Augen, sogar auch Pista, mein "hartherziger" Freund, wischte sich ständig die Nase.

Das Publikum wollte nicht weggehen, und die Sänger wurden heftig gefeiert. Diese begannen dann, nach einer kurzen Unterredung, deutsche Weihnachtslieder zu singen - "O, Tannenbaum", "Stille Nacht..." Kaum hatten sie damit angefangen, schlossen sich allmählich auch die Deutschen, die Österreicher, dem Chor an und sangen mit. Es war schon nach Mitternacht, als das Publikum auseinander ging.

Unsere Sänger bekamen so große Lust, dass sie den ganzen Tag übten, um ihr Repertoire zu bereichern. Noch an zwei Abenden gab es ein "Konzert", aber dann kam der erste Transport englischer Kriegsgefangenen an. Unserem Kommandant wurde mitgeteilt, dass wir nach Graz verlegt werden.

Die Engländer wurden in einer großen Scheune untergebracht, man bewachte sie kaum und ihre gute Laune kam die ganze Nacht hindurch zum Ausdruck, weshalb wir auch nicht schlafen konnten. Jetzt waren sie am Singen, wahrscheinlich hatten sie auch was zum Trinken, denn bis früh am Morgen dauerte der Lärm der am Ende zu einem lauten Gebrüll wurde. Es konnte damals um den zwanzigsten April gewesen sein.

Am nächsten Tag, früh am Morgen, machten wir uns wieder auf den Weg, nach Süden. Mit widerspruchsvollen Gefühlen gingen wir den von Feldzügen abgenützten Weg entlang. Wir waren das Herumstreifen schon gewöhnt, es machte uns nichts mehr aus, wenn wir uns wegen eines Pferdewagens oder dahinrennenden Panzers abseits zurückziehen mussten. Wir hatten manchmal den Gedanken, es wäre vielleicht besser, an diesem Friedlichen Ort das Ende des Krieges abzuwarten, doch wir waren jung und uns zog das Neue, das Unbekannte, in die weite Welt.

Das an der Mur liegende Graz war für uns, auch so, wie es damals aussah, übermüdet von den Plagen der Krieges, eine äußerst schöne Stadt. Sie erinnerte mich ein wenig an meine Heimatstadt, obwohl Graz in einem ganz anderen Stil gebaut war. An einigen Stellen waren die Spuren größerer Bombeneinschläge sichtbar, aber nachdem wir uns, mehr als einen Monat hindurch, auf dem Lande herumgetrieben hatten, war es ein recht gutes Gefühl, so eine lebendige, sich in ihrer altertümlichen Schönheit darbietende Grosstadt zu sehen.

Es hörte sich aber gar nicht gut an, als wir, nachdem wir eine Stunde lang gewartet haben, von unserem Befehlshaber erfuhren, von irgendeiner militärischen Behörde wäre ihm befohlen worden, dass wir in der Stadt nicht bleiben dürften, sondern wir müssten in ein militärisches Lager weiterziehen, das sich in Richtung Peggau, zwanzig Kilometer weit, nördlich von Graz, befindet. Wir zogen also weiter und am Weg gab es nichts besonderes, wir worden immer mehr müde, aber sonst schien es uns, dass es ereignislos weitergehen wird.

- Schaut mal dorthin! - rief Dani, während er sich die Stirn abwischte. - Wer können die sein?

Von weitem konnte man es nicht herausnehmen. Augenscheinlich näherten sich einige Hunderte von Menschen in Zivilkleidung, umgeben von Soldaten, einige von diesen führten einen Wolfshund am Riemen.

Wir kamen ganz nahe und waren vom Anblick fast erstarrt. Ruinen von Menschen kamen uns entgegen, in Lappen gehüllt, Schatten aus Haut und Knochen, die sich mühselig voranschleppten.

- Das sind Juden - sagte Pista mit gedämpfter Stimme.

- Woher weißt du das? - fragte ich, während ich, wie gelähmt, dastand.

- Siehst du den Stern nicht, den sie tragen?

Er hatte recht, doch auf den schmutzigen, zerfetzten Kleidern konnte man den ebenso schmutzigen und zerfetzten Davidstern kaum wahrnehmen.

- Aber was hat man diesen Leuten angetan, kaum ist Leben in ihnen, das sind ja schon Tote, die sich nur noch ein wenig bewegen können. Darüber wurde uns zu Hause nichts gesagt, Pista!

Mein Freund zog die Schulter hoch und, anstatt von ihm wurde uns die Antwort von einem SS-Mann gegeben, der einen Hund bei sich hatte:

- Los! ... Los! ... Weiter!

Das galt uns. Mit hängendem Kopf gingen wir schweigend weiter.

Ein alter Mann war um einige hundert Meter zurückgeblieben, einsam und mit Mühe schleppte er sich voran. Nie werde ich sein Gesicht vergessen, seine trockene, gelbliche Haut die an seinem Schädel angetrocknet war und von einem Totenkopf unterschieden ihn nur seine glotzenden braunen Augen, die voll Angst dreinschauten. Er schaute uns gar nicht an und nur nach minutenlanger Pause machte er einen Schritt vorwärts.

Nach einer Weile wandten wir uns um und sahen, dass einer der Soldaten zurücklief und den alten Mann an den Wegrand schob, wo dieser auch gleich umfiel. Der Soldat zog ihn in einen Busch. Drei Schüsse wurden abgegeben und es war aus...

- So einfach ist das? - sah ich Pista an. - Was war das eigentlich?

- Mord... Hast du es nicht gesehen?

Mir kam plötzlich in den Sinn, was ich in Esztergom im Kloster erlebte, als der SS-Mann mit seiner Maschinengewehr auf die verwundeten Russen zielte. Mein Gott, wie wenig hat da gefehlt!

Am ganzen Weg schwiegen wir. Wir ließen Peggau hinter uns und erreichten das einige Kilometer weit von der Stadt gelegene Militärlager.

Auf einer Seite standen von einem dreifachen Stacheldraht umgebene Baracken. Einige deutsche Soldaten umgingen den freien Platz. Am Tor überprüfte ein bewaffneter Mann die Papiere unseres Befehlshabers und ließ uns mit einem blasierten, unwilligen Gesichtsausdruck eintreten. Danach schloss er das Tor.

Eine Zeitlang kamen wir gar nicht zu Wort.

- Wo sind wir? - unterbrach ich mit Mühe die Stille.

- Das muss irgendein Straflager sein - sagte Dani, fast verzweifelt -, und zugesperrt hat man uns auch. Was bedeutet das? Hoffentlich sind wir keine Gefangene?

- Fragen wir den Kommandanten - stammelte Pista -, etwas müssen wir ja doch über unser eigenes Schicksal wissen.

Unser Befehlshaber, bevor wir ihn gefragt haben, begann zu reden, wobei er sich Mühe gab, Ruhe vorzutäuschen.

- Jungen, ihr sollt die Lage nicht missverstehen, aber in Graz konnte man uns keine Unterkunft geben, dort gibt es keinen Platz, die Stadt ist übervoll. So hat man uns für einen Tag, ich betone, nur für einen Tag, dieses Lager, zur Rast zugewiesen. Morgen wird man uns mit Autos abholen und in verschiedene sanitäre Institutionen bringen, wo wir arbeiten können und wo wir endlich auch irgendwohin gehören werden. Noch eine Sache: Der Wachenkommandant hat uns gebeten, aus "Sicherheitsgründen" womöglich in den Baracken zu bleiben, nur im nötigsten Fall sollen wir die Gebäuden verlassen.

- Was sagt ihr dazu? - wandte ich mich an meine Freunde.

- Das dort - zeigte Dani auf das obere Ende des am Berghang liegenden Lagers.

Bestürzt sahen wir, dass dieses Gebiet durch einen Zaun aus Stacheldraht abgesperrt war und dass dort einige gespensterhafte, in zerfetzte Kleider gehüllte Gestalten herumschwanken.

- Das sind auch Juden, wie ich sehe - sagte Pista mit leiser Stimme.

In schrecklichem Zustand sind sie - flüsterte ich -, sie schauen aus wie die in Formalin konservierten Leichen, die wir im anatomischen Institut sezierten.

- Also, Jungs, dann sind wir jetzt Bewohner eines jüdischen Konzentrationslagers - erklärte Dani.

- Aber warum befinden sich die in einem so verzweiflungsvollen Zustand? - stellte ich die Frage, mehr an mich selbst.

Pista gab die Antwort:

- Ganz einfach: Sie haben gearbeitet und kaum etwas zum Essen gekriegt.

- Was für ein Ziel hatten die Deutschen damit?

- Dass sie umkommen.

Ich sah meinen Freund verblüfft an.

- Denkst du, dass sie mit allen Juden so umgegangen sind?

- Wer "Glück" hatte, der wurde zuerst erschossen, so hat er sich wenigstens nicht geplagt.

- Woher weißt du das?

- Weil man in Újvidék besser mit Nachrichten versehen war.

- Das ist gräulich... Zu Hause wurde uns gesagt, man würde sie zur Arbeit hinausholen und ihre Existenz wird nach dem Krieg gesichert sein.

- Bisher habe auch ich nicht alles geglaubt, was gesagt wurde, aber schau um dich herum und erinnere dich an den sich voranschleppenden Leichenzug.

- Hätte ich es nicht gesehen, würde ich es vielleicht auch gar nicht glauben.

In verzweifelter Stimmung gingen wir in die uns zugewiesene Baracke, die voll mit schmutzigen, einst grün angestrichenen, stockhochen Holzpritschen war. In der Mitte stand ein ungehobelter spreitzfüßiger Tisch, um ihn herum gab es, anstatt Stühlen, Kisten.

- Uns wird auch eine einzige Nacht mehr als genug sein, was wäre nur, wenn wir hier Monate oder Jahre verbringen müssten - sagte Dani, fast weinend.

Die Gesellschaft war von einer überaus bitteren Stimmung überwältigt.

Der Kommandant besichtigte sämtliche von uns belegten Unterkunftsstellen und bemühte sich, gute Laune zu zeigen.

- Jungs, morgen werdet ihr diesen unangenehmen Zwischenfall schon vergessen. Es ist jedenfalls besser so, als wenn wir die Nacht unter freiem Himmel verbringen müssten. Und es wird auch ein gutes, reichliches Abendessen geben, es ist uns gelungen, in der Stadt, Fleisch zu bekommen. Das Gulasch wird schon gekocht.

Wir nahmen auf den oberen Betten Platz. Dani meckerte herum, es würde ihm oben schwindelig werden und er würde hinunterfallen. Es gelang mir ihn schnell, bevor noch ein Anderer herankam, auf eines der oberen Betten hinaufzuschieben, wobei ich ihm klar machte, dass die Wanzen immer von oben nach unten fallen. Als er mich zweifelnd ansah, fügte ich noch hinzu:

- Sei nicht blöd, am unteren Bett kann man dir auch noch Wassersegen von oben zukommen lassen.

Das hatte seine Wirkung. Er nahm auf den bloßen Brettern Platz.

- Wisst ihr - sagte er -, mir ist es eingefallen, dass ich, als ich im vorvorigen Jahr meinen Militärdienst machte, einmal als ich Wachtdienst hatte, gerade vor dem Gefängnis meinen Posten zugewiesen bekam. Auch dort gab es solche Betten mit bloßem Brett als Liegestätte. Einer der Insassen bat mich um Wasser. Da sag' ich ihm, sein Blechnapf wäre ja ganz voll, aber er behauptete, dass wäre nicht genug, weil er den Inhalt auf sein Bett zu gießen pflegt. Warum denn? - fragte ich. Darum, antwortete er, damit das Brett weicher sei.

Wir waren ihm aber für den billigen Humor gar nicht dankbar und lachten nicht.

Unsere düstere Stimmung löste sich ein wenig, als uns befohlen wurde, wir sollten uns zum Abendessen aufstellen. Vor einer Baracke kochte unsere Suppe in einer "Gulaschkanone". Wir konnten uns nicht beklagen, man gab sich Mühe und der feine Geruch schwebte in der reinen Waldluft. Wir reihten uns an und unsere Essschalen wurden vollgeschöpft.

Wir aßen stehend, wir hatten keine Lust in der schmutzigen Baracke zu essen. Auf einmal blieb Pistas Löffel in der Luft stehen.

- Warum isst du nicht, was gaffst du? - fragte ich.

Er antwortete nicht, er schaute nur zerstört hinter meinen Rücken. Ich wandte mich um und meine Kehle war wie zugeschnürt: Einer der jüdischen Häftlinge stand am Stacheldraht und hielt uns, mit seinem ausgestreckten Skelettarm, eine verrostete Konservendose entgegen.

- Man müsste ihm von unserem Essen etwas geben - sagte ich leise - wir haben ja genug um auch ihm davon geben zu können.

- Willst du wieder mit dem Kopf an die Wand - warnte mich mein Freund -, siehst du nicht, dass der Torwart sehr hierher schaut, schon kommt er auch an uns heran.

Ich stand, wie gelähmt da...

Da trat mit einer vollen Essschale der Benjamin unserer Truppe aus der Reihe, unser kleinster, unauffälligster Geselle, ging ruhig und gelassen zum Häftling und schüttete und schöpfte die Suppe in die Konservendose.

Mit starrem Blick sahen wir zu. Der Torwart rannte zurück, nahm sein Gewehr in die Hand und eilte den beiden zu.

Unser Kollege hatte ihn nicht bemerkt, aber der Häftling sah ihn schon und er schleppte sich, so schnell wie er konnte, vom Zaun weg.

Der SS-Mann war einigermaßen außer Atem als er ankam und er schlug wütend unserem Kameraden die Essschale aus der Hand.

Der arme Junge erschrak und lief schnell zu uns zurück. Bis dahin besann sich auch unser Kommandant und durch sein gutes Deutsch und entschlossenes Auftreten gelang es ihm, den Mann zu beruhigen.

- Wir haben unsere Prüfung schlecht bestanden - wandte ich mich an meine Freunde. - Hättet ihr von diesem unbedeutenden, unauffälligen Burschen so einen Mut und solche Menschenfreundlichkeit vorausgesetzt? Ich weiß gar nicht, wie er heißt.

- Ich auch nicht - murmelte Pista.

- Weißt du, wie der heißt, Dani?

- Ich schäme mich, aber auch ich weiß es nicht.

Wir hatten auch nicht mehr viel Lust zum Essen. Von dem, was wir gesehen haben, ist uns der Hunger vergangen. Niedergeschlagen wie wir waren, kehrten wir in die Baracken zurück.

- Vom Schlafen wird nichts werden - brach ich die Stille.

Keiner antwortete...

Ich schwieg eine Weile, aber ich hatte mit so vielen Gedanken den Kopf voll, dass ich es nicht lange aushielt.

- Pista, hör mal!

- Was denn?

- Erkläre mir, wie konnte man ein solches Volk soweit bringen. Bach, Goethe, Schiller, Beethoven, Robert Koch, Röntgen, die alle haben dieser Nation angehört, wie konnte man diese Menschen zu so schändlichem Handeln missbrauchen. Wie wird jetzt die berühmte deutsche Kultur und Wissenschaft fortbestehen? Was kannst du dazu sagen?

- Ich habe jetzt keine Lust, mich darüber zu unterhalten.

- Warum, kannst du vielleicht schlafen?

- Nein.

- Na also?

Pista richtete sich zornig in seinem Bett auf und wandte sich mir zu.

- Dann sollst du also wissen, dass in einer Diktatur alles möglich ist, besonders dann, wenn alles von einem einzigen Mann abhängig ist. Man kann dann Rom anzünden, man kann ein Pferd zum Kaiser krönen. Man kann unangenehm gewordene, unfruchtbare Ehefrauen enthaupten und man kann sich in der Heiligen Bartholomäusnacht über das angerichtete, schreckliche Blutbad auch noch freuen. Und die aufständischen Bauern waren sogar imstande, das gebratene Fleisch ihres Anführers zu verzehren, als sie dazu gezwungen wurden. Soll ich noch mehr Beispiele aufführen. Eine Gewaltherrschaft geht mit einem Terror einher und daraus ergibt sich eine allgemeine Angst, wo sich ein jeder von einem jeden fürchtet. Wo Diktatur herrscht, da ist keiner frei, nicht einmal der, der an der höchsten Spitze steht, denn der muss sich vor der Rache seiner unterdrückten Untertanen fürchten.

- Wie ich sehe, kennst du dich in der Geschichte gut aus.

- Ich hatte immer eine gute Zensur, aber nicht, weil ich fleißig gelernt habe, sondern darum, weil wir einen sehr klugen Juden zum Geschichtslehrer hatten, der bei uns allen beliebt war und der uns die Demokratie zu schätzen lehrte.

- Sag' mal, was bedeutet eigentlich das Wort: Demokratie?

- Stell dich doch nicht dumm, bist du denn ohne Abitur an die Uni gekommen?... Volksherrschaft heißt das, auf griechisch.

- Ich habe Latein gelernt und ich stell' mich auch nicht dumm. Ich hatte auch einen klugen, hochangesehenen Geschichtslehrer. Er trug einen Zwicker, war immer tadellos gekleidet, er war ein vornehmer Mann. Einmal sprach er über die Demokratie, seine Auseinandersetzungen bezogen sich auf die griechischen Staaten des Altertums.

- Na und, was hat er euch gesagt?

- Zuerst wurde die Aristokratie von ihm hochgepriesen, da, seiner Meinung nach, diese Gesellschaftsordnung das goldene Zeitalter dem Griechentum brachte, denn da wusste ein jeder, wohin er gehörte, die Herren, die Bauern und die Sklaven, ein jeder kannte seinen Platz. Das war die richtige Ordnung. Und dann kam die Demokratie: Der Pöbel konnte am Markt in alles hineinreden, ein allgemeines Chaos entstand und das hat zum Untergang des Landes geführt.

- Eine seltsame Ansicht. Täuscht dich deine Erinnerung nicht?

- Ja, ich könnte vielleicht auch noch die Sätze wörtlich wiedergeben, mit denen er uns die Sache klarmachte, denn die sind fest an eine andere Erinnerung geknüpft, die ebenfalls mit diesem Lehrer verbunden ist.

- Kuscht euch! - hieß es aus der Ecke, von einem der unteren Betten. - Hört mit dem Geschichtsunterricht endlich auf! Kratzt euch lieber. Hier gibt es mehr Wanzen als in einer Budapester Kupplerei.

- Du würdest dich auch lieber an die Frauen, als an die Wanzen erinnern - rief ich ihm zurück. Dann sagte ich, etwas leiser, zum schlummernden Dani:

- Siehst du, es ist viel besser am oberen Bett.

Wir plagten uns die Nacht hindurch, ächzend und uns hin und her wälzend. Endlich dämmerte es.

- Was für ein Tag wartet auf uns? - flüsterte Pista, während er sich leidenschaftlich am Hals kratzte, der voll mit perlenartigen roten Wimmeln bestreut war, hinterlassene Spuren der nächtlichen "Besucher".

- Hoffentlich schafft man uns aus diesem schrecklichen Lager weg, das wurde uns ja versprochen - antwortete ich.

- Ich kann beinahe auch mir selbst kein Vertrauen mehr entgegenbringen - sagte Dani erbittert.

Gegen neun Uhr kamen vier LKW-s angefahren und nachdem in Hast und Eile eingepackt wurde, ging 's los, nordwärts.

Es wurde nicht so sehr danach gefragt, wohin wir fahren, wir hofften, dass wir jetzt irgendwie, irgendwohin eingereiht werden, in irgendeinem Verzeichnis registriert und so mit Lebensmittel versorgt werden.

Der Weg war auch diesmal voll mit verschiedenen Fahrzeugen. Von einem Flugzeug beobachtet, müssten wir einem Ameisenzug ähnlich gewesen sein, der hin und her wandert, die haben aber wenigstens irgendein Ziel.

Wir wurden im LKW ordentlich hin und her gerüttelt.

- Wenn ich nur wüsste, wohin wir fahren - brach ich das Schweigen.

- Du hast es gestern gehört, zur Arbeit bringt man uns. Hoffentlich wird man uns auch ein entsprechendes Futter geben.

- Lieber Dani, gestern warst du nicht so optimistisch gestimmt - sagte ich ihm kopfschüttelnd.

- Irgendwie müssen wir die Zeit totschlagen, Jungs - sagte Pista. - Unterhalten wir uns weiter, Bandi, am Abend hat man uns zum Schweigen gebracht und auch du hast über den Geschichtsunterricht nicht weitererzählt.

- Wo habe ich damit aufgehört? Na ja! Unser Lehrer war schon sehr in seine Auseinandersetzungen vertieft und er hatte kein einziges gutes Wort von der griechischen Demokratie zu sagen. Ich sah ihn an und dachte darüber nach, warum der "Alte" auf das Volk, besser gesagt den Pöbel so böse ist. Ich starrte ihn so an, dass er seine Rede unterbrach und sich an mich wandte: "Warum schauen sie, Németh, so herausfordernd auf mich" fuhr er mich an. (Wir waren 15 Jahre alt und so ziemte es sich damals, uns mit Sie anzureden.) Ich erschrak, auch sonst hatte ich Angst von ihm. "Herr Lehrer, bitte, ich habe nur ihren Vortrag angehört" - sagte ich mit etwas zitternder Stimme. Er sah mich an, von Kopf bis zu Fuß, und sein Blick rastete an meinem offenen Halsausschnitt. Wieder fuhr er mich an: "Wo ist ihre Krawatte?!" Erschrocken gab ich die Antwort: "Ich habe keine." Kaum hatte ich das ausgesagt, habe ich es auch schon bereut. Ich hätte lügen müssen, denn zu Hause gab es wirklich eine graugestreifte Krawatte, mein Pflegevater trug sie, wenn es eine Taufe, Hochzeit oder ein Begräbnis gab, manchmal auch an der Mitternachtsmesse zu Weihnachten. Es war aber schon zu spät, die Worte haben meinen Mund verlassen. Unser Lehrer, sich immer mehr seinem Zorn hingebend, schrie mich immer lauter an: "Sie haben keine Krawatte?! Wieso haben Sie keine?! Ihre Eltern haben ihnen keine gekauft?!... Und überhaupt, wer sind ihre Eltern?!" Da spürte ich aber schon einen Druck in meinem Inneren, ich fühlte mich schuldig, weil wir uns das vornehme Symbol der Oberschicht nicht leisten konnten und ich wurde trotzig. Ich schaute nur vor mich hin und gab keine Antwort. "Reden Sie endlich! - sagte er nach einer Weile. - Wenn Sie nicht antworten, werde ich ihnen eine Klassenvorstandsstrafe zuteilen lassen! Also? Was ist ihr Vater von Beruf?!" Mit Mühe rückte ich endlich mit der Antwort heraus: "Welcher?" "Wieso welcher?" Sie haben mehrere Väter?" Das ist ja eine biologische Unmöglichkeit!!!" "Meine Eltern sind geschieden - stotterte ich -, und so habe ich zwei Väter." "Und womit beschäftigen sich diese?!!! Ich könnte auch sagen, wo arbeiten die?!!" Ich dachte nach, wo ich jetzt anfangen sollte. Welcher Beruf würde nun einen besseren Eindruck machen? Meinen Pflegevater, der Facharbeiter war, hat man eben jetzt aus dem Betrieb entlassen, da es dort Personalabbau gab und er überflüssig geworden ist. Nicht einmal das Schulgeld konnten wir diesmal bezahlen. Mein Vater war Schneidergeselle. Aber ich musste mich beeilen mit der Antwort. "Schneiderge... meister..." log ich. Unser Lehrer seufzte erleichtert auf, wandte sich an unsere Klasse, und sagte mit auseinandergespreizten Armen: "Sehen Sie, meine Herren, das ist der Fehler in unserem Land! Wozu wird das führen, wenn das Kind eines jeden Schneiders oder Schusters das Abitur macht? Mit einem Abitur kann man auch auf den Rang eines Offiziers Anspruch stellen, und so können diese Leute auch in die GESELLSCHAFT eingeführt werden. Was wird aus dem aristokratisch vornehmen Ungarn werden?"

- Dieser Lehrer hat dich gut runtergebracht - unterbrach mich Pista.

- Ja, ich war tief in meiner Seele getroffen, von dem was er sagte, aber vor allem darum, weil ich fürchtete, er werde mich durchfallen lassen. Damals wurde es mir klar, dass ich fleißig lernen muss, bis dahin hatte ich die Schule nur so besucht.

- Und was haben deine Klassenfreunde dazu gesagt? - fragte Dani.

- Ich zog mich zurück in der Pause. Da kam einer aus meiner Klasse, Jaca, zu mir und sagte: "András, nimm 's dir nicht aufs Herz, der alte Dummkopf ist schon ganz blöd und müsste schon längst in Pension sein." Dann drückte er mir sein Jausensbrot in die Hand, mit Butter und Salami belegte Semmel, ein essbares Symbol des Wohlstands. Er war der Sohn vom Besitzer des Betriebes, aus dem mein Pflegevater entlassen wurde... Verstehst du jetzt, Pista, warum ich dich gefragt habe, was das Wort "Demokratie" eigentlich bedeutet? Denn in unserem Gymnasium war, nach wie vor, keine Rede mehr davon.

- Was für eine Schule war das? - sah mich mein Freund fragend an.

- Eine vorzügliche und demokratische Schule war es, nur dieses Wort wurde niemals von unseren Lehrern gebraucht.

- Wenn schon davon die Rede ist - fuhr Pista fort - nicht als ob in Jugoslawien alles gut gegangen wäre... Als wir an eure Uni kamen, wir konnten aus der Bácska ungefähr unser dreißig bis vierzig gewesen sein und es war ganz selbstverständlich, dass wir zusammengehalten und einander geholfen haben, obwohl unsere Gemeinschaft wenigstens fünf Nationalitäten angehörte: Ungarn, Serben, Kroaten, Deutsche, Slowenen. Ihr aber habt in kleinen Gruppen oder vereinsamt, euer eigenes Studentenleben geführt. Du warst der einzige, der sich mit uns angefreundet hat.

- Ich habe eure "Demokratie" auch beneidet, einer von uns, ein Obergescheiter hat mich deswegen "Tschetniks" genannt, denn diesen Spottnamen gab man in unserer Stadt den Studenten aus der Bácska. Vor allem, weil ihr in amerikanischem Stil gekleidet wart und wegen eurer amerikanischen Frisuren.

- Gib acht, du Ochs! - schrie Dani.

Spät kam die Warnung, die unserem Fahrer adressiert war. Er fuhr an das uns voranfahrende Fahrzeug und wir fielen übereinander. Zum Glück ging es so langsam vorwärts, das keinem was passierte.

Das war in der Nähe der Stadt Leoben. Wir fuhren in die Stadt hinein und hielten vor irgendeiner militärischen Institution. Unser Kommandant und ein deutscher Begleiter gingen hinein, und bald kehrten sie zurück mit der Nachricht, das Ziel unserer Fahrt wäre Eisenerz.

Eine kleine Stadt in einem Tal, am Fuße hoher Berge. An ihren Charakter erinnere ich mich nicht. Es könnte auch Makó gewesen sein, auf österreichische Art. Was aber auffiel, das war die große Anzahl von einheitlichen Plakaten, worauf mit großen Buchstaben aufgeschrieben stand: "Die Wende kommt!"

Hier wurden uns die Arbeitsplätze zugewiesen: Pista, Dani und ich kamen in eine militärische Fürsorgestelle für Geschlechtskrankheiten. Wir wurden vom Befehlshaber des Krankenhauses empfangen, der eine kleine Rede hielt, von der ich kaum etwas verstand, aus dem wenigen was ich daraus entnehmen konnte war mir jedenfalls klar, dass er vom endgültigen Sieg und von der Wende nicht gesprochen hat.

Wir gehörten nun zur Mannschaft und richteten uns dementsprechend im Mannschaftsquartier ein. Von den sich dort befindenden einfachen deutschen Männern, vorwiegend Arbeiter waren es, wurden wir freundlich aufgenommen und als Medizinstudenten, wurde uns einigermaßen auch Respekt entgegengebracht.

In unser Soldbuch wurde das Hakenkreuz mit dem Adler und die Nummer des Verbands eingestempelt. Dieses Dokument wurde mir später beinahe zum Verhängnis. Ich hatte es fast vergessen und im letzten Augenblick riss ich das Blatt mit dem ominösen Stempel aus meinem Ausweis heraus.

Pista und Dani mussten Uniform anziehen. Als sie aus dem Magazin kamen und ich sie erblickte, musste ich lachen.

- Na also, da ist die Wende - sagte ich, vor Lachen schluchzend -, ihr seid der Nachschub der deutschen Wehrmacht.

Schon lange habe ich keine so verdutzte Gesichter gesehen. Dani schob sich die Mütze, auf der sich ein Totenkopf und das SS-Abzeichen befanden, vor dem Spiegel zurecht.

- Oh, men Gott - seufzte er, fast weinend -, gut dass mich meine Mutter so nicht sieht.

Wir verrichteten unsere alltägliche Arbeit in der Sprechstunde. Ich hatte die Aufgabe, für die tägliche Kontrolluntersuchung den Patienten das notwendige Untersuchungsmaterial zu entnehmen. Es war eine eintönige, langweilige Arbeit. Nachmittags waren wir meistens frei.

Eines Tages schlug ich Kinobesuch vor. Pista kam nicht mit, zu zweit mit Dani schlenderten wir die außergewöhnlich stillen Strassen der Kleinstadt entlang. Die Stille wurde auf einmal von einer düsteren Männerstimme, die aus den überall angebrachten Lautsprechern tönte, unterbrochen. Der Führer wurde an seinem Geburtstag von Goebbels begrüßt, in einem Ton, der eher zu einer Grabrede gepasst hätte. Kein Mensch zeigte sich auf der Strasse, alle zogen sich in ihre Häuser zurück, augenscheinlich wussten sie nicht, wie man sich jetzt benehmen sollte, denn offiziell hätte ja gejubelt werden müssen.

Im Kino gab es kaum jemanden. Ein alter Film von Magda Schneider wurde gespielt, eine lieblich törichte, süßliche Geschichte. In der Pause sagte Dani, der bisher kaum gesprochen hat:

- Du, Bandi, ist es dir so nicht schon langweilig?

Ich dachte, er wollte sich über Politik unterhalten, aber es hat sich herausgestellt, dass er so was gar nicht im Sinn hatte.

- Ich habe schon genug von unserer Keuschheit - fuhr er fort -, man müsste mal auch die deutschen Mädchen ausprobieren. Schade, dass ich kein Wort von ihrer Sprache kenne. Hast du keine Lust dazu?

- Aufrichtig gesagt, mir ist so was gar nicht eingefallen, besonders nach all dem, was ich von Tag zu Tag in dieser Fürsorgestelle für Geschlechtskrankheiten erfahre.

- Na gut, es besteht ja kein Zwang, aber ich möchte dich bitten, mir zu helfen, denn ich kann ja nicht einmal eine Bekanntschaft machen.

- In Ordnung, wir werden nach dem Kino Umschau halten, auch hier gibt es junge Mädchen.

- Dort, die zwei in der zehnten Reihe - zeigte er auf zwei sechzehn-achtzehnjährige blonde Mädchen -, die größere wurde mir entsprechen.

- Na, eine Schönheitskönigin ist sie gerade nicht! - bemerkte ich dazu.

- Das macht auch nichts aus, schau sie mal an, ihr Gestell ist genug gut.

- Das ist Geschmacksache. Bei uns, zu Hause, könnte sie vielleicht die letzte in der Reihe sein. Aber dir zuliebe versuchen wir es am Ende der Vorstellung. Einen so schneidigen SS-Mann, wie du bist, müssen die Weibsbilder schon lieb haben, auch schon dem Vaterland zuliebe.

- Dass dich der Teufel hole! - ärgerte sich Dani.

- Es war nur ein Scherz, ich will dir nicht weh tun.

Am Ende der Vorstellung machten wir uns an die zwei Mädchen ran. Die haben unser Vorhaben auch gleich gemerkt, sie kicherten und verlangsamten ihre Schritte. Ich sprach sie an, sie blieben auch stehen und wir stellten uns vor.

Dani wollte mir seine verführerische Rede diktieren, aber ich habe auf deutsch noch nie den Hof gemacht und so musste ich ihn aufmerksam machen:

- Was denkst du, was bin ich? Ein Diplomatendolmetscher, oder gar ein Dichter?

Nach einem kurzen Spaziergang verabschiedete sich das kleinere Mädchen, scheinbar hatte sie keine Lust zu diesem Abenteuer.

Wir spazierten bis an den Stadtrand und es wurde auch langsam dunkel. Dani war von seiner lüsternen Gefühlen überwältigt.

- Lieber Bandi, du bist ein so guter Freund, wir könnten uns an dieser kleinen Schönheit teilen!

- Geh zum Teufel!

- Aufrichtig sag' ich 's dir, und nur das sollst du von ihr fragen, welchen von uns sie möchte, der soll dann der erste sein.

Ich ging ins Spiel ein und als ich dem Mädchen die Frage stellte, nach kurzem Nachdenken lächelnd antwortete sie: - Ihr beide!

- Was hat sie gesagt? - sah mich Dani an.

- Dass sie uns beide liebt.

- Juhé!!! - drehte Dani seine Kappe mit dem Totenkopf im Kreis herum. - Dort ist, nicht weit von hier, ein Heuschober - zeigte er auf den Hügel vor uns - es ist sowieso schon dunkel, ich werde bis dahin aufpassen und dann komm' ich dran.

- Darauf kannst du warten!

- Das kann doch nicht dein Ernst sein, lieber Bandi. Das Mädel da bietet sich uns an und du läufst davon?

- Erstens laufe ich auch gar nicht davon, aber bisher bin ich nur dir zuliebe ins Spiel eingegangen. Zweitens, hör' mich mal an: Was wissen wir von diesem, einen Mann begehrenden Fräuleinchen? Willst du dir was anschaffen? Und ich will auch dir diesen verantwortungslosen Leichtsinn nicht erlauben!

- Mir wirst du nichts befehlen, Kamerad! - sagte er zornig.

- Natürlich kann ich dir nichts befehlen, aber ich bin dein Freund. Dich hat jetzt die männliche Gier überfallen, lass' mich jetzt an deiner Stelle überlegt handeln.

Das Mädchen sah uns staunend an, es war ihr unverständlich, worüber wir diskutieren, wo sie doch schon mit allem einverstanden war.

Ich wandte mich ihr zu und erklärte, ich wäre erst vor kurzem in der hiesigen Anstalt von meiner Geschlechtskrankheit geheilt worden und mein Freund, aufrichtig gesagt, wie sollte ich es nur erklären, er mag lieber Jungen.

Das Mädchen sah uns verwundert und voll Verachtung an, und sagte nur:

- Schade! - Dann wandte sie sich um und lief weg.

- Was hat die jetzt auf einmal? - zürnte Dani. - Was hast du ihr gesagt, du Sexkiller?

- Nichts besonderes, nur, dass ich geschlechtskrank und du Schwul bist.

- Dass dich der Teufel hole, du Szögediner! Das war ein böser Streich den du mit mir gemacht hast.

Er zürnte auf dem ganzen Heimweg, aber am Ende wurde es ihm auch schon überdrüssig und so kam er wieder zur Ruhe.

Am nächsten Tag, beim Frühstück, brummte er nur unter die Nase:

- Es kann sein, dass du gestern recht hattest, wir haben ohnehin genug Leid und Plage, so etwas hätte uns gar nicht gefehlt.

Pista sah uns an.

- Wo wart ihr am Abend?

- Im Kino - sagte ich.

- Aber die Vorstellung war ja schon um sechs zu Ende.

- Nachher haben wir uns darin geübt, wie man sich selbst beherrscht - zwinkerte Dani.

Es war der achte Mai. Am Nachmittag streiften wir in der Stadt herum, ich quälte mich mit meiner Zigarette, weil ich, törichterweise, mir das Rauchen angewöhnen wollte (es ist mir auch gelungen). Wir bekamen nämlich regelmäßig unsere Portion Zigaretten und die Schachteln waren so schön adjustiert, dass man zum Rauchen verführt wurde. Ich achtete die Deutschen auch deshalb, dass uns, selbst in dieser Lage, kurz am Zusammenbruch, alles notwendige, die Lebensmittel und auch das Getränk, genau und pünktlich, zugeteilt wurden.

Wir kehrten gegen Abend ins Krankenhaus zurück.

- Leute, was ist da los? - ergriff Dani das Wort und auch wir spitzten die Ohren.

- Hier geht es hoch zu, was ist geschehen? - fragte Pista.

Wir betraten das Mannschaftszimmer. Alle sangen und brüllten und vor allem, ein jeder war besoffen. Als sie uns erblickten, kamen einige torkelnd an uns heran, umarmten uns und das, was sie uns zuschrieen, war nur ein einziges Wort: Ende! Ende!

- Der Krieg ist zu Ende! Habt ihr es gehört?! - schrie ich auch.

Wir hoben die vollen Gläser, die uns in die Hand gedrückt wurden, hoch, stießen an und tranken sie in einem Schluck aus. Und dann wurden unsere Gläser wieder gefüllt.

- Dieses Glas jetzt auf den Frieden! - tönte Danis Stimme und wir tranken nochmals.

Mit verwirrtem Kopf wachten wir auf, eine hastige Arbeit weckte uns früh am Morgen; es wurde schon eilig eingepackt und das Brummen der LKW Motoren erhöhte die Aufregung.

Wir begaben uns zum Kommandanten, der sich auch aufgeregt, schon zum Abzug vorbereitete, aber wir wurden doch freundlich empfangen und er teilte uns mit, dass das Krankenhaus, so schnell wie möglich nach Liezen abzieht, was am entgegengesetzten Ufer der Enns liegt, und das ist schon die amerikanische Zone. Uns hat er auch vorgeschlagen, wir wollen bei der Truppe bleiben, und sollte es soweit kommen, dann ist es besser, in amerikanische Gefangenschaft zu fallen, als in einem russischen Gefangenenlager zu landen.

Da gab es nicht viel zum Überlegen. Wir nahmen in einem verhältnismässig bequemen, geschlossenen LKW Platz.

Die Stadt Liezen ist blf. fünfzig Kilometer weit entfernt von Eisenerz. Der Weg wurde von uns in anderthalb Tagen hinterlegt. Soweit ich mich erinnere, war die Grenze am Fluss bis zum zehnten oder elften Mai nicht abgesperrt. Halb Österreich, vor allem Soldaten, aber auch Zivile, wollten hinüber in die amerikanische Zone. Alle schwere Fahrzeuge stellte man abseits ab. Tanks, Kanonen und allerlei Fahrzeuge wurden unterwegs hinterlassen und viele bemühten sich zu Fuß die westliche Zone zu erreichen. Ich erinnere mich daran, dass ich, während ich so herumstand, einen Trecker erblickte, der umgestürzt dalag, die Seitenplanken waren herausgerissen und funkelnagelneue Telefonapparate, die herausgefallen waren, um den Wagen herumlagen und die Aufschrift darauf war: "M. kir. Posta" (Ungarische Königliche Post). Mehrere tausend Geräte mussten im Wagen gewesen sein.

Die Bewohner der Gegend machten sich, schön langsam und vorsichtig, ans "Zusammenklauben".

Liezen war mit Fahnen geschmückt, eine Menschenmenge, auch viele Amerikaner, befand sich auf den Strassen, es herrschte ein reges Leben, wie in einer Hauptstadt.

Am Stadtrand befand sich ein riesengroßes Sammellager, wo wenigstens fünfzig-sechzig tausend Menschen zusammengedrängt waren und wir mussten auch dorthin. Das Lager hatte weder einen Zaun, noch irgendein Dach, unter dem freien Himmel erwarteten wir unser Schicksal.

Nachdem wir lange in der Reihe gestanden waren, bekamen wir Lebensmittelkarten und konnten uns nachher frei bewegen.

Wir zogen unsere Zivilkleider an und wussten nicht, was wir nun anfangen sollten.

Eine kleine, zwanzig-dreißigköpfige ungarische "Kolonie" kam hier zusammen, einige Ehepaare hatten sich auch an unsere Gruppe angeschlossen. Man gehörte dadurch irgendwohin - wenigstens auf einander Gepäck konnten wir aufpassen, wenn jemand weggehen musste.

So verbrachten wir einige Tage.

Ein aufgeweckter LKW-Fahrer gehörte auch zu dieser Gesellschaft, der eines Tages, in bester Laune, herbeikam.

- Meine Herrschaften! Wer will heimkommen?

Eine Stille trat ein und auf die Frage "wie", erklärte er uns, er hätte unter den vielen ungarischen LKW-s einen brauchbaren gefunden, und dessen Tank wäre auch voll. Also sollten wir es miteinander besprechen und überlegen, und wer will, der kann mitkommen, morgen früh wird losgefahren.

- Also, Jungs, was ist eure Meinung? - kam zuerst Dani zu Worten. - Ich kehre jedenfalls heim. Ich kann die Fremde nicht mehr ertragen, mich plagt das Heimweh. Nachts, im Traum, bin ich immer zu Hause. Ich sehe meine liebe Mutter, wie sie mich heimruft, mir zuwinkt, und ich kann nicht heimlaufen, weil meine Beine zusammengeschnürt sind.

- Was weißt du von deinem Zuhause, was dort eigentlich los ist - sah ich fragend meinen Siebenbürgischen Freund an. - Was wird uns daheim erwarten? Ich würde am liebsten hier bleiben, wenigstens könnte ich an einer deutschen Universität mein Diplom erwerben und bis dahin wird sich vielleicht auch zu Hause die Lage beruhigen. Und du, Pista?

- Ich bin derselben Meinung. In Linz habe ich einen Verwandten, der würde uns auch helfen können.

Dani war ganz niedergeschlagen. Den ganzen Tag jammerte er herum und flehte uns an, wir sollten doch beisammen bleiben. Er erinnerte uns ständig an unsere Eltern, an die schöne Tiefebene, die Donau, die Theiß, die wunderschönen ungarischen Mädel, die Freunde. Auch in der Nacht bat er uns weinend, mitzukommen, so dass wir kaum schlafen konnten.

So gaben wir nach...

Auch uns ergriff ein derartiges Heimweh, dass wir uns am liebsten zu Fuß auf den Weg gemacht hätten.

- Hinauf auf den Wagen! - wurden wir vom Fahrer aufgefordert. - Wer mitkommen will, der soll es sich jetzt überlegen, denn gleich wird abgefahren.

Wir sprangen auf den Wagen. Jemand fragte:

- Wird hier nach keinem Reisepass gefragt oder nach irgendwelchen Papieren?

- Hier ist unser Dokument - zwinkerte der Fahrer und nahm aus dem Versteck unter seinem Sitz eine Flasche Schnaps hervor, beklopfte sie mit dem Ringfinger -, das hört sich besser an, als die Papiere - sagte er.

Wir kamen zur Brücke. Am Stadtrand stand der amerikanische Wachtposten, und am jenseitigen Ufer ein russischer Soldat.

Unser Fahrer stellte den Wagen ab, lief zum Amerikaner und versuchte ihm auf irgendeinem Kauderwelsch etwas klarzumachen, zeigte auf uns und das jenseitige Ufer. Der Mann sah uns etwas spöttisch an. Der Fahrer drückte ihm dann die Schnapsflasche in die Hand. Der Amerikaner lächelte, spuckte den Kaugummi aus, machte eine Handbewegung und sagte lachend: Oke - und so fuhren wir, froh und glücklich, über die Brücke...

Von jenseits hatte man uns mit Fernglas beobachtet.

 

Kapitel VI

Mit etwas bangem Gefühl stiegen wir vom Wagen ab, als wir über den Fluss gelangt waren und vom Wachtposten angehalten wurden. Bald erschienen noch einige russische Soldaten, unter ihnen war auch der Wachenkommandant. Sie schauten uns der Reihe nach an: Pista begab sich gleich an die Spitze und sagte, dass wir heimkehren möchten. Viel wurde von uns nicht gefragt, nur ob wir Waffen bei uns hätten.

Da haben wir - wir dachten wenigstens so - die erste "Untersuchung" hinter uns und wir beruhigten uns als uns gesagt wurde, morgen würde man uns an einen Ort bringen, wo wir registriert werden, und dort würde man uns auch ein "Dokument" geben.

In einer Scheune fanden wir Platz. Zwei Deutsche waren auch dabei und ein ungarisches Ehepaar. Mit unserer Verpflegung war vorläufig alles in Ordnung, denn der Lagermeister des deutschen Krankenhauses hat uns wirklich großzügig versorgt. Als die noch vorhandenen Lebensmittel verteilt wurden, hatte man uns reichlich mit allem versehen: Brot, Konserven, Zigaretten und auch ein jeder bekam vier oder fünf Flaschen Getränk: Schnaps, Likör und Kognak.

Ein jeder bemühte sich Zivilkleidung anzuziehen. Es war mir entgangen, als sich die Gesellschaft zusammenfand, dass ein vierzehn-fünfzehnjähriger Junge - in Uniform - als letzter mit seinem Bündelchen aufgestiegen war.

- Wer ist der "Wunderling" da? - fragte ich Pista unterwegs. - Hat der sich in irgendeinem Theater so angezogen?

- Ich weiß nicht und kann es auch nicht verstehen, er trägt das Rangzeichen eines Hauptmanns und seine Brust ist voll mit Auszeichnungen.

- Obwohl sich nicht einmal ein Schnurbart über seinen Lippen zeigt und auch seine Stimme mutiert noch gar nicht.

Er kam uns nahe und ich sah ihn besser an. Ein Bauernjunge schien er zu sein, dünn und sehnig; bis zum Hals war er braun abgebrannt, aber als er sich auszog, sahen wir, dass er unten schneeweiß war, seine helle Haut war wohl noch nie so richtig von der Sonne beschienen. Er sah aus wie die Kleinknechte, die bei uns daheim bei den Grossbauern dienten.

- Brüderchen, wo hast du das Maskenkleid her? Denkst du nicht, dass dich das noch in Gefahr bringen könnte? - redete ich ihn an.

- Bitte, spotten Sie nicht - antwortete er, etwas aufgebracht und im Dialekt, den man im Komitat Vas spricht - ich habe das alles da verdient.

- Wieso? - fragte ich. - Wie alt bist du?

- Sechzehn. - Und nachher fügte er, etwas unsicher, hinzu: - Über fünfzehn.

- Wie kannst du dann Offizier sein? Dazu muss man wenigstens ein Abitur haben! - fragte ich das Kind weiter aus.

- Durch außerordentliche Beförderung - brachte er etwas schwerfällig die offizielle Benennung heraus.

Jetzt wurden auch meine Freunde aufmerksam und hörten neugierig unserem Gespräch zu.

- Und warum hat man dir das da gegeben? - fragte ich weiter.

- Ich allein habe dreizehn T-34-er Tanks mit einer Panzerfaust (Infanteriewaffe, die gegen Panzer eingesetzt wurde) ausgeschossen.

- Junge, hältst du uns für Narren - mischte sich Dani ein.

- Wenn der Herr es mir nicht glaubt, hier habe ich die Bescheinigung! - und er kramte ein Papier aus seinem Päckchen hervor. - Und hier sind meine Auszeichnungen dokumentiert - und er übergab uns seine Dokumente.

Wir sahen die Papiere an... Wirklich.

- Schaut mal her. Die sind mit der Unterschrift des Verteidigungsministers, Beregfi (Minister des Landesführers Szálasi), versehen - sagte Pista.

- Und wenn Sie den Schriften nicht glauben, zeige ich Ihnen den Auszug aus dem Grundbuch. Hier steht es: Ich besitze fünfundsechzig Joch Feld - sagte er stolz. - Vom herrschaftlichen Gutsbesitz wurde es mir ausgemessen, ich war auch dabei anwesend. Fünf Joch stehen zu, für einen Panzer.

Wir sahen einander an, das alles war unglaublich.

- Du, sag mal, wie hast du das gewagt?

- Gnädiger Herr, oder wie ich Sie anreden soll, soweit ich nur in meiner Familie zurückdenken kann, da war ein jeder immer nur ein Knecht, mein Urgroßvater und auch mein Ururgroßvater. Nur soviel hatten wir, was für das Grab genügte; die Familie brauchte eine Grundbesitz und die Gelegenheit war da. Nach zweiwöchiger Ausbildung wurde unser Verband bei Székesfehérvár (Stuhlweißenburg) an einem flachen Gelände eingesetzt. Der Hauptmann, der uns ausgebildet hat, ließ uns die Schützengruben ausgraben. Er hatte uns aufmerksam gemacht: "Genug tief sollen die sein, Jungen, und je enger, nur so groß, dass ihr darin Platz haben könnt, damit ihr vom Panzer nicht zerquetscht werdet, wenn er an euch herankommt." Und dann wurden die Panzerfäuste ausgeteilt. Ich machte die Grube ordentlich voll mit denen, kaum hatte ich Platz darin, aber ich bin ja genug schlank. Lange brauchten wir nicht zu warten, da kamen auch die Panzer.

- Hast du dich nicht gefürchtet? - fragte ich.

- Wenn ich mich auch gefürchtet habe, ich dachte daran, ich habe fünf Geschwister, davon drei Mädchen, die müssen ausstaffiert werden, wenn sie heiraten, so brauchen wir also das Feld. Der erste Panzer den ich ins Ziel nahm, sollte gerade auf mich herankommen. Ich wartete, um meiner Sache sicher zu sein. Er konnte so um die fünfzig Meter weit gewesen sein, als ich die Waffe ausschoss. Er wurde am Ansatz seines Geschosses getroffen. Noch fuhr er ein Stück voran, dann explodierte er. Nicht weit von mir schoss auch einer meiner Kameraden auf einen Panzer, aber er traf ihn nicht. Aus dem Panzer, der auf ihn herankam, hatte man gesehen, von wo geschossen wurde und so fuhr der gerade auf ihn mit seiner Raupenkette. Der blieb dann über ihm stehen und drehte sich nachher ein paar Mal im Kreis herum, so dass vom armen Kerl nur ein blutiges, trichterförmiges Loch übrigblieb. Daraus wurde mir klar, dass es besser ist, die Panzer vorbeifahren zu lassen und dann von der Seite, oder besser von hinten zu schießen, dann merken sie mich nicht. Und so schoss ich noch zwölf davon aus.

- Also, Kamerad, kaum können wir dir das glauben - sagte ich zweifelnd -, aber wir würden dir sehr empfehlen, die "Pletschen" die du da hast, dringend zu entfernen, und auch deine Sternchen sollst du irgendwo gut verstecken, denn das alles kann dir noch zum Unheil werden.

- Davon kann keine Rede sein! Für das alles und für die Felder habe ich mein Leben aufs Spiel gesetzt!

- Verstehst du denn nicht, du kleiner Dummkopf, dass man dich deswegen auch verhaften kann! - schrie ihn Dani an.

- Der Herr sollen mich nicht Dummkopf nennen - errötete der Bub -, dem Soldaten gebührt eine Auszeichnung, wenn er diese verdient hat. Auch die Russen wissen es sogar.

Man konnte dem Buben nicht zureden, so ließen wir es sein.

Zwei russische Soldaten erschienen und Pista übersetzte uns ihren Wunsch, sie wollten Getränk von uns kaufen. Wir machten auch unsere Geschäfte mit ihnen, ich tauschte zwei Flaschen für Konserven. Die drei übrigen hob ich mir für schwerere Zeiten auf. Es war schade...

- Am nächsten Morgen machten wir uns auf den Weg, wir hatten uns an einige russische LKW-s angeschlossen. Wir fragten, wohin wir jetzt transportiert werden, aber sie sprachen nur vom "Dokument", keine andere Antwort wurde uns erteilt. Es kann sein, dass sie es selbst nicht wussten, nur dem Befehlshaber und dem Fahrer konnte das Reiseziel bekannt sein.

Wir fuhren durch einige kleinere Ortschaften und es war auffallend, dass diese ganz leer waren. Fast keine Männer konnte man sehen, nur hie und da stand eine alte Frau auf der Strasse, fest an einen Zaun gelehnt.

Wir kamen in Bruck an der Mur an. Die Russen fuhren weiter, nur einer blieb bei uns, der uns zum Bahnwärterhaus am Bahngleis führte. Wir wurden Einzelweise hereingerufen, das war so etwas wie eine Kontrolle, aber vor allem hat man unser Gepäck durchsucht und das Getränk behielten sie sich als Geschenk. Die mit uns fahrenden zwei Deutschen hatten Verstand. Als wir uns umsahen, waren sie auch schon verschwunden, sie hatten sich aus dem Staub gemacht.

Unser kleiner "Hauptmann" wurde im Häuschen festgehalten, wir warteten auf ihn eine Weile. Mit rotem Gesicht und Tränen in den Augen, kam er, schluchzend, heraus. Die Auszeichnungen fehlten von seinem Rock.

- Was ist los mit dir, Brüderchen? - fragte ich. - Hat man dir was böses angetan?

Schmollend, ganz wie ein kleines Kind, schüttelte er den Kopf. Da merkten wir erst, dass er seine ausgeknöpfte Hose mit den Händen hochhielt.

- Na sag' schon, was ist geschehen! - wollte ihn Dani ermutigen.

Da begann er endlich zu erzählen.

- Sie fragten mich nach meinem Namen und meinem Alter, danach fragten sie, ob ich wirklich Soldat wäre und ich antwortete, ich wäre ein Hauptmann. Da fingen sie an zu lachen, und dabei tranken sie auch. Ich habe nicht verstanden, was sie gesagt haben. Der eine begann mir die Auszeichnungen herabzureißen, ich wollte es nicht lassen. Da hielten sie mich fest und zogen mich aus, wieder lachten sie und sagten so etwas wie: "on jisscho libjonak".

- Das ist dein Glück, Kamerad, aber nicht "libjonak", sondern "Ribjonok" Sie haben gesagt, "der ist noch ein Kind". Aber jetzt, wenn du deine Sterne nicht herabnimmst, dann werden wir dich degradieren. Da hast du! - nahm Pista eine Nagelschere aus seinem Gepäck heraus und drückte sie dem Knaben in die Hand.

Der kleine Soldat wischte sich, nach einigem Nachdenken, die Tränen aus den Augen und begann die Abzeichen seines Ranges zu entfernen. Dabei brummte er unter die Nase:

- Ich werde sie mir trotzdem aufheben, zur Erinnerung.

Später, in dem großen Trubel, verloren wir den kleinen Burschen aus den Augen. Wahrscheinlich hat man ihn, da er nicht für erwachsen galt, irgendwo freigelassen.

Zwei bewaffnete Männer kamen aus dem Haus heraus, und nachdem sie sich von ihren Kameraden, die uns hierher gebracht hatten, verabschiedeten, forderten sie uns auf, ihnen zu folgen.

Wir kamen in den Hof eines Holzlagers, wo sich schon eine bunte Gesellschaft von ein paar hundert Leuten befand: Zivile, Soldaten, Deutsche, Ungarn, Jugoslawen.

Das Tor war offen, ein Soldat blieb zwar dort als Wachtposten stehen, aber man konnte ungestört ein- und ausgehen.

Der Zufall brachte es so, dass wir in einer offenen Scheune, neben Jugoslawen, Platz fanden. Der Eine fragte mich auf ungarisch, ob ich serbisch könne.

- Nein - antwortete ich.

Da merkte ich auf einmal, dass Pista still wurde und erblasste.

- Was ist los? - fragte ich.

- Später, draußen auf der Strasse.

Als wir da so herumspazierten, fragte ich ihn wieder, was er hatte. Seine Antwort war kurz:

- Du erinnerst dich wohl daran, was ich dir in Esztergom von den Ereignissen in Ujvidék erzählt hatte?

- Freilich erinnere ich mich.

- Die "Jugos" vergessen nichts, und darüber ging jetzt die Rede. Es ist besser, wenn wir gar nicht daran denken.

Etwa zwei Tage haben wir dort verbracht und wir wurden immer mehr. Der große Hof wurde voll, wir waren schon so gegen sieben- oder achthundert.

Am Morgen des dritten Tages weckte uns Dani:

- Schaut, Jungs, das große Tor ist geschlossen und zwei bewaffnete Männer hüten uns. Geh' mal hin, Pista, und frag' sie, was sie wollen und ob man überhaupt hinaus kann. Ich habe immer ein schlechtes Gefühl, wenn ich mich hinter einem geschlossenen Tor befinde.

Mein Freund erhob sich und ging zu den Russen. Er sprach ziemlich lange mit ihnen, von weitem sah es aus, als ob es ein freundliches Gespräch wäre.

Bald kam er zurück.

- Kein Problem, morgen früh kommen wir an eine Amtsstelle, wo uns die notwendigen Papiere ausgehändigt werden und dann können wir nach Hause gehen.

- Das wäre schon gut so - sagte ich etwas spöttisch -, aber warum macht man dazu solche Faxen? Seit mehreren Tagen sind wir hier und bisher gab es nur einen Wachtposten. Und das Essen geht uns auch schon zu Ende.

- Na ja, bis morgen werden wir es schon aushalten - sagte Dani. - Ich würde ja, wenn auch hungernd und zu Fuß, aber doch heimkehren.

Am nächsten Morgen kam eine Gruppe bewaffneter russischer Soldaten ins Holzlager.

Der Befehlshaber der Gruppe kam in den Innenteil des Lagers und sagte uns, mit lauter Stimme, das sich die Männer in Reihe und Glied stellen sollen, die Frauen sollten abseits bleiben, für sie wolle man entsprechend sorgen. Wir mussten uns in Gruppen von je hundert Mann in fünfer Reihen aufstellen und bald fand ich es auch heraus, dass das Abzählen so einfacher war.

Der Zug setzte sich in Gang, nordwärts. Schon hatten wir einige Kilometer hinterlegt, als wir uns zu besinnen begannen.

- Zum Teufel, da tut sich noch immer nicht? - sagte Dani ungeduldig. - Wir sind schon außerhalb der Stadt, wo ist eigentlich diese Amtsstelle?

- Mir gefällt die Sache auch nicht, schaut mal hin, man gibt uns ein Geleit beiderseits, als wären wir Gefangene.

Alle waren ungeduldig, aber wir hinterlegten zehn-zwölf Kilometer und kamen an der Gemeinde Hafendorf vorbei. Auf einer kleineren Anhöhe wurde ein von Stacheldrahtzaun umringtes Barackenlager sichtbar.

- Das es uns nur nicht so ergeht, wie in Peggau - ängstigte sich Dani.

- Mir wäre das schon recht, denn dort haben wir nur einen Tag verbracht - antwortete ich.

Wir gingen ins Lager hinein und das Tor wurde hinter uns geschlossen.

Endlich übernahm Pista das Wort:

- Also, gemütlich ist der Ort eben nicht, aber wir sind in Sicherheit, wie ich sehe - und er wies auf den Einen der vier Wachttürme, wo ein Maschinengewehr aufgestellt war.

- Jungs, wir sind jetzt in Gefangenschaft - sagte ich, um mich herumschauend.

Aus den Baracken tauchten immer mehr Männer auf, die Zusammensetzung, gemäss ihrer Nationalität und Kleidung, war dieselbe wie bei uns.

Wir warteten eine gute Weile bis ein Hauptmann, von zwei bewaffneten Soldaten begleitet, ankam und sich vor unsere Gruppe stellte. Zwei Zivilpersonen schlossen sich auch seiner Begleitung an, wie es sich später herausstellte, waren sie Dolmetscher, ein ungarischer und ein deutscher.

Ich weiß nicht, wie er uns angeredet hatte, aber gewiss nicht als Towarisch. In militärischem, kurz angebundenem Stil, als ob er einen Befehl erteilen würde, sagte er:

- Sie sind von jetzt an Kriegsgefangene und müssen sämtliche Regeln einhalten, die durch internationale Verträge vorgeschrieben sind. Flucht ist verboten! Von den Wachtposten werden, auch nur bei einem Versuch, ohne Aufforderung zum Halten, die Waffen benützt. Von einem jeden Zug solle ein Befehlshaber gewählt werden und jetzt gehe ein jeder in die ihm zugewiesene Baracke.

Wir schauten einander an...

- Also, Dani, dass dich dein Sekler Gott bestrafe, hättest du uns nicht so viel vorgemacht und gejammert, wären wir nicht hierher geraten - wandte ich mich grob an ihn.

- Lieber Bandi! Um Gottes Willen, lass mich doch in Ruhe, ich bin dem Weinen nahe.

Und wirklich hatte er Tränen in den Augen.

- Jetzt fehlt uns nur noch, dass wir einander zur Verantwortung ziehen - mischte sich Pista ins Gespräch. - Hier sind wir und basta, einmal wird man uns schon noch freilassen. Wohin sollen sie mit so vielen Menschen? Denkt ihr, in der westlichen Zone wären wir nicht hinter einen Zaun geraten?

Stumm und schweigend gingen wir in die zugewiesene Baracke. Bevor wir eintraten schaute ein ungarischer Offizier zur Tür hinauf und fragte:

- Was denkt ihr, meine Herren, wieviel Sterne hat dieses Quartier? - Das wollte eine geistreiche Bemerkung sein.

Ich wandte mich um.

- Waren Sie schon im "Hotel Peggau"?

- Ich hatte bisher nicht das Glück. Warum fragen Sie das?

- Darum, weil, wie ich sehe, das Hotel da ebenso eingestuft werden kann; dort haben wir bloß vergessen, die dazu gehörenden Sterne zu zählen.

- Und gab es dort auch ein Bad? - fragte er mich schelmisch.

- Ja, ein fakultatives.

- Wieso?

- Wenn es regnete.

- Damit können wir auch hier rechnen. Ich bin László Árendás, Oberleutnant - und er reichte mir die Hand.

Auch wir stellten uns vor und sagten, wir wären Medizinstudenten.

- Dann habt ihr bei den "Kadaverhusaren" gedient - lachte er -, es wird gut sein mit euch Freund zu sein, man kann nie wissen, welch ein Leiden man sich da zuzieht.

Das Innere der Baracke war der in Peggau ähnlich, mit dem Unterschied, dass es hier mehr Wanzen gab. Auch tagsüber krochen sie in Knäueln auf den Brettern unserer Betten herum. Zeit hatten wir genug, uns mit deren Ausrottung zu beschäftigen.

Wir machten der übrigen Mannschaft den Vorschlag, der Oberleutnant solle als Rangältester, der Befehlshaber unserer Baracke sein. Damit waren alle einverstanden.

Jetzt gab man uns auch zu essen, eine Gerstensuppe, zweimal täglich. Es sprach sich herum, in diesem Lager wären vorher italienische Kriegsgefangene untergebracht gewesen. Bald wurde uns auch die erste "Latrinennachricht" zugeteilt (dort wurden Nachrichten und Hiobsbotschaften, Wunschträume, und Fantasiegerüchte ausgetauscht). Demnach würde man uns in ein größeres Lager verlegen; wir würden nach Wienerneustadt fahren oder gehen.

Am 20. Mai, Pfingsten, machten wir uns früh am Morgen, auf den Weg. Wir konnten gegen fünftausend gewesen sein, das konnte schon ohne Mühe abgeschätzt werden, denn bei einer "Packung" von je Hundert konnte man die Mannschaft wirklich gut abzählen. Vor dem Abmarsch bekamen wir eine halbe Essschale voll mit trockenen Brotkrümmeln. Zum Glück hatten wir auch außerdem noch etwas zum Essen übrig.

Was unsere Mitgefangenen betraf, typisch war es, dass da ein jeder über irgendeinen Vorrat oder "Kriegsbeute" verfügte. Diejenigen waren am besten dran, die nur Lebensmittel mitgeschleppt hatten. Ich erinnere mich an einen Bauern aus Mezõhegyes, der einen großen Sack voll mit feinen, leichten italienischen Schnürstiefeln zwei Tage lang bei sich hatte, aber länger konnte er sie nicht tragen. Am dritten Tag warf er den Sack zur Erde und ließ ihn fluchend am Berghang hinabrollen und so stand er mit leeren Händen und noch leererem Magen da.

In drei Tagen haben wir zu Fuß den blf. hundert Kilometer weiten Weg bis Bad Fischau hinterlegt. Das Wetter sorgte für Abwechslung, entweder wurden wir bei Klatschregen bis zur Haut nass, oder wir verkamen vor Hitze. Es war im Mai.

Irgendwie verging der erste Tag. Die Nacht verbrachten wir auf einer Wiese neben dem Ort Mürzzuschlag, in Gesellschaft von Maschinengewehren. Aber am nächsten Tag mussten wir den Semmering hinaufsteigen. Obwohl ich damals zwanzig Jahre alt und ein Sportler war, hatte auch ich das Gefühl, es ginge nun keinen Schritt mehr weiter, aber trotzdem haben wir danach noch fünfzehn Kilometer hinter uns gebracht.

Unsere Wachen ritten nebenan oder fuhren auf Pferdewagen. Auf einem Serpentinenweg, abwärts gehen, traten zuerst ein-zwei Männer aus der Reihe heraus und bemühten sich, um den Weg abzukürzen, auf dem sanften Abhang die Kurve durchzuqueren. Immer mehrere schlugen denselben Weg ein, am Ende lösten sich die Reihen auf und mehrere Hunderte liefen am Berghang abwärts.

Die ersten Schüsse wurden abgegeben. Es gab einen großen Schreck, alle die hinuntergelaufen waren, lagen jetzt auf der Erde. Wieder wurde geschossen. Wir atmeten auf als wir sahen, dass es keine Verletzungen gab, es war nur eine Mahnung.

- Sie geben sehr acht auf uns - sagte Pista erschrocken -, ich glaube, sie sind zur Rechenschaft verpflichtet und keiner von uns darf fehlen.

Der dritte Tag war der schlimmste, weil wir nur wenig Wasservorrat hatten, und der Weg wollte auch kein Ende nehmen.

Gegen Abend kamen wir am Lager an, aber nur am nächsten Vormittag wurden wir hineingebracht, die Nacht verbrachten wir in einer Scheune, doch die Mehrzahl schlief unter freiem Himmel.

Das Lager war eigentlich eine umzäunte Kaserne. Am Hauptgebäude war die zum Teil verblasste, zum Teil abgefeilte Aufschrift sichtbar: "Göring Kaserne".

Außer einigen, auch bei uns wohlbekannten Kasernengebäuden im k.u.k. Stil, gab es noch Reihen von Baracken an der östlichen und nördlichen Seite des Hofes. In der Mitte befand sich das Küchengebäude und ein Fußballplatz. Ein kleines, meterbreites Bächlein floss durch das Lager, von dessen rein aussehendem Wasser saugten wir uns gleich voll, denn die ganze Nacht hindurch hat uns ein unheimlicher Durst geplagt.

Unsere Kompanie wurde an einem Dachboden untergebracht. Oberleutnant Árendás blieb unser Kommandant. Er wurde bald zur Erteilung der "Anordnung" bestellt und kehrte nach einer Stunde zurück.

Er gab uns die "Tagesordnung" bekannt, die außer dem Verrichten vegetativer Tätigkeiten kaum etwas mehr enthielt. Ich versuche es zu rekonstruieren. Aufstehen um sechs Uhr morgens, sich aufreihen für Bohnensuppe, die man gegen 9-10 Uhr bekam. Gegen 11 Uhr wurde die Brotportion ausgeteilt, die angeblich 60 Dkg hätte sein sollen. Ich hatte bald kapiert, dass man diese gleich aufessen musste, denn nur das war sicher, was man schon im Magen hatte. Ich versuchte auch meinen Freund, Pista daran zu gewöhnen, aber er bestand darauf, dass man es sich für drei Mahlzeiten einteilen sollte. Das dauerte aber nicht lange, denn nach zwei Tagen war von seinen Vorratsportionen nichts mehr da.

Im weiteren wurden wir vom Oberleutnant auf eine womöglich hygienische Disziplin aufmerksam gemacht: Nöte dürfen nur auf der Latrine (eine ein Meter tiefe, dreißig cm breite, lange Grube) verrichtet werden, und es ist streng verboten, aus dem Bach zu trinken, denn der ist von Abwasser verseucht. Als er das sagte, schauten wir einander beklommen an.

- Was sollen wir jetzt tun? - kam zuerst Dani zu Wort.

- Was denn, verdammt noch mal - sagte ich zornig -, wir werden auf den Tod warten. Es hängt davon ab, wieviel Magensäure du hast.

- Worüber geht die Rede? - fragte uns der Oberleutnant.

- Wir sprachen nur darüber, was für ein Begräbnis wir gegebenenfalls beanspruchen sollen - mein Freund Pista wollte sich fein ausdrücken -, wir hatten nämlich schon anderthalb oder zwei Liter pro Kopf von dem Bachwasser getrunken.

- Ihr seid Ärzte, ihr müsst über die Symptome Bescheid wissen. Was kann man eigentlich von so einem Wasser kriegen?

- Dysenterie, Typhus - antwortete ich -, aber auch Cholera kann vorkommen.

Unsere Kameraden sind uns Tage hindurch ausgewichen, als wären wir aussätzig gewesen, aber zum Glück wurden wir nicht krank.

Unser Kommandant machte uns noch strengstens darauf aufmerksam, wir sollten uns keine Gedanken über irgendeine Flucht machen, denn unser Leben setzten wir aufs Spiel, wenn wir es auch nur versuchen würden. Übrigens würde man uns früher oder später sowieso freilassen.

- Das kann uns trösten - sagte Dani -, aber von größerem Nutzen wäre es, wenn man uns sagen würde, wieviel das "früher oder später" ausmacht.

- Wirklich, diese Ungewissheit geht auch mir auf die Nerven - fügte Pista hinzu, der sonst Nerven wie Stricke hatte.

Wir versuchten die Zeit irgendwie totzuschlagen. Wir gingen im Lager hin und her und unterhielten uns miteinander. Ein kleiner Teich befand sich am Bach, aber darin zu baden war ebenfalls verboten. Doch nachts nahmen viele ein flüchtiges Bad darin, obwohl zu der Zeit die Nächte noch ziemlich kalt waren und wir froren sehr auf dem betonierten Fußboden. Wir schmiegten uns dicht aneinander wie junge Hünchen und jeden Tag schlief ein anderer in der Mitte, denn dort war es am wärmsten.

Als eine Erlösung empfanden wir unsere Verlegung in die Baracke Nr. zehn. Wir haben auf dem Dachboden derartig an Kälte gelitten, dass uns ein Stück Drahtzaun, das ich irgendwo gefunden hatte, und uns als Unterlage an unserer Liegestätte diente, kaum etwas helfen konnte. Wir hatten alle Kreuzschmerzen.

Die Ereignislosigkeit unseres Daseins wurde ab und zu von einem Budapester Vagabund unterbrochen, der uns auf unterhaltsame Weise, seine Geschichten von Einbrüchen und Kassenbohrereien vortrug. Ob die wahr waren oder nicht, wer konnte das wissen? Jedenfalls wurden wir von allerlei Gedanken, die wir uns über unsere Lage gemacht hätten, abgelenkt.

Eines Tages streiften wir in der Nähe der "Lazarettbaracke" herum. Im offenen Fenster erschien ein wohlbekanntes Gesicht, das von Doktor Katzander, der zum Personal des dritten Szombathelyer Krankenhauses gehörte und mit uns über die Grenze nach Österreich gekommen war.

- Hallo, Jungs - redete er uns lächelnd an -, Szögediner, kommt mal rein!

- Ich bin zwar kein Szögediner - brummte Dani -, aber ich gehe jedenfalls mit.

- Na, kommt schon - kam er uns im schmalen Korridor entgegen -, hört mal, zieht in diese Baracke ein, wo sich die Ärzte befinden, die Lage ist hier zwar nicht viel, aber immerhin etwas besser. Ich verstehe mich gut mit der Befehlshaberin des Lagers, ich werde die Sache mit ihr besprechen. Wisst ihr, ich bin aus Salgótarján (Stadt an der slowakischen Grenze) und so kapiere ich etwas vom slowakischen, so dass wir uns miteinander verständigen können. Außerdem brauche ich einige geschickte Gesellen, die etwas vom Handwerk verstehen, und...

- Und die auch die scheußlichen Arbeiten verrichten können - ergänzte ich ihn.

- Genau, wie du es sagst. Wisst ihr, da gibt es viele Oberärzte, von allerlei Fachgebieten, die meisten wollen aber nur Befehle erteilen und nicht arbeiten, oder sie haben durchaus keine Lust die ihnen nicht ziemenden Arbeiten zu verrichten und darum würde ich euch brauchen und ihr werdet schon sehen, hier isst man mit einem größeren Löffel und ein paar bessere Stückchen gehören auch zu unserer Kost.

- Lieber Freund, du bist ein Engel, wir holen auch schon gleich unsere Klamotten - sagte ich voll Begeisterung und während wir hinausgingen stießen wir an die Befehlshaberin des Lazaretts, die übrigens ein Feldscher Hauptmann war.

Die kleine, gedrungene, gutgelaunte Frau (oder war sie ein Mädchen?), deren Höhe kaum mehr als hundertfünfzig Zentimeter betrug, war uns sympathisch, weil sie immer lächelte und fast jede Minute hell auflachte. Ihr ständiger Begleiter wich nicht von ihrer Seite: Schanji, der Dolmetscher war es, der, soweit ich weiß, aus Ungvár oder Munkács (ungarische Städte in der sogenannten Karpatukraine, die an die Sowjetunion entfielen) gebürtig und ebenfalls ein sympathischer Kerl war. Sie hatte keine Waffen bei sich, obwohl so manche von den uns bewachenden Soldaten, wenn sie im Lager entlang gingen, uns wie die schlimmsten Bösewichte ansahen und ihre Waffen festgeklammert in den Händen hielten.

Der ungarische Chefarzt erklärte der Befehlshaberin, wer wir sind und, dass man uns wegen der vielen Arbeit im Lazarette brauchte. Sie war sofort einverstanden: harascho, harascho, sagte sie und klopfte uns, sich auf die Zehenspitzen stellend, auf die Schultern.

So verabschiedeten wir uns von unserer Kompanie und versprachen, ihnen zukünftig so zu helfen, wie wir nur können.

Oberleutnant Árendás fügte auch gleich seine Meinung hinzu:

- Seit langem weiß ich schon, dass es im Krieg am besten ist, Koch, Offiziersdiener, Barbier oder Arzt zu sein. Scheinbar gilt das auch für ein Gefangenenlager. Aber ich wünsche euch viel Glück, Jungs, und vor allem, dass euch eine dicke Bohnensuppe zugeteilt werde. Sollte uns was fehlen, werden wir uns an euch wenden!

In der Baracke gab es ein "Krankenhaus", eine Abteilung für bettliegende Patienten, dort wurde uns je eine "Pritsche" zugeteilt. Nachdem wir uns eingerichtet hatten, erklärte uns der Chefarzt kurz, was wir zu tun hatten.

- Vormittags und nachmittags werdet ihr, je nachdem wie viel Patienten es da gibt, in der Sprechstunde mithelfen: Verbände anlegen, Urin untersuchen, Medikamente austeilen, usw. Du, Andreas, wirst für die Administration zuständig sein.

- Was für eine Administration? Krankenblätter?

- Auch das, aber es gibt schriftlich niedergelegte Vorschriften für die Statistik. Pista kann es übersetzen. Es gibt hier kein Namensverzeichnis, die Registrierung bezieht sich nur auf die Anzahl der Kranken und die Krankheitsgruppen, ausgenommen die Verstorbenen.

Am nächsten Tag kam der strenge Befehl: alle müssen plack geschoren werden und zwar an allen Körperteilen.

Daraus ergaben sich für Filmszenen geeignete Vorfälle, ich weiß bloß nicht, ob diese als Burlesken oder Tragikomödien hätten vorgeführt werden können.

Am Fußballplatz wurden die Männer von fünf-sechs Barbieren geschoren, zuerst der Kopf, dann die Achselhöhlen und zuletzt fiel auch die untere Behaarung zum Opfer. Natürlicherweise, samt den Läusen und dem Schmutz. Da standen wir alle nackt in der Reihe, auf den "Eingriff" wartend, ein Glück, dass das Wetter schön warm war. Zuerst musste man sich auf einen Stuhl setzen, dann kam man zum nächsten Barbier, der sitzend, die mit gespreizten Armen und Beinen vor ihm Stehenden schnell enthaarte.

Schon hatte sich ein Haufen Haar, so groß wie ein Heuschober, bei den Barbieren angesammelt.

- Passt auf, ich lass mich da nicht scheren - sagte ich -, schaut mal, der jetzt auf dem Stuhl sitzt, dessen Kopf ist voll mit Pilzen. Ich will mir da keine Krankheit anschaffen.

- Was sollen wir dann tun? - schaute mich Dani fragend an.

- Pista, du hast ja eine Manikürschere! - wandte ich mich an meinen Freund.

- Stellst du dir doch nicht vor, dass wir uns damit scheren können?

- Na ja, etwas länger wird es schon dauern, aber jetzt haben wir sowieso nichts anderes zu tun und uns allen ekelt es vor dem "Gemeinschaftlichen".

Und so machten wir uns an die Arbeit, mit einer dazu erarbeiteten Technik: Eine kleine Locke musste angefasst und hoch gezogen werden, und wurde dann dicht über der Haut abgeschnitten und das musste fünfhundertmal wiederholt werden.

Wir zogen uns hinter die Baracke zurück, um nicht in aller Öffentlichkeit diese haarspalterische Arbeit zu verrichten, aber der im unweiten Wachtturm stehende Posten lachte und amüsierte sich köstlich über diese langwierige Prozedur. Es gelang nämlich nicht immer die eben ergriffene Haarlocke direkt an der Haut abzuschneiden, manchmal wurde ein Stückchen Haut mitgenommen und das ging nicht ohne einige Wehlaute und Fluche.

Ein paar Stunden haben wir gebraucht, bis wir uns so geschoren und auch die Frisur ordentlich zurecht gemacht hatten, denn nach den ersten Scherenschnitten sah diese zuerst wie eine Treppenstufe aus.

Danach wurde uns mitgeteilt, dass sich am nächsten Tag das ganze Lager zur Schau stellen muss und dass die Enthaarung einer strengen Kontrolle unterzogen wird. Nach dem Frühstück, zum Glück bei wunderschönem Maiwetter, stellten wir uns splitternackt am Fußballplatz auf, wir waren ungefähr zehntausend und füllten den großen Platz aus.

Wir standen lange herum und warteten. Einige standen so da, als ob sie auf ihre Hinrichtung warteten, aber die Mehrzahl machte sich lustig über die Sache und es wurde lachend auf überdurchschnittlich kleine oder große "Ausrüstungen" hingewiesen. Man konnte die Bauern gut von den anderen unterscheiden, denn ein jeder von ihnen bemühte sich, schamhaft, mit beiden Händen "das Ding" zu bedecken.

Endlich erschien "Kathi" (den Kosenamen bekam sie von uns) mit ihrem unvermeidlichen Begleiter, Schanji und noch einem Soldaten. Der Dolmetscher stellte sich gleich vorne in die Mitte, ein Deutscher schloss sich ihm an, und so wurde uns von beiden der Befehl übermittelt: "Die Befehlshaberin wird einen jeden persönlich überprüfen und besichtigen, um sich von der Entharung zu überzeugen und damit sie sieht, ob jemand Läuse oder irgendeine Geschlechtskrankheit hat. An wen sie sich nähert, der soll mit gespreizten Beinen dastehen und die Arme hochheben."

- Kinder, ich kann das ohne Lachen nicht aushalten - kicherte Dani. - Stellt euch dieselbe Lage vor, aber umgekehrt. Zehntausend zwanzigjährige, geschorene Mädchen, Eine nach der Anderen, anzuschauen. Wie wär' das, Freundchen! Das pikanteste Programm vom Moulin Rouge in Paris wäre auch nur eine Kleinigkeit im Vergleich dazu. - Er schnalzte auch noch mit der Zunge dazu, als ob er sich das Ganze vergegenwärtigt hätte und blinzelte mit seinen Schelmenaugen.

- Mach' keine dummen Späße, Dani, damit Kathi nicht böse wird und uns aus dem Krankenhaus rausschmeißt - sagte ich ihm und versuchte mich ernst zu verhalten, aber schon sah ich, dass auch Pista schluchzt und ganz rot ist, und dass sich sein Bauch bewegt.

- Da kommt nichts gutes raus, so werde ich es auch nicht aushalten.

- Wenn dich das Lachen überfällt, dann tu, als ob du weinen würdest vor Scham - gab mir Dani den Rat -, letzten Endes hast du das Recht, dich zu schämen.

Die "große Visite" näherte sich. Zuerst kam Pista an die Reihe. Die Befehlshaberin sagte etwas zum Dolmetscher.

- Spreizen Sie ordentlicher die Beine - fuhr ihn Schanji an.

- Der "Kleine" ist ja keine Jungfrau - flüsterte mir Dani ins Ohr -, warum ist er so zurückhaltend?

Ich konnte darauf nicht mehr antworten. Ich straffte meine Kaumuskeln, biss die Zähne zusammen, schnaufte aus und wartete auf den Skandal, der auszubrechen drohte.

Pista hatte es gut überstanden, weil er zum Himmel hinaufstarrte und so tat, als ob man ihn, den Hilflosen, vergewaltigt hätte und als ob er sich dadurch rächen würde, dass er ganz unbeweglich dastand.

Nun war ich an der Reihe. Die kleine Frau stellte sich vorschriftsmäßig vor mich hin, kaum reichte sie mir über den Nabel, und schaute mich etwas länger an, vielleicht wegen der kleinen Wunden die von der Manikürschere verursacht waren, danach hob sich ihr Blick höher und sie erkannte mich.

- Jetzt werde ich ganz verrückt! Sie ist rot geworden! - platzte das Lachen aus Dani heraus und er konnte jetzt nicht mehr innehalten. Die Befehlshaberin sah ihn verblüfft an und fragte den Dolmetscher, was mit dem Mann los ist. Da blieb dem schluchzenden Dani nichts mehr übrig als dass er zu brüllen anfing. Er brüllte und schluchzte so, dass ihm die Tränen aus den Augen, die er mit den Händen bedeckt hatte, am Gesicht herabflossen.

Die Frau wandte sich fragend an mich.

- Nervenkrank ist er... Epilepsie... Und vor dem anfalle bekommt er immer so einen Weinkrampf - versuchte ich meinen Freund zu entschuldigen.

Der Dolmetscher übersetzte es und sie flüsterten eine Weile miteinander.

- Herren Doktors, bringen Sie Ihren Freund ins Krankenhaus bevor sich die Krämpfe einstellen - gab uns Schanji hilfsbereit den Befehl, so dass die Lage durch ihn gerettet werden konnte.

Wir nahmen Dani an den Armen und gingen mit ihm zum Krankenhaus, aber da hustete er auch schon so krampfhaft - mit dem Gebrüll hatte er aufgehört -, so dass es von weitem so aussah, als ginge es ihm wirklich schlecht.

- Seid mir nicht bö- böse, Jungs, als sie sich so nahe an Bandi neigte, kam mir der Gedanke, was wäre wenn, ha-ha-ha...

Und er konnte nicht fortfahren; da hielten wir uns aber auch schon alle drei, zuckend am Bauch.

Als wir endlich mit dem Lachen aufhörten, merkten wir, dass unsere Sachen in einem großen Durcheinander dalagen. Während des "Rapports" wurde unser Gepäck von einigen Wachtposten durchgesucht, sie suchten nach Stech- oder Schneidevorrichtungen, etwa nach Waffen. Unser armseliges Hab und Gut wurde ordentlich durchgesucht.

- Ist euch irgendwas verloren gegangen? - fragte Pista.

- Ich finde meinen schönen kleinen Dolch nicht, den haben sie mir weggenommen.

- Und deine Uhr?

Ich griff aufgeregt nach meinem Hemd, tastete einen der aufgekrempelten Ärmel ab, wo ich sie zu verstecken pflegte.

- Da ist sie!

- Dort pflegst du sie aufzubewahren? Hast du keine Angst, dass sie von jemandem aufgefunden wird? - wunderte sich Dani.

- Na ja, wer denkt denn daran? Auch Pista tut sie immer dorthin.

Die "große Visite" ging langsam zu Ende, nach und nach kehrte die nackte Gesellschaft in die Baracke zurück, und wir begannen, unter der Leitung des Chefarztes, unsere nachmittägliche Sprechstunde.


Jetzt muss ich für eine Weile halt machen und die Zeitfolge weglassen, denn manchmal liegt auch schon ein Schleier über diesen Erinnerungen. Ich versuche jene Vorgänge und Erscheinungen zu beschreiben, die ein normales Lager in ein Gefangenenlager umwandeln und von denen ein jedes Gefangenenlager gekennzeichnet is.


DIE LATRINE

Es wäre eigentlich nicht angebracht, gerade damit anzufangen, trotzdem ist es kein Zufall, dass ich das tue. Denn ob diese nur aus einer Grube bestand, oder sogar vornehm und mit einer darüber gehängten Sitzstange ausgestattet war - ihr ursprüngliches sanitäres Ziel nahm im Lagerleben nur den dritten Platz ein.

Die Latrine ist nämlich ein Treffpunkt, ein Spazierweg, ein Verlag, Pressezentrum, Nachrichtenagentur, Börse, Kongress, ein Jamboree (Pfadfindertreffen) oder eben ein Klub.

All die neuen Nachrichten stammten von der Latrine oder wurden dort ausgetauscht. Dort wurden Freundschaften angeknüpft oder es entstanden Feindseligkeiten, und es gaben auch solche, die auch ihre Todesstunde dort erlebten, weil sie an deren Rand oder gar in der Grube selbst starben.

Wenn da einer sagte: Ich will mal sehen, was es Neues gibt, dann konnte man wissen, er hätte an der Latrine was zu tun. Dort gab es immer jemanden und den neu Ankommenden wurden von den schon dort hockenden, gleich die frischen Nachrichten mitgeteilt. Diese waren meistens hoffnungserregend: "Bald werden wir registriert und wir kehren heim" und dies wurde in mehreren Varianten vorgetragen. Außerdem gab es noch kleinere Nachrichten über die Geschehnisse im Lager, sowie Besprechungen über den jeweiligen Kurs von Eheringen und Zigaretten. Ich hatte den Gedanken, dass die Informationen vielleicht auch manipuliert wurden, denn so konnte man über einzelne Themen diskutieren und dabei verging auch die Zeit.

Die Latrine suchte ein jeder wenigstens einmal täglich auf, aber leider gingen viele auch mehrmals täglich dorthin infolge der Durchfallepidemie. Durch welche Krankheitserreger diese Erkrankungen hervorgerufen waren, wusste ich nicht. Es gab keine bakteriologische Untersuchungen, wahrscheinlich war es irgendeine Art von Ruhr. Viele erkrankten daran (darüber soll noch später die Rede sein), denn die Millionen von Fliegen von denen diese Gruben Aufgesucht wurden, haben die Keime der Krankheit, selbstverständlich, überall verbreitet.

Das war auch ein Schauplatz von Abenteuern. Ich erinnere mich an einen unglückseligen deutschen Soldaten, den harter Stuhl plagte und während er sich am Randgraben anstrengte, ein Ungar - er musste ein Bauer gewesen sein -, da es nicht viel Platz gab, auf die andere Seite der Latrine sprang, dem Deutschen gegenüber und dann seinen Durchfall herumzuspritzen anfing, so dass er dem Anderen den ganzen Rücken, vom Hals an - natürlich unabsichtlich - beschmutzte. Der Deutsche stand weinend auf und versuchte meinem Landsmann etwas klarzumachen, der nur soviel antworten konnte: "nix dajtsch!" Und da brach er zusammen, zum Glück stürzte er nicht in die Latrine hinein.

Eines Tages, früh am Morgen, hatte ich auch kein Glück. Als ich ankam, sah ich, dass der lange Graben schon ganz voll und wenigstens in einem Umkreis von fünfzig Meter mit "Minen" belegt war: Ich sah mich um, wusste nicht was ich tun sollte, da kamen von der Kaserne her drei russische Soldaten an uns herangelaufen - denn wir waren schon unser mehrere da - der eine mit einem Gewehr, die zwei anderen mit Schaufeln ausgerüstet, sie schrien und schimpften, ich verstand nur soviel: "Kultura njet!"

Wir alle, die da waren, bekamen den feinen Auftrag, das wegzuräumen, was andere hinterlassen hatten. Das dauerte fast bis Mittag. Meine Freunde haben auch gar nicht gewusst, wohin ich verschwunden war.

Danach gab es einen, der so "klug" war und herausfand, man müsse hinter einem der Gebäude eine neue Toilette errichten. Der Platz war ziemlich eng und wir waren so viele da, so befahl man uns, blf. drei Meter tiefe und breite Gruben auszugraben. Plankenbretter wurden hergebracht und quer darüber gelegt, auf diese musste man sich hocken.

Einige Wochen später fanden wir, an einem Morgen, drei Tote in der Latrine, die offenbar so schwach waren, dass sie ohnmächtig in die Grube fielen und dort im Kot erstickten.

Viele Jahre später habe ich den einstigen Lagerplatz aufgesucht. Einen sehr schönen, rasenbedeckten Park hatte man dort errichtet, die Baracken hatte man entfernt. Nur dort, wo die einstigen Latrinen standen, wucherten unausrottbar all die Pflanzen, die in Dorfgräben zu gedeihen pflegen: Kletten, Schierling und Wolfskirschen.


DAS KRANKENHAUS

Eigentlich war es nur darum da, um die an Infektionskrankheiten leidenden Patienten zu isolieren, denn was die Medikamente betraf, damit waren wir sehr schlecht versorg. Den an Durchfall leidenden Kranken - das war die Mehrzahl der Patienten - gaben wir aus Buchenholz hergestellten Kohlenstaub. Darüber hinaus konnten wir ihnen nur mit einer größeren Portion von Essen abhelfen. Manchmal wurden die Männer in sehr schlechtem Zustand hereingebracht, ausgetrocknet, wegen dem großen Flüssigkeitsverlust wurden sie eingeliefert und es gab dabei auch solche, die nach zwei-drei Stunden starben, besonders dann, wenn sie schon zwei-drei Monate lang durch mangelhafte Ernährung abgeschwächt waren.

Immer gab es dreißig bis vierzig krätzige Patienten, und immer mehrere erkrankten daran, denn lange bekamen wir keine Salbe dagegen. Dabei möchte ich auch die Administration beschreiben, die ich als tägliche Arbeit zu verrichten hatte.

Meldung über den Bestand, ohne Namen anzuführen: Täglich und gesondert alle fünf, zehn, fünfzehn Tage und monatlich. So musste ich also am letzten Tag des Monats die tägliche, die sechste fünftägige des Monats, die dritte zehntägige, die zweite fünfzehntägige und die monatliche Meldung schreiben: Fünf Papiere über ein und dasselbe. Was man damit anfing? Egal, aber die Salbe gab es nur ein einziges Mal, für einige hätte sie gereicht, ich gab sie also den Kranken mit der Anweisung, sie sollten sich daran teilen und hinsichtlich der zur Verfügung stehenden Menge sollten sie sich nur dort einschmieren, wo es am stärksten juckte: Zwischen den Fingern und am Gesäß.

Viele litten auch an Zahnschmerzen. Chefarzt Katzander, der Gynäkologe war, hatte beim Herausziehen der Zähne eine große Übung erworben. Auch sonst war er ein sehr geschickter und cleverer Mann, ein Polyhistor, gewiss hat er einst auch als Allgemeinarzt gearbeitet. Er verstand sich fast auf alles.

An einem Nachmittag taumelte einer zu mir herein, mit dem wir einst demselben Zug angehörten. Er bat mich, ihm einen seiner Backenzähne sofort herauszuziehen, denn er könnte die Schmerzen nicht mehr aushalten. Ich versuchte ihn zu überreden, am nächsten Tag zu kommen, der Chefarzt wäre abwesend, weil er irgendeine Unterredung mit der Befehlshaberin hatte. "Dann ziehen Sie ihn raus, Herr Doktor!" - bat er mich. Ich sagte ihm, ich hätte noch nie einen Zahn gezogen, er wollte aber von seinem Vorhaben nicht ablassen. So war ich gezwungen, mich mit der "Generalzange" an die Arbeit zu machen und ich zog und zog am Zahn. Lautlos duldete er es. In Schweiß gebadet waren wir schon beide, aber der Zahn saß noch immer fest.

Noch einmal gab ich mir, fest entschlossen, einen Ruck - ein großes Krachen war hörbar, begleitet von einem starken Jammerlaut und der Zahn wurde, in Stücken zersplittert, vom tapferen Patienten herausgespuckt. Er sagte nur soviel: "Herr Doktor, werden Sie ja kein Zahnarzt." Dem Rat habe ich auch gefolgt...

Am nächsten Tag wurde vom Chefarzt, mit großer mühe, die hinterbliebene Zahnwurzel entfernt.

Oft kamen Halsschmerzen, eitrige Mandelentzündungen vor, und manche Patienten gerieten in einen so schlechten Zustand, dass ihr Überleben nur unserem Vorrat an Ultraseptyl zu verdanken war.

Zu den üblichen Beschwerden, die sich in unserer Sprechsunde ergaben, gehörten die Harnwegsinfektionen (Blasenentzündung, Nierenentzündung). Das Urin wurde von mir untersucht. Zu dem Zweck stand uns eine Eprouvette zur Verfügung, deren Ende abgebrochen war, so dass ich die Patienten deswegen immer aufmerksam machte, sich beim Urinieren nicht zu schneiden. Bei mehreren kam das trotzdem vor.

Einmal versuchte ein Patient, in der Zimmerecke, von schmerzhaftem Drang gequält, das Untersuchungsmaterial herauszupressen. Als es ihm endlich gelungen war, fing er an zu jammern: "Ah, Herr Doktor, ich kann es nicht abstoppen und das Glas ist schon voll."

- Drücken Sie darauf und laufen Sie schnell hinaus! - sagte ich ihm.

Er lief auch gleich und presste mit den Fingern auf seinen gequälten Penis. In dem Augenblick öffnete sich die Tür und die Kommandantin erschien, verdutzt trat sie zurück, aber es war schon zu spät. Der "Satyr" Stoß an sie mit seiner Männlichkeit in der Hand, fast wurde sie von ihm umgeworfen und nachher benässte der erschrockene Mann alles um sich herum.

Der zu Tod erblassten "Kathi" mussten wir lang genug zureden um ihr zu erklären, es hätte sich hier nicht um einen exhibitionistischen Angriff gehandelt, sondern alles läge daran, dass wir kein entsprechendes Glas zum Auffangen des Untersuchungsmaterials hätten. Am nächsten Tag bekamen wir dann auch zwei mit Blumen bemalte irdene Schalen für diesen Zweck.

Im zweiten Monat unseres Lageraufenthaltes stellte sich ein hinkender junger Mann ein, er war etwas über zwanzig. Er klagte über große Schmerzen am Zahnfleisch, kaum könne er essen und alle Zähne hätten sich aufgelockert. Er hatte tatsächlich eine sehr schwere Entzündung am Zahnfleisch, das von einer weißen Schichte belegt war. Dann zeigte er auch seine Beine, die angeschwollenen Knöchel an denen fast handflächengroße bunte Flecken zu sehen waren; es sah so aus, als ob Blutungen innerhalb der Haut vorhanden wären.

- Ich weiß nicht, was das sein kann - sagte der Chefarzt nachdenklich -, noch nie habe ich so etwas gesehen, ich bin aber auch kein Hautarzt.

Wir betupften das Zahnfleisch mit Jodtinktur, nahmen ihn ins Krankenhaus auf und er bekam Umschläge auf die Beine.

Am nächsten Tag kamen schon zweie mit ähnlichen Symptomen. Der eine klagte darüber, dass ihm schon zwei Zähne herausgefallen waren. Wir dachten schon daran, irgendeine Epidemie wäre entstanden. Jedenfalls nahmen wir auch diese Patienten auf und behandelten sie so wie wir eben konnten.

Am Nachmittag unterhielt ich mich mit meinen Freunden über diese "geheimnisvolle" Krankheit und Dani bemerkte, dass auch sein Vater im ersten Weltkrieg seine Zähne verloren hatte. Und da fiel mir mein Großvater ein, der mit 31 Zähnen an die Front kam und nach vier Jahren mit zweien zurückkehrte. Er sagte, der Zwieback hätte ihm das Zahnfleisch "verdorben" und außerdem hätten sie immer nur Konserven zum Essen bekommen.

- Kann das nicht von irgendeinem Konservierungsmittel kommen? - fragte Pista.

- Ja, aber sag mal, wann hat man uns hier Fleischkonserven gegeben? - widersprach ich ihm. - Aber wartet mal! Wie werden die Konserven haltbar gemacht?

- Soweit ich weiß, durch Kochen! - sagte Dani.

- Und durch das Kochen wird auch das C-Vitamin zerstört, und darum sind die Zähne unserer Väter und Großväter herausgefallen... Da haben wir 's! - sagte ich. - Skorbut!

Schnell schlug ich das Lehrbuch der Pharmakologie auf: "Symptome der C-Avitaminose: Zahnfleischentzündung, Blutungsneigung, Blutungen am ganzen Körper und unter der Haut..."

- Also, das ist es.

Ich rannte zum Chefarzt und teilte ihm mit, was wir über die unbekannte Krankheit denken.

- Das kann schon sein - sagte er -, aber kein einziger Arzt hat unter friedlichen Umständen einen Skorbut gesehen, wie hätten dann wir die Krankheit erkannt? Dann aber müssen wir uns bemühen, Vitamin C oder Obst zu bekommen.

Obst bekamen wir keines, aber es wurden uns irgendwelche braune Tabletten zugewiesen, die nach Hagebutten schmeckten und dadurch hatte sich der Zustand unserer Patienten ganz gut gebessert. Wir nahmen auch von den Tabletten ein.

Auch diese Tabletten hat uns die Befehlshaberin verschafft. Wir hatten sie liebgewonnen und viele bemühten sich, um ihre Gunst, man umschmeichelte sie, und es gab welche, die ihr auf ganz widerliche Art "leckten". Das bezog sich aber nicht auf den täglichen, zeremoniellen Handkuss des Chefarztes, wogegen sie sich am Anfang wehrte, nachher gewöhnte sie sich aber daran und später hielt sie ihm so ihre Hand hin, wie Hanna Honthy (berühmte ungarische Operettensängerin) in der Tschardasfürstin.

Einmal versuchte ich ihren Sinn für Humor auszuprobieren. An einem Vormittag kam sie allein zu Umschau. In Reih und Glied stehend empfingen wir sie: Handkuss des Chefarztes, wie gewohnt. Der Dolmetscher war ausnahmsweise nicht mit, wahrscheinlich ist er irgendwo zurückgeblieben, um Geschäfte zu machen. Sie sah sich um und suchte offensichtlich ihren unerlässlichen Begleiter.

- Schuoonji? - fragte sie.

- Lauf mal schnell hinaus, finde den Vagabund - wandte sich der Chefarzt an mich.

Der Teufel soll da laufen, dachte ich. Ich ging ans Fenster und rief ordentlich laut hinaus, und zwar so:

- Schuoonji! Schuoonji!

Ein verblüfftes Schweigen folgte, so vollkommen hatte ich "Kathi" nachgeahmt, dass es nicht unbemerkt bleiben konnte.

- Was hast du getan? - zischte der Chefarzt leise. - Willst du uns alle Zugrunderichten?

Die Kommandantin sah mich eine Weile an. Eine vollkommene Stille war eingetreten.... Dann trat sie plötzlich auf mich zu, schlug mit der Hand auf meine Brust und sagte laut:

- Tü! Duratschok! (Du Närrischer!) - Und sie lachte hell auf. Langsam löste sich das Staunen und der Schreck und alle begannen zu lachen, sogar ein von Zahnschmerzen geplagter Sanitäter mit entzündeten Backen, bemühte sich gurgelnd und wispernd der allgemeinen guten Laune nachzukommen.

- Ich hätte nicht gedacht, dass dir diesmal nichts passiert - sagte Pista leise.

Wir verrichteten auch weiterhin unsere routinemäßige Arbeit in der Sprechstunde. Die Zeit verging und einmal stellte sich ein Zugsführer mit den Symptomen einer, wenigstens in einem Gefangenenlager ungewohnten Krankheit, bei uns ein. Er hatte eine Geschlechtskrankheit, eine Gonorrhöe, die jedenfalls nicht frisch war, sie musste einen früheren Ursprung haben. Nach einer Woche kam wieder einer, dann wieder zwei, diese waren aber schon frische Infektionen. Es war nicht schwer herauszufinden, dass sie sich die Krankheitserreger voneinander "ausgeliehen" hatten, denn der erste Patient wurde ins Krankenhaus eingeliefert und die übrigen wollten offenbar auf dieselbe Art und Weise der Gefangenschaft frei werden. Sie steckten also ein Zündholz in die Harnröhre des ursprünglich Erkrankten, nachher führten sie es in ihre eigene Harnröhre ein, wodurch die Infektion gesichert war und für eine halbe Portion Brot weitergegeben werden konnte.

Als sich das herausstellte, wurden keine Tripperkranke mehr aus dem Lager weggebracht. Sie mussten von uns behandelt werden und bald war es dann auch aus mit der Epidemie.

Ich muss mich noch an die im "Mittelpunkt" unseres Lazaretts stehende Figur erinnern, an Pista bácsi (ältere Männer werden Batschi genannt), unseren Koch. Er war ein kleiner, dünner, ziemlich abgehetzter Mann und er war tatsächlich ein guter Fachmann, denn von den uns zugewiesenen Lebensmitteln - denselben die der großen Gemeinschaftsküche zukamen - konnte er ganz erträgliche Speisen herstellen. Manchmal wurden von ihm auch "Delikatessen" zubereitet, so etwas wie ausgebackene Pferdeleber, in Öl gebratenes Brot (mit Vitaminen bestaubt), Kuchen aus Kakaobutter und noch so manche originelle Köstlichkeiten, die ihm eingefallen sind. Die Kakaobutter wurde ihm von uns in Form von Zäpfchen, deren grundlegender Bestandteil obige Delikatesse war, zugeteilt. Das störte so sehr keinen von uns, dass diese auch krampfstillende Medikamente - Papaverin, Atropin - enthielten, viel konnte man davon sowieso nicht essen und das Ganze hatte einen feinen Schokoladengeschmack.

Alle waren um sein Gefallen bemüht, denn der Schöpflöffel befand sich in seinen Händen.

Einmal rief er mich beiseite und bat mich, im geheimen, ihm ein starkes Mittel gegen Kopfschmerzen zu geben, da ihm angeblich Aspirin und Pyramidon gar nichts nützten. Ich fragte ihn, was er eigentlich brauchen könnte: - Etwas kräftiges - wiederholte er seinen Wunsch -, so etwas wie Morphium. Ich gab ihm einige Tabletten, ohne dass mir etwas dabei verdächtig gewesen wäre. Er war mir auch dankbar und schöpfte mir reichlich von der Suppe. Als er aber schon zum dritten Mal um das Medikament bat, ahnte ich bereits, dass er morphiumsüchtig ist. Was sollte ich jetzt tun? Sollte es ihm noch schlechter gehen, wenn ich ihm kein Mittel gebe, und soll ich mir auch noch seine Guttaten entnehmen lassen?

Ich schlug in meinem "heiligen Buch" nach, um zu erfahren, wie die Lage bei Morphiumsucht steht. Ich entnahm daraus, dass die Patienten nur stufenweise abgewöhnt werden können. Ich werde also ebenfalls demgemäss vorgehen, war mein naiver Gedanke, und ich gab ihm immer weniger und weniger. Ich merkte jedoch, dass von den Tabletten trotzdem von Tag zu Tag mehr fehlte; Pista Bátschi dagegen schlief fast am ganzen Tag, und wenn er wach war, irrte er nur so herum. Bald wurde mir klar, dass das Morphium auch von anderen geklaut wird, aus demselben Grund, wie ich es tat, damit ihnen auch extra Portionen zugeteilt werden. Nachdem mir das klar wurde, hatte ich keine Gewissensbisse mehr und ließ mir die Sonderbedienung ebenfalls nicht entnehmen.

Obwohl uns eine etwas bessere Verpflegung zukam als es im Durchschnitt der Fall war, erinnere ich mich doch gut daran, dass wir jeden Abend hungrig zu Bett gingen und immer öfter wurde vom Essen gesprochen und zwar immer in dem Sinne: Was würde man essen, wenn man dazu käme.

Jedenfalls wurde uns durch das Lazarett ein menschlicheres Dasein infolge unserer ständigen, regelmäßigen Tätigkeit gesichert und weil es hier eine erträgliche Gesellschaft gab, die ohne bedeutenden Widersprüche zusammenleben konnte.


MENSCHEN und deren CHARAKTER

Mich an die Szene erinnernd, wo wir splitternackt in Reih und Glied dastanden, wurde mir nach einiger Zeit klar, dass sich der Mensch in der Gefangenschaft wirklich völlig entkleidet. Jedwede Manierlichkeit und Heuchlerei verschwindet bald und ein jeder wird zu dem Menschen, der er in Wirklichkeit ist; erhlich, selbstlos, freundlich, zuverlässig, wohlgelaunt, opferbereit oder er ist ein Schuft, ein Dieb, neidisch, geizig, ein Lügner, ein Verräter, oder ein ständig trübsinniger.

Der Rang spielte dabei keine Rolle, alle waren wir nur Menschen, Gefangene. Durch nichtssagende Kleinigkeiten wurde der Charakter bloßgelegt und unter solchen Umständen hat alles einen ganz anderen Wert als im alltäglichen Leben. Wenn nämlich derjenige, der das Brot zu verteilen hat, nur zwanzig Gramm mehr für sich davon abschneidet, dann wird das schon als ein Raub bewertet. Wenn einer seinem Kameraden das Brot aus seinem Versteck wegstiehlt, dann ist er schon ein Mörder, denn er beraubt dadurch den durch mangelhafte Ernährung zusammenschrumpfenden Körper.

Zu meinem Geburtstag bekam ich von Dani ein Geschenk: Ein kleines, in Zeitungspapier gewickeltes Päckchen drückte er mir in die Hand, das mit einem dünnen Schnürchen zusammengebunden war.

- Was ist das? - fragte ich ihn.

- Hoch sollst du leben, heute bist du einundzwanzig Jahre alt geworden.

Ich glaube nicht, dass ich jemals im Leben mit größerer Aufregung ein Geschenk enthüllt hätte. Dreieinhalbe Zigaretten waren darin, zwei Stück Symphonia, eine Honvéd Zigarette und noch ein halbes Stück von einer Sport Zigarette.

Nie im Leben habe ich ein so großzügiges Geschenk bekommen. Ich wusste, dass Dani seine Tagesportion von Brot dafür aufgeopfert hatte, denn das war der Tauschwert, soviel haben vier Zigaretten gekostet. Dazu sagte er nur soviel:

- Sei mir nicht böse, ich konnte es nicht aushalten, eine halbe habe ich verraucht.

Wir verrauchten gemeinsam das teure Geschenk und ich lud meinen Freund zum Mittagessen ein. Wir schütteten unsere Suppenportionen zusammen, so dass uns die Menge größer zu sein schien und wir teilten uns an meinem Brot, aber ich musste lange anhalten, bis Dani die Hälfte davon angenommen hatte.

Ich wusste, dass er ein Freund in Gut und Böse ist, und dass er bereit war, mit mir durch Feuer und Wasser zu gehen.

Dem Wachtturm, der sich an der nordöstlichen Ecke des Lagers befand, konnte man sich am leichtesten annähern, um den wurde immer herumspaziert und ich wusste nicht warum. Da merkte ich, dass einer von den uns bewachenden Posten die Hälfte seiner gerauchten Zigarette mit dem Zeigefinger über den Zaun schob und sich über den Streit, der sich innerhalb der Lagergrenze daraus ergab, lustig machte. Einer von den Streitenden war ein Stabsoffizier. Ich schämte mich... Alles war umsonst, auch er stand entblößt da, wie wir alle. Ich gab mich mit den trockenen Blättern zufrieden, die wir, in Zeitungspapier gewickelt, rauchten, wenn uns das Rauchen schon allzu sehr fehlte.

Manchmal schämte ich mich meiner Gier; wie ich schon darüber geschrieben habe, aß ich mein Brot sofort, nachdem ich es bekommen hatte.

Einer Bauer aus dem Komitat Békésch verlor auf seiner Liegestätte das Bewusstsein. Man lies mich dorthin holen, und es war auch nicht schwer festzustellen, dass es sich um eine Ruhr handelte. Als wir versuchten, den Mann irgendwie aus seinem Bett herauszuzerren, um ihn wegbringen zu können, schoben wir das Bett von seinem Platz und fanden mehrere Kilos Brot darunter versteckt, das der arme Teufel sich für schlechtere Zeiten abgespart hat, aber sein Vorrat war schon verschimmelt. Dabei war er so abgeschwächt, das er kaum überleben konnte.

Die mit Durchfall einhergehende Erkrankung hatte bei den leidenschaftlichen Rauchern einen schwereren Verlauf, als es sonst, im Durchschnitt, der Fall war, denn diese Leute verkauften ihr Brot für Tabak, doch im allgemeinen erst nachdem auch schon ihr Ehering zu Rauch und Asche geworden war, für den sie vierzig Zigaretten bekamen; soviel war ein Ring wert.

Die Geschäfte wurden vom Dolmetscher, von Schanji abgewickelt und gewiss machte er das nicht unentgeltlich.


DIE SEXUALITÄT

Mein Gott, wie oft dachte ich an den Roman "Das schwarze Kloster" von Aladár Kuncz, wo auch die sexuellen Qualen während der französischen Gefangenschaft im ersten Weltkrieg dargestellt sind, weshalb mehrere in der Homosexualität Zuflucht suchten, um sich zu befriedigen.

Ich erinnere mich nur an eines: Dass uns Dani in den ersten Tagen unserer Gefangenschaft wenigstens fünfmal erzählt hatte, wie ihm das Liebesspiel mit seiner Freundin während einer Kartenspielpartie gelang, ohne dass es jemand bemerkt hätte(?). Das war aber auch alles, was mit dieser Sache zu tun hatte.

Zuerst kommt der Selbsterhaltungstrieb; durch die mangelhafte Ernährung und das Hungern wird der menschliche Körper gezwungen, Kraft und Energie zu sparen und nicht einmal für einen Gedanken, der sich auf einen anderen Trieb, auf die Fortpflanzung bezieht, bleiben Kräfte übrig. In den Konzentrationslagern blieb ja die Regel bei den Frauen aus, ihre Brüste verschrumpften und viele blieben endgültig unfruchtbar, wie man es aus der medizinischen Literatur der Nachkriegszeit entnehmen kann.

Wir unterhielten uns nur über das Essen und die Zubereitung der Speisen.

Aladár Kuncz konnte es nicht so schlecht gehabt haben, das Schlimmste war nur, dass er in Gefangenschaft war, aber seine Lage musste viel besser gewesen sein, wenn er auch noch Energie aufbringen konnte, sich über die Sexualität Gedanken zu machen.


Ende Juni wurde kundgegeben, dass sich die jugoslawischen Staatsbürger im Lagerbüro melden sollen. Sie konnten um die zweihundert gewesen sein. Pista überlegte eine Weile.

- Sei nicht blöd - sagte ich ihm, sei froh, dass man dich freilässt. Worüber ängstigst du dich, du hast ja keinem was angetan.

- Und euch soll ich in der Scheiße drin lassen?

- Das sind wir sowieso drin, geh nur! - ermutigten wir ihn.

Und er ging...

Er wurde von seinen Landsleuten zum Befehlshaber gewählt und nach einigen Tagen konnte diese Gruppe das Lager verlassen.

Wir begleiteten sie bis zum Tor. Pista winkte uns, zurückschauend, noch lange zu.


Im Lager gab es eine Parkanlage, die zwar von vielen Fußtapfen ziemlich abgenützt war, aber die alten Linden- und Kastanienbäume boten Schatten und nicht nur wir, sondern auch viele Vögel suchten den Platz gerne auf, vor allem die Amseln, von deren munterem Pfiffkonzert ich oft geweckt wurde. Dann vergaß ich für einige Minuten die Gefangenschaft und es kam mir vor, als ob ich daheim, im Park von Újszeged wäre.

An jenem Morgen hörte ich im Halbschlaf dem Gesang der Vögel zu. Es war, als ob die Männchen mit ihrem Gesang einander hätten übertreffen wollen, alles klang und schallte, hoch auf den Bäumen.

Da wurde plötzlich der frohe Gesang durch Maschinengewehrschüsse unterbrochen und auch wir wachten erschrocken auf. Noch eine Reihe wurde abgegeben... Und dann noch eine... Dazu kam noch der grelle Knall vereinzelter Schüsse und nachher wurde es ganz still um uns herum. Aus dem Fenster konnten wir nur die blitzschnell davonhuschenden, fliehenden Vögel erblicken.

- Was war das? - richtete sich Dani auf, voll mit Angst in seiner Stimme.

- Wir haben uns davon schon abgewöhnt, aber das war eine Schussreihe aus einem Maschinengewehr, und nicht nur eine einzige war es und die kam ganz aus der Nähe. Schnuppere nur in diese frische Luft hinein, da kann man den Geruch vom Schiesspulver spüren. Es riecht danach, nicht wahr? - Und ich schnupperte auch noch einmal in die Luft. Mit demselben Gedanken sprangen wir auf einmal aus unseren Betten und nachdem wir uns schnell angekleidet hatten, traten wir aus der Baracke heraus.

Ein aufgeregtes hin und her entstand im Lager. Alle liefen zur Latrine, denn von dort hörte man die Schüsse. Die Wachtposten, die gerade nicht im Dienst waren, rannten auch, bewaffnet, dorthin. Schon waren wir einige Hundert, die sich da angesammelt haben. Die offenbar sehr aufgeregten Soldaten ließen uns nicht in die Nähe des Zaunes, sie schrieen und fuchtelten aufgeregt herum. Wir stiegen auf einen, aus den Gruben herausgeschaufelten Erdhaufen.

Zwischen den beiden inneren Stacheldrahtzäunen lagen drei Leichen... Es waren drei von uns, drei Gefangene.

Ein langdauerndes, bestürztes Schweigen folgte. Fast alle waren wir schon auf den Beinen. Wir fragten einander, ob jemand wisse, wer die waren. Wir kamen an eine kleinere Gruppe von Männern der Luftwaffe, sie bewohnten die Baracke Nummer acht und unterhielten sich laut miteinander.

- Aus der zehnten Baracke sind sie geflohen! - sagte der Eine.

Wir gingen näher, um mehr zu erfahren.

- Jemand hat gesagt, mehrere hätten sich auf die Flucht vorbereitet - sagte ein Zugsführer.

Wir näherten uns dem zehnten Holzgebäude, unserem vorherigen Quartier.

- Wer war dabei? - fragten wir die Leute. Endlich antwortete einer:

- Ein Oberleutnant und einige Kameraden von ihm, ich weiß nicht, wie viele es gewesen sein konnten.

- Wer war der Oberleutnant, wie hieß er? - fragte ich aufgeregt.

- Ich kenne seinen Namen nicht, aber er war der Befehlshaber vom Zug.

- Oberleutnant Árendás?!!! - platzte die Frage aus mir heraus.

- Ja, der war es! Jetzt ist auch mir sein Name eingefallen. Ja, ja: Árendás, Oberleutnant Árendás...

Wir verstummten und gingen wortlos ins Krankenhaus zurück, wo wir uns hinsetzten und erst nach einiger Zeit löste sich unsere Befangenheit.

- Ich kann das nicht verstehen - ergriff zuerst Dani das Wort -, gerade er war es, der uns stets zuredete: "Jungs, nur dass ihr keine Fluchtversuche macht, denn die Wachtposten haben strengen Schiessbefehl und sie setzen ihr eigenes Leben aufs Spiel, wenn es einem oder mehreren gelingt, aus dem Lager zu fliehen."

- Für mich ist es auch ganz unverständlich, wie es sich der arme Árendás vorgestellt hat, einfach an drei Zäune ranzulaufen? Sollte es auch jemandem gelingen, unbemerkt zu bleiben, das würde höchstens zehn bis fünfzehn Minuten lang dauern, abgesehen davon, dass ihm dabei die Hände von Stacheldraht ganz durchstochen wären. Meiner Meinung nach hat ihn die Gefangenschaft von Sinnen gebracht, denn diese Aktion war ein Selbstmord. Ein hoffnungsloses Unternehmen.

Eine Woche später gelang es vierzehn Mann durch das Ausflussbächlein zu entfliehen, so dass sie im Wasser untertauchten, und obwohl der Stacheldrahtzaun bis zum Grund desselben reichte, war es ihnen gelungen sich eine Drahtschere zu verschaffen und sie entkamen im Dunkel der Nacht.

Von Schanji, unserem Dolmetscher wurde uns diese Neuigkeit mitgeteilt und er fügte hinzu, in der Kommandantur gäbe es eine große Aufregung, denn eine Standkontrolle sollte angeblich (das Gerücht stammte aus höheren Kreisen) in Kürze stattfinden.

Am nächsten Tag erschien eine neue Mannschaft im Lager: Österreichische Bürgerpolizisten. Sie trugen ein Armband, ungefähr dreißig Mann. Zuerst dachten wir, dem Lager wurde eine neue Mannschaft zu Aufrechterhaltung der Ordnung zugeteilt, aber nachdem wir mit den Neulingen gesprochen haben, hörten wir von ihnen, wobei sie sich verzweifelt beklagten, folgende Geschichte: Zwei russische LKW-s stellten sich bei der Polizeistation eines Wiener Bezirks ein, ein Hauptmann und zwei mit Maschinengewehr bewaffnete Männer stürzten sich in die Wachstube und forderten, sehr energisch, dreißig Polizisten, um ihnen zu helfen, eine kleinere Truppe von "Faschisten" gefangen zu nehmen.

- Und dann stiegen wir hier, inmitten des Lagers aus und so sind wir jetzt da, auf unsere Fragen wurde uns nur soviel mitgeteilt, mittags würde da und da Brot verteilt und um drei Uhr sollen wir uns zur Suppe anstellen. Als wir sagten, wir hätten weder Essschalen noch Essbesteck, gab man uns die Antwort: Verschafft euch welche, wenn ihr essen wollt - erzählte uns, fast weinend, einer von den Polizisten.

- Meine Herren - setzte er, sich an mich wendend, fort - wo befinden wir uns eigentlich?

- In einem Gefangenenlager, mein lieber Herr.

- Aber das ist ja unmöglich, ich bin ein Antifaschist und war auch am Widerstand beteiligt. Die Anderen sind auch lauter zuverlässige Männer, darum konnten sie auch bei der Polizei abgestellt werden. Wie konnten wir in Gefangenschaft geraten?

- Njitschewo, regen sie sich nur nicht auf, da gibt es im Lager, außer ihnen, noch einige tausend, die nie Faschisten waren, ja, sogar auch Antifaschisten sind dabei.

Ich konnte aber den Mann nicht beruhigen, obwohl ich ahnte, dass da ein Zusammenhang zwischen der Standkontrolle und dem Zwang, der die Polizisten in unser Lager brachte, vorhanden sein musste. Es stellte sich heraus, dass ich recht hatte... Am nächsten Tag, nachdem über die Anzahl der Gefangenen Rechenschaft gegeben wurde, packte man die Polizisten auf einen LKW und brachte sie zurück nach Wien.

Das war ein echter "Husarenstreich", auf russische Art.

Nachdem die Polizisten das Lager verlassen hatten, gab es einige Tage später wieder ein aufregendes Ereignis, dem aber diesmal größtes Einverständnis entgegengebracht wurde. Unsere Bohnensuppenportionen waren nämlich ziemlich "dünn", aber wir ahnten, dass uns eine "dickere" Suppe zukäme, die wir auch hätten bekommen können, es wurde jedoch darüber herumgesprochen, man könne sich für Zigaretten, oder Gold, von jemandem, vielleicht von den Köchen, sogar auch ausgebackenes Fleisch erwerben.

Es war ein sonniger Vormittag und durch das offene Fenster unserer Ambulanz hörten wir ein mächtiges Geschrei. Neugierig liefen wir ans Fenster. Bis dahin hatten sich schon viele um die Küche angesammelt und da hat sich ein Schauspiel dargeboten, wie eine Szene aus der Bibel.

Ganz unerwartet beaufsichtigte man die Küche, gerade als man dort am Kochen war und was dabei dort vorgefunden wurde, das ging über alle Grenzen und übertraf alles, was sich ein Gefangener überhaupt vorstellen konnte. Abgesehen von den angehäuften Mengen von ausgebackenem Fleisch, gab es da auch eine Schokoladentorte. Außerdem waren da noch verschiedene Konserven (sogar auch Lachs!), Nüsse, Haselnüsse, Obst (nie haben wir etwas davon bekommen), eine Menge von Zigaretten, Getränk, viele Eheringe, aufgespeichert.

Der Wachenkommandant trat heraus aus der Küche und gab ein Signal aus seiner Pfeife. Es musste sich um eine im Voraus ausgemachte Aktion gehandelt haben, denn im Laufschrift kamen vier Soldaten mit Peitschen in der Hand und die Köche wurden dann, buchstäblich, aus der Küche hinausgepeitscht, genau so, wie die Schacherer von Kristus aus dem Tempel hinausgejagt wurden.

- Pfui, die niederträchtigen Schweine, schlagt sie nur tot! - schrie die sich inzwischen ordentlich angesammelte Menschenmenge. - Diebe! Räuber! Sie fressen und wir hungern!

Fast war es zu einem Lynchen gekommen. Eine Zeitlang wurden die Köche in der Wachtstube festgehalten, erst nach und nach wagte man es, sie gesondert, Einzelweise, verschiedenen Zügen zuzuordnen.

Von der Latrine her verbreitete sich plötzlich eine gute Nachricht: Die Kranken würden heimgelassen!

Alles war aufgeregt, aber man war doch zurückhaltend, denn schon so vieles wurde herumgesprochen und nachher stellte es sich heraus, dass gar nichts davon wahr ist.

Diese Nachricht hat sich aber als wahr erwiesen. Die Befehlshaberin rief die Ärzte zusammen und erteilte den "Ukas": Ein jeder, der sich als krank meldet, muss untersucht werden und wenn das wirklich der Fall ist, dann sollen diese in gesonderten Baracken untergebracht werden. Sie sagte nichts darüber, was nachher mit diesen Leuten geschehen wird, aber es war eine hoffnungserregende Nachricht. Das bedeutete also, dass sämtliche Lagerinsassen untersucht werden mussten, denn ein jeder hatte sich als krank gemeldet, ich und Dani waren natürlicherweise auch dabei.

Die Ärzte arbeiteten und zerbrachen sich inzwischen den Kopf, wie sie auch sich selbst auf diese Weise loskriegen könnten. Einigen war es auch gelungen.

Ein Chefarzt, Internist, aus einer Stadt im westlichen Teil von Transdanubien - ein fescher, etwa sechs bis achtunddreißig jähriger Mann schwärmte auffallend viel um die Befehlshaberin herum. Er machte ihr den Hof, schmeichelte und schnurrte wie ein Kater um sein Kätzchen. Er begrüßte sie mit einem Handkuss - ich beobachtete wie er nicht einmal nur die Hand küsste, sondern ihr den ganzen Arm ableckte - so dass "Kathi" errötete. Sie schloss ihn in ihr Herz und nahm seine offenbare Heuchelei ernst, wofür sie später auch büßen musste.

Die Untersuchungen wurden beendet und gegen eintausendfünfhundert Mann wurden "ausgemustert" aus verschiedenen Gründen. Wir waren auch darunter: Dani wegen einer abgeklungenen Tuberkulose und bei mir wurde ein Magengeschwür festgestellt.

Darauf folgte eine erneute Kontrolluntersuchung, wo die Befehlshaberin zu entscheiden hatte. In langen Reihen warteten wir Einzelweise auf die erneute Untersuchung und die glückbringende Bescheinigung. Aus unserer Mannschaft bestehende Wachtposten wurden aufgestellt, die mit Stöcken versehen waren, damit sich kein Unberufener in die Reihe stelle.

Vor mir stand Dani und endlich kamen wir vor die Ärztekommission. Ein sehr sympathischer, älterer deutscher Arzt, ein Major, nahm ebenfalls an den Untersuchungen teil. Mehrhundert Deutsche konnten ihm ihre Freiheit verdanken. Dani wurde ohne jegliche Schwierigkeiten für krank erklärt. Er hustete auch so schön vor dem "Gericht", als ob er sich mit einem Glas Schnaps verschluckt hätte. Das hatte er aber auch gar nicht nötig, denn die "Chefin" hatte ihn erkannt und sagte gleichgültig: "Epilepsie!" - und sie ließ ihn ins Verzeichnis eintragen.

Danach kam ich an die Reihe. Der deutsche Kollege schüttelte den Kopf und sah mich so an, als ob ich eine inoperable Geschwulst in meinem Bauch hätte. Mit traurigem Blick wandte er sich an die Frau und sagte: Ulcus ventriculi, Magengeschwür (die Diagnose war schon vorher besprochen).

Die Befehlshaberin sprang von ihrem Stuhl, trat zu mir, fasste mich am Hinterteil an, dann klopfte sie mir auf die Schulter und sagte lachend, vom Dolmetscher wurde es auch gleich übersetzt:

- So schöne kräftige Männer brauchen wir für die Arbeit.

Und ich wurde hinausgetrieben aus der Reihe...

Dani tröstete mich, ich fluchte, es ist besser, wenn ich es nicht niederschreibe, was ich alles gesagt hatte.

Gegen Abend schlich ich mich in die noch immer lange Reihe hinein, aber leider waren um mich herum so klein gewachsene Leute, dass ich, von weitem sichtbar, hinausragte. Ein russischer Soldat, der die Ordnung aufrechthielt, erkannte mich (zum Glück reichte auch der mir nur bis an den Nabel) und rannte mit seinem Schraubenstock herumfuchtelnd auf mich zu. Ich wartete nicht ab, bis er herankam, denn ich merkte, dass er seinen Auftrag ernst nimmt und so begann ich in Richtung des Fußballspielplatzes zu laufen, aber der Russe kam hinter mir her. Anfangs spürte ich noch den durch seine Hiebe hervorgerufenen sausenden Wind um mich, aber meinen langen Beinen war er nicht gewachsen, obwohl er mit Ausdauer eine Runde lang hinter mir gerannt war. Es kann schon sein, dass es dabei zu einem kleineren Marathonwettlauf gekommen wäre, doch mein Verfolger sah letzten Endes ein, dass all seine Mühe zwecklos ist und er war auch schon außer Atem. So ließ er es sein, aber er fluchte und das bezog sich auf verschiedene Körperteile meiner nächsten Verwandtschaft. Enttäuscht kehrte er an seinen Standort bei der Kommission zurück.

Ich bin aber der Meinung, er hätte zu einer weiteren Verfolgung schon Lust gehabt, aber die dort herumstehenden gaffenden Gefangenen fingen an, mich laut zu unterstützen: "Hurra Dok!", riefen sie mir zu und boten mir einen Spalt, durch den ich entschlüpfen konnte. Nachher gab es ein derartiges Durcheinander, dass der Soldat, als er herankam, mit der Verfolgung aufhören musste.

Ich versuchte es noch einmal, mich in der abendlichen Dunkelheit anzustellen. Von meinen Kollegen wurde ich in die Reihe der noch immer wartenden hineingeschmuggelt. Es gab schon gar keine Kommission mehr, nur die Namen wurden auf die Krankenliste aufgeschrieben.

Von meinen, mit Stöcken dastehenden Landsleuten wurde ich weggetrieben. Ich war darüber sehr erbittert und verfluchte sie, denn ich sah, wie dort, wo die Reihe von Deutschen überwacht wurde, von diesen ihre eigenen Leute ganz schön hineingeschwindelt wurden, so dass wenigstens zwei-dreihundert Mann auf diese Weise aus der Gefangenschaft freikamen.

Am nächsten Tag wurden die "Kranken" schon unter strenger Aufsicht in Reih und Glied aufgestellt und da es auch solche gab, die eine Pflege im Krankenhaus benötigten (so um die dreißig-vierzig Mann), so brauchte man auch einen Arzt zur Aufsicht. Die Befehlshaberin, die die Gefangenen in Kõszeg den ungarischen sanitären Behörden übergeben musste, wählte deshalb zum Begleiter den schon oben erwähnten Internisten.

Dani war auch mitgegangen und ich hatte keinen einzigen Freund mehr. Obwohl ich mich nicht beklagen konnte, denn mit dem Pflegepersonal war ich in einem sehr guten Verhältnis und in unserer Freizeit gab es Kartenspiel und unterhaltsame Plaudereien.

Eine Woche war vergangen und es fiel uns auf, dass die Befehlshaberin nicht zu sehen war, wo sie uns doch sonst jeden Tag besuchte und ich erinnerte mich, dass sie beim Abschied sagte: "Nachdem ich die Kranken übergeben habe, komme ich auch gleich wieder."

Endlich gelang es mir Schanji, den Dolmetscher, zu sprechen, er feilschte gerade um einen Ring.

- Schanji, was ist mit "Katinka" los? - fragte ich. - Ist sie vielleicht krank, oder hat sie Urlaub?

- Ah, die Arme ist ordentlich reingefallen.

- Wieso? Was ist mit ihr geschehen, hat sie doch nicht einen Unfall erlitten?

- Etwas schlimmeres ist geschehen. Wissen Sie, Herr Doktor, der Internist, der sie begleitete, war nicht auf der Krankenliste und der hat ihr eingeredet, dass er nicht entfliehen wird. Sie glaubte es ihm auch, nachdem er ihr sein Ehrenwort gegeben hatte.

- Und er hat sich aus dem Staub gemacht?

- Natürlich hat er sich aus dem Staub gemacht, in der Nacht, obwohl sie in demselben Zimmer geschlafen haben. Die Unglückliche, sie wurde von dem Mann ordentlich betrogen.

- Aber warum entsteht für sie ein Unheil daraus, letzten Endes hat ein Kriegsgefangener das Recht zu entfliehen, wenn er den Mut hat, sich der Gefahr auszusetzen, niedergeschossen zu werden.

- Ja, aber hier ist nicht davon die Rede, sondern davon, dass dabei zur Flucht Hilfe geleistet wurde und gerade vom Lagerkommandanten. Also, ein qualifizierter Verstoß gegen die Disziplin.

- Und ist das so eine große Sache? Ein jeder weiß ja, dass es bei zehntausend Mann einigen doch gelingt loszukommen, oder?

- Ob es eine große Sache ist oder nicht, behalten Sie es jedenfalls für sich, Herr Doktor, sie wurde bereits schon zu einer zehnjährigen Zwangsarbeit verurteilt und man hat sie auch schon aus Österreich weggebracht.

- Donnerwetter! Der Chefarzt, das ist aber etwas anderes. Ehrenwort is Ehrenwort, aber ich glaube an seiner Stelle wäre ein jeder entflohen; wenn man aber bedenkt... Wenn man bedenkt, im Falle, dass man weiss, wie schwer die Strafe sein wird? Wer weiß?...

Noch an demselben Tag wurde einem jeden die Flucht und das Schicksal der Befehlshaberin bekannt.

Ein neuer Lagerkommandant wurde nicht ernannt, oder, wenn es der Fall gewesen sein sollte, wir haben ihn jedenfalls nie gesehen; nur ein, zum inneren Leitungspersonal gehörender Arzt aus Szeged, Hauptmann in Reserve, wurde zu so etwas wie verantwortlicher Befehlshaber ernannt. Er war ein sehr ordentlicher Mensch.

Es war mir aufgefallen, das seit mehreren Tagen ein magerer, mittelgroßer, blonder Junge um das Krankenhaus herumschleicht. Er konnte so alt sein wie ich. Mal saß er auf der Treppe, mal lehnte er sich an einen Baum, als ob er auf jemanden warten würde. Nur wenn die Suppe ausgeteilt wurde, verschwand er. Was konnte der im Sinn haben?

Danach sah ich ihn ein paar Tage lang nicht.

An einem Abend rief jemand durchs offene Fenster der Baracke.

- Herr Doktor! - sagte er leise. Er war es.

- Was wollen Sie? - fragte ich.

- Würden Sie für einen Augenblick herauskommen?

- Warum, sind Sie krank?

- Ja!

- Dann kommen Sie herein in die Ambulanz.

- Ist noch jemand da?

- Wer wäre da zu so später Stunde?

Er kam herein, ich bat ihn, sich zu setzen.

- Ich bin István Szénás - sagte er etwas aufgeregt und drückte sich herum auf dem Stuhl. - Es handelt sich um eine sehr ernsthafte Angelegenheit!

- Also, raus damit, was wäre das? - Dabei dachte ich, er möchte vielleicht etwas verkaufen, oder er würde etwa irgendein Medikament brauchen.

Er rückte nicht heraus mit der Sache, sondern er kam so von hinten her, wie es bei den Bauern unserer Tiefebene üblich war.

- Ich habe einmal gehört, vor einigen Wochen, dass Sie mit ihrem Freund Dialekt sprechen. Sie sind aus Szeged, oder aus der Umgebung, nicht wahr?

- Ja, ich bin aus Szeged.

- Und ich aus Újszõreg. (Neuszõreg - ein Vorort von Szeged.)

- Na also, dann sind wir Landsleute.

- Ja, das sind wir.

- Also, handelt es sich um eine ernste Sache?

Er stand auf, sah zum Fenster hinaus, dann öffnete er die Tür, schloss sie nachher zu, als ob er jemanden, der zuhört, gesucht hätte. Dann setzte er sich wieder auf den Stuhl.

- Herr Doktor, wissen Sie, dass wir bald in die Sowjetunion weggebracht werden?

- Das ist nicht ausgeschlossen, aber von wo haben Sie das her?

- Es wird herumgesprochen.

- Schon gut, es wird herumgesprochen, das habe auch ich gehört, jetzt sagen Sie aber endlich, warum Sie hierher gekommen sind?

- Wir müssen fliehen, Herr Doktor!

Wir schwiegen eine Weile. Ich sah mir den Jungen besser an. Verängstigt schauten seine hellblauen Augen drein, seine Knochen trugen die sehnige, verkrampfte Muskulatur eines Bauers und sein Blick war fest entschlossen.

- Das wäre schon gut - unterbrach ich die augenblicklich eingetretene Stille -, aber mit einer durchlöcherten Haut hat das nicht viel Sinn. Wie stellen Sie sich das vor?

- Nicht aus dem Lager, sondern aus dem Zug müssen wir davonkommen. Hier passt man wirklich sehr auf uns auf, ein Versuch hätte keinen Sinn.

- Aber jetzt könnten Sie mir endlich sagen, warum Sie eben mich aufgesucht haben, Sie haben ja gerade genug Gesellen.

- Weil ich Vertrauen zu Ihnen habe und außerdem brauche ich eine Säge.

- Eine Säge? Was für eine Säge?

- Womit die Beine abgesägt werden, also mit der man einen Knochen durchsägen kann.

- Hier haben wir noch keine Amputation durchgeführt, aber soweit ich mich erinnere, habe ich unter den Instrumenten eine gesehen.

- Na also, wenn wir abtransportiert werden, dann möchte ich Sie bitten, geben Sie mir diese.

- Aber sagen Sie mir doch, was wäre Ihr Plan?

- Ich verstecke die Säge, wenn 's sein muss, schlucke ich sie sogar. Ich kann mich an Ihre Gruppe anschließen, ein Namensverzeichnis wird ja nicht vorgelesen, nur zu "Finft" muss man sich aufstellen. Sie wissen ja, dass es am Wagonboden ein Loch mit einem Durchmesser von zwanzig Zentimeter gibt, das als WC gebraucht wird.

- Ich weiß, das habe ich schon gesehen.

- Also, das muss mit der Säge vergrößert werden und im entsprechenden Augenblick muss man dadurch hinauskutschen und dann auf und davon!

- Wo möchten Sie das durchführen?

- Nur durch Ungarn kann man uns abtransportieren, ich würde nicht meinen, dass man die Karpaten umgehen würde. Jetzt sagen Sie mir also, Herr Doktor, sind Sie bereit mit mir zu kommen, oder mir wenigstens die Säge herzugeben?

Eine schwere Frage hat mir der Junge gestellt, aber der Plan schien mir durchführbar zu sein. Ich fragte ihn:

- István, ist noch irgendwem Ihr Vorhaben bekannt?

- Nur Ihnen, Herr Doktor.

- Keinem anderen?

- Niemandem auf der Welt.

- Dann schlag' in meine Hand, ich mach' mit!

- Es ist gut so, einen Tag vor der Abfahrt werde ich hier sein, bis dahin wird mich keiner, nicht einmal im Umkreis, sehen.

Der Junge schlich in der Dunkelheit davon.

Ich ging in die Ambulanz zurück und schaute mir die Instrumente an. Wirklich war eine Knochensäge dabei.

Im Lager folgte eine Nachricht der anderen. Wir werden heimgelassen, man bringt uns in die Sowjetunion, und vice versa.

Und am fünften August wurde dann auch offiziell verkündet, dass am sechsten der erste Zug mit zweitausend Mann, abfährt. Die Richtung wurde nicht bekanntgemacht. Auch wir wurden in diese Gruppe eingereiht.

Spät am Abend hörte ich ein Zischen durchs Fenster. Ich schaute hinaus: István, mein Landsmann, stand da, fest an die Wand gedrückt.

- Hier bin ich, Dok - flüsterte er.

- Ich komme sofort.

Die Säge stand schon bereit. Ich schraubte schnell die Klinge von der Steife ab und trug sie hinaus. Ich übergab sie István, der diese auch gleich in seinem Jackenärmel verschwinden ließ.

 

Kapitel VII

- Davaj! Davaj! Madschar! Zu finft!

Wir stellten uns neben dem am Lager eingestellten Zug auf. Jetzt waren wir nicht unser hundert in einem Zug, sondern achtzig, weil, wie es uns später klar wurde, so viele in einem Wagon fahren konnten. Von den Ärzten blieben ziemlich viele zurück, aber ich achtete damals gar nicht darauf. In unserem Zug waren zwei Kinderärzte, beide aus Szeged: László Páldy und Kálmán Bessenyei, ein Oberleutnant. Beide haben an der Klinik in Szeged gearbeitet. Ich schloss mich an sie an und diese plötzlich angeknüpfte Freundschaft hat mich auch nicht enttäuscht, denn ich hatte so zwei ordentliche Kerle kennengelernt.

Ich sah mich etwas aufgeregt um, denn ich sah István Szénás nicht. Endlich, während die Russen mit der Anreihung beschäftigt waren, hörte ich von hinten seine Stimme:

- Hier bin ich, Dok, Servus.

- Zum Teufel, wo warst du bisher?

- Ich wurde wenigstens um fünf Wagons nach hinten eingereiht, aber für zwei Zigaretten habe ich meinen Platz mit einem Kameraden aus deinem Zug getauscht.

- Ist alles in Ordnung?

- Wie besprochen.

Es war ein wunderschöner Sommertag, der Himmel war klar und die warm scheinende Morgensonne versprach einen heißen Tag.

Vor dem Einsteigen, nachdem wir uns schon aufgestellt hatten, wurde es verkündet, dass jegliches zum Schneiden oder Stechen brauchbares Zeug müsse abgegeben werden, und es hat sich auch ein voller Korb von solchem Zeug angesammelt.

- István, was wirst du jetzt tun? - fragte ich ihn leise.

- Mach' dir keine Sorgen, es befindet sich auf einem guten Platz.

- Wo?

- In meiner Hose, zwischen den Beinen.

- Wird es nicht herausrutschen?

- Ich habe es mir um den Leib geschnürt und so aufgebunden.

- Einsteigen! - rief der Dolmetscher.

Wir waren erbittert, als wir sahen, wie das Innere des Wagons aussieht. Der eine Teil war zweistellig, um mehr Leuten Platz zu sichern, denn in solchen Lastwagons konnte im allgemeinen vierzig Personen "bequem" Platz gewährleistet werden.

- Laci, lieber alter Freund, nimm dort oben Platz! - und ich sprang auch schon ans Fenster, um uns dort einen Platz zu sichern.

Meine Niedergeschlagenheit wurde nur noch größer als ich sah, dass das sowieso winzig kleine Fenster auch noch mit Stacheldraht zugesponnen war. Als man aber auch die Tür zuschlug, wurde alles still.

Laci Páldy kramte in seinem Rucksack herum, nahm sein Gebetbuch in die Hand und begann darin zu lesen. Ich achtete ihn deshalb, denn ich hätte am liebsten brüllend drauf los geflucht und all' die böse Sippschaft, die den Krieg hervorgerufen hatte, zu allen Teufeln der Hölle verbannt. Letzten Endes bin ich, ganz zufällig, in diesem Gefängnis gelandet.

Der Zug stand unbeweglich da und wie die Sonne immer mehr hochstieg, wurde auch der Wagon immer heißer. Ein mit Wasser gefülltes Fass stand an der Tür, und immer mehr Essschalen wurden darin eingetaucht.

- Leute, so wird das nicht gut sein! - rief ich ihnen zu. - So werdet ihr alle in zwei Tagen die Ruhr kriegen. Einer soll mit der Wasserverteilung beauftragt werden!

Wir einigten uns auch: Derjenige, dessen Platz am Fass war, wusch sich die Hände mit einer extra Portion Wasser, spülte dann seine Essschale aus und nur dieser durfte nachher aus dem Fass Wasser schöpfen. Das hat sich auch als angebracht erwiesen, denn in unserem Wagon gab es kaum welche, die Durchfall bekamen.

- Ich weiß nicht, warum es nicht losgeht - platzte es aus István heraus, der voll Ungeduld war.

- Mensch, wohin eilst du? Ich möchte dich lieber fragen - fuhr ich mit leiser Stimme fort -, ob du bemerkt hast, dass am Ende des letzten Wagons eine Wachtbude aufgestellt ist und dort hockt ein Schütze mit seinem Maschinengewehr? Weißt du, was das bedeutet?

- Natürlich weiß ich das. Wenn der Zug über uns weggefahren ist, müssen wir gleich davonrennen. Als müssen wir, womöglich, an einem Waldrand aus dem Loch schlüpfen.

- Das habe ich mir auch so vorgestellt.

Wir versuchten uns verhältnismässig bequem einzurichten, obwohl uns unsere Plätze sehr genau bemessen waren: einem jeden kam nur eine enge Liegestätte zu. Am Abortloch gab es einen Streit, denn diejenigen deren Platz sich in dessen Nähe befand, freuten sich durchaus nicht über die an Durchfall leidenden Mitfahrer.

Noch immer fuhren wir nicht los. Von außen war ein Geschrei hörbar und unsere Tür wurde aufgerissen.

Drei Soldaten sprangen zu uns herauf, mit einem Dolmetscher (er war ein gutgesinnter, kluger Bauer aus Tótkomlós, der an der Ostfront war und dort seine slowakische Muttersprache an die russische angepasst hatte).

Die Russen waren augenscheinlich zornig, und schrieen uns an.

- Ein jeder bringe sein Gepäck hierher - übersetzte der Dolmetscher -, die Towarischen werden es durchschauen, denn eine Stichprobe wurde gemacht und sehr viele Taschenmesser und ähnliche wurden vorgefunden.

Ich wusste nicht, ob ich etwa lachen sollte, denn zwei Körbe standen schon da voll mit allerhand Schneidegeräten und es gab Schlachtmesser, Beile, Amputiermesser und so ähnliches in den Körben. Dann gab es noch allerhand Hacken, große Schneiderscheren, Ahlen, Metzgermesser, Feitel und Gott weiß was noch alles. Wie das alles in den Zug hineingeschmuggelt werden konnte, ist mir bis heute noch ein Rätsel.

Wir mussten unsere Habseligkeiten aus unserem Gepäck ausschütten und außerdem wurden wir auch noch abgetastet. Es wurden auch dabei ziemlich viele Taschenmesser und zwei Raspeln aufgefunden. Das verursachte auch keine Freude und unsere Vorfahren wurden oft erwähnt.

Ich beobachtete István, während wir durchsucht wurden. Seine Miene veränderte sich gar nicht, die Beine aneinander geschlossen stand er da mit ausgebreiteten Armen: nichts konnte man bei ihm finden.

Wieder schlug man die Tür zu und nach einer halben Stunde fuhr der Zug bummelnd davon.

Die Hitze wurde immer größer und der mit der Verteilung vom Wasser Beauftragte schöpfte immer mehr aus dem Fass heraus, man musste befürchten, dass es uns bald ausgeht und wer weiß, wann das Fass wieder aufgefüllt wird. So einigten wir uns, dass bis zum nächsten Morgen nur ein Liter per Kopf verabfolgt werden darf.

Schwer verging die Zeit, wir versuchten uns zu unterhalten, das Gesprächsthema war vor allem das Kochen, einige hatten sich fast darüber zerstritten, ob man einem Rindsgulasch geräucherte Speckschwarten beigeben soll oder nicht.

Es bildeten sich einige Kartenspielergruppen, die von Kiebitzen umgeben waren. Viele aber lagen in depressivem Zustand auf dem Rücken und schauten zur Decke hinauf.

Laci Páldy las unerschüttert sein Breviarium wie ein Priester, als ob das seine Pflicht gewesen wäre.

Am Nachmittag bekamen wir in Wienerneustadt eine Suppe. Es tat uns gut, da etwas Licht hereinkam und uns der Magen mit der gewöhnten Schlemme ein wenig aufgefüllt wurde.

- Laci, Lieber - sagte ich leise, nachdem wir unser Mittagessen verzehrt hatten -, das hier ist István, István Szénás, aus Újszõreg.

Er sah uns aufmerksam an.

- Doktor Páldy, und das da ist Doktor Bessenyei - stellte er auch den anderen Kollegen vor.

Sie schüttelten sich die Hände und schauten uns erstaunt wegen dieser Zeremonie an. Wir konnten ja ganz gut miteinander auskommen, ohne uns zu kennen, unser Schicksal war sowieso dasselbe.

- Ich sage es nur darum - setzte ich fort -, weil er die Säge bei sich hat.

- Was für eine Säge? - fragten die beiden verwundert.

- Die Amputiersäge aus dem Lazarett.

- Und was wollt ihr damit? - fragte Laci Páldy.

- Du wirst es hoffentlich herausfinden.

- Durchbrennen wollt ihr?

- Genau. Ihr könnt mitkommen, darum habe ich es euch gesagt.

- Aber dann werden es auch die Anderen erfahren.

- Wenn wir schon durch das vergrößerte Abortloch hinausgeschlüpft sind, kann uns ein jeder, der will, nachkommen, aber vorläufig sagen wir es keinem.

Beide verstummten, aber dann strahlten ihre Augen auf, in der Hoffnung, frei zu werden.

- Wann wollt ihr das vornehmen? - fragten beide auf einmal.

- Sägen kann man nur während der Fahrt, wegen des Geräusches - schaltete sich jetzt István ins Gespräch ein - und zwar nur in der Nacht. Für die Flucht werden wir dann den entsprechenden Zeitpunkt abwarten.

Langsam wurde es dunkel und alle versuchten zu schlafen. Unser Zug stand auch weiterhin am Bahnhof, abseits geschoben auf irgendeinem äußerem Geleise.

Die nächtliche Stille wurde mehrmals durch erregte, grobe Auseinandersetzungen und Flüche unterbrochen. In der fast undurchdringlichen Dunkelheit gab es mehrere, die ihre kleinere oder größere Not am Loch verrichteten und die dort Schlafenden hatten wirklich Recht, wenn sie darüber zornig waren, denn sie wurden oft von denen, die verschlafen oder schwindelnd herankamen, abgenässt. Es kam auch vor, dass irgendeiner, der am Durchfall litt, nicht richtig durch das Loch zielen konnte, so dass nachher aufgewischt werden musste.

Der Zug setzte sich in seinen gewohnten Gang. Er fuhr bummelnd weiter, aber er hatte auch keinen Grund zu Eile. Eine Stille trat ein, nicht einmal ein Schnarchen konnte man hören. Plötzlich wurde von unten die Stille unterbrochen und mit einem großen Seufzer sagte einer fast nur so für sich:

- Dann fahren wir also ins "Sowjetparadies".

Nach einer Weile kam aus einer Ecke die unerwartete Antwort:

- Schon haben wir auch vom Paradies eine Kostprobe bekommen.

Es gab ein Gelächter. So stellte es sich auch heraus, das kaum jemand von uns geschlafen hat. Gegen Morgen begann ein leises, immer lauter werdendes Gespräch. Man wollte herausfinden, wo wir eigentlich sind, wohin wir fahren und was unser Schicksal sein wird.

Am Morgen blieb unser Zug irgendwo stehen. Das Rasseln am Kies und das russische Gespräch deuteten darauf hin, dass man sich uns näherte. Mit großem Prall flog die Tür auf, die angenehme, milde Morgenluft strömte herein. Ein Offizier, ein Schütze und der Dolmetscher standen in der Türöffnung.

- Doktor?! - rief der Offizier. Dann setzte der Dolmetscher fort:

- Ein Arzt befindet sich in diesem Wagon, nicht wahr! Der soll sich melden!

Wir drei hoben unsere Hände hoch.

Der Offizier zeigte mit zwei Fingern auf mich und dann auf Kálmán und winkte, wir beide sollten herauskommen und absteigen. Der Dolmetscher half, die Sache zu erklären:

- Kommen Sie, Herren Doktors, hier sind sehr viele Kranke. Bringen Sie auch Ihre Sachen mit - fügte er noch zu.

Wir sahen einander an und hatten denselben Gedanken: für uns ist es aus mit der Flucht.

Wir verabschiedeten uns und folgten mutlos dem Dolmetscher, die Soldaten kamen hinter uns her.

Wir kamen an einen Wagon dessen Tür offen stand, drinnen waren schon einige Patienten und bewaffnete Wachtposten standen bei ihnen.

Der Hauptmann kam ganz nahe an mich heran und teilte mir ziemlich streng, fast schreiend und nach Alkohol riechend folgendes mit. Der Mann aus Tótkomlós übersetzte es mir.

- Dies wird der Lazarettwagon sein, hier sollen die Kranken betreut werden. Also, wenn jemandem was fehlt, wird er hierher gebracht. Die Tür bleibt tagsüber offen!

Dann nahm er seine Pistole hervor und hielt sie mir, damit herumfuchtelnd, an die Stirn:

- Ihr beide werdet für die Männer verantwortlich sein, wenn jemand flieht...

Dann drückte er die Waffe an seinen Kopf und sagte nur soviel:

- Pakk! - und dann gab er uns ein Zeichen, wir sollten einsteigen.

- Das wurde uns klipp und klar gesagt - bemerkte Kálmán -, wir sollen also nicht nur als Ärzte arbeiten, sondern auch auf die Patienten aufpassen, damit sie nicht davonlaufen.

Wir untersuchten die Kranken, etwa zehn Personen. Mit der Diagnose hatten wir keine Schwierigkeiten. Es gab darunter vor allem Durchfälle, eitrige Rachenentzündungen, Skorbut, Krätze. Bei einem hatten wir eine Lungenentzündung festgestellt.

Wir übersahen unseren Bestand an Medikamenten, die wir noch aus dem Lazarett mitgebracht hatten und das, was uns noch von früher als Reserve übriggeblieben war. Ultraseptyl war das wichtigste, aber wir hatten auch Medikamente gegen hohes Fieber, schmerzstillende Mittel, Kohlentabletten und krampfstillende Zäpfchen, und noch ein urindesinfizierendes Medikament.

Der Dolmetscher übersiedelte auch zu uns und zur Aushilfe wurde uns ein nervöser Sanitäter, ein Feldwebel, zugeteilt.

Unsere Lage wurde bequemer. Auf einem Gestell nahmen wir zu viert Platz, aber das Beste war, dass es hier eine frischere Luft den Wagon durchziehen konnte.

Der Zug kam auch bald in Bewegung und fuhr ziemlich schnell voran. Bald erreichten wir ungarisches Gebiet und nachdem der Zug ein paar Mal halten musste, kamen wir am Bahnhof von Szombathely an.

Am Bahnsteig standen viele herum und schweren Herzens schauten wir die vielen Menschen an, die alle frei waren, aber noch größer wurde unsere Erbitterung, als mir ein kleingewachsener Mann aus der Menschenmenge winkend zurief:

- Dokii, Dokii, Herr Medikus! - aber danach hörte ich seine Stimme nicht mehr, der Zug fuhr am Bahnhof vorbei. Es war ein Pfleger aus dem Lager, der wegen irgendeiner Krankheit freigelassen wurde und heimkehren konnte.

In die Mitte des Zuges wurden zwei Dienstwagons eingestellt, in einem nahm die Wachtmannschaft Platz, zwei oder drei Frauen waren auch darunter. Der zweite diente als Küche, dort arbeiteten einige ungarische Köche.

Einmal täglich bekamen wir gekochtes Essen, die gewohnte dünne Bohnensuppe und als Reiseproviant wurde auch noch getrocknetes Brot ausgeteilt, dazu kam täglich noch ein Stück Würfelzucker. Es war eine trostlose Fahrt durch Transdanubien. Nachts gaben uns auch die Patienten zu schaffen; einige waren infolge von Flüssigkeitsverlust in einem derartig gestörten Zustand, dass sie im Wagon herumgingen und sich ans Wasserfass heranmachten, weil sie trinken wollten. Es musste ihnen streng befohlen werden, dass nur der beim Fass liegende Mann, der keine Infektionskrankheit hatte, Wasser verabfolgen darf. Sicherheitshalber streuten wir ein wenig Hypermangan ins Wasser.

Der Dolmetscher fragte uns auch:

- Herr Doktor, ist da kein Gift?

- Wissen Sie, meine Großmutter hat im Sommer immer so was dem Trinkwasser ihrer Gänse beigegeben und nie sind die vom Wasser krank geworden. Obwohl dem guten Geschmack des Wassers hat es nicht gerade beigetragen, man muss es zugeben.

Endlich verging auch diese Nacht und wir wussten nicht, wo unser Zug herumschweift.

Am Nachmittag hielten wir am Bahnhof eines kleinen Dorfes, der einer Wachbude ähnlich war. Es war unheimlich heiß.

- Diejenigen, die in den geschlossenen Wagons hinterblieben sind, werden jetzt wohl unheimlich leiden - sagte ich zu Kálmán.

- Ich aber denke an István und die Anderen, du weißt schon warum.

- Ich bin neugierig, ob was geschehen wird.

- Was sollte geschehen? - fragte der Feldwebel.

- Ich habe nur daran gedacht, wie schlimm es in einem luftlosen Wagon sein kann - antwortete ich.

Vom Knattern der Kiessteine entnahmen wir, dass jemand kommt. Tatsächlich näherten sich drei Männer, ein Eisenbahner, der offenbar seine gewohnte Arbeit machte, in Begleitung von zwei russischen Soldaten. Die beiden Russen kümmerten sich nicht um uns und so gab ich dem Eisenbahner ein Zeichen, er solle etwas näher kommen. Er bückte sich, als ob er die Räder untersuchen würde und ich sagte leise zu ihm:

- Möchten Sie unsere Briefe wegschicken? Wir werden sie am Abortloch hinunterwerfen, wenn der Zug abfährt.

Er gab keine Antwort, sondern ging nach rückwärts und während er seine Papiere ansah, nickte er, als ein Zeichen, es wäre alles in Ordnung, zweimal mit dem Kopf und schaute mich dabei an.

- Hast du ihm etwas gesagt? - fragte Kálmán.

- Leute, wem es möglich ist, der kann jetzt seinen Angehörigen schreiben, der Eisenbahner schafft die Briefe zur Post, er hat es versprochen - sagte ich, als Antwort auf seine Frage.

Wir klaubten allerhand Papier zusammen, es gab auch weißes Kartonpapier darunter, das wurde zerschnitten und wir konnten uns ganz gute Postkarten daraus machen. Ich schrieb an meine Eltern und an Eva.

- Die Briefe dürfen wir erst dann aus dem Zug hinauswerfen, wenn der schon fährt - sagte ich, während ich schrieb - und auch nicht auf einmal, sondern einen nach dem anderen, damit dem Wachtposten der große Papierhaufen nicht auffällt.

Der Zug wurde verschoben, es ging ein gutes Stück nach rückwärts und dann wurde er auf das äußerste Gleis am Waldrand abgestellt.

Seitwärts vom Bahnhof (uns gegenüber) befand sich ein ziemlich steiler, sechs bis sieben Meter tiefer Abhang. Am Rand der Bahnstrecke waren Semaphordrähte ausgespannt, ungefähr in Menschenhöhe. Der Zug bewegte sich schon und wir dachten, er würde seine Fahrt fortsetzen, doch er blieb plötzlich wieder stehen.

- Schon seit zwanzig Minuten hält der Zug - schaute der Feldwebel auf seine Uhr.

- Ist es dir eilig? - fragte Kálmán. - Sei froh, dass wir noch in Ungarn sind.

- Nicht darum sage ich es, nur weil es in dieser Hitze während der Fahrt mehr Luft gibt.

Die schwüle Luft des Hochsommers erschlaffte uns, aber das dauerte nicht lange.

Prrr! Prrr! Prrr!

- Das kommt von einem Maschinengewehr! - schreckten wir auf.

- Auf jemanden wird geschossen! - sprang der Feldwebel von seiner Pritsche herunter und wir folgten ihm. Wir schauten hinaus, aber wir konnten nur soviel sehen, dass fünf-sechs Soldaten schreiend irgendwohin laufen und dann, unter die Richtdrähte schlüpfend, in der Tiefe verschwinden.

Auch unsere Kranken drängten sich zur Tür, aber einer von unseren Wachtposten ließ uns zurücktreten, und gleich wurden wir auch vom Dolmetscher aufmerksam gemacht:

- Legen Sie sich wieder auf eueren Plätzen nieder, Kameraden, damit unser Wachtposten nicht zornig wird, er ist ja sowieso ziemlich aufgeregt.

- Ja, gehen Sie nur schön zurück auf Ihre Plätze - fuhr ich fort -, denn sonst schließt man unsere Tür. Übrigens, wie Sie es schon gehört haben, sind wir für Sie verantwortlich und so bitte ich Sie nochmals, machen Sie keinen Fluchtversuch. Besinnen Sie sich, der Kommandant hat mit einem Kopfschuss gedroht.

- Machen Sie sich keine Sorgen, Herr Doktor - sagte einer von den Kranken -, wir sind ja ganz kraftlos, so etwas fällt uns gar nicht ein. Und wir könnten es auch nicht aufs Herz nehmen, sollte Ihnen wegen uns etwas widerfahren.

Es war schon spät am Abend, als wir weiterfuhren. Im Morgengrauen fuhren wir am Bahnhof von Székesfehérvár (Stuhlweißenburg) vorbei.

- Es scheint, wir fahren in Richtung Budapest - stützte sich Kálmán, verschlafen, auf seine Ellbogen, als der Zug die nördliche Richtung eingeschlagen hatte.

Die Sonne schien schon ganz warm, als er hielt.

- Hoffentlich gibt man uns irgendein Frühstück - seufzte jemand auf.

Energische Schritte wurden hörbar und das Gesicht des Wachenkommandanten, den zwei Soldaten begleiteten, erschien in der Türöffnung.

- Doktor! - zeigte er auf mich und wandte sich dann an den Dolmetscher.

- Der Hauptmann hat gesagt, Sie sollen Verbandzeug und Medikamente mitnehmen und aussteigen - wurde mir übersetzt.

Mit klopfendem Herzen überlegte ich, was sich da wohl abgespielt hatte? Mein Puls schlug ganz schnell als ich aus unserem Wagon hinaussprang und, mit der Wache hinter mir, voranging. Wir machten an einem Wagon halt und als ich nachzählte, erschrak ich. Mein Gott! Das war gerade unser Wagon.

Mit großem Knall flog die Tür auf und wirklich waren die Kameraden von meinem Zug da drinnen.

Der Hauptmann sagte etwas zum Dolmetscher, kehrte sich um und ging weg.

- Herr Doktor, steigen Sie ein und versorgen Sie die Verletzten da, das lässt Ihnen der Kommandant sagen.

- Was für Verletzte?

- Komm nur rein und schau, was du da angerichtet hast! - hörte ich die Stimme von Laci Páldy.

Ich sprang hinein und erblickte vier oder fünf Männer mit blutenden Köpfen, die einige Kleiderstücke auf ihre Wunden drückten.

- Was soll ich da angerichtet haben? Was ist geschehen?

- Du hast uns verraten, du Schwein! - schrie Laci Páldy, ganz außer sich, was ganz ungewöhnlich war, denn er war ein ruhiger, stiller und frommer Mensch.

- Iiich? - und es wurde mir gruselig. - Wen habe ich verraten? Wo und wann?

Da schrieen auch schon mehrere auf einmal:

- Nur Sie konnten wissen, Herr Doktor, dass wir fliehen wollen. Warum sind sie gerade hierher gekommen in unseren Wagon, nachdem der Szénás durchs Loch durchgebrannt ist?

- Ist er durchgebrannt? Dann hat man gestern nachmittag auf ihn geschossen?

- Jetzt ist nicht davon die Rede - schrie Laci Páldy weiter. - Es handelt sich darum - fuhr er aufgeregt fort -, dass du unseren Plan den Russen verraten hast und so ist die Flucht nur István gelungen. Hoffentlich ist sie ihm gelungen.

- Laci, alter Freund - versuchte ich ihn zu beruhigen -, erstens, nicht nur ich wusste davon, sondern auch Kálmán, übrigens schwöre ich euch aufs Leben meiner Mutter und meiner Geliebten, dass ich euch nicht verraten habe, so wahr mir Gott helfe!

Das hatte nun die entsprechende Wirkung auf Laci Páldy, der sehr religiös war, und so setzte er, etwas ruhiger fort:

- Wie haben sie es dann doch erfahren?

- Ganz einfach: Sie überprüften sämtliche Öffnungen die als Abort dienten und so konnten sie feststellen, dass man nur dort entfliehen konnte, wo diese ausgesägt wurde.

- Wir waren so aufgeregt, dass wir daran auch gar nicht gedacht haben - beruhigte sich Laci Páldy. - Verzeihe. Wirklich haben sie gestern abend, bevor wir abfuhren, das Loch durchleuchtet, aber erst früh am Morgen kamen sie in den Wagon.

- Also sagt mal endlich, was geschehen ist - und ich begann die Wunden zu verbinden.

Mehrere fingen an auf einmal zu reden.

- Wartet mal, einer soll es sagen!

Einer von meinem Jahrgang, den ich im Lager aus den Augen verloren hatte, irgendwo anders musste er gewesen sein, sagte jammernd, mit einer großen blauen Beule um das linke Auge:

- Früh am Morgen kamen die Wachtposten, ohne den Dolmetscher, der eine nahm seine Pistole hervor und begann zu schreien, während er mit der Waffe herumfuchtelte. Wir verstanden nichts davon, aber offenbar war er wegen der Flucht so aufgeregt. Ich stellte mich vor ihn und wollte seine Hand festhalten, aber er dachte wahrscheinlich, ich wolle auf ihn zuschlagen und schlug auf mich mit dem Griff seiner Waffe und dann schlug er in seinem Zorn um sich herum und diejenigen, die in seiner Nähe waren, die siehst du hier, die sollst du jetzt verbinden.

Es gab da kleinere, stumpfe oder Platzwunden, die ich verbinden musste, dabei erzählte mein Kollege weiter:

- Dann wurde ein jeder durchsucht, sie suchten die Säge, aber die haben wir schon längst hinausgeworfen, noch in der Nacht. Und sei uns wirklich nicht böse, aber wir haben gedacht, dass ihr uns bei den Russen verraten habt. Aber dass eine Flucht so eine Aufregung hervorruft?

- Und welch eine! - sage einer. - Sie müssen mit zweitausend Menschen abrechnen, Herr Doktor, da gibt es keinen Widerspruch! Es kann schon sein, dass auch die kleine Kommandantin in irgendeiner Bleigrube die Suppe für die Bergbauer kocht wegen der Flucht des Chefarztes.

- Demnach geht es uns besser als denen, die uns überwachen. Kost und Quartier ist uns gesichert und wir brauchen uns nicht darum zu kümmern, ob da irgendeiner die Flucht ergreift - bemerkte man in einer Ecke.

Derjenige, der neben diesem saß, schlug ihm auf den Rücken.

- Geh' zum Teufel mit deinen blöden Witzen!

- Schon gut! Über seine eigene Not kann man sich schon lustig machen. Aber was kann mit Pista Szénás los sein, es wäre gut, wenn man das wüsste.

- Zweierlei Möglichkeiten gibt es - antwortete ich -, entweder ist ihm die Flucht gelungen, oder man hat ihn erschossen, denn wäre er verwundet worden, dann hätte man ihn hierher in den Lazarettwagon zurückgebracht.


Was geschah mit István Szénás?

Ich erfuhr es erst vier Jahre später. Ich ging am Mittag über die Szegediner Brücke nach Újszeged, zu meiner Mutter. Es war ein angenehmer Sommertag. Da lief von der entgegengesetzten Seite ein blonder, schlanker junger Mann auf mich zu und winkte mir:

- Dok! Dok! - schrie er und rannte, die Verkehrsregeln außer Acht lassend, zu mir herüber, so dass ein Auto wegen ihm schnell bremsen musste. Ganz rot war er, als er mich erreichte.

- Ah, der hat mich beinahe überfahren, obwohl ich diesmal nicht einmal auf der Flucht war, lieber Dok!

Ich erkannte ihn und wir umarmten einander.

- Wie geht 's, Kamerad? - fragte ich ihn. - Du weißt ja, dass derjenige, den man für tot hält, hundert Jahre lang leben wird? (Ungarisches Sprichwort) Und wir glaubten wirklich, du wärest tot.

- Viel hat ja nicht gefehlt. Wann seid ihr eigentlich heimgekehrt?

- Das hat jetzt keine Bedeutung, wir sind zu Hause und das ist das wichtigste. Aber du sollst jetzt erzählen, was geschehen ist.

- Also weißt du, zuerst war ich sehr niedergeschlagen, als man dich in den Lazarettwagon verlegte. Irgendwie hatte ich zu den Anderen kein richtiges Vertrauen. Nicht, weil ich fürchtete, sie würden mich verraten, sondern, weil es unter den Bekannten keinen so gut für die Sache passenden Kerl gab. Darum habe ich entschlossen, die Flucht allein zu versuchen. Und danach, wenn jemand will, dort hatte man das bereits ausgesägte Loch, man hätte mir nachkommen können. Erinnerst du dich an den kleinen Bahnhof in Transdanubien?

- Und wie ich mich daran erinnere!

- Ich sägte die Öffnung in der Nacht aus, während der Fahrt. Sie haben es auch gar nicht bemerkt. Ich wartete, bis wir an den entsprechenden Ort kamen, dort wo sich neben dem Gleis ein Wald befand. Jener kleine Bahnhof schien vollkommen geeignet zu sein, fünf Meter weit vom Zug war ein dichter Wald. Der Zug hielt und währenddessen konnte man nicht raus. So wartete ich auf die Abfahrt. Eine gute Weile verging und es geschah nichts, dann aber begann die Lokomotive den Zug nach rückwärts zu verschieben. Ich war schon sehr aufgeregt. Ein gutes Stück hatte er schon nach rückwärts zurückgelegt.

- Mir war es auch nicht klar, warum, denn wir sind auf demselben Gleis geblieben.

- Das wäre auch noch ein Glück gewesen - setzte István fort und man sah es ihm an, dass er wieder die damalige Aufregung erlebte -, wenn alles so geschehen wäre, wie ich es mir vorstellte. Wieder ging es vorwärts. Schon dachte ich, jetzt steig' ich aus, aber ich wartete noch. Danach fasste ich den Entschluss, der Zug fuhr im Schritt voran, so konnte ich ohne Gefahr durchs Loch schlüpfen... Es gelang mir auch unversehrt Boden zu fassen. Gleich bin ich frei, dachte ich und bereitete mich darauf vor, dass ich, wenn der Zug über mich davongefahren ist, gleich in den Wald laufe. Zu meinem Unglück hielt der Zug und noch dazu so, dass der Wagon, in dem sich unsere Wache befand, über mir stehen blieb. In Waldrichtung konnte ich nicht laufen, denn an der Seite hatte man die Tür geöffnet und einige stiegen aus. In meiner Not, damit man nichts bemerke, kletterte ich auf eine Achse hinauf, und saß da, dicht am Rad, in einer tragikomischen Lage, denn kaum einen halben Meter weit von mir hockte sich der eine Soldat hin, um seine große Not zu verrichten. Ein Glück, dass er keine Verstopfung hatte. Schrecklich war diese Wartezeit, während der Mann gemütlich seinen Hintern mit Zeitungspapier abwischte und ich dabei fühlte, wie meine Glieder immer steifer wurden. Es ist mir auch eingefallen und der Gedanke ängstigte mich auch, was geschehen wird, wenn sich der Zug in Gang setzt. Also, von hier muss ich weg, dachte ich. In den Wald konnte ich nicht, wegen der Wachtposten. Auf der anderen Seite waren drei Gleispaare und dann kam der Damm und ich wusste nicht, wie tief es dort sein konnte, und nachher gab es auf einem Abhang ein Rübenfeld, dahinter, soweit ich es sehen konnte, ein mit Mais bebautes Stück. Also los!!! Ich sprang hinaus und rannte. Meine steifen Glieder lockerten sich bald. Zwanzig Meter!... Noch zehn! Ich hörte ein Geschrei hinter mir. Schon hatte ich den Damm erreicht, da spürte ich einen harten Schlag gegen die Stirn. Etwas schwindelig wälzte ich mich hinab in die Tiefe des Dammes und dabei hörte ich das Knallen des Maschinengewehres. Später wurde es mir klar, dass ich gegen die Semaphorleitung prallte und das hat mir das Leben gerettet, denn in dem Augenblick stürzte ich hinab, als man zu schießen begann.

- Die Schiesserei haben wir gehört. Und was geschah nachher?

- Nachher? Nachher rannte ich und rannte, es ging um mein Leben. Ich lief so, wie man es uns bei der Ausbildung gelehrt hat, im Zickzack. Die Kugeln schlugen um mich herum in die Rübenblätter ein, aber ich erreichte das Maisfeld und verschwand vor den Augen der Mannschaft. Ich erreichte ein kleines Dorf und lief in den Hof des sich am Dorfrand befindenden Hauses, wo ein alter Mann herumwerkelte. Kaum konnte ich ihm, stotternd, mitteilen, dass man hinter mir her ist. Der Alte sagte mir nur: "Dorthin auf den Heuboden und verstecken Sie sich gut im Heu." Nach einer Weile kam er herauf und brachte mir ein Stück Brot, raßen Speck, ein bischen Räucherwurst, Sauergurken und ein halbes Liter Wein. Seit langem habe ich nicht so gut gegessen und vom Wein bin ich auch gleich eingeschlafen. Ich weiß nicht, wie lange ich so traumlos geschlafen habe, als der Alter wieder da war, am Heuboden, und mit voller Kraft meine Schulter schüttelte: "Junger Mann, sie müssen weg von hier, soeben ist mein Enkelkind heimgelaufen mit der Nachricht, die Russen durchsuchen, von der Bürgerwache begleitet, die Häuser, sie suchen einen Geflüchteten. Gerade diese Richtung haben sie eingeschlagen. Seien Sie mir nicht böse, ich möchte meine Familie keiner Gefahr aussetzen und Sie werden es auch besser tun, wenn Sie sich von hier auf einen sichereren Platz begeben würden. Ich werde Ihnen zeigen, in welche Richtung sie gehen sollen, um Ihren Verfolgern zu entweichen." Ich wurde gleich hellwach, die Angst drängte auch zur weiteren Flucht, außerhalb vom Dorf der Landstrasse folgend ging ich in östlicher Richtung so lang, bis ich nicht vor Müdigkeit zusammenbrach. In einem Heuschober verbrachte ich die Nacht. So bin ich zu Fuß nach Hause gekommen. Tagsüber suchte ich mir ein Versteck, und in der Nacht ging ich weiter. Ich wagte nicht, in einen Zug zu steigen, denn ich fürchtete, man würde mich festnehmen. Höchstens einen einsamen Bauernwagen wagte ich anzuhalten.

- Wie lange hat so dein Heimweg gedauert?

- Es mussten schon gute zehn Tage gewesen sein.

- Und was hast du gegessen?

- Obst. Vor allem Melonen, Äpfel und jungen Mais und was es so noch auf den Feldern gab.

- Und hier zu Hause ist dir nichts geschehen?

- Zwei Wochen lang wagte ich mich nicht aus dem Haus, erst als ich vernahm, dass niemand mehr weggeschleppt wird, traute ich mich herauszukommen.

Wir unterhielten uns noch eine Weile, umarmten einander und verabschiedeten uns, seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen...


Nachdem ich die Wunden versorgt und verbunden hatte, brachte mich der Wachtposten zurück in den Lazarettwagon. Man fragte mich, was geschehen war und ich erzählte die Flucht und alles was noch darauf folgte.

Der Zug fuhr los und jetzt war es schon klar, dass wir in Richtung Budapest fahren. Am Mittag fuhren wir durch die Außenstädte und langsam, schrittweise, holperte unser Zug über die Donau, auf einer Holzbrücke, und am Ende "lief er" in den Rangierbahnhof von Ferencváros (Franzstadt) ein.

Es war so komisch und schwer zu vertragen, dass wir zu Hause waren, in unserer Hauptstadt und doch war das alles anderes, nur keine Heimkehr. Noch nie war ich auf diesem Bahnhof, auch heute weiß ich nicht genau, wo er sich befindet, aber das, was sich dort abspielte, kann ich nicht vergessen.

Kurz nach unserer Ankunft stellte sich, gleich nebenan, ein vollgestopfter Personenzug ein. Im Nu waren wir von einer großen Menschenmenge umgeben und ich stand in der offenen Tür so da, wie eine Beute, die vom Anblick der Schlange von der sie verschlungen wird, erstarrt und sich nicht mehr rühren kann. Sollte ich jetzt aus dem Wagon hinaustreten und in dieser Menschenmenge verschwinden, würde man mich nie wieder erwischen - doch ich war zum Handeln unfähig. Wahrscheinlich bestand, tief verborgen in meinem Sinn, der Gedanke an die drohende Gefahr, dass man meine Flucht an den Hinterbliebenen rächen würde, denn anders konnte ich mir selbst meine damalige Hilflosigkeit nicht erklären.

Die Reisenden sahen uns verwundert an, aber keiner wagte sich, irgendetwas von uns zu fragen, ein jeder eilte, womöglich schnell, davon.

Bis ich mir diese, sich großzügig darbietende Gelegenheit überlegt hatte, stand auch schon ein Soldat da; wahrscheinlich war es auch den Russen eingefallen, was wir im Kopf hatten.

Ich bat den Dolmetscher, mit dem Wachtposten zu sprechen, uns zu den Leuten zu lassen, damit man uns wenig Obst gibt.

Es wurde uns genehmigt, aber nur Kálmán und mir. Eine junge Frau näherte sich, die eine große Markttasche schleppte, voll mit Pflaumen, Paprikaschoten, Tomaten. Wir baten sie, uns etwas davon zu geben. Erstaunt sah sie uns an, ich erinnere mich an ihr schönes Gesicht, das voll Angst war und an die schönen blauen Augen. Ich dachte, nachdem ich ihr Einkaufsnetz auseinanderzog, dass nun alles uns gehört, aber sie stammelte nur: "Lassen Sie doch etwas für meine Familie übrig, achtzig Kilometer weit bin ich gefahren, um das alles einzukaufen." Während wir noch in ihrer Einkaufstasche herumkramten, flüsterte ich ihr den Namen und die Adresse von Jutka ins Ohr, und bat die Frau, sie zu verständigen - meine Familie sollte wenigstens wissen, dass ich, wenn auch schlecht, aber doch lebe.

Wie ich es nachträglich erfuhr, hatte die Frau Jutka aufgesucht (ich bin ihr dafür auch sehr dankbar). Jutka packte auch in aller Hast Lebensmittel ein und rannte zum Bahnhof, aber dann durfte sich niemand mehr unserem Zug nähern.

Wir bekamen ein Mittagessen, aber bis dahin hatten wir das geschenkte Obst und Gemüse auch schon verschlungen.

Am Nachmittag, gegen drei Uhr, fiel es uns auf, dass die Soldaten auf und ab laufen und herumschreien.

- Warum sind die so aufgeregt? - fragte mich Kálmán.

- Ich sehe nur, dass wieder ein Personenzug heranfährt, aber man lässt ihn nicht an unsere Seite, zwischen den Schienen steht ein Eisenbahner und schwenkt seine rote Fahne.

Dann verstummten wir. Es war eine schwüle Hitze und ich schlief ein.

- Herr Doktor! Herr Doktor! - weckte mich der Dolmetscher.

- Was ist los? - fragte ich.

- Bitte, kommen Sie mit!

- Wohin? - und ich merkte, dass zwei Soldaten an unserer Tür stehen.

Der eine sagte etwas.

- Er sagt, Sie sollen Verbandzeug, Instrumente und Medikamente einpacken.

- Was ist schon wieder geschehen?

- Davon hat er nichts gesagt, aber ich werde ihn unterwegs schon fragen.

So machten wir uns also auf den Weg und erreichten einen zerfallenen Steinweg, es konnte auch ein Landweg gewesen sein, und bestiegen einen, uns dort erwartenden Bauernwagen, der keine Schräge hatte und wenn ich mich richtig erinnere, es gab nicht einmal einen Sitz darauf, nur ein quergelegtes Brett. Ein altes, keuchendes Pferd schleppte sich mit uns voran, wohlbedacht zog es den zum Mistfahren dienenden Karren voran; das Pferd ähnelte seinem Herren, der ebenfalls alt war und der das Tier langsam vorantrieb.

Nicht einmal einen Kilometer hatten wir hinterlegt, als ich schon von weitem einen bewaffneten Soldaten bemerkte und zu seinen Füssen schien ein Mensch zu liegen.

Unterwegs versuchte der Dolmetscher von dem mit uns mitfahrenden Soldaten etwas zu erfahren, denn sein Kamerad war am Anfang des Weges zurückgeblieben.

- Was sagt er? - fragte ich.

- Er sagt, ein Gefangener versuchte zu fliehen, sie liefen ihm nach, und weil sie ihm umsonst zum stehen bleiben aufforderten, schossen sie auf ihn zu.

- Wollte doch nicht jemand aus unserem Zug fliehen?

- Aber nein, Herr Doktor. Dort wurde das Abortloch so zugenagelt, dass es eine Kunst ist, dadurch zu zielen. Ich befürchte, sie wollten jemanden vom Bahnhof holen, um den Stand zu ersetzen.

Weiter konnten wir uns nicht mehr unterhalten, denn wir erreichten den Soldaten.

Zu seinen Füssen lag ein mittelgroßer, magerer Mann in den dreißiger Jahren, an der rechten Seite seines Hinterhauptes klebte geronnenes Blut.

Vom Rand des Gerinnsels sickerte noch einigermaßen frisches Blut. Ich ging schnell zu dem Verwundeten und als ich seinen Kopf wenden wollte, sprang er, ganz unerwartet, auf und lief taumelnd vorwärts, wie ein Betrunkener. Kaum konnten wir ihn festhalten, er schlug um sich herum und er wiederholte ständig: "Ich gehe nicht in den Wagon hinein, ich will nicht hinein!"

Ich bat den Dolmetscher, er solle die Arme des Mannes festgeklammert halten.

- Wer von euch hat auf den Mann geschossen? - sah ich die beiden Soldaten fragend an. - Fragen Sie es doch! - wandte ich mich an den Dolmetscher.

- Der da, mit dem Tatarengesicht, der ihn bewacht hat, der Meisterschütze.

- Also, das war wirklich ein schöner Schuss.

Der verletzte junge Mann schüttelte inzwischen ständig seinen Kopf und versuchte immer wieder davonzulaufen, jetzt wiederholte er aber ständig: "Ich muss scheißen, lasst mich los, versteht ihr denn nicht, ich muss scheißen, ich muss scheißen."

- Haltet ihn sehr fest, denn ich kann sonst seine Wunde nicht versorgen. Schaut mal, wie der da so herumgesprungen ist, hat sie wieder angefangen zu bluten.

Schauererregend sah der arme Mann aus, wie ihm aus der Wunde, von der Stirn das Blut in den Mund herabfloss, das er dann, in seinem verwirrten Zustand ableckte und mit dem schäumenden Speichel um sich herumspuckte.

- Seinen Kopf muss man auch festhalten.

- Ich werde den Kopf schon halten, Herr Doktor - sagte der Dolmetscher.

- Nein, nicht Sie! Halten Sie nur seine Arme fest! Sagen Sie dem Herrn Meisterschützen, er soll dem Mann den Kopf festhalten.

Der Dolmetscher sagte etwas dem Soldaten, der bisher nur ungern mitgeholfen hat. Dieser sah mich an, er war ganz blass und infolge seiner gelblichen Haut war er einer Leiche ähnlich. Er stand da und bewegte sich nicht.

- Halt' ihn fest, verdammt noch mal! - schrie ich ihn an. - Wenn du es schon angerichtet hast, dann hilf uns jetzt wenigstens!

Er sah mich mit seinen glänzenden, kleinen, braunen Augen an, als ob er mich verstanden hätte und dann fasste er langsam, mit zitternden Händen das sich erregt hin und her drehende Haupt an, wobei er sorgfältig achtete, die blutenden Stellen nicht zu berühren.

Auch seine Lippen zitterten, ein weißer Streifen zog sich um seinen Mund und in seinen Augen war ein Gemisch von Entsetzen und tiefer Trauer.

Ich säuberte das Gebiet um die Wunde und schnitt auch das Haar rundherum ab. Das Geschoss war im rechten oberen Drittel des Hinterhauptes eingedrungen und hatte den Schädel an der Schläfen-Stirngrenze verlassen, wobei es auch Hirntrümmer mitgenommen hatte.

Ich reinigte die Wunden, streute Ultraseptyl Pulver in die Wundöffnungen und legte den Verband an.

Der Soldat hatte die Probe ehrlich bestanden, aber als ich mit meiner Arbeit fertig war, sah ich, dass er für einen Augenblick sein Gleichgewicht verlor.

- Sagen Sie ihm doch, er solle sich auch auf den Wagen setzen - wandte ich mich an den Dolmetscher. - Er sieht so aus, als ob auch er gepflegt werden müsste.

Unser Verwundeter beruhigte sich nach und nach und ließ sich, ohne ein Wort zu sagen, in den Lazarettwagon Hinaufheben.

Ich sah seine Papiere an: István hieß er, der Familienname konnte vielleicht Pék (Becker) gewesen sein, daran erinnere ich mich nicht mehr genau, aber es ist sicher, dass er aus der Gemeinde Bak (Bock) stammte, denn bis dahin habe ich nie von einem Dorf gehört, das so einen Namen hatte und weil der so komisch war, ist er mir im Gedächtnis geblieben.

Die sonst gesunden, nur an Krätze leidenden Männer wurden zum nächtlichen Dienst dem Verwundeten zugeteilt, diese gaben ihm zu trinken und gaben ihm die Medikamente ein (Ultraseptyl, Beruhigungsmittel) und legten ihn trocken mit Papierwatte.

Der Mann war am Anfang noch unruhig, in der Nacht aber langsam verfiel er in einen komatösen Zustand, der tagelang dauerte.

Eine äußerst heiße, schwüle Nacht war es und gegen Mitternacht fuhren wir los, in Richtung Szeged, also heimwärts. Der Zug schleppte sich langsam voran, oft hielt er und wurde auf Nebengleise gestellt. Unser Verwundeter gab uns auch genug zu schaffen, er bewegte sich ständig hin und her und früh am Morgen hatte er schon vierzig Grad hohes Fieber.

Der Zug hielt in Nagykõrös, es war schon ziemlich hell. Wir waren alle wach.

In der Türspalte, deren schmale Öffnung auch in der Nacht freibleiben konnte, erschien plötzlich ein Mongolenkopf: der Meisterschütze war es.

- Doktor! Doktor! - flüsterte er.

- Was will der da? - rief ich dem Dolmetscher zu.

Die beiden unterhielten sich eine Zeitlang flüsternd miteinander.

- Er möchte mit Ihnen reden, Herr Doktor - übersetzte unser Dolmetscher.

- Der Teufel hole den Tataren! Ich will mit ihm nicht verhandeln. Auch ein Gefangener hat das Recht, wenn er nicht geprügelt wird, sich seine Gesprächspartner selbst auszuwählen.

Ich weiß nicht, was der Mann aus Tótkomlós von dem was ich sagte übersetzt hatte, aber er wandte sich wieder an mich.

- Herr Doktor, der Junge ist jetzt nicht im Dienst und wenn man merkt, dass er mit uns spricht, wird er bestraft. Er möchte sich bei Ihnen über den Zustand des Verwundeten erkundigen.

- Ich habe schon gesagt, ich will mit ihm nichts zu tun haben, übrigens kann er auch selbst sehen, dass dieser bewusstlos ist und außerdem, wenn alles "gut" geht, wird er auch sterben! Ich gratuliere ihm, er hat gute Augen zum Zielen.

- Herr Doktor, das werde ich ihm so keinesfalls übersetzen, auch vorher habe ich ihm gesagt, dass sich der Herr Doktor nicht wohl fühlt und darum von seiner Liegestätte nicht aufsteht. Er hat auch gefragt, ob er irgendwie helfen könnte.

Da richtete ich mich doch auf, der kleine Mongole sah mich an, er blinzelte nur - ich weiß nicht, wie mir das in den Sinn kam, aber er erinnerte mich an Imre bácsi, der Flurhüter war und das Feld um das Gehöft meiner Großeltern bewachte. Er war so kleinwüchsig und blinzelte immer so mit seinen Augen und er kannte viele, schöne Märchen.

- Hat er gesagt, dass er uns helfen möchte?

- Ja, das hat er gesagt - nickte bejahend der Dolmetscher.

- Dann soll er dem Kranken Milch bringen.

- Ich sage es ihm, aber um halb vier morgens wird das schwierig sein.

- Egal, sagen Sie es ihm nur, wenn er ein so guter Schütze war, dann soll er den Tischfuß melken. (Das war ein im Tanjagebiet verbreiteter Spruch: den Wichtigmachern pflegte man es zu sagen.)

Der kleine Soldat verschwand und bald wurde unsere Tür ganz geöffnet. Eine Sanitäterin kam mit einem der Wachtposten, eine mächtige, starke Frau und wollte über den Zustand des Verwundeten Bescheid wissen.

Sie sah ihn an und ging weg.

Noch eine Stunde lang hielt der Zug, aber die Stöße der an unseren Zug angeschlossenen Lokomotive ließen uns darauf schließen, dass wir bald losfahren werden. Der Zug bewegte sich schon hin und her, als sich eine Hand an der Türöffnung hereinstreckte, die eine offene Konservendose hielt, diese schnell hinstellte und auch gleich wieder verschwand.

In der Dose war Milch...

- Die Milch sollen Sie dem Kranken schön langsam zum Trinken geben - sagte ich dem diensttuenden Krätzigen der neben mir saß. - Das Ultraseptyl und das fieberstillende Medikament sollen Sie zermürbt der Milch beimischen und es ihm so eingeben.

Zum Glück war der Verwundete nicht in vollkommen komatösen Zustand, wir konnten ihn dermaßen zum Bewusstsein schütteln, dass ihm die Flüssigkeit eingegeben werden konnte, und es war ein noch größeres Glück, dass er sich dabei auch nicht verschluckte.

Inzwischen fuhr unser Zug los, im Schneckentempo ging er durch das so vertraute Gebiet. Die Tanjas um Félegyháza kamen in Sicht. Wir waren in unserer Heimat. Die Tiefebene, das war schon die mir vertraute Welt. Der Weizen war schon an vielen Feldern abgemäht und in der Reihe standen schon die, eine reiche Ernte bezeugenden Weizenpuppen da. Der Mais streckte sich grellgrün dem Himmel zu, ein Beweis dafür, dass es ein entsprechendes Wetter gab. Vom Krieg konnte man hier keine Spuren sehen.

Wir näherten uns dem Städtchen Félegyháza, fuhren unter der steinernen Wegbrücke bis zum Bahnhof, an dem wir ganz langsam vorbeigefahren sind. Die meisten Menschen blieben stehen und schauten stumm unserem vorbeirollenden Zug nach. Eine alte Frau im Kopftuch wischte sich die Tränen aus den Augen.

Ich erinnere mich noch immer daran, dass sich eine junge Frau aus dem Fenster im ersten Stock der Dienstwohnung im großen Lagergebäude herausbeugte, und ein ausgerolltes Tuch mit der Aufschrift hielt: "Es dauert nicht mehr lange." Sie weiß auch gar nicht, welch eine Guttat das für zweitausend hoffnungslose Menschen war, denn keiner wusste, wohin man uns bringt, warum und für wie lange Zeit.

- Was für einen Tag haben wir heute? - fragte der Feldwebel.

- Ich meine, es ist Sonntag - sagte Kálmán nachdenklich - und noch dazu der fünfzehnte August, der Himmelfahrtstag.

- Dann haben wir in fünf Tagen den Heiligen Stefanstag (Stefan der Heilige wird an diesem Tag als Gründer des ungarischen Staates gefeiert) - setzte ich das Gespräch fort -, wer weiß, wo wir dann sein werden?

Langsam fuhren wir weiter, die Sonne fing schon an zu brennen. Ein junger Deutscher stellte sich neben mich ans Fenster und sah sich die Landschaft an. Noch nie war er in Ungarn.

- Ein wunderschönes Land - staunte er -, und reich.

Meine, mich in jene Zeit rückversetzenden Gedanken überwältigen mich allzu sehr so dass ich das alles, was ich damals fühlte, gar nicht wiedergeben kann und ich bin gar nicht imstande das niederzuschreiben. Jetzt verstumme ich also und nur still betrachtet meine Seele unser prächtiges Land.

Wir fuhren am Städtchen Kistelek vorbei und streckten den Hals so gut wir konnten - wer wird nun zuerst die zum Himmel aufragenden Türme unseres Domes erblicken?!

- Szatymaz ist nicht mehr weit - sagte Kálmán. - Schaut! Ich sehe schon die Türme!

Wir alle sahen sie schon.

Wir fuhren langsam an den Gartenanlagen von Szatymaz vorbei. Die Äste der Pfirsichbäume waren mit faustgroßen Früchten vollbeladen. An den spätreifende Früchte tragenden Bäumen waren die größeren Äste abgestützt, um unter der Last des reifenden Obstes nicht zusammenzubrechen. An mehreren Stellen sorgten rötende Äpfel für einen prachtvoll bunten Anblick. Auch die noch unreifen großen Weintrauben versprachen eine reiche Obsternte für den Herbst.

- Das ist ein wahrhaftiges Kanaan, wie das Paradies in der Bibel - wunderte sich der Deutsche am Gitterfenster, nachdem er sich an die andere Seite stellte um noch besser zu sehen.

- Wir sind am Weißen See - sagte Kálmán.

- Von hier könnte ich auch schon zu Fuß heimgehen - seufzte ich -, zum Mittagessen wäre ich auch schon zu Hause.

Langsam wurden die weißen Kreuze des Innenstadtfriedhofs sichtbar.

- Es wäre nun Zeit, unsere Familien zu benachrichtigen.

Ich bat den Dolmetscher, die schon beschriebenen Kartonblätter, im Augenblick wenn ich "jetzt" sage, durch Abortloch hinauszuwerfen.

Ich wartete, bis wir zu Kreuzung des Szabadkaer Weges gelangten. Gut habe ich es mir ausgerechnet, denn hinter der Wegsperre warteten etwa acht-zehn Menschen, mehrere mit Fahrrädern.

- Jetzt! - rief ich ihm zu. - Bitte, bringen Sie die Briefe zu meinen Eltern - rief ich auch noch durchs Fenster den Wartenden zu. - Mein Vater wohnt in der Petõfi Allee und meine Mutter in Újszeged.

- Ich habe die Blätter hinausgeworfen, Herr Doktor, nur dass sie jetzt ihr Ziel erreichen.

Langsam kamen wir am Rangierbahnhof, in der Unterstadt an.

Um uns herum stand eine Menge von Lastzügen, so dass wir eigentlich nur den Himmel sehen konnten.

István hatte nach wie vor hoher Fieber und war auch weiterhin halb bewusstlos.

Kaum blieb der Zug stehen, schaute der kleine Mongole zur Tür herein. Jetzt hing ein Gewehr an seiner Schulter, er war also im Dienst.

- Doktor! - rief er mir zu.

- Was will der wieder von mir?

- Er fragt, wie es dem Verwundeten geht - übersetzte der Dolmetscher.

- Ich kann das nicht verstehen. Zuerst schießt er ihn nieder, wie im Krieg, und danach tut er so, als ob er sich um sein Leben Sorgen machen würde. Wenn er es so gerne wissen möchte, dann sagen Sie ihm, dass er auch weiterhin in einem kritischen Zustand ist. Ja, und wir bedanken uns für die Milch... Aber warten Sie noch, man müsste ihm auch sagen, dass meine Eltern hierher kommen werden, dass er sie nicht wegjagt.

Der Dolmetscher sprach auf ihn zu, der kleine Mongole stülpte aber seine Kappe hoch auf seiner Stirn, runzelte die Haut über den Augen und sage etwas, lebhaft gestikulierend.

- Sie haben einen strengen Befehl, Herr Doktor, dass sich niemand dem Zug nähern darf, aber wenn Ihre Mutter kommt, dann sagen Sie es ihm und er wird auf sie aufpassen. Er ist bis zwei Uhr nachmittags im Dienst. Für die Milch habe ich mich bedankt, es tut ihm leid, aber er kann nicht weg von hier, sonst würde er wieder welche bringen.

Wir warteten. Alle drückten mir den Daumen. Keiner von denen, die im Wagon waren, hatten Angehörige in Szeged.


Der Brief meiner Mutter an meine Großeltern.

Szeged, den 22. August, 1945

Liebe Eltern!

Mit verweinten Augen und tief erschüttert schreibe ich diese Zeilen. Wir waren am Sonntag gerade beim Mittagessen, wie immer, und da sage ich: Ich weiß nicht, wo mein armer Bandi jetzt ist, wie gut wäre es, wenn ich ihm von diesen Hünchenkeulen ein Stück geben könnte. Er hungert irgendwo, während es uns hier zu Hause so gut geht.

In dem Augenblick klopfte man an der Tür, ein Junge kam mit einem Kartonblatt, gleich erkannte ich Bandis Schrift: "Verständigt meine Mutter, dass sich ihr Sohn am Bahnhof befindet und sie soll gleich hierher kommen!" Bedenkt nur, wie es mir war. Ich schrie herum wie eine Verrückte, rannte hin und her und konnte nichts auffinden. In aller Eile packte ich einiges ein, und lief, äußerst glücklich, zum Bahnhof.

Der Zug in dem er sich befand, stand am Rangierbahnhof. Man könne sich diesem Zug nicht nähern, sagten die Polizisten, denn man hat es so ausgemacht, dass dieser Zug inmitten von sechs vollbeladenen Lastzügen abgestellt wurde.

Schon eine Stunde verging, ich bin vor Leid und Trauer fast zusammengebrochen. Ich war entschlossen an den Zug heranzukommen, und sollte man mich erschießen, das kann doch nicht sein, dass ich meinen Sohn, auf den ich schon seit zehn Monaten warte, nicht zur Sicht bekomme, wenn er schon einmal da ist.

Ich verließ schön langsam die mich Umgebenden und ging den Damm hinunter, so näherte ich mich allmählich dem Zug, und achtsam, unter den Zügen herum kriechend, näherte ich mich an. Mit klopfendem Herzen und den Atem anhaltend, lauschte ich. Schon hatten mich auch die Gefangenen bemerkt und mich, mir winkend, auf den Wachtposten aufmerksam gemacht. Ich suche András Németh, Arzt, rief ich und schon kam die Antwort: dritter Wagon rechts. Der Wachtposten gab Schüsse ab, aber ich zählte unter den Wagons kriechend bis zum Dritten ab.

Der ist es! Ich stellte mich zwischen die Stossdämpfer und lauschte. Da höre ich Bandis Stimme, wie er sagt: Die Tür muss weiter geöffnet werden, er hat sehr hohes Fieber. An der Tür wurde dann gezogen und ich erblickte ihn. Ich stellte mich beiseite, stand da wie eine steinerne Statue, nur die Tränen rannten an meinem Gesicht herab...


- Herr Doktor - sagte der diensttuende "Pfleger" -, schauen Sie, hier ist der Thermometer.

- Geben Sie ihm Aspirin und man soll Umschläge auf seine Brust legen. Die Tür muss weiter geöffnet werden, denn er hat sehr hohes Fieber.

Ich schaute wieder zur Tür hinaus und erblickte meine Mutter, wie sie eben unter dem nebenan stehenden Wagon kriechend, hervorkam. Der Wachtposten hat sie bemerkt und zog sich hinter den Wagen zurück.

- Wo ist denn der kleine Mongole, der da ist ein Anderer - sagte ich zum Dolmetscher.

Meine Mutter kam an den anderen Soldaten heran, der mit einem Eisenstück auf den Prallteller schlug und laut aufschrie. Meine arme Mutter erschrak so sehr und in ihrem Schreck drückte sie dem Wachtposten eine Flasche Schnaps in die Hand.

Der Dolmetscher rief ihm auch schon zu:

- Tu ihr nichts an! Sie ist die Mutter von einem unserer Doktoren!

Der Lärm ließ auch unseren mongolischen Wachtposten herbeikommen, er ging zu seinem Kameraden, besprach sich mit ihm und begleitete dann meine Mutter zu unserem Wagon.

Meine Mutter weinte. Ein kleines Bündelchen hielt sie in der Hand.

- Mutter, weine doch nicht, ich bin ja auch selbst dem Weinen nah.

Der Mongole nahm ihr das Bündelchen aus der Hand, untersuchte es und übergab es mir. Ich entschnürte es: einige Stücke von ausgebackenem Händelfleisch und etwa zwei Kilo süßer, frühreifender Birnen waren drinnen.

Wir verteilten den Inhalt des Bündelchens untereinander, ein paar Bröckchen kamen einem jeden zu.

Eine halbe Stunde lang durften wir miteinander reden.

- Ich war in Esztergom, bei der Familie von Éva Faludi - sagte sie. - Sie hat mir alles von dir erzählt, alles, was dort geschehen war.

- Wie bist du dorthin gelangt?

- Sie hat mir noch im April einen Brief geschrieben und ich bin gleich, oben am Dach vom Zug reisend, denn nur dort konnte ich Platz finden, hingefahren.

- Wie geht es ihr?

- Ihr und ihrer Mutter geht es gut, aber ihr Vater ist oft krank.

- Erzähl' etwas von ihr. Wie findest du sie?

- Sie ist sehr schön und sie hat es mir zwar nicht gesagt, aber gewiss liebt sie dich sehr, sie hat nämlich so über dich gesprochen.

Wir schwiegen einen Augenblick...

Ich versuchte alles in Kürze zu erzählen, aber als sie schon weggegangen war, fiel mir noch so manches ein, worüber ich mit ihr hätte sprechen wollen.

Das Päckchen war ja allzu klein und meine Mutter weinte nachher noch, weil sie so überstürzt einpackte, obwohl der schöne Schinken und der Speck von dem im Winter geschlachteten Schwein in der Kammer aufgehängt waren und sie etwas von denen hätte mitbringen sollen.


Fortsetzung des Briefes:

In einer Entfernung von ungefähr zwei Meter konnten wir eine halbe Stunde lang miteinander reden. Mein Gott, war das schön!

Dann mussten wir uns aber, wer weiß für wie lange, trennen, ohne einander die Hand gereicht zu haben.

Mit schwerem Herzen, meinen Tränen freien Lauf lassend, eilte ich heim, um ihm noch das Notwendigste zu bringen. Als ich am Abend zurückkehrte, war der Zug schon weg und ich stand da, tief betrübt, aber ich sage dem lieben Gott Dank, dass er mir wenigstens soviel zukommen ließ.

Er sah sehr gut aus, sauber, mit einem kleinen Schnurbart, das Haar kurz geschoren und das neu wachsende Haar kräuselte sich in dichten Löckchen auf seinem Haupt.

Ich habe euch also erzählt, was ich konnte.

Euch allen gute Gesundheit und alles, alles Gute wünschend die euch liebende Tochter

Thereschen


- Ob denn wohl dein Vater die Nachricht bekommen hat? - fragte Kálmán.

- Ich will hoffen, dass es ihm gelingt, herzukommen.

Kaum sprach ich das aus, da sah ich auch schon zwei Eisenbahner, die sich uns von der Lokomotive her näherten. Der eine hatte irgendeine Schreibmappe bei sich und schrieb etwas darauf. Es war mein Vater.

Aber in welch einer Kleidung! Ich musste darüber lachen. Die Eisenbahner-Uniform hat er sich wahrscheinlich von einem halb so großen Mann geliehen: Die Kappe bedeckte ihm nur die Kopfspitze, die Jacke konnte er nicht zuknöpfen und die Ärmel reichten ihm kaum über den Ellenbogen.

Mein Vater erinnerte mich an die einstigen schwedischen Komiker, Zoro und Huru. Er kannte ja einen jeden in der Unterstadt und die meisten Eisenbahner wohnten auch dort, offenbar konnte er sich mit derer Hilfe so verkleiden.

Als die beiden Eisenbahner an unseren Wagon herankamen, rief ich ihm zu:

- Vater, hier bin ich!

Ich merkte, wie seine Lippen zitterten und er sich die Augen wischte.

- Es ist sehr warm, ich schwitze. Wie geht es dir?

- Danke, meine Gesundheit ist in Ordnung. Sonst aber, wie du siehst. Hast du Zigaretten bei dir? Inzwischen habe ich mir das Rauchen angewöhnt.

Er griff in seine Tasche und nahm eine fast leere Schachtel heraus.

- Ich habe nicht gewusst, dass du rauchst, nur soviel hab' ich, da sind nur drei drinnen.

Er übergab mir die Zigaretten und ein kleines, in Fettpapier gewickeltes Päckchen, die Reste des traditionellen Sonntagsessens, ausgebackenes Fleisch befand sich darin, das von uns auch gleich verschlungen wurde. Eine Zigarette übergab ich den Patienten, die bloß an einer ansteckenden Krankheit litten, eine zündete ich mir an und gab sie dann weiter.

In großen Zügen schilderte ich ihm die Geschehnisse des bisher verstrichenen Jahres und erkundigte mich nach den Verwandten und Bekannten.

Da sagte er auf einmal:

- Bitte, gib mir eine Zigarette!

Etwas erstaunt übergab ich ihm die Einzige, die übriggeblieben war und die er gleich, aufgeregt, zu rauchen anfing.

Später hat er mir erzählt, wie er deswegen mehrere Tage hindurch nicht schlafen konnte: von seinem Sohn hatte er die letzte Zigarette zurückverlangt.

Nie war ich ihm darum böse.

Während er rauchte, sagte er mir, er wäre bei der Bürgerwache und er würde versuchen, mich freizukriegen, aber daran hatte er ja wohl auch selbst nicht geglaubt, er wollte mich nur irgendwie trösten.

Inzwischen kehrte der andere Eisenbahner, der eigentlich die Arbeit verrichtete, zurück.

- Kommen Sie, Vetter Bandi - sagte er -, man beobachtet uns schon.

Der kleine Mongole kam auch zur Sicht und sagte dem Dolmetscher, wir müssten mit der Unterhaltung Schluss machen, denn sonst würde er sich der Gefahr aussetzen, zur Verantwortung gezogen zu werden.

- Servus, lieber Sohn und kehr' bald heim!

Verlegen nahm er sein Taschentuch hervor und tat so, als ob er verschnupft wäre. Langsam verschwand er hinter den Zügen.

- Na, das war aber schön von deinem Vater - sagte Kálmán -, und auch noch die Zigarette hat er zurückverlangt.

- Was hätte er auch schon sagen können? Aber die Zigarette hat er nur darum zurückgenommen, weil er in einer so großen Verlegenheit war.

- Na ja, sosehr redselig war er eben nicht, nur die Nase hat er sich ständig gewischt. Es ist aber wahr, dass auch du nicht besonders gut gelaunt bist.

- Na und du? Bist du in einer guten Laune?

- Lassen wir es sein, wenn ich daran denke, dass sich meine Wohnung einige hundert Meter weit von hier befindet. Ah...

Unser Gespräch wurde durch das laute Ächzen unseres Verwundeten unterbrochen.

- Wie hoch ist jetzt sein Fieber? - fragte ich seinen gelegentlichen Pfleger.

- Scheinbar senkt es sich - antwortete dieser.

- Ich verbinde ihm die Wunde, bitte, helfen Sie mir.

Wie ich so die Wunde verband, sah ich, dass sich kein Eiter mehr entleerte.

Die Sonne war am Untergehen...

- Gewiss werden wir wieder nachts weiterfahren - sagte der Feldwebel.

- Wartet nur - fiel es mir ein -, hier musste eine neue Brücke errichtet werden, denn die alte Eisenbahnbrücke wurde noch früher bei einem amerikanischen Bombenangriff zerstört.

- Wir werden schon sehen - brummte Kálmán -, fliegen können wir sowieso nicht.

Ich überlegte mir, was wäre, wenn ich jetzt, auf der Brücke, aus dem Zug springen würde, hinein in die Theiß! Ich wusste aber nicht, wie hoch diese Brücke war. Sollte mir aber der Sprung gelingen, dann kann mich hier niemand auffinden, denn ich kenne hier jeden Busch, jeden Baum.

Ich spürte einen so heftigen Drang zur Flucht, dass mein Schweigen auch meinen Gesellen auffiel. Da sagte der Dolmetscher:

- Herr Doktor, Sie sitzen so still da. Um Gottes Willen, zerbrechen Sie sich nicht den Kopf darüber, wie Sie entfliehen könnten, das würde Ihnen nicht gelingen, und sollte es aber doch gehen, was wird dann mit uns werden?

- Regen Sie sich nicht auf, ich denke an etwas ganz anderes.

- Ich wundere mich nicht darüber, aber Sie wissen wenigstens, dass es Ihrer Familie gut geht. Für mich ist es auch eine Qual, hier zu sein, aber ich habe noch dazu keine Ahnung, was daheim los ist. Vor anderthalb Jahren bin ich von zu Hause weggekommen.

- Ich weiß nicht, wieso ihr Lust habt, euch bei dieser Hundshitze zu unterhalten - seufzte Kálmán, während er sich die Stirn abwischte -, legt euch doch hin. Je weniger ihr euch bewegt, desto kleiner ist euer Energieverbrauch.

So schwiegen wir.

- Da zischt jemand - erhob der Feldwebel seinen Kopf nach einer Weile -, wer, zum Teufel, kann das sein?

- Ich guck' mal hinaus, wartet mal - sagte ich.

Ich schaute zur Türspalte hinaus, mit Vorsicht, denn auch das war uns verboten.

- Wisst ihr, wer das ist? - sagte ich, mit noch mehr gedämpfter Stimme. - Der leidbringende Tatare, dieser Meisterschütze kauert hier vor der Tür, unbewaffnet, beide Hände hat er voll mit Weintrauben.

- Doktor - sagte er, und gab mir ein Zeichen mit dem Kopf, ich solle weggehen von der Tür.

In demselben Augenblick als ich von der Tür wegtrat sprang er her, schaute sich um und warf das Obst schnell in den Wagon hinein, dann lief er, tief hinuntergebückt, davon, um von niemandem bemerkt zu werden.

- Könnt ihr das verstehen? - wunderte ich mich.

- Er hat bestimmt Gewissensbisse - brummte einer der Kranken.

- Egal, die Weintrauben sind da, von einem Teil pressen wir einen Saft für unseren Verwundeten aus, mit dem soll er jetzt getränkt werden, das Übrige teilen wir untereinander aus, einem jeden werden einige Beeren zukommen.

Es wurde Abend, aber die sommerliche Hitze ließ nicht nach. Wir waren alle in einem gereizten Zustand.

- Herr Doktor! Mir hat man von den Beeren nur die kleinen gegeben.

- Die sind doch die süßesten, du blöder Kerl! - kam es wieder zum Streit unter den Kranken.

- Aber liebe Leute! Nicht dass wir uns auch noch zerstreiten - bemühte sich Kálmán, Ruhe zu schaffen. - An all dem ist ja die Hitze schuld.

Plötzlich gab es einen Ruck. Der Stoss der angehängten Lokomotive ging durch die Prallteller weitergeleitet, am Zug entlang. Die Streitenden Verstummten.

- Bald fahren wir ab - sagte einer von den Kranken.

Es war schon ganz dunkel. Wirklich fuhren wir los und nach zehn Minuten fuhren wir auch schon an den Lichtern des großen Bahnhofs vorbei. Mühselig und langsam schleppten wir uns über die als Ersatz errichtete Holzbrücke, wahrscheinlich wegen deren geringer Tragkraft. Meine Augen suchten die Straßenbrücke, aber nur einige schwach leuchtende Lichter sah ich vor den Bauten der Universitätskliniken am Flussufer.

Ich legte mich hin und wartete von dem schon seit zehn Tagen andauernden Gerüttel eingeschläfert zu werden.

Ein Gespräch weckte mich in der Morgendämmerung. Ich richtete mich auf und traute meinen Augen nicht: der diensttuende Pfleger unterhielt sich mit unserem István, mit dem der den Kopfschuss erlitten hatte.

Ich schüttelte Kálmán, der erschrocken seine Augen öffnete.

- Du, Alter! Der István ist zu sich gekommen, hör mal zu, er redet.

Das kann ja nicht wahr sein! Aber, Gott sein Dank! Welch ein Glück der hat.

Wir sprangen von unseren Pritschen herunter und begaben uns zu unserem Schwerkranken.

- Guten Morgen, Herren Doktors - sagte dieser leise.

- Guten Morgen, István! Wie geht es Ihnen? - stellte ich ihm die ärztliche Routinefrage, aber mit aufrichtigem Interesse und Mitgefühl.

- Danke schön, jetzt spüre ich schon meinen Kopf.

- Wissen Sie, wo wir uns befinden?

- Leider weiß ich schon alles. Der Kamerad da hat es mir schon klargemacht - wies er auf seinen Pfleger.

- Wie haben Sie bemerkt, dass er zu Bewusstsein gekommen ist? - fragte ich den ihn betreuenden Mann, den ich ein bischen beiseite gezogen hatte.

- Herr Doktor, als ich ihm früh am Morgen einige Schlucke von dem Traubensaft zum Trinken gab, wischte er sich den Mund ab, bedankte sich und fragte nachher: "Wo sind wir?" Dann habe ich ihn gefragt, ob er versteht, was ich ihm sage. Er nickte und tastete seinen Kopf ab. "Warum ist ein Verband auf meinem Kopf?" fragte er. Da erzählte ich ihm der Reihe nach all das, was ich von dem Vorfall wusste, worauf er eine Zeitlang weinte und dann fragte, ob er auch genesen wird. Natürlich werde er wieder gesund werden, antwortete ich ihm, hier wären ja allwissende Ärzte, die sich um ihn kümmern und so hat er sich auch beruhigt.

Ich wandte mich an den Kranken:

- Sagen Sie, István, woran erinnern Sie sich?

- Daran.... dass ich aus meinem Dorf nach Budapest kam, mit einigem Obst und Kartoffeln, um es zu verkaufen, denn ich wollte von dem Geld Nägel für meinen Zaun kaufen. Das ist mir auch gelungen. Und dann, dort am Bahnhof, ich weiß auch gar nicht welcher von denen, es fällt mir nicht ein...

- Schon gut, strengen Sie sich nicht an, wenn Sie müde sind, später werden Sie es schon erzählen - hielt ihn Kálmán zurück. Aber István sprach weiter.

- Ich bin nicht müde. Ja, dort in Ferencváros (Franzstadt), ja... ja... Dort an dem Bahnhof ging ich in die Toilette, da kamen auf einmal zwei russische Soldaten, der eine war so ein kleiner, schlitzäugiger, der fasste mich am Arm und begann mich hinauszutreiben! Sie schleppten mich an eine Wagon, öffneten die Tür und ich merkte gleich, dass das ein Gefangenenzug war. Na, da bringt ihr mich nicht rein, sagte ich zu mir, und stemmte mich gegen die Tür. Die schrieen, ich auch, und dann gelang es mir, mich loszureißen und dann rannte ich. Ich war schon ziemlich außer Atem als ich einen kleinen Schlag am Hinterhaupt spürte. Nur das und nichts mehr... Daran erinnere ich mich... Und daran, dass mir jemand Most zum trinken gibt. Von da an ist mir alles klar... Leider...

Man sah es ihm an, dass er von all den Erinnerungen etwas müde geworden war.

- Also, sprechen Sie nicht so viel, Sie brauchen noch viel Ruhe. Gewiss bringt man Sie nachher in ein Krankenhaus - redete ich ihm zu.

- Aber Herr Doktor, meine Familie weiß nichts von mir und die Nägel sind dort in der Toilette geblieben.

- Schon gut, nehmen sie ihr Medikament ein und versuchen Sie, ein wenig zu schlafen. Und die Nägel werden auch nicht verloren gehen, jemand wir sie schon irgendwann, irgendwohin einschlagen.

Ich und Kálmán zogen uns auf unsere Liegestätten zurück.

- Fantastisch, was nicht alles ein Mensch aushalten kann - flüsterte mein Freund. - Ich hätte nicht gedacht, dass er überleben wird.

- Das hätte auch ich nicht gedacht. Ich glaube, dass ihm jetzt die Gefahr einer Infektion nicht mehr droht. Welch ein Glück, dass wir in unserem Vorrat noch ein wenig Ultraseptyl vorgefunden haben, aber außerdem haben nur der liebe Gott und die Natur zu Genesung beigetragen.

Wir schlummerten, besser gesagt, wir waren von der noch immer anhaltenden Hitze ganz ermattet.

- Wir sind schon in Rumänien! - hörten wir die laute Stimme eines Pflegers.

- Woher wissen Sie das? - fragte der Feldwebel.

- Ich habe rumänische Aufschriften gesehen, daher weiß ich es.

Auch wir standen auf und schauten aufmerksam hinaus. So gegen acht Uhr kamen wir in Arad an, wo das Frühstück ausgeteilt wurde.

Der kleine Tatare war auch im Dienst und guckte zur Tür herein. Er rief uns zu und der Dolmetscher übersetzte:

- Herr Doktor, wie geht es dem Mann? - wies er auf den Verwundeten.

- Es geht ihm besser - antwortete ich.

- Wird er nicht sterben?

Ich merkte, dass der Kranke wach geworden ist. Ich wandte mich an den Verwundeten.

- Erkennen Sie ihn, István?

- Unter Tausenden würde ich ihn erkennen an seinen orientalischen Zügen. Er hat meinen Schädel durchlocht?

- Er war es...

- Dass ihn der Gott bestrafe! Warum musste er das tun?

Der Mongole sprach aber weiter von seinen gesundheitlichen Beschwerden.

- Er sagt, der Magen täte ihm weh - übersetzte der Dolmetscher weiter.

- Der soll auch ein Loch kriegen, wie mein Kopf - zürnte István noch immer.

- Seit wann hat er Schmerzen? - fragte ich.

- Seitdem er auf dem Zug ist. Er kann das Fahren nicht vertragen.

- Fragen sie ihn, ob er vor oder nach dem Essen Schmerzen hat.

- Er sagt: im allgemeinen hat er Schmerzen vor dem Essen, aber seitdem er von der Feldscherfrau ein Medikament bekommen hat, tut ihm der Magen fast immer weh.

- Er soll mir das Medikament zeigen.

Der Mann ging weg und kam bald zurück. Er übergab mir die Schachtel.

- Na, da wundere ich mich auch nicht, dass er davon Magenschmerzen bekommen hat. Schau mal her, Kálmán: Hexamin, ein wasserdesinfizierendes Mittel.

- Da kann ich ihm auch glauben, dass er davon zu viel Magensäure hat. Gib ihm Atropin.

- Wir haben noch eine kleine Schachtel voll, davon werde ich ihm geben und das da behalten wir uns, wer weiß, wofür wir es noch brauchen werden können.

Ich erklärte dem Mann, wie er das Medikament einnehmen soll und verbot ihm schwere Speisen zu essen, ich wusste zwar nicht, was die uns bewachenden Männer zum Essen bekamen. Er steckte das Medikament in seine Tasche.

- Spasiba (Danke) - sage er und nahm dann aus seiner anderen Tasche zwei Handvoll Würfelzucker hervor, den er, nachdem er Umschau gehalten hatte, schnell auf den Wagonboden legte und mit flüchtigen Schritten davonging.

- Meine Herren! Das Dessert ist serviert - wies ich auf den Würfelzuckerhaufen. - Wie ich sehe, kommt einem jeden etwas davon zu. Diesmal unterbleibt aber das dazugehörige silberne Tablett.

- So was gehört wahrscheinlich nicht zur Gerätschaft unserer Wachtmannschaft - bemerkte der Feldwebel grinsend -, aber wenn etwa jemandem die Würfel zu schmutzig sind, der gebe sie mir, ich beiße den verschmutzten Teil davon ab.

Auch unser István verkaute lächelnd das wertvolle Geschenk. Unsere Laune besserte sich ein wenig, irgendeiner von den Kranken erzählte einen uralten Witz, worauf wir dankbar applaudierten und ihn baten, keine mehr zu erzählen, lieber solle er sich mit seinen Läusen beschäftigen.

Am Mittag kamen wir in Temesvár an. Es mussten mehr als dreißig Grad gewesen sein, unser Wagon war einem Backofen ähnlich, woran besonders die Kranken sehr litten.

Ganz unerwartet kam ein militärischer Rettungswagen angefahren und blieb dicht an unserem Zug stehen. Drei russische Offiziere von hohem Rang stiegen aus, unser Wachenkommandant ging ihnen entgegen, salutierte, etwas sprachen sie miteinander und dann näherten sie sich gerade unserem Wagon.

Sie kamen herauf und ohne uns zu begrüßen forderte mich der eine, der dicke goldene Verschnürungen an seiner Uniform hatte, ihn über den Zustand des Kranken zu informieren, denn dieser sollte in ein für hirnchirurgische Eingriffe spezialisiertes Krankenhaus abtransportiert werden.

Auf das Gespräch wurde auch István aufmerksam.

- Herr Doktor, um Gottes Willen, lassen Sie mich von hier nicht wegbringen!

- Das geht nicht, István, ein Krankenhaus ist doch etwas ganz anderes.

- Aber Sie haben doch gesagt, dass meine Wunde heilen wird, warum soll ich in ein Krankenhaus gebracht werden, dort wird man mich am Ende noch töten.

- Woher wird man Sie töten, die russischen Ärzte verstehen sich auch auf ihre Sache und dort arbeiten wahrscheinlich Spezialisten.

- Auch dann lassen Sie mich nicht wegholen - sagte er und weinte schon -, wenn ich schon sterben muss, da soll es wenigstens im Kreise meiner ungarischen Landsleute geschehen.

- Beruhigen Sie sich doch, wir können es ja sowieso nicht verhindern, dass man Sie wegbringt und Sie müssen das ja einsehen, und auch das Essen wird dort besser sein.

- Und wenn ich dort sterbe, wird es meine Familie nie erfahren, wohin ich verschwunden bin. Und wo wird man mich dann begraben?

- István, geben Sie mir Ihr Soldbuch, ich habe gesehen, dass Sie es bei sich haben, ich werde mir Ihre Daten aufschreiben und wenn wir heimgekehrt sind, werde ich Ihre Familie benachrichtigen.

- Also, dann, wenn Sie, Herr Doktor es auch so für besser finden, dann werde ich Ihnen gehorchen. Hier ist mein Büchlein.

- Glauben Sie mir, es wird so besser sein.

Ich schrieb seinen Namen und die Adresse auf und überlegte dabei, ob das nicht eine Illusion war, und ob es nicht besser wäre, wenn ich meine Daten an István übergeben würde, könnte es nicht sein, dass er eher nach Hause gelangt?

Die Tragbahre wurde hergebracht, István legte sich mit einiger Mühe darauf. Seine Augen waren noch immer voll mit Tränen.

- Man fragt - sagte der Dolmetscher -, wo seine Sachen sind.

- Sagen Sie ihnen, dass er nicht mal eine Essschale hat.

- Setzen Sie damit nicht fort, Herr Doktor, das würde ich sowieso nicht übersetzen.

Der Krankentransport setzte sich in Gang, István wischte sich die Tränen aus den Augen.

- Gott behüte euch, Kameraden und ich bedanke mich für alles. Gott behüte Sie, Herr Doktor! Gott behüte euch alle! Vielen Dank für alles, was ihr für mich getan habt!

Wir winkten ihm nach. Die Tür des Rettungswagens flog zu, und ich steckte das Papierstück, worauf ich seine Daten aufgeschrieben hatte, in die Innentasche meiner Ziviljacke.

Bald fuhr unser Zug wieder voran, und ziemlich schnell. Der hereinwehende Wind tat uns gut, er erfrischte uns ein wenig, aber die Hitze ließ nicht nach.

- Gott im Himmel, was würde ich nicht für ein Glas frisch gezapften Bieres geben - seufzte der Feldwebel -, ich würde das dunstig perlende Glas umschmeicheln, es an meinen Mund führen und nach jedem Schluck sagen: Heee....

- Ich aber würde das Glas an meinen Mund führen und nicht einmal Atem nehmen, bis es nicht leer wird - schwärmte einer von den Kranken.

- Ah... Sie können gar nicht so trinken wie ein richtiger Herr das zu tun pflegt, wahrscheinlich gehen Sie auch mit den Frauen genau so um, sie verschlingend und sich um nichts kümmernd.

- Es ist schon wahr, dass Sie ein Herr sind und ich bin ein Bauer, aber jetzt würde auch der Herr Feldwebel sein Bier mit einem Schluck austrinken, wenn welches da wäre, aber es ist auch in dieser Hinsicht eine Gleichheit vorhanden, denn keiner von uns hat ein Bier. Was aber die Frauenzimmer betrifft, wenn Sie mal in mein Dorf kämen, dann sollen Sie nicht nach meinem Namen, Sándor Csiszár suchen, weil den Namen Csiszár haben viele und die unterscheidet man mit verschiedenen Spottnamen, Scheißkerl oder Verrückter. Was meinen Sie aber, wie werde ich genannt? Der hartschwänzige Csiszár bin ich, das weiß eine jede junge Frau bei uns daheim... Na also, was sagen Sie dazu, Herr Feldwebel?

- Behalten Sie Ihren Schwanz für sich, jetzt haben Sie sowieso nichts davon, Sie könnten sich, wenn er genug lang ist, höchstens den Arsch damit abwischen.

- Na! Na! Herr Feldwebel!

- Ein schöner Dialog - murmelte Kálmán. - Nicht das Ihr euch bei diesem gemeinsamen Elend noch am Ende miteinander verstreitet - wandte er sich an die Zankenden.

- Aber ein gutes Glas von kaltem Bier käme uns schon gut, auch noch dazu ein helles Bier sollte das sein - fügte ein anderer hinzu und damit war auch der Streit beendigt.

Mit dieser Auseinandersetzung war es auch aus mit unserer geistigen Tätigkeit, wir lagen nur da und warteten auf die erlösende nächtliche Kühle.

- Wir müssen auch durch das Eiserne Tor fahren - unterbrach Kálmán die Stille.

- Das müssen wir uns anschauen. Ich erinnere mich auf eine Abbildung von dem in unserem Geographielehrbuch der zweiten Gymnasiumsklasse.

Der Feldwebel wälzte sich hin und her.

- Ich kann euch nicht verstehen. In dieser Lage, in der wir uns befinden, interessiert mich außer meinem Magen gar nichts.

- Darum bist du auch nur Feldwebel geblieben - bemerkte Kálmán.

- Ich wollte auch nicht Offizier werden. Diejenigen, die vorankamen und Offiziere wurden sind alle am Don-Bogen dahingeblieben und was hat ihnen dann der höhere Rang genützt?

- Schon wieder ist die Stimmung gepfeffert - sagte ich -, könnten wir kein besseres Thema finden?

- Sollen wir vielleicht Weihnachtslieder singen? - so der Feldwebel.

- Jungs, wir fahren an der Donau vorbei, ich meine, dass die Stadt da Orsova ist - zeigte Kálmán zum Fenster hinaus.

Wir fuhren durchs Eiserne Tor.

Ohne zu halten fuhren wir weiter und kamen in Bukarest am Bahnhof an. Meiner Meinung nach war es der äußere Bahnhof. Es war gegen fünf-sechs Uhr: Die Luft blieb unbewegt, wir schnappten nach Atem, schwitzten und tranken mit Eckel vom Hypermanganwasser.

Irgendwo blieb ein Zug stehen, aus der Ferne hörte man das Gedränge und den friedlichen Lärm der von den Reisenden herkam.

Nachdenklich und etwas betäubt schaute ich zur Decke hinauf während ich daran dachte, wie gut es wäre, in einer solchen wimmelnden Menschenmenge dazustehen und mit den Augen nach denen Ausschau zu halten, die auf mich warten: meine Mutter, Eva...

- Herr Doktor! Hier ist Ihr Freund - unterbrach der Dolmetscher meine schwärmenden Gedanken.

- Was für ein Freund?

- Der kleine Mongole. Er steht an der Tür und fragt nach Ihnen.

- Was Teufel will er - sagte ich nervös. - Mir ist es heiß, ich bin ganz matt, ich bin schmutzig, ein Gefangener bin ich.

- Idji suda, Doktor!

- Er ruft Sie, Herr Doktor, er sagt, sie sollen aussteigen.

- Aussteigen soll ich? Warum?

- Das hat er nicht gesagt, warum Sie aussteigen sollen.

Ich ging zu Tür, der Soldat zeigte auf den Erdboden.

- Dolmetscher? - fragte ich.

- Nje nuschna. (Nicht nötig.)

Ich sprang hinunter und meine, einst an Stangenspringen gewöhnten Beine brachen zusammen, der Wachtposten half mir, mich aufzurichten. Ich schwindelte und schwitzte. Er winkte mir wieder, ich solle gehen, aber vor ihm. Mit einer leichten Bewegung senkte er seine Maschinenpistole und richtete deren Rohr auf meinen Rücken. Was kann der nur wollen? Niederschiessen will er mich gewiss nicht, denn dann wird es wieder am Personalbestand fehlen.

Schweigend näherten wir uns dem Hauptbahnhof und blieben an einem Brunnen stehen, aus dem man die Lokomotiven auffüllte (von den Eisenbahnern Wasserkran genannt). Er hängte sein Gewehr wieder auf seine Schulter, fuhr mit der Hand in das innere seines Feldrockes und nahm aus der Wölbung über dem Koppel ein Stück Brot und ein schönes großes Büschel von Weintrauben hervor.

- Kuschaj, Doktor! (Iss, Doktor!)

Gierig stürzte ich mich ans erfrischende Obst, aber dann hielt ich mich zurück und begann die Beeren Einzelweise zu essen, damit es länger anhält.

Ich aß die Hälfte davon und wollte den Rest in die Tasche stecken, damit ich auch den im Wagon Hinterbliebenen zukommen lasse, aber er sagte streng:

- Njelzja - pasmotrjat! Kuschaj! (Verboten - man sieht uns an! Iss!)

- Nje ponjemaju. (Ich verstehe nicht.)

Er legte seine beiden Finger auf die Augen und zeigte auf den Wagon, wo sich die Wache befand.

- Ja so, sie dürfen es nicht sehen?

Was hätte ich tun können? Ein kleines Stück Brot steckte ich in meine Tasche, das übrige aß ich. Der Mann wartete geduldig, bis ich den letzten Schluck heruntergebracht hatte.

- Razdjevajsja!

Ich weiß nicht, warum diese russische Soldaten immer schreien. Ist das eine Eigenschaft der slawischen Sprachen? Ich erinnerte mich, dass die jugoslawischen Studenten an meinem Jahrgang ebenfalls von dem einen Ende des Hörsaals bis zum anderen hinüberbrüllten, anfangs dachte ich, sie stritten miteinander, dabei war aber davon die Rede, dass sie am Nachmittag ins Kino gehen wollten.

Was will er wohl von mir?

- Razdjevajsja! - wiederholte er.

- Nje ponjemaju!

Ich verstehe es nicht und will es auch nicht verstehen. Da zeigt er mir, ich solle mein Hemd ausziehen. Ich zog es aus, wenigstens bekam ich etwas vom Sonnenschein. Nachher redet er mir zu, auch die Hose herunterzuziehen und dann die Stiefel. Ich stand nur in der Unterhose da.

Du meine Güte, das fehlt mir nur, dass der "Schwul" sei, aber ich beruhigte mich, denn wir standen auf einem derartig freien Platz, dass mir so ein Versuch für unmöglich schien.

Er ging zum Öffnungsrad des Wasserhahnes, drehte es um, und da begann das kristallklare Wasser in einem dicken Strom herabzufließen.

- Davaj, Doktor! - sagte er und zeigte auf das Wasser.

Ich konnte meinen Augen nicht trauen. Schon seit zehn Tagen konnte ich mich nicht waschen. Ich stellte mich unter das reichlich herabströmende Wasser, das mich fast umstürzte, mit so einer Kraft kam es herab geflossen. Ich trank davon, es war wunderbar, es hatte einen frischen Geschmack, als käme es aus einer Bachquelle.

Der kleine Mongole wartete geduldig. Er rauchte während ich das Bad genoss. Nach einer Viertelstunde sagte er:

- Igyi szuda, Doktor! (Komm her, Doktor!)

Die mit voller Kraft herabscheinende Sonne trocknete mich bald und ich zog mich schnell an. Ich dachte, wir würden uns gleich auf den Rückweg machen, aber er rauchte nur nachdenklich seinen in Zeitungspapier gewickelten Tabak, seine Machorka, die einen Geruch hatte, als ob ein Gemisch von Rattenhaar und Pferdekot brennen würde.

Mir bot er auch eine von seinen Zigaretten an. Mit Mühe wickelte ich den Tabak ins Papier ein und er gab mir Feuer.

- Scharko, da? (Es ist warm, nicht war?)

Das verstand ich schon und nickte bejahend, während ich einen großen Schluck aus meiner "Zigarette" zog. Zuerst war es mir, als ob meine Luftröhre von einem großen Messer durchgebohrt worden wäre, aber dann dachte ich daran, dass ich ja auch schon aus Laub hergestellte Zigaretten geraucht habe.

- Pasluschaj, Doktor! (Hör mal!) Dve tisitschi ljudjei raven dvum tisitschom ljudjam.

Ich schüttelte den Kopf und deutete darauf, dass ich es nicht verstanden habe.

Er hob dann ein Ästchen von der Erde und vor mir hockend begann er auf dem lockeren Boden zu schreiben: 2000 = 2000.

- Vidjisch? (Siehst du?)

Ich nickte, aber ich konnte nicht verstehen, was er damit sagen wollte. Dann setzte er fort. Nach den Ziffern zeichnete er folgendes: -1 =, und nach dem Gleichheitszeichen folgte ein Gitter.

Während er da so hockte, rutschte ihm das Maschinengewehr von der Schulter, was er aber außer Acht ließ.

Plötzlich kam mir der Gedanke, dass ich mich jetzt aus dem Staub machen könnte: Wie wäre es, wenn ich jetzt das Maschinengewehr plötzlich aufheben und ihn zwingen würde, einige hundert Meter nach rückwärts zu gehen, dann könnte ich zum Bahnhof laufen, und in der hin und her wogenden Menschenmenge verschwinden.

Das geht aber nicht! Ich kann das Gewehr nicht handhaben.

Ein großer Schlag auf den Hals mit beiden Fäusten? Er wäre dadurch betäubt und ich könnte davonlaufen, kein russischer Soldat befindet sich in der Nähe. Sein Hals war dünn, fast wie bei einem Kind. Da merkte ich, dass er nur bis zum Kragenrand von der Sonne braun gebrannt war, darunter war seine Haut schneeweiß, wie bei den Bauern in meiner Verwandtschaft.

Meine Arme und Beine wurden steif, in dem Augenblick hätte ich vielleicht nicht einmal einen Schritt tun können.

Wenn es mir gelingen würde, dann käme er ins Gefängnis und an meiner Stelle würde man jemanden anderen in den Wagon hineinzwingen.

Diese Gedanken rasten blitzschnell durch meinen Kopf, einige Sekunden lang dauerte es, aber jetzt verstand ich endlich, was er mir gesagt und aufgezeichnet hat: zweitausend Menschen sind zweitausend und es darf nicht einmal einer davon fehlen, denn sonst landet man im Gefängnis und wir sind genau unsere zweitausend.

Er erhob seine Augen und schaute mich an:

- Panjemajesch, Doktor? (Verstehst du?)

Ich bejahte.

- Prikaz eta prikaz. (Befehl ist Befehl.)

Dann richtete er sich auf und sprach lange auf mich zu, aber am Ende musste er einsehen, dass ich ihn nicht verstehe. Wir blieben stehen. Dann tat er so, als ob er laufen würde und hob seinen Finger an sein Hinterhaupt, dann machte er eine verneinende Handbewegung, nachher berührte er seinen Fuß und bewegte bejahend seinen Kopf, wobei er mehrmals seine Arme ausbreitete.

Ich verstand ihn. Er wollte István nicht am Kopf schießen, er hatte nur seinen Fuß ins Ziel genommen. Es tut ihm sehr leid, zufällig ist es geschehen. Dann stellte er das Wasser am Brunnen ab und wir gingen schweigend zurück, aber bevor ich den Wagon bestieg, sagte er noch:

- Vajna plachaja, Doktor. (Der Krieg ist schlecht.)


Der Dolmetscher wurde an die Tür gerufen. Er sprach mit einem Mann von der Wache und mit einem unbewaffneten russischen Soldaten.

- Herren Doktors! Einer der Köche ist da, sein Zahn schmerzt ihn sehr. Er fragt, ob Sie ihn ihm herausziehen könnten.

Ich sah Kálmán an.

- Hier haben wir eine "Generalzange", ich habe es nur einmal damit versucht und auch dann ist es mir nicht gelungen. Und du bist ein Kinderarzt.

- Als ich noch in der Klinik arbeitete, habe ich gerade genug Zähne herausgezogen - und dann wandte er sich an den Dolmetscher -, für eine gute Handvoll Würfelzucker werden wir ihm den Zahn schon herausziehen, sagen Sie ihm.

Der Koch fuhr mit der Hand über sein Gesicht, deutete mit dem Kopf, dass er einverstanden wäre. Gleich sprang er auch zu uns herauf.

Er hatte große flache Backenzähne, wie ein zwanzigjähriges Pferd. Ich schwitzte mehr als der Patient selbst, bis ihm Kálmán den schmerzenden Zahn herausgezerrt hatte - während des Eingriffs hielt ich seinen Kopf - aber der Russe war so zufrieden, dass er sich noch einen Zahn herausziehen ließ, natürlich ohne jedwede Schmerzstillung.

Wir teilten uns an dem so verdienten Würfelzucker.

Ein Lastzug blieb nebenan stehen, voll mit Zivilleuten. In einem Wagon gab es einige, mit denen wir uns deutsch unterhalten konnten. Es waren Ukrainer, die von den Deutschen zur Arbeit nach Deutschland weggeschleppt wurden und die man jetzt heimbrachte. Während sich Kálmán mit den Leuten unterhielt, bewunderte ich ein Mädchen im nebenan stehenden Zug. Sie konnte sechzehn bis achtzehn Jahre alt gewesen sein, eine slawische Madonna, ein von weizenblondem Haar gekröntes Haupt, die Augen kornblumenblau, sie war einfach wunderschön. Und auch sie wurde vom Zug weitergefahren.

Vom Koch hatten wir erfahren, dass man uns nach Focsani bringt; das befindet sich nicht weit von Ploiesti, dort gab es damals ein großes Gefangenenlager.

- Es ist auch ganz egal, wohin man uns bringt! - sagte Kálmán. - Nur aus dieser Kiste sollen wir endlich herauskommen.

Bis spät in der Nacht hielt unser Zug in Bukarest. Ein milder Wind sorgte für einen ruhigeren Schlaf, als das Geschüttel wieder losging. Gegen Morgen hörten wir am ratternden Geräusch der Räder, dass sich unser Zug einem großen Bahnhof näherte.

- Heute wird es wieder eine große Hitze geben - seufzte der Dolmetscher.

- Es ist auch schon heiß und bisher hat man uns kein Wasser gebracht, langsam geht es uns aus - bemerkte einer von den Kranken.

Ploiesti... Die Stadt des Erdöls, Schauplatz großer Bombenangriffe. Sie wurde vom Krieg nicht verschont. Lange Zeit hindurch kamen hier täglich die amerikanischen Liberatoren angeflogen und in der Nacht kamen die Engländer. Die Stadt war von mehreren tausend Geschützen der deutschen Flak umringt, verständlicherweise, man wollte die Ölquellen unbedingt beschützen.

Das heranfliegende Heer hatte dreißig-vierzig-prozentige Verluste erleiden müssen, aber es gelang ihnen trotzdem, einen großen Teil der Erdölproduktion lahmzustellen.

Der Bahnhof und seine Umgebung waren nichts als ein Trümmerhaufen, die Spuren von in aller Eile durchgeführten Wiederherstellungsarbeiten konnte man überall sehen.

Ein Panzer transportierender Zug stand nebenan, nur ein einziges freies Gleis trennte uns davon. Unweit befand sich ein kleines, zum Bahnhof gehörendes Gebäude. Viele Menschen gingen hin und her, wir wurden angegafft, einige stellten uns auch Fragen auf rumänisch.

Eine Frau kam ganz nahe an unsere Tür, nahm aus ihrem Korb irgendein stinkendes Ding heraus und warf es uns ins Gesicht. Wir fluchten...

Später bat ich sie in meinen Gedanken um Verzeihung, denn das stinkende Ding war essbar: gesalzene Meeresfische, doch so was haben wir noch nie gegessen, auch nicht gesehen und vor allem, nie gerochen. Also, sie hatte es eigentlich gut gemeint.

Der Verkehr war groß. Ein Schnellzug hielt nebenan. Eine hübsche Rumänin, stark geschminkt, lehnte sich aus dem Fenster der ersten Klasse heraus. Man konnte nicht wissen, ob sie die Frau eines Diplomaten ist, oder nur eine wertvolle Ware. Jedenfalls taten wir ihr leid. Wir unterhielten uns französisch, während der Zug dort hielt, dann verschwand aber auch diese flüchtige "Erscheinung", doch ein angenehmes Gefühl war hinterblieben, dass uns nämlich unser bereits vergessenes Geschlechtswesen für einige Minuten wieder in den Sinn kam.

- Heute hat man uns noch nichts zum Essen gegeben - klagte der Feldwebel -, und es wird gut sein, aufs Wasser aufzupassen, denn davon haben wir auch noch nichts gekriegt.

- Wenn nur diese verdammte Hitze aufhören würde - jammerte einer von unseren Patienten.

Endlich brachte man uns das Mittagessen. Ein jeder bekam eine Handvoll gesalzenen Fisches, dasselbe, was uns die Frau ins Gesicht geworfen hatte.

Kaum wurde davon etwas gegessen.

- Wir werden vor Durst verrückt werden, wenn wir das essen - sagte ich.

Später hat es sich aber herausgestellt, dass es doch besser gewesen wäre, den Fisch zu essen.

Es fiel mir ein, dass ich eine alte Füllfeder habe und so sagte ich zum Dolmetscher:

- Versuchen Sie das Zeug da bei diesen gepanzerten Rittern abzusetzen, ich gib sie denen für ein Laib Brot.

- Und kann man auch damit schreiben, Herr Doktor?

- Das nicht, aber sie kann repariert werden.

- Dann werden wir bis zur Abfahrt warten und nur einige Minuten bevor mach' ich es, damit man uns nicht verprügelt.

Ich bekam auch einen halben Laib für die Füllfeder, aber der Zug fuhr zu unserem Leidwesen nicht los. Es wurde mir schon ganz warm, als er sich endlich fortzubewegen begann.

Der Käufer drohte mir auch mit der Hand, aber das Brot hatten wir und es wurde am Ende doch von uns gegessen.

Nach vier oder fünf Stunden Fahrt kamen wir an, es war ein Bahnhof der so ähnlich wie der von Kistelek aussah. Focsani...

 

Kapitel VIII

Die Wagontüren wurden geöffnet und das wohlbekannte Kommando ertönte: "Zu finft".

Der größte Teil der Mannschaft sprang schwindelig oder fiel ganz einfach aus dem Wagon heraus. Alle waren blass und blinzelten nur mit den Augen nach der im Halbdunkel verbrachten zwölf Tage lang andauernden Fahrt.

Diejenigen, die nicht gehen konnten, wurden auf Karren gesetzt oder gelegt, die Übrigen stellten sich langsam zu hundertköpfigen Kompanien zusammen und in der brennenden Hitze von der das ganze Gras umher ganz ausgedörrt war, ging es los im "Trauermarsch".

Unsere Wachen waren auch schon ungeduldig, sie konnten kaum erwarten, bis sie uns endlich loswerden und sich ins Kühle zurückziehen konnten. Wir suchten unseren Kameraden, Laci Páldy, und als wir ihn gefunden hatten, gingen wir zu dritt, uns aneinander stützend, die Knie aneinander schlürfend, mit langsamen Schritten zum Lager.

Unser Mund war ausgetrocknet, kaum konnten wir ein Wort herausbringen.

- Einen verdammten Durst habe ich. Wie weit kann das Lager noch sein? - übernahm zuerst Kálmán das Wort.

- Das weiß ich nicht, aber am Morgen ging auch bei uns das Wasser aus und es wurde nicht nachgefüllt - und der gesalzene Fisch noch dazu! Gut, dass ich nicht alles davon gegessen habe - brachte es Laci mit Mühe heraus.

- Ich habe nichts davon gegessen, der stank so, dass es mich geekelt hat - sagte ich. - Ich wäre aber froh, wenn wir schon im Lager wären, hoffentlich gibt man uns dort Wasser.

- Ich sehe noch nichts, nur das weite Flachland. Wie lange dauert noch dieser Marsch? - seufzte Kálmán. - Wenn aber nur die vor uns gehenden den Staub nicht so aufwirbeln würden.

Wir gingen auf einer zerfallenen Steinstrasse, die voll mit Löchern und Gruben war, stolpernd voran.

Der Weg war von Akazienbäumen umsäumt, deren Blätter fast abgetrocknet waren. Alles wuchs hier genau so wie in der Pusta von unserer Tiefebene. Wir hatten uns etwa vier bis fünf Kilometer weit so vorangeschleppt, als wir in der Ferne zwei große Säulen erblickten, von denen es sich später herausstellte, das es das "verzierte" Lagertor war. Langsam wurden auch die Wachttürme und Stacheldrahtzäune des riesengroßen Lagers sichtbar. Je näher wir herankamen, desto mehr Gaffende gab es ringsherum, die sich die neuen "Gäste" ansahen. Unweit vom Tor mussten wir halt machen. Aus dem Lager kamen sechs-acht Männer in Zivilkleidung, von einem russischen Soldaten höheren Ranges angeführt, heraus.

- Worauf sollen wir jetzt warten? - fragte jemand hinter uns. - Anstatt, dass man uns Wasser gibt, will uns jetzt doch nicht dieser großköpfige eine Predigt halten?

Ja, das wollte er...

Es gab auch einen Dolmetscher in der Gruppe, die vor uns stand.

- Zum Appell antreten! Ein jeder soll alle seine Sachen vor seinen Füssen abstellen und gerade ausgerichtet seien die Reihen in beiden Richtungen und zwar darum, damit ihr eure eigenen Sachen vorfindet, wenn ihr hierher zurückkehrt.

- Was soll das sein, wohin sollen wir jetzt gehen? - fragte Kálmán, ganz bestürzt.

- Das wird sich schon herausstellen - sagte ich leise -, jedenfalls wird es angebracht sein, alles was einen Wert hat, in unseren Taschen zu verstecken.

- Zieht euch ganz nackt aus - hörten wir die laute Stimme des Dolmetschers. - Jetzt werdet ihr baden.

- Na, dann ist alles futsch - sagte Laci enttäuscht.

- Hab' nur keine Angst, dein Gebetbuch wird man dir sowieso nicht wegnehmen - versuchte ich, ihn zu trösten. - Aber eure Uhren steckt in eure Handärmel hinein, so wie ich es mache - ordnete ich an.

- Stellt euch abseits vom Gepäck und stellt euch dann wieder auf. Wenn der Genosse Hauptmann zu eurer Besichtigung herankommt, hebt beide Arme hoch.

- Schon wieder werden die Männer von den Waffen SS gesucht, und wie oft wurden wir auch schon bisher dieser Untersuchung unterzogen..

- Es wird besser sein, wenn die von der SS von selbst aus der Reihe heraustreten - hieß es wieder -; wenn diese vom Genossen Hauptmann entdeckt werden, wird ihnen noch gesonderte Strafe zugeteilt!

Dasselbe wurde in schwäbischer Mundart auch deutsch vom Dolmetscher wiederholt.

Der Hauptmann besichtigte die Mannschaft. Es ging ziemlich schnell, denn schon seit langem gab es keine SS-Männer bei uns. Auf einmal blieb er bei einem Ungarn stehen und zeigte, zornig schreiend, auf seine Achselgrube. Der Mann versuchte verzweifelt dem Dolmetscher zu erklären, dass er den Buchstaben nicht herausgeschnitten hatte; das dort wäre die Narbe einer früher aufgeschnittenen Geschwürs.

- Egal, ziehen Sie sich an, der russische Arzt wird entscheiden, was die Wahrheit davon ist.

- An dessen Stelle möchte ich auch nicht sein - sagte Laci.

- Warum denn, weil er nicht baden wird? - wollte einer von uns geistreich sein.

Wir hatten aber keine Lust zum Lachen. (Der Mann wurde zwei Wochen später im Lager "freigelassen".)

Wir wurden in Züge geordnet und warteten in der brennenden Hitze.

- Unserem Körper tut ja die Sonne gut, wenn ich nur nicht so großen Durst hätte - seufzte Laci.

- Wo man baden kann, dort muss es auch Wasser geben - sagte ich.

Die fünf-sechsköpfige Wachpatrouille kam an. Einer von denen begab sich an die Spitze vom ersten Zug und setzte den in Gang. Langsam kamen alle zweitausend Nackte in Bewegung und schritten am holperigen, teilweise stachelbedeckten Weg vorwärts.

Wir erreichten den Steinweg, wo uns dann wirklich der Boden unter den Füssen brannte und wo vielen von uns die Fußsohlen von den kleinen Steinen wundgerieben wurden.

Bald wurde ein armseliger Bauernwagen sichtbar, der uns entgegenfahren kam. Ein Ehepaar saß darauf, zwei sechs-achtjährige Mädchen waren an ihre Mutter gelehnt. Die Frau saß mit gebeugtem Kopf da und bedeckte mit beiden Händen die Augen ihrer Kinder, um ihnen den bizarren, lächerlich traurigen Anblick der vielen nackten Männer zu ersparen.

- Na, die werden auch nicht wieder auf diesem Weg fahren - bemerkte einer von uns.

Wir konnten so um die zwei Kilometer hinterlegt haben, und als ob die Wüste jetzt ein Ende genommen hätte.

- Schaut mal! Weiden! - schrie ich. - Hier muss es auch Wasser geben.

Bald erreichten wir auch einen ruhig fließenden Fluss, dessen spiegelblanke Oberfläche in der Sonne schimmerte. Das sah so aus, wie bei uns zu Hause an der Mieresch. Außer Bäumen war das Ufer beiderseits von einem moorigen Gelände umgeben, wo auch reichlich Brombeeren wuchsen.

Wir wurden stillgestellt.

- Welcher Fluss kann das sein? - fragte ich.

- Das kann nur die Seret sein, oder irgendein Nebenfluss davon - sagte Kálmán -, aus meinen wenigen geographischen Kenntnissen schließe ich, dass es hier in der Nähe keinen anderen Fluss geben kann.

Der Dolmetscher stellte sich vor die Mannschaft und sagte schreiend, damit ein jeder es höre:

- Zehn Minuten stehen für das Bad zur Verfügung. Das Wasser ist nicht tief, aber nur bis zu dem am Damm stehenden Wachtposten darf hineingegangen werden. Keiner darf versuchen, weiter wegzuschwimmen, denn er wird dann geschossen. Vom Flusswasser darf nicht getrunken werden, wegen Infektionsgefahr.

- Passt auf - wandte ich mich an meine Freunde -, sobald der Befehl zum Baden erteilt wird, rennen wir wie es nur unsere Kräfte ermöglichen womöglich als erste ins Wasser und schwimmen soweit hinein wie erlaubt, und dann kann man von der sonnenbeschienenen Oberschicht ruhig trinken.

Mein Vorschlag hat sich als gut erwiesen, denn die meisten von uns stürzten sich, sobald sie den Rand des Flusses erreicht hatten auf das Pfützenwasser und umsonst schrie sie der Dolmetscher an, das Trinken wäre verboten, ein jeder trank davon. Es war ein bestürzender Anblick, denn so mancher wurde dabei von der sich vorandrängenden Menschenmenge in den Morast hineingestampft.

Uns gelang es unter den Ersten reinzulaufen und schwimmend den tieferen Teil des Flusses zu erreichen und wir tranken und tranken, plätscherten im Wasser herum, bis einer der Wachtposten nicht anfing in die Luft zu schießen, womit er uns zur Kenntnis brachte, dass wir mit dem Baden Schluss machen müssten.

In Reih und Glied gestellt traten wir den Rückweg an.

Wir genossen die erfrischende Wirkung des Bades nicht lange, denn der Spaziergang in der heiß brennenden Sonne, bis zum Lager, machte uns wieder matt.

Ein jeder ging zu seinem hinterlassenen Päckchen.

- Verfluchte Gauner!

Und so mancher ähnlicher Fluch und Schimpfereien waren überall hörbar.

Unsere Sachen wurden ordentlich durchplündert. Mir wurde ein dunkelgrauer Anzug weggenommen, aber mir tat es vor allem um die Medikamente und einige medizinische Instrumente leid, darunter befand sich auch mein Fonendoskop. Die Adresse des Patienten, der den Kopfschuss erlitten hatte und unterwegs ins Krankenhaus geschafft wurde, war auch in der Tasche des Anzugs, so dass diese für immer verlorenging.

- Gewiss sind wir von dieser zivilen Hyenenschaar ausgeplündert worden, denn Soldaten habe ich hier keine gesehen - schimpfte Kálmán.

Zum Glück hatte man unsere Uhren nicht aufgefunden und Lacis Gebetbuch hat man auch nicht weggenommen, wie ich es vorausgesagt hatte.

- Zieht euch schnell an und stellt euch auf! - erklang der Befehl.

Wir warteten und schauten um uns herum. An den ungefähr zehn bis fünfzehn Meter hohen, mit roter Leinwand umhüllten Torsäulen leuchteten plötzlich die darauf angebrachten Glühbirnen auf, die offensichtlich zur Verzierung da waren.

Über die beiden Säulen war ein ebenfalls in rotes Tuch gehülltes Brett gespannt und darauf leuchtete eine Aufschrift in zyrillischen Buchstaben.

Das alles galt uns, wir konnten es auch daraus sehen, dass innerhalb des Tores eine ungarische Militärkapelle zu spielen begann, so dass wir bei laut tönender Marschmusik ins Lager einmarschierten.

- Wisst ihr, woran mich dieser Toreingang erinnert? Ich konnte acht oder zehn Jahre alt gewesen sein, als das größte Zirkus Europas, das Zirkus Gleich in Szeged gastspielte. Das war so groß, dass sich unser Marsplatz fast für zu klein erwies - erzählte ich. - Das hatte ein solches Tor.

- Das da ist auch ein genug großes Zirkus - sagte Laci erbittert -, und es hat auch gerade genug Teilnehmer, kann sein, dass es hier auch wilde Tiere gibt. Doch was Teufel soll diese Aufschrift da heißen?

- Ich weiß es - antwortete ich.

- Sprichst du russisch?

- Das nicht, aber ich kann es mir vorstellen.

- Wie weit reicht deine Einbildungskraft?

- "Mensch, der du hier eintrittst, verlass jede Hoffnung".

- Wollen Sie uns trösten, Herr Doktor? - sagte einer von denen, die sich uns angeschlossen hatten.

Wir näherten uns dem Tor und immer feuriger wurde die Musik. Vor uns marschierte ein deutscher Zug, die richteten ihre Schritte beim Trommelschlag aufeinander aus und fingen an vorschriftsmäßig zu marschieren.

- Schau dir diese Schwaben an! - sagte einer. - Die haben sich so an die Disziplin gewöhnt, dass sie imstande sind, auch vor den Russen im Parademarsch vorbeizumarschieren.

Auch bisher schlenderten wir in einem Durcheinander voran, aber jetzt betraten wir absichtlich so das Lager, wie Napoleons Heer beim Auszug aus Moskau, nur das Blut floss nicht aus unseren Wunden und wir waren nicht in Lumpen gehüllt.

Ein neuer Marsch folgte...

- Dass die der Teufel hole! Laci, lieber, weißt du, was die da spielen?

- Nein, das weiß ich nicht.

- Also, da heißt es im Lied "für den Mann würde ich keinen Groschen geben". Jetzt sehe ich es nur, Jungs! Das ist ja die Musikkapelle des Szegediner Korps'! Und wie viele Bekannte sind dabei! Der dort, der junge Flötenspieler, der ist aus Újszeged - und sein Vater spielt die große trompete.

Wir kamen dicht an die Kapelle heran. Ich konnte nicht umhin und sagte ihnen:

- Blast, ihr verdammten Szegediner, blast nur fest drauflos. Ihr selbst seid ja auch keinen Heller wert!

In der ersten Reihe hat man zugehört, wie ich die Musikanten begrüßt habe.

Der Flötenspieler hatte mich erkannt, gleich spielte er eine andere Melodie und am Mund von einem der Musikanten konnte ich einen spöttischen Fluch ablesen. Derjenige, der nebenan saß, als er das hörte, spuckte gleich in seine Trompete, worauf aus dieser solche Töne herauskamen, wie wenn ein alter, zerfaulter Baum langsam umfällt.

Der Kopf des Tambourmajors wurde immer röter vor Zorn und er fuchtelte immer mehr mit seinem Stock herum. Jetzt spielten nur die, die nicht gehört hatten, was ich ihnen zurief. Der Dirigent stellte die Kapelle ab und erst als Friede und Ordnung wieder hergestellt waren, begannen sie wieder zu spielen. Sie spielten den Klapka-Marsch.

Wir erreichten einen großen Platz, in dessen Mitte stand ein Theaterpodium.

Da blieben wir stehen und stellten unser Gepäck ab. Derselbe russische Hauptmann betrat das Podium, den wir vor dem Bad kennenlernten, begleitet von einem schneidigen deutschen Soldaten und einem Zivilisten.

Vom Hauptmann wurde uns klargemacht, dass wir noch immer in Gefangenschaft sind. Er machte uns auf Disziplin und Sauberkeit aufmerksam und erklärte, die Polizei innerhalb des Lagers bestünde aus Deutschen, da sie die Mehrheit bilden, und der Mann nebenan wäre der Befehlshaber des Lagers - und er zeigte mit der Hand auf den deutschen Soldaten.

Wir wurden von ihm aufs Theater aufmerksam gemacht und die sich unter uns (eventuell) befindenden Schauspieler wurden gebeten, sich beim Lagerkommandanten zu melden, ebenso wurden auch die Fußballspieler aufgefordert, den Mannschaftskapitän Nagymarosi (später spielte er mehrmals in der ungarischen Nationalmannschaft) aufzusuchen, um in die Lagermannschaft aufgenommen zu werden. Ärzte und Pfleger würden dem Lazarett zur Arbeit zugeteilt werden.

Bevor wir uns auf unser Quartier begeben, würde uns noch die Desinfizierung bevorstehen, sagte der Hauptmann. Und am Ende stellte er die Frage: Wurde von jemandem etwas gestohlen während des Bades?

- Was sollen wir jetzt tun? - fragte Kálmán.

- Nichts - antwortete ich. - Warten wir ab, ob sich jemand meldet.

Etwas weiter von uns entfernt hob einer, zaghaft, seine Hand hoch.

- Haben sie Zeugen? - fragte der Hauptmann.

- Wer könnte da auch schon Zeuge sein, wenn wir doch alle beim Baden waren - flüsterte Laci angstvoll.

Nachher hatte auch keiner mehr Lust, sich zu beklagen.

In Züge aufgestellt, wurden wir zur Desinfizierungsbaracke gebracht.

Das war ein wahrhaftiger Grossbetrieb, der Tag und Nacht arbeitete. Hundert Menschen bzw. deren Kleider pro Stunde wurden da desinfiziert. Das Personal bestand aus Ungarn, nur ein-zwei Deutsche halfen als Dolmetscher mit.

Endlich kamen wir an die Reihe. Wir betraten einen verhältnismässig engen Raum, hier hätte eine größere Mannschaft als die von einem Zug, auch gar nicht genug Platz gehabt. In der Tür erschien in einem Trikot und weißer Hose (wo konnte er die herhaben?) ein sehr gut aussehender "Bademeister" (oder Aufseher, Metzgergehilfe, etwa ein Marktschreier). Er sprach in einem etwas gedehntem, Budapester Akzent aber in militärischem Stil und man hörte es ihm an, dass er seinen Spruch jetzt schon wenigstens zum fünfzehntausendstenmal wiederholte.

- Meine Herrschaften! Ein jeder soll sich ausziehen! Ihre Klamotten sollen Sie so zusammenpacken, dass das Bündel nicht auseinander fällt und dass es auf einen Haken aufgehängt werden kann. Im Raum nebenan werden Sie von den Barbieren erwartet und ein jeder wird geschoren, abgesehen davon, was für einen Rang er hat, ausgenommen davon sind nur die Ärzte. Also los! Bitte, bitte, hierher bitte! - wies er auf die Tür und so befanden wir uns auch schon auf dem Laufband.

Wir drei wurden nicht glattgeschoren, aber gleich wurden wir in den nächsten, flurartigen Raum weitergeschickt, wo Bänke aufgestellt waren. Als wir alle hundert wieder beisammen waren, erschien erneut unser "Bademeister".

- Also, passt auf! Hier kann es nur dann auf normale Weise vorwärtsgehen, wenn meine Anweisungen genau befolgt werden. Zuerst kriegen Sie eine Essschale voll mit Wasser, mit dem können Sie sich waschen oder, wenn es Ihnen besser gefällt, können Sie es auch trinken. Ich würde Ihnen übrigens letzteres vorschlagen, denn Wasser wird erst morgen früh verabfolgt. Wenn man Befehl gibt, dann soll ein jeder sein Gepäck aufnehmen und auf einen S-Haken aufhängen, nachher gehen Sie rundherum und dann nach links bis zu einem schmalen Korridor, da gehen Sie, Einer nach dem Anderen, vorwärts bis Sie an dessen Ende die offene Tür des Desinfizierraumes erreichen. Da gehen Sie der Reihe nach hinein und hängen ihre Kleider auf die sich in der Wand befindenden Hakenstifte. - Hier hob er seine Stimme. - Achtung! Im Raum ist eine Hitze von 50 bis 60 Grad, keinen Atem nehmen, sondern durch die sich gegenüber befindende Tür den Raum verlassen. Tummelt euch, Herrschaften, am besten ist es, wenn alles im Laufschritt geht und so gelangen Sie am Ende durch einen anderen Korridor hierher zurück. Verstanden?! Alles klar?! Soll ich es wiederholen?! Wer es nicht verstanden hat, der hebe seine Hand hoch!... Einem jeden ist es klar? Dann setze ich fort, was jetzt kommt ist schon komplizierter. Eine Stunde später kehren Sie in den Desinfizierraum zurück, aber im Laufschritt und ein jeder holt sich das nächstfolgende Paket vom Hacken - passt auf! Nicht nach dem eigenen suchen, sondern das nächstfolgende herausholen, denn dort drinnen ist es dunkel, kaum sieht man etwas und wer sich nicht eilt, erleidet Brandverletzungen. Wer etwas nicht verstanden hat, der soll jetzt fragen!... Gut, in Ordnung, aber ich mache Sie aufmerksam darauf, dass Sie kein einziges Kleidungsstück beibehalten dürfen.

- Der wird doch nicht glauben, dass ich meine Stiefel mitnehme - flüsterte ich meinen Freunden zu -, die würden ja zu Kinderschuhen Zerschrumpft von hier herauskommen.

- Wir werden unsere auch nicht reintragen, der Clown da kann sagen was er will - meinte auch Kálmán.

- Sagt mir nur bloß, warum ich so einen unstillbaren Durst habe, wo ich mich doch vor einer guten halben Stunde im Fluss wie ein Blutegel vollgesaugt hatte.

Mein Gejammer wurde außer Acht gelassen, denn die Wasserverteilung startete.

Ich hatte eine Essschale von zwei Liter und sobald ich meine Wasserportion bekam, trank ich sie auch schnell. Ich spürte, dass mein Bauch voll mit Wasser war, es schwappte darin hin und her, aber ich hatte noch immer Durst und dazu auch noch einen Brechreiz.

- Lieber Laci, was kann mit mir sein, ich habe schon vier oder fünf Liter Wasser getrunken und mein Durst wurde doch nicht gestillt.

- Hast du heute schon was gegessen? Wie ich mich erinnere, war dir der gesalzene Fisch allzu übelriechend.

- Natürlich roch er so übel, dass ich ihn keinesfalls hätte herunterbringen können. Ich hatte noch zwei Stück Würfelzucker, das war alles, was ich heute gegessen habe.

- Dann fehlt das Salz deinem Körper, heute hast du nichts gegessen, was Salz enthält und du hast nichts wie geschwitzt, umsonst trinkst du Wasser, das mit dem Schweiß ausgeschiedene Salz muss dir auch ersetzt werden. Bei Säuglingen kann sogar der Tod in solchen Fällen eintreten. Du brauchst keine Angst zu haben, sterben wirst du jedenfalls nicht, wenn man dir etwas zu essen gibt, kommst gleich wieder in Ordnung.

Der "Bademeister", der inzwischen weggegangen war, kehrte zurück.

- Na und jetzt, Leute, geht los mit euren Klamotten. Wie gesagt, sollt ihr diese der Reiche nach auf die Haken aufhängen und ihr werdet hierher zurückkehren.

Es war sehr heiß, aber wir haben es gut hinter uns gebracht.

Nach einstündiger Wartezeit bekamen wir wieder die Anweisung.

- Jetzt im Laufschritt zurück zur Desinfizierungsstelle, dort das nächstbeste Paket vom Haken herabnehmen und im Laufschritt durch die andere Tür den Raum verlassen.

Eine ungeheure Hitze herrschte in dem Raum, kaum konnte man etwas sehen. Wir verließen ihn fluchtartig und rannten den schmalen Korridor entlang. An der Spitze der fliehenden Schar ließ jemand irgendwas fallen und bückte sich, um es aufzuheben. Da stürzten wir aufeinander, wie eine zusammenfallende Dominoreihe. Über unseren Kleiderbündeln hingen die S-Haken, von denen einem jeden, je nach seiner augenblicklichen Lage und Körperhöhe ein Brandmal zukam, und das variierte vom Hals bis zum Hinterteil. Da gab es ein Gebrüll, Gejammer und ein Fluchen, so dass unsere "Bademeister" hergelaufen kamen, denn sie wussten nicht, was geschehen war, aber als ihnen die Sache klar wurde, haben sie uns einfach ausgelacht. Wahrscheinlich war es nicht das erste Mal, dass so etwas vorgekommen ist.

- Von dem habe ich aber genug - ärgerte sich Kálmán - ziehen wir uns endlich an und gehen wir hinaus ins Freie.

- Schau mal her - sagte ich -, mir wurde ein regelrechter S Buchstabe auf meinen Arsch gebrannt, gebrandmarkt bin ich wie ein Rindvieh beim Gutsbesitzer. Was kann ich da tun?

- Lecke es ab! - lachte Kálmán.

- Meinen Eigenen?

- Warum? So gut wie ich dich kenne, den eines Anderen würdest du sowieso nicht lecken. Doch ohne Scherz, wirklich sollst du das mit deinem Speichel bestreichen, das wird die Wunde wenigstens abkühlen.

Er hatte recht, das kühlte.

Endlich gingen wir hinaus ins Freie. Ein bestimmter Bereich wurde uns zugewiesen und in Züge geordnet konnte da ein jeder einen so großen Platz einnehmen, dass er sich darauf hinlegen konnte.

- Lasst uns ins Krankenhaus gehen - sagte Laci -, schauen wir mal nach, was wir dort anfangen können.

Das Barackenlazarett war nicht weit von der Bühne, der Leiter von dem war ein lebhafter Chefarzt, ein Internist aus Transdanubien. Er ging mit uns sehr freundlich um, bot uns einen aus Buchenrinde gekochten Tee an, mit dem man die an Durchfall leidenden kurierte.

- Gibt es hier kein Wasser? - fragte ich, denn mein Durst wollte sich nicht stillen.

- Damit kann ich leider nicht dienen, denn hier im Lager wird es streng in Portionen bemessen verabfolgt. Anderthalb Liter täglich steht einem Mann zu und dazu kommt noch das, was man in der Suppe kriegt.

- Warum wird so gespart? Das ist doch keine wasserarme Gegend, der Fluss ist ja so nahe. Gibt es denn eigentlich gar keinen Brunnen in diesem Lager? - sagte Laci.

- Es gibt auch zwei davon, aber das reicht kaum für siebzigtausend Menschen. Einige Sanitäter befinden sich immer unten am Grund und schöpfen ununterbrochen Wasser hoch, aber das reicht bei weitem nicht. Auch so müssen diese Brunnen ständig bewacht werden, denn vor einigen Wochen haben sich ein paar tausend Männer auf einen von denen gestürzt und eine derartige Panik war daraus entstanden, dass sechs Männer in den Brunnen gestoßen wurden und ums Leben kamen. Sonst wird das Wasser in Wassertonnen hergebracht.

- Aber doch - ließ ich nicht ab und fragte den Chefarzt, während ich das bräunliche, bittere Getränk schluckweise genoss -, kommt dem Krankenhaus nicht etwas mehr zu?

- So viel mehr, was uns von den Verstorbenen hinterlassen wird.

- Vielen Dank. Von so einem Wasser soll ich trinken, das ein Typhuskranker schon mit seinem Mund berührt hat - ekelte sich Kálmán.

- Warum nicht? Was meinst du, woraus wird der Buchenrindentee gekocht?

- Vom übriggebliebenen Wasser.

- Wo und wie kannst du uns gebrauchen? - erkundigte sich Laci.

- Was ist euer Fach?

- Wir beide, Kálmán und ich, wir sind Kinderärzte. Bandi ist Medizinstudent, aber er hat große Erfahrung in der Feldchirurgie.

- Zum Glück ist das hier nicht nötig, aber - wandte sich der Chefarzt an mich - kannst du deutsch?

- Irgendwie komm' ich damit schon zurecht.

- Dann bist du gerade der, den ich brauche, denn ich kann keinen finden, der die Statistik auf deutsch zusammenstellt.

- Auch in diesem Lager muss der tägliche Standbericht der Lagerkommandantur vorgelegt werden?

- Nicht nur der tägliche, sondern der fünf-, zehn-, fünfzehn- und dreißigtägige.

- Was hätte ich also zu tun?

- Jeden Tag müssen die Lagerinsassen abgezählt werden und auch die Zahl der Kranken und der Verstorbenen muss gemeldet werden. Das wäre, was du zu tun hättest.

- Und wo werden wir wohnen?

- Im Krankenhaus gibt es leider keinen Platz, aber ich werde euch ein Zelt verschaffen, obwohl, meines Wissens nach, ein gesondertes Zeltlager für die neu Angekommenen errichtet wird.

- Wann kann ich mit der Arbeit anfangen?

- Sei hier um zehn Uhr. Und euch beide werde ich mit irgendeiner internistischen Arbeit beauftragen - sagte er meinen Freunden.

Jemand klopfte kurz an der Zimmertür des Chefarztes und betrat, ohne auf eine Antwort zu warten, das Zimmer. Ein hochgewachsener, kräftiger, etwas beleibter Deutscher, so um die vierzig, trat ein, von einem jüngeren Mann begleitet.

- Er ist der innere Kommandant des Lagers - wurde uns der Deutsche vom Chefarzt vorgestellt.

Man konnte merken, dass sich die beiden gut kannten.

Der Mann setzte sich, sein Begleiter blieb hinter ihm stehen.

- Ah, ungarische Kollegen? Willkommen! - und er lachte laut dabei.

Er griff in seine Hosentasche, nahm eine Handvoll saure Bonbons heraus und warf sie auf den Tisch.

- Bitte! Das Leben muss süß sein! - sagte er spöttisch.

Wir schauten einander an.

- Wie kann nur jemand so arrogant sein - sah ich den Chefarzt fragend an -, er kann doch in keiner viel besseren Lage sein als wir! Und wo hat er diese Bonbons her? Ich nehme keine davon, wir sind doch keine Hunde, dass man uns diese nur so herschmeißt.

- Seid ihr nicht beleidigt darüber, nehmt davon, er verschafft dem Krankenhaus und auch den Ärzten so viele Sachen, macht ihn nicht böse auf uns.

Mit saurer Miene zerlutschten wir je eines von den uns zugeworfenen Bonbons.

- Also, dann gehen wir und morgen um zehn melden wir uns - sagte Laci.

Von der schwülen Hitze fast erstickt, schnappten wir nach Atem. Vom Westen her hörte man ein leises Grollen, es krachte ein paar Mal, als ob man Kanonenschüsse abgegeben hätte. Bald wälzten sich dunkle Wolken auf uns zu und der milde Wind erhob sich zu einem immer stärker werdenden Sturm. Eine fast nächtliche Dunkelheit stellte sich ein. Von mächtigem Blitz und Donner wurde das sich annähernde, große Gewitter vorangesagt.

- Auch daheim pflegt sich das Wetter um den heiligen Stephanstag zu ändern und die Hitze lässt dann allmählich nach - sagte ich.

- Was sollen wir jetzt da unter dem freien Himmel tun? - schaute Laci besorgt um sich herum.

- Wir ziehen uns aus, bedecken unser Gepäck mit einer Zeltplatte und nehmen ein Bad, das uns rein waschen wird - und ich zog mich auch schon aus.

Das war ein wahrhaftiger Wolkenbruch, keine Regentropfen waren sichtbar, das Wasser stürzte nur so vom Himmel herab, sogar trinken konnte man es. Das Gewitter dauerte fünfzehn bis zwanzig Minuten lang, in jeder Vertiefung bildete sich eine Pfütze und die niedergehende Sonne schaute noch einmal warm und lustig vom Horizont auf uns herunter.

- Ganz erfrischt bin ich jetzt - atmete Kálmán die frische Luft tief ein - und wie gut die Luft jetzt ist.

- Jetzt sollte man aber auch etwas essen - sagte Laci -, ich habe schon Hunger.

- Und was würdest du gerne essen, wenn es da eine Auswahl gäbe? - neckte ihn Kálmán.

Laci machte einen großen Schluck.

- Zuerst mal eine heiße Hühnersuppe mit Schneckennudeln und dazu das weichgekochte Suppenfleisch, so wie es am Hochzeitstisch aufgetragen wird, dann ausgebackene Händel mit Bratkartoffeln, dazu Kopfsalat und dann noch in der Röhre überbackene mit Quark, Rosinen und Sauersahne gefüllte Palatschinken, aber heiß sollen die sein.

- Diese Palatschinken schmecken dann gut, wenn der Quark gesalzen und mit Dill gewürzt ist - mischte sich einer ins Gespräch, der sich nebenan trocknete.

- Wer hat schon so was gehört, Dill gehört in den Quarkkuchen - leistete wieder mal jemand seinen Beitrag zum Thema.

- Dass es nur keinen Streit da gibt - hörte Laci mit seiner Schwärmerei auf - ich wäre mit einem tellervoll Kartoffelgulasch auch zufrieden.

Anstatt dessen bekamen wir schon ziemlich spät am Abend irgendeine dicke Suppe die einem Griesbrei ähnlich war. Da aber diese ordentlich gesalzen war, verging auch meine, von dem vielen Wasser hervorgerufene "Vergiftung".

Während wir noch die Suppe auslöffelten, sammelten wir uns um unser Gepäck an.

- Wie ich sehe, werden wir unter dem freien Himmel schlafen - sagte Kálmán, den Pfützen ausweichend. - Ein Glück, dass es nicht mehr regnet und auch nicht kalt ist.

Wir richteten uns langsam auf den höher liegenden Bodenflächen zum Übernachten ein, wo die Erde schon fast trocken war. Laci nahm sein Gebetbuch hervor und las im Halbdunkel in tiefer Andacht versunken. Kaum bemerkbar bewegten sich seine Lippen. Ich beneidete ihn...

- Schweinerei! - das laute Schimpfen weckte mich aus meinem Schlummer.

Zwei deutsche "Polizisten" mit Armband und ihre Knüppelstöcke schwingend schrieen die am äußeren Rand liegenden Kameraden vom unseren Zug an.

- Was zum Teufel wollen sie? - fragte ich von Kálmán, der noch sitzend geblieben war und zusah, was sich da abspielte.

- Die sind ganz toll. Sie schreien uns an und sagen, dass wir ein durchaus unordentliches Volk sind und ganz durcheinander daliegen, nicht in Reih und Glied nebeneinander. Aber wo gibt 's so ein Rindvieh, das sich in die Pfütze legt, nur um den Militärregeln genugzutun.

Ich stand auf. Die Deutschen ließen nicht ab und drohten uns fortwährend.

- Also, Gesellen - sagte ich zu denen, die unserem Zug angehörten - sollen einige von uns aufstehen und die Kameraden da umringen ohne ein Wort zu sagen.

Still und wortlos umgaben wir die beiden herumfuchtelnden "Polizisten", die erschrocken um sich herumschauten. Der eine breitete seine Arme auseinander.

- Befehl ist Befehl! - stotterte er.

- Ja, Kameraden, aber jetzt bitte abtreten!

Die Deutschen gingen leise vor sich herfluchend.

Endlich kam das Lager zur Ruhe. Ich hatte eine unruhige Nacht, denn sooft ich meine Augen öffnete schien mir das Licht der außerhalb der sich in der Nähe vom Zaun aufgestellten Lampen ins Gesicht, gerade so wie daheim in Újszeged, wo das Licht von der Strasse durch die Fenster meines Zimmers hereinschien. Ich träumte auch, dass ich zu Hause bin.

Ich traute meinen Ohren kaum, denn es war noch dunkel, aber die Leute bewegten sich schon und rappelten mit ihren Essschalen.

- Wieviel Uhr haben wir schon? - fragte Kálmán gähnend.

- Kaum kann ich es sehen, es ist erst drei, was machen denn die vielen Menschen?

Bald erfuhren wir, dass man sich zum Frühstück anstellt, denn auch wir wurden dazu aufgefordert: Kommt, ihr Ungarn, stellt euch in die Reihe mit euren Essschalen! Gegen sechs Uhr morgens kamen wir an die Kessel heran. Das Essen wurde von deutschen Köchen verteilt, die einander abwechselten, denn der Schöpflöffel musste eigentlich siebzigtausendmal in den Kessel getaucht werden. Ich hielt auch meine Essschale hin, aber die Suppe wurde vom Koch mit einer so mächtigen Handbewegung in die Schale geschleudert, dass sie mir samt dem Essen aus der Hand fiel. Ich nahm meine Essschale auf, fast nichts war darin übriggeblieben und so hielt ich sie noch einmal hin.

- Los, los, weiter! - rief der Mann.

- Nein! Ich gehe nicht weiter. Ich bin hungrig!

Der Schöpflöffel blieb für einen Augenblick in seiner Hand stehen, er schaute mich an, ich aber hielt ihm wieder mein Geschirr vor die Nase. Er zuckte die Achsel und gab mir eine Schale voll von der Suppe, diesmal wurde sie mir nicht aus der Hand geschlagen.

Kaum hatten wir das Frühstück gegessen, mussten wir uns wieder für das Brot anstellen, nachher standen wir wieder drei Stunden lang herum, um unsere Wasserportion zu erhalten.

- Wisst ihr, warum man hier so viel in der Reihe stehen muss? - fragte Laci.

- Weil die Organisation schlecht ist - antwortete Kálmán. - Man müsste Gruppen von fünf- oder zehntausend Menschen aufstellen und so die zukommende Verpflegung, gruppenweise, austeilen, dann müsste man nicht so viel herumstehen.

- Ah, woher! - sagte Laci. - Das ganze geschieht nur darum, damit wir uns nicht langweilen, um den Leuten ihre alltägliche Beschäftigung zu sichern.

- Es ist schon Mittag - sah ich auf meine Uhr -, der Chefarzt erwartet uns im Krankenhaus.

- Warum seid ihr nicht zur verabredeten Zeit gekommen? - bekamen wir auch den Vorwurf von ihm.

- Bisher standen wir um Wasser in der Reihe - antwortete ich.

- Damit wird von jetzt an Schluss sein, denn ein Zelt wird euch nicht weit von hier zugeteilt werden, dorthin werdet ihr einziehen. Du, András, musst dich besonders eilen, denn der Bericht über den Stand ist noch nicht fertig und es wird eine Weile dauern, bis du so viele Leute abzählst.

Das dauerte wirklich eine gute Weile...

Eigentlich war es unmöglich. Mit großer Mühe konnte ich fünftausend Menschen aufstellen, davon begaben sich gleich zweihundert auf den Abort. Es gab auch Abteilungen, wo man mich zum Teufel in die Hölle schickte. In einer Ecke des Lagers gab es ein derartiges Hin und Her, wie bei uns in Szeged auf dem großen Markt, am Mars-Platz. Ich konnte da sagen, was ich wollte, keiner kümmerte sich um mich. Das war auch ein Markt, der Markt unseres Lagers, wo hauptsächlich Zigaretten gekauft und verkauft wurden, aber man konnte hier auch Konserven bekommen. Bezahlt wurde mit Eheringen und es gab auch einen Tauschhandel.

Unter diesen Umständen war es unmöglich, die Anzahl festzustellen. Schon war die Sonne am Untergehen, als auf meinem Papier sechszehntausend-fünfhundertdreißig aufgeschrieben stand.

So geht das nicht weiter - ärgerte ich mich - wenn ich es aber nicht mache, werde ich zum Zug zurückgeschickt und kann wieder 6-8 Stunden lang in der Reihe stehen.

Ich ging zurück ins Krankenhaus, wo ein Offiziersanwärter, ein Feldwebel vom Sanitätsdienst mit den Einkäufen beauftragt und so etwas wie Mädchen für alles war und der mit der Kommandantur eine ständige Verbindung aufrechthielt. Ich dachte, wohl wird auch die Standsmeldung von ihm dort abgegeben werden. So wandte ich mich also an ihn.

- Kamerad, hast du die gestrige Standsmeldung nicht zufällig bei dir? Ich möchte sie nämlich mit der heutigen vergleichen - bat ich ihn, etwas beklommen.

- Natürlich ist sie da: Siebzigtausend-fünfhundert-einunddreißig war der Stand.

- Und sag mal, wie ändert sich diese Zahl?

- Also, neue Transporte kommen jetzt nicht mehr an, so muss nur der tägliche Verlust davon abgezogen werden: die Toten und wenn es etwa jemandem zu entkommen gelingt, die Geflohenen müssen ja ebenfalls abgezogen werden, aber eine Flucht aus dem Lager ist kaum möglich. Vielleicht könnte es denen gelingen, die außerhalb des Lagers Arbeitsdienst leisten, doch ist das äußerst riskant und es kam auch bisher nicht vor. Aber warum fragst du das?

- Ich muss die Mannschaft hier abzählen.

- Und wieviel hast du heute abgezählt?

Ich drehte mein Papier herum und tat so, als ob ich addieren würde.

- Ja, das wäre es - las ich nachdenklich -, und noch Fünfzehntausend, die Endsumme also Siebzigtausend-vierhundert-neunundneunzig. Aber wo ist dann der Rest? - fragte ich.

- Wart' mal, ich schaue nach, wie viele heute gestorben sind.

Er begab sich in eines der Krankenzimmer und kehrte nach einer Weile zurück.

- Also, das kann schon stimmen. Gestorben sind fünfundvierzig, da ziehen wir noch dreizehn von der vorherigen Anzahl ab und schon ist der Bericht fertig. Gib her, ich trag' ihn auch schon...

- Schreib 's dir lieber ab, das Papier da behalte ich mir. Wie gesagt Siebzigtausend-vierhundertneunundneunzig.

- In Ordnung, morgen zu der Zeit treffen wir uns hier wieder.

Das wäre also in Ordnung, ich war mit mir selbst zufrieden und so gab ich täglich den "genau" zusammengestellten Bericht ab. Der Grundbestand war mir bekannt und nur die Anzahl der Toten musste davon abgezogen werden. Mein Vorgesetzter war mit mir zufrieden, vor allem, nach dem folgenden Vorfall.

Eines Tages, so gegen Mittag, ging ich in der Nähe des nördlichen Zaunes auf und ab und tat so, als ob ich die Mannschaft abzählen würde. Die Sonne schien mit voller Kraft, doch ein milder, den Herbst voransagender Wind sorgte für ein angenehmes Wetter. Die Leute standen in Gruppen herum, unterhielten sich, gafften herum und warteten auf das nächstfolgende Schlangenstehen. Fünf-sechs Männer standen an der Lagergrenze, etwa zwanzig bis dreißig Meter vom Zaun entfernt.

Was hat denn der da? - fragte ich mich, als einer der Gefangenen aus der Gruppe heraussprang und gegen den Zaun zu rennen begann. Ist der wohl verrückt? - fragte ich mich und starrte dem Mann nach.

- Hallo, Leute! - rief ich den Anderen zu, aber die schauten nur ganz verblüfft drein und keiner antwortete.

Der Mann stieg, flink wie eine Katze, auf dem ersten, zwei Meter hohen Stacheldrahtzaun hoch. Seine Handflächen bluteten und nachdem er fünf Meter im Laufschritt hinterlegt hatte, erreichte er einen vier Meter hohen Zaun. Er bestieg diesen mit der Gewandtheit eines Akrobaten. Ich schaute zu den beiden sich in der Nähe befindenden Wachttürmen hinauf, aber da gab es keine Bewegung. Gott im Himmel, der ist wirklich von Sinnen gekommen! Von Schweiß übergossen schaute ich ihm nach. Von vier Meter hoch kann nur ein geübter Mensch herunterspringen, doch der Mann war es auch, und er gelangte unten heil und gesund an. Dann folgten nochmals fünf Meter und dann die letzte, zwei Meter hohe Schranke. Noch immer hatte man ihn nicht bemerkt?! Draußen ist er! Jetzt geht es schon um sein Leben, wenn er jetzt davonlaufen kann, ist er gerettet.

Dann aber hoben von beiden Seiten die Maschinengewehre an. Schon kamen mehrere Tausend, stumm und schweigsam, an den Zaun. Der Mann stürzte zur Erde.

- Man hat ihn getroffen! - sagte jemand.

- Nein! Er ist aufgesprungen und läuft weiter!

Wieder stürzte er zur Erde. Schon war er hundert Meter weit vom Lager, die Kugeln schlugen in seinen Fußtapfen ein. Der eine Wachtturm verstummte, gewiss war ihnen die Munition ausgegangen.

- Vorwärts! Vorwärts! - riefen ihm schon mehrere nach.

Nur eine Möglichkeit hat er - ging es mir durch den Kopf -, wenn ihm der Atem anhält und er das Gebüsch am Ufer des Flusses erreichen kann, dann wird es schwer sein, ihn aufzufinden.

Die Wachtposten kamen mit einem Wolfshund herbeigelaufen, aber dann hatte der Mann schon einen Vorsprung von fünf-sechshundert Meter.

Die Verfolgung wurde schon auf dem Sumpfgelände fortgesetzt, nur die Kappen der Soldaten konnte man aus der Ferne sehen.

Ich begab mich zu der kleinen Gruppe, aus der dieser zu allem entschlossene Mann wie ein "Kamikaze" aufgetaucht war.

- Sagt mal - fragte ich - kennt ihr den?

- Er hat unserem Zug angehört - sagte einer von der Gruppe, der einen Schnurbart trug.

- Und hat jemand von euch gewusst, was er im Sinn hatte?

- Keiner hat davon was gewusst, aber seit mehreren Tagen hat er fast gar nichts gesprochen, stundenlang stand er am Zaun und schaute hinaus. Schon haben auch wir daran gedacht, die Gefangenschaft hätte ihn von Sinnen gebracht.

- Bei vollem Verstand tut man so was auch nicht. Wer war er eigentlich?

- Ich glaube - setzte der schnurbärtige fort - er war ein Feldwebel von der Feldgendarmerie.

- Ich habe gehört, dass man mit denen so umgeht, wie mit der SS-Mannschaft und dann ist sein Entschluss auch verständlich.

Ich ging zurück ins Krankenhaus und fragte den Chefarzt, ob der Standbericht schon weggetragen wurde.

- Nein, noch nicht, warum fragst du das?

- Ich möchte ihn berichtigen, um einen Mann weniger sind wir.

Der Chefarzt sah mich verwundert an.

- Bist du aber gewissenhaft, ob um einen mehr oder weniger, das spielt doch wirklich keine Rolle, doch, wenn du meinst, geh' zum Schreiber und berichtige die Zahl. - Er kratzte sich am Kopf und schüttelte ihn zufrieden. - Das nenne ich Ordnung, du hast mich auch nicht enttäuscht.

(Ich muss aber diejenigen Forscher um Verzeihung bitten, denen in irgendwelchem militärischen Archiv die Standberichte aus dem Gefangenenlager von Focsani etwa in die Hände geraten, denn während der Zeit, wo diese von mir abgegeben wurden, waren sie alle falsch und nur auf Grund meiner Einschätzungen zusammengestellt und die konnten nur von beiläufiger Genauigkeit gewesen sein.)

Ich ging zurück zu unserem Zelt. Verwundert sah ich, dass meine Freunde all' die Abzeichen ihres Ranges von ihrer Uniform entfernt hatten.

- Was ist mit euch los? Schämt ihr euch eures Offiziersranges?

Kálmán war ganz gut gelaunt.

- Ich habe gehört, dass man uns heimläßt, weil bei uns allgemeine Wahlen sein werden. Die Offiziere werden aber vorläufig nicht weggelassen und es ist so mit unseren Sternchen aus.

- Hast du das auf der Latrine erfahren?

- Ja, dort wurde es mir gesagt.

- Und hat man dir dort nicht gesagt, dass ein jeder von uns mit einer von sechs weißen Pferden gezogenen Kutsche heimgefahren wird und dass man uns noch ein Säckchen Gold und in Asche gebackene Pogatschen mitgibt?

- Warum redest du solche Dummheiten? Ich habe es wirklich erfahren, und die Anderen haben mir davon dasselbe gesagt.

- Nicht die Vögel haben davon was gezwitschert?

- Nein, und Sie können jetzt abtreten, Herr Gefreiter!

- Wieso?! Stillgestanden, Schütze! - sagte ich streng, worauf auch gleich ein Gelächter folgte.

- Hättest du nur recht, lieber Kálmán. Ich wollte dir aber schon sagen - fuhr ich mit gedämpfter Stimme fort -, unser Freund Laci gefällt mir nicht. Er ist äußerst schweigsam, betet auch tagsüber und er bringt das wenige Essen, das wir bekommen, nur mit Mühe herunter.

- Ich habe es auch bemerkt und als ob er auch einen leichten Ikterus (Gelbsucht) hätte. Ich habe ihn auch schon gefragt, ob ihm etwas fehlt, aber er hat es verneint. Wir müssen ihm jedenfalls mehr Aufmerksamkeit schenken.

Am nächsten Tag verbreitete sich die Nachricht, dass wir heimkehren können, jetzt wurde es nicht nur am Abort herumgesprochen, sondern auch von der Kommandantur her ließ sich dergleichen hören.

Laci war in einem deutlich abgeschwächten Zustand.

- Lieber Laci, was hast du? Du bist ja ganz gelb.

- Oh, nichts besonderes, ich hatte früher eine Gallenblasenentzündung - und er tastete dabei den Bereich um die Leber ab - gewiss macht mir das zu schaffen.

- Solltest du nicht irgendein Sulphonamidpräparat einnehmen? Der Chefarzt hat etwas davon in seinem Versteck.

- Sollte es mir schlechter gehen, werde ich ihn schon darum bitten.

Noch ein Tag verging und wir trauten unseren Ohren kaum; am Nachmittag mussten wir, Ungarn, in Gruppen von je tausend Menschen im Kreis sitzend auf die "Agitatoren" warten.

- Was wird davon herauskommen? - fragte ich Kálmán. - Was will man uns da vormachen?

- Es wird sich da eher um eine Werbekampagne handeln.

- Und was soll das bedeuten?

- Derjenige, der die Rede hält, will uns dazu bewegen, unsere Stimmen an seine Partei abzugeben.

- Ich werde meine dem abgeben, der uns zur Heimkehr verhelfen kann.

- Da kannst du auch sicher sein, dass ein jeder das tun wird.

Bald kam ein kleingewachsener Mann in Zivilkleidung, in Begleitung eines russischen Soldaten der ungarisch konnte. Er stellte sich in die Mitte des Kreises, aber während er sprach, ging er auf und ab und bemühte sich, überall gehört und verstanden zu werden.

- Liebe Mitbürger! In Ungarn wird im Oktober die erste freie Abgeordnetenwahl stattfinden! Ihr sollt eure Stimmen an den Kandidaten der Partei der Ungarischen Nationalen Unabhängigen Front abgeben. Meine Partei ist die Ungarische Kommunistische Partei. Das wichtigste von unserem Programm möchte ich hier bekannt geben. Die Großgrundbesitze wurden von uns schon an die armen Kleinbauern verteilt und wir werden die Kriegsgefangenen heimbringen, also euch...

Danach redete und redete er noch, aber wir freuten uns derartig über das, was er uns in Aussicht stellte, dass wir ihn am Ende seiner Rede zujubelten und unsere Handflächen vom Klatschen rot wurden.

Er fragte, wer seine Stimme an die Kommunistische Partei abgeben möchte und da hoben wir alle unsere Hände hoch.

Und ebenso hoben wir unsere Hände hoch als vom Vertreter der Bauernpartei und von dem der Kleinbesitzerpartei eine ähnliche Frage gestellt wurde; natürlich warb ein jeder für seine eigene Partei und von allen diesen wurde uns die Freiheit versprochen.

- Na, das haben wir gut gemacht - sagte Laci.

- Wie meinst du das? - fragte ich.

- Wir können doch unsere Stimmen nicht an alle drei Parteien abgeben.

- Ich werde sie an alle drei abgeben, nur soll ich erst zu Hause sein.

- Das geht ja nicht. Siehst du denn nicht, dass es sich hier schon um einen politischen Wettbewerb handelt?

- Nie hat mich die Politik interessiert, weder daheim noch in der Schule haben wir uns damit beschäftigt.

- Bist du dessen sicher? Es ist in gewisser Hinsicht auch eine Politik, dass in der Schule von Politik keine Rede war.

- Seid mir nicht böse, meine Herren, dass ich mich unberufen in euer Gespräch einmische, aber diese "gewisse Hinsicht" gilt auch mir, ich unterrichte nämlich Geschichte in einem Gymnasium, Entschuldigung: Ich bin Oberleutnant Mihály Hajdú - stellte sich der Mann vor und fuhr dann fort. - Mein Fach kann man sich ohne Politik gar nicht vorstellen, es hängt nur davon ab, welcher Standpunkt vom Lehrer vertreten wird und in welcher Richtung er von seinen Gefühlen beeinflusst wird.

- Mein Lieber - sagte ich-, sei mir nicht böse, aber ich habe zum Beispiel erst jetzt erfahren, dass wir bisher in einer kapitalistischen Gesellschaft lebten und dazu auch eine "Ideologie" hatten, und dass es auch andere Ideologien gibt. Überhaupt, die Bedeutung des Wortes Gesellschaft war mir bisher gar nicht klar, ich dachte dabei an so etwas wie Gesellschaftsleben.

- Das ist ein Versäumnis oder etwa Irrtum deiner Lehrer. Was wurde dir vom Kommunismus oder von der Sowjetunion erzählt, was sagte man darüber?

- Ja, ich konnte etwa vier Jahre alt gewesen sein, ich besuchte also noch den Kindergarten und wir hatten daheim Gäste und es wurde Karten gespielt. Da wurde auf einmal ganz leise gesprochen und das war mir aufgefallen, denn ich wusste, dass die Erwachsenen so leise untereinander sprechen, wenn es sich um eine interessante Schweinerei handelt. Ich kroch unter den Tisch und hörte nur, dass jemand sagte: "Red' nicht darüber, der ist ja ein Kommunist." Ich fragte nachher meinen Pflegevater, was das Wort bedeutete. Er versuchte die Sache zu vertuschen und sagte: "Du hast es missverstanden, so was gibt es ja gar nicht." An einem Sonntag nachmittag besuchten wir den Freund meines Vaters, der Aufseher vom Friedhof war. Es war eine kinderreiche Familie und ich trieb mich im Garten mit einer mit mir gleichartigen Tochter des Hausherrn herum, danach liefen wir um den Tisch an dem die Erwachsenen saßen. "Ich krieg' dich schon, du kleine Kommunistin!" - schrie ich laut und da verstummten die Erwachsenen um den Tisch und das fiel auch mir auf. Ich wusste nicht, was ich da angestellt hatte. Mein Vater erhob sich und mir klopfte schon das Herz, er nahm mich an der Hand und ging mit mir hinter das Haus, dann hob er seine Hand hoch, drohte mir und sagte: "Wenn du noch einmal das Wort Kommunist über die Lippen bringst, hau' ich dir so auf den Mund, dass er aufplatzt."

- Offenbar befand sich der Freund deines Vaters nicht auf der sonnigen Seite unserer Gesellschaft. Ich vermute, dass er ein Kommunist war und so ziemte es sich nicht, in seinem Haus darüber zu sprechen, darum war dein Vater so streng dir gegenüber.

- Das kann schon sein, aber ich war ja noch ein kleines Kind.

- Und nie mehr hast du von deinen Lehrern was darüber gehört, das es bezüglich der Gesellschaftsordnung auch andere Meinungen gibt?

- Wie ich schon gesagt habe, nie. Aber ich habe noch eine Erinnerung, was den Kommunismus betrifft, ein drittes Erlebnis aus meinem letzten Schuljahr im Gymnasium. Ein sehr kluger und gebildeter Religionslehrer sprach darüber, aber er argumentierte nur gegen den Atheismus. Ich möchte dir aber auch eine Frage stellen, Herr Oberleutnant.

- Sag' mir nur einfach Michel.

- Also, Michel, was hast du über den Kommunismus, Kapitalismus und darüber, wie sich die beiden Gesellschaftsordnungen einander gegenüber verhalten, beim Geschichtsunterricht gesprochen?

- Es gab einen vernünftigen Lehrplan.

- Wieso?

- Erinnerst du dich nicht daran, was am Ende des Geschichtslehrbuches der achten Klasse stand?

- Ja, schon. Der Titel des letzten Kapitels war: "Aus welchem Gründen ist es zum ersten Weltkrieg gekommen"?

- Also, wie du siehst, so gab es auch keine Möglichkeit, über die Sache zu diskutieren, abgesehen davon, dass es auch verboten war. Man durfte zum Beispiel nicht über die Geschehnisse von Neunzehnhundertneunzehn (Revolution in Ungarn nach dem ersten Weltkrieg, die zur Deklaration einer Räterepublik führte) zu sprechen.

- Hört endlich auf damit! - mischte sich Kálmán ein. - Die Geschichte kann ebenso gefälscht werden wie die Milch!

- Das ist schon wahr - sagte der Oberleutnant etwas gereizt - aber was geschehen war, darüber besteht kein Zweifel. Man kann es an unserem Schicksal sehen. Wir sträuben uns dagegen, fluchen und schimpfen darüber. Aber ich würde fragen: wer wurde von wem angegriffen? Sind denn nicht wir mit Waffen in der Hand in die Sowjetunion eingedrungen? Die Russen wären nie über das Karpatengebirge gekommen, wenn wir ihnen nicht den Krieg erklärt hätten.

- Nachträglich kann schon ein jeder klug sein - bemerkte Laci, sanft und leise. - Und dann möchte ich dich aber fragen: hast du auch über den Friedensvertrag von Trianon in der Schule was gesagt? (Friedensvertrag von Trianon, wo Ungarn nach dem ersten Weltkrieg 2/3 seines Territoriums verlor).

- Natürlich habe ich davon gesprochen, aber nicht nur ich, sondern schon im Kindergarten hörten die Kinder etwas darüber.

- Wirklich - sagte ich -, ich erinnere mich an eine alte Kindergärtnerin, die einmal einen schönen, runden Laib Brot mitbrachte und ihn auf den Tisch stellte: "Seht ihr, Kinder, so schön groß war Ungarn". Dann schnitt sie mit dem Messer ein dickes Stück rundherum von der Rinde ab bis ein Drittel, nur das Innere vom Brot, übrigblieb. "Und so klein ist es geworden."

- Seht ihr - übernahm jetzt Laci das Wort -, demnach wurde doch über Politik in der Schule gesprochen.

- In dieser Hinsicht ja, aber das war ganz einseitig - murmelte der Oberleutnant.

- Passt mal auf! Wir haben noch gar kein Abendessen bekommen - sagte Kálmán zornig. - Ihr aber spielt hier Volkshochschule. Ich bin übrigens der Meinung, hätte man uns in Trianon keinen solchen Friedensvertrag aufgezwungen wie es eben geschah, dann hätten wir an diesem Krieg auch nicht teilgenommen, was nun zur Folge hat, dass wir jetzt bis über die Ohren in der Scheiße sitzen. Lasst diese Sache sein, wir können froh sein, wenn man uns so entgegenkommend sein wird und wir auf galante Weise von hier losgelassen werden.

- Da hättest du auch recht - schlug der Oberleutnant Kálmán freundlich auf die Schulter. - Übrigens, werde jetzt schon auch ich meine Sternchen herabnehmen, damit ich nicht deswegen in Gefangenschaft bleibe.

Wir begaben uns ins Krankenhaus zurück. Der Oberleutnant begleitete uns bis dahin und nahm dann Abschied von uns.

- Servus, liebe Freunde, sehr angenehm war eure Gesellschaft. Und du, András, überlege es dir während der Nacht, an wen du zu Hause deine Stimme abgeben wirst.

- Ich habe schon gesagt, an einen jeden, nur dass ich endlich heimkehren könne.

Am nächsten Tag erklang der unglaubliche Befehl, demgemäss mehrere amtliche Prüfstellen im Lager aufgestellt wurden und die Ungarn sollten sich da in Züge geordnet mit ihrem Militärausweis melden, denn man wird nur mit dem vom Prüfungsausschuss ausgestellten Ausweis heimgelassen. Die Offiziere kämen erst später an die Reihe, zuerst sollten sich Schützen, Gefreite und Unteroffiziere anstellen.

- Das kann ich gar nicht glauben - sagte ich zu Kálmán. - Wartet auch ihr nicht bis die Offiziere vor die Prüfkommission kommen, ihr habt sowieso keine Rangabzeichnungen und ihr entfernt aus euren Ausweisen einfach das diesbezügliche Blatt.

- Danke für den Rat, aber ich habe es mir auch so ausgedacht.

- Wohin ist Laci gegangen? - fragte ich.

- Ins Krankenhaus, er scheint sich nicht wohl zu fühlen, und auch als ob sich seine Gelbsucht verschlimmert hätte.

- Was kann ihm fehlen?

- Wahrscheinlich handelt es sich um irgendein Entzündung, denn Krämpfe hatte er keine. Unabgesehen davon kann er aber trotzdem an Gallensteinen leiden.

Nach dem Frühstück stellten wir uns vor der zuständigen Prüfstelle in die Reihe, Einzelweise, so dass es ziemlich langsam vorwärtsging.

An der Amtsstelle, die sich in einem Zelt befand, wurden unsere Papiere von drei Amtspersonen durchgesehen. Alle drei konnten mehr oder weniger ungarisch und ein russischer Soldat war auch dabei.

Schon war es ziemlich am Nachmittag als Kálmán, der vor mir stand, an der Reihe war.

Plötzlich fiel es mir ein:

- Gott im Himmel - flüsterte ich ihm zu -, jetzt ist es mir eingefallen, dass die Deutschen meinen Ausweis abgestempelt haben, als wir im Krankenhaus für Haut- und Geschlechtskrankheiten arbeiteten.

- Reiß' das Blatt raus!

- Aber gleich bist du dran.

- Drück' dich da nicht herum! Leg den Ausweis auf meinen Rücken, nimm Deckung hinter mir und reiß' das Blatt raus, aber schnell sollst du 's machen!

Mit klopfendem Herzen schaute ich um mich herum, und bemühte mich, keinen Verdacht zu erregen und dann, als ob ich nur mein Taschentuch hätte herausziehen wollen, steckte ich das herausgerissene Blatt in meine Tasche.

Nachher sah ich aufgeregt zu, wie es nun Kálmán ergehen wird. Der das Untersuchungsverfahren leitende Zivilist musste seiner Redensart nach ein Jugoslawe gewesen sein. Mein Freund hatte einen wenigstens viertägigen Bart, wie es sich nachher herausgestellt hatte, rasierte er sich absichtlich nicht und so sah er so vernachlässigt und bedauernswert aus, dass ihn keiner für einen Offizier gehalten hätte. Der Jugoslawe blätterte misstrauisch in seinem Ausweis herum, uns beiden lief der Schweiß am Rücken herab.

- Was ist ihr Rang? - stellte er an Kálmán die Frage.

- Gefreiter.

- Warum haben Sie Ihren Stern herabgenommen?

Nach einer kleinen Pause antwortete mein Freund leise:

- So konnte ich manchmal sagen, ich wäre ein Offizier und konnte mich dort anstellen, wo diese bevorzugt wurden.

Der Jugoslawe musterte ihn von Kopf bis Fuß, stellte ihm die nötigen Papiere aus, tat sie mit einer strikten Handbewegung in seinen Ausweis mit der folgenden Bemerkung:

- Na, Ihrem Aussehen nach konnten Ihnen das nicht viele geglaubt haben, dass Sie Offizier sind.

Kálmán nahm die spöttische Bemerkung mit größter Freude hin und begab sich schnell zu der Gruppe der Freiwerdenden, wo er auch ins Verzeichnis aufgenommen wurde.

Jetzt war ich an der Reihe.

- Ihr Name? - fragte der Mann von der Kommission.

- András Németh.

- Sind Sie nicht ein Schwabe?

- Bisher war ich es noch nicht. (Das hört sich ganz blöd an, dachte ich dabei.)

- Muttername?

- Theresia Ördögh.

- Wo haben Sie gedient?

- Im Garnisonskrankenhaus Nummer fünf, danach in Nummer drei.

- Sind Sie Gefreiter?

- Ja. (Der Teufel soll ihn holen, warum lässt er es nicht sein?)

Er blätterte in meinem Militärausweis. Es wurde mir schon heiß, nur dass er das fehlende Blatt nicht bemerkt. Wieder sah er mich an. Endlich stellte er mein Dokument aus und schob es mir gelangweilt auf dem Tisch zu. Ich nahm es schnell in die Hand und folgte Kálmán.

- Gott sei Dank, wie ich sehe, ist es auch dir gelungen - sagte er. - Hast du Laci auch nicht gesehen?

- Er scheint aus dem Krankenhaus nicht zurückgekehrt zu sein.

- Hallo, Herr Doktor! - rief mir jemand zu.

Es war der Schreiber aus dem Krankenhaus.

- Der Herr Chefarzt ist schon ganz außer sich - sagte er, und er war ganz außer Atem -, denn er hat Sie heute noch nicht gesehen, und es ist keine Spur von einer Standmeldung.

- Wie Sie sehen, bin ich hier im Transport der angeblich heimkehrenden, aber wenn es sein muss, gebe ich die Meldung ab, bald werde ich dort sein.

- Kommen Sie auch schnell, denn ich muss sonst herhalten.

Der Chefarzt war schon sehr zornig, als ich mich bei ihm einstellte.

- Wo treibst du dich herum, der Bericht ist auch noch nicht fertig!

- Aber doch, hier ist er.

Ich übergab ihm das Papier.

- Ich war schon vor dem Entlassungskomitee und wenn alles gut geht, es wird morgen losgefahren, es wurde uns dort wenigstens mitgeteilt.

- Was? Willst du mir diesen Misthaufen von Standsaufnahme überlassen? Davon kann keine Rede sein. Vorläufig musst du hier bleiben!

- Fällt mir gar nicht ein, Herr Chefarzt!

- Dagegen gibt es keinen Einwand, das ist Befehl!

- Lieber Freund - sagte ich in viel sanftigerem Ton -, du weißt doch, dass ein Gefangener dem anderen keine Befehle erteilen kann und außerdem, diese Arbeit habe ich freiwillig übernommen, ich kann mich davon losmachen, wann immer ich will.

- Von nichts kannst du dich losmachen! - zürnte er weiter. - Ich werde es der Kommandantur melden.

- Du wirst es nicht melden, Herr Chefarzt. Du wirst von hier keinen Schritt weiter tun! - drohte ich ihm.

- Wieso?!

- Schau mal - versuchte ich, mir selbst Ruhe aufzuzwingen - es sollte deswegen zu keinem Ringkampf zwischen uns kommen, ich werde für meine Arbeit einen unter den Österreichern suchen, der auch ungarisch kann und dann können wir in Frieden voneinander Abschied nehmen.

Der Chefarzt schwieg eine Weile, augenscheinlich war er noch immer sehr aufgeregt, aber sein Zorn beschwichtigte sich etwas und er antwortete:

- So sieht es ganz anders aus, hol' mir den Mann.

Unter den Österreichern fand ich einen Feldwebel aus Burgenland, dessen Muttersprache ungarisch war und so konnte ich ihn zur Übernahme meiner "Stelle" überreden, ich erklärte ihm auch, wie die Standmeldung auf vereinfachte Weise zusammengestellt werden kann.

Der Chefarzt willigte in den Tausch ein.

Bevor ich mich vom Krankenhaus verabschiedete, war mir auch noch Laci eingefallen, in meiner Wut hatte ich ihn fast vergessen.

- Herr Chefarzt, ich möchte gerne wissen, was mit Laci Páldy los ist?

- Ich weiß nicht, was er hat; er ist ganz gelb, doch für eine fachgerechte Untersuchung besteht hier keine Möglichkeit, weder ein Röntgen, noch ein Laboratorium steht uns zur Verfügung. Seine Leber ist vergrößert, die Gallenblase konnte nicht getastet werden. Ich habe ihn ins russische Krankenhaus, das sich in der Stadt befindet, geschickt, dort wird man entscheiden, was mit ihm geschehen soll.

- Danke. Ja, und Kálmán lässt dich auch recht schön grüßen. (Das war nicht wahr, aber ich sagte es anstandshalber.)

- Gute Reise. Hoffentlich kann auch ich in ein paar Tagen von hier wegkommen. - Wir schüttelten uns die Hände.

Kálmán erwartete mich schon voll Ungeduld.

- Mensch, wo warst du so lange? Ich dachte schon, du würdest nicht zurückkehren. Und was ist mit Laci los?

- Es hat mich eine große Mühe gekostet, bis es mir am Ende gelungen war, meine "Stelle" im Krankenhaus zu kündigen, fast sind wir aufeinander losgegangen, aber am Ende haben wir uns darüber geeinigt, dass ich einen an meinen Platz stelle, der sowohl ungarisch als auch deutsch kann. Das hat auch eine Weile gedauert. Was Laci betrifft, ihn hat man ins russische Krankenhaus gebracht. Der Chefarzt konnte auch keine Diagnose stellen, er meint es wäre eine Entzündung.

Das wäre also die letzte Nacht, die ich in Gefangenschaft verbringe? Unglaublich. Mit widersprüchlichen Gefühlen legten wir uns auf die Erde, wo unsere Liegestätten schon nach unserer Körperform ausgebuchtet waren, mit der geheimen Angst, man würde uns in einen Zug stecken, der am Ende in Sibirien landet.

Schwer verging die Nacht. Früh am Morgen bekamen wir unsere Suppe, das Brot und die Portion Wasser.

- Appell!

Wir stellten uns in Zügen auf und die Kontrolle fing an. Wer einen Ausweis hatte, der konnte in den abgegrenzten Teil des Lagers hinübergehen. Wir wurden ordentlich von Kopf bis zu Fuß durchgesehen, auch die Achselgruben wurden wieder besichtigt. Im Schneckentempo ging es vorwärts und es war schon Nachmittag. Wir litten von der spätsommerlichen Hitze, es war Anfang September. Wir waren bemüht, mit dem Wasser zu sparen, denn noch immer waren wir voll Misstrauen. Jemand aus der nahestehenden Reihe sagte das auch laust aus, was wir alle befürchteten.

- Und was dann, wenn wir betrogen werden?

- Das will ich nicht glauben. Dann wäre so ein zweitägiges, mit allerhand Legitimierungsdokumenten einhergehendes Vorgehen nicht nötig - sagte der neben ihm stehende -, dann würden wir einfach in Wagons reingestopft und kurz abgefertigt: Richtung Osten, würde es dann heissen.

Das Gespräch wurde von einem schmetternden Gebrüll unterbrochen. Ein blonder Feldwebel sprang aus seinem Zug heraus, sein Gesicht war vom Schreien ganz rot geworden.

- Sie lügen!!! Wir fahren nicht nach Hause! Kameraden, wir fahren nicht nach Hause! Man bringt uns nach Sibirien!!!

Wir konnten mit dem, was sich da abspielte, plötzlich gar nichts anfangen. Als mehrere Kameraden den Mann zu beruhigen versuchten, ihn festnahmen, stieß er sie mit den Füssen, spuckte herum und dem ihn festhaltenden Mann biss er mit schäumendem Mund in die Hände.

- Lasst mich loos!!! Man hat uns betrooogen!!! - brüllte er weiter.

Die den Transport kontrollierenden russischen Offiziere sahen eine Zeitlang ratlos zu, dann ging einer weg und kehrte mit einem offenen Wagen zurück. Der arme junge Mann wurde hineingezwungen und weggebracht.

- Armer Junge - sagte Kálmán -, jetzt ist er von Sinnen gekommen, wo ihm schon die Freiheit bevorstand.

- Nur dass er nicht recht behalte - bemerkte jemand hinter mir.

Wir verstummten, man war verblüfft von dem, was sich da abgespielt hatte und wir hatten keine Lust mehr, uns zu unterhalten.

Die Kontrolle ging weiter voran.

- Hör' mal Bandi, ist es nicht der Chefarzt, der da kommt? - machte mich Kálmán auf eine herbeieilende Gestalt aufmerksam.

- Wirklich, er ist es. Was kann er denn wollen, er winkt auch schon auf uns zu.

Ich ahnte nichts Gutes, wohl war ich es, den er suchte. Außer Atem kam er her, fasste mich an der Schulter und schrie mich an:

- Was stellst du dir vor?! Für so dumm hältst du mich? An deine Stelle hast du mir einen Idiot, einen total blöden Kerl hingestellt, der weder deutsch noch ungarisch kann, der weiß überhaupt nicht, was seine Muttersprache ist! Dass du mir sofort aus der Reihe herauskommst und zurückkehrst zu deiner Arbeit!

- Ich gehe keinen Schritt weg von hier! Schon zweimal habe ich die Gelegenheit verpasst, loszukommen, zum dritten Mal lass ich mir sie nicht entgehen!

- Komm' sofort raus aus der Reihe!

- Ich hab' schon einmal nein gesagt!

- Ich rufe die Polizei!

- Wen wollen Sie rufen? - ertönte es von mehreren Seiten und einige stellten sich hinter den Chefarzt. - Niemanden werden Sie da rufen, nicht dass noch am Ende die Deutschen auf uns herankommen - sagte einer aus der Reihe.

Der Chefarzt erblasste. Kálmán merkte, dass sich da Gewitterwolken zusammenziehen und begab sich zu unserem zürnenden Chefarzt, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte beruhigend:

- Lieber, ärgere dich nicht, das schadet deiner Gesundheit. Kannst du denn von siebzigtausend Menschen keinen einzigen finden, der sich was gutes ausdenkt und mit der Standmeldung ebenso zurecht kommt? Warum klammerst du dich an dem Jungen da fest? In der nächsten Woche beginnt die Uni und er hat ja sowieso schon ein Jahr verloren, warum willst du noch ein weiteres dazukommen lassen? Unter den Offizieren wird sich gewiss einer finden, der deutsch kann. Das ist ja keine Arbeit für die du einen Arzt brauchst, ein jeder kann sie übernehmen und kann dabei auch froh sein, dass ihm dafür vom Krankenhaus noch etwas gesondert zukommt. Mach' keine Schwierigkeiten, Kamerad, wie du siehst, sind hier alle gegen dich.

Der Chefarzt sah sich um, seufzte und sagte mit hängendem Kopf:

- Na gut, dann werde ich jemanden suchen. - Er drehte sich um und begab sich auf dem Weg, der ihm von den Männern freigegeben wurde, zurück ins Krankenhaus.

- Das hätte noch gefehlt, dass er den Herrn Doktor zurückbringen lässt - brummte jemand.

- Danke, Kálmán - sagte ich, etwas beruhigt. - Ich weiß gar nicht, was ich getan hätte, wenn der von seinem Vorhaben nicht ablässt.

- Ich sah es dir an, darum habe ich mich eingemischt, ein Streit hätte da keinem was genützt... Noch immer bist du ganz blass... Lasst uns weitergehen, gleich sind wir an der Reihe.

Wir überschritten den "Rubikon" und machten uns endlich auf den Weg zum Bahnhof. Mein Gott, vor drei Wochen gingen wir ganz verzweifelt diesen holperigen schlechten Weg entlang, nur eben in der entgegengesetzten Richtung - dachte ich seufzend, jetzt gibt es wenigstens eine Hoffnung.

- Mir gefällt bloß nicht - flüsterte mir Kálmán zu -, dass wir noch immer von bewaffneten Wachtposten begleitet werden.

- Zweitausend Männer können ja schon was anrichten - versuchte ich ihn (und auch mich) zu beruhigen.

Wir erreichten den Bahnhof und unsere Augen suchten unseren Zug. Da stand einer am äußeren Nebengleis, offene Wagons reihten sich aneinander.

- An den Fenstern ist kein Stacheldraht! - rief einer laut.

- Wirklich, der hat recht! - sagte ich. - Schau mal dorthin, Kálmán!

Vom Bahnhof näherte sich ein russischer Offizier und ein Mann in Zivilkleidung, der uns laut auf ungarisch aufforderte:

- Stellt euch so auf, dass ein jeder höre, was der Genosse Major sagt!

Wir drängten uns ein wenig herum und versuchten den Beiden womöglich nahe zu kommen.

Der Major stieg in einen Wagon und stellte sich an die Tür, damit ihn ein jeder sehen könne. Er hob seine Hand hoch und wartete ab, bis eine Stille eintrat.

- Madscharen! - dann hielt er eine kurze Pause und setzte russisch fort. Der Dolmetscher übersetzte. - Von heute an seid ihr frei! Genosse Stalin hat entschlossen, euch heimzulassen. Wählt eine neue, demokratische Regierung und baut euer Land wieder auf!

Da wurde Hoch gerufen und applaudiert, so dass der Major seine Rede nicht fortsetzen konnte, aber wir waren auch ohnedies höchst zufrieden. Wir fielen einander in die Arme, wie die Fußballspieler nach einem gut gelungenen Torschuss. Der Offizier versuchte noch ein paar Mal weiterzureden, da er aber nicht fortsetzen konnte, winkte er nur lächelnd mit der Hand, flüsterte dem Dolmetscher etwas ins Ohr und als dieser mit dem Kopf nickte, kehrte er sich um und verließ uns.

Als sich der Freudejubel etwas stillte, sagte der Dolmetscher:

- Liebe Mitbürger! Wie euch gesagt wurde, seid ihr keine Gefangene mehr. Ihr werdet von unbewaffneten Wachen begleitet. Die Wagons werden nicht verschlossen sein. Die sowjetischen Militärbehörden möchten euch um ein diszipliniertes Verhalten bitten, keiner soll vom Zug wegbleiben, denn ohne entsprechende Ausweispapiere werdet ihr bei den einheimischen Behörden Schwierigkeiten haben und diese Papiere werden euch erst in Szeged übergeben werden.

- Hörst du, Kálmán - schrie ich, voll Freude -, jetzt geht 's bis nach Hause, ohne Halt zu machen!

- Unglaublich - sagte mein Freund -, ich kann es gar nicht glauben.

Dann schaute er etwas traurig vor sich hin und seufzte:

- Der arme Laci, wenn er nur jetzt dabei sein könnte.

Inzwischen setzte sich die Menschenmenge in Bewegung, alle waren bemüht einen guten Platz zu finden.

- Kálmán, ich hätte eine Idee: das Wetter ist so schön, im Wagen wird es heiß sein, fahren wir lieber oben am Dach.

- Zuerst sollen wir den Wachenkommandanten fragen, ob man das darf, der Dolmetscher ist noch da.

Der Wachenkommandant sagte, wir können uns dort bequem machen, wo wir wollen, nur sollen wir vom Wagon nicht runterfallen.

Wir waren die ersten, die sich oben am Dach einrichteten, da war es bequem und schön luftig. Als wir von der Gesellschaft bemerkt wurden, kamen immer mehrere herauf, so dass das "Oberdeck" langsam voll wurde.

Noch waren wir mit der Anordnung unserer Plätze beschäftigt, als ein kleineres militärisches Lastauto sichtbar wurde, das ungefähr hundert Meter weit vom Zug anhielt. Aus der Fahrerkabine stieg ein Offizier aus, der ein Armband mit einem roten Kreuz trug. Er ließ den Wachenkommandanten zu sich kommen, sagte ihm etwas und übergab ihm ein Papier. Danach wurde der Hinterteil des Wagens hinuntergeklappt und man ließ einige Männer herabsteigen, manchen wurde dabei auch geholfen.

- Bei Gott, wenn ich nicht wüsste, dass Laci im Krankenhaus ist, würde ich sagen... Aber! Er ist es ja!!!

- Wirklich! Gehen wir ihm entgegen! Laci, alter Freund, komm hierher, da sind wir!

Laci sah uns froh an, er winkte und kam etwas schwerfällig auf uns zu. Als auch er wieder bei uns war umarmten wir ihn und fragten, wie es ihm gelungen war hierher zu gelangen.

- Wartet mal, Jungs, ich muss mich erst von dieser Freude erholen und dann werde ich euch alles der Reihe nach erzählen.

- Aber wie geht es dir? Noch immer hast du die Gelbsucht.

- Sagt mal, ist es euch kein einziges mal in den Sinn gekommen, meine Augen etwas näher zu betrachten?

- Wirklich - sagte Kálmán -, die sind nicht besonders gelb.

- Übrigens, geht es mir jetzt schon ziemlich gut - fuhr Laci fort -, und ich hoffe, dass ich bald wieder gesund sein werde.

Wir halfen ihm das Dach zu besteigen. Er sah sich um und atmete tief.

- Welch eine Aussicht hat man von hier oben!

Wir nahmen unsere Plätze ein und setzten uns.

Laci packte seine Sachen mit großer Sorgfalt aus, nahm das ihn stets begleitende Gebetbuch aus seinem Gepäck heraus und legte es auf seine ausgebreitete Decke, danach begann er, mit schelmischem Lächeln zu erzählen:

- Wisst ihr, immer wenn der russische Kollege in der Sprechstunde die schwereren Kranken auch selbst untersuchte, bemerkte ich, wie er sich vor den gelbsüchtigen Patienten fürchtete. Er berührte sie nie, wie vor Aussätzigen zog er sich von diesen zurück, und er ließ sie ins Lazarett abtransportieren. Einmal erkundigte ich mich nach einem Bekannten, der auch dorthin gebracht wurde. Der russische Kollege gab mir die Antwort, jeder gelbsüchtige Patient würde heimgeschickt, denn man gibt sich keine Mühe der Sache nachzugehen und auch sowieso sterben viele von denen, diejenigen die an Gallensteinen leiden müssten operiert werden und dafür gäbe es hier keine Möglichkeit und überhaupt, man könne hier nur gesunde Menschen brauchen. Er habe übrigens die Erfahrung gemacht, wenn in einem Lagerteil einer gelbsüchtig wird, dann kommen dort nacheinander mehrere fälle vor, als ob das eine Infektionskrankheit wäre. (Der russische Arzt wusste gar nicht wie recht er hatte, denn bald danach wurde das Virus der infektiösen Leberentzündung entdeckt.) Nach diesem Gespräch zerbrach ich mir ständig den Kopf darüber, wie man an Gelbsucht erkranken könnte. Wenn mir das gelingen würde, dann würde auch ich heimgelassen. Mir war eine ungefährliche Methode bekannt, man wird nämlich gelb, wenn man ständig Backkürbis ißt, aber wie hätte man dazu kommen können? Ich las tagelang dein pharmazeutisches Lehrbuch. Erinnerst du dich nicht, wie oft ich dich darum gebeten habe?

- Natürlich erinnere ich mich.

- Es gibt einige Medikamente, die in größeren Mengen eine leberschädigende Wirkung haben, aber über solche verfügte ich gar nicht und auch hätte ich es nicht zu riskieren gewagt. Nach mehrmaligem Lesen kam ich an die Stelle, wo über das Atebrin verhandelt wird.

- Du willst doch nicht sagen, du hättest davon eingenommen - wunderte ich mich -, dieses bei tropischen Krankheiten zur Bekämpfung von Malaria benützte Medikament?

- Doch, das habe ich eingenommen und ein bischen mehr davon als vorgeschrieben, bis meine Haut anfing, gelb zu werden.

- Aber auch das waren keine unschädliche Bonbons, diese Pillen.

- Das weiß ich schon und auch war es mir ein bischen bange, aber ich habe es gewagt und habe noch mehr gebetet.

- Da bleibt mir aber der Verstand stehen - sagte Kálmán -, und warum hast du mir darüber nichts gesagt?

- Ich habe schon daran gedacht, aber ich hoffte, dass es dir auch ohnedies gelingen wird, unter die Heimkehrenden zu geraten. Ich hätte dazu keinen Mut gehabt, mich mit einem Militärausweis aus dem ein Blatt herausgerissen war, vor den Ausschuss zu stellen, aber ich hatte die Absicht, solltest du zurückbleiben, dir dann meine "Methode" zur Verfügung zu stellen.

- Schönen Dank - lachte Kálmán -, da hast du mir eine gute Idee gegeben, sollte ich nochmals in Gefangenschaft fallen, dann werde ich auch an "Malaria" erkranken. Was sagst du dazu, Bandi? Wir beide dachten, Laci würde sich nur auf Gebete verstehen.

- Siehst du, Kálmán - sagte ich -, ich dagegen hätte keinen Mut gehabt zu dieser Sache mit dem Medikament. Aber jetzt sollst du keine Pillen mehr einnehmen, denn unser Zug ist in Richtung Westen aufgestellt.

- Fällt mir auch gar nicht ein, schon seit drei Tagen habe ich keine Tabletten mehr eingenommen und ich fühle mich jetzt auch ganz gut.

Inzwischen wurden, weiß Gott von wo, zwei ungarische Fahnen hergeholt und Blumen dazu, der Vorderteil der Lokomotive wurde damit geschmückt und so fuhren wir nach Ungarn ab. In den meisten Wagons wurde gesungen, wir waren ja so froh.

Es dunkelte schon, als wir in Brassó (Kronstadt) ankamen. Viele Menschen waren am Bahnhof, vor allem Ungarn, aber auch Rumänen. Allerlei, schon längst vergessene Lebensmittel wurden uns angeboten, Milch, Quark, Käse. Wir aßen alles gierig durcheinander und tranken auch von dem Zwetschkenschnaps, dem Zuika, es war ein Wunder, dass unser Magen diese unerwartete Üppigkeit aushielt.

Zufrieden standen wir um unsere Wagons herum, da redete mich jemand von hinten, in schlechtem deutsch an:

- Wie geht's, Doktor?

Ich schaute mich um und sah erstaunt unsere große dicke Feldscherin dastehen, die beim Hinweg zu unserer Wache gehörte.

Sie lächelte überaus freundlich und fragte mich, ob ich Lust hätte mit ihr einen Spaziergang zu machen.

Kálmán lachte.

- Geh' nur, bestimmt gefällst du ihr.

Was soll ich tun - überlegte ich es mir -, warum soll ich nicht gehen, ich könnte mich ja auch ein bischen unterhalten mit ihr. Aber fast hatte ich es bereut, denn die "Arme", die fast hundertzwanzig Kilo wog, dachte wohl, ich wäre auf Weibspersonen ausgehungert, obwohl sich die Sache gerade umgekehrt verhielt. Ich war froh, dass ich überhaupt existierte und es kostete mich ziemlich viel Mühe, bis ich sie dazu bewegen konnte, mit mir aus der Dunkelheit wieder ans Licht zu kommen.

Ich kehrte zu meinen Freunden zurück.

- Na, wie war 's? - fragte mich Kálmán lachend.

- Sei nicht blöd, ich bin für so einen Flirt durchaus nicht geeignet.

- Lasst den Scherz sein und kommt rauf aufs Dach - sagte Laci -, wie ich sehe, fahren wir bald los.

Es war eine angenehme, lauwarme Nacht, aber durch die bei der Fahrt auf uns heranströmende Luft wurde zwar unser Körper abgekühlt, doch unsere Freude war dadurch gar nicht beeinträchtigt. Wir konnten kaum schlafen. Früh am Morgen erreichten wir die ungarische Grenze, als wir am Grenzort, Lõkösháza ankamen, erwartete man uns mit einer heißen Kartoffelsuppe und wir wurden von unbekannten Frauen umarmt und geküsst.

In Békéscsaba hatte ich soviel Zeit, dass ich meinen Eltern ein Telegramm abschicken konnte. Der Postbeamte ließ mich nichts bezahlen, es ist auch wahr, dass ich vom Wert unseres damaligen Geldes keine Ahnung hatte. Für die mir geliehenen zehn Pengõ (ungarische Währung bis zum zweiten Weltkrieg, in der Nachkriegszeit fiel sie einer Hyperinflation zum Opfer) hätte man vielleicht nicht einmal ein Ei kaufen können.

Am Nachmittag, gegen fünf Uhr, erblickten wir die Türme unseres Domes, der Votivkirche. Mein Herz klopfte bis in den Hals. Der Zug kam am Rangierbahnhof an und fuhr nach einigen Verschiebungsmanövern bis zum Rókus Bahnhof weiter.

Als der Zug über die Isabellebrücke fuhr, bemerkten wir schon, dass sich eine riesengroße Menschenmenge am Bahnsteig hin und her bewegt.

Der Zug hielt.

- Ob man dich wohl erwartet? - fragte Kálmán.

- Hoffentlich haben sie das Telegramm bekommen - antwortete ich und war ganz aufgeregt.

Und dann sah ich das, was ich nie bisher sehen konnte: meine Mutter stand da, zusammen mit meinem Vater und meinem Pflegevater. Früher haben sie sich nie getroffen, sie mieden einander.

Meine Mutter rannte am Zug entlang. Wir befanden uns am Ende des Zuges, oben am Dach des vorletzten Wagens. Ich merkte, wie sie ungeduldig herumfragt und dann weiterläuft. Sie hatte mich nicht bemerkt, obwohl ich oben auf dem Dach stehend auf sie wartete.

- Mutter! Liebe Mutter! - rief ich und winkte. - Hier bin ich!

Da bemerkte sie mich. Sie blieb stehen, fast erstarrt und antwortete mir nichts, als wäre sie verstummt. Sie streckte mir nur beide Arme entgegen und ich sah, wie ihre Tränen am Gesicht herabflossen.

Da sprang ich herunter, ging auf sie zu und umarmte sie. Nur schwer konnte ich mich zusammenraffen.

- Siehst du, Mutter, was habe ich dir versprochen: in einem Jahr bin ich wieder da, und da bin ich auch.

Sie schluchzte und konnte kaum ein Wort herausbringen:

- Söhnchen, geht es dir gut? Bist du gesund?

- Es geht mir gut, nur Hunger habe ich.

- Ich habe dir gefüllte Hünchen bereitet und mit Quark gefüllte Palatschinken, in der Röhre überbacken, wie du es magst. Mein Gott, was soll ich dir noch sagen? Was soll ich mit den Mädchen anfangen, man hat mir auch aus Budapest und auch aus Esztergom geschrieben.

- Das sollst du mir überlassen, Mutter! Ich weiß schon, welche ich lieb habe. Komm, die beiden warten auch schon auf mich.

Ich wandte mich um und sah, wie sich meine Freunde auch schon zum Absteigen vorbereiteten.

- Geh nur - sagte Laci -, geh' mit deiner Familie, wir werden uns später in der Klinik schon treffen.

Und ich winkte ihnen nur zu, nahm meine Mutter am Arm und sagte noch zum Abschied.

- Servus! "Zu finft, Madschar!"

Sie lächelten und winkten.

- Servus, Gefreiter - antworteten die beiden -, und auf Wiedersehen!

Meine "beiden Väter" weinten auch, als ich mit meiner Mutter herankam.

Ich sagte meinem Vater:

- Sei jetzt nicht schwach, ich bin ja heimgekehrt.

Er wischte sich die Tränen aus den Augen.

- Das ist keine Schwäche, nur mir ist es eingefallen, dass ich dir vor drei Wochen deine letzte Zigarette weggenommen hatte.

- Dann kannst du es wieder gut machen und mir eine anbieten.

Meine Mutter ließ mich nicht los.

- Lieber Sohn, kannst du auch schon russisch?

- Das nicht, nur fluchen kann ich auf russisch. Aber wart' nur! Zwei Worte habe ich von einem kleinen mongolischen Soldaten erlernt!

- Und was wären diese zwei Worte?

- Wojna plachaja...

- Und was bedeutet das?

- Das bedeutet, dass der Krieg schlimm ist.

- Ja, da hatte der Mann recht, der Krieg ist etwas sehr Schlimmes...

- Ende -


*   Unter dem Originaltitel "Tétova esztendõ" erschienen
    1. Ausgabe: Magvetõ Könyvkiadó, Budapest, 1988. 324 p.
    2. Ausgabe: Agóra Print Kft., Szeged, 1996. 324 p.