CÍMLAP
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INHALT, EINLEITUNG |
Inhalt
Einleitung
Wer ich bin? Ich sag es nicht!
Vereitelter Vorsatz
Ein Abend daheim
Winter
Auf dem Ochsenwagen
Der ungarische Edelmann
Der Traum
Mein Schicksal, schaff mir Raum
Oh, käm ein Sturm...
Ach, Erde, welch ein Durst...
So wie der Zweig erzittert
Ein Angsttraum quält mich...
Ich denke oft darüber nach...
Schläfst du, Gerechtigkeit?...
Freiheit und Liebe
Bist du als Mann geboren
Die Dichter des 19. Jahrhunderts
Die Theiß
Kampf war...
Das Gericht
Helden in Lumpen
Brief an János Arany
Der Herbstwindflüstert...
September-Ausklang
Wie der Rosenbusch
Herr Pál Pató
Auf der Eisenbahn
Wie könnte ich dich nennen?
Winterabend
Nationallied
Revolution
Ich steh im Sommer meines Mannesalters
1848
Ich lieb dich...
Hängt die Fürsten auf
Leben oder Tod
Europa schweigt
Ich hör die Lerche wieder singen
In den Bergen
Zeit des Entsetzens
Einleitung
SÁNDOR PETŐFI
1823-1849
"Petőfi ist der ungarische Dichter, den man in allen Ländern kennt. Er ist der ungarische Liebling der Götter. Ihm gaben sie alles, damit er ein großer Dichter werde, Talent, Historie, Schicksal. Er lebte sechsundzwanzig Jahre und ließ ein Lebenswerk von Weltmaßstab zurück. Überdies erhielt er, was außer ihm vielleicht nur Byron zuteil wurde: den zum Symbol erhebenden, mythisch verklären- den, das Werk für alle Zeiten beglaubigenden Tod. Der Dichter der Freiheit und der Liebe, des Glaubens an das Leben fiel auf dem Schlachtfeld als Kämpfer für die Freiheit. Genie und Dichterschicksal, die hehrste Vision der Romantiker, fanden in ihm ihre Ver- körperung.
Petőfi kam - als die Zeit dafür reif war - und er kam dorthin, wo der Dichter der Volksstimme, der Dichter der Revolution hinkommen mußte."
Einige biographische Daten: Geboren wurde er in der Ortschaft Kiskőrös, mitten in der Ungarischen Tiefebene, von Eltern, die den slawischen Namen Petrovics führten. Der Vater war vollwertiger Ungar, die Mutter, Maria Hruz, eine frühere Dienstmagd, legte erst allmählich die slowakische Muttersprache ab. István Petrovics war Schlächter, Gastwirt und Pächtcr, der Wert darauf legte, daß sein Erstgeborener lerne und in den höheren Stand der Intelligenz aufsteige. Er ließ ihn in mehrere Schulen gehen, solange er es erschwingen konnte. Später hatte er mit seinen Geschäften Unglück, und mußte auch dulden, daß sein Sohn von der Schulbank zum Theater weglief. Nicht viel später meldete sich der mittellose Siebzehnjährige zum Militär. Dem schweren Dienst nicht gewachsen, wurde er nach zwei Jahren entlassen, ging wieder zur Schule, dann wieder zu den Schauspielern, und durchwanderte das Land. Inzwischen dichtete er, schrieb Lieder im Volkston, von denen das eine und andere in einer Zeitschrift gedruckt wurde. Nach einem krank durchlittenen und durchhungerten Winter in Debrecen (Stadt in Ostungarn) wanderte er nach Pest - mit einem Packen Gedichte im Ranzen. Er lieh sich einen Anzug, in diesem stellte er sich dem großen Dichter Vörösmarty vor. Dem gefielen seine Gedichte, er brachte eine Buchausgabe zustande und verhalf Petőfi zu einer Anstellung als Hilfsredakteur bei einer Zeitschrift. In kurzer Zeit wurde Petőfi im ganzen Land bekannt - als Dichter. Die ersten Erfolge kamen daher, daß Petőfi einen neuen Ton anschlug, einen volkstümlichen, den jeder verstand, und der jeden ansprach - sehr zum Ärger der konservativen Kritik.
Hier bietet es sich von selbst an, dem Biographischen etwas Literarhistorik beizumischen. Im Volkston hatte Petőfi bereits Vorgänger: Csokonai, Kölcsey u. a., doch zur Vollendung brachte er den sogenannten volkstümlichen Stil. Nicht zu vergessen ist der intimste Dichterfreund, János Arany, der das gleiche vollbrachte - und doch wie anders! War Petőfis Sprache eine plebejisch- bäurische? Ja, das war sie, aber keine triviale, sondern eine gesäuberte, gesiebte Volksprache, die allerdings nichts von ihrem Ursprung, dem Völkischen, preisgab, mit der er sich aber vollständig von der "gehobenen" Sprache der Romantiker abwandte. Er handhabte die Volkssprache frei von jeder Herablassung, jeder Affektation, fügte ihr aber etwas Undefinierbares hinzu, eben das Einmalige, das jeder Zeile, jeder Strophe, jeder Metapher von Petőfi eigen ist. Bei ihm ist die Dichtkunst keine Errungenschaft, sondern eine Selbstverständlichkeit. Was er sieht, was ihm einfällt, was er wahrnimmt, verwandelt sich im gleichen Augenblick in ein Gedicht, und eben diese Spontaneität, diese Selbstverständlichkeit wirkt unwiderstehlich. Sicher hat Petőfi eine Wandlung, durchgemacht, eine Steigerung in den sechs bis sieben Jahren, die ihm als Dichter gegeben waren, vom Simplen zum Vielschichtigen, Komplizierten durchgemacht (das oft als Stagnation angesehene Jahr 1846 war eher eine Pause zur Verinnerlichung), aber die Unmittelbarkeit des Ausdrucks hat er auch dann beibehalten, und wenn die Wirkung, die er ausübte und noch heute ausübt, ein Geheimnis birgt, so ist das, dieses je ne sais quoi sein Geheimnis, und das konnte ihm kein anderer ablauschen und nachmachen - trotz der zahllosen Petőfi-Epigonen. Inzwischen erwarb er sich eine erstaunliche Bildung; nun kamen zu den Liedern Genrebilder, Situationslyrik hinzu (Mutters Henne, Am Dorfrand) und die zahllosen Liebesgedichte von den sentimentalen Etelka-Trauerliedern (1845) über viele Gelegenheitsliebschaften bis zu den großen schwärmerischen Ergüssen an Julia Szendrey, die seine Frau wurde. (So wie der Zweig erzittert, Der Herbstwind fiüstert mit den Bäumen, ein bravuröses Revolutionsgedicht über ein Liebes-Kontinuo: Wie könnte ich dich nennen? und der geradezu metaphysisch erhöhte September-Ausklang.) Genauso reich sind die beschreibenden Gedichte, zu denen getrost solche lyrisch durchsetzten wie Ein Abend daheim, Auf dem Ochsenwagen hinzugezählt werden können wie die eindeutigen Landschaftsbilder, die ja auch immer mehrdeutig sind, Winter, Die Theiß, Winterabend, die Pußta im Winter.
Petőfi war, wie erwähnt, ein Sohn des ungarischen Tieflandes und hing mit Leib und Seele an diesem "alföld". Er hat unglaublich viel dazu beigetragen, daß diese Gegend als die ungarischste bekannt und ihre Schönheiten erkannt wurden. Man lese z. B.: In meiner Heimat, Kleinkumanien, Tiefland im reicheren Auswahlband der Petőfi-Gedichte in der deutschen Corvina-Ausgabe.
In allen diesen Gedichten spiegelt sich der Reifeprozeß, den der jünglinghafte Dichter zum Mann durchmachte, und immer klarer tritt die Erkenntnis des Zeitgeschehens zutage, die Freiheitsidee, mit einer Spannweite vom bürgerlichen Radikalismus bis zur Revolution. Petőfi war ja in erster Linie ein politischer Dichter, und als solcher ist er am besten bekannt. Der aufgeklärte Patriot entwickelte sich zum Revolutionär, der konsequent den Weg von der linken Mitte bis zur äußersten Linken ging, und überzeugter Republikaner wurde. Schon der Dreiundzwanzigjährige schrieb Ein Angsttraum quält mich, das ein Bekenntnis zur "Weltfreiheit" war. Bald aber reifte die revolutionäre Situation heran, zu der gerade Petőfi anregend beitrug und dann auch Führer der Pester revolutionären Jugend wurde. Mit seinem Nationallied hat er dem Tag der Revolution, dem 15. März 1848, ein unvergängliches Denkmal gesetzt. (Er hat es an dem Tag vor der begeisterten Menge deklamiert und mußte es mehrere Male wiederholen.) Während der Revolution folgten Gedichte wie Leben oder Tod, Hängt die Fürsten auf u. a. m. bis in das Jahr 1849 hinein, als der anfangs erfolgreiche Freiheitskampf infolge der Einmischung einer russischen Armee zusammenbrechen mußte. (Europa schweigt und das letzte Gedicht, das Major Petőfi im Feld schrieb: Zeit des Entsetzens.)
Um auch einen heitereren Ton anzuschlagen, seien zu den politischen Gedichten zwei groteske, früher geschriebene hinzugezählt, zwei Charakterbilder: Der ungarische Edelmann und Herr Pál Pató, vernichtende und doch nicht gehässige Porträts ungarischer Edelleute. (Gehässig war der liebenswerte Petőfi nur selten, zum Beispiel: Hängt die Fürsten (Könige) auf, ein Gedicht, das ihm selbst seine Anhänger als zu radikal übelgenommen haben.) Sonst ist er immer humorvoll, menschlich (Die Ruinen der Csárda, das Hundelzratzloch, Die Tintenflasche) und vielleicht gehört eben das zu dem Charme, mit dem dieser Dichter immer bestrickt. (Hoffentlich auch in den treuen Nachdichtungen.)
Die kurze Einführung - kurz, weil die Auswahl so knapp bemessen ist - soll nicht abgeschlossen werden, ohne des Epikers Petőfi zu gedenken. Erwähnt seien das komische Epos Der Dorfharmmer und das Märchenepos Held János (heide 1844), in denen schon die klare, würzige, nichtfolkloristische Volkssprache da ist, die zwar später noch reicher, aber im Grunde unverändert bleiben sollte.
Als drittes episches Werk sei noch Der Apostel erwähnt, ein im Revolutionsjahr, 1848, entstandenes, politisch kühnes, romantisches und konsequent revolutionäres Poem mit viel Schönheiten im Einzelnen.
Außerdem dichtete Petőfi auch Prosa (einen Roman, ein Drama, übersetzte Shakespeare u. a. m.). Da sind seine Reisebilder, die Tagebuchaufzeichnungen, bestrickend wie jede Zeile, die er schrieb, auch dann, wenn er sich in die Höhen einer Gedankenlyrik erhebt. (Das Gericht, Die Dichter des 19. Jahrhunderts, Licht.)
Vieles könnte noch hinzugefügt, überdacht und analysiert werden, was in diesem Sechsundzwanzigjährigen steckte und was er uns noch hätte geben können. Aber auch so steht fest, daß Petőfi zu den größten lyrischen Genies seines Landes - und nicht nur seines Landes - gehört.