Nachwort

Die Bibliothek des Johann Heinrich Bisterfeld und seiner Nachfahren

In seinem Buch über die frühneuzeitliche ungarische Buchkultur merkt István Monok in Bezug auf die Gelehrtenbibliotheken des 16. Jahrhunderts an, dass nur diejenige Bibliotheken dargestellt werden können, deren Besitzer entweder aus Ungarn stammten, aber den Großteil ihres Lebens im Ausland verbrachten und dort zu einer größeren Buchsammlung gelangen konnten (wie Zsámboky oder Dudith), oder Ausländer waren, die eine längere Zeit in Ungarn lebten und dementsprechend ihre Bibliotheken hier errichteten (wie Dernschwam und Bruto). Monok fährt fort: "In Hinsicht auf die Geschichte der eruditiven Bildungsentwicklung in Ungarn kann der Fakt als symptomatisch bezeichnet werden, dass die Geschichte der Gelehrtensammlungen in europäischem Sinne an der Wende des 16. und 17. Jahrhunderts als abgeschlossen gelten kann, und bloß Mitte des 18. Jahrhunderts wieder ansetzt, diesmal aber in korporativer Form." Nun, mit der Ausdehnung der zeitlichen Grenzen, wie sie in dieser gewissermaßen summarischen Bemerkung angedeutet sind, wird im folgenden ein bedeutendes Bücherverzeichnis analysiert, dessen Erst- oder Anteilbesitzer 1605 in Siegen geboren wurde, an westeuropäischen Universitäten studierte, und mit 25 Jahren nach Siebenbürgen kam, wo er 25 Jahre lang im Dienste der Herrscherfamilie Rákóczi, und zugleich der ungarischen Kultur stand. Es handelt sich um Johann Heinrich Bisterfeld.

Quellen

Zur Erforschung der Bibliothek von Bisterfeld stehen mehrere Quellen zur Verfügung: einerseits ein Buchkatalog von 247+18 Titeln, der im Nachlass von Bisterfeld in Hermannstadt [Nagyszeben] zu finden ist, andererseits die Briefe und Aufzeichnungen von Bisterfeld, in denen der Gelehrte über seine Erwerbungen Rechenschaft abgibt. Aufgrund letzterer lässt sich ein anderer Bibliotheksteil rekonstruieren, der den erwähnten Katalog entweder ergänzt oder eben überschneidet.

Der Katalog besteht aus zwei Teilen, dessen zweiter Teil die Aufschrift Consignatio exemplarium A(nno) 1655. die 3. M. (März oder Mai) trägt. Auf diesem Blatt wurden in 18 Titeln Lehrbücher von den Registratoren (Pál Csernátoni und Michael, dessen Nachname wegen der Beschädigung des Blattes unleserlich ist) aufgezählt, aus denen eine gewisse Menge von Exemplaren am gegebenen Tag zugänglich waren. Da die Registrierung kurz nach dem Tode von Bisterfeld (den 16. Februar) geschah - vielleicht gerade in Bezug mit seinem Tod -, kann die Annahme formuliert werden, dass Bisterfelds Hochschulstudenten diejenigen Lehrbücher zusammenschrieben, um die Bisterfeld sich kümmerte. Diesem Teil folgt ein Katalog einer Bibliothek, zu der keine Anmerkung hinzugefügt ist. Die beiden Kataloge stammen nicht von derselben Person. Die Liste mit den 247 Titel ist äußerst oberflächlich, hat keine Kopfleiste, die Autorennamen und Titel sind oft abgekürzt und ohne Sorgfalt angegeben. Das Inventar wird beim 247. Item, am Ende des Blattes abgebrochen oder beendet. Das Buchformat, der Name des Druckers und der Verlagsort werden überhaupt nicht angeführt. Das Erscheinungsjahr wird bloß neben Item Nr. 136 (an[no] 65), bzw. neben Item Nr. 196 (1661) angegeben. Da beide Daten einen späteren Zeitpunkt als der des Todes von Bisterfeld bezeichnen, bzw. es sich auch aufgrund der Analyse des Kataloges feststellen lässt, dass zahlreiche Werke im Katalog erst nach dem Tode des Gelehrten zum ersten Mal auf dem Büchermarkt erschienen, kann die Frage aufgeworfen werden, ob es sich hier überhaupt um das Inventar von Bisterfelds Bücher handelt oder von jemandem anderen. Im folgenden gehe ich diesem Problem nach, wobei ich nicht nur die Sammlungen von Bisterfeld, sondern auch die von seinen Gelehrtenkollegen erwähne.

Das Schicksal der Bibliothek Bisterfelds

Über das Schicksal von Bisterfelds Bibliothek verfügen wir über eine relativ geringe Zahl von Zeugnissen, trotzdem lässt sich aufgrund dieser zumindest skizzieren, was wohl mit der Bibliothek geschah. In seinem Testament erklärte Bisterfeld, dass die Bibliothek von seiner Tochter geerbt werden solle, bzw. mit dem Tode der Tochter solle sie vom Kollegium in Karlsburg [Gyulafehérvár] übernommen werden:

Meine Bibliotheca bleibe beysahmen, wo meine Tochter stirbt, sei dieselbe dem Collegio, gleichwoll stehe es Petro frey davon zu nehmen, wellche ihm belieben, so woll für sich, als zur Ausdruckung meiner Bücher.

Da die Tochter im selben Jahr verstorben ist, wurde die Bibliothek vom Kollegium in Karlsburg [Gyulafehérvár] geerbt, mit der Bedingung, dass ein gewisser Peter diejenigen Bücher für sich auswählen kann, die ihm belieben, und sogar über die Publikationsrechte von Bisterfelds Werken verfügen darf. Wie es aus den zeitgenössischen Quellen hervorgeht, war Peter Wiederstein (ein aus Nassau nach Siebenbürgen übersiedelter Neffe) ein Vertrauter des Professoren Bisterfeld, ein zuverlässiger und gebildeter junger Mann, dessen Ausbildung Bisterfeld besondere Aufmerksamkeit schenkte, und den er wohl in seinen privaten Angelegenheiten mehrere Male in den Westen schickte. Es ist auch anzunehmen, dass Peter Wiederstein die interessantesten, seltenen und hochwertigen Exemplare für sich benaspruchte. Ein anderer Teil der Sammlung gelangte in die Bibliothek der Hochschule zu Karlsburg [Gyulafehérvár], deren Bestand, der nach dem Tartareneinfall 1658 erhalten blieb, vom Kollegium in Enyed geerbt wurde. Die Plausibilität dieser Behauptungen wird auch dadurch unterstützt, dass in der heutigen Bibliothek des Kollegiums in Enyed sogar zwei von Bisterfelds Bücher - mit Possessoreintragungen - von Zsigmond Vita aufgefunden wurden:

1. Patricius Franciscus Discussionum peripateticarum libri ..., Venetiis, 1572, in 2 (Kolligat)

2. Oliver Seress: Le Theatre d'Agriculture et Mesnage Des Champs, Genevae, 1629, in 8

Über die Bibliothek des Michael Halicius

Es ist anzunehmen, dass der dritte Teil der Sammlung andere Gelehrte bereichert haben mag, und zwar durch Ankauf oder Entwendung. Wie anders hätte wohl ein Student aus Enyed, der spätere Schulrektor von Broos [Szászváros] Michael Halicius zu den Manuskripten von Bisterfeld, Johann Heinrich Alsted und Ludwig Philipp Piscator kommen können? Es sind nämlich die folgenden interessanten Titel in seinem Buchkatalog zu finden:

152. Explicatio Logicae Bisterfeldii, manuscripta 8°

190. Corpus Theologiae, manuscriptum Bisterfeldii et Alstedii 4°

375. Viviradix Theologiae

Mysterium Pietatis Ostensum, et

Janua Lucis ac Salutis, simul, in 4to scriptum

378. Quaedam Institutiones Logicae,

Logica Bisterfeldii, et

Ortoria Sacra, simul, in 4to scriptae

394. Alphabetum Philosophiae Bisterfeldii, in 4to

Die oben erwähnten Item müssen alle Manuskripte gewesen sein, wobei die Handschrift mit dem Titel Mysterium Pietatis Ostensum von besonderer Wichtigkeit ist, denn dies muss die von Bisterfeld angedeutete Fortsetzung von De uno Deo... Mysterium Pietatis (Leiden, 1639) sein, die nie im Druck erschienen ist. Es ist wohl auszuschließen, dass von diesen Schriften gerade Halicius in Bisterfelds Vorlesungen Notizen hätte machen können, da er zur Zeit von Bisterfelds Tode erst 12 Jahre alt war. Es ist eher anzunehmen, dass der vielseitige und gebildete Halicius die Manuskripte von Bisterfeld (bzw. von Johann Heinrich Alsted und Philipp Ludwig Piscator) später erlang. Neben diesen tauchen auch weitere "verdächtige" Werke bei Halicius auf. Wie konnte wohl das als Rarität geltende Werk von Comenius Pansophiae prodromus (Nr. 48), oder das in den Bücherverzeichnissen vom Karpatenbecken bloß stellenweise vorkommende Utopia von Thomas Morus (Nr. 362.) und die chiliastische Schrift Clavis Apocalyptica von Joseph Mede (Nr. 205.) in den Besitz von Halicius gelangen? Sehr imposant erscheint die Lehrbuchreihe, besonders die Werke von Comenius, wie auch die große Anzahl der theologischen Schriften. Noch bemerkenswerter sind Raritäten, die unter die Klasse Libri medici, physici eingereiht wurden. Für außerordentlich kann die Alsted-Sammlung gelten, aufgrund derer darauf geschlossen werden kann, dass Halicius die Bücher aus einer gut aufgebauten und reichen Bibliothek ausgewählt hat: es sind im Verzeichnis etwa 40 Werke von Alsted zu finden. Keine der öffentlichen und privaten Bibliotheken im Karpatenbecken verfügte zu der Zeit über so eine Alsted-Sammlung. Halicius konnte kaum so eine große Bibliothek von seiner Familie geerbt haben, bis 1674 verließ er Siebenbürgen überhaupt nicht, und Tatsache ist auch, dass die größtenteils in den 1610er und 20er Jahren veröffentlichten Werke von Alsted äußerst schwierig in Siebenbürgen der 1660er Jahre anzuschaffen waren. Daraus lässt sich folgern, dass Halicius die Bücher und die Manuskripte aus dem Nachlass eines der deutschen Professoren angekauft oder erworben hat.

Die Bibliothek des Johann Heinrich Alsted

Es wäre natürlich von Vorteil, wenn wir wissen könnten, was mit der Bibliothek von Alsted, der im November 1638 in Siebenbürgen starb, geschah. In seinem Testament, das vor kurzem gefunden worden ist, verordnete er nämlich, dass seine Bücher und Manuskripte verbrannt werden sollten. Die Frage ist, ob dies tatsächlich geschah. Aus der Beschreibung des Gegenzeichners des Testamentes und Augenzeugen des Todes von Alsted, István Geleji Katona geht hervor, dass Alsted in einem seiner letzten Anfälle alle seine Schriften vernichten wollte. Die Schriften wurden vor der Vernichtung, im Abtritt gerettet. Man wartete auf Bisterfeld, damit sie "bloß nicht in den vielen Anfällen des Kerzenzündens und der Unruhe so schmählich untergehen", und damit Bisterfeld entscheidet, ob einige aus den Schriften noch nützlich werden könnten. Es kann also beinahe als sicher gelten, dass die Bücher und Manuskripte doch nicht verbrannt, sondern bei Alsteds Frau oder Bisterfeld aufbewahrt wurden. Was danach mit ihnen passierte, ob sie vielleicht die Witwe Ende 1647 nach Herborn mitnahm oder eben der Sohn bei sich in Siebenbürgen behielt, muss dahingestellt bleiben.

Von der Größe und Qualität der Bibliothek zeugen auch die Werke von Alsted, die Zitate und Kompilationen aus den Schriften verschiedenster Autoren in einer unglaublichen Anzahl beinhalten. Alsted muss natürlich auch die Bibliothek der Herborner Hochschule benutzt haben, es ist jedoch anzunehmen, dass er eine bedeutende Privatsammlung besaß. Im Oktober 1620, nach dem Tod von Alsteds Schwiegervater, dem namhaften Herborner Drucker Christoph Corvinus, wurde das Erbe unter den Familienmitgliedern aufgeteilt, so kam auch ein Teil davon zu den Alsteds. Die in Herborn errichteten Bibliotheken wurden sowohl von Alsted, wie auch von Bisterfeld nach Siebenbürgen gebracht. Es kam zwar zu einem unangenehmen Zwischenfall, denn während der Übersiedlung nach Siebenbürgen wurden die Passagiere überfallen und ausgeraubt, wobei auch Bücher gestohlen wurden. Heute jedenfalls befindet sich in der Wiener Universitätsbibliothek ein Kolligat mit der Possessoreintragung von Alsted. Diese Frage ist auch deshalb von Wichtigkeit, weil die siebenbürger Bibliothek von Alsted (und natürlich von Piscator) für Bisterfeld genauso zugänglich war, wie die Sammlung von Bisterfeld für seinen Schwiegervater. Die gemeinsame Nutzung, oder sogar Vereinigung der Bibliotheken erscheint in der Hinsicht besonders logisch, da die Professoren in Siebenbürgen sowohl auf die Gesellschaft der anderen, wie auch auf die Bibliotheken der Kollegen gegenseitig angewiesen waren. Die Bibliothek von Alsted, wenn sie mit den zeitgenössischen Gelehrtenbibliotheken verglichen wird, kann sogar mehrere Tausend Bände besessen haben. Nach seinem Tode wurden sowohl die Immobilien als auch die Mobilien unter den Erben, d.h. den drei Kindern aufgeteilt - dieses Schicksal muss wohl auch der Büchersammlung zuteil geworden sein. Es ist jedoch auch vorstellbar, dass die Bibliothek als Ganzes bei der Witwe Alsteds erhalten geblieben ist, zu der die Kollegen und Verwandten weiterhin Zugang finden konnten. In Angesicht dieser gegenseitigen Benutzung von Bibliotheken, erscheint es als natürlich, dass die Kollegiumsbibliothek, wie auch die Fürstliche Bibliothek für Bisterfeld offen stand. Auch Alsted schickte merkwürdige Bände an György Rákóczi, womit er auch an der Bereicherung der Fürstlichen Bibliothek in Karlsburg [Gyulafehérvár] teilnahm. Davon legt auch István Tolnai - der Pfarrer des Fürstes - in einem seiner Briefe an György Rákóczi Zeugnis ab:

Das Bild der Kirche in Jerusalem sah ich nirgendwo in den Bücher des gnädigen Herren, aber in denjenigen, die in die Bibliothek von Karlsburg [Gyulafehérvár] von Herrn Alstedius geschickt worden.

Nach einer anderen Aufzeichnung lieh Bisterfeld einem seiner Studenten ein Buch gerade aus der Fürstlichen Bibliothek ("Dedi Czernatfalvi studioso Biblia Junii in folio ex Bibliothecam Principis"), was als Beweis dafür gelten kann, dass der Fürst auch hinsichtlich dieser Bibliothek Bisterfeld Vertrauen schenkte.

Die Bucherwerbungen Bisterfelds

Die Bereicherung von Bibliotheken konnte auf mehreren Wegen erfolgen: neben Vererbung und Ankauf - da Bisterfeld als Gelehrter tätig war - spielten auch die Geschenke von Gelehrten und Kollegen eine große Rolle.

Bisterfelds Eltern stammten aus bekannten Gelehrten- und Theologenfamilien: seine Mutter war eine Schickhard-Tochter, sein Vater Johannes Bisterfeld ein bedeutender Theologe und Lehrer in Herborn. Ihre Nachfahren müssen wohl eine kleinere Bibliothek geerbt haben. Weitere Bände wurden auf den Auslandsreisen von Bisterfeld selber gekauft: in Hinsicht auf die Bewerbungen lässt sich bereits zu dieser Zeit, bzw. direkt nach den Universitätsjahren Bisterfelds enge Zusammenarbeit mit Alsted verfolgen. Von seinen Aufenthaltsorten in Universitätsstädten schrieb er gern seinem Gönner über seine Erfahrungen und Lektüren. Aus Grave z.B. - und das, wahrscheinlich auf den ausdrücklichen Wunsch von Alsted, eine besonders auserlesene Bibliothek zusammenzustellen - schickte Bisterfeld den Titel einer seiner neueren Anschaffungen. Es handelt sich um ein Werk eines Anhängers von Lull, den 1613 in Tarassona und später 1619 herausgegebenen Kommentar von Padro Jeronimo Sánchez de Lizarazu Generalis et admirabilis methodus ad omnes scientias facilius et citius addiscendas, in quo explicatur Ars brevis Raymundi Lulli (Lauayen, in 8°).

Auch in Siebenbürgen hielt die Vermehrung der Bibliotheken nicht an. Das nächste Zitat zeugt davon, dass Bisterfeld ganz genaue Kenntnisse davon hatte, wenn ein wertvolles Buchmaterial nach Siebenbürgen kam, und er bemühte sich, die Sammlung zu erlangen, oder zumindest daraus einige Exemplare auszuwählen. So ist es auch geschehen, als er in Patak erfuhr, dass die Bücher des verstorbenen ungarischen Arztes Máté Csanaki aus Danzig nach Hause gebracht werden. Wahrscheinlich sagte er an den Pataker Pfarrer, István Tolnai, dass er sich einige Bücher aus der Sammlung erwerben möchte, denn der Pfarrer schickte folgende Notiz an den Fürsten:

Der Herr Pisterfeldius soll sich nicht wegen der Bücher des Herren Csanaki grämen, denn ich ließ sie nach Patak bringen.

Bisterfeld konnte zwar keine Bücher aus der Sammlung von Csanaki erhalten, denn György Rákóczi ließ sie in seine Pataker Privatbibliothek, bzw. nach Siebenbürgen bringen, aber es ist möglich, dass er aus der Sammlung von anderen einige Exemplare bekommen konnte.

Bisterfeld kaufte zahlreiche Bücher während seiner Reise in Westeuropa in den Jahren 1638 und 1639, als er neben seiner Tätigkeit als Diplomat auch für seine Pläne als Gelehrter Zeit zu finden versuchte. In der zweiten Hälfte des Jahres 1638 führte er Verhandlungen mit den Elzeviers aus Leiden über die Veröffentlichung des De uno Deo dies lässt die Annahme zu, dass ihm die Materialien des Verlags bekannt waren. Konnte er von der Sensation des Jahres bescheid wissen, nämlich von dem aus Italien insgeheim ins Ausland gebrachten Manuskript von Galilei, dem Discorsi, das Anfang 1638 bei den Elzeviers veröffentlicht wurde? Es konnte kaum der Aufmerksamkeit von Bisterfeld, dem großen Kenner und Lehrer der Physik entgangen sein. Unser Verdacht könnte sich dadurch bestätigen, dass Bisterfeld, der sonst äußerst wenige Autoren in seinen Werken erwähnt, in einer seiner Schriften gerade Galilei zitiert. Auch Marin Mersenne, der gerade zu dieser Zeit an der Übersetzung der Discorsi arbeitete, einer von Bisterfelds Briefpartner war.

Der Brief an Samuel Hartlib, den Bisterfeld im Herbst 1638 schrieb, zeugt von zwei besonders wichtigen Tatsachen: einerseits von der Vertrautheit Bisterfelds mit den Angelegenheiten des englischen Hartlib-Kreises, andererseits von seinen guten persönlichen Kontakten und dem intensiven Interesse für die Vorgänge an niederländischen Universitäten und in Gelehrtengesellschaften. Diejenigen Denker, die sich um Samuel Hartlib (1600-1662) versammelten, formulierten solche Pläne, die darauf abzielten, die wissenschaftlichen Errungenschaften in den Dienst des Staates und des Gemeinwohls zu stellen. Diese lose, vor allem auf Briefwechsel basierende Gesellschaft war über die neuesten wissenschaftlichen Entdeckungen am besten informiert. Die Mitglieder lenkten - miteinander wetteifernd - die Aufmerksamkeit der anderen auf seltene Manuskripte oder auf die zunächst erschienenen Neuigkeiten. Damit ist auch die Tatsache zu erklären, warum so viele Namen, Informationen und Buchtitel im Bisterfelds Brief an Hartlib auftauchen, der im Rahmen der vorliegenden Studie nicht analysiert werden kann, sehr wohl aber einen äußerst wertvollen Beitrag in Hinsicht auf die Lektüre Bisterfelds liefert. Die Hauptthemen des Briefes beziehen sich auf Bacon, Comenius, den Lullismus, auf die Mathematik und auf einzelne theologische Fragen. Francis Bacon übte auf Bisterfeld zweifellos einen mächtigen Einfluss aus. Er war mit ihm hinsichtlich der Abrechnung mit den Götzen - d.h. mit den alten Philosophen - völlig einverstanden, jedoch hatte er seine Zweifel in Bezug auf Bacons Methoden, denn im Falle von philosophischen Fachwörtern konnte man durch tabula rasa keinen Neuanfang sichern. Er lies Bacons Werke bereits seit seiner Reise nach England mit großem Eifer und er empfahl sie den Kollegen. Er lieh Comenius' Werk Praeludia Conatuum noch in Siebenbürgen von Alsted aus, und er wusste auch, dass Comenius gerade an seiner Pansophie, d.h. am selben Thema wie Bisterfeld, mit Hartlibs Unterstützung arbeitete. Der katalonische Philosoph Lull kam vor allem in Folge von seiner Kombinatorik und der kabbalistischen Lehre in den Gesichtskreis Bisterfelds. Auf der Reise nach Paris schaffte er sich für zwei Florenus das Werk Arbor Scientiae von Lull an, das er auch Hartlib empfahl, bzw. ein anderes Büchlein von Pierre Morostel, einem unbedeutenden Lull-Plagiator, das Regina omnium Scientiarum. Der Grund, warum Bisterfeld die Forschungen in der Mathematik mit großem Interesse verfolgte, war, dass er bestimmte mathematische Methoden in allen anderen Wissenschaftsdisziplinen für anwendbar hielt. Unter den englischen Mathematikern erwähnte er John Pell (1611-1685) und ein Werk von Wilhelm Oughtred (1575-1660): Oughtred veröffentliche 1631 in London seine Arithmetik, die 1633 um einen neuen Teil ergänzt wurde. Im Jahre 1636 legte er sie in einer detaillierteren Fassung vor.

Ein anderer im Brief vorkommender Name ist der von Isaac Beeckman (1588-1637) - Hartlib fragte, ob Bisterfeld seinen Werken bereits begegnet war. Der aus einer Hugenottenfamilie stammende Beeckman war eine außergewöhnliche Persönlichkeit: er hatte in einer holländischen Kleinstadt am Meeresufer eine Werkstatt für den Bau von Wasserleitungen, aber er verzichtete auf seinen Beruf, um sich mathematischen und physischen Forschungen widmen zu können. Im Jahre 1626 gründete er das Collegium mechanicum, um dort mit gebildeten Freunden über Fragen der Wissenschaft und der Physik zu diskutieren. Er genoss beim Stadtrat in Dordrecht ein so hohes Ansehen, dass 1628 in einem der Türme der Schule ein kleineres Observatorium für ihn errichtet wurde. Keine seiner Arbeiten erschien zu seinen Lebzeiten, aber 1644 veröffentlichte sein Bruder das Tagebuch, das Beeckman zwischen 1610 und 1634 führte. Aus diesem Tagebuch geht hervor, dass es Beeckman war, der den jungen Descartes 1618 in verschiedene mathematische und naturphilosophische Themen einführte, und dass ihre Beziehung auch später aufrechterhalten blieb. Beeckman wurde 1629-1630 auch von Gassendi und Mersenne aufgesucht, die sich für seine wissenschaftlichen Forschungen interessierten. Aus diesen Umständen folgt, dass Bisterfeld die Bücher von ihm nie sehen konnte, aber - wie er schreibt - war ihm die Person Beeckman umso mehr bekannt. Auf diese Bekanntschaft geht er im weiteren nicht detailliert ein, aber wir wissen, dass auch Gassendi und Mersenne durch denjenigen Andreas Rivetus in den Bekanntenkreis von Beeckman gelangten, der Bisterfelds wichtigste Gönner im Westen war.

Auch andere wichtige Bücher, die nach den neuesten Anschauungen verfasst waren, erreichten Bisterfeld. Nicht nur, dass er die 1637 herausgegebene Discours de la Méthode von Descartes bereits im Jahre 1638 lies, sondern sie auch mit einer scharfen Kritik bewertete: er hielt Descartes' Methode nicht ausreichend dafür, dass jemand durch sie gebildet genug werde. In Hinsicht auf die Mathematik und Physik bezeichnete er das Werk als hervorragend. Bisterfeld sagt vom Utrechter Philosophieprofessoren Henri Reneri (1593-1639), er sei "wie für Descartes, so auch für mich ein Vertrauter". Was die Naturwissenschaften betrifft, gehörte Reneri tatsächlich zu den Bewunderern von Descartes, aber im Bereich des Unterrichtes beabsichtigte er keineswegs, Descartes' Lehren zu folgen. Wahrscheinlich kannte Bisterfeld auch den Leidener Professoren Jacob Golius (1596-1677), den er gleichfalls als den Freund von Descartes erwähnt.

Der Kalvinist Bisterfeld erweist sich in Sachen Theologie überraschend weit blickend. Mit Neugier und Diskussionsbereitschaft blättert er in den Werken des zeitgenössischen englischen Theologen William Twisse (1578?-1646), und versucht, durch Hartlib zu den Schriften des ebenfalls englischen Theologen Thomas Bradwardinus zu kommen. Mit Hartlib ist er in Hinsicht auf Nützlichkeit solcher Hauptwerke des deutschen Spiritualismus einverstanden wie z.B. die Schriften von Johann Tauler oder die Theologia Deutsch. Er kannte auch die Schriften des gerade in Danzig wirkenden Paul Felgenhauers, der sich für einen Propheten ausgab, und meistens als ein Irre abgetan wurde. Seine Schriften hielt Bisterfeld für diabolisch.

Eine andere - und zugleich die einfachste - Form der Buchanschaffungen war, dass Bisterfeld oft Adressat von verschiedenen Buchsendungen war. Die erhalten gebliebenen Briefe bezeugen, dass er grundsätzlich aus zwei großen Quellen Bücher erhielt: einerseits aus dem niederländischen Freundeskreis, aus der Richtung Leiden-Amsterdam-den Haag (Andreas Rivetus, Friedrich Spanheim), andererseits von der Hartlib-Gesellschaft (Johann Amos Comenius, Samuel Hartlib, Cyprian Kinner, John Pell). Charakteristisch ist die folgende Textstelle aus einem Brief an Comenius:

Varios tractatus a Domino Hartlibio accepi, literas nullas: sed vicem eius functus fuit Dominus Rulicius. Agam de eo cum Principe prima occasione, tumque biennii silentium rumpam. Addam quoque reriorum meorum librorum catalogum, eo fine, ut vestra benevolentia, meo aere, illum in posterum augeat.

Aber auch andere schickten ihm ihre eigenen Werke und andere Neuigkeiten - Paradebeispiel für diese Art der Bibliotheksbereicherung war Marin Mersenne, der Bisterfeld mit dem Manuskript seiner Untersuchungen zum Magnetismus zu erfreuen versuchte. Es sind auch Quellen vorhanden, laut derer sich auch ein mitteleuropäischer heterodoxer Kreis bemühte, mit Bisterfeld in Beziehung zu kommen, und dass der Kreis interessante Traktate und Flugschriften nach Siebenbürgen Alsted und Bisterfeld zukommen ließ.

Bisterfelds Einfluss auf den Bucherwerb von Zsigmond Rákóczi

Zwischen Bisterfeld und Zsigmond Rákóczi entwickelte sich in der ersten Hälfte der 1640er Jahre eine innerliche, ernste, freundschaftliche Beziehung. Sie pflegten eine rege Korrespondenz besonders nach dem Tod von György Rákóczi I. Bisterfeld teilte seine Meinung dem Prinzen in Fragen der Politik mehrmals mit, er unterstützte ihn in seinen Studien, so z.B. als Zsigmond Französisch zu lernen begann. Auch Bisterfelds Rolle in der Organisation der Hochzeit des Prinzen ist bekannt, und natürlich empfahl er ihm mehrmals Bücher, im Jahre 1649 z.B. Bacons Augmentis Scientiarium, Campanellas Arbores metaphysicas und verschiedene Werke von Comenius.

Die Frage ist es, ob diese Werke in Zsigmonds Bibliothek vorhanden waren. Auf den Regalen und in Kisten fand man Tommasso Campanellas Universalis philosophiae seu opus Metaphysicarum, Philosophia rationalis und Astronomia, Bacons Novum Organum und Silva Silvarum, bzw. mehrere Sprachlehrbücher von Comenius.

Aber es kam auch vor, dass gerade Bisterfeld Bücher von Zsigmond erhielt, so schickte Zsigmond nach Karlsburg [Gyulafehérvár] das neulich in Bartpha [Bártfa] veröffentlichte Werk von Pál Medgyesi Dialogus politico-ecclesiasticus. Medgyesi schrieb diese Streitschrift über die Presbyterien im Auftrag von Zsigmond: die kirchenpolitische Frage der Presbyterien sorgte für Spannungen innerhalb der reformierten Kirche bereits seit dem Ende der 1630er Jahre. Bisterfeld selber spielte eine wichtige Rolle im Herausbilden des Puritanismus in Ungarn und Siebenbürgen, er musste also die diesbezügliche Streitschriftenliteratur gut gekannt haben. Aber im allgemeinen mag er wohl auch die Literatur und die Autoren aus Siebenbürgen, und sogar aus weiteren Regionen verfolgt haben, wie die Werke von István Geleji Katona und Pál Keresztúri, zumal er zu mehreren von diesen Schriften Widmungen und Begrüßungsgedichte verfasste. Mit dem Mathematiker und Astronomen David Fröhlich aus Ober-Ungarn führte er auch einen intensiven Briefwechsel.

Nach diesem Überblick der Buchanschaffungen von Bisterfeld soll im folgenden das Verzeichnis konkret analysiert werden. Inwieweit wird die oben skizzierte Eruditio in den im Katalog auffindbaren Werken widerspiegelt?

Beschreibung der Bibliothek

I. Die Größe der Bibliothek

Obwohl der Abschreiber insgesamt 247 Werke auflistet, es kommt mehrmals vor, dass zu einem Item auch mehrere Werke zugewiesen werden: so z.B. unter Nr° 159. befinden sich gleich zwei Werke von Borelli, unter Nr. 131 gleichfalls zwei Werke von Campanella, bzw. unter Nr° 150. findet man zwei Schriften von Christoph Wittich. Es ist auch nicht bekannt, ob es sich um Kolligate, bzw. Verlagskolligate handelt, von denen bloß die jeweiligen ersten Stücke angegeben wurden. Demgegenüber finden wir auch solche Fälle, wo der gleiche Titel zweimal vorkommt: so das Werk Idololatria von Vossius (Nr° 62. und 185.) oder Julius Caesar Scaligers Exercitationum (Nr° 1. und 188). Wir können auf jedem Fall mit mehr als 247 Werken rechnen.

Leider konnten nur relativ wenige aus den Titeln vollständig identifiziert werden. Der Grund dafür ist, dass der Abschreiber in zahlreichen Fällen nur den Namen des Autors angibt, wie z.B. im Falle von Coelius Rhodiginus (Nr° 6.) oder von Aristoteles (Nr° 14.). Dies bezieht sich vor allem auf die Autoren der Antike und des Humanismus. An anderen Stellen findet man zwar der abgekürzte Titel des jeweiligen Werkes, aber oft waren so viele verschiedene Ausgaben in der frühen Neuzeit vorhanden, dass es beinahe unmöglich ist, all die Ausgaben aufzulisten: dies gilt z.B. für Ciceros De natura Deorum (Nr° 4.) oder für Cardanos De subtilitate (Nr° 187.). Natürlich waren trotzdem einige Werke vollständig identifizierbar, wie beispielsweise die Frankfurter Gesamtausgabe von Bacons Werken aus dem Jahre 1665, denn der Abschreiber notierte hier die Jahreszahl neben dem Namen des Autors und dem Werktitel (Nr° 136.), oder das Werk Centuria von Joachim Camerarius aus 1661, gleichfalls aus Frankfurt (Nr° 196.). Man konnte die Identifizierung mit beinahe völliger Sicherheit im Falle von denjenigen Titeln festlegen, bei denen - meines Wissens - das jeweilige Werk nur einmal im Laufe des XVII. Jahrhunderts veröffentlicht wurde: z.B. bei Heinrich Nolles Physica Hermetica (Nr° 18.) ist bloß eine Hanauer Ausgabe aus dem Jahre 1617 bekannt. In bestimmten Fällen, wo es sinnvoll war, gab ich auch die Daten der zweiten Ausgabe an. Ungefähr die Hälfte der so identifizierten Ausgaben (etwa 80 Werke, d.h. 15-18% der 247 Item) stammen aus den Jahren nach 1655, aus den Jahrzehnten nach Bisterfelds Tode. Die beiden spätesten Werke sind aus dem Jahre 1688 - eines von ihnen wurde für den französischen Adel verfasst, und ist die klassische Pariser Ausgabe der gesamten Werke von Apuleius mit den Kommentaren von Julianus Floridus (Nr° 46.), das zweite ist Caspar Cramers Collegium Chymicum (Nr° 244.). Daraus lassen sich zwei wichtige Schlussfolgerungen ziehen:

1. der Katalog wurde nach 1688 zusammengestellt,

2. die hier aufgezeichnete Bibliothek gehörte nicht Bisterfeld.

II. Sprachliche Zusammensetzung der Bibliothek

Die Mehrheit der identifizierten Titel ist in lateinischer Sprache verfasst. Auch dort, wo nur der Name des Autors bekannt ist, kann mit guten Gründen angenommen werden, dass auch diese Werke auf Latein verfasst waren, denn es handelt sich um antike und humanistische Autoren. Es können nur wenige Ausnahmen erwähnt werden: man findet mehrere deutschsprachige Werke - z.B. Abraham Rogerius Offne Thür zu dem verborgenen Heydenthum (Nr° 43.), Johann Daniel Majors See-Farth (Nr° 206.) und der Lustige Schawplatz von Polus (Nr° 209.), auch mehrere französischsprachige - Le Journal des Sçavans (Nr° 200.) und ein Werk von Bernier (Nr° 242.), und ein italienischsprachiges - Ferrante Imperatos Dell'Historia Naturale (Nr° 186.). Daraus lässt sich folgern, dass der Besitzer der Bibliothek bewandert sein musste in der lateinischen und deutschen, und vielleicht auch in der französischen und der italienischen Sprache.

III. Inhaltliche Eigenschaften der Bibliothek

Traditionen und Kommentare: Schwerpunkt Aristoteles

In der frühen Neuzeit basierte der Schulunterricht vor allem auf den Werken von Aristoteles. Dies bedeutet, dass seine Terminologie, Methoden, Klassifikationen und Definitionen verwendet wurden, auch wenn in einer modernisierten und christianisierten Form. Aristoteles ist im Verzeichnis zwar nur mit einem Werk vertreten (Nr° 14.), aber umso mehr sind Kommentare zu seinen Werken zu finden: der bedeutendste von ihnen ist das Werk von Alexandros Aphrodisiensis (Nr° 100. und 217.), der die Lehren von Aristoteles in einer naturalistischen Richtung modifizierte, während der arabische Philosoph Averroës den Lehren eine reinere Form verlieh (Nr° 101.). Philoponus (Nr° 220.) und Ephesius (Nr° 221.) waren namhafte Kommentatoren aus dem Mittelalter. Im Verzeichnis ist die Präsenz der frühneuzeitlichen Rezeption der Werke von Aristoteles viel bedeutender, und das in einer vielfältigen Form: der heftige Prediger und Reformator Savonarola zählt in der Philosophiegeschichte zu einem der Anhänger von Aristoteles (Nr° 122.), während die kritischen Kommentare des Humanisten Barbaro, die er aufgrund von Originaltexten verfasste, ergeben bereits feine Unterscheidungen (Nr° 111. und 232.). Die spanische Universität in Coimbra versah zahlreiche Werke von Aristoteles mit Kommentaren, die auch in protestantischen Gebieten weit verbreitet waren (Nr° 228.), wie auch die im Geiste der Scholastik verfassten Werke des spanischen Jesuiten Pereira (Nr° 115.), bzw. des Kapuzinermönchs Franciscus Titelmannus (Nr° 113.). Der vom Franz I. berufene Professor Vimercati in Paris (Nr° 173), der Arzt des spanischen Herrschers Philipp II., Valles, in Madrid (N° 156.) sind heute Klassiker zur aristotelischen Physik. Jean de Launoy gehörte in französischen Gelehrtenkreisen nicht zu den gewöhnlichen katholischen Theologen: er griff auf historisch-kritischer Grundlage intensiv die Legenden der Märtyrer und Heiligen an, weshalb er auch als Heiligenmörder bezeichnet wurde. Seine Pariser Streitsitzungen wurden 1676 auf königlicher Verordnung verboten (Nr° 97.).

Auch protestantische Gelehrte trugen der Aufrechterhaltung der neuaristotelischen Philosophie bei: wie z.B. David Chytraeus von der Rostocker Universität (N° 116.), oder einer der bedeutendsten protestantischen Metaphysiker Clemens Timpler (Nr° 127.), bzw. Jacob Schegk (Nr° 231.). Der in Strassburg zuerst Medizin lehrende Havenreuter vertiefte sich später in der Physik und der Philosophieforschung so sehr, dass er dank seiner Ansichten auch als der zweite Aristoteles genannt wurde (Nr° 223.). Melchior Zeidler, Theologieprofessor in Königsberg, schrieb ein Lehrbuch zu den Werken Aristoteles (N° 96. und 163.). Der Schotte Boate formulierte bereits bedeutende Einwände (Nr° 236).

Natürlich erlebten auch andere hellenistische Strömungen ihre Blütezeit im XVI-XVII. Jahrhundert: die Stoiker sind im Verzeichnis mit Seneca (Nr° 5.) und mit zwei grundlegenden Werken von Lipsius (Nr° 93. und 94.), die Skeptiker mit einem Werk von Diogenes Laertios (Nr° 15.), und mit Ciceros Academia vertreten (Nr° 90.), bzw. mit dem Adversus mathematicosa von Sextus Empiricus, der eine der wichtigsten Quellen der Geschichte des Skeptizismus in der frühen Neuzeit ist (Nr° 38.).

"Libertas philosophica" versus "philosophia recepta"

Der markanteste und wichtigste Teil des Verzeichnis wird von denjenigen modernen philosophischen Werken gebildet, die in der Geschichte des frühneuzeitlichen Denkens - gegenüber der oben aufgezählten - die meisten Veränderungen hervorriefen. Äußerst spannend ist die Anwesenheit der italienischen Häretiker Giordano Bruno und Campanella an der Seite von solchen Erneuerern der englischen Philosophie wie Bacon, Hobbes und Robert Boyle. Andererseits ist bewundernswert die Reihe der Werke von Descartes und von der ihm folgenden cartesianischen Generation. Unter ihnen ist besonders Spinoza hervorzuheben. Betrachten wir zunächst die italienischen Autoren:

Natürlich fällt gleich Cardano ins Auge (zwei Item: Nr° 133. und 187.), mit dem der Kampf gegen die scholastische aristotelische Auffassung ansetzte. Aus wissenschafts-geschichtlicher Sicht ist vielleicht Telesio (Nr° 129) von noch größerer Bedeutung, der "den ersten ernsten Versuch unternahm, die Naturphilosophie von Aristoteles auszuarbeiten", wie auch Patrizi, der einen eigenen Lehrstuhl in Ferrara, später in Rom hatte, und die Philosophie von Platon lehrte mit Widerlegung der aristotelischen Philosophie (Nr° 130.). In der frühneuzeitlichen Lesekultur im Karpatenbecken kann kein einziges Werk von Giordano Bruno nachgewiesen werden, in unserem Verzeichnis jedoch finden sich gleich drei Werke von Bruno (Nr° 134.). Die Stücke De immenso, De monade und De minimo der Trilogie sind naturphilosophische Lehrgedichte: nach der Meinung der Kritiker sind diese wenn auch nicht die originärsten im Gesamtwerk von Bruno, so doch die komplexesten. Jedes Element der eklektischen Weltanschauung Brunos ist hier aufgereiht: der Atomismus, die pythagoreische Numerologie, die Kombinatorik, die Gedächtniskunst, die Naturmagie und die konkrete Geometrie. Der als Genie bezeichnete Bruno ist einer der bedeutendsten Wortführer der Konzeption eines mittelpunktlosen, endlosen Universums und der Pluralität der Welten am Ende des XVI. Jahrhunderts. Auf katholischen Gebieten waren seine Werke seit 1603 auf der Liste der verbotenen Bücher. Gleichzeitig mit der Hinrichtung Brunos kam auch Campanella ins Gefängnis, dessen Werk De sensu rerum auch in Frankfurt dank dem Deutschen Tobias Adami veröffentlicht werden konnte (Nr° 212.). In den vier Büchern werden seine Erkenntnistheorie und Anthropologie dargelegt: von besonderer Bedeutung ist das zweite Buch, das der Analyse der materielosen und ewigen Seele gewidmet ist. Die Identifizierung eines zweiten Campanella-Items stieß auf Schwierigkeiten, da Campanella kein Werk mit dem Titel Reformatio Scientiarium verfasste. Er begann aber seine ersten Sammelbände 1636, nach der Flucht nach Paris für den Druck vorzubereiten, aus den geplanten 10 Bänden konnten jedoch nur vier bis 1639 (d.h. bis zu seinem Tode) erscheinen, alle unter dem Haupttitel Instauratio magna scientiarum. Eines (oder vielleicht alle) von diesen mag der Eigentümer der Bibliothek besessen haben (Nr° 131.).

In der Geschichte des frühneuzeitlichen Denkens wird besondere Wichtigkeit drei weiteren, auch im Verzeichnis angeführten, aus Frankreich stammenden italienischen Philosophen zugeschrieben. Ihre Bedeutung besteht darin, dass sie auf einem sehr hohen Niveau den Atomismus neu zu beleben versuchten, und damit den modernen Wissenschaftsdisziplinen neue Wege bereiteten. Von Sébastien Basson ist nur ein auch im Verzeichnis vorhandenes Werk bekannt geworden, das aber im ganzen Jahrhundert in hohem Ansehen stand (Nr° 137. und 238.). Seine Polemik war vor allem gegen Aristoteles gerichtet, und er plädierte - im Gegensatz zu Aristoteles - für eine korpuskulär-atomistische Auffassung der Materie. Jean-Chrysostome Magnen war an der Universität von Pavia tätig, wo er Medizin, später auch Philosophie lehrte, und in seinem Hauptwerk die atomistische Philosophie von Demokritos vom neuen aufnahm (Nr° 82.), obwohl er behauptete, dass in der Öffentlichkeit Aristoteles den Jugendlichen unterrichtet werden müsse, während Demokritos nur in Privatstunden gelehrt werden dürfe. Claudio Berigardo war zuerst in Pisa, dann in Padua als Philosophieprofessor tätig, und wurde durch sein Werk Circulus Pisanus berühmt (N° 237.). In diesem Werk stehen zwei Personen im Dialog einander gegenüber, von denen die eine als Wortführer von Aristoteles, die andere als der von vorsokratischen Denkern (wie Empedokles und Demokrit) auftritt. Berigardo steht - wenn auch nicht eindeutig, jedoch eher - auf dem Standpunkt der letzteren.

Unter den englischen Denkern springt zuerst das Werk Utopia von Thomas Morus ins Auge (Nr° 197.), das einen seltenen Schatz in den ungarischen Buchnachlässen der frühen Neuzeit darstellt. Beinahe als einzige konnte die Frankfurter Gesamtausgabe von Francis Bacon aus dem Jahre 1665 im Verzeichnis mit völliger Sicherheit identifiziert werden (Nr° 136.), aber der Besitzer verfügte auch über ein weiteres Werk von Bacon (Nr° 64.). Rossis Meinung über Bacon ist sehr treffend:

Sein gesamtes Lebenswerk richtete sich darauf, anstelle der rhetorischen, literarisch geprägten Kultur eine wissenschaftlich-technisch geprägte Kultur zu stellen. Bacon war sich völlig bewusst, dass die Verwirklichung dieses Reformprogramms eine Verabschiedung der Tradition bedeutet.

Die Tradition in diesem Falle bezeichnet diejenige zweitausendjährige Kultur, die mit dem Namen von Aristoteles, Platon, Demokrit, Hippokrates, Euklid und Archimedes gekennzeichnet ist, und diejenige Wissenschaft, die seitdem nicht von der Stelle kommt und sich nicht bereichern kann. Bacon rechnete also mit der Tradition ab, und stattdessen kam er auf ein neues System, dessen Wesen in der wissenschaftlichen Aufarbeitung des auf Erfahrung ruhenden Datensammelns bestand (inductio). Auch Kenelm Digby ist ein englischer Philosoph, der lange Zeit in Paris lebte und zum Kreis von Mersenne gehörte. Sein Hauptwerk trägt den Titel Demonstratio immortalitatis (Nr° 154.), das die Beweise der Unsterblichkeit der Seele erschließt. Digby zählte zu den anerkanntesten Philosophen seiner Zeit, zu einem der Hauptvertreter des Atomismus neben Descartes und Gassendi. In den letzten Jahren seines Lebens wurde Bacon vom jungen Thomas Hobbes unterstützt, wobei Hobbes auch mit Digby eine Korrespondenz führte. Der Titel des Werks von Hobbes wurde vom Abschreiber nicht vollständig angegeben, nur so viel ist im Verzeichnis zu lesen, dass die Schrift Opera hieß (Nr° 155.). Es ist anzunehmen, dass es sich um einen Sammelband von Hobbes Werken handelt, der 1668 in Amsterdam herausgegeben wurde. Dies beinhaltete auch die Schrift Leviathan, auf die eine Art Hetzjagd in ganz Europa angesagt wurde. Die Bedeutung dieses im westlichen politischen Denken eine wichtige Wende bringenden - und in der Epoche leidenschaftlich abgelehnten - Autors pflegt man mit der von Spinoza zu messen. Leider wurde auch das Werk des irischen Chemikers, des Sekretären der Royal Society Robert Boyle vom Abschreiber nicht detailliert angegeben (Nr° 158.). Man kann nur hoffen, dass es sich um das Werk Der skeptische Chemiker (aus dem Jahre 1661 oder 1679) oder um das in Genf, 1680 herausgegebene Opera varia handelt, in dem Boyle in Form von Dialogen die aristotelische Lehre der vier Elemente zu widerlegen, bzw. die Theorie von Paracelsus über die drei Prinzipien (Salz, Quecksilber und Schwefel) auch experimentell zu begründen versuchte.

Um auf den europäischen Kontinent zurückzukehren, findet man nur ein einziges Werk von René Descartes (Nr° 141.), und leider konnte nicht nachgewiesen werden, um welches seiner Werke es sich handeln mag. Nach der Erscheinung der Abhandlung über die Methode (Leiden, 1637) wurde die Akzeptanz oder die Ablehnung der cartesianischen Philosophie zu einem der wichtigsten Probleme an den niederländischen Universitäten. Die cartesianische Philosophie, die einen Bruch mit den Traditionen bedeutete, war weniger ein philosophisches System als eher eine Denkmethode, die vor allem auf Ärzte und Theologen einen bedeutenden Einfluss ausübte. An der Universität von Utrecht sorgte für besondere Aufregung, als ein Professor der Medizin Henricus Regius öffentlich gegenüber Voetius die Gültigkeit der cartesianischen Philosophie verteidigte (Nr° 142.), aber diese Denkrichtung im Jahre 1643 vom akademischen Senat auch offiziell verurteilt wurde. An der Universität in Leiden brach diese Polemik während der langen Professur von Adriaan Heerebord (1640-1661) und Johannes de Raei (1653-1668) aus. Die in den niederländischen Traditionen wurzelnde Offenheit und Kompromissbereitschaft trat mit ihrer ganzen Schärfe im Werk von Heerebord auf: durch die Verbreitung des libertas philosophica und der Werke folgender Autoren: Descartes, Gassendi, Basson, Berigard und Magnen (alle auf der Liste). Die Disputationen während der Professur von Heerebord kamen kaum aus den Grenzen der recepta philosophia hinaus, aber in den Korollarien der Disputationen waren sämtliche Argumente von solchen neuen Philosophen angeführt, wie z.B. Basson, Bacon, Campanella, Johannes Sperling und natürlich Descartes (N° 145.). Die Bedeutsamkeit von Heerebord zeigte sich weniger in seinen Werken, als darin, dass er die Universität für moderne Denkrichtungen öffnete. Johannes de Raei, der übrigens ein Anhänger von Regius war, wurde bereits am Anfang seiner Laufbahn dessen bezichtigt, dass er zu sehr im Geiste von Descartes lehrte. Im Jahre 1651 erhielt er eine Erlaubnis, Vorlesungen in Physik zu halten, nur unter der Bedingung, dass er versprach, nicht die Grenzen der aristotelischen Physik zu überschreiten. Dank dieser Vorlesungen entstand das Werk Clavis philosophiae naturalis (Nr° 167., und auch ein nicht identifiziertes Werk unter Nr° 146.), in dem er versuchte, Aristoteles und Descartes in Einklang zu bringen mit der Begründung, Descartes stehe viel näher zu Aristoteles als alle andere Scholastiker. In Groningen sind die Angriffe gegen Descartes mit dem Namen von Marten Schoock, Professor für Logik, gekennzeichnet, der in einem Pamphlet mit dem Titel Philosophia cartesiana (Utrecht, 1643) seine Descartes entgegengesetzte Meinung formulierte (Nr° 143., obwohl es sich nicht mit Sicherheit feststellen ließ, ob es sich tatsächlich um dieses Werk von Schoock handelt). Descartes brachte diese Angelegenheit vor den akademischen Senat.

Einer der Vertreter der ersten cartesianischen Generation war der Astronom und Jurist Daniel Lisptorp aus Uppsala, der auf den letzten Seiten seines Descartes' Lehren erklärenden Werkes (Nr° 152.) einige Daten aus dem Leben des angesehenen Philosophen, die er aus den vertraulichen Berichten seiner niederländischen Freunde erhielt, anführte. Für Aufregung sorgte auch der Philosophieprofessor Johannes Clauberg an der Hochschule in Herborn, der ab dem Jahre 1649 den Unterricht der cartesianischen Philosophie einführte (Nr° 147.). Die Diskussion wurde dank der Dissertation von Samuel Maresius neu belebt, der die Dissertation 1670 der reformierten Kirche der Vereinigten Niederländischen Erbländer widmete, und der sich - seinen früheren cartesianischen Standpunkt revidierend - gegen diejenigen Theologen wandte, die sich im Unterricht auf die Lehren von Descartes stützten (Nr° 144.). In diesen Bücherkrieg intervenierte auch der in Nimwegen wirkende, der cartesianischen Generation angehörende Philosoph Christoph Wittich, der doch im Streit selber betroffen war, und zwar mit seinem Werk Consensus (Nr° 150.), in dem er, Descartes ähnlich, für die Notwendigkeit der Trennung der Philosophie und der Theologie plädierte, und gleichzeitig diejenigen Anschuldigungen zurückwies, die von Seiten der Vertreter der geozentrischen Weltanschauung stammten - unter anderen von auch im Verzeichnis angeführtem Johannes Herbin (Nr° 149.) und Peter van Mastricht (Nr° 148.).

Nicht unwichtig ist die Tatsache, dass der Sammler, der diese cartesianischen Diskussionen an den niederländischen Universitäten mit größter Aufmerksamkeit verfolgte, sich auch weitere zu diesem Thema verfasste Werke anschuf, die uns als exotisch vorkommen mögen. Der Brief des Neuplatonikers Henry More wurde als eine Verteidigung Descartes abgefasst (Nr° 153.), in dem er die Kraft und Reinheit von Descartes' Denken lobt, auch wenn er nicht mit all seinen Lehren einverstanden ist. Dieser Brief soll jedoch nicht mit den Briefen verwechselt werden, die More an Descartes, mit dem er 1648-1649 eine rege Beziehung pflegte, schrieb. Auch der französische Jesuit Pierre-Daniel Huet konnte Descartes nicht entgehen. Obwohl er in seiner Jugend noch für Descartes schwärmte, wandte er sich 1679 in seinem Hauptwerk, dem Demonstratio Evangelica (einer vergleichenden Religionsgeschichte) gegen Descartes, aber vor allem gegen Spinoza (Nr° 41.). Er widmete Descartes ein eigenes Traktat mit dem Titel Censura philosophiae cartesianae (Paris, 1689).

Im Verzeichnis sind zwar die Werke von Descartes und von seinen Anhängern in überwiegender Mehrzahl zu finden, es ist jedoch ein anderer zeitgenössischer französischer Philosoph, der mit den meisten eigenen Schriften im Verzeichnis repräsentiert ist, und zwar Pierre Gassendi. Er belebte die Lehren von Epikur mit in der Tradition des kritischen Humanismus wurzelnden Methoden neu, um sie anstelle der scholastischen aristotelischen Richtung vorzuschlagen. Er war als praktizierender Astronom auch ein leidenschaftlicher Vertreter und Verbreiter der Lehren von Galilei. Sein Hauptwerk - De vita et doctrina Epicuri - handelt von der Philosophie Epikurs, an dem er lange Jahre arbeitete. Zu dieser Schrift wurde auch eine kürzere Zusammenfassung mit dem Titel Philosophiae Epicuri syntagma verfasst (Nr° 140.). Leider konnte nicht festgestellt werden, welche Werke sich hinter den zwei anderen Gassendi-Item verbergen (Nr° 84. und 241.). Es soll jedoch noch ein hierzu gehörendes Item erwähnt werden, und zwar das Werk des Schülers und Freundes von Gassendi, François Bernier (Nr° 242.). Gabriel Naudé, obwohl er mit Gassendi nicht in Beziehung stand, war eine wichtige Persönlichkeit des französischen Humanismus, der lange Zeit in Italien lebte, und nach seiner Rückkehr nach Paris als Bibliothekar des Kardinals Mazarin tätig war. Später bekleidete er dieselbe Funktion bei der schwedischen Königin Christine. Der Abschreiber gab bloß den Namen von Naudé auf der Liste an (Nr° 119.). Als letzte Item sollen vier wissenschaftsgeschichtliche Raritäten erwähnt werden, denen ich noch auf keinen aus dem Karpatenbecken stammenden Bücherverzeichnissen des XVII. Jahrhunderts begegnete: Le Journal des Sçavans (Nr° 200.) war die erste wissenschaftliche Zeitschrift der Welt. Es war Denys de Sallo, der die Zeitschrift ab dem Jahre 1665 in französischer Sprache wöchentlich herausgab. Sallos Ziel war, interessante Bücher dem Publikum vorzustellen, berühmte Persönlichkeiten unter die Lupe zu nehmen, über neue Ergebnisse der Physik und Chemie, und andere wissenschaftliche Entdeckungen zu berichten. In der ersten Nummer wurde ein in der Nähe von Oxford geborenes Ungeheuer mit zwei Köpfen vorgestellt, aber auch über ein neues Teleskop und neue Linsen, und es wurde über ein Buch von Descartes auch berichtet. Die Acta philosophica Societatis Regiae in Anglia (Nr° 199.), der Blatt der Royal Society, der von Henry Oldenburg herausgegeben wurde, war das englische Gegenstück der Le Journal des Sçavans. Selbstverständlich durfte auch die erste deutsche wissenschaftliche Zeitschrift nicht fehlen: die Akademie der Wissenschaften in Deutschland, die Leopoldina hat 1670 das Blatt Miscellanea curiosa (N° 203.) gegründet. Es wurde dem Kaiser Leopold I. gewidmet, um der Menschheit besonders im Bereich Heilkunde mit neuen Ergebnissen gut zu tun. Mit ähnlicher Zielsetzung hat 1673 Thomas Bartholinus - das Mitglied einer berühmten dänischen Artzdynastie, der als Erster die regelmäßige Obduktion in Dänemark eingeführt hat - die erste dänische wissenschaftliche Zeitschrift Acta medica et philosophica Hafniensia (N° 201.) in Gang gesetzt.

Angesichts dieser Raritäten wirkt das Werk Tractatus theologico-politicus des sonderbarsten und berüchtigten Philosophen des XVII. Jahrhunderts Spinoza kaum als eine Überraschung (Nr° 151.). Das Buch sorgte für Empörung in ganz Europa. Ich möchte besonders die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass der Abschreiber des Verzeichnisses in Hinsicht auf den Autor besonders gut informiert sein mochte, vielleicht selber ein gelehrter Leser, denn die Verleger verschwiegen den Namen von Spinoza am Deckblatt sowohl der ersten wie auch der zweiten Ausgabe (obwohl man in Gelehrtenkreisen ganz genau wusste, von wem das Werk stammt). Unter den Bücherverzeichnissen aus dem XVII. Jahrhundert im Karpatenbecken ist mir bloß ein einziger Fall bekannt (ebenfalls aus den 80er Jahren), wo ein Werk von Spinoza angeführt wird, besser gesagt ein Werk von Descartes durch Spinoza verlegt. Das oben angesprochene Traktat Spinozas war 1676 in den ganzen Niederlanden verboten, wie auch seine späteren Werke. Auch in Ungarn und Siebenbürgen wurde sein Name nur mit heiligem Schauder erwähnt, was auch das folgende besondere Zitat bezeugt - das Zitat ist deshalb besonders, weil es vom Unitarier János Kénosi Tõzsér, von der Mitte des XVIII. Jahrhunderts stammt, der folgendes gerade im Bezug auf einer der Stellen in Bisterfelds Metaphysica schreibt:

Es muss die Seele des gottlosen Spinoza in jenem Menschen wohnen, der solche Schmähworte spricht. Gott soll unsere Seelen von dergleichen Werken der Dunkelheit bewahren.

Letztlich kamen auch einige Vertreter der neuesten deutschen Denkrichtungen auf die Liste: das Werk Doxoscopia des ausgezeichneten Hamburger Philosophen Joachim Jungius (Nr° 10.), De plagio von Jacob Thomasius (Nr° 184.), obwohl der Leipziger Philosophieprofessor weniger durch seine neuen Ansichten, als vielmehr durch seine pädagogische Leistungen berühmt wurde. Er war nämlich einer der Lehrer des bedeutendsten deutschen Denkers der Zeit, Gottfried Wilhelm Leibniz, der für Spinoza besonderes Interesse zeigte, und 1676 ihn auch besuchte. Von Leibniz ist im Verzeichnis ein Jugendwerk über die Bewegung (Nr° 160.) angeführt.

Hermetik und Alchemie

Ein anderes, äußerst bedeutendes Segment des Verzeichnisses widerspiegelt ein gesteigertes Interesse für die Magie, die hermetischen Traditionen und die Alchemie. Die Auflistung kann bei dem Magie-Handbuch von Agrippa De occulta philosophia (Nr° 214.) und dem Werk Magia naturalis von Giambattista della Porta (Nr° 189.) angesetzt werden, die zu der Zeit außerordentlich populär waren. Im Katalog findet man auch zwei nicht näher identifizierbare Werke von Raymund Lull (Nr° 106.), bzw. von Roger Bacon (Nr° 104.). Bacon geriet in Schwierigkeiten gerade wegen seiner geheimen Experimente, die er im Pariser Haus des Franziskanerordens ausführte. Hierzu gehört auch eine Arbeit des Paul Scalichius, des sich für den Grafen der Hunnen haltenden Pál Skalics (Nr° 169.). Scalichius war der Autor einer Reihe von kabbalistisch-lullistischen Werken im XVI. Jahrhundert. Es folgt das Werk Anatomiae Amphiteatrum vom Lehrer des oben bereits erwähnten Digby, Robert Fludd (Nr° 138.), in dem die Anatomie und Physiologie aufgrund von alchemistischen Experimenten und Sezierungen dargestellt wird. Auch Paracelsus soll hier aufgelistet werden, der radikal mit den medizinischen Traditionen von Galenos und Avicenna brach (Nr° 118.), wie auch der geheimnisvolle Basilius Valentinus, dessen am Anfang des XVII. Jahrhundert berühmt gewordenes Werk Der Triumphwagen des Antimon war. Auch andere Werke von Basilius Valentinus wurden zu der Zeit veröffentlicht, und es kann angenommen werden, dass der Besitzer auch die 1677 in Hamburg herausgegebenen gesammelten Schriften des Autors besaß (Nr° 120.). Wir wissen zwar wenig vom deutschen Alchemisten Heinrich Nolle, z.B. dass er an den Diskussionen des Rosenkreuzer teilnahm, und dass 1623 die Giessener kirchlichen Behörden wegen eines seiner Werke auch ein Verfahren gegen ihn einleiteten, sein hermetisches Werk konnte aber zumindest mit Sicherheit identifiziert werden (Nr° 18.). Der paracelsischen Lehren folgende Iatrochemiker, Jean Beguin wurde durch die Herstellung von Medikamenten berühmt, dessen Textsammlung Tyrocinium Chemicum wenig Theorie, aber umso mehr praktische Ratschläge beinhaltet (Nr° 247.). Johann Schröder, der in Frankfurt als Stadtphysiker tätig war, publizierte 1641 zum ersten Mal sein Hausrezeptbuch, das Pharmacopoeia, das auf einen sehr großen Erfolg stieß. Schröder war übrigens auch ein Anhänger der Lehren von Paracelsus, weshalb auch gegen Ende des XVII. Jahrhunderts einige seiner Thesen korrigiert werden mussten. Der Arzt und Physiker Friedrich Hoffmann aus Halle, der selber Autor verschiedener Werke zum Thema Medizin war (Nr° 17.), war derjenige, der das Werk von Schröder gründlich überarbeitete und neu herausgab. In den alchemistischen Experimenten spielten die Metalle eine wichtige Rolle - über die Transformation derselben verfasste der Kieler Geschichtsprofessor Daniel Morhof einen Brief (Nr° 123.). Aus den Werken, die den Weg zur modernen Chemie wiesen, sollen die Schriften des dänischen Arztes und Chemikers, später königlichen Rates, Borrich hervorgehoben werden (Nr° 20. und 21.). In einer dieser Schriften polemisierte er mit dem Helmstedter Arzt Hermann Conring, der die Bedeutung der Alchemie für die Heilkunde bezweifelte (Nr° 39). Als Rarität muss ein Werk über Chemie des Arztes Bernhard Swalve aus Emden (Nr° 53) bezeichnet werden, wie auch die Werke von Michael Ettmüller (Nr° 246.), bzw. von Caspar Cramer (Nr° 244.).

Medizinische und naturwissenschaftliche Werke

Es sind zahlreiche medizinische Arbeiten im Verzeichnis zu finden. Der Wittenberger Professor und Iatrochemiker Daniel Sennert (Nr° 2.), bzw. sein Professorenkollege Sperling (Nr° 164.) sind mit jeweils einem Werk auf der Liste vertreten. Sennert plädiert in seinem Hauptwerk für die atomistische Weltanschauung. Von größerer Bedeutung sind jedoch die aus der zweiten Hälfte des Jahrhunderts stammenden medizinischen Werke von Reinesius (Nr° 192.), bzw. Thomas Bartholinus, der rege Beziehungen zu den Gelehrten seiner Zeit pflegte, und ist auf der Liste mit einem Exemplar seiner medizinischen Briefe repräsentiert (Nr° 193.). Sein Zeitgenosse war der Oxforder Professor und Iatrochemiker Thomas Willis, der als eine der größten Persönlichkeiten der Medizin des XVII. Jahrhunderts galt. Er war derjenige, der zuerst die These formulierte, Verdauung sei die Bewegung der Därme oder der inneren Körperteile (Nr° 207.). Im Verzeichnis befindet sich ein Chemielehrbuch des Jenaer Universitätslehrers Werner Rolfinck, der ein Laboratorium einrichtete, und berüchtigte Sezierungen vor der Öffentlichkeit des Weimarer Hofes durchführte (Nr° 243.). Die medizinischen Schriften des Leidener Medizinprofessoren Antonides von Linden (der letzte Eching von Rembrandt wurde gerade von ihm hergestellt) waren sogar in zwei Bänden zugänglich - einmal in einer Amsterdamer Ausgabe (Nr° 81.), und auch in der Redaktion von Georg Mercklin mit dem Titel Lindenius redivius (Nr° 27.).

William Gilberts Naturphilosophie über Magnetismus und elektrische Phänomene zählte in europäischen Gelehrtenkreisen zu den Hauptwerken der Zeit (Nr° 135.). Gilbert arbeitete alle bis dahin gewonnenen Erkenntnisse auf, und ging sogar den verschiedenen Aberglauben nach. Er ergänzte dann diese mit Ergebnissen seiner eigenen Experimente, wie z.B. mit der Wahrscheinlichkeit dessen, dass zwischen den Polen eine Art magnetische Kraft wirkt. Der zeitgenössische Mathematiker und Astronom Abdias Trew aus Herborn ist auch mit einem Werk im Verzeichnis vorhanden (Nr° 165.). Borelli, der vielseitige italienische Naturwissenschaftler, Autor von Werken über Physik, Optik und Astrologie, dessen Bruder der Sekretär von Campanella in Florenz war, Mitglied der von der Familie Medici ins Leben gerufenen Accademia del Cimento unternahm in seinem Werk De vi percussionis den Entwurf eines mechanischen Systems, den er in De motu animalium weiter entwickelte. Er versuchte, die Bewegungen der Tiere aufgrund von mathematischen Rechnungen zu beschreiben. Die Kosten des Werkes wurden von der ehemaligen schwedischen Königin Christine übernommen - Borelli widmete ihr sein Werk, das aber erst nach seinem Tode veröffentlicht wurde (Nr° 159.). Die Zahl der Werke des französischen, aber in Italien wirkenden Jesuitengelehrten Honoré Fabri übersteigt 30 Schriften. Sein Interesse erstreckte sich von dem Heliozentrismus, durch die Ringe des Saturns (in dieser Sache führte er auch einen berühmt gewordenen Streit mit dem niederländischen Physiker Christian Huygens), bis zur Optik und dem Magnetismus. Er war sogar mit Galilei in Hinsicht auf die Bewegung der Erde um die Sonne einverstanden, weshalb er auch für 50 Tage in ein Gefängnis gesteckt wurde. Seine Physik (Nr° 166.) wurde auch in Gelehrtenkreisen anerkannt. Im Verzeichnis sind noch unter den deutschen Autoren die Physik von Johann Christoph Sturm (Nr° 177.) und sein Brief an More (Nr° 157.) angeführt.

Man findet auch die Hauptwerke der Botanik: die Historia plantarum von Theophrastus Graecus (Nr° 76.) basiert auf den Erfahrungen in dem von ihm gegründeten athenischen botanischen Garten. Das Werk wurde im Auftrag vom Papst Michael V. von Theodor Gaza ins Lateinische übersetzt (Nr° 109.). Dioscorides schuf eine Geschichte der Pflanzen (Nr° 179.), nach ihm folgte Plinius (Nr° 78. und 180. sind gleich). Die hier aufgezählten antiken Autoren zählten zu den angesehensten Botanikern auch noch in der frühen Neuzeit. Der Besitzer verfügte über eines der seltenen Werken über Mineralien und Pflanzen des Isaacus Hollandus (Nr° 107.), wie er auch einen Band über Heilpflanzen aus der emblematischen Reihe über Pflanzen und Tiere (zuerst 1593-1604) des namhaften Arztes und Botanikers Camerarius (Nr° 196.) besaß.

Der Eigentümer der Bibliothek hatte auch eine bedeutende Sammlung von enzyklopädischen Werken. Ein Beispiel ist das Speculum naturale von Vincentius Bellovacensis: der im XIII. Jahrhundert lebende Enzyklopädist lieferte mit seinen Ordensbrüdern eine Zusammenfassung der Wissenschaften seiner Zeit. Eine Ausgabe des Werkes, das in 32 Büchern die Geschichte der Menschheit und der Natur darlegte, ist auch noch aus dem Jahre 1624 bekannt (N° 183.). Zu dieser Zeit wurde die Sammlung von Raritäten aus der Pflanzen-, Tier- und Mineralienwelt zur Mode, und nicht nur die Herrscher, sondern auch Privatpersonen konnten solche Sammlungen (Wunderkammer) errichten, die mit Bewunderung vom Publikum aufgesucht wurden. Eine der namhaftesten Lektüren dieser Art aus dem XVI. Jahrhundert ist das Werk Musaeum metallicum von Aldrovandi (Nr° 205.), das eine Beschreibung der 18 Tausend Stücke zählenden Sammlung des Naturwissenschaftlers und Philosophen aus Bologna ist. Die Dell'Historia Naturale des Apothekers und berühmten Sammlers aus Neapel Ferrante Imperato besteht aus 28 Büchern, und bespricht neben bergbaulichen und alchemistischen Themen auch Phänomene der Pflanzen- und Tierwelt (Nr° 186.). Der später in Kopenhagen praktizierende dänische Arzt Ole Worm lernte auch ihn während seiner italienischen Reisen kennen: er verfasste im XVII. Jahrhundert mit seinem Museum eine Kopie des Werkes von Imperato, das ein wunderbar illustriertes Werk mit 428 Folioseiten ist (Nr° 204.). Worm begann 1621 die Stücke seiner Sammlung nach den größten Mustern systematisch anzuschaffen, die dann nach seinem Tode vom dänischen Herrscher Friedrich III. angekauft wurden, um später zu einem Teil des Dänischen Nationalmuseums zu werden.

Auch das Werk Piazza Universale von Tommasso Garzoni (Nr° 208.), das die Beschreibung der Handwerke und Künste beinhaltet, ist enzyklopädieartig, wie auch die aus den Werken von Garzoni und anderer Autoren zusammengestellte Textsammlung von Polus (Nr° 209.), wo das gleiche Thema behandelt wird.

Chinesische Reisebeschreibungen

Unter den Titeln bilden eine besondere Gruppe diejenigen, die sich mit China befassen. Das XVII. Jahrhundert ist äußerst reich an exotischen Reisebeschreibungen. Die Jesuitenmissionare schritten in der Verfassung dieser Beschreibungen und in der Bekanntmachung der Kultur von fremden Völkern besonders voran: einer der Pioniere der modernen China-Missionen war Nicolas Trigault, der nach seinen Studien vom Orden selbst nach China geschickt wurde, um zwischen 1607 und 1613 an verschiedenen Orten (wie Nanking und Peking) Dienst zu leisten. Nach seiner Rückkehr nach Europa, plante er eine neue Missionsreise. Eines seiner Ziele war, die Heilige Schrift ins Chinesische zu übertragen. 1618 reiste er gemeinsam mit 22 Ordensbrüdern, mithilfe von finanzieller Unterstützung, wieder nach China. Er überarbeitete das auf Italienisch verfasste Reisetagebuch seines Ordensbruders Matteo Ricci, übersetzte es ins Lateinische und gab es 1615 heraus. Es war jedoch nicht zu identifizieren, ob es sich um dieses Tagebuch oder um die von Trigault und anderen verfasste Geschichte von China handelt (N° 48.). Auch Martino Martini hielt sich jahrelang in China auf, dessen Novus Atlas Sinensis zu einem wahren Bestseller wurde (Nr° 47.). Einer der Teilnehmer der Trigaultschen Expedition, Adam Schall von Bell lebte dann in Peking als Mandarin und Günstling des Kaisers von China. Seine Beschreibung von China wurde 1665 in Wien herausgegeben (Nr° 49.). Dieses Thema beschäftigte auch den berühmten Jesuitenpolyhistoren Athanasius Kircher, der sich - seinen Status ausnützend - allerlei Materialien der Missionsreisen anschaffte, um daraus seine ethnographisch-literarisch-kulturkundige Abhandlung über die Chinesen zu schreiben (Nr° 51.). Die Ergebnisse der ersten holländischen Gesandtschaft nach China wurde von Johann Nieuhof im Jahre 1665 zusammengefasst (N° 52.). Der Augsburger Theophilus Spizel kam zwar nie nach China, aber während seines Aufenthalts in Leiden veröffentlichte er sein interessantestes Buch mit dem Titel Commentarios de re litteraria Sinensium (Nr° 50.), dessen Quellen die Werke des Jesuitenmissionars Michele Ruggieri, bzw. die Sinicae Historiae Decas prima von Martino Martini (1658) waren. Spizel versuchte, eine Verbindung zwischen der Philosophie, bzw. religiösen Weltanschauungen der Chinesen, der Griechen, der Ägypter und der Inder herzustellen.

Das Interesse des Bibliothekbesitzers für exotische Erscheinungen und Orte erschöpfte sich nicht in den Chinalektüren: Abraham Rogerius arbeitete zehn Jahre lang in Palicatta (Neuseeland), dessen Buch die erste in Europa verfasste Schrift über den Hinduismus und die brahmanischen Bräuche darstellt. Sein Werk erschien 1651 zuerst auf holländisch, dann wurde es 1663 auch auf deutsch übersetzt, das von Christoph Arnold um eine vergleichende Analyse der amerikanischen, afrikanischen und asiatischen Religionen ergänzt wurde. Diese letztere Ausgabe ist im Verzeichnis angeführt (Nr° 43.). Es soll noch ein anderes "Reisebuch" erwähnt werden, und zwar See-Fahrt nach der neuen Welt ohne Schiff und Segel (Nr° 206.), dessen Autor, der deutsche Johann Daniel Major folgenderweise den Leser im Vorwort seines Werkes anspricht:

Am allerwunderlichsten aber wird die vielleicht vorkommen gegenwertige Meine, und heutiges Tages vieler andern getreuen Diener der Natur, vorgenommene Reise, nicht mit dem Scipione, und Kirchero nach den Sternen, oder absonderlich zu dem Monden mit dem fliegenden Wandersmann: auch nicht mit dem Bacone Verulamio nach seinem, hinter America gefundenem Neuen Atlas sondern nach einer gantz andern Neuen Welt, und zwar eine Reise zur See, ohne Schiff und Segel.

Nun, die hier erwähnten Autoren und Werke sind Teil des Verzeichnisses, und ich nehme an, dass auch die berühmte Geschichte des auf den Mond fliegenden Menschen konnte sich im Besitz des Bibliothekeigentümers befinden. Der Autor der Geschichte ist nämlich Francis Godwin (im Verzeichnis bloß als Godwinus angeführt, Nr° 27.), dessen äußerst populäres Werk The man in the moon in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Schließlich zurück zum Thema Kircher: sein Hauptwerk war das Oedipus Aegyptiacus (N° 42.). Er arbeitete etwa zwanzig Jahre an seinem Buch von einem Umfang von fast zweitausend Folioseiten, zu dessen Herausgabe im Jahre 1652 Kaiser Ferdinand III. mit einer riesengroßen Summe beigetragen hat. Kirchers Meinung nach seien die Ägypter die Besitzer der uraltesten Weisheit gewesen, von der sich auch die anderen Kulturen ernährten. Deswegen hat er die Kulturen aller Kontinente miteinander verglichen, darin das Gemeinsame suchend, und es schien ihm den Schlüssel dazu in den ägyptischen Hieroglifen zu finden.

Die Repräsentativität der Bibliothek

Ich möchte noch kurz auf einen Faktor hinweisen, der oft in buch- und lesegeschichtlichen Analysen außer acht gelassen wird. In einem großen Teil der Bücher spielen die Illustrationen eine sehr wichtige Rolle, und das Verzeichnis beinhaltet mehrere - meiner Ansicht nach planvoll gesammelte - sehr kostbare Kunstalben, die mit niveauvollen Kupferstichen verziert sind. In dieser Hinsicht verdienen die philosophischen Traktate natürlich weniger Aufmerksamkeit, es handelt sich aber umso mehr um die Item der naturwissenschaftlichen, medizinischen, alchemistischen, enzyklopädischen und reisebeschreibenden Literatur. Der Novus Atlas Sinensis beinhaltet die detailliertesten chinesischen Karten der gegebenen Epoche, und bis zum 1737 wurde keine bessere und präzisere angefertigt (in diesem Jahr erschien die Kartensammlung Atlas de la Chine von D'Anville): Martini veröffentlichte je eine allgemeine Karte von China und Japan, bzw. die Karten von 15 chinesischen Provinzen, und zwar in technisch hervorragender Qualität. Und wie es in der Blaeu-Druckerei Tradition war, durften die Kunden zwischen dem handgefärbten und dem blanken Druckexemplar wählen. Athanasius Kirchers Werke in Folioformat sind bis heute wegen ihrer schönen Illustrationen bekannt, was auch bei den beiden oben erwähnten Bänden der Fall ist. Gilbert versah das Werk über den Magnetismus mit zahlreichen Illustrationen, als auch Joachim Schröder seine Pharmacopoea. Im Falle der Werke von Aldrovandi, Ferrante und Worm sind die Bilder gleich wichtig wie der Text. Zum Werk Ferrantes wurden z.B. 126 so präzis und anschaulich angefertigte Holzschnitte mit Pflanzen und Tieren angeschlossen, dass aufgrund der Bilder die Rassen auch heute noch identifizierbar sind.

Wissenschaftliche Fachbibliothek

Die inhaltlichen Charakterzüge der Bibliothek lassen sich folgenderweise zusammenfassen:

1. die Mehrzahl der Item stammt aus philosophischen Themenkreisen,

2. in bedeutender Anzahl sind Werke in Medizin, Hermetik und Naturwissenschaft repräsentiert, und

3. die Titel, die chinesischen Reisebeschreibungen beinhalten, weisen auf eine Art Spezialisation hin.

Eine Bibliothek kann natürlich auch durch ihre Mängel charakterisiert werden, obwohl - wie ich bereits erwähnt habe - es sich in unserem Fall um einen fragmentarischen Katalog handelt. Wenn wir dieses Verzeichnis mit dem Bestand der am Anfang der vorliegenden Studie aufgelisteten Gelehrtenbibliotheken vergleichen, springt ins Auge, dass das antike und humanistische Material zwar sorgfältig ausgewählt ist, aber es tritt in den Hintergrund. Auch die Zahl der theologischen Werke scheint unbedeutend zu sein - z.B. Voetius (Nr° 3.) oder Spanheim (Nr° 26.): dieses Phänomen ist sehr außergewöhnlich, betrachtet man die Gelehrtenbibliotheken des Karpatenbeckens. Es kann auch festgestellt werden, dass die Konfession der Autoren überhaupt keine Rolle in Hinsicht auf die Auswahl der Werke spielte, zumal in dieser Bibliothek der Besitzer die verschiedensten Werke von Jesuiten (Pereira, Serrarius, Kircher), Katholiken, die mit Jansenismus bezichtigt waren (Launoy), Papisten, die sich von ihrer protestantischen Glaubensbekenntnis verabschiedeten (Lipsius), orthodoxen Reformierten (Timpler, Voetius) oder von Juden (Spinoza) las. Außer der Theologie lassen sich auch an anderen Stellen weiße Flecken entdecken: die Humaniora, die Sprachen, die Literatur, die Poetik, die Geschichtsschreibung und die Jurisprudenz sind bloß mit jeweils einem Werk vertreten. Am auffälligsten ist jedoch der Mangel an Hungarica, denn es sollte sich doch um eine siebenbürgische Sammlung handeln, trotzdem lassen sich unter den 247 keine diesbezüglichen Item nachweisen. Es fehlt an Werken von Bisterfeld, und auch Alsted ist nur mit einem Werk (Thesaurus Chronologiae, Nr° 23.) repräsentiert.

Diese Eigenschaften zeugen jedoch vom bewussten Sammeln des Besitzers, der weniger eine universelle Bibliothek, als vielmehr eine Fachbibliothek zusammenzustellen suchte: es gibt ausgezeichnete Bereiche, wo die aktuellen und breiten Wissensbestände kaum etwas zu wünschen übrig lassen. Ich denke hier vor allem an die Diskussionen der Anhänger und Gegner von Descartes. Diese Behauptung kann noch dadurch unterstützt werden, dass auch in der Abschreibung eine blockartige Aufteilung nachvollziehbar ist: die chinesischen Reisebeschreibungen bilden eine Gruppe (Nr° 47-52.), wie auch die Werke der nieder-ländischen Philosophen (Nr° 140-151.), die wissenschaftlichen Zeitschriften (Nr° 199-201.) oder die Musaeum-Exemplare (Nr° 204-205.). Der Besitzer schien also die thematische Gruppierung der Werke zu bevorzugen. D.h. die Büchersammlung widerspiegelt eine bewusste Erwebungspolitik und das Bild eines lebendigen Bestandes, denn die Verteilung des Werke aus den 60er, 70er und 80er Jahre scheint sehr gleichmäßig zu sein.

Nun, der Frage lässt sich kaum entgehen: wer war der Besitzer, oder wer waren die Besitzer der Bibliothek? Müssten wir ihn oder sie aufgrund der Bücher charakterisieren, dann könnten wir folgendes feststellen: Reisen in Westeuropa, Universitätsstudium in den Niederlanden auf medizinischen und humanistischen Fakultäten, alchemistische Praxis, breite Ausbildung, Sprachkenntnisse, geistige Frische, und auch nach der Rückkehr in die Heimat Beziehung zu den ausländischen intellektuellen Zentren. Um die Identität des Besitzers feststellen zu können, müssen wir auf den Fakt beharren, dass das Verzeichnis aus dem Nachlass von Bisterfeld in Hermannstadt [Nagyszeben] stammt. Die Mehrzahl dieser Manuskripten stammt von Bisterfeld selber, aber es kommen auch andere, nicht von ihm stammende oder sich auf andere Personen beziehende Seiten vor: so findet man z.B. einen Brief vom Neffen Peter Wiederstein, der 1652 über einen Ankauf in Klausenburg [Kolozsvár] berichtet. Da auch das Testament gerade ihn als den Erben der Bibliothek und anderer Mobilien hervorhebt, so lässt sich die folgende Annahme formulieren: das Verzeichnis beschreibt einen Teil der Bücher von Peter Wiederstein, der auf die Grundlagen der aus der Bibliothek Bisterfelds ausgewählten Bücher baute. Es war Bisterfeld, der für seinen Neffen die Möglichkeit zum Studium sicherte, und der den talentierten Jungen wahrscheinlich in Privatstunden unterrichtete, bzw. der ihn für die Rezeption der vielfältigen Geistesrichtungen offen und empfindlich machte. Es ist überraschend, aber keineswegs unerwartet, dass dieser vielseitig gebildete Junge nach Siebenbürgen zurückkehrte (auch der Sohn von Alsted und Piscator taten dasselbe). Herepei János liefert dazu eine interessante Angabe aus dem Gesetzesprotokoll der Stadt Klausenburg [Kolozsvár]: "Am 1. April 1666 Super negotio Petri Bisterfeldi [sic!] et Johannis Kadar". D.h. im Jahre 1666 lebte noch Wiederstein, der von allen als Peter Bisterfeld gekannt war. Mit welchen Aufgaben wurde er wohl beauftragt? Im wessen Dienste stand er? Wie wurden seine Sprachkenntnisse und Erfahrungen nützlich gemacht? Wem konnte er wohl seine Bücher ausleihen, mit wem war er in Verbindung, hatte er wohl intellektuelle Partner in Siebenbürgen? Dies alle sind leider solche Fragen, auf die die sehr spärlichen Daten des Verzeichnisses kaum Antwort geben können.

In den oberen Auslegungen wurden mehrere bibliotheksgeschichtliche Probleme behandelt: ich versuchte zu skizzieren, was mit Bisterfelds und Alsteds Bibliotheken geschah. Bisterfeld vererbte einen Teil seiner Bücher an Peter Wiederstein. Weitere Bibliotheksteile kamen ins Kollegium von Karlsburg [Gyulafehérvár], dann zu seinem Rechtsnachfolger, dem Kollegium in Enyed, bzw. gewisse Exemplare und Manuskripte gelangten zu Michael Halicius. Aber es bleibt weiterhin unklar, was mit Alsteds ausgezeichneter Bibliothek wohl geschah, obwohl ich ihr Schicksal aufgrund der sehr bedeutenden Zahl der Alsted-Item mit dem von Halicius verknüpfen könnte. In einem eigenen Kapitel wurden die Bucherwerbungen Bisterfelds, und seine Lektüreempfehlungen für Herzog Zsigmond vorgestellt. Im zweiten Teil der vorliegenden Studie wurde der Katalog analysiert. Dies ergab, dass die aufgezählten Bücher nicht oder nicht nur Bisterfeld gehörten, sondern einer ihm nahestehenden Person, und ich nehme an, es kann wohl der Neffe Wiederstein oder seine Nachfolger gewesen sein. Im Vergleich mit den zeitgenössischen Buchkatalogen im Karpatenbecken ist die Bibliothek alleinstehend in Hinsicht auf ihre philosophische und wissenschaftliche Sammlung.

Letztlich soll das Verzeichnis selber angegeben werden, wo die Item nach Möglichkeit folgenderweise identifiziert wurden:

Die Kopfleiste,

Der Name des Autors, Geburts- und Todesdaten,

Werktitel,

Erscheinungsjahr, Druckort, der Drucker oder Verleger und das Buchformat




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