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Krisen/Geschichten in mitteleuropäischem Kontext

INHALT, EINLEITUNG


Inhalt


György Kövér: Einleitung: Krisengeschichte als Disziplin?
Szabolcs Somorjai: Kreditkrise im Ungarn vor den Banken?
Csaba Sasfi: Schulbesuch in der von Katastrophen heimgesuchten Großstadt. Gymnasiasten in Pest zur Zeit der Cholera 1831 und des Eishochwassers 1838
Károly Halmos - György Kövér: Pester Krida. Beiträge zu den Konkursstatistiken von Budapest im 19. Jahrhundert
Éva Bodovics: Katastrophe - diesseits und jenseits der Wirklichkeit. Die Konstruktion der Katastrophe im Spiegel zweier Hochwasser in Ungarn
Zsuzsanna Kiss: Gesellschaftshistorische Aspekte der Getreidekrise gegen Ende des 19. Jahrhunderts
Judit Klement: Die Agrarkrise am Ende des 19. Jahrhunderts und die Budapester Mühlenindustrie
Beáta Kulcsár: Visionen und Schicksale: Widerspiegelung des in Siebenbürgen erlebten Imperiumwechsels in einem Tagebuch und zwei Memoiren
Ágnes Pogány: Zwillingskrisen oder Multiple Krisen? Finanzielle Krisen in Ungarn und Österreich in den dreißiger Jahren
Gyöngyi Heltai: Die Krisenlindernde Rolle des internationalen Beziehungssystems am Beispiel des Vígszínház in Budapest (1930-1932)
Gábor Koloh: Glockenklang von Hidas. Gesellschaftlicher/historischer/demographischer Ausschnitt
Ágnes Nagy: "Eine dem gesellschaftlichen Wert entsprechende Wohnung". Vorstellung und Praxis bei der Wohnungsverteilung in Budapest und ungarischen Städten der Provinz während des Zweiten Weltkriegs
Márkus Keller: Ziele und Reaktionen. Die Geschichte des Hansaviertels Berlin und der Experimentellen Wohnsiedlung Óbuda

Register
Mitarbeiterverzeichnis
Publikationen der ungarischen Geschichtsforschung in Wien



Einleitung

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Die Aufsätze im vorliegenden Band wollen die Krisenerscheinungen zweier Jahrhunderte, des sog. "kurzen 19. Jahrhunderts" und des "kurzen 20. Jahrhunderts", unter vielerlei Blickwinkeln beleuchten. Die behandelten Probleme sind schon von der Pluralität der Aspekte her aufregend, die verschiedenen Interessen der einzelnen Forscher gaben wechselseitige Anregungen zum Weiterdenken und der Verfeinerung der gemeinsamen Thematik. Die vergleichende Perspektive warf sowohl für das 19. Jahrhundert als auch für das 20. Jahrhundert relevante Fragen auf: Welchen Leitfäden folgte die Integration der ungarischen Wirtschaft im 19. Jahrhundert in die internationalen Prozesse und wie schritt sie voran. Anders war die Krise, wenn sie unerwartet ausbrach, und anders, wenn sie sich allmählich, in Form eines vor Jahr zu Jahr erfolgenden allmählichen Preisverfalls in Erscheinung trat. Dementsprechend wurde sie jeweils anders von den Wirtschaftsakteuren erlebt und rief auf deren Mikroebene jeweils andere Reaktionen hervor. Die Krise, die sich stufenweise bemerkbar machte, förderte weder ihre Wahrnehmung noch die Anpassung an sie. Es ist eine wichtige Beobachtung, dass die Menschen bei unerwartet eintreffenden Katastrophen (z.B. einem Hochwasser) ihre Vorstellungen davon häufig aufgrund von Erfahrungen aus der Vergangenheit oder nach den Mustern des Kulturerbes "konstruieren". Die Kapitalisierung des 19. Jahrhunderts schuf durch die Internationalisierung nicht nur die Chancen für Eingliederung und Aufholung, sondern brachte auch eine Abstimmung und Synchronisierung nicht nur der Booms, sondern auch jene der Rezessionen (der Krisen) mit sich.

Die "schädlichen Nebenprodukte" der Entwicklung entfalteten ihre Wirkung im Laufe des 20. Jahrhunderts außerordentlich differenziert. Die Friedenssysteme nach dem Ersten Weltkrieg verursachten durch die Neuzeichnung der Landkarte nicht nur langfristige Anpassungskrisen in den Nachfolgestaaten, sondern brachten zugleich auch neue minderheitenschützende und gemeinschaftsbildende Reflexe an die Oberfläche. Die Anpassung an die Absurdität ging mit den Geburtswehen einer neuen Identität einher. In Osteuropa erscheinen die grundlegenden demographischen Prozesse in der Öffentlichkeit deformiert, im Spiegel der Konflikte der nationalen Kraftfelder. Die Krisenabläufe können trotz aller Internationalisierung selbst in Nachbarländern grundverschieden sein. Während in Österreich der Konkurs seiner größten Bank eine Panikreaktion auslöste, konnte das parallele ungarische Geldinstitut, das sich in einer nicht weniger schweren Situation befand, seine hohen Verluste (mit staatlicher Hilfe) vor der inländischen Öffentlichkeit verheimlichen. Die Krise verschonte auch Bereiche wie die Theaterszene nicht. Ein internationales finanzielles Hinterland konnte jedoch die Auswirkungen der Krise, ob in Form von Darlehenstransaktionen oder nur in Form von Beziehungskapital, in hohem Maße dämpfen. Als Bestandteil der sozialen Frage stellte die Wohnungskrise, die seit dem 19. Jahrhundert zum Teil infolge der Industrialisierung und der Urbanisierung, zum Teil infolge des Krieges (teilweise Zerstörung des Wohnungsbestandes, Flüchtlingsströme) präsent war, weitere Herausforderungen für die jeweiligen Regierungen dar. Anfangs waren die Unterschiede zwischen Ost und West zuerst nur im Diskurs über die Wohnungsverteilung, später in den vor Ort getroffenen Maßnahmen zur Wohnungspolitik und nach dem Krieg auch beim Suchen nach neuen Wegen des massenhaften Wohnungsbaus wahrzunehmen. Obwohl auch die Pläne zur Gesellschaftsbildung grundverschieden waren, zeigte sich der fundamentale Unterschied vor allem in der Qualität der Ausführung.

Der vorliegende deutschsprachige Band wurde im Zeichen der internationalen Ausweitung der Tätigkeit unserer Forschungsgruppe herausgegeben. Die Übersetzung wurde außer von der Ungarischen Akademie der Wissenschaften auch von der Philosophischen Fakultät und der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Eötvös Loránd-Universität finanziert und von ausgezeichneten Übersetzern angefertigt. Unser herzlicher Dank gilt dem Direktor des Instituts für Ungarische Geschichtsforschung in Wien dafür, dass er unseren Aufsatzband in seine Reihe (Publikationen der Ungarischen Geschichtsforschung) aufgenommen hat. Besonderen Dank schulden wir ferner der Ungarischen Entwicklungsbank gAG, die uns bei den Druckarbeiten ernsthafte Hilfe geleistet hat. Last but not least bedanke ich mich herzlichst bei allen Mitgliedern der Forschungsgruppe, die zur Fertigstellung dieses Bandes mit ihrer zuverlässigen fachlichen Arbeit, mit der aktiven Teilnahme an den Diskussionen über die Manuskripte, mit der Ermittlung von Finanzquellen, der sorgsamen Vorbereitung der Verträge und der wirksamen Ausführung der redaktionellen Aufgaben beigetragen haben. Ich danke Euch allen, einzeln und gesamt.

György Kövér


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