JOSEF FITZ
ANDREAS HESS
DER ERSTDRUCKER UNGARNS
Kaum 18 Jahre waren verflossen seit dem das erste grosse gedruckte Buch, die 42-zeilige Gutenbergbibel in Mainz erschienen ist, als die Buchdruckerkunst auch schon in Ungarn ihren Einzug hielt. Sie kam dahin aus Italien, wo sie 8 Jahre früher in Subiaco und bald darauf in Rom ein Heim fand. Nach Ungarn lockte sie der bibliophile Ruhm des Königs Mathias Corvinus und der humanistisch-wissenschaftliche Ruf seines Hofes. Seiner geistigen Richtung gemäß hatte auch seine Presse eine humanistische Färbung, die sie auch damit bezeugte, dass sie zu ihren Drucken die Antiquatype verwendete. Dem Geschmack des Hofes musste diese Type entsprechen; sind doch die prächtigen Corvinushandschriften des Königs und die auf uns gebliebenen Kodices der bücherliebhabenden ungarischen Kirchenfürsten fast durchwegs in der Humanistenschrift geschrieben, die der Antiqua als Muster diente.
Wie die Geschichte des Frühdruckes überhaupt voll Fragezeichen ist, so birgt auch der Wiegendruck Ungarns eine Menge Rätsel.
Keine Urkunde, keine einzige zeitgenössische Aufzeichnung spricht über Andreas Hess, dem Erstdrucker dieses Landes, bloß zwei Drucke sind es, die von seiner Existenz Zeugnis geben. Auch von diesen ist nur der eine unterzeichnet, während der andere bloß seine Initialen zeigt und als Druckort Buda (Ofen) angibt.
Den ersten Druck, die Chronica Hungarorum, hat er in einer Vorrede, in welcher er aussagt, er habe das Drucken in Latium gelernt, dem Ofner Probst und Vizekanzler des Königs Mathias, Ladislaus de Kara, zugeeignet (Tafel I.). Wir wissen aus Urkunden, die Wilhelm Fraknói auffand, daß Ladislaus de Kara anfangs November 1470 als Gesandter seines Königs am päpstlichen Hofe erschien, im März 1471 aber wieder sein Amt in Buda verwaltete. Hess erklärt in seiner erwähnten Vorrede, Ladislaus de Kara habe ihn aus Italien nach Ungarn berufen und ohne dessen Hilfe hätte er den Druck der Chronik weder beginnen, noch beenden können. In Buda war er eine Zeit lang beschäftigungslos, dann unternahm er es, die Chronik des Landes zu drucken, voll Hoffnung, daß diese Publikation jeden Patrioten interessieren würde.
Seine Typen verraten einen römischen Ursprung. Die Mehrzahl der Minuskeln entstammt Stempeln, aus denen bis zum Februar 1472 dieselben Minuskeln des Georg Lauer in Rom hervorgingen. Der kleinere Teil der Minuskeln und die Majuskeln sind jedoch anderswo nicht nachweisbar; sie sind besser ausgearbeitet als dieselben Majuskeln und Minuskeln Lauers. (Tafel H.) Hess entstammte zweifellos der Druckerei Lauers, gehörte vorher möglicherweise schon zur Druckerei des Eusebius-Klosters, und als er Rom verließ, stattete ihn Lauer teils mit Matrizen seiner bis dahin gebrauchten Typen aus, teils aber mit neuen Majuskeln und mit einigen verbesserten Minuskeln. Hess verließ Rom nach der Herausgabe des Confessionale des Antoninus Florentinus im Februar 1472 (Tafel IV.), da Lauer damals diese Type zuletzt gebrauchte. Stempel brachte Hess wohl nicht mit sich, sondern bloß Matrizen, von denen eine, welche für die Abbreviatur us diente, verloren ging oder während der Reise zerbrach, denn Hess mußte dieses Zeichen auch bei seinem zweiten Druck, als er sein Typenmaterial durch Neuguß erneuerte, entbehren.
Zwischen Ladislaus de Kara’s Aufenthalt in Rom und der Abreise des Hess von dort ist etwa ein Jahr vergangen. Diese Zeit scheint nicht nur dadurch verbracht worden zu sein, daß Hess für seine Ofner Tätigkeit die nötigen Matrizen herstellte, sondern er mag vielleicht sein Können durch einen Probedruck bezeugt haben. Diese Hypothese gründet sich auf ein Schreiben des Königs Mathias von Ungarn, das er an Pomponius Laetus, den Korrektor des Georg Lauer, richtete. König Mathias bedankte sich am 13. September 1471 in einem Briefe in lobenden Worten für ein Exemplar der am 26. April 1471 in Rom „so achtsam und schön gedruckten“ Inkunabel der Punica des Silius Italicus (Hain 14734., Tafel V.), das ihm Pomponius Laetus geschickt hatte. Der Drucker dieses Buches, einer Konkurrenzausgabe der einige Wochen früher bei Sweynheym und Pannartz erschienenen Ausgabe desselben Werkes, ist unbekannt, da aber Pomponius Laetus die Korrektur besorgte, scheint es wahrscheinlich, daß er der Druckerei des Georg Lauer nahestand. Die Typen zeigen einen ausgesprochenen Versuchscharakter. Die Tatsache, daß Pomponius Laetus ein Exemplar an den König von Ungarn sandte, weiters die Annahme, daß man Hess nicht ohne bevor er ein Zeugnis von seinem Können ablegte, nach Buda berufen hätte, sprechen dafür, daß der Silius Italicus ein Probedruck mit den für Buda bestimmten Typen war. Wäre dem so, so hat sicherlich auch Ladislaus de Kara ein Exemplar erhalten. Dieser war aber in Druckangelegenheiten bereits besser bewandert und wird die Typen des Silius Italicus, die eine nicht geglückte Nachahmung der Sweynheym- und Pannartz’schen Typen waren, nicht so günstig beurteilt haben wie sein Herrscher. Hess mußte daher für andere Typen sorgen und kam endlich mit den teilweise verbesserten Typen Lauers nach Ungarn.
Aus der Verbindung mit Lauer scheint es wahrscheinlich, daß auch er zu jenem Kreise der römisch-deutschen Drucker gehörte, welche dem geistlichen Stande angehörten und von dem Skriptorberufe zu dem Setzkasten übergingen.
In Buda war Hess, wie er selbst sagt, vorerst lange Zeit, wohl durch mehrere Monate hindurch, beschäftigungslos. Dies wäre damit zu erklären, daß er dort anfangs über kein geschultes Personal verfügte und sich dieses erst ausbilden mußte. An materieller Unterstützung von Seite Ladislaus de Kara’s fehlte es nicht. Auch Papier war in Buda in genügender Menge vorhanden. Dieselben Wasserzeichen, die das Papier der Hess’schen Drucke zeigt, finden wir in dem Papier der von 1467 bis 1477 in Buda, Großwardein, Löwöld und anderen Stätten geschriebenen Kodizes wieder. (Tafel VII.) Es spricht manches dafür, daß dieses Papier in Ungarn selbst erzeugt wurde und es ist nicht unmöglich, daß Ladislaus de Kara eben die ungarische Papierfabrikation heben wollte, als er einen Buchdrucker nach Buda berief. Buchdruck und Papierfabrikation waren ja auf einander angewiesen und das Emporblühen des einen hatte den Erfolg des anderen zur Voraussetzung. Daß es Hess an materiellen Voraussetzungen auch sonst nicht mangelte, geht aus der in seiner Vorrede geäußerten Absicht hervor, nach Vollendung der Chronica größere Werke zu drucken, die er ebenfalls Ladislaus de Kara zueignen wolle.
Er hat die Chronica Hungarorum in drei Setzerabschnitte geteilt, also wohl über drei Pressen in seiner Werkstätte verfügt. Der erste Abschnitt ist gedrängt, der zweite gedehnt und endet, um ihn gut zum Abschlüsse zu bringen, mit einem kurzen gelehrten Gedicht, das, ursprünglich kaum zum Text gehörig, von seinem Korrektor stammen mag (Tafel II.); der letzte Abschnitt endlich scheint gekürzt. Nicht aus typographischen Gründen, denn die letzten Blätter des Druckes blieben leer, sondern etwa aus politischen Bedenken, um den König durch die Erzählung der Hinrichtung seines Bruders nicht mißgestimmt zu machen. Die Erzählung schließt übrigens mit den Ereignissen des Jahres 1467.
Die Chronik selbst ist eine Kompilation mehrerer älterer Darstellungen. Die ersten zwei Abschnitte enthalten den Text der um die Mitte des XIV. Jahrhunderts entstandenen Ofner Minoritenchronik, selbst einer Kompilation älterer Chroniken, die in verschiedenen Fassungen auf uns gekommen sind. Im zweiten Abschnitte folgt die sich inhaltlich an den vorhergehenden Text anschließende Darstellung Johannes de Küküllõ’s über die Ereignisse während der Regierung Ludwigs des Großen. Den Schluß bilden drei Seiten über die Geschehnisse seit dem Tode Ludwigs bis zum Jahre 1467. Diese Fortsetzung wird kaum von Hess selbst herrühren, denn dann hätte er die Erzählung bis zu seinen eigenen Tagen weitergesponnen und des Königs Mathias Erfolge in Böhmen nicht verschwiegen.
Eine sich auf die Vergleichung damaliger italienischer Druckauslagen stützende Berechnung der Druckkosten ergibt für die Chronik etwa 400 Dukaten Bologneser Währung. Dabei wurden als Anhaltspunkt die anderwärts bekannten Kosten zur Einrichtung einer Druckerei, des Gießens der Lettern, die Frankfurter Papierpreise vom Jahre 1472 für 28 Ries Papier, der Lohn von etwa zwölf Angestellten und das Honorar des Korrektors mit in Anbetracht gezogen, der beiläufige Wert des ständigen Mobiliars aber abgezogen. Diese Berechnung führte wieder zu dem Schluß, daß Hess die Chronik, die 7 Lagen stark ist, in 400 Exemplaren zum Preise von anderthalb Dukaten auf den Markt brachte, um auf einen mäßigen Gewinn rechnen zu können. Die Untersuchung des Vorkommens der beiden Wasserzeichen in verschiedenen Exemplaren berechtigte diese Folgerung, denn die erste, vierte und siebente Lage sind auf einheitlichem Papier gedruckt, während bei den übrigen Lagen die Wasserzeichen in den verschiedenen Exemplaren wechseln, woraus die Vermutung gezogen wurde, daß das Papier riesweise, doch nicht sortiert aufgestapelt war und daß während des Drucks bei jedem Bogen der übrigen Lagen ein Ries auf ging und ein neues geöffnet wurde.
Die Chronik wurde rubriziert in den Buchhandel gebracht, da sämtliche bekannten Exemplare rubriziert sind, doch nicht gebunden, weil das erste und letzte Blatt leer sind. Der Druck des Textes wurde zu Pfingsten 1473 beendet, doch Hess ließ seine Vorrede noch nachträglich auf die ursprünglich leer gelassene dritte Seite drucken. Darin sagt er selbst, daß der Druck vor einigen Tagen zum Abschlüsse gekommen sei. Auch diese Vorrede erinnert an römische Vorbilder. In Inhalt und Form weist sie viel Ähnlichkeit mit den Vorreden des Johannes Philippus de Lignamine auf.
Daß das Buch Erfolg hatte, ersehen wir daraus, daß bereits im XV. Jahrhundert mehrere Abschriften davon verfertigt wurden. Die Auflage sollte demnach bald vergriffen gewesen sein.
Die Lettern mußten nach dem Druck der Chronik umgegossen werden. Es war dies die natürliche Folge des geringeren Widerstandes ihres weichen Metalls, der Härte des Papiers und der während des seitenweise erfolgten Drucks immer wiederkehrenden Benutzung derselben Lettern. Auch das Gießinstrument war schon etwas abgebraucht und hatte einen Grat bekommen, der abgeschliffen werden mußte. Die Folge davon war eine unwillkürliche Verringerung des Kegelmaßes, das in dem nächsten Druckwerke bei dem Maße von 20 Zeilen eine regelmäßige Differenz von minus zwei Millimetern ergibt. Dieses nächste Druckwerk, ein Quartbändchen (GW. 3702), enthält zwei Abhandlungen, De legendis poetis des Hl. Basilius und die Apologia Socratis nach Xenophon. (Tafel VI.) Es scheint ein Nachdruck gewesen zu sein, als dessen teilweise Vorlage eine römische Ausgabe Georg Lauers (BMC. IV, 40) diente, die neben einem Traktate des Vergerius auch den Basilius und außerdem Xenophon’s De tirannide veröffentlichte, beide in Übersetzung des Leonardus Brunus Aretinus, dessen Übersetzung auch die Hess’sche Ausgabe enthält. Josef Huszti hatte den Beweis erbracht, daß diese Ausgabe des Hess der damals herrschenden platonischen Geistesrichtung am königlichen Hofe in Buda entsprach.
Hess hatte nur die erste Abhandlung, und auch diese nur mit seinen Initialen unterzeichnet. Durch Haebler wissen wir, daß dies auf römische Vorbilder weist. Auch in diesem Büchlein zeigt das Papier zwei Varianten des Wasserzeichens mit der Waage, deren Zeichnung jedoch mit denen der Chronik nicht übereinstimmt. (Tafel VII.) Das Salzburger Exemplar der Ausgabe hat auf den Schmutzblättern des Einbandes eine der Wasserzeichenvarianten des Druckwerkes, dieses Exemplar mag also nach Vollendung des Drucks in Buda gebunden worden sein.
Ob Hess noch Weiteres veröffentlicht hat, bleibt ungewiss. Sicher ist es, daß nicht er der Drucker der Leges in dieta (Hain 5779, Copinger 1757) war, und auch Proctor’s Annahme, Hess habe Galeotti’s Liber de homine (Hain 7433) gedruckt, ist hinfällig (BMC VI, 813). Ob die Plakate, die König Mathias im Jahre 1477 an den Mauern Wiens anschlagen ließ, aus seiner Werkstätte stammen, bleibt dahingestellt, denn kein Exemplar ist auf unsere Zeit gekommen. Fraglich ist die Ausgabe des Confessionale des Augustinus Florentinus vom Jahre 1477, die GW 2108 dem Mathias Moravus zuschreibt. Sämtliche noch bekannte Exemplare, darunter zwei nichtrubrizierte, gehörten im XVII. und XVIII. Jahrhundert zu den Beständen ungarischer Klosterbibliotheken, während in Italien und anderswo bisher kein Exemplar auftauchte. Die Wasserzeichen des Papiers kehren in dem Papier ungarländischer Kodizes wieder, das eine und häufigere ist identisch mit dem einen Wasserzeichen der Chronica Hungarorum. Die Setzerpraxis entspricht derjenigen des Hess. So in dem Confessionale wie in der Chronica Hungarorum gebraucht der Drucker bei schwierigen Zeilenschluß am Zeilenende häufig das Surrogatzeichen .⌠. im Sinne von scilicet oder simul. Die Type ist gleich Type 3 des Mathias Moravus in Neapel, die er in den Jahren 1476, 1477 und 1482 als Auszeichnungstype gebrauchte, ihr Kegelmaß jedoch ist bei 20 Zeilen um reichlich 3 Millimeter größer als bei Mathias Moravus. Es paßt nicht zu Mathias Moravus, daß er eine so große gotische Type als Brotschrift zu einem theologischen Werke gebrauchte. Sie diente ihm in drei Drucken als Auszeichnungsschrift und es dünkt nicht recht glaubhaft, daß er sie, um ein Buch theologischen Inhalts zu drucken, als Brotschrift verwendete, obwohl er um dieselbe Zeit auch über eine kleine Type verfügte, mit der er eben im Jahre 1477 seine Augustinusausgabe druckte. Auch die Kegeldifferenz von 3 Millimetern ist bedenklich; allerdings sind die heute bekannten Exemplare der von Mathias Moravus teilweise mit seiner Type 3 gedruckten und von ihm unterzeichneten Drucke auf Pergament, diejenigen des Confessionale hingegen auf Papier.
Es taucht nun die Hypothese auf, daß der Olmützer Kleriker und ehemaliger Handschriftenschreiber Mathias Moravus, nachdem er vermutlich in Deutschland das Schriftschneiden und Letterngießen erlernt, sich nach einem Besuche in seiner Heimat, die damals unter das Szepter des ungarischen Königs gehörte, auf der Reise nach Italien vorübergehend in die Residenz des Königs Mathias begab und hier um 1473 in der Druckerei des Andreas Hess Beschäftigung fand. Hess selbst war kein Schriftschneider und er mag Mathias Moravus als solchen in Lohn genommen haben. Hess hat wohl an einen liturgischen Druck gedacht, denn Mathias Moravus schnitt für ihn zweierlei Typen, eine kleine als Brotschrift und eine größere für die laut zu lesenden Stellen des geplanten Werkes, das wir heute wie so manch anderes liturgisches Buch vermissen. Mathias Moravus ging dann im Frühjahr 1474 nach Genua und im nächsten Jahre nach Neapel. Die Stempel nahm er als sein rechtmäßiges Eigentum mit, während für Hess die Matrizen blieben. Als Hess später das Confessionale drucken wollte und keine dazu nötige Type besaß, griff er zu der von Mathias Moravus geschaffenen größeren gotischen Type. Seine Antiqua kam nicht in Betracht, da es damals dem Zeitgeiste bereits widersprach, ein theologisches Buch mit Antiqua zu drucken. Die von Mathias Moravus geschnittene kleinere Type aber war schon zu abgenutzt und auch die Matrizen waren stumpf geworden. Kleine Typen werden durch den Druck auch heute noch rascher und stärker angegriffen. Daß dem so ist, sieht man aus den Minuskeln, die Hess in der ersten Lage des Confessionale an Stelle der Initialen setzte. Sie sind schon ganz verschwommen und vielfach unerkennbar. Er hat sie in den übrigen Lagen weggelassen. Mathias Moravus gebrauchte im selben Jahre 1477 diese kleinere Type zu seinem Augustinus, hier aber ist sie klar, fein und scharf. Hess mußte also notgedrungen zu der großen gotischen Type greifen, obwohl auch sie nicht gut zu dem Confessionale paßte.
Über das weitere Schicksal der Werkstätte können wir mit Bestimmtheit nur so viel annehmen, daß sie 1480 nicht mehr existierte. König Mathias verordnete damals, daß die liturgischen Bücher der ungarischen Bistümer in Druck verlegt werden, doch alle die wir kennen, erschienen eben seit 1480 im Auslande.
Es ist durchaus falsch anzunehmen, die Druckerei in Buda sei an dem Widerwillen des Königs gegen die Buchdruckerkunst zugrunde gegangen. König Mathias hat ja selbst Inkunabeln für seine Bibliothek gekauft, auch die Päpste Paul II. und Sixtus IV. hatten ihm gedruckte Bücher geschenkt, seine Agenten wie Blandius und Ugoleto brachten oder sandten ihm von Italien Druckwerke und man sieht aus seinen Aufträgen, die vaterländischen Breviere, die Landesgesetze und etliche politische Schriften gegen Kaiser Friedrich in Druck zu verbreiten, wie richtig er die Wichtigkeit des Buchdrucks erfaßte. Auch jene Freunde, die großen Einfluß auf ihn hatten, waren entschiedene Anhänger der neuen Kunst. Galeotto war Korrektor des Domenicus de Lapis in Bologna, Ugoleto lernte die Buchdruckerkunst schon in seinem Vaterhause zu Bologna kennen, wo auch sein Bruder Angelo Drucker war, Bartholomaeus Fontius, Ugoleto’s Nachfolger als königlicher Bibliothekar, war einst Korrektor in Florenz, wo sein Name mit der Geschichte der Druckstätte des Ripoli-Klosters verknüpft ist, Ludovicus Carbo war Korrektor Valdarfers in Venedig und die Gemahlin des Königs, Beatrice von Arragonien, entstammte jener königlichen Familie, die als tatkräftigster Unterstützer der schwarzen Kunst in Neapel bekannt ist. Vier Ausgaben sind der Königin von Ungarn gewidmet, darunter zwei des Mathias Moravus. Es ist psychologisch wohl unmöglich, daß ein so moderner, für alles Neue so empfänglicher Fürst wie Mathias Corvinus ein Feind der wichtigsten und aufsehenerregendsten Errungenschaft seines Zeitalters gewesen wäre.
Die letzte Frage, die uns beschäftigte, war, ob irgendwelche Spuren der Gehilfen des Budaer Prototypographen im Auslande aufzufinden sind? Einen von ihnen vermuteten wir bereits in Mathias Moravus. Auch der bekannte Venetianer Drucker, Johannes Haman-Hertzog, mag in Betracht gezogen werden. Er nannte sich im Baptismale Strigoniense (GW 3242) „ciuis Budensis“. Dies entspricht einem oft befolgten Gebrauch, nach dem sich die Drucker nach jener Stadt bezeichneten, in der sie ihre Kunst erlernten. Auch die Eigentümlichkeiten der im Auslande tätigen ungarischen Buchdrucker der späteren siebziger und achtziger Jahre sollten untersucht werden. Die in Venedig von Andreas de Corona in Gesellschaft mit Adam Rotweil oder von Petrus de Bartua (Bartfa) in Gesellschaft mit Franciscus Renner verwendeten Typen zeigen in mehreren Details eine Stilähnlichkeit mit der Type des Confessionale vom Jahre 1477. (Tafel V.) Petrus Ungarus, der die Druckerkunst seit 1482 mit Unterbrechungen bis 1510 in Lyon ausübte und aus dessen Verbindungen mit Druckern und Geschäftsleuten in Toulouse die Folgerung gewagt wurde, daß er, bevor er unter seinem eigenen Namen hervortrat, in der Werkstätte des Martin Huss arbeitete, war in den achtziger Jahren Partner des Mathias Huss. Nach Mathias Moravus und dem Confessionale sehen wir die in Haeblers Typenrepertorium als M16 bezeichnete Type zunächst bei ihm — allerdings ganz klein und verfeinert, eine Fortbildung auf weiterer Entwicklungsstufe. Petrus Ungarus entpuppte sich nachher als ein Meister der Typengestaltung. In Toulouse verbesserte er Typen für Heinrich Mayer und in den neunziger Jahren zeichnete er sich durch jene besonders feine gotische Type aus, die Haebler als eine wahre Diamanttype bezeichnet. Es ist nicht unmöglich, daß er seine Lehrlingsjahre bei Hess in Buda verbrachte und dann in den achtziger Jahren bei Gestaltung seiner M16 aus seinen Jugenderinnerungen Inspiration schöpfte.
Bei Betrachtung seiner Verbindung mit Mathias Huss fiel die Namensähnlichkeit Hess–Huss auf. Eine Vergleichung der verschieden auftauchenden Namensvariationen der Wiegendrucker bewies, daß man in jener Zeit, als die Schreibweise der nichtlateinischen Namen noch überaus schwankend war, den die Vokale bezeichnenden Buchstaben nicht immer jenen Lautwert zuschreiben darf, der ihnen nach unserem heutigen Empfinden zukommen sollte. Der volle Name Andreas Hess kommt überhaupt nur ein einziges Mal, nämlich in der Schlußschrift der Chronica Hungarorum vor. (Tafel V.) Sollte der Name des Druckers so gelautet haben, wie man ihn in Lyon schrieb, also Huss, so war in Buda aller Grund vorhanden, ihn anders zu schreiben. König Mathias führte damals Krieg gegen die Hussiten, die Oberungarn früher wiederholt verheerten. Der böhmische Reformator Johannes Huss lebte in der Erinnerung als einer der schlimmsten Ketzer und seine Anhänger standen in dem Rufe von Räubern und Brandstiftern. Der Name Huss war in Ungarn verpönt.
Indem wir aber auf die Möglichkeit einer nahen Verwandtschaft zwischen Andreas Hess und Martin und Mathias Huss hinweisen, müssen wir auch betonen, daß eine Schlußfolgerung in dieser Richtung bei dem gegenwärtigen Stande der Untersuchung verfrüht wäre.
Über das Ende der Hess’schen Offizin sind schon viele Vermutungen geäußert worden. Als Ursache wollte man den Tod ihres Leiters nicht recht in Betracht ziehen. Ich halte dennoch dies für das wahrscheinlichste. Nirgends wird er mehr erwähnt, man hört nichts mehr von ihm.
Wenn auch Hess nur eine verhältnismässig kurze Zeit den damals östlichsten Posten in der europäischen Druckerkunst innehatte, so ist sein Wirken dennoch von unvergänglicher Bedeutung. Die Tatsache, dass er der erste war, der in Ungarn Bücher druckte, und namentlich in einer so frühen Zeit, sichert ihm in diesem Lande eine achtungsvolle Erinnerung. Er war aber nicht bloss Erster; auch seine Ausgaben machen ihm Ehre. Er ist und bleibt der Kronzeuge der ernsten Lesefreudigkeit, der Interesse des ungarischen Publikums für die vaterländische Geschichte, und der platonistisch gesinnten klassischen Bildung, die im Zeitalter der Renaissance auch ausserhalb des königlichen Hofes Verbreitung fand. Als Buchdrucker hat er sich eben durch Verbreitung dieser Bildung und Freude am Lesen, und durch die Herausgabe eines unserer wichtigsten historischen Quellenwerke ruhmvolle Verdienste erworben.