J. Karazoni

Mord in der Apotheke

 

Die ungarische Orginalausgabe erschien unter dem Titel
"Gyilkosság a patikában"

bei 3T+C Bt, Budapest, 1992

 


I.

Bella konnte ihren Blick nicht vom Fensterrahmen nehmen hinter dem sich ein milchweißer Nebel ballte. Schon seit einer Stunde trat niemand in die Apotheke ein. Sie fühlte einen unbehaglichen Druck um ihr Herz herum und dachte dabei an ihren Heimweg, an die gespenstischen Straßen. Sie stand hinter der Tara auf und ging ins Recepturzimmer. Robert blickte vom Rezept, das er in der Hand hielt, auf, sagte aber kein Wort. Er schaute nachdenklich auf Bella, als ob er etwas sagen wollte und darüber grübelte, ob er sprechen solle oder nicht. Das war ungewöhnlich bei ihm, denn sonst war er ein fröhlicher, gesprächiger, klein gewachsener Mann. Vielleicht wirkte er nur so, weil er sich hinter der Waage immer zusammen zog.

Agatha teilte die Pulver. Ihre wunderbaren blonden Haare verdeckten ihr Gesicht. Sie sah nicht auf, aber das Zittern ihrer Hände verriet ihre Angst.

Bella kehrte an den Trehsen zurück, aber es kam nicht einmal ein einziger Kunde. Vielleicht kamen sie bloß wegen des Nebels nicht, tröstete sie sich, und es habe nichts mit dem schrecklichen Mord zu tun, der gestern abend geschehen war. Sie konnte noch immer nicht glauben, daß Daniel tot ist. Am Morgen, als sie hereinkamen, lag er auf dem Boden des Chemikalienlagers, als ob er etwas unter dem Tisch suchte. Der Schlag traf ihn auf dem Kopf, er wurde von hinten niedergeschlagen. Bella dachte nur ungern daran, aber sie war jetzt unfähig, an etwas anderes zu denken. Er wurde nach Geschäftsschluß ermordet. Alle gingen nach Hause, nur Daniel blieb in der Apotheke. Der verwandte eines Schwerkranken holte ein dispensiertes Medikament nicht ab. Das Morphiumzäpfchen hat Edith hergestellt, der Arzt hat eine ziemlich hohe Dosis verordnet. Der Verwandte des Patienten bestand darauf, daß es noch gestern fertig werde. Trotzdem kam er nicht rechtzeitig. Unverständlich!

Daniel sagte ihr mehrmals, wann die Apotheke schließt. Schließlich bot er den anderen an, daß er auf den Patienten warte, worüber sich die anderen sehr freuten, denn sie dachten nicht gerne daran, daß eine schwerkranke Frau nachts ohne schmerzstillendes Mittel bliebe.

Jede gute Tat erhält ihre gerechte Strafe - dachte Bella an ein altes verdrehtes chinesisches Sprichwort, daß ihr gerade einfiel. Wie oft erwies es sich schon als wahr!

Endlich kam eine kleine alte Frau und kaufte eine ganze Liste von den gewöhnlichen, angepriesenen Mitteln. Auf diese alten Frauen konnte man immer zählen, denn sie sind verrückt nach Medikamenten. Es fiel Bella immer schwer, den Patienten nicht vor den schädlichen Nebenwirkungen zu warnen. Sie tröstete sich aber damit, daß eine Bedienungsanleitung in der Packung zu finden sei; und hoffte, daß der Kranke diese auch sorgfältig durchlesen würde. Sie machte sie auch immer darauf aufmerksam. Langsam tippte sie die Ansätze der Rechnung in die Kasse ein, um die alte Frau länger hier zu behalten. Seltsam, daß sie nichts sagte, sonst schwatzen ja die Alten so viel, diese scheint wohl nicht zu denen zu gehören. Sie konnte die Zeit nicht weiter in die Länge ziehen, legte die Medikamente in eine Tüte und die alte Frau ging. Danach schien sich der faule Zauber zu brechen, und es kamen der Reihe nach neue Kunden. Sogar Agatha kam nach vorne, um zu helfen. Die Mitarbeiter rührten und regten sich ganz fröhlich hinter der Tara. Der Nebel wurde immer dicker. Es hatte zumindest den Anschein, als ob die Menschen sich in der Luft, wie in einer einfachen Lösung, auflösen würden. Bella schaute auf ihre Uhr. - Es ist halb sieben, wir schließen gleich - dachte sie. Robert kam schon mit dem Schlüssel.

Plötzlich legte sich wieder düstere Stille auf die Regale. Stumm räumten sie auf. Sie half noch Agatha die Pulver zuzumachen, denn sie wollten nichts dalassen. Agatha wischte die Pulververteiler Karten ab. Die Putzfrau wusch inzwischen auf. Sie sah schrecklich aus, genau so wie eine alte Hexe. "Gehen sie doch endlich!", kreischte sie, "Verwischen sie mir ja nicht den Boden!" Die Putzfrau war einst in vornehmen Häusern Zimmermädchen. Man sagte, so unglaublich es doch nun schien, daß sie ein sehr schönes Mädchen war, sofern man den Photos trauen konnte. Bella sah diese berühmten Bilder noch nicht, denn die alte Sabine Schneider konnte sie nicht leiden. Sie mochte niemanden, bis auf den Chef und Edith Weber. Sie und auch den Chef mochte sie auch nur auf ihre rauhe Weise. Bella sah einmal, wie sie den Chef mit dem Handbesen bedrohte.

Robert ging schon hoch ins Herren Ankleidezimmer. Er ließ die Arbeit immer schnell stehen. Man konnte ihn wohl kaum für fleißig halten.

Agatha ging auch los ins Damen Ankleidezimmer, wo gerade Edith schon angezogen in sich versunken saß. Sie war eine rothaarige Frau, und dem Aussehen nach äußerst ordinär. Die Zigarette hing ihr ständig im Mund und noch dazu stank sie andauernd vor Schweiß. Bella wunderte sich schon immer, warum Herr Hadriani sie in seiner Apotheke duldete. Sie paßte wohl eher in eine Kneipe mit ihren ungepflegten Zähnen und ihrer blatternarbigen Haut. So stumm sah sie sie noch nie, Bella sah sogar Angst in ihren Augen. Agatha zog auch ihren wunderschönen Pelz an, ihre blonden Haare wellten sich auf dem schwarzen Pelz.

"Edith weiß, wer der Mörder ist", sagte sie wie gewöhnlich unüberlegt vor sich hin.

"Damit würde ich an deiner Stelle nicht scherzen", antwortete Edith, die dabei noch mehr erblaßte und erschrocken um sich sah. Ihre Augen starrten voller Furcht ins Labor, ihr Mund öffnete sich, und die Zigarette fiel auf ihren Mantel. Erschrocken griff sie danach, daß sie ihren schäbigen Mantel nicht ausbrenne.

Bella trat nach vorne, um zu sehen, ob jemand im Labor ist. Zu ihrer Überraschung konnte sie niemanden entdecken. Agatha lachte nervös auf und schrie auf zu Robert: "Was ist denn, wirst du schon wieder der Letzte sein?"

Robert latschte beleidigt die Treppen hinunter. Endlich standen sie alle fertig in der Küche. Verschwiegen traten sie raus aus dem Zimmer. Bella drehte sich nochmals um, warum wußte sie selbst nicht. Es lief ihr eiskalt über ihren Rücken, sie sah eine blutleere Hand die Bürotür zuziehen. Sie ergriff Roberts Schultern und drehte ihn wortlos um, schon schlichen sie beide zurück zur Tür. Die anderen schauten ihnen überrascht nach.

Robert öffnete die Tür und fand ein leeres Büro vor sich, wie es Bella schon von vornherein ahnte. Sie winkte den anderen, daß sie zurückkommen sollen und gemeinsam durchsuchten sie das Zimmer. Vom Büro aus konnte man in den Laden gelangen, und verstecken konnte man sich da nirgendwo. Von dort gelangte man ins Rezepturzimmer, das nur ein schmaler Korridor war und nur durch eine Scheinwand von dem Laden abgetrennt war. Dort konnten sie auch niemand finden. Danach ins Labor, von dort in die Küche. Niemand zu sehen! Sogar Robert hätte schwören können, daß er die Türklinke des Büros zuschließen sah.

Edith schrie auf sie ein: "Würdet ihr endlich ausspucken, was das alles bedeuten soll?" Bella erzählte ihnen vom Schrecken noch gelähmt, was sie sahen. "Unsinn", antwortete Edith "ihr seid beide völlig übergeschnappt. Hier ist keiner."

Bella sah suchend in die Dunkelheit des Ankleidezimmers, dahinter konnte man die Tür des Chemikalienlagers kaum entdecken. Robert machte das Licht an, und da er der einzige Mann war, ging er tapfer nach vorne. Die anderen folgten ihn im Gänsemarsch. Im Ankleidezimmer durchsuchten sie sogar die Schränke. Danach das Chemikalienlager, wo sie schaudernd an der Tür stehen blieben, während Robert die Schranktüren öffnete, denn hier fanden sie gestern Daniels Leiche. "Nichts und wieder nichts", murmelte er erleichtert. Danach ging es die Treppen rauf im Gänsemarsch ins Speziallager. Bella ahnte, daß auch hier, noch im Verbandslager, das zugleich auch als Herren Ankleidezimmer diente, niemand zu finden wäre.

Agatha guckte raus auf die Galerie, auf die man durchs Speziallager gelangen konnte. Sie schaute auf dem Rundgang runter in den Laden.

"Ich kann nichts sehen", schrie sie den anderen zu. In den Schrank, wo sie das Packmaterial hielten, lohnte es sich nicht reinzuschauen, denn er war viel zu schmal.

Verschwiegen gingen sie die Treppen runter. Sie blieben im Labor stehen und warteten bis Robert die Lampen ausschaltete. Edith kreischte nun nicht mehr, was Bella auf besondere Weise verstimmte. Also glaubte sie ihnen, was sie mit Robert sah. Was soll jetzt werden? Sollten sie etwa den Polizisten benachrichtigen, der draußen im Nebel spaziert, oder einfach nach Hause gehen? Agatha schüttelte entschlossen ihre netten Haare, als ob sie Bellas Gedanken erraten hätte.

Der Polizist muß davon erfahren, denn der Inspektor legte ihnen ans Herz, daß sie ihm alles Ungewöhnliche melden müßten. Er würde schon den Inspektor benachrichtigen. Agatha rannte in die Dunkelheit raus, um den Polizisten zu holen. In wenigen Minuten erschien sie mit ihm und schilderte ihm lebhaft den Vorfall. Der Polizist war ein hochaufgeschossener Mann in seinen mittleren Jahren. Er bezweifelte offensichtlich die ganze Geschichte, aber er hielt es für seine Pflicht, die Apotheke zu durchsuchen. Er ging sogar runter in den Keller, wohin sie reinzuschauen vergaßen. Danach blickte er auf Bella und brachte höflichst zum Ausdruck, daß die schrecklichen Ereignisse der letzten Tage womöglich das Fräulein mitgenommen hätten.

"Ich habe es auch gesehen", sagte Robert, "dann bildeten wir uns wohl beide was ein?"

Der Polizist antwortete nichts, aber er hielt scheinbar nicht viel von übergeschnappten Apothekern, die blutleere Hände auf einer Türklinke sehen, vor allem wenn die dazugehörige Person sich unbemerkt in Luft auflöste.

Er ging los zur Tür, die anderen folgten ihm leise und schlossen die Apotheke ab. Der große Polizist versprach ihnen, dem Inspektor vom Vorfall zu berichten.

Draußen auf der Straße verschwanden sie alle der Reihe nach im milchweißen Nebel. Agatha stieg mit Robert in seinen Wagen. Sie wohnten am anderen Ende der Stadt. Edith ging mit Sabine Schneider zur Straßenbahn, sofern sie nicht in einer näheren Bar landeten, was sie öfters taten. Der Nebel verdeckte sie wohlwollend.

Bella blieb allein. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als auf den verlassenen Straßen nach Hause zu gehen. Natürlich winkte ihr aus dem Nebel andauernd eine blutleere knochige Hand zu. Es war keine Menschenseele mehr auf der Straße. Bella fühlte die fürchterliche Kälte an ihren Knochen, obwohl sie einen dicken Pelzmantel anhatte. Es war ihr so, als ob der Nordwind ihre kurzen schwarzen Haare abgerissen hätte, sie trug selbst in der bittersten Kälte keine Mütze. - Morgen kauf ich mir eine - dachte sie, und dieser Gedanke erfüllte sie mit Wärme. Der Gedanke war so alltäglich, wie Bellas bisheriges Leben. Es war genauso, wie sie es liebte, schöne gleichförmige Tage. So war es bis jetzt, aber nun dieser schreckliche Mord! Sie hoffte noch immer, daß sie alles bloß träumte. Daniel mit zertrümmertem Hinterkopf unter dem Tisch. Edith fand ihn, als sie das Glycerin herausbringen wollte. Bis dahin haben sie Daniel andauernd beschimpft, daß er zu spät kommt, weil er Abends länger blieb. Aber nein, der ärmste lag schon da auf dem Boden des Chemikalienlagers; er ging nicht einmal nach Hause. Sie kann Ediths Geschrei nie im Leben vergessen. Dieses schreckliche Vogelgekreische! Sie liefen alle zu ihr und zum Ärger des Inspektors haben sie alles zusammengetreten und angefaßt. Daniel haben sie nicht angerührt, sie sahen sofort, daß man ihm nicht mehr helfen könne.

- Nein, - dachte sie - ich denke nicht mehr daran, der Nebel ist ja schon schrecklich genug.

Sie bog in den Lilienweg ein. Es war eine breite, helle Gasse, aber im Nebel konnte man die Lichter nicht sehen. Blind schritt sie tastend weiter, so dicht war der Nebel noch nie. Plötzlich sah sie eine Hand mit einem riesigen Marmormischer. Vor Schrecken begann sie so grell zu schreien, daß sie vor ihrer eigenen Stimme noch mehr erschrak. Auf einmal hörte sie den Getrampel harter Schuhe, und sie fand sich sogleich zwischen zwei uniformierten Polizisten. Sie ergriffen ihre Arme von beiden Seiten. Bella dachte noch immer mit Erleichterung daran, daß die beiden Polizisten sie nicht ohrfeigten, damit sie endlich mit dem hysterischen Geschrei aufhöre. Die Polizisten erzählten ihr, daß sie ihr auf Anordnung des Inspektors von der Apotheke aus folgten. Sie machten nicht einmal einen Versuch den Angreifer, an den sie selbst nicht glaubten, zu finden, denn einer von ihnen hatte auch schon in der Apotheke vergeblich nach ihm gesucht. Sie haben auch niemanden bemerkt, mußten aber zugeben, daß er in diesem dichten Nebel leicht verschwinden konnte. So begleiteten sie Bella nach Hause, die mit Wut, aber zugleich mit Dankbarkeit, an den Inspektor wegen der Begleitung dachte.

Zu Hause wurde sie schon von ihren Tanten erwartet, die sich sehr um Sie sorgten. Sie wohnte mit ihnen und sie freute sich darüber heute zum ersten Mal, weil sie alleine vor Angst umgekommen wäre. Ihre Eltern reisten für zwei Jahre nach Ägypten, um an einer neuen Ausgrabung teilzunehmen, die hoffen ließ, eine bislang unbekannte Grabstätte der Pharaonen und Oberpriester zu entdecken. Sie gaben ihre Wohnung auf, und hielten es für einfacher, daß Bella bei ihren Tanten wohne, wo bei weitem genug Platz war.

Bella schilderte ihnen die Ereignisse, die äußerst gruselig klangen.

"Herr Hadriani weiß gar nichts, man konnte ihn noch nicht finden. Er reiste früh am Morgen mit seiner Tochter ab in die Berge in die Umgebung von Salzburg, um Ski zu fahren", erzählte Bella. Hadriani war der Besitzer der Apotheke und lebte mit seiner außerordentlich schönen Tochter zusammen. Sie wohnten über der Apotheke im zweitem Stock. Über seine Frau erzählte er, daß sie gestorben wäre, als Agnes zwei Jahre alt gewesen war. Seine Tochter Agnes studierte in der Hauptstadt. Sie wollte Ärztin werden. Sein Vater reiste oft zu ihr, denn sie hatten auch dort ein Haus. Für eine Zeit rieten sie, was der arme Chef zu all dem sagen werde. Er mochte kein Aufsehen, und dies stand schon in den Zeitungen. Es war eine Sensation im Leben der kleinen Gebirgsstadt.

"Wer kann es wohl gewesen sein?", fragte Bella sich und ihre Tanten. Sie hatten nicht einmal die leiseste Ahnung, aber die Polizei auch nicht.

Nachdem ihre Tanten sich hinlegten, versuchte Bella noch zu lesen, aber auch kein Buch konnte ihre Gedanken fesseln. Nach mehrstündigem Herumliegen überwältigte sie endlich der Schlaf.

 

II.

Schreckliche, zu Eis gefrorene Hände hämmerten am Fenster. Daraufhin wachte Bella aus ihrem Alptraum auf. Aber es waren nur die in eisgefrorene Äste, die auf die Fenster schlugen, wie in "Wuthering Heights" von Bronte. Der Nebel legte sich ein wenig, aber man konnte immer noch nicht bis ans Ende des Gartens sehen. Von bösen Vorahnungen geplagt, ging sie in pitschnassem Nachthemd zitternd ins Badezimmer. An ihren Alptraum dachte sie nicht mehr und entschloß sich, es auch ihren Tanten gegenüber nicht zu erwähnen. Wie immer frühstückte sie Kaffee mit Toastbrot, wobei sie nur halbwegs auf das Gespräch ihrer Tanten hörte. Sie ging zusammen mit Tante Sarah los, die in Richtung Apotheke mit ihrem Wagen einkaufen ging. Nachdem sie sich ihre Mahnungen anhörte, ging sie los zum Hintereingang, und es blieb ihr nichts anderes übrig, als in die Apotheke reinzugehen. Elisa und Sabine Schneider erwarteten sie schon ungeduldig, denn sie hatte den Schlüssel bei sich. Obwohl sie keine Sekunde zu spät war, trat die Putzfrau mit dem Gesicht einer Märtyrerin in die Apotheke ein. Wer konnte denn was dafür, daß sie eine halbe Stunde zu früh da war?

Elisa setzte sich sofort, um die Zeitungen zu lesen, legte ihre Kipfeln auf ihren Teller, die sie auf dem Weg hierher kaufte. Die Blätter waren voll von dem Mord. Eine richtige Sensation!

"Mord in der Apotheke", stand es auf den Titelseiten der hiesigen Zeitungen. Elisa las sie gierig. Sie liebte die Zeitungen, und jetzt ist die Sensation in der Apotheke geschehen.

Die alte Putzfrau wusch die restlichen Steinplatten auf, die sie gestern ausgelassen hatte. In ihrer gewöhnlichen guten Laune schmiß sie mit den Stühlen um sich, die metallische Schreie aus dem Boden herausholten. Sie stieß sogar an Elisas Stuhl, die in ihrer Aufregung gar nichts davon bemerkte.

Bella begann nun auch, die Artikel zu lesen. Ihr Magen schnürte sich vor Angst noch mehr zusammen. Sie erklärte sich diese Furcht mit ihrem Alptraum, denn Elisa schien scheinbar die ganze Sache zu genießen. Daniel wurde umgebracht, na und! Es war wirklich nicht schade um ihn. Er hat jedem, wo er nur konnte, geschadet. Seine letzte gute Tat war unbegreiflich, aber Bella fühlte, daß es nichts mit seinem geheimnisvollen, schrecklichen Mord zu tun hat.

Der Kaffee prasselte in seinem Behälter. Bella stand auf und schenkte den Kaffee in die Becher ein. Sabine Schneider nahm sich mürrisch ihren Becher und ging in die Küche, die ihr Reich war. Bella setzte sich Elisa gegenüber und dachte daran, wie schön es wäre hier am Morgen Kaffee zu trinken, wenn dies alles bloß nicht geschehen wäre. Sie war gerne mit Elisa zusammen wegen ihrer friedlichen und ausgeglichenen Natur.

"Was glaubst du, Bella", fragte sie, während sie ihr Kipfel aß, "war es die Frau, die die Morphiumzäpfchen abholen wollte?"

Bella wußte selbst nicht, woher ihre Gewißheit kam, aber sie fühlte, daß sie recht hatte, als sie Elisa antwortete:

"Nein, ich glaube nicht, daß sie es war. Der Inspektor glaubt es auch nicht."

"Aber wer kann es dann gewesen sein?", zuerst fühlte sie Angst in Elisas Stimme.

"Ich weiß es nicht", antwortete sie.

Lustlos ging sie rauf ins Ankleidezimmer und legte ihren Mantel ab. Dann bemerkte sie, daß die Tür des Chemikalienlagers halbwegs offen war. Sie ging wie hypnotisiert auf die Tür zu, wobei sie gar nichts fühlte, nur große Leere. Sie wußte mit tödlicher Sicherheit, daß jetzt alles wahr werde, was sie in ihrem Traum sah. Sie stieß die Tür auf und vor dem Tisch fand sie genau dort Edith, wo Daniel lag. Ihr rotes Haar umrandete eine entsetzliche Wunde. Bella drehte sich um, stolperte die Treppen hinunter, blieb vor Elisa stehen und öffnete ihren Mund mehrmals, konnte aber kein Ton aus sich herausbringen, bis endlich die alte Putzfrau sie mit dem Bartwisch schubste.

"Edith liegt an Daniels Stelle, tot!", brachte sie endlich heraus. "Man hat sie umgebracht, genauso wie Daniel! Ich habe das ganze geträumt!"

Die alte Sabine ging den Bartwisch voraushaltend aufs Chemikalienlager zu, ihr nach Elisa mit einem riesigen Marmormischer. Bella hätte schwören können, daß es die tödliche Waffe gewesen wäre, sie sah sogar die braunen Flecken darauf.

Die beiden kamen verblüfft zurück aus dem Lager und blickten ratlos auf Bella, was sie zu sich brachte. Wortlos schritt sie zum Telephon, wählte die Polizei an und verlangte nach Inspektor Blatt. Während sie ihm alles erzählte, kamen die anderen langsam heran. Sie blickten verständnislos auf Bella, weil sie alle nicht begreifen wollten, was sie da hörten. Aber Elisas und Sabines traurige Miene bekräftigten das Gehörte. Auf einmal entdeckte Bella, daß die anderen Sie scharf beobachteten. Agatha drehte zerstreut ihre Locken. Robert faßte ihre Hände, als ob er sie nur schützen wollte. Sylvia Marsch, eine dunkelhaarige Frau mit rundem Gesicht starrte Bella mit offenem Mund an. Ute schaute, wie gewohnt auf den Boden, als ob sie ein verrolltes Centigramm suchen würde. Gewöhnlich schaute sie jemandem nicht einmal dann in die Augen, wenn sie mit demjenigen sprach. Igor, der dritte Mann in der Apotheke, ein Pharmazeut, ein Mann der Taten, ging auf die Treppe zum Chemikalienlager zu. Bella rief ihm nach, daß er unten bleiben sollte, bis die Polizei ankommt.

Stumm warteten sie, bis ein scharfes Klingeln sie an die Kranken erinnerte. Sie holten schnell die Schlüssel, öffneten die Tür, schoben eifrig das Gitter zur Seite. Sie waren froh darüber, daß sie endlich etwas zu tun hatten. Die Kranken beschwerten sich über die verspätete Öffnung, Igor bat sie um Verzeihung.

"Es ist ein Unfall geschehen", erklärte er. Die am frühen Morgen kommenden Patienten interessierte das überhaupt nicht, denn sie hatten wahrlich keine Zeit für Neugierde und eilten ihrer Arbeit nach.

Bella dachte verängstigt an den Inspektor, weil sie nicht wußte, wie sie ihm ihren Traum erklären sollte. Es ärgerte sie schon, daß sie es ihren Kolleginnen gegenüber erwähnte. Der Gedanke an ihren Traum erfüllte sie mit Abscheu, was ihr unerklärlich schien. Sie sah sich deutlich im weißen Nachthemd, im entsetzlichen Nebel, wie sie rauf ins Chemikalienlager ging und auf dem Boden liegend, in Blut erfroren Edith fand. Sie wußte, daß sie noch etwas geträumt hatte, aber sie konnte sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern.

Plötzlich fühlte sie Inspektor Blatts scharfen Blick auf sich ruhen, dessen ankommen mit dem Wachtmeister sie gar nicht bemerkte. Bella erzählte ihm, wie sie Edith gefunden hatte, und es gelang ihr, einen kühlen, objektiven Ton zu bewahren. Man konnte ihr nicht ansehen, daß sie am liebsten schreien würde, wie sie es nach dem Entdecken der Leiche tat. Über ihren Traum verlor sie kein Wort. Sie hoffte, daß Elisa und auch die alte Sabine darüber schweigen würden. Sie füllte, daß Wachtmeister Colin sie mit Mitleid an ihren Händen faßte und sie hinsetzte. Erst dann bemerkte sie, daß sie kaum noch auf ihren Füßen stehen konnte und alle ihre Glieder zitterten. Der Inspektor brachte ihr ein Glas Wasser, und vertraute sie der alten Putzfrau an. Er hatte sich die Beste ausgesucht, um ihren Schock zu überwinden - dachte Bella verbittert während der Inspektor ins Lager hinaufging. Zum Glück kam Agatha zu ihr und brachte ihr eine Beruhigungstablette, die Bella ausnahmsweise auch ohne Widerstand einnahm.

Auch Robert erschien, seinen Kittel abwischend. Er bekleckerte sich immer mit allem, womit er arbeitete. Bella mußte lachen, als Agatha - wie gewohnt - anfing, Robert abzustauben. Die alte Sabine prustete verächtlich und ging in die Küche.

Sylvia und Ute kamen zurück aus dem Speziallager. Verschwiegen fingen sie an, in dem Laden auf die Drehscheibe und in die Schubladen, die Medikamente auszuladen. Sie sahen beide ziemlich gelb aus, als ob sie schon seit Wochen ihre Augen nicht mehr zugetan hätten.

Igor half ihnen nicht, was merkwürdig war, weil kein Kranker da war. Bella nahm dies alles nicht war, denn sie saß nur in sich versunken da, bis der Inspektor wieder erschien und zum Telefon ging. Bald erschienen auch die anderen, vom ganzen schrecklichen Todesstab gefolgt und nach einer kurzen Zeit trugen sie Edith fort, wie sie schon Daniel am vorigen Tag davongetragen hatten. Sie standen alle da, wie zu Stein gewordene Statuen, die Statuen des Schreckens.

 

III.

Inspektor Blatt nahm schon seinen Platz wie gestern im Büro ein, und das furchtbare Verhör nahm wieder seinen Anfang. Wachtmeister Colin rief Sabine Schneider als erste.

"Fräulein Schneider" begann der Inspektor, "sie haben wahrscheinlich das Opfer als letzte noch lebend gesehen."

"Und noch die halbe Bar", erwiderte die alte Frau unfreundlich.

"Seien sie so freundlich und erzählen sie uns, was geschah, nachdem sie sich gestern abend von den anderen trennten", bat sie der Inspektor.

"Im schrecklichen Nebel", begann Sabine ungehalten, "hielten wir es für besser, wenn wir uns einen genehmigen und in die Bar gehen, da Edith vor Furcht kaum mehr auf ihren Beinen stand. Man sah es ihr an, daß sie sich äußerst vor ihrem Heimweg fürchtete. Die Sache mit der blassen Hand, die Bella Borgmann sah, verwirrte sie sehr. Ich sagte ihr, daß das alles Schwachsinn wäre, und daß ich selbst nichts gesehen hatte; aber sie erwiderte, daß auch Robert Battison es gesehen hatte. Darauf konnte ich ihr nichts entgegensetzen. Wir gingen schweigend bis zur Bar, wo man uns schon unseren gewöhnlichen Drink einschüttete. Wir tranken drei davon, bis dann Edith endlich aufhörte zu zittern. Sie lachte vor sich hin und murmelte mir zu, daß sie wüßte, wer Daniels Mörder wäre; aber sie würde es der Polizei nicht erzählen, denn er hatte verdient, was er bekam. Für dieses Schweigen wollte sie Geld kriegen, und sie sagte mir, daß sie auch schon wüßte von wem."

"Hat sie nicht erzählt, an wen sie sich wenden wollte, wen sie erpressen wollte?", warf der Wachtmeister, ihren Monolog unterbrechend, dazwischen und hob seinen Bleistift hoch.

"Nein, das hat sie mir nicht erzählt, obwohl ich sie mehrmals danach fragte. Ich spendierte ihr sogar noch ein Glas, konnte aber nichts aus ihr herausholen. Deswegen hab ich sogar mit ihr gestritten und verließ sie auch aus Wut. Ich sah noch, wie ein Mann sich zu ihr setzte und ihr eine Zigarette anbot. Sie nahm es nicht an, stand auf und bewegte sich stolpernd zum Waschraum hin. Ich ging los nach Hause, aber meine Straßenbahn kam nicht. In diesem ekelhaften Nebel wagte ich es nicht, zu Fuß loszugehen und wartete in dieser bis an die Knochen durchdringenden Kälte. Endlich kam dann die Straßenbahn. Ich konnte bloß mit großer Mühe einsteigen, denn meine Hände waren völlig steif vor Kälte. Edith sah ich dann nicht mehr", beendete die alte Frau ihre Aussage.

"Hat sie jemand gesehen, als sie zu Hause ankamen?", fragte Wachtmeister Colin.

"Ich weiß nicht", antwortete die Alte verächtlich, "der Schaffner erinnert sich vielleicht noch an mich, er kennt mich. Meine Quartiergeberin kam auch raus aus der Küche, als ich in die Wohnung ging. Ich blieb aber nicht stehen, um mit ihr zu plaudern."

"In Ordnung, sie können gehen", sagte der Inspektor zerstreut. "Schicken sie Fräulein Heller rein."

Agatha ging selbstsicher ins Büro und setzte sich auf den vom Wachtmeister angebotenen Stuhl. Sie kreuzte ihre schön geformten Beine und blickte den Inspektor herausfordernd an.

"Fräulein Heller, sie sehen sehr klug aus", begann Inspektor Blatt schlau, "genau deswegen lege ich sehr großen Wert auf ihre Meinung über die ganze mysteriöse Geschichte."

Agatha blickte überrascht zu ihm auf, und versuchte ihre verwirrten Gedanken zu ordnen. Es fiel ihr überhaupt nichts ein, womit sie den Inspektor verblüffen könnte. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, wer Daniel ermordet hätte und Edith noch weniger. Warum man Edith umbrachte ahnte sie schon, Edith wußte, wer der Mörder war, darin war sie sich sicher. Das erzählte sie auch dem Inspektor, der sie mit seinen schwarzen Augen aufmerksam anschaute.

"Soweit ich weiß, gingen sie mit Robert Battison nach Hause?", fragte Wachmeister Colin.

"Wir gehen immer gemeinsam nach Hause, denn wir wohnen in derselben Straße", antwortete Agatha.

"Haben sie sich gleich, nachdem sie ankamen, von einander getrennt?"

"Ja, das heißt nein, ich ging auf einen Drink rauf zu Robert. Wir waren beide zu aufgeregt und dachten, daß ein Apfelbranntwein gut tun würde, vorm Hinlegen. Roberts Mutter hatte frisches Gebäck gebacken. Wir rauchten eine Zigarette und sprachen über den schrecklichen Vorfall."

"Und kamen sie auf etwas?", fragte der Wachmeister, während er seine Notizen machte.

"Nein, auf überhaupt nichts. Ich dachte, daß die Frau, die wegen den Morphiumzäpfchen kam, Daniel ermordet hat. Dies erschien für uns plausibel. Wer sonst? Aber warum sie Edith umgebracht hätte, kann ich mir nicht vorstellen", antwortete Agatha.

"Vielen Dank, Fräulein Heller, wenn ihnen sonst nichts mehr einfällt, können sie gehen", sagte der Inspektor unerwartet.

Agatha nickte selbstsicher, schüttelte ihre wunderbaren Haare und es gelang ihr, die etwa zwei Schritte Entfernung bis zur Tür zu einem würdevollen Abgang zu verwandeln. Der Wachtmeister schaute ihr anerkennend nach. Der Inspektor vergaß sie, um den nächsten Zeugen zu bitten, so mußte Wachtmeister Colin Frau Sylvia Marsch rufen.

Sylvia konnte nicht viel sagen. Gestern abend war sie nicht in der Apotheke, sondern mit ihrem Mann zu Hause. Sie hatte nicht einmal den blassesten Schimmer, wer Daniel und noch weniger wer Edith ermordet haben könnte. Vielleicht war es ein Verrückter oder die Frau mit den Morphiumzäpfchen. Warum konnte die Polizei sie überhaupt nicht finden, wo doch ihre Adresse auf dem Rezept drauf war?

"Sie hat eine falsche Adresse rauf geschrieben, das Rezept war auch falsch, die Suche nach ihr dauert noch an", antwortete der Wachmeister geduldig.

"Dann hat offensichtlich Daniel dies entdeckt und wollte ihr das Morphium nicht geben, woraufhin sie ihn umbrachte", sagte Sylvia erleichtert.

"Aber warum brachte sie dann Edith Weber um?", fragte sie Inspektor Blatt.

"Das weiß ich nicht, vielleicht erkannte sie den Kranken in der Bar und dieser hat sie dann überredet, mit ihr in die Apotheke zurückzukommen", meinte Sylvia.

"Daran haben wir auch schon gedacht, aber Edith Weber hatte keinen Schlüssel und der Patient wohl noch weniger. Außerdem halte ich es für unwahrscheinlich, daß sie mit einem Mörder zusammen in die Apotheke zurückgehen würde. Wir werden auf jeden Fall auch dieser Möglichkeit nachgehen.", erläuterte der Inspektor geduldig, "Übrigens, was hielten sie von Daniel Goldmann?"

"Er war gewissenhaft, ein guter Fachmann und verstand es hervorragend, mit den Kranken umzugehen", mehr gelang ihnen nicht, von Sylvia Marsch zu erfahren.

Der nächste Zeuge war Robert Battison, der einen ziemlich schlechten Eindruck auf sie beide machte. Er wäre ein idealer Mörder, wenn er kein Alibi hätte, was er zum Ärger der beiden Beamten hatte.

"Herr Battison", eröffnete der Inspektor in einem gutmütigen, warmen Ton, der meistens immer wirksam war bei solchen unentschlossenen Menschen wie Robert Battison.

"Haben sie gestern abend auch gesehen, wie eine Hand die Bürotür zumachte?"

"Ja, ich sah es, kann mir aber überhaupt nicht vorstellen, wohin es verschwand. Wir haben alles durchsucht, konnten aber nichts finden."

"Aber, während sie der Hand folgten, könnte doch diese Person seelenruhig herumgegangen und vor ihnen durch die Küche in den hinteren Hof gelangt sein", erwähnte der Inspektor und beobachtete dabei Robert Battisons Gesicht scharf.

"Das wäre doch unmöglich, denn wir hörten nichts und der Polizist auf der Straße sah niemanden sich aus der Apotheke entfernen", beteuerte Robert. Der Inspektor mußte das auch einsehen, obwohl er dachte, daß der Polizist auch bloß ein Mensch ist. Gestern abend kamen ja der Mörder und sein Opfer auch unbemerkt in die Apotheke.

"Trotzdem, da sie einen Kreis machten, können wir diese Möglichkeit auch nicht ausschließen", meinte der Inspektor.

"Meiner Meinung nach können wir sie ruhig ausschließen", antwortete Robert hartnäckig.

"Lassen wir das", winkte der Wachmeister Robert ab, "Sagen sie uns lieber, was sie danach machten."

"Nun, nachdem wir alles durchsuchten, gingen wir raus, um dem Polizisten Bescheid zu sagen. Er durchkämmte gründlich die ganze Apotheke, ging sogar in den Keller runter, woran wir gar nicht dachten, aber auch er konnte niemanden finden. Er glaubte die ganze Geschichte genauso wenig wie die anderen, die mit ihren eigenen Augen nichts sahen. Danach gingen wir alle raus auf die Straße, ich fuhr mit Agatha nach Hause und die anderen machten sich auch auf ihren Weg wie gewöhnlich. Sabine und Edith gingen zur Straßenbahn los, landeten aber in der Bar und Bella ging zu Fuß los in dem schrecklichen Nebel."

"Hielten sie es nicht für notwendig, sie nach diesem schrecklichen Erlebnis nach Hause zu fahren?", fragte der Inspektor sarkastisch.

"Das ist mir gestern gar nicht eingefallen, jetzt wundere ich mich sogar selbst darüber, warum ich es ihr nicht anbot. Eigentlich habe ich es ihr schon hundertmal angeboten, aber sie hatte mich immer zurückgewiesen. Sie ging gerne zu Fuß nach Hause. Manchmal, wenn sie in Eile war, rief sie ein Taxi.", antwortete er gereizt.

"Die Sache ist die, daß sie auf ihrem Heimweg jemand mit einem riesigen Marmormischer angegriffen hat, so behauptet sie es zumindest. Die Polizisten die sie begleiteten, haben aber nichts gesehen, nicht eine einzige Menschenseele."

"In diesem Nebel hätten sie auch niemanden sehen können", sagte Robert, "Es tut mir leid, daß ich sie nicht nach Hause gebracht habe, ich hätte es wahrlich gern getan."

"Kehren wir zu ihnen zurück, Herr Battison, sie hörten da auf, daß sie mit Fräulein Heller in ihren Wagen stiegen und nach Hause fuhren", kehrte Wachmeister Colin wieder zur Sache zurück.

"Ja ich brachte sie nach Hause, sie wohnt unmittelbar im Haus nebenan. Ich lud sie zu einem Drink ein, so daß wir am Ende zu dritt mit meiner Mutter die ganze Angelegenheit über Daniel besprachen; und fragten uns noch, wer derjenige gewesen sein könnte, der ins Büro ging."

"Und was dachten sie, wer könnte es gewesen sein?", wollte der Inspektor wissen.

"Natürlich Daniels Mörder, wer sonst?", antwortete Robert mit scharfer Stimme, "und warum man Daniel umbrachte, kann ich mir nicht vorstellen. Die einzige auf der Hand liegende Erklärung ist die Frau mit den Morphiumzäpfchen. Daniel kam wahrscheinlich darauf, daß das Rezept gefälscht war und wollte es ihr nicht geben. Nur, daß das Rezept hierblieb und die Zäpfchen auch, wie sie wissen. Keine einzige Süchtige würde die Beute da lassen, wofür sie mordete. Deswegen bin ich der Meinung, daß sie es nicht gewesen sein könnte. Diese dünne, nervöse Kreatur? Nein, daß ist einfach unvorstellbar. Es bleibt noch die Frage, wer es gewesen sein könnte. Vor allem warum? Niemand mochte Daniel, wie sie wissen. Er war ein hinterlistiger, bösartiger Mensch, aber es ist wohl höchst unwahrscheinlich, daß er bloß deswegen ermordet wurde. Lächerlich!"

"Gut, das sagten sie uns schon letztes Mal, aber inzwischen erfuhren wir, daß er Herrn Hadriani öfters empfahl, sie zu entlassen!",erwiderte Inspektor Blatt.

"Herr Hadriani hörte nicht auf ihn, das weiß ich sehr gut. Nein, ich persönlich hatte nicht mehr Grund, ihn zu hassen, als jeder andere in der Apotheke. Gelang es ihnen schon den Chef zu erreichen?"

"Nein, aber das ist bloß eine Frage der Zeit. Sobald er die Zeitungen liest, wird er sich melden. Es ist unverständlich, wohin in der Welt er mit seiner Tochter verschwand. Morgens fuhren sie gut aufgerüstet auf eine mehrtägige Tour in die Berge. Wo sie übernachteten kamen sie bestimmt zu keiner Zeitung, oder lasen sie einfach nicht.", antwortete der Inspektor.

"Ja, es kam öfters vor, daß sie wochenlang in den Bergen herum irrten. Sie beide waren hervorragende Skifahrer, aber nachts ruhten sie sich immer in einem guten Hotel aus. Es ist mir unerklärlich, daß sie sich noch nicht gemeldet haben. Der arme Herr Hadriani, was für ein harter Schlag für ihn, wo er doch die Öffentlichkeit so sehr haßt. Wir alle glaubten schon, daß er sich nicht mehr traut, hierherzukommen, und die Apotheke bankrott geht. Freilich ist es erst zwei Tage her. Wenn sie es erfahren, dann ist es womöglich aus mit dem Geschäft."

"Wo denken sie hin", tröstete ihn Inspektor Blatt, "es werden eher noch mehr Kunden kommen als bis jetzt. Schließlich wurden ja nicht die Kranken mit Gift ermordet, sondern die Apotheker niedergeschlagen."

"Es ist aber gar nicht sicher, daß der Mörder sich damit begnügen wird", warf Wachtmeister Colin sarkastisch dazwischen.

Robert Battison starrte erschrocken den Wachtmeister an, am liebsten wäre er irgendwohin verreist, bloß daß er nicht hier in der Nähe des Chemikalienlagers sein müßte!

"Sie beide tun wirklich alles, um einen Mut zu machen", sagte Robert bitter, "und wenn wir die Apotheke schließen würden?"

"Nein, daß hätte nicht viel Sinn, der Mörder würde sein Opfer unter irgendeinem Vorwand in die Apotheke locken, oder er würde sie anderswo ermorden", beharrte Wachtmeister Colin.

"Hier können wir sie wenigstens alle beobachten und beschützen, wenn es sein muß", sagte Inspektor Blatt tröstend. Robert blickte verächtlich auf sie, er hätte nie gedacht, daß die Polizei so tolpatschig und tatenlos wäre. Kein Wunder, daß es so viele unaufgeklärte Fälle gibt.

"Wenn sie keine weiteren Fragen haben, kann ich dann jetzt gehen?", fragte Robert laut.

"Ist gut, sie können gehen", antwortete der Inspektor gnädig, "aber verlassen sie die Stadt nicht."

Robert antwortete nicht, er fühlte, daß man sich über ihn lustig machte.

"Schicken sie Ute Weißmann rein", bat ihn Wachmeister Colin.

Diese Frau war für sie beide ein Rätsel. Sie war eine hübsche Blondine, um die Dreißig, mit verwunderten großen blauen Augen. Ihre Augen hob sie nur selten auf ihren Gesprächspartner. Zur Zeit Daniels Ermordung hatte sie kein Alibi. Sie behauptete, daß sie alleine zu Hause gewesen wäre; aber ihr Mann war verreist, und konnte ihre Aussage nicht bestätigen. Sie wohnt neben der Apotheke, konnte jederzeit unbemerkt herüberkommen, den ahnungslosen Daniel ins Chemikalienlager rauflocken und von hinten niederschlagen. Andererseits konnten sie bei ihr auch nach gründlichster Untersuchung kein Motiv finden. Sie hatten ein ziemlich gutes Verhältnis, aber kein verheimlichtes Liebesverhältnis. Frau Weißmann liebte ihren Mann sehr, obgleich er ein ziemlich bedeutungsloses Aussehen hatte, aber er hatte sicherlich auch seine guten Seiten.

"Frau Weißmann, würden sie uns bitte erzählen, wo sie gestern waren", begann Inspektor Blatt mit dem Verhör.

"Warten sie. Gestern nachmittag arbeitete ich nicht und verließ meine Wohnung überhaupt nicht. Das Wetter war miserabel, und ich versuchte meine liegengebliebene Hausarbeit nachzuholen, mit wenig Erfolg. Ich mußte immer an Daniel denken, alles fiel mir aus der Hand. Mein Mann kam noch nicht von seiner Geschäftsreise zurück, er kam erst spät in der Nacht an. Im furchtbaren Nebel konnte er kaum vorankommen, er wäre erst gar nicht losgefahren, wenn ihn die Sorge um mich nicht getrieben hätte. Ich sah andauernd aus dem Fenster, konnte aber wegen des Nebels nichts sehen. Ich habe kein Alibi, wie sie es gestern schon sagten, sofern nur der Mord nicht nach Mitternacht geschah, denn zu der Zeit war mein Mann schon zu Hause.", sie blickte fragend auf den Inspektor.

"Wir wissen die Tatzeit noch nicht genau", wich der Inspektor einer Antwort aus. Es geschah todsicher vor Mitternacht, sie wollten es aber die Öffentlichkeit noch nicht wissen lassen.

"Was glauben sie dennoch, wer könnte diese schrecklichen Morde begangen haben?", fragte sie Inspektor Blatt.

"Ich weiß es nicht, obwohl ich mir mit meinem Mann die ganze Nacht darüber den Kopf zerbrochen habe. Wir sprachen über Daniels Tod, kamen aber zu nichts. Und nun Edith! Verblüffend! Wie ein Alptraum! Wird das nun jede Nacht so sein? Wird irgendeiner von uns morgen wieder auf dem Boden des Chemikalienlagers liegen?", Sie sprang vor Wut auf und blickte wütend auf dem Inspektor.

"Nein, diese Frau kann es nicht gewesen sein", dachte sich Wachtmeister Colin, eine so gute Schauspielerin gibt es nur auf der Bühne.

"Beruhigen sie sich", sagte er laut, "so etwas wird sich nicht nochmals wiederholen. Ein Mann, wenn es sein muß sogar zwei, werden andauernd, Tag und Nacht, hier in der Apotheke sein."

"Das ist für mich eine große Erleichterung, und ich glaube für die anderen auch. Sie fürchten sich alle, bis auf den Mörder natürlich.", sagte Ute Weißmann unerwartet.

"Sieh an, sie verwerfen also die Theorie über den Mörder von draußen.", wunderte sich Inspektor Blatt.

"Es überrascht mich selbst, aber anscheinend habe ich es im Unterbewußtsein schon immer verworfen. Daniel hätte keinen Fremden in der Apotheke nach hinten gelassen. Herr Hadriani mochte das auch nicht. Daniel war überhaupt äußerst mißtrauisch gegenüber jedem. Falls die Süchtige zurückgekommen wäre, hätte er das Morphium nur durchs Gitter ausgehändigt. Aber sie kam ja auch gar nicht zurück, da ja die Zäpfchen und das Rezept hiergeblieben sind. Der den er hereinließ und mit sich ins Chemikalienlager brachte, kann nur ein Mitarbeiter gewesen sein. So schrecklich es auch klingen mag, der Mörder ist unter uns.", Ute legte ihr Gesicht in ihre Hände, aber dem Inspektor kam es vor, als ob sie ihn durch ihre Finger schlau beobachten würde.

"Sie sind eine besonders scharfsichtige, Frau und ich teile auch ihre Meinung; aber könnte es nicht sein, daß Daniel einmal eine Ausnahme machte und möglicherweise seine Freundin mit sich hinaufnahm", fragte Inspektor Blatt.

"Möglich wäre es schon, aber ich glaube es nicht, und außerdem hatte er keine Freundin", fügte Frau Weißmann heftig dazu.

"Woher können sie mit solcher Sicherheit behaupten, daß er keine Freundin hatte?", fragte der Inspektor überrascht.

"Er war hoffnungslos verliebt, und er blickte auch auf keine andere Frau", antwortete Ute.

"Und in wen war er verliebt?", fragte Wachmeister Colin neugierig.

"In Agnes Hadriani, die Tochter des Besitzers."

"Aber warum haben sie uns das das letzte Mal nicht mitgeteilt?", murrte der Inspektor empört.

"Sie hatten mich nicht danach gefragt", antwortete Ute Weißmann gemessen.

"Aber es hatte keiner was darüber gesagt, wo doch dies aus dem Standpunkt der Untersuchung von äußerster Wichtigkeit ist."

"Ich kann mir gar nicht vorstellen, was Agnes damit zu tun haben könnte. Sie ist ja mit ihrem Vater verreist und fährt Hunderte von Kilometern vom Tatort entfernt Ski. Außerdem war es eine hoffnungslose Liebe, denn Agnes ist ein sehr schönes Mädchen und Daniel ist völlig bedeutungslos vom Äußerem wie vom Inneren her. Er hatte keine Chancen, daß Agnes seine Gefühle erwidern würde. Daß hätte jeder auch nur halbwegs vernünftige Mensch eingesehen, aber Daniel gab nicht auf."

"Schon gut, lassen wir das lieber", winkte sie der Inspektor großzügig ab. "Ich hoffe, daß sie bald auftauchen werden. Sie werden wohl doch irgendwann einmal die Zeitungen lesen und sich melden."

"Kann ich jetzt gehen, oder haben sie noch Fragen?", fragte Ute Weißmann plötzlich ungeduldig.

"Natürlich können sie gehen, wenn sie uns nichts mehr zu sagen haben", antwortete der Inspektor höflich. "Benachrichtigen sie mich bitte sofort, falls ihnen noch was einfallen sollte."

Wachtmeister Colin öffnete ihr die Tür, worauf Frau Weißmann den Raum stolz verließ.

"Was sagen sie zu dieser interessanten Frau Herr Wachtmeister. Ich glaube nicht, daß sie als Täter in Frage kommt. Ich sehe auch vom Weitem her kein Motiv, und geistesgestört sieht sie auch nicht aus."

"Nein, für die würde ich sie nicht halten", antwortete der Wachtmeister den Kopf schüttelnd, "aber ein Motiv könnte sich noch finden lassen, und ein Alibi hat sie auch nicht."

"Wen haben wir noch nicht verhört?", fragte Inspektor Blatt verärgert über die Klügelei seines Untergeordneten.

"Bella Borgmann, Elisa Zeiß, Igor Darkon", zählte Wachtmeister Colin die übrigen Zeugen auf seinen Notizblock blickend auf.

"Rufen sie Elisa Zeiß. Von ihr erwarte ich nichts Vernünftiges, sie wirkt ziemlich stupide, aber wir müssen auch sie verhören."

"Oft hilft uns jemand überraschend viel bei einer Untersuchung, von dem wir nichts erwarten", sagte Wachtmeister Colin erklärend. "Sie ist ein sehr hübsches Geschöpf und überhaupt nicht dumm, sie läßt nur die anderen brillieren", der Wachtmeister haßte in Wirklichkeit den Inspektor, der jünger war und noch dazu studiert hatte. Der Inspektor wußte das, verübelte es ihm aber nicht, weil Wachtmeister Colin äußerst fleißig war.

Elisa Zeiß trat zögernd ein. Sie blickte erschrocken mal auf den Inspektor, mal auf dem Wachmeister. Ihre schönen kastanienbraunen Haare fielen weich auf ihren weißen Kittel. Ihre dunkelblauen Augen waren einfach hinreißend, was sich auch der Inspektor eingestehen mußte.

"Setzen sie sich Fräulein Zeiß, lassen sie sich nicht so sehr von uns erschrecken. Wir belästigen die Unschuldigen nicht und sie haben ein stichfestes Alibi zur Zeit Daniels Ermordung", sagte der Inspektor, worauf Elisa noch mehr erschrak. Daran hatte sie gar nicht gedacht, daß man auch sie verdächtigte. Was für ein Glück, daß sie bei ihren Eltern schlief, die gemeinsam mit ihrer Schwester bezeugen können, daß sie zu Hause war. Sie hatte auch hier in der Stadt, unweit von der Apotheke eine Wohnung, aber wann immer sie konnte, ging sie raus ins Familienhaus. Die Luft war da viel reiner und ihr Haus war von vielen Apfelbäumen umgeben. Rechts vom Haus zierte ein kleiner Nadelwald den Hügel, den ihr Vater setzte. Das Wochenende verbrachte sie immer draußen, arbeitete ums Haus und half ihren Eltern. Während der Woche schlief sie gewöhnlich hier in der Stadt, nur an diesen beiden Tagen fuhr sie glücklicherweise raus zu ihren Eltern. Freunde hatte sie nicht viele, ab und zu ging sie mit Bella Borgmann ins Theater. Was für ein Pech, daß Bella an beiden Abenden mit den Opfern zusammen arbeitete. Ihr Zimmer war auch so weit von denen ihrer beiden Tanten entfernt, daß diese nicht mit reinem Gewissen behaupten können, daß Bella den ganzen Abend und die ganze Nacht über zu Hause gewesen war. Sie haßte beide Opfer, aber das ist noch kein Grund, um sie niederzuschlagen. Sie schaute den Inspektor erwartungsvoll an, sie hatte keine Ahnung, was sie sagen sollte. Sie versuchte sich vergeblich zu beruhigen und wurde immer nervöser. Schließlich ergriff Wachmeister Colin das Wort, mit einer freundlichen Stimme, die er nur selten benutzte.

"Was taten sie gestern abend, Fräulein Elisa", er benutzte ihren Vornamen, was inoffizieller klang.

"Nach der Arbeit fuhr ich geradewegs zu meinen Eltern, genauso wie vorgestern", antwortete Elisa gedehnt.

"Soweit ich weiß, haben sie auch eine Wohnung hier in der Stadt", warf Inspektor Blatt dazwischen.

"Ja, natürlich", antwortete Elisa. "Aber der Mord hat mich ziemlich aufgewühlt, es erfüllte mich mit Furcht. Ich weiß gar nicht, wann ich wieder ruhig alleine in einer Wohnung werde schlafen können." Aber in sich selbst wußte sie, daß sie nicht aus Furcht hinausfuhr.

"Das ist verständlich", antwortete Wachtmeister Colin freundlich.

"Also fuhr ich raus zu meinen Eltern, wie ich schon sagte. Wir aßen gemeinsam zu Abend und sprachen bis spät in die Nacht über den Mordfall. Meine Eltern wollten mich gar nicht in die Apotheke zurücklassen. Ich konnte sie kaum überzeugen, mich zur Arbeit gehenzulassen. Nun weiß ich nicht mehr, wie es weiter sein wird, sie werden mich sicherlich nicht mehr hierher lassen. Zwei Morde! Wie ein Alptraum! Bella behauptet, daß die Morde mit einem Marmormischer begangen wurden, aber ich habe sie leider schon in die Salzsäure gelegt."

"Was reden sie da?", schrak der Inspektor auf. "Womit hat man die Morde begangen? Und woher weiß das Bella Borgmann?"

"Bella hatte gestern Nacht einen schrecklichen Traum, der sie ganz fertiggemacht hat", plapperte sie weiter. "Im Traum ging sie rauf ins Chemikalienlager, wo sich die beiden Verbrechen ereigneten. Und wie sie durch die Tür rein guckte, sah sie Edith tot und eine Gestalt schlug mit einem Marmormischer auf ihren Kopf. Sie hatte es uns heute Morgen ungefähr so erzählt. Auf einem Mischer waren wirklich braune Flecken, deswegen tat ich sie in Salzsäure." Elisa traute sich nicht auf den Inspektor zu blicken, weil sie ahnte, daß es besser gewesen wäre, wenn sie geschwiegen hätte.

"Das ist ja unerhört!", schrie der Inspektor. "Warum haben sie mich nicht sofort benachrichtigt? Gehen sie der Sache nach Wachtmeister Colin und nehmen sie Fräulein Zeiß mit sich."

Elisa bereute es schon sehr, daß sie über Bella sprach. Sie wird sicher darüber sehr verärgert sein, aber sie hat sie nicht einmal mit einem Wort gebeten, darüber zu schweigen. Anscheinend hatte Sabine Schneider dem Inspektor gegenüber nichts über Bella erwähnt, obwohl sie es auch gehört hatte. In der Küche war keine Spur mehr vom Marmormischer, es war alles schon abgewaschen, der ganze Raum glänzte vor Sauberkeit. Im Labor waren in einer Schublade eine Reihe von Mischern diverser Größe zu finden. Zwischen mehr als zehn großen Marmormischern konnte Elisa nicht herausfinden, welchen sie bei sich hatte, als sie ins Lager hinaufging. Wachtmeister Colin hob der Reihe nach die Marmormischer nachdenklich auf. Man konnte wahrlich jemanden mit denen so niederschlagen wie Daniel Goldmann und Edith Weber. Er rief die Laboranten, damit sie die größeren Mischer mit sich nehmen und nach Blutflecken untersuchen. Danach kehrten sie ins Büro zurück, wo der Inspektor wütend auf sie wartete. Wachtmeister Colin berichtete ihm, zu was er gekommen war, was den Inspektor keineswegs beruhigte.

"Fräulein Zeiß, sie haben möglicherweise eine wichtige Spur vernichtet", wendete sich Inspektor Blatt mit dem Gesicht eines Märtyrers zu Elisa. "Bitte denken sie nochmals nach! Überlegen sie! Wenn sie noch was wissen, was zur Aufklärung des Falles beitragen könnte, dann sagen sie es uns bitte!"

"Ich weiß nicht, ob es etwas mit dem Verbrechen zu tun hat, was ich gestern mittag im Labor hörte. Ich wollte es auch niemandem erzählen, nicht einmal Bella", begann Elisa sich wichtigtuend, "aber es will mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf gehen."

"Seien sie ganz ruhig, alles was sie uns erzählen hilft, die Wahrheit herauszufinden. Was wichtig ist, werden wir verwenden; aber mit dem was für uns uninteressant ist, werden wir uns nicht beschäftigen, und darüber werden wir schweigen wie ein Grab", ermutigte sie der Inspektor, wobei er sie mit einem immer verstörteren Blick ansah. Wachtmeister Colin lächelte sie väterlich an. Schließlich begann Elisa mit der Geschichte.

"Ich war gestern im Rezepturzimmer, als ich auf ein aufgeregtes Geflüster im Labor aufmerksam wurde. Ich hörte eine beschwörende Stimme eines Mannes und die ordinäre Stimme Ediths, ihr unverwechselbares Gekreische habe ich sofort erkannt. Soviel ich verstehen konnte, verlangte sie vom Mann Geld für ihr Schweigen irgendwie in Beziehung mit Bella. Ich ließ meine Sachen stehen, aber ich habe leider die Waage umgestoßen und bis ich raus ging, war niemand mehr im Labor."

"Was glauben sie trotzdem, wessen Stimme könnte es gewesen sein?", fragte sie der Inspektor, "schließlich haben wir keine große Auswahl, es konnte doch bloß Battison oder Darkon gewesen sein."

"Das ist es, worin ich mir nicht sicher bin", antwortete Elisa. "Zwei Ladearbeiter brachten gerade eine dringende Bestellung, Edith biederte sich ihnen immer an, spaßte immer mit ihnen, vielleicht hatte sie sich wieder einen üblen Scherz ausgekocht, und sie mit Bella nur gefoppt."

"Was hat Fräulein Borgmann damit zu tun, was dürfte sie über die Arbeiter nicht erfahren?"

"Das habe ich auch nicht verstanden", gestand Elisa ehrlich, "aber Robert oder Igor passen noch weniger in diese Erpressung. Was vor Bella zu verheimlichen wäre, kann ich mir gar nicht vorstellen."

"Wir werden Fräulein Borgmann darüber ausfragen, vielleicht kann sie die Angelegenheit erhellen. Schließlich kann man nicht nur Geschehnisse erträumen, sondern auch entfernte Gespräche hören.", spottete der Inspektor.

"Wissen sie von noch etwas, was Licht auf diese dunkle Sache bringen könnte?", fragte der Wachmeister.

"Nun, ich weiß nicht", zögerte Elisa, dabei blickte sie vorsichtig auf den Inspektor, vor dem sie sich ziemlich fürchtete, wobei sie gleichzeitig auch die Sensation genoß in die sie geraten war. "Die Wahrheit ist die, daß Edith gestern um vier Uhr mit Herrn Hadriani telefonierte. Ich habe es zufällig gehört, bevor ich ins Ankleidezimmer hinaufging. Es ist nicht meine Angewohnheit zu lauschen.", fügte sie hastig dazu, als sie sah, daß die beiden Detektive, einem Schlaganfall nahe, sie mit ausfallenden Augen anstarrten.

"Ich hätte wegen des Medizinbuches ins Büro gehen müssen, denn ich habe noch ein paar Prüfungen vor mir, und ich wollte einiges nachschlagen, was ich nicht wußte. Meine Hand war schon auf der Klinke, als ich hörte, daß Edith telefonierte. Leider habe ich nicht alles mitbekommen, nur so viel, daß Edith mit honigsüßer Stimme ins Telephon flüsterte: 'In Ordnung Herr Hadriani, ich werde es niemandem erzählen, aber sie müssen wissen, was sie mir schuldig sind. Wegen Daniel brauchen sie sich nicht zu sorgen', oder so etwas Ähnliches, ich konnte es nicht genau verstehen. Ich habe seit gestern wahrlich nicht mehr an dieses Telefongespräch gedacht."

"Sind sie sich dessen ganz sicher, daß es Herr Hadriani war, mit dem das Opfer sprach. Könnte es kein Irrtum sein?", fragte Inspektor Blatt, der verärgert auf Wachmeister Colin blickte, der mit einem - ich habe es doch gesagt - Gesichtsausdruck nickte. "Wir konnten sie nämlich noch immer nicht ausfindig machen, sie sind schon seit zwei Tagen im Nebel verschwunden."

"Edith sagte ausdrücklich Herr Hadriani, sogar ihr Tonfall deutete darauf hin, daß sie mit dem Chef sprach. Sie benutzte sonst niemandem gegenüber diese honigsüße Stimme", beteuerte Elisa.

Die zwei Polizisten blickten verwirrt aufeinander, sie sahen nun den ganzen Fall aus einer neuen Beleuchtung als bisher. Die Frau mit dem Morphiumzäpfchen war auch bis jetzt schon keine ernstzunehmende Verdächtige, aber jetzt ist sie wohl endgültig aus dem Schneider. Wenn sie sie überhaupt finden können, denn wenn sie eine Durchreisende war, suchen sie wohl nur vergeblich nach ihrer Spur.

"Vielen Dank für ihre wertvolle Hilfe Fräulein Zeiß, sie haben uns riesig geholfen. Wenn ihnen sonst noch was einfällt?", schaute der Inspektor hoffnungsvoll auf Elisa.

"Nein, sonst fällt mir nichts mehr ein", grübelte Elisa. Erst jetzt begriff sie, von welcher Wichtigkeit ihre Aussage war. Am liebsten wäre sie jetzt gleich zu Bella gegangen und hätte mit ihr alles besprochen. Jetzt wurde ihr bewußt, daß sie außer ihr keinem vertraute.

"Ist gut Fräulein Zeiß, für heute sind wir fertig. Passen sie auf sich auf! Sagen sie keinem was davon, worüber wir sprachen! Und nun schicken sie bitte Igor Darkon rein", sagte Inspektor Blatt, dabei ernst auf Elisa blickend.

"Habe ich es ihnen nicht gesagt, Herr Inspektor! In Wirklichkeit habe ich schon beobachtet wie neugierig dieses Mädchen ist, und daß sie veranlagt ist, andere zu belauschen. Wenn auch nicht aufdringlich, eher kindisch. Was für ein Glück, daß sie uns alles erzählte, denn was sie da gehört hatte, hätte sonst für sie gefährlich werden können."

"Elisa Zeiß befindet sich auch so in Gefahr, da sie meiner Meinung nach mehr weiß, als sie uns preisgibt. Am Ende fiel ihr noch etwas ein, nur sie war sich ihrer Sache nicht sicher. Sie wollte alleine sein um zu überlegen, oder die Sache mit jemandem besprechen. Hoffentlich nicht mit dem Mörder. Mir gefällt diese Bella Borgmann nicht mit ihren Träumen, was wäre, wenn sie die Morde begangen hätte? Ein Motiv hat sie zwar nicht, aber wenn sie nicht normal ist, dann braucht sie auch keins; dann mordet sie auch so. Wie kam sie auf diese Marmormischer? Es wäre gut möglich, daß der Täter sie als Waffe benutzt hat, es ist nicht auszuschließen. Es ist eine ideale Schlagwaffe. Wir lassen Elisa Zeiß wohl besser beobachten, nicht daß ihr etwas auf ihrem Heimweg zustößt. Schließlich kann sie jeder auf der Straße anhalten, sich in ihren Wagen setzen und niederschlagen. Ich will nicht noch eine Leiche in dieser Sache, wir werden auch so schon genug Ärger mit den Zeitungen bekommen!"

Igor Darkon öffnete sträubend die Tür. Als das Telephon klingelte, griff er mechanisch nach dem Hörer, aber der Inspektor kam ihn zuvor. Nach einem erregten Wortwechsel, legte der Inspektor den Hörer zurück und entschuldigte sich bei Igor Darkon, aber das Verhör werden sie zu einen späteren Zeitpunkt fortsetzen, weil sie beide mit dem Wachtmeister schleunigst fortgehen müssen. Igor schaute ihnen erleichtert nach. Er war ein sehr attraktiver Mann. Sein Haar war beinahe schwarz, seine Augen gelb, wie die eines Tigers. Er arbeitete noch nicht lange in der Apotheke, man sprach, daß er nur in Übung kommen wollte, um später eine eigene Apotheke zu eröffnen. Agnes Hadriani, die Tochter des Chefs, war sichtbar in ihn verliebt, aber der Mann erwiderte ihre Gefühle nicht. Die anderen konnten es nicht verstehen. Agnes war ein so hübsches, reizendes Mädchen. Igor ging raus aus dem Büro in den Laden, blieb neben Bella stehen und ergriff ihre Hand.

"Sie sind weg."

"Ja, ich sah sie fortgehen", antwortete Bella und es fiel ihr nicht einmal ein, ihre Hand wegzuziehen. In dieser Sekunde entdeckte sie, daß sie Igor liebte, schon vom ersten Augenblick an. Für ihre schon seit Wochen andauernde Unruhe, schien damit die Erklärung gefunden zu sein. Sie ahnte schon, daß Igor sich für sie interessierte, aber sie wollte seine Zuneigung ihr gegenüber nicht erwidern, weil sie Agnes Hadriani mochte und ihr nicht wehtun wollte. Jetzt, in dieser dunklen Zeit erschien ihr dieser Grund lächerlich. Wenn sie ihn liebt und der Mann sie auch, dann zählt nur dies. Sie konnte diese innere Spannung nicht mehr ertragen und ging los, um mit Elisa zu essen. Igor war nicht aufdringlich und kümmerte sich weiter um die Kranken. Bella zog ihren Mantel an und wartete auf Elisa Zeiß, damit sie gemeinsam gingen. Sie gingen immer in ein kleines italienisches Restaurant, in dem Sie sich in Ruhe unterhalten konnten. Draußen im Nebel, der sich fürchterlich verdichtete, so wie der frühe Abend nahte, schreiteten sie hastig voran. Die Angst schlich ihnen hinterhältig nach. Sie traten erleichtert ins Restaurant ein und setzten sich in eine Ecke.

"Ein Glück, daß die Polizisten weggingen", begann Bella.

"Ja, aber sie kommen wieder!", sagte Elisa unheilverkündend, "Und ich habe ihnen deinen Traum erzählt, am Ende können sie noch glauben, daß du es getan hast und es nicht nur geträumt hast. Du mußt dir was einfallen lassen, nicht daß sie dich da reinziehen."

"Was kann man sich denn da schon einfallen lassen", antwortete Bella verzweifelt. "Hätte ich es euch bloß nicht erzählt. Die alte Sabine hat es ihnen bestimmt auch erzählt."

"Nein, sie hat es den Polizisten nicht erzählt, aber sie hat es Ute gegenüber erwähnt."

"Dann hätten sie es sowieso erfahren. Ich bin unfähig, es mir zu erklären, denn es ist mir völlig unverständlich, daß ich das Ganze im Voraus erträumt habe. Edith war keine nahe Verwandte von mir, daß ich ihren Tod hätte fühlen können. Eine Verwandte von mir hatte den Tod ihres Mannes erträumt, es war ein schreckliches Erlebnis für sie. Sie hat sich nie davon erholt, es war, als ob sie in diesen Augenblicken ausflippte. Sie träumte, daß ihr Mann schwitzend aufstand und ins Badezimmer ging, weil ihm schlecht war. Nach wenigen Minuten ging sie ihm nach und fand ihn tot. Darauf wachte sie auf, zitternd und zugleich glücklich stellte sie fest, daß sie nur träumte. Gerade als sie wieder schlafen wollte, begann ihr Mann sich zu bewegen, setzte sich auf und sagte ihr, daß ihm schlecht wäre. Danach geschah es wie in ihrem Traum. Mit starren Beinen stolperte sie ihrem Mann ins Badezimmer nach, wo er schon tot lag. Ein Herzanfall, wo er doch nie Herzbeschwerden hatte. Siehst du, so etwas kann auch im Leben vorkommen. Aber wie soll ich das dem Inspektor erklären? Es nervt mich außerdem, daß ich sonst noch was im Traum gesehen habe, das wichtig wäre, aber es fällt mir beim besten Willen nicht mehr ein. Den ganzen Tag denke ich daran, mein Gehirn platzt schon vor Anstrengung, aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was es war. Soviel ist sicher, daß es wichtig ist, zumindest habe ich es im Traum für wichtig gehalten. Der Inspektor glaubt wohl, daß ich das alles nur erfunden habe und Edith in Wirklichkeit umgebracht. Aber warum? Was für einen Grund hätte ich dafür? Was glaubst du, Elisa?"

"Möglicherweise hat dich Daniels Tod durcheinander gebracht, und deswegen hast du über den Mord geträumt, aber wegen irgend etwas hast du zufällig über Edith geträumt", tröstete sie Elisa.

Bella stocherte schweigend lustlos in ihrem Salat rum. Sie blickte gar nicht auf, weil sie wußte, daß Elisa ihres sowieso mit guten Appetit verspeist. Danach ließ sie auch ihren Kalbsbraten mit gemischten Gemüse stehen. Der Kellner trug den vollen Teller beleidigt in die Küche. Der Koch nickte verständnisvoll.

"Worüber wunderst du dich Mario, möglicherweise hat sie ihre Kollegen ermordet."

"Dieses feine Ding doch nicht", erwiderte Mario, "Eher dieser kaltblütige gelbäugiger Gangster! Das letzte mal hat er die schöne Tochter des Apothekers nicht einmal angeblickt, als er mit ihr hier war. Dieser herzlose Kerl!"

Er brachte ihnen trotzdem das gewöhnliche Dessert, daß diese Mädchen so sehr mochten. Befriedigt konnte der Kellner nachher zwei leere Teller abräumen, worin er das Beweisstück ihrer Unschuld sah. Dabei hatte Elisa beide verspeist.

In gedrückter Stimmung kehrten sie in die Apotheke zurück. Bella hatte keine Lust zu reden und Elisa kam das Schweigen zu gute. Sie sehnte sich nach nichts anderem so sehr, als daß was sie dem Inspektor erzählte ein Geheimnis bliebe. Plötzlich ergriff sie die Furcht, wenn sie daran dachte, daß Herr Hadriani der Mörder ist. Schließlich hatte Daniel den Chef ziemlich terrorisiert, das hatte sie noch vergessen den Inspektor mitzuteilen. Der Chef haßte Daniel Goldmann aus dem Herzen, wie jeder andere in der Apotheke, ohne Ausnahme. Aber daß er ihn lieber umbringt, als daß er ihn einfach rauswirft, erschien auch Elisa für ziemlich übertrieben. Nein, Herr Hadriani kann nicht der Mörder sein, er ist nicht der Typ, der anderen schadet. Edith konnte ihn mit etwas erpressen, aber nicht mit Daniels Ermordung. Oder vielleicht doch, schließlich hat man doch Edith nach dem Telefonat ermordet. Manchmal handeln sogar unschuldige Menschen unüberlegt, wenn man sie in die Enge treibt. Auf einmal blieben sie plötzlich vor der Apotheke stehen. Man steckte Igor Darkon mit Gewalt in ein Polizeiauto, der verzweifelt ihnen zuwinkte, woraufhin sie auf ihn zu rannten, aber sie konnten nur noch seine Stimme hören, wie er sich ständig wiederholte, "Nein, ich habe es nicht getan, ich schwöre es, ich habe es nicht getan.!" Bella stand da völlig überrascht, als ob sie vom Blitz getroffen worden wäre. Der Inspektor faßte sie an ihrem Arm und murmelte ihr dämpfend zu, "Beruhigen sie sich Fräulein Borgmann, kommen sie, trinken sie einen heißen Kaffe, der wird ihnen gut tun."

"Aber warum?",fragte Bella.

"Warum hat man Igor Darkon verhaftet, daß möchten sie wohl wissen?", setze der Inspektor an Bellas stelle fort, "Weil man in seinem Schrank die Mordwaffe gefunden hat und einen blutigen Kittel und einen unvollendeten Brief von Daniel Goldmann, in dem er Herrn Hadriani damit erpreßt hat, daß er etwas seiner Tochter erzählen würde, falls er nicht zur Heirat mit ihr beihelfen würde."

"Igor sollte der Mörder sein? Nein, das ist völlig unmöglich, da er doch überhaupt kein Motiv hat!", antwortete Bella mit einer nunmehr ganz ruhigen Stimme.

"Darkon kann es nicht gewesen sein, er war doch an keinem Abend drin, er war zu Hause, daß hat er mir erzählt", bekräftigte Elisa.

"Man hat seinen Wagen an beiden Abenden in der Nähe der Apotheke gesehen. Er hat einen silbernen Mercedes und er parkte auf dem Platz.", setzte der Inspektor mit sachlicher Stimme fort, "Sie müssen einsehen, mir blieb in diesem Fall gar nichts anderes übrig."

"Und was ist mit der Frau, die die Morphiumzäpfchen nicht abholte? Ich würde eher auf sie tippen, die sind zu allem fähig und völlig unberechenbar.", versuchte Elisa.

"Wir haben sie gefunden, deswegen haben wir auch das Verhör frühzeitig abgebrochen und eilten gleich zu ihr. Es war eine Sackgasse. Die Frau kam bloß nicht zurück, weil sie eine Injektion anderswoher besorgen konnte. Sie hat Zeugen, die an beiden Abenden zur fraglichen Zeit bei ihr waren. Ihr Alibi scheint hieb und stichfest zu sein. Und warum wäre sie den nächsten Abend in die leere Apotheke zurückgekommen und hätte Edith Weber umgebracht? Nein, sie kann es nicht gewesen sein. Aber ich kann auch nicht verstehen, warum Igor Darkon die Korpus Delicti in seinem Schrank versteckte? Sie waren doch dort gut aufgehoben, wo er sie zuerst versteckt hatte. Wozu dieses Risiko, daß man ihn mit dem Kittel und dem Marmormischer entdeckt, wie er sie hinaufträgt. Nach dem Mord hätte er diese Sachen gleich beseitigen müssen, wie das vorherige mal. Er handelte völlig unlogisch."

Dem Inspektor fiel gerade ein, daß er während seiner Dienstzeit es mit so vielen unlogischen Übeltätern zu tun hatte. Vielleicht hat Igor Darkon nicht damit gerechnet, daß sie die Schränke nochmals durchsuchen würden. Sie hätten es gar nicht gefunden, wenn einem jungen Detektiv nicht eingefallen wäre, Fingerabdrücke von den Schränken zu nehmen. Warum er gerade von den Schranktüren Fingerabdrücke nahm, war für den Inspektor ein Rätsel. Vielleicht suchte er nach einen Fremden, der nach hinten in den Ankleideraum ging. Auf jeden Fall erwies es sich als eine brilliante Idee. Jetzt ist es völlig sicher, daß der Mörder unter den Mitarbeitern der Apotheke steckt, denn nur einer von ihnen konnte diese Sachen in Igor Darkons Schrank legen. Es konnte jeder von ihnen sein, da alle in der Apotheke waren. An diesem Tag hatten sie alle den ganzen Tag Schicht. Der Inspektor führte Bella ins Büro und bat um einen heißen schwarzen Kaffee für Bella. Sie saßen stumm da, bis die alte Sabine mit dem Kafee reinlatschte. Der Inspektor bot Bella eine Zigarette an, die ablehnend ihren Kopf schüttelte. Wachtmeister Colin rauchte eine Zigarette trotzig gegen den mißbilligenden Blick des Inspektors.

"Fräulein Borgmann", begann der Inspektor, "fühlen sie sich stark genug, uns ihren gestrigen Abend zu erzählen?"

"In Ordnung, Herr Inspektor, bringen wir es hinter uns. Vielleicht wird es besser sein, darüber zu sprechen. Gestern hatten wir kaum Kunden, so ging ich öfters nach hinten zu den anderen. Wie sie wissen waren wir nur wenige, nur Robert Battison, Agatha Heller, Edith Weber und die alte Putzfrau waren außer mir noch da. Wir waren alle bedrückt, Daniels Tod legte sich wie eine furchtbare Last auf uns. Wir rieten wer es getan haben könnte? Die Frau mit den Morphiumzäpfchen war die am naheliegendste Verdächtigte.

Aber irgendwie konnten wir uns damit nicht zufrieden geben, weil wir uns nicht erklären konnten, warum sie die Zäpfchen und den ganzen Vorrat nicht mit sich nahm. So etwas läßt eine wirkliche Süchtige nicht zurück. Dazulassen, was sie doch so sehr begehrt, was lebenswichtig für sie ist! Aber eine andere Lösung fiel uns nicht ein. Edith bestärkte, daß manchmal doch die Süchtigen so unberechenbar sind. Und wahrscheinlich hatte man sie gestört und sie mußte fliehen. Aber womit hatte sie die Apotheke zugeschlossen, woher hatte sie die Schlüssel? Ich glaube der Schlüssel hat jeden in Verlegenheit gebracht, weil es offensichtlich ist, daß derjenige, der die Apotheke zugeschlossen hat, einen Schlüssel hatte. Der Täter verließ die Apotheke über die Hintertür, die er gründlich abschloß. Dabei waren die Schlüssel am Morgen wie gewohnt drinnen an ihrem Platz."

"Jeder hätte sie leicht zurück legen können, bis die Polizei ankam, vor allem bis uns einfiel, nach den Schlüsseln zu schauen.", warf Wachmeister Colin dazwischen.

"Ja, aber gestern dachten wir noch nicht daran, daß der Mörder unter uns ist und ich kann mir das auch heute noch nicht vorstellen, was für einen Grund einer von uns - vor allem Igor - dafür hat. Vielleicht wird sich noch herausstellen, falls man irgendwann den Mörder finden sollte, daß er gar nichts mit der Apotheke zu tun hat.", meinte Bella, aber irgendwie hat sie dabei auch nicht daran geglaubt, was sie sagte.

"Fräulein Borgmann, sie müssen sich über die Gefahr, die auf sie und auf jeden anderen Unschuldigen lauert, im Klaren sein. Der Mörder ist unter ihnen, er hat sich damit verraten, daß er die Beweisstücke in Igor Darkons Schrank legte. Die konnte nur einer aus der Apotheke unbemerkt reinlegen. Das bisherige Versteck hielt er wohl nicht für sicher. Es kann auch sein, daß er oder sie, damit nur Igor Darkon in Verdacht bringen wollte. Natürlich ist es auch möglich, daß Igor Darkon aus einem uns unbekannten Grund die Morde begangen hat. Aber fahren sie fort, Fräulein Borgman, was geschah noch am gestrigen Abend.", ermutigte sie der Inspektor freundlich.

Bella erzählte den schrecklichen Spaziergang nach der unbekannten Hand, die die Bürotür zumachte. Danach den Angriff auf ihren Heimweg, und ihren Alptraum, wobei sie hinzufügte, daß sie keine wissenschaftliche Erklärung dafür hätte. Sie konnte noch erwähnen, daß Edith sichtlich zitterte, wahrscheinlich wußte sie etwas, was sie mit Angst erfüllte.

"Aber wie ist es möglich, daß sie mit dem Mörder gemeinsam in die Apotheke zurückkehrte, wenn sie sich so sehr fürchtete?", überlegte Wachmeister Colin.

"Das ist einfach zu erklären. Sie war bestimmt betrunken und wenn sie betrunken war, kümmerte sie sich um nichts. Einmal kam sie sogar in so einem Zustand in die Apotheke, da war sie frech und aggressiv. Herr Hadriani mußte sie zusammen mit Robert mit Gewalt aus der Apotheke hinaussetzen."

"Da fällt mir gerade ein, was könnten sie über Igor Darkon oder Robert Battison wissen, was diese vor ihnen verheimlichen wollten.", fragte der Inspektor in seine Aufzeichnungen blickend.

Bella blickte befremdet zu dem Inspektor. Woher Inspektor Blatt auf so etwas kam, konnte sie sich gar nicht vorstellen.

"Ich frage sie deswegen, weil jemand ein Gespräch mithörte. Diejenige konnte Ediths Stimme erkennen, aber mit dem Besitzer der anderen Stimme war sie sich nicht im Klaren. Es war eine männliche Stimme, so viel steht fest. Er bat sie flüsternd, anflehend, daß sie ihnen irgend etwas nicht erzählen sollte. Edith verlangte als Gegenleistung Geld.", sagte der Inspektor und blickte scharf auf Bella.

"Ekelhaft! Ich hielt sie nicht zu Erpressung fähig. Noch dazu wegen Geld! Ist es nicht möglich, daß sie bloß scherzte?", fragte Bella.

"Es wäre schon möglich, weil zwei Leute eine dringende Bestellung brachten und unsere Zeugin hielt es für durchaus möglich, daß sie diese foppte.", antwortete Inspektor Blatt.

"Von den Arbeitern hätte sie wohl kaum Geld verlangen können, aber meines Erachtens haben auch meine beiden Kollegen nichts vor mir zu verheimlichen."

Während sie das sagte, blickte sie nicht auf den Inspektor und zu ihrem Erschrecken errötete sie sogar noch dabei. Der Inspektor reagierte nicht darauf, sehr zum Ärger des Wachtmeisters.

"Wir haben hier noch einen anderen Erpressungsversuch, den unsere Zeugin auch ungewollt hörte. Angeblich hat gestern nachmittag Edith Weber mit Herrn Hadriani telephoniert und versprach ihm ihre Verschwiegenheit, falls er wüßte, was er ihr dafür schuldete". Der Inspektor betrachte mit Zufriedenheit Bellas verblüfftes Gesicht. Wenigstens war nicht nur er der einzige, der durch Elisas Aussage verblüfft wurde. Ansonsten ist es leicht möglich, daß Elisa das alles nur erfunden hat, und sie wollte sich womöglich nur wichtigtun. Aber eine innere Stimme flüsterte ihm zu: 'Es ist wahr, es ist alles wahr, was Elisa Zeiß sagte. Und er hatte wenigstens ein Motiv zu töten. Falls der Eigentümer der Apotheke seinen Angestellten Daniel Goldmann umbrachte, hatte er einen guten Grund Edith Weber zu beseitigen, damit sie es niemandem erzählen könnte. Natürlich lohnt es sich nicht, einen Erpresser zu bezahlen, schließlich würde er immer mehr verlangen. Ein kluger Mann wie Herr Hadriani, sieht das voraus. Daniel mußte er wegen seiner Tochter umbringen. Aber was könnte bloß dieses entsetzliche Geheimnis sein, weswegen zwei Menschen ihr Leben lassen mußten?', überlegte der Inspektor in sich.

Bella starrte noch immer mit verblüfftem Gesicht auf den Inspektor. Sie versuchte, sich zusammenzureißen und sagte verkrampft:

"Das ganze ist für mich völlig unverständlich. Edith, als Erpresserin, diese Anschuldigung gegen sie habe ich noch von niemandem gehört, und das glaube ich auch nicht. Sie war eine ordinäre Säuferin, das ist wahr. Aber eine hinterlistige Erpresserin! Das ist absurd."

"Möglich, daß sie sehr dringend Geld brauchte, schließlich kosten die Getränke ja viel. Alkoholiker haben keinen starken Sinn für Moral.", meinte Wachtmeister Colin, der solche Frauen kannte. Zuerst rutscht ihnen das Familienleben aus der Hand, danach kommt ihr Arbeitsplatz in Gefahr und Geld benötigen sie immer mehr.

"Darf ich sie fragen, Herr Inspektor, wer diese Erpressungsversuche belauschte?", fragte Bella neugierig.

"Fragen dürfen sie, Fräulein Borgmann, aber wir geben unsere Zeugen nicht Preis.", antwortete der Inspektor ernst, "Dies bezieht sich auch auf sie, wenn sie was wissen, können sie es uns ruhig erzählen, wir werden es mit äußerster Diskretion behandeln.", blickte der Inspektor überzeugend auf Bella.

"Ich habe ihnen alles gesagt, was ich wußte.", trotzte Bella, "Ich glaube, es ist in unserem Interesse, die Ermittlung zu unterstützen. Sofern der Mörder unter uns ist, wird er nicht zur Ruhe kommen, bis er uns alle umgebracht hat", sagte sie, dabei blickte sie voller Entsetzen mit ihren blassen umrungenen Augen zu dem Inspektor.

"Trotzdem warne ich sie eindringlich, uns nichts zu verheimlichen. Sie spielen mit ihrem eigenen Leben, verstehen sie das nicht Fräulein Borgmann. Sie wissen etwas, was für den Mörder gefährlich sein könnte, sonst hätte er sie gestern Nacht nicht umbringen wollen. Sobald sie es uns erzählen, sind sie außer Lebensgefahr, weil es sich nicht mehr lohnen würde, sie zu ermorden. Ich flehe sie an, denken sie scharf nach! Sogar die am unwichtigsten erscheinende Sache könnte sehr wichtig sein.", drängte der Inspektor Bella.

"Es läuft mir kalt über den Rücken, bei dem was sie da sagen Herr Inspektor, aber es fällt mir nichts mehr ein. Das ganze ist für mich völlig verwirrend. Jedenfalls beruhigt es mich, daß sie nicht nur Igor verdächtigen, weil sie sonst nur kostbare Zeit bei der Suche nach dem wahren Täter verschwenden würden.", antwortete Bella.

"Vielleicht verdächtige ich ihn nicht, aber erzählen sie das bitte keinem, vielleicht können wir den Täter davon überzeugen, daß es ihm gelungen ist, uns irrezuführen. Dann fühlt er sich freier und wird sich womöglich leichter verraten.", sagte Inspektor Blatt.

"Ute Weißmann erwähnte, daß Daniel in die Tochter des Chefs verliebt war und sie heiraten wollte. Wissen sie was darüber?", fragte Wachmeister Colin.

"Ja, das wußte jeder in der Apotheke, und man lachte ihn auch deswegen aus. Agnes Hadriani war nicht die Frau, die so einen Mann wie Daniel heiraten würde. Es war eine hoffnungslose Liebe."

"Wenn wir dem Brief glauben schenken, wäre es nicht ganz so aussichtslos, falls es dem Erpresser gelungen wäre, Herrn Hadriani dazu zu zwingen, ihm die Hand seiner Tochter zu geben."

"Darüber weiß ich nichts, ich habe nichts davon gehört. Ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, daß der Chef sich hätte erpressen lassen.", sagte Bella.

"Das hängt davon ab, wie sehr er etwas vor seiner Tochter verheimlichen wollte. Falls er dadurch ihre liebe verloren hätte, hätte er sich möglicherweise doch erpressen lassen.", antwortete der Inspektor. "Jedenfalls ist sein Verschwinden höchst verdächtig. Hätte er ein reines Gewissen, dann hätte er schon längst hier in der Apotheke erscheinen müssen.", setzte der Inspektor fort.

"Ich weiß nichts genaueres über den Chef. Ich habe zu ihm zwar ein recht gutes Verhältnis, aber für freundschaftlich kann man es nicht bezeichnen. Ich glaube, daß Herr Hadriani völlig ahnungslos mit seiner Tochter in den Bergen Ski fährt.", sagte Bella überzeugt.

"Na gut, Fräulein Borgmann, ich sehe, daß sie uns nicht mehr verraten wollen, und ich hoffe, daß sie dies nicht bereuen werden. Jedenfalls bitte ich sie in ihrem eigenen Interesse, niemandem zu vertrauen. So wie die Sache jetzt steht, sofern nicht Igor Darkon der Täter ist, kann jeder von ihnen der Täter sein. Und sie hat er schon einmal versucht beiseite zu schaffen.", warnte der Inspektor das Mädchen, "Vorläufig können sie gehen. Falls ihnen noch etwas einfallen sollte, können sie mich hier finden. Ich beabsichtige nicht, die Apotheke zu verlassen, solange ich die ganze Apotheke nicht durchsucht habe und das Versteck, wohin ihre schreckliche Hand und die Corpus Delikti verschwanden, gefunden habe.", beteuerte der Inspektor ein Unheil vorausahnend.

Bella dachte verbittert an den immer dicker werdenden Nebel und an die Gefahr, die auf ihrem Heimweg auf sie lauerte. Aber sie wäre um keinen Preis nach dem Dunkelwerden hier in der Apotheke geblieben. Sie war völlig überzeugt, genauso wie auch die anderen, daß in der Nacht wieder ein Opfer auf dem Boden des Chemikalienlagers mit einem eingeschlagenen, blutenden Kopf liegen werde. Einer ihrer Kollegen muß übergeschnappt sein, daß kann nur die Erklärung für alles sein. Sie verdächtigte - lächerlicherweise - Robert Battison. Und plötzlich fiel ihr das fehlende Mosaik aus ihrem Traum, das ihr bis jetzt beim besten Willen nicht einfallen wollte, wieder ein. Sie stand lautlos kreischend über Ediths Leiche und an der Seite des Tisches kniete Battison neben einem Wascheimer mit einem blutigen Lappen in der Hand, mit dem er das rausgießende Blut eifrig aufwusch und hinter ihm stand eine riesige gesichtslose Person, die ihn zu dieser ekelhaften Arbeit zwang. Aber wer? Bella strengte vergeblich ihr Gehirn an, trotzdem konnte sie nicht auf das Gesicht kommen. Also war ihr Robert wegen ihres Traumes verdächtig ! Ist es vorstellbar, daß er wegen seiner Stellung mordete? Schließlich hat ja Daniel in der Abwesenheit des Chefs die Apotheke geleitet und der Chef verreiste oft, so war Daniel während seiner Abwesenheit der unumschränkte Herr der Apotheke. Robert Battison war kein Hauptgewinn für die Apotheke. Bella hörte von jemanden, daß dies schon seine dritte Stellung wäre. Zweimal hat man ihn schon wegen seiner Faulheit weggeschickt. Er hätte nach allem nur mit großer Mühe einen neuen Arbeitsplatz finden können, folglich lag ihm sehr fiel an Daniels Tod. Edith muß was davon erfahren haben und hat deswegen Robert im Labor erpreßt, was die Person, die der Inspektor erwähnt hat, mitgehört hat. Er könnte die flüsternde Männerstimme gewesen sein.

Bella atmete erleichtert auf. Das könnte die Lösung sein! Plötzlich blickte sie an die Türklinke des Büros. Die Hand, die blutleere Hand! Wem könnte die dann gehöhren? Robert jedenfalls nicht, denn er stand ja neben ihr. Haben ihr bloß nur ihre Augen einen Streich gespielt, wie es die anderen behaupteten und Robert stand ihr mit Freude bei, um auch nur den kleinsten Verdacht von sich abzulenken. Sie taumelte ins Labor und ließ sich auf einem Stuhl fallen. Seltsam! Wo sind die anderen? Man konnte den ganzen Tag kaum jemanden sehen. Sie schaute nach Elisa, damit sie gemeinsam nach Hause gingen. Elisa kämmte sich schon im Ankleidezimmer ihre Haare und blickte fragend auf Bella.

"Ich konnte ihnen überhaupt nicht weiterhelfen. Sie tappen völlig im Dunkeln und mir dämmert auch nichts. Ich komme auf nichts, dabei zerbreche ich mir andauernd meinen Kopf. Natürlich glauben sie es mir nicht, vielleicht wegen dieses dummen Traumes.", sagte Bella verzweifelt.

"Dabei finde ich, daß dein Traum ziemlich leicht zu erklären ist. Daniels alpdrückender Tod hat sich in deinem Traum wiederholt, nur daß zufällig Edith die Ermordete war. Es hätte jeder von uns das Opfer gewesen sein können, denn die Träume sind ja so unlogisch, aber du hast zufällig mit Edith geträumt und wie das Leben so spielt, war dein Traum ein Volltreffer.", sagte Elisa und zog sich ihre Schuhe an.

"Vielleicht hast du recht", antwortete Bella müde, "Es kann nur so gewesen sein. Und noch dazu war sie so mit Angst erfüllt, daß sie mir nachts nicht aus den Kopf ging. Warum fürchtete sie sich so sehr und vor wem? Ihre Augen starrten ununterbrochen in die Dunkelheit, in den Nebel. Sie rauchte ihre Zigarette mit zitternder Hand. Einmal, als Agatha ihr sagte, daß sie - Edith - wüßte, wer der Mörder ist, ließ sie ihre brennende Kippe auf ihren Mantel fallen. O mein Gott, warum habe ich bloß nicht mehr auf sie geachtet, wenn sie doch erzählt hätte, was sie wußte, würde sie vielleicht auch heute noch leben!"

"Sie hatte niemanden in der Stadt, sie lebte völlig alleine. Wußtest du das? Ich habe gehört, wie der Inspektor zu dem Wachtmeister sagte, daß sie ihren Namen geändert hatte. Ihr wahrer Name war ganz anders, irgendein kaum aus zu sprechender Name.", flüsterte Elisa leise dabei vorsichtig ins Labor spähend.

"Du mit deiner ewigen Lauscherei!", schrie Bella verzweifelt, "Einmal wirst du dir noch die Finger verbrennen! Du warst sicher dieser mysteriöse Zeuge, der Edith einmal im Labor und einmal im Büro aushorchte."

"Ich kann nichts dafür, daß ich es mitbekommen habe. Das war ein purer Zufall. Der Inspektor könnte jedenfalls dankbar sein, aber sowie ich es sehe, platzt er beinahe vor Wut. Aber ich mußte es ihm trotzdem erzählen. Ich kann es kaum erwarten, bis sie den Mörder gefunden haben. Wir werden keine ruhige Nacht mehr haben, bis sich nicht herausstellt, wer der Mörder war. Wenn sie ihn überhaupt stellen können. Es bleiben ja so viele Straftaten unaufgeklärt. Er wird uns der Reihe nach umbringen, und wer übrig bleibt, ist der Mörder."

"Na, ich bin fertig, gehen wir", wich Bella aus, "Nimmst du mich auf ein Stück mit? Oder es wäre noch besser, wenn du zu mir raufkommen und was trinken würdest. Du könntest auch bei uns schlafen."

"Nein, ich muß nach Hause gehen, dort machen sie sich Sorgen um mich. Morgen werde ich nicht reinkommen, ich habe mir einen freien Tag genommen wegen meiner Prüfung.", antwortete Elisa.

Sie gingen durch die Küche los. Es war niemand zu sehen. Wo waren bloß die anderen, fragten sie sich. Letztlich erfuhren sie, daß während sie essen waren, auf Anordnung des Inspektors die Apotheke geschlossen wurde und die anderen nach Hause geschickt wurden. Es geschah nach Igor Darkons Verhaftung. Der Inspektor hat noch nicht entschieden, ob die Apotheke morgen geöffnet wird. Sie eilten zu Elisas Wagen. Der Nebel würgte sie an ihrem Hals. Sie konnten fast nichts sehen. Der Inspektor wies zwar darauf hin, daß die Polizisten auf sie achten werden, aber bis diese da wären, würde der verrückte Täter schon längst im Nebel über alle Berge sein. Bella fiel der gestrige Angriff ein, möglich daß es bloß Einbildung war.

Elisa ergriff sie an ihrem Arm, und sie fingen beide an, in die Richtung zu laufen, wo sie den Wagen vermuteten. Endlich erreichten sie ihn. Elisa öffnete die Tür, ließ sich auf den Sitz fallen. Voller Schmerz jammernd sprang sie wieder aus ihrem Wagen heraus und sehr zu Bellas Schrecken konnte sie den Umriß eines riesigen Marmormischers auf dem Fahrersitz wahrnehmen. Mit zitternder Hand hob sie es raus und nahm einen daran mit Gummiband befestigten Zettel ab.

"DAS NÄCHSTE MAL WIRST DU DAMIT EINS AUF DEN KOPF KRIEGEN, DU KLEINER, ELENDER, DURCH SCHLÜSSELLÖCHER GUCKENDER LAUSCHENDER WURM !" - das war auf dem Zettel zu lesen. Die großen Buchstaben waren aus einer Zeitung rausgeschnittenen und auf den Zettel raufgeklebt worden. Bella wußte selbst nicht warum, aber es überfiel sie eine entsetzliche Wut. Der Gefahr trotzend lief sie in die Apotheke, gefolgt von Elisa, die noch immer vor Schmerzen stöhnte. Den Polizisten an der Tür schoben sie beiseite, rannten ins Büro und warfen den Marmormischer zusammen mit dem Zettel vor dem Inspektor hin.

Der Inspektor griff vergeblich danach, aber es war schon zu spät, der Wachtmeister sprang schon vor Schmerzen auf, der Schlag traf seine Zehen. Wütend blickte er auf Bella.

"Ich glaube, sie haben meine Zehe gebrochen, Fräulein Borgmann. Sind sie nun endgültig übergeschnappt mit diesen Marmormischern. Dabei steht es noch überhaupt nicht fest, daß die Morde damit begangen wurden. Es könnte auch ein Hammer, eine schwere Vase, oder ein Regenschirm gewesen sein", empörte sich Wachmeister Colin.

"Gut, daß sie zurückgekommen sind Fräulein Borgmann. Man hat gerade telephoniert, daß sich zwei ihrer Kolleginnen auf der Polizei gemeldet haben und die können wenn nötig auch unter Eid bezeugen, daß Igor Darkon die Corpus Delicti nicht in den Schrank gelegt haben konnte, weil er während der ganzen Zeit vorn an der Theke war. Von dort hat er sich nicht entfernt, bis wir ihn ins Büro riefen, danach ging er sofort zurück, um sie abzulösen. So konnte er ihrer Meinung nach den schweren Marmormischer, den Kittel und den Brief nicht hochbringen und in den Schrank legen. Ich habe schon seine Freilassung veranlaßt.", sagte Inspektor Blatt.

"Sie haben Igor Darkon freigelassen?", freute sich Bella auf den Inspektor blickend. Danach nahmen sie von Gewissensbissen geplagt Wachtmeister Colins Zehe in Behandlung, weil er sie noch immer schmerzhaft befühlte. Sie fanden, daß sie nicht gebrochen war, aber sie wurde tatsächlich schwer verletzt. Sie rieben es schleunigst mit Arnica-Gel ein und gaben dem Wachtmeister die ganze Tube, damit er sie öfters täglich einriebe. Sie trösteten ihn, daß es am Morgen gar nicht mehr angeschwollen sein wird. Während dessen las der Inspektor den Zettel, dabei geriet er auch gleich in Wut auf den Polizisten der draußen stand, dem es nicht aufgefallen war, wie der Täter sich an Elisas Wagen ranmachte. Daran war dieser verfluchte Nebel schuld. Es macht das Beobachten fast unmöglich. Wenigstens läßt der Täter immer mehr Spuren zurück. Einmal wird er überhastet handeln, und dann wird er erledigt sein. Die Polizisten schüttelten nur ihre Köpfe, als der Inspektor sie fragte, ob sie jemanden in der Nähe des Wagens sahen. In diesem Nebel konnten sie nicht einmal auf zwei Meter sehen. Der Inspektor forcierte das Ganze nicht weiter.

Stattdessen veranlaßte der Inspektor, daß ein Polizist Elisa nach Hause begleitete und daß sie Bella unterwegs absetzen würden. Er bat sie, in ihrem eigenen Interesse zu Hause zu bleiben und nicht einmal in ihrem Garten zu spazieren.

Seiner Meinung nach wollte der Täter Elisa nur erschrecken. In Wirklichkeit wäre sie gar nicht in Lebensgefahr, aber Vorsicht ist besser als Nachsicht. Am nächsten Morgen wird wahrscheinlich die Apotheke geöffnet werden, weil der Inspektor so Gelegenheit hätte, die ganze Garde vor Augen zu halten und den Täter so schnell wie möglich zu entlarven. Sie wissen immer mehr über ihn, denn er verriet immer mehr über sich, ohne daß er es wüßte.

Der Polizist begleitete sie zum Wagen und setzte sich neben Elisa, aber diese war in so einem Geisteszustand, daß sie nicht fahren konnte. So tauschte der Mann mit ihr den Platz und endlich fuhren sie hundemüde nach Hause los. Bei Bella kamen sie schnell an, aber Elisa hatte noch eine gute Stunde an Fahrt vor sich.

 

IV.

Der Blaubart war eine kleine stimmungsvolle Weinstube. Er eignete sich hervorragend für ein ruhiges Gespräch. Hier traf sich Igor mit Bella, der Sie telefonisch anrief, als sie zu Hause ankam.

Sie bestellten ein leichtes Abendmahl. Bella begann erst jetzt zu spüren, daß sie weder zu Mittag, noch zu Abend gegessen hatte. Igor konnte auch nicht Mittagessen, weil er genau davor von der Polizei verhaftet wurde. Sein Magen zitterte auch jetzt noch, wenn er an die unverfrorene Frechheit des Täters, den Verdacht absichtlich auf ihn zu lenken, dachte.

"Während des Abendessens sollten wir nicht über diese schrecklichen Morde sprechen, denn es ist kein gutes Thema beim Essen.", wandte sich Igor Bella zu, "aber nach dem Essen, werde ich mein Notizbuch hervorholen, das ich mitgebracht habe und wir beide werden dann der Reihe nach jeden einzeln durchnehmen, der als Täter in Frage kommen könnte. Ich glaube nicht, daß der Inspektor und der Wachmeister diesen Fall bald lösen werden. So müssen wir selbst herausfinden, wer dieser miese Täter ist, der zu solchen Schandtaten fähig ist, und warum er sie begangen hat.", erklärte Igor Darkon erregt.

"Heute abend bleibt der Inspektor mit dem Wachtmeister in der Apotheke, so brauchen wir vielleicht nicht zu befürchten, daß uns morgen wieder eine Leiche erwartet. Würde sich doch bloß dieser entsetzliche Nebel lindern. Er nimmt mich schrecklich mit. Auch jetzt kommt es mir so vor, als ob mich jemand aus dem Nebel beobachten würde und seine Augen auf mich ruhen ließe!", beunruhigte sich Bella in den Nebel blickend.

"Solange wir ihn nicht finden werden, werden wir keine Ruhe finden. Ich glaube trotzdem nicht, daß er sie ermorden wollte, nur daß er sie erschrecken wollte. Mich wollte er erledigen, daß ist klar, aber ich kann mir nicht erklären warum. Ich fühle einen schrecklichen Haß, der sich gegen mich richtet. Ich bin nicht besonders beliebt in der Apotheke, sogar die Putzfrau kann mich nicht ausstehen, ich kann mir gar nicht vorstellen, warum.", grübelte Igor Darkon verbittert.

"So behandeln sie jeden Neuen, darüber sollten Sie sich nicht ihren Kopf zerbrechen.", tröstete ihn Bella, "Und Sabine Schneider haßt jeden, bis auf den Chef. Seine Tochter vergöttert sie geradeaus. Sie ist die älteste Angestellte in der Apotheke."

"Man verdächtigt Herrn Hadriani wegen den Erpresserbriefen, aber er konnte unmöglich die Tatzeichen in meinen Schrank getan haben. Meiner Meinung nach hätte er sie eher mit sich genommen.", meinte Igor, dabei nachdenklich auf den Kellner blickend, der das Abendessen auftischte.

Während sie speisten, sprachen sie nicht über die Morde und versuchten, das Ganze einfach zu vergessen. So unter sich gelang es ihnen, diese Entsetzlichkeiten durch den sich zwischen ihnen neu entwickelnden Kontakt zu verdrängen. Igor schaute Bella Borgmann lange an. Er versuchte darauf zu kommen, was ihm an diesem dunkelhaarigen Mädchen so sehr gefalle. Sie ist intelligent - die hat er bis jetzt eigentlich nicht gemocht. Er mochte die lebhaften Blondinen mit blauen Augen und lächelndem Munde. Vor seinen Augen erschien Agnes Hadrianis wunderschönes Gesicht, aber er vertrieb sie aus seinen Gedanken, denn er wollte nicht an die Morde erinnert werden. Um Agnes fühlte er sich zu nichts fähig, aber um Bella fühlte er sich zu allem imstande, sogar zu morden. Was für ein Unsinn ist es, an so etwas zu denken. Schnell nahm er einen Schluck zu sich, dabei einen verstohlenen Blick auf Bella werfend. Er freute sich, daß sie hier war mit ihm, so unglaublich es ihm auch erschien. Er dürfe sie nicht verlieren, müsse ihr alles erzählen, aber nicht jetzt! Nicht jetzt!

Bella aß wortlos, die Grausamkeiten völlig vergessend. Selbst der Nebel beunruhigte sie nicht neben Igor. Das erschien ihr noch unglaubhafter, als die erlebten Entsetzlichkeiten. Sie dachte nicht gerne daran, wie es weiter gehen würde. Agnes wird sicher sehr enttäuscht sein, und sie beide müßten die Apotheke verlassen, darin war sie sich ganz sicher. Aber es ist töricht jetzt schon daran zu denken, sie werden noch genug Zeit haben, um zu handeln, nachdem diese schrecklichen Morde aufgeklärt wurden. Wenn sie überhaupt das Ganze einmal hinter sich haben werden und es überleben werden. Solange kein Motiv, kein Mörder und bis dahin befinden sie sich alle in Gefahr.

Im gleichen Augenblick preßte sich ein fürchterliches Gesicht an die Fensterscheibe, blickte auf Bella. Die weit geöffneten gehässigen Augen kamen ihr irgendwie bekannt vor. Aber bis Igor sich dahin drehte, löste es sich im Nichts auf, als ob es gar nicht dagewesen wäre.

"Irgend jemand, der neugierig auf die drinnen Sitzenden war", sagte der Mann beruhigend, "Sein Gesicht preßte sich ans Glas, sicherlich sah es deswegen so furchterregend aus."

Bella war sich sicher, daß es nicht so war. Das Gesicht kannte sie, nur daß das ganze keinen Sinn ergäbe!

Nachdem sie mit dem Dinner fertig waren, holte Igor sein Notizbuch heraus, das er mit sich gebracht hatte.

"Mit wem wollen wir anfangen?", fragte er, auf Bella blickend, "Wenn wir beide unser Wissen zusammentun, können wir vielleicht die ausschließen, die wir für unschuldig halten, so daß wir uns auf wenigere konzentrieren können."

"In Ordnung", antwortete das Mädchen, "beginnen wir mit Robert Battison."

"Gut, dann halt Battison", Igor schrieb seinen Namen auf ein weißes Blatt, "Zur Zeit Daniels und Ediths Ermordung hat er ein Alibi. Beide Male war er mit Agatha Heller und mit seiner Mutter zusammen. Beide Morde wurden um neun Uhr Abends begangen."

"Mir erscheint trotzdem Robert am verdächtigsten", wollte Bella gerade sagen, aber es gelang ihr gerade noch, sich rechtzeitig zu bremsen. Sie hatte überhaupt keine Lust, ihren Traum, der ihr schon so viel Aufregung einbrachte, noch einmal zu erzählen.

"Könnte es nicht sein, daß der Mord sich etwas später ereignete? Schließlich kühlt sich eine Leiche auf dem kalten Boden des Chemikalienlagers schneller ab, und das hätte den Polizeiarzt irreführen können. Er hat möglicherweise eine zu frühe Tatzeit festgestellt.", Bella wußte nicht, warum sie so gerne Robert als Täter haben wollte. Wahrscheinlich konnte sie in ihrem Unterbewußtsein seine Faulheit nicht ausstehen.

"Die Polizei irrt sich in solchen Fällen nicht. Außerdem hatte er meines Erachtens keinen Grund zu morden. Er ist zu feige dazu, um ein solch schreckliches Verbrechen zu begehen, selbst wenn wir annehmen, daß er Agatha und seine Mutter dazu bringen konnte, eine falsche Zeugenaussage zu machen.", erklärte Igor geduldig dabei mit seinem Bleistift Kreise zeichnend.

"Ein Motiv hatte er schon, seine Stellung. Sein Unterhalt mit seiner Mutter geriet in Gefahr. Daniel wollte ihn aus der Apotheke rauswerfen. Unter uns gesagt ist seine Arbeit nicht viel Wert, denn der mit ihm zusammen eingeteilt ist, muß auch immer auch für ihn arbeiten. Sie kennen ihn noch nicht so gut wie wir. Er macht seinen Mund so gut wie nie zu, er schwatzt die ganze Zeit und hält damit jeden auf. Er hatte schon eine gutes Motiv, und Agatha hätte er unter einem Vorwand zu einer falschen Zeugenaussage überreden können. Er hat sicher eine glaubhafte Lüge erfunden, das ist ja für ihn nun wirklich kein Problem. Mein einziges Problem ist nur noch, wessen Hand ich dann gesehen habe, oder war es nur eine Einbildung.", beendete Bella ihre Anklagerede.

"Nein, ich glaube nicht, daß es Robert gewesen sein könnte.", erwiderte Igor, "aber ich muß schon zugeben, daß er einen Grund hatte. Das halte ich neben seinem Namen fest. Wer soll der Nächste sein?", fragte Igor auf Bella blickend.

"Sie haben noch gar nicht gesagt, wen Sie verdächtigen. Elisa verdächtigt Herrn Hadriani."

"Herrn Hadriani halte ich für keinen Mörder", antwortete Igor, "Aber ich muß zugeben, daß vieles gegen ihn spricht."

"Erstens, sein Verschwinden. Ich glaube nicht, daß er was von dem Geschehen in der Apotheke weiß. Er muß wissen, was Daniel Agnes gegenüber empfunden hat, das beweist auch der Erpresserbrief. Aber ich glaube nicht, daß Agnes Daniel jemals geheiratet hätte, denn sie ekelte sich sogar vor seinem Anblick. Ich hielt auch Daniel nicht für so töricht anzunehmen, daß er Herr Hadriani zu diesem Schritt zwingen könnte.", Igor sprach nicht gerne darüber, er dachte nicht gerne an Agnes. Und vor allem vor Bella! Er empfand, daß diese Angelegenheit zwischen ihnen ein für alle mal bereinigt werden müßte.

"Wissen sie, ich habe mich Agnes nie genähert. Wir gingen einige Male gemeinsam Abendessen, das war alles."

"Ja, ich war mir darüber im Klaren. Es war eine einseitige Sache von Agnes' Seite. Auch deswegen gab ich ihrer Einladung nach.", antwortete Bella seinen Blick meidend.

"Ich hoffe nicht bloß deswegen! Ich bin mir sogar sicher, daß sie auch fühlen, was damals schon begann, als ich in die Apotheke eintrat. Wir beide wußten, daß es ganz anders sein wird, als bisher, falls wir diesem Gefühl nachgeben würden.

Bella fühlte keine Kraft in sich, dieser im gewissen Maße eingebildeten Rede zu widersprechen. Obwohl sie fühlte, daß dieses Verhältnis keine reine Glücklichkeit sein wird, konnte und wollte sie nichts dagegen tun.

"Sofern der Chef nicht bald auftaucht, wird er für mich auch verdächtig sein. Womit hat bloß Daniel ihn erpreßt ? Sie kennen Herrn Hadriani näher, ahnen Sie auch nicht, was es gewesen sein könnte?", fragte Bella, nicht auf Igors Sätze über ihr Verhältnis antwortend.

"Ich weiß nichts Konkretes, nur schleierhafte Anspielungen über ein böswilliges Weibsbild.", antwortete Igor mit enttäuschter Stimme.

Er fühlte in sich, daß dieses brünette Mädchen kein leichter Fall sein wird. Aber es machte ihm nichts aus. Die Morde interessierten ihn nicht, er konnte schon auf sich aufpassen, nur wegen Bella machte er sich Sorgen. Einmal hat man schon versucht, sie umzubringen. Das bedeutet, daß sie was weiß. Würde sie es ihm wenigstens erzählen! Deswegen hatte er sich das Ganze ausgedacht, um es so vielleicht aus ihr herauszuholen.

"Also schreibe ich neben Herrn Hadriani: kein Alibi und ein Motiv."

"Und wen verdächtigen sie?", kam Bella auf ihre frühere Frage zurück.

"Nun, ich verdächtige Ute Weißmann am meisten. Ich erkläre Ihnen auch warum. Ich war am beiden Abenden zum Geschäftsschluß auf Sie, Fräulein Borgmann, wartend in der Nähe von der Apotheke gewesen. Aber ich hatte beide Male keinen Mut, sie anzusprechen um mich einer Zurückweisung auszusetzen. Ich muß ihnen einen meiner entsetzlichen Fehler eingestehen, ich bin schrecklich eitel. Ich sehe Ihrem Gesichtsausdruck an, daß Sie das nicht überrascht. Als alle weggingen, saß ich noch immer da in meinem Wagen mit riesiger Wut auf mich selbst. Auf einmal sehe ich, daß Ute Weißmann vorsichtig um sich blickend über die Hintertür hineinschlich, als ob jemand ihr schon die Tür aufmachte. 'Sieh an', dachte ich, 'So stehen wir also! Daniels tödliche Liebe zu Agnes hält ihn nicht von heimlichen Rendezvous mit einer verheirateten Frau ab.' Aber ich konnte das Ganze gar nicht zu Ende denken, schon kam Ute raus. Am nächsten Tag habe ich das Ganze schon vergessen. Das schreckliche Schicksal des ermordeten Daniels und die süchtige Frau - als Täterin - hat mir Ute aus dem Kopf geschlagen. Aber am nächsten Abend, als ich im dicken Nebel auf sie wartete, verflüchtigte sie sich erneut neben meinem Wagen, zwar habe ich sie nicht in die Apotheke gehen sehen. Ich dachte bloß ständig daran, was ich Ihnen sagen soll, damit sie mich nicht abweisen, so habe ich nicht auf Ute geachtet. Inzwischen sind Sie auch verschwunden und ich dachte daran, daß Robert Sie wegen des Nebels und des Mordes nach Hause brachte. Ich könnte mich vorm Kopf schlagen wegen meiner Dummheit, schließlich hätte Sie ja der Mörder an diesem Abend erledigen können.", Igors Stimme zitterte vor Aufregung.

"Vielleicht wollte er mir nur angstmachen.", antwortete Bella. Es gruselte ihr auch jetzt noch, wenn sie an die drohende Gefahr dachte. Die liebe, einfache, alltägliche Welt, die sie liebte, entpuppte sich auf einmal als die Welt des Schreckens. Sogar ihre Gefühle gegenüber Igor, bekamen ein drohendes Merkmal. Die gelben Augen des Mannes glitzerten fürchterlich im Zwielicht wie die eines Tigers. Was wäre, wenn er aus einem bisher unbekannten Grund Daniel umgebracht hätte, und Edith ihn durchschaute? Er gibt sogar selbst zu, daß er zu beiden Zeitpunkten am Tatort war. Möglicherweise, hat er es wegen Agnes getan, damit nichts entdeckt werden könne, was geheim bleiben mußte. Herr Hadriani hatte nicht den Mut dazu, Daniel zum Schweigen zu bringen, aber Igor hätte es ohne mit den Wimpern zu zucken getan. Bella dachte mit Entsetzen an diese Möglichkeit. Sie sitzt hier mit dem Mörder und diniert mit ihm! Sie schauderte, als ob es kalt wäre. Eine schöne Liebe ist das! Sie würde solch eine Grausamkeit Igor zutrauen, wo der Mann ihr doch blindlings vertraut. Aber im Inneren flüsterte ihr eine Stimme zu, daß er ihr natürlich vertraut, wo doch er der Mörder ist. Aber die Hand, die weiße Hand, kann nicht seine gewesen sein! Sie blickte auf die braunen, starken Hände des Mannes, wie diese verspielt Kreise zogen. Plötzlich erkannte, sie wie dumm es war, Robert zu verdächtigen. Dieser stand ja neben ihr, so kann er es unmöglich gewesen sein. Sofern ihr nicht ihre Nerven einen Streich spielten und die blutlose Hand nicht nur in ihrer Einbildung existierte, als sie die Bürotür zumachte. Na sie ist schon wieder da, wo sie war. Sie ist sich gar nicht einmal darin sicher, daß sie sie gesehen hat und sie ist sich überhaupt in gar nichts sicher. Nur darin, daß dieser Mann sie anzieht wie ein Wirbel. Und das einzig richtige Verhalten in einem Strudel ist es, sich von ihm treiben zu lassen.

"Ja, Ute benahm sich wirklich verdächtig." antwortete sie Igor, "Warum hatte sie verschwiegen, daß sie an dem Abend in der Apotheke war? Mein Instinkt sagte mir schon immer, daß sie was mit Daniel zu tun hatte."

"Einmal hörte ich zufällig, wie sie ihn zu sich zum Dinner einlud. Jetzt weiß ich nicht, was ich tun soll? Soll ich es dem Inspektor erzählen?", zerriß sich Igor seinen Kopf, "Ich bringe nur ungerne jemanden in Schwierigkeiten, sofern es nicht unbedingt sein muß."

"Ich glaube, am besten fragen Sie sie selbst", empfahl ihm Bella, "Sofern sie Ihnen eine befriedigende Erklärung geben kann über ihr dasein, muß man sie wirklich nicht mit reinziehen. Zwar müßte eigentlich der Inspektor über alles Bescheid wissen. Vielleicht würde es ihm Ute auch selber erzählen, wenn sie sieht, daß sie es auch wissen."

"Ja, so werde ich vorgehen. Wen haben wir noch nicht besprochen? Agatha Heller. Sie hat ein Alibi, aber falls Robert sie zu einem Alibi überreden konnte, besteht auch die Möglichkeit, daß er ihr ein Alibi gibt. Agatha kann manchmal äußerst engstirnig und gnadenlos sein. Ich glaube, so unmöglich es auch noch erscheinen mag, daß sie diesen bedeutungslosen Typ liebt. Falls sie ihren Schützling in Gefahr sah, hätte sie Daniel ohne zögern niedergeschlagen."

"Nein, sowas würde ich von ihr nicht annehmen.", empörte sich Bella gegen diese ungerechte Beschuldigung. Sie hatte Agatha immer gemocht. Ihre gerade, freimütige Natur und ihre Hilfsbereitschaft hatte sie schon immer sehr geschätzt. "Agatha würde niemals etwas Unanständiges tun und lügen könnte sie ebensowenig. Ich kenne sie schon länger als Sie. Wir können sie ruhig von der Liste der Verdächtigen streichen."

"Na gut! Also sie hat ein Alibi und ein Motiv hat sie nicht. Wer ist der nächste?"

"Sylvia Marsch.", sagte Bella, "Was sagte sie doch dem Inspektor?"

"Daß sie an beiden Abenden mit ihrem Mann zu Hause war, dessen Herz nicht in Ordnung war. Also hätte sie leicht ihrem Mann ein paar Beruhigungstabletten oder sogar Schlaftabletten geben und zurück eilen können, um Daniel und Edith niederzuschlagen." antwortete Igor.

"Diese Frau hatte ein gutes Verhältnis zu Daniel, sie mochte ihn sogar ausgesprochen gern. Was für einen Grund hätte sie, ihn umzubringen?", wunderte sich Bella.

"Vielleicht war sie in ihn verliebt, und er hat sie zurückgewiesen. Oder vielleicht aus einem uns unbekannten Grund.", zog er lebhaft Kreise auf das Papier, "Sie wissen nichts über sie?"

"Überhaupt nichts! Außer, daß ich vor Langeweile umkomme, wenn ich mit ihr eingeteilt bin", erwiderte Bella Borgmann niedergeschlagen.

"Sabine Schneider, die schreckliche Putzfrau! Ich kann mir alles Schreckliche über Sie vorstellen! Ihr Alibi ist ziemlich verworren. Der Straßenbahnführer erinnert sich nicht an sie, ihre Hausdame aber schon. Um acht Uhr war sie schon zu Hause, so kann sie nicht in Frage kommen. Mit Daniel kam sie verhältnismäßig gut aus. Zu Edith hatte sie ein sehr gutes Verhältnis", zählte Igor auf.

"Motiv hat sie keins. Es steht fest, daß sie Edith zuletzt lebend sah", warf Bella dazwischen.

"Nein, in der Bar hatten sie noch mehrere gesehen, bevor sie sich auf ihren verhängnisvollen Weg machte. Dem Barmixer versprach sie eine Menge Geld, falls dieser sie begleiten würde. Dieser nahm sie aber nicht ernst, außerdem hätte er das Pult sowieso nicht dalassen können. Sein Chef war auch nicht da, und er bediente seine Gäste alleine. Er nahm an, daß Edith etwas zuviel getrunken hätte, während sie da war. Es muß etwas nach acht gewesen sein, als Edith die Bar verließ. Er schaute nicht auf seine Uhr. Sie war so voll, daß sie die Klinke kaum zumachen konnte."

"Das erklärt auch, warum sie in die Apotheke zurückging, noch dazu ins Chemikalienlager! Anscheinend hängt der Mörder sehr am Chemikalienlager. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß er noch jemand dazu bringen könnte mit ihm ins Chemikalienlager raufzugehen! Aber vielleicht wird es ihm das nächstemal auch anderswo gelegen sein.", schauderte Bella in den Nebel starrend.

"Sie sind ein sonderbares Mädchen, ich fühle, daß sie mir nicht trauen und trotzdem kamen sie mit mir in diesem Nebel essen.", foppte Igor sie. Seine gelben Augen sprühten Feuer.

"Ich vertraue ihnen, aber von mir aus können sie auch der Mörder sein. "antwortete Bella den Blick des Mannes erwidernd. "Das ist Wahnsinn! Wahnsinn!", dachte sie, "Was geschieht mit mir? Warum kam dieser Mann in die Apotheke und wenn er schon kam, warum mußte ich mich in ihn verlieben? Ich wehrte mich dagegen, aber es war alles umsonst!" Trotzdem fühlte sie sich an der Rand der Welt getrieben, in eine andere Welt blickend. Und das war ein Gefühl, wofür es sich gelohnt hat zu leben.

"Wir haben über Ihre Freundin Elisa noch nicht gesprochen. Sie war an beiden Abenden mit ihren Eltern zusammen, somit hat sie ein Alibi. Zwar zählen die Familienangehörigen nicht richtig, denn sie wären für einander sogar zu einem Meineid fähig. Das ist auch natürlich. Ein Motiv hatte sie nicht, zumindest kein größeres als jeder von uns."

Sie überlegten noch eine Zeit lang über Elisa, aber es fiel ihnen nichts ein, was sie hätte verdächtig machen können.

"Elisa möchte alles über die Leute wissen, sie ist äußerst neugierig, so eignet sie sich eher als Opfer.", meinte Bella.

"Agnes Hadriani", setzte Igor fort, "Sie könnte es getan haben. Sie hatte Daniel gehaßt."

Bella schaute verblüfft auf Igor. Sie dachte nicht einmal eine Sekunde lang an Agnes. Sicherlich wäre es leicht möglich, daß sie aus Wut dahin schlug. Sie konnte fürchterlich in Wut geraten, aber sie besänftigte sich auch genauso schnell und bereute das Ganze. Bella hatte es schon einige Male erlebt, wie sie aus Wut etwas auf den Boden warf. So hatte sie auch ihren Vater dazu erpreßt, sie in der Hauptstadt an der Universität studieren zu lassen.

"Wer hatte einen Schlüssel zur Apotheke?", fragte Igor Bella, die in ihren Gedanken versunken war.

"Der Chef, Robert, Agatha, Sylvia, Ute und ich", zählte Bella auf.

"Warum gab der Chef den anderen keinen Schlüssel?", fragte Igor.

"Edith und Sabine waren versoffen, sie hätten womöglich noch den Schlüssel verlieren können. Elisa war noch nicht fest angestellt und Sie auch noch nicht.", erklärte Bella.

"Diese Elisa Zeiß ist zu neugierig. Am besten weisen Sie sie darauf hin, daß sie auf sich aufpassen soll.", empfahl Igor.

"Es ist nicht mehr nötig", erwiderte Bella und schilderte ihn den Vorfall vom heutigen Nachmittag. Igor lachte unwillkürlich über die übel ankommende Elisa. Sie hatte diese Lektion wahrlich verdient, vielleicht wird sie noch rechtzeitig daraus lernen. Er ahnte, daß sie sein Gespräch mit Edith belauschte. Warum hatte er es wohl dem Inspektor oder Bella wohl nicht erwähnt?

"Setzen wir uns auch auf die Liste.", bat Bella an.

"In Ordnung.", nickte Igor, "Was sollen wir zu Ihnen schreiben?"

"Bella Borgmann: Sie hat kein Alibi und auch kein Motiv", diktierte Bella.

"Soll ich Ihnen das auch glauben?", neckte Igor sie, "Wo sie doch Daniel gehaßt haben!"

"Ja, das ist wirklich wahr.", antwortete Bella noch immer ernst, weil man ihrer Meinung nach mit einem Mord nicht spaßen sollte." Aber das ist bei mir genausowenig ein Motiv, wie bei jedem anderen. Zwar standen mir die Haare oftmals zu Berge, als ich sah, wie er mit den Leuten so umsprang. Er war sogar zu den Kranken frech, aber er drehte die Worte bewußt so geschickt, daß man ihm nichts nachsagen konnte. Er wollte immer nur die anderen ärgern. Manchmal hätte ich ihn wirklich erschlagen können. Natürlich wußte der Chef all dies nicht. Mit ihm war er immer besonders höflich. Agnes durchschaute ihn sofort, aber ihr Vater hatte ihn doch nicht fortgeschickt. Jetzt verstehe ich natürlich auch warum nicht. Wenn er Herrn Hadriani so in seiner Hand hatte, ist es einleuchtend. Aber einmal ging er zu weit, er hatte den Bogen überspannt. Vielleicht war es der Chef, jedenfalls hatte er es verdient. Aber Edith! Edith hätte der Chef nichts getan!"

"Da wäre ich mir gar nicht so sicher.", wunderte sich Igor, "Er hatte keine andere Wahl. Edith war ja immer betrunken und hätte alles sowieso früher oder später verplappert. Aber überlassen wir das der Polizei. Es ist ihre Sache die Unschuldigen weiß reinzuwaschen und die Schuldigen zu bestrafen."

"Igor Darkon:", schrieb er seinen Namen als letzten aufs Blatt, "Alibi hat er keins. Motiv hat er auch keins. Aber im Geheimen könnte er eins haben!", spottete er auf Bella blickend, "Sie glauben mir nicht, aber das juckt mich nicht. Vielmehr...!"

Bella hatte keine Lust über dieses vielmehr zu reden. Sie glaubte, es zu gut zu wissen. Dieser Igor ist ein verdammt eingebildeter Typ. Plötzlich ergriff sie die Müdigkeit und wollte nach Hause gehen, sich hinlegen um zu schlafen. Und Über alles nichts wissen.

"Gehen wir, morgen wird die Apotheke aufgemacht und hoffentlich ohne eine Leiche.", drehte sie sich zu Igor.

Dieser widersetzte sich nicht, er selbst fühlte sich auch viel zu müde. Die kalte Luft brachte sie etwas zu sich. Sie konnten vom Nebel nicht sehen, tastend suchten sie den Weg zum Auto. Ein Wunder, daß sie ihn überhaupt finden konnten. Sie schwiegen auf der ganzen Fahrt nach Hause. Sie fuhren auch an der Apotheke vorbei, sie hatten nur eine vage Vermutung, daß es im Laden noch hell war. In der Richtung war der Nebel gelblicher, soviel wies darauf hin, daß der Inspektor mit dem Wachtmeister dort wacht. Sie kamen am Haus ihrer Tanten an, Igor stieg aus und begleitete Bella bis an die Tür. Ihre Tanten tummelten sich schon völlig außer sich im Vorzimmer, so winkten sie nur einander zu.

"Morgen", sagte Igor zum Abschied.

"Morgen", antwortete Bella. Nachdem sie ihre Tanten beruhigt hatte, blieb sie endlich allein. Müde stürzte sie sich aufs Bett und fiel sogleich in einen Traum.

 

V.

Am Morgen legte sich der Nebel etwas, aber die Apotheke sah dadurch keineswegs beruhigender aus. Der Inspektor ging mit finsterer Miene zwischen den Leuten auf und ab, sie haben sich die ganze Nacht mit Wachtmeister Colin kaum etwas Schlaf gegönnt. Endlich gingen sie frühstücken, und die Angestellten der Apotheke konnten aufatmen. Igor erzählte Bella und Elisa die Neuigkeiten, denn sie beide kamen erst etwas später rein. Elisa hätte gar nicht reinkommen müssen, aber sie konnte nicht in Ruhe zu Hause bleiben und für ihre Prüfung lernen. Sie kam lieber rein, denn sie wollte nichts Wichtiges verpassen. Vielleicht würden sie noch den Mörder fassen. Erst dann könnten sie alle aufatmen.

Verblüfft hörten sie, daß Ute Weißman zum Staatsanwalt zu einem Verhör gebracht wurde, weil sie von Daniel Goldmann alles geerbt hat und angeblich hatte er ein ganzes Vermögen hinterlassen. Sie konnten nicht verstehen, warum er nicht selbst eine Apotheke aufgemacht hat, anstatt bei Herrn Hadriani als Angestellter zu arbeiten. Angeblich traf es Ute wie ein Schlag, als sie sein Testament erfuhr. Aber sie war nicht bereit, auch nur ein Wort zu ihrer Verteidigung zu sagen, nachdem der Inspektor ihr an den Kopf warf, daß man sie zur Zeit Daniels Ermordung in die Apotheke gehen sah und auch in der Nacht als Edith ermordet wurde bei der Apotheke gesehen hat. Erblaßt und gequält schaute sie auf die anderen, die sie mit Abscheu beobachteten. Damit hatten sie nun wirklich nicht gerechnet, blickten sie mit Elisa ratlos aufeinander.

Die Kranken überfielen die Apotheke in Scharen. Man konnte ihnen ansehen, daß die Neugier sie zum Tatort der Grausamkeiten trieb. Am liebsten wären sie gar nicht rausgegangen, solange sie das Chemikalienlager nicht gesehen haben. Die heutige Zeitung brachte schreckliche Aufnahmen über die beiden Opfer, wie sie auf dem Boden des Chemikalienlagers lagen. Gruselnd betrachteten sie Robert und Agatha, die die Mörder sein könnten, oder die zukünftigen Opfer. Am nächsten Tag könnten sie entsetzt ihren Verwandten erzählen, daß sie gestern noch die Medikamente herausgegeben hatten. Unglaublich! Die Polizei ist völlig machtlos. Sie könnten sich ihrer Lust nach entsetzen.

Bella atmete tief durch und löste sich mit Igor ab. Agatha ging von Kopfschmerzen geplagt ins Ankleidezimmer nach hinten. Vor ihren Augen erschien andauernd Roberts flehendes Gesicht. "Erzähl es ihnen nicht Agatha, sonst ist es aus mit mir, alle würden mich verdächtigen. Ich schwöre beim leben meiner Mutter, daß ich es nicht getan habe. Du weißt doch, wie sehr ich meine Mutter liebe. Ich hoffe, daß Du mich zu solch einer Niederträchtigkeit, wie die Ermordung zweier Menschen, nicht für fähig hältst." Agatha glaubte ihm, sie meinte, Robert gut genug zu kennen. Lügen, faullenzen, unordentlich sein, ja das konnte er. Aber zu einem Mord wäre er nie imstande! Darin war sie sich sicher, sonst hätte sie keinen Augenblick lang gezögert, dem Inspektor die Wahrheit zu erzählen. Und die Wahrheit war die, daß Robert in die Apotheke zurückkehrte, während sie mit seiner Mutter redete. Er wollte Daniel beschwören, daß er dem Chef nichts über die vertauschten Beruhigungstabletten erzählen sollte. Schließlich ist doch nichts passiert, der Patient brachte sie selbst zurück, und es hatte sich um einen ähnlichen Wirkstoff gehandelt. Wer Daniel kannte, hätte so etwas erst gar nicht versucht. Sie sagte ihm voraus, daß er ihm nur ins Gesicht lachen würde und mit seiner Entlassung drohen würde, "noch dazu mit Recht" dachte Agatha verbittert. Roberts Arbeit war nicht viel Wert, darüber war sie sich im Klaren. Sie liebte ihn trotzdem, weil er sie mit einer solch grenzenlosen, kindischen Begeisterung anbetete. Er freute sich über alles wie ein Kind und war voller Gutmütigkeit gegenüber jedem anderen. An dem Abend sagte er zu Agatha: "Das ist eine gute Gelegenheit, mit ihm unter vier Augen zu sprechen, er wird mich schon verstehen, schließlich ist er auch ein Mensch. Du siehst doch, er wartet sogar auf einen Kranken wegen der Zäpfchen. Das würden bloß wenige auf dieser Welt machen. Ich werde ihm sagen, daß es nie wieder vorkommen wird. Ich werde darauf achten! Herr Hadriani betrachtet mich auch so schon mit schiefen Augen, es wäre besser, wenn er ihm nichts erzählen würde. Vielleicht tut er es. Ich muß es zumindest versuchen Agatha. Rede solange mit meiner Mutter, sie ist sowieso soviel alleine, und dich mag sie ja so sehr. Du hörst ihr so aufmerksam zu, und mich macht das so glücklich."

Danach kam er außerordentlich niedergeschlagen nach einer unendlich lang erscheinenden Zeit wieder zurück. Agatha hatte nicht einmal die leiseste Ahnung, wie spät es gewesen sein könnte. Sie vergaß ihre Armbanduhr an dem Tag umzubinden. Sie fragte Robert, als er nach Hause kam, wie spät es war, seiner Meinung nach war es acht Uhr. Ihr erschien seine Abwesenheit als eine Ewigkeit. Seine Mutter erzählte eine außerordentlich langweilige Geschichte über die Tochter ihrer Nachbarin. Danach tranken sie ein Glas gemeinsam. Agatha verabschiedete sich von ihr und Robert begleitete sie raus. Er sagte ihr, daß er ihn nicht davon abbringen konnte, Herrn Hadriani den Vorfall zu erzählen.

"Was glaubst du? Er hat mir ins Gesicht gelacht. Er sagte, daß ich für diesen Beruf nichts tauge. Er empfahl mir nach einem anderen Beruf zu suchen, weil mich sonst keiner mehr anstellen würde, nachdem man mich auch hier rausgeworfen hat. Oh, ich hasse diesen Mann, Agatha! Das schlimmste ist, daß er das Ganze genossen hat. Plötzlich fing er an zu weinen, was irgendwie komisch wirkte. Danach riß er sich wie gewöhnlich zusammen und verabschiedete sich von ihr.

Er begleitete sie nicht einmal bis zum Tor. Als die Polizei am nächsten Tag auftauchte, bat er das Mädchen, der Polizei nicht zu erzählen, daß er noch in die Apotheke zurückgegangen war. Warum sollte dieser ganze Vorfall aufgedeckt werden? Daniel kann ja den Chef nichts mehr über seinen Fehler erzählen. Agatha erschien das ganz logisch, und sie dachte nicht einmal daran, daß auch Robert aus plötzlicher Wut Daniel niedergeschlagen haben könnte. 'Aber falls er es doch getan hat? Und Edith mußte er auch erledigen? Vielleicht hat er jetzt vor, mich beiseite zu schaffen!', erschrak Agatha. Ihr Kopf tat noch mehr weh, sie konnte überhaupt nicht mehr denken.

Robert latschte aus dem Speziallager hervor. "Gehen wir vielleicht essen?", fragte Robert Agatha, mit seinen treuen Hundeaugen auf sie blickend. 'Nein, er kann es nicht gewesen sein', tröstete sich Agatha Heller und nickte nachgebend. Sie zog ihren schwarzen Pelz an, und sie gingen raus in den Nebel.

"Hast du Ute gesehen, als sie erfuhr, daß Daniel ihr sein Vermögen vererbte? Für so viel Geld hat es sich tatsächlich gelohnt, diesen miesen Kerl niederzuschlagen! Aber warum machte sie ein so verblüfftes Gesicht, als ob sie von dem Ganzen nichts gewußt hätte. Zwar ist es möglich, daß sie nicht mit einem so großen Vermögen gerechnet hat. Woher hatte dieser Typ soviel Geld? Und warum vermachte er es Ute Weißmann? Gut, er hatte niemanden, aber eine Mutter und Geschwister muß er doch gehabt haben. Und da schau her, er hinterläßt das ganze einer fremden Person! Warum hat sie kein Wort gesagt? Tja, wenn sie schuldig ist! Sie hat keine Ahnung, was sie sagen soll, dann ist es für sie wahrlich besser zu schweigen. Ihr Mann ist noch nicht zurückgekommen, der ist immer noch unterwegs. Ein so hübsches, junges Wesen allein zu lassen", quasselte Robert sorglos. In Wirklichkeit war er glücklich, daß der Fall aufgeklärt wurde. So konnte man ihn nicht mehr ernsthaft verdächtigen. Aber Agatha hat ihn gestern den ganzen Tag über seltsam beobachtet. Sie verdächtigt mich doch wohl nicht mit Daniels und Ediths Ermordung ? So etwas würde sie doch von mir nicht annehmen? Sie weiß doch, daß ich nicht mal einer Fliege was zuleide tun könnte! Trotzdem war er sehr erleichtert, daß sich die ganze Sache aufgeklärt hat. Ute Weißmann tat ihm zwar leid, aber Mord ist Mord! Sie hätte es nicht mal für so viel Geld tun dürfen.

"Agatha, Du hast noch gar nicht gesagt, was Du von der ganzen Sache hälst ? Hoffentlich hast du nicht mich mit den beiden Morden verdächtigt? Du bist dazu fähig! Zum Teufel nochmal, sag doch endlich was!", schrie Robert.

"Schrei doch nicht so, es könnte uns noch jemand hören. Tja, ich habe wirklich daran gedacht, aber ich sehe ein, daß ich mich geirrt habe. Was wird jetzt mit Ute geschehen? Ich will Dich noch darauf aufmerksam machen, daß sie noch nicht gestanden hat. Es könnte auch noch jemand anders gewesen sein.", sagte Agatha. Sie rieb betrübt ihre Schläfe.

"Du hast Kopfweh!", kreischte Robert mit hoher Stimme. Er fürchtete sich immer vor Agathas Kopfschmerzen, weil sie die Schmerzen nur schwer ertrug und in solchen Fällen stachen alle ihre Wörter. "Ich gebe Dir von meinen Pulvern, sobald wir im Restaurant sind! Ob Ute gestanden hat, oder auch nicht, nur sie kann die Täterin gewesen sein. Das Geld! Die meisten Verbrechen werden wegen Geld begangen. Das weißt du auch sehr gut. Man hat sie in der Nähe der Apotheke gesehen. Ich möchte noch bemerken, daß dieser Igor auch höchst verdächtig ist. Was hatte er hier so spät am Abend zu suchen, wo er doch gar nicht gearbeitet hat?", wandte sich Robert verblüfft zu Agatha.

"Er hat auf Bella gewartet, er hat sich bloß nicht getraut, zu ihr hinzugehen.", antwortete Agatha gelassen.

"Er hat sich nicht getraut, zu ihr hinzugehen! Ausgerechnet Igor soll sich nicht trauen, zu einem Mädchen hinzugehen. Und Du glaubst diesen Blödsinn! Ihm liegen doch alle Frauen vor zu Füßen, mit seinem Aussehen und seinem Geld. Mich überrascht doch diese Borgmann, ich dachte eigentlich daß sie auf einen ganz anderen Typ steht. Bis jetzt war sie ja auch nur mit feinen, intellektuellen Wesen befreundet und nicht mit einfachen Sterblichen. Was ist bloß in sie gefahren, daß sie sich auf einmal so geändert hat.", tobte Robert.

"Was interessiert Dich das eigentlich, meines Wissens bist Du nicht in sie verliebt. Bella weiß ganz genau, was sie macht. Und Igor paßt ganz genau zu ihr, er bringt Aufregung in ihr Leben, das große Abenteuer!", Agatha hat ganz Feuer gefangen. Ihr tat beinahe schon leid, daß Igor sich nicht mit ihr beschäftigt. Robert! Robert ist wahrlich kein Abenteuer. Einstweilen ist er jemand, der bei ihr ist und so ist sie wenigstens nicht allein. Aber einmal vielleicht, wenn auch nicht auf einem schneeweißen Roß, aber wenigstens auf längeren Beinen, wird auch für sie das richtige große Abenteuer kommen!

Sie gingen ins italienisches Restaurant, zur Aufregung Marios. Er war verrückt nach der blonden Agatha. Er lief auf und ab, bis der Chef in zurechtwies. Danach trug er beleidigt die einzelnen Gänge raus.

Agatha ließ es sich schmecken, gab Roberts Pulver geschickt in den Blumentopf. Sie konnte sich nicht dazu bringen, es einzunehmen. Sie hoffte, daß Robert nichts bemerkt hat, er könnte noch womöglich auf den dummen Gedanken kommen, daß sie ihm mißtraue.

Vielleicht wäre es doch besser, wenn sie hier ihren Kaffee trinken würde und nicht in der Apotheke. Wer weiß, vielleicht würde noch jemand Gift reintun! So könnte der Täter jeden von ihnen leicht loswerden. Zwar hat man Ute verhaftet, aber irgendwie hat sie das gar nicht beruhigt. Sie fühlte, daß es unvernünftig von ihr war, denn Geld ist Geld. Daraus hätte Ute eine eigene Apotheke eröffnen können, und sie hätte nicht mehr für jemand anderen arbeiten müssen.

Auf dem Rückweg ging Robert verschwiegen neben ihr. Agathas Verhalten tat ihm weh. Irgend etwas hat sich zwischen ihnen verschlechtert, so empfand er es zumindest. Vor seinen Augen erschien ihm Agathas Bewegung, wie sie ihr Glas in den Blumentopf goß. Er hatte es sehr gut gesehen! Also verdächtigt sie ihn doch! Bis jetzt hat sie doch immer so schön sein berühmtes Pulver gegen Kopfschmerzen getrunken. Sie darf bloß niemandem gegenüber etwas über sein Alibi sagen! Was könnte er tun? Was könnte er bloß tun, um sie zum Schweigen zu bringen! Darüber grübelnd ging er schweigend neben Agatha im sich anballenden Nebel. Sie fühlten sich beide elend. Sie blieben beide plötzlich alleine, so wie ein Kranker mit seinen Schmerzen allein bleibt, die nur er fühlen kann.

In der Apotheke geschah überhaupt nichts, die anderen tranken ihren gewöhnlichen Kaffee, den sie sich nach dem Mittagessen immer genehmigten. Meistens aßen alle in der Apotheke etwas Kaltes, oder sie ließen sich was von Frau Sabine bringen.

Sabine rührte ihren Kaffee wie verrückt um. Weder Edith, noch der Chef waren da! Sie blieb nun allein, denn die anderen konnte sie nicht ausstehen. Erstens waren sie alle eingebildete Wichtigtuer. Sabine Schneider erinnerte sich an ihr für immer verlorenes stilvolles Leben, an ihre Jugend. Sie betrachtete das Leben ihrer Kollegen und Kolleginnen als ein erbärmliches, jämmerliches Leben voll mit Plackerei. In was für Hotels hat sie gewohnt, was für teure Kleider hat sie getragen und was für exklusive Speisen hat sie zu sich genommen. Und das alles war schon längst vorbei. Das alles wird zwar nie wieder zurückkommen, aber sie hat wenigstens gut gelebt, solange sie noch jung war. Sie hätte etwas auf die hohe Kante legen können, wenn sie bloß klüger gewesen wäre, aber sie war dumm. Nun kann sie putzen, solange sie noch dazu imstande ist. Edith tat ihr sehr leid, sie war doch eine so gute Saufkumpanin. So eine wird es hier wohl nie mehr geben, denn der Chef will solche nicht haben. Dabei war sie doch eine ausgezeichnete Arbeitskraft, sie hat die Rezepte in Sekunden erledigt. Sie hat sich nie geirrt, nicht wie dieser rothaarige Robert Battison. Nun wird keiner mehr hier sein, mit dem sie plaudern könnte. Nun sind sie alle verängstigt. Ist wirklich eine große Sache! Ha! Sie fürchtet sich vor nichts und niemand, auch damals nicht in den alten Zeiten. Dabei hat sie doch so viele verwirrende Sachen erlebt! Der Schauder lief ihr kalt über den Rücken. Sie faßte den Entschluß, auf ihrem Heimweg eins zur Ediths Erinnerung runter zugießen. Wo sie jetzt ist, ist es schon besser für sie, sie hatte wirklich ein Hundeleben bekommen. Ein immer betrunkener, streitsüchtiger Gatte, der vor einem Jahr zum Glück irgendwohin verschwand. Aber diese Frau hatte ihn noch immer erwartet, anstatt sich zu freuen!... Sie blickte mit Abscheu aufs Laboratorium, wo die anderen sich gegenseitig abwiegend ihren Kaffee tranken.

Elisa war auch niedergeschlagen. Am Morgen hatte sie ihre Emolliens-Creme verdorben, das sie nun versuchte wieder hinzukriegen. "Was für eine ungeschickte Person", dachte die alte Sabine, "Edith hat es immer so wunderbar gemacht."

Elisa hörte mit dem Umrühren auf und legte die Creme unter die Infralampe. Sie wird es erneut schmelzen lassen. Sie schenkte sich noch Kaffee ein, rührte den Zucker langsam um. Ihr Kopf drehte sich auch nicht um fröhliche Gedanken. Sie hatte am Morgen viel Ärger mit ihren Eltern, bis sie sie endlich zur Arbeit gehen ließen. Sie fürchtete sich natürlich auch, aber ihre Neugier war stärker als ihre Furcht. Sie war völlig davon überzeugt, daß am Morgen wieder eine Leiche auf dem Boden des Chemikalienlagers liegen würde. Sie schämte sich sogar wegen ihrer Enttäuschung, als sie reinkamen. Aber als sie von Ute Weißmanns Erbschaft hörte, wurde sie fast ohnmächtig, damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Ausgerechnet Ute! Es war eine Frechheit von Ute, ihr mit einem Marmormischer zu drohen. Sie wollte sie schon immer aus der Apotheke ausstechen. Ihr konnte es Elisa nie recht machen. Und jetzt hat Daniel ihr das viele Geld vererbt! Was fiel ihm bloß ein? Er hätte es doch lieber seinen Verwandten hinterlassen sollen. Die Creme brodelte schon unter der Lampe, aber zum Glück hatte es niemand gemerkt. Elisa schaltete schleunigst die Lampe aus und fing mit dem Umrühren an.


Inspektor Blatt kam mit dem Wachtmeister zurück. Er sah diese kaffeetrinkende Gesellschaft mißbilligend an. Wie viel Ärger werden sie ihm noch bereiten? Sie lügen ihm alles Mögliche zusammen. Da ist zum Beispiel diese Ute Weißmann, warum hatte sie ihm nicht erzählt, daß sie mit Daniel Goldmann verwandt war. Erst auf Rat ihres Anwaltes hatte sie alles erzählt. Daniel verheimlichte es, daß sie verwandt waren. Sie versprach ihm, als er sie in diese Apotheke mitbrachte, daß sie ihre Verwandtschaft mit ihm niemanden gegenüber erwähnen würde. Daniel meinte, daß es dem Chef mißfallen würde. Ihr war es gleichgültig, ob es die anderen wüßten oder nicht. Aber, warum hätte sie, damit auch schon prahlen sollen, wo doch die anderen Daniel nicht mochten. Man kann ruhig sagen, daß er ziemlich verhaßt war. Diese Verwandtschaft hätte kein gutes Licht auf sie geworfen. Das Vermögen hat Daniel von einem entfernten Onkel geerbt, mit der Bedingung, daß Daniel seinerseits alles nach seinem Tode Ute Weißmann vermachte. Einen anderen Verwandten hatte er auch nicht, deswegen hielten sie auch einigermaßen zusammen. Ab und zu lud sie ihn zum Abendessen ein, schließlich war sie seine einzige Verwandte, die anderen waren alle schon verstorben. Es waren ziemlich langweilige Abende, ihr Gatte hatte auch immer energisch protestiert, aber was konnte er schon machen. Am Abend des Mordes kam sie nur wegen ihrer Geldbörse zurück. Sie fand Daniel in guter Laune, er arbeitete fröhlich im Büro an den Bestellungen. Er sagte noch, daß es ihm egal wäre, ob er hier oder zu Hause an ihnen arbeiten würde. Ute nahm ihr Portemonnaie aus ihrem Schrank raus und rannte schon nach Hause. Sie hatte an dem Abend keine Lust, mit Daniel zu plaudern, sie zog es lieber vor, alleine daheim zu sitzen. So hatte es zumindest Ute Weißmann erzählt, natürlich kann sie nichts davon beweisen, worüber sie sich auch im Klaren ist. Aber sie hofft darauf, daß man sie doch nicht unschuldig verurteilen werde, wenn auch vieles gegen sie spreche. Schließlich hat Herr Hadriani auch noch vieles vor der Polizei zu klären. Seine Aussage könnte vielleicht der Schlüssel zum Rätsel sein. Jedenfalls werden sie Ute noch nicht freilassen, denn ein Vermögen ist immerhin ein schweres Motiv. Der Inspektor weiß schon aus Erfahrung, daß meistens immer das Geld hinter den Beweggründen eines Verbrechens steht. Aber jetzt wünschte er es sich so sehr, daß der Eigentümer und seine Tochter endlich auftauchen würden. Es war, als ob die Erde sie verschluckt hätte. Eines steht fest, Herr Hadriani muß etwas mit den Morden zu tun haben. Daniel hatte ihn erpreßt, also mußte er ihn umbringen, um ihn zum Schweigen zu bringen. Daniel hätte ihn ohne zu zögern hereingelassen, möglicherweise waren sie sogar verabredet. Dem Brief nach mußte Herr Hadriani seine Entscheidung an diesem ominösen Tag treffen. Daniel blieb mit dem Vorwand, daß er auf den Kranken wartete, in der Apotheke und die anderen verließen alle die Apotheke. Er ging wahrscheinlich wegen eines Stoffes, zum Beispiel um den Vorrat an Aspirin zu kontrollieren, nach oben ins Lager, und genau da kam Herr Hadriani, ging ihm nach, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Er flehte ihn, an doch von seinen Entschluß doch zurückzutreten.

"Kommen Sie doch zur Vernunft", könnte er gesagt haben, "Meine Tochter liebt Sie doch nicht, sie wäre doch bloß unglücklich, wenn Sie sie gegen ihren Willen heiraten würden!"

Aber dieser miese Typ hat ihm wahrscheinlich ins Gesicht gelacht und erwiderte ihm möglicherweise: "Kümmern Sie sich nicht darum, darum werde ich mich schon kümmern!"

Und dann verliert der Vater plötzlich seinen Kopf, ergreift den auf dem Tisch liegenden Marmormischer und erschlägt den grinsenden Typ. Danach flieht er Hals über Kopf aus der Apotheke. Vielleicht hat ihn die trinksüchtige Edith mit seinem Auto davonrasen gesehen. Deswegen rief sie ihn am nächsten Tag von der Apotheke aus an, um für ihr Schweigen belohnt zu werden. Aber ein kluger Mann wie Herr Hadriani mußte wissen, daß man mit dem Schweigen einer versoffenen Frau auf lange Sicht nicht rechnen könnte. Darum verabredet er sich mit ihr in der Bar, trinkt sie nieder, danach lockt er sie wieder in die Apotheke zurück und schlägt sie nieder, genauso wie Daniel.

Wegen diesen verdammten Nebels konnten seine Beamten nicht bemerken, wie sie zurückkamen. Warum hatte Herr Hadriani so viel Energie verschwendet, um sie wieder in die Apotheke zu locken? Es war gar nicht mal so albern von ihm. Hier konnten sie von niemandem gestört werden und alle hier arbeitenden erscheinen dadurch als gleichermaßen verdächtig. Bei einen anderen Tatort hätte man vielleicht die Identität des Täters folgern können. Zwar ist es offensichtlich, daß die Corpus delicti von jemand anderem in Igors Schrank getan wurden, weil Herr Hadriani unmöglich unbemerkt in die Apotheke zurückschleichen konnte. Außerdem hätte er den ihn selbst belastenden Brief kaum mit reingelegt. Er hätte sie überhaupt nicht anderswohin legen müssen, er hätte sie ruhig an ihrem alten Platz lassen können. Das alles ist allzu verwirrend! Auf jeden Fall muß der Täter einen Gehilfen gehabt haben, denn nur der konnte sie oben in die Umkleideschränke gesteckt haben. Falls dies der Fall sei befindet derjenige sich auch in Gefahr. Herr Hadriani wird schon erscheinen, soviel ist sicher, es ist nur eine Frage der Zeit. Und die Zeit spielt in diesem Fall eine erhebliche Rolle. Sollte noch jemand ermordet werden, wäre das ein großer Skandal und damit zugleich auch eine ziemliche Blamage für die hiesige Polizei.

Sowie er sich die ganze kaffeetrinkende Gruppe ansah, erschienen sie ihm alle immer verdächtiger. Sogar Elisa erwiderte seinen Blick mit einen verlegenen Lächeln. Es war keine Spur mehr von ihren unschuldigen blauen Augen zu erkennen, als ob die auch vom Nebel bedeckt wären.

Vielleicht war es doch Ute Weißmann, aber wie? Sie verließ sofort die Apotheke, dafür haben wir einen Zeugen.

Und plötzlich ging dem Inspektor ein Licht auf! Wie wäre es, wenn ihr Gatte es getan hätte? Sollte er früher in der Stadt angekommen sein, als er es angibt, hätte er Daniel seelenruhig niederschlagen können, und Daniel hätte ihn bestimmt reingelassen! Dem muß gründlich nachgegangen werden, denn das Geld erben sie ja zu zweit, obwohl man nicht gerade sagen kann, daß sie das Geld dringend benötigt hätten. Aber es hätte ihnen ein stilvolles Leben gesichert. Ja, der Mann! Es wäre durchaus möglich, daß er es getan haben konnte.

Der Inspektor drehte sich plötzlich entschlossen um und winkte Wachtmeister Colin, ihm zu folgen. Er verabschiedete sich von der Gruppe, dessen Mitglieder ihnen verblüfft nachblickten. Wachtmeister Colin konnte seine Überraschung seinerseits auch nicht verbergen. Er konnte sich gar nicht vorstellen, was seinem Chef bloß eingefallen war.

"Ich konnte mir nicht einmal einen Kaffee genehmigen, dabei kocht die Alte einen so guten Kaffee", meckerte er vor sich hin. Inzwischen kamen sie im Büro an, wo sie keine neue Nachricht über Herrn Hadriani erwartete. Aber ein Tankwart hatte sich gemeldet, der Georg Weißmann äußerst verdächtig gefunden hatte, als der in den frühen nachmittags Stunden bei ihm tankte.

Der Inspektor beglückwünschte sich zu seiner Vorahnung. Der Tankwart kannte Weißmann schon länger, denn er hielt immer bei ihm an und gewöhnlicherweise trank er auch meistens einen Kaffee. Aber dieses Mal verhielt er sich äußerst sonderbar. Das Wechselgeld, das bedeutend mehr war, als er ihm als Trinkgeld gewöhnlich gab, ließ er einfach da, und fuhr eilig davon.

Das war für sie beide eine erfreuliche Nachricht, da sie Ute Weißmann nur schwerlich einen brutalen Mord zutrauten. Nach Wachtmeisters Colins Vorstellung ist ihr Mann eine ideale Mörderfigur, obgleich Igor Darkon auch sein Lieblingstäter gewesen wäre. Sie riefen Georg Weißman an, der bereit war, ihrem Wunsch aufs Polizeipräsidium zu kommen, nachzukommen.


Weißmann kleidete sich im Gegensatz zu seinem bedeutungslosen Äußeren sehr geschmacksvoll. Er erschien mit einem verzweifelten, gebrochenen Gesichtsausdruck. Die 'Gewissensbisse', dachte der Inspektor, 'Ja die Gewissensbisse ! Seine Frau sitzt an seiner Stelle.' Er hat die Verbrechen begangen, wofür seine Frau jetzt büßen muß. Er wird leicht zum Reden zu bringen sein, er ist mit seinen Nerven schon unten durch. Seine Hände zittern schon beim Anzünden seiner Zigaretten.


"Haben Sie schon was herausgefunden Herr Inspektor?", fragte er niedergeschlagen. "Meine Frau können sie nicht länger hier behalten. Sie haben nicht den geringsten Beweis gegen sie. Lassen Sie sie doch gehen und sehen Sie endlich ein, daß sie es nicht gewesen sein konnte."

"Haben Sie vielleicht die Tat begangen?", fragte der Inspektor spottend.

"Ich?", fragte Georg Weißmann verblüfft, "Nun haben Sie sich wohl das in den Kopf gesetzt? Vergessen Sie diese Idee so schnell wie möglich, denn sie führt Sie nur auf einen Holzweg. Machen Sie lieber den Chef der Apotheke ausfindig, der hatte Grund genug, den Mord zu begehen. Wir aber nicht. Wir leben unter guten finanziellen Bedingungen. Ich verdiene schon das nötige Geld. Wir sind nicht von Sinnen, solch eine Schandtat zu begehen, damit wir zu Geld kommen."

"An einer Tankstelle, die Sie kennen, haben Sie sich ziemlich ungewöhnlich verhalten. Ich frage mich warum bloß.?", der Inspektor beobachtete den Verdächtigten scharf.

"Ich wußte es, ich wußte es", stöhnte Georg Weißmann verzweifelt, "Ich bin ein mieser Typ! Bleibt das, was ich Ihnen jetzt sage unter uns?"

"Das kann ich Ihnen versprechen", antwortete der Inspektor mit verlegener Miene, "sofern es sich in unserer Untersuchung für bedeutungslos erweist."

"Ich habe es zum letzten Mal getan, das verspreche ich Ihnen. Nur, daß Ute bloß dieses eine Mal noch nichts davon erfährt! Nicht meinetwegen. Sondern ihretwegen. Es würde sie völlig zusammenbrechen lassen. Wissen Sie, Herr Inspektor, ich liebe meine Frau sehr, ich weiß schon, daß sie mehr Wert ist als ich. Trotzdem kann ich ein schönes Mädchen, das mir auf meinen Geschäftsreisen über den Weg läuft, nicht in Ruhe lassen. Ich mache mich an sie ran und sollte es ihr auch recht sein, treffe ich mich mit ihr. Das geschah leider auch dieses Mal. Seitdem ich wieder zu Hause bin, fürchte ich, daß die ganze Sache herauskommt und Ute alles erfährt. Sie würde mich nicht verlassen, dazu liebt sie mich viel zu sehr, aber sie würde deswegen viel leiden."

Wachtmeister Colin beobachtete mit Schadenfreude den Inspektor, der gerade völlig zusammenbrach.

"Können Sie Name und Adresse der Dame angeben, damit wir es überprüfen können.", warf der Wachmeister dazwischen, um dem Inspektor Zeit zu geben, damit der sich zusammen reißen kann.

"Natürlich, sie wohnt hier in dieser Stadt. Marie Waitz, Alteburger Str. 24, Telefon 45-242."

Der Inspektor winkte dem Wachtmeister, der daraufhin ins andere Zimmer ging, um zu telephonieren. Währenddessen hüllten sie sich beide aus verschiedenen Gründen in Schweigen. Inspektor Blatt konnte nur schwer verdauen, daß er schon wieder in einer Sackgasse landete. Er hatte genug von den vielen Unschuldigen, er brauchte endlich einen Schuldigen.

Wachtmeister Colin kehrte mit überraschtem Gesicht zurück, und wendete sich den Inspektor zu.

"Unter dieser Nummer und Adresse ist keine Marie Waitz bekannt.", sagte er.

Georg Weißmann wurde kreidebleich.

"Dann hat sie mir einen falschen Namen und Adresse gegeben, aber, Herr Inspektor, Sie müssen sie finden. Das dürfte für die Polizei kein Problem sein!", er verstummte, da ihm Herr Hadriani einfiel. Den konnten sie immer noch nicht finden.

"Selbstverständlich werden wir der Sache nachgehen, aber um sie zu finden, müssen Sie uns schon einiges mehr über sie erzählen. Wo haben Sie sie kennengelernt?", wollte Inspektor Blatt wissen.

"Sie arbeitet bei der Firma, mit der ich verhandelte. Ich bin ihr schon öfters begegnet, aber dieses Mal fuhren wir in einem Aufzug runter, und sie fragte mich, ob ich sie mitnehmen könnte. Ich antwortete ihr natürlich mit ja, so fuhren wir gemeinsam zurück. Unterwegs hielten wir an einem Motel, wo wir einen Kaffee tranken, und ich versuchte, Freundschaft mit ihr zu schließen. Aber sie gab mir äußerst sanft zu verstehen, daß sie dieses Mal nicht möchte, sondern vielleicht ein anderes Mal. Danach tankte ich voll, wo mich der Tankwart sah. Ich eilte davon, weil die Dame aus dem Waschraum rauskam, und ich befürchtet habe, daß sie wegen meiner Aufdringlichkeit verschwinden würde. Später habe ich mit ihr in der Stadt diniert, und ich brachte sie nach Hause, zu der Adresse, die sie mir angegeben hatte. Die Adresse zu überprüfen habe ich versäumt. Ich hoffe, daß sie bei der Firma arbeitet und nicht, daß ich ihr dort ein paar Mal nur zufällig begegnet war. Diese schlaue Bestie!", ärgerte sich Georg Weißmann.

Der Inspektor wußte nicht recht, was er von der Sache halten sollte. Es könnte wahr sein, aber es könnte auch eine Lüge sein. Plötzlich kam er zu dem Entschluß, Ute Weißmann freizulassen, schließlich hat er nichts Handfestes gegen sie. Er kann sie ohne ein Geständnis nicht mehr länger drin behalten. Am besten läßt er sie beide gehen, die Stadt können sie ohnehin nicht verlassen, damit würden sie sich nur selbst belasten. Außerdem hatte er schon genug von den Verhaftungen. Georg Weißmann könnte er in Gewahrsam nehmen, es liegt mindestens genausoviel gegen ihn vor wie gegen seine Frau. Aber am besten läßt er sie beide auf freiem Fuß, so machen sie am leichtesten einen Fehler, falls sie schuldig sind. Ist kein schlechtes Alibi, das ihnen der Mann aufgetischt hat. Sollten sie die Frau nicht finden können, sind sie auch selbst Schuld. Herr Hadriani konnten sie schließlich auch noch nicht finden. Früher oder später werden sie schon auf seine Spur kommen, aber die Zeit brennt, die Zeitungen machen sich schon über sie lustig. Sollten sie die Täter sein, so besteht auch keine Gefahr, denn sie werden auf Schritt und Tritt beobachtet.

"In Ordnung, Herr Weißmann, Sie können gehen und ihre Frau können sie auch mit sich nehmen. Wie sie schon sagten, wir haben keinen Beweis gegen Sie. Ich bitte Sie nur um eines, nämlich die Stadt solange nicht zu verlassen bis der Fall aufgeklärt ist", sagte Inspektor Blatt freundlich, dabei den Wachtmeister anblickend, der seinen stummen Befehl sofort verstand. Er verließ schleunigst das Zimmer, um die ständige Beobachtung des Ehepaars in die Wege zu leiten.

"Sie können auf uns zählen, Herr Inspektor, wir werden sie in allem unterstützen, um diesen elenden Mörder zu fassen. Wie viel Ärger der schon bereitet hat! Ich hoffe, daß meine Frau nicht von dem gewissen Vorfall erfährt! Und das Sie mir bloß dieses Mädchen so schnell wie möglich finden! Mich so reinzulegen, dabei hat sie mich mit solchen verführerischen Blicken im Aufzug beworfen. Sie wollte doch nicht bloß nur das Fahrgeld sparen? Ich hätte sie doch so und so mitgenommen, denn ich hasse es, alleine zu reisen. Ich bin so oft wegen des Geschäfts unterwegs. Ich habe so gut wie mein ganzes Leben im Wagen verbracht. Auf Wiedersehen, Herr Inspektor, und vielen Dank für Ihr Verständnis", verabschiedete sich der Mann erleichtert.

"Auf Wiedersehen, Herr Weißmann, Sie können mit mir rechnen, sofern Sie die Wahrheit gesagt haben.", erwiderte der Inspektor, freundlich nickend.

"Oh, das wird schon in Ordnung sein, Sie werden sehen.", winkte Weißmann fröhlich und verschwand damit zugleich nach seiner Frau eilend.

 

VI.

Um die Apotheke herum sammelte sich der Nebel. Die Nachricht über Utes Freilassung verbreitete sich schnell nach dem Anruf ihres Mannes. Irgendwie haben sie sich darüber auch gefreut, denn sie wären gar nicht froh darüber gewesen, wenn sie die Täterin wäre. Aber so beginnt nun wieder alles von vorne. Würde doch bloß endlich Herr Hadriani auftauchen! Sie hätten ihn in dieser schwierigen Zeit so gern unter sich!

Die Leute standen Schlange vor der Apotheke, alle waren neugierig und wollten kaum die Apotheke verlassen. Es hat sich in den vergangenen Tagen soviel Arbeit angesammelt, daß sie alle dasein mußten. Der Inspektor hatte doch recht damit, daß die Morde sich als gute Werbung erweisen würden. Bella erledigte hinten die Rezepte. In ihrem weißen Arbeitskittel erschien sie noch dünner, als sie es ohnehin war. Ihre schwarzen Augen zuckten unsicher zusammen, als Igor seinen Arm auf ihre Schulter legte. Ihr vornehm blasses Gesicht spannte sich an aus Erwartung. Schon wieder brach Elisa die Harmonie zwischen ihnen.

"Aus dieser Creme wird wohl auch nichts, sie ist voller Klumpen. Ein Glück, daß Daniel es nicht mehr sehen kann. Ich habe es schon zweimal auftauen lassen."

"Schon gut, ich werde es mir anschauen", sagte Igor, während er rausging.

Kann er einmal überhaupt in Ruhe mit Bella sein? Darüber ergriffen ihn Zweifel. Diese Elisa ist ständig hinter ihr her, sogar außerhalb der Apotheke ist sie immer mit Bella zusammen. Na bitte, diese Creme ist beim besten Willen nicht hoffnungslos. Anscheinend brauchte sie nur einen Vorwand, um sie beide zu stören. Jetzt flüstert sie ihr schon wieder etwas aufgeregt zu. Aber ihn kann man nicht so leicht von einer Sache abbringen, wenn er es sich einmal in den Kopf gesetzt hat. Er ging zu den beiden Mädchen zurück und setzte sich neben Bella.

"Sie können die Creme ruhig in die Schüssel tun, sie ist gar nicht klumpig. Wir haben schon viel schlechtere gesehen", und da sich Elisa nicht bewegen wollte, fügte er bissig dazu: "Oder möchten sie lieber die Creme auch noch ein drittes Mal auftauen lassen? Dann wäre das Ihre ganze heutige Beschäftigung."

Elisa ging beleidigt ins Labor. Bella blickte verwundert auf Igor.

"Warum mußten Sie sie beleidigen, heute machen wir alle was falsch, sogar Sie haben vorhin die Löffelarznei verschüttet." "Ja, ich habe sie verschüttet, aber bloß weil Sie sich nicht mit mir beschäftigen. Meine Augen ruhen ständig auf Ihnen und nicht auf den Rezepten. So kann das nicht mehr weitergehen, Bella! Sehen Sie, es ist überhaupt nicht sicher, daß dieser Fall je einmal aufgeklärt wird. Und ich soll solange warten? Werden Sie sich dann überhaupt noch um mich kümmern?" Bella konnte ihm darauf nicht antworten.

Frau Sabine kam gerade herein, um den Müll aus dem Papierkorb zu holen. Sie war ein wenig wirr, wie meistens. "Ich habe gehört, daß man Ute Weißmann freigelassen hat", sagte sie, "Ihr Mann war gerade hier und hat ihre Sachen mitgenommen. Vorläufig kommt sie nicht zur Arbeit, zumindest solange nicht bis Herr Hadriani nicht auftaucht. Sie soll ziemlich mitgenommen sein nach dem heutigen Tag auf dem Polizeirevier. Man hat sie wegen mangelnden Beweisen auf den freien Fuß gesetzt. Ihr Mann muß sie sehr lieben. Sie sieht ja auch besser aus als er. Ich würde so einen nicht zum Mann haben, er sieht ja so nichtssagend aus. Und Sie beide sollten sich vorsehen, schon flüstert man über Sie hinter ihrem Rücken. Agnes Hadriani wird sich darüber gar nicht freuen. Zwar hat sie meiner Meinung nach Glück, Sie endlich loszuwerden", sie stieß ihm mit dem Papierkorb in die Rippen, "Ich konnte nie begreifen, was sie an Ihnen mag. An Ihrer Seite wird niemand ein ruhiges Leben haben, Sie Raubtier.", damit ging sie fort, daß verblüffte Paar zurücklassend.

"Die Alte hat wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank", stöhnte Igor auf Bella blickend."

"Aber was wird Agnes dazu sagen?", sagte Bella betrübt, "Agnes kriegt gewöhnlich, was sie will."


Sylvia bereitete sich auf ihren Heimweg vor und blieb in der Ecke des Rezepturzimmers stehen. Beide blickten sie fragend an.

"Ich dachte mir", fing sie schwer nach der Luft schnappend an, "daß Igor mich vielleicht zu meinem Wagen begleiten würde. Meinem Mann geht es heute wieder schlecht, so konnte er mich nicht abholen."

"Das ist doch selbstverständlich. Ich bin übrigens gerührt von ihrem Vertrauen zu mir. Bella aber glaubt noch immer, daß ich der Mörder bin."

"Aber die Polizei hat Sie doch gehen lassen.", verschlug es Sylvia fast den Atem.

"Er foppt mich nur", beruhigte Bella ihre Kollegin, "Du kannst mit ihm ruhig weggehen, er kann dich sogar bis nach Hause begleiten. Sollte Dir etwas zustoßen, wäre er damit sofort verraten."

"Es ist nicht nötig, mich nach Hause zu begleiten, mein Mann erwartet mich schon zu Hause." Sie gingen durchs Labor und durch die Waschküche ins Freie. "Der Nebel hat heute seinen eigenen Rekord überboten. Das ist die Strafe dafür, daß man auf einem Berg wohnt", dachte sich Igor. Er wartete noch bis Sylvia losfuhr. Danach drehte er sich um und kehrte in die Apotheke zurück. Er freute sich, daß er heute abend nicht mehr draußen auf Bella lauern muß. Er darf auf sie warten, und womöglich gehen sie nach Dienstschluß gemeinsam Abendessen. Bloß deswegen ist er nicht schon früher nach Hause gegangen. Als er zurückkam, war Bella nicht mehr im Rezepturzimmer. Agatha hatte sie abgelöst, die sich und Robert ein Pausenbrot vorbereitete.

"Soll ich Robert ablösen?", fragte Igor Agatha. "Wenn sie es tun würden!", antwortete Agatha, "Es sieht so aus, daß zwei von uns vorne bleiben müssen wegen der vielen Kunden. Unser heutiger Umsatz übertrifft die schlimmsten Grippeepidemien. Es wäre gut, wenn der Chef endlich auftauchen würde!", seufzte sie.

Igor ging in den Laden, nahm Roberts Stelle ein. Es waren noch drei Stunden bis Ladenschluß.

"Es wird nie vorübergehen.", dachte sich Igor.


Agatha und Robert jausten in Stille.

"Alles ist vorbei", grübelte Robert, "Verfluchter Mörder!"

Er hat alles kaputt gemacht, daß zwischen ihnen beiden nach einer Heirat aussah.

Mit der Zeit hätten sie eine eigene Apotheke aufmachen können. Er war sich im Klaren darüber, daß sie hart arbeiten und hätten sparen müssen. Aber es hätte sich gelohnt, für Agatha zu schuften. Was für ein wunderschönes Mädchen, das schönste dem er jemals begegnet ist. Schon der Gedanke, mit ihr zu gehen, erfüllte ihn mit Freude! Gut, er weiß schon, daß Agatha nicht dasselbe für ihn empfindet, sondern ihn nur erduldet. Aber ihm reicht das auch schon. Bis jetzt konnte er sie mit seinen Augen verspeisen, sie bewundern und über sie träumen! - Aber nun ist alles vorbei! Agatha wird ihn verlassen! Er hätte beinahe geweint.

Agatha sammelte das Geschirr zusammen und brachte es in die Waschküche. Danach nahm sie sich eine Zigarette raus und zündete sie an. Als eine Sonntagsraucherin qualmte sie ungeschickt vor sich hin. Robert wandte sich von ihr ab, er konnte den Anblick nicht mehr länger ertragen.

"Robert, ich sage dir, sobald der Mörder gefunden wird, wird wieder alles beim Alten sein."

"Du auch Agatha? Wirst Du auch die Alte sein?", fragte Robert sie mit verstockender Stimme.

"Ich auch. Bis dahin werden wir es schon irgendwie aushalten. Ich würde mich freuen, wenn unser Chef sich mal blicken ließe. Mir gefällt es ganz und gar nicht, daß er sich nicht meldet. Ansonsten telefoniert er doch fast jeden Tag, wenn er fern ist. Ich glaube, er weilt gar nicht mehr unter den Lebenden. Vielleicht war er das erste Opfer mit seiner Tochter!"

"An dem Abend schliefen sie noch im Hotel", erinnerte Robert Agatha, "Erst am Morgen begannen sie ihre mehrtägige Tour. Sicherlich gibt es dort, wo sie gerade sind, kein Telefon."

"Dieses viele Gerede über den Erpressungsbrief kann mich nicht irreführen! Der Chef kann es nicht getan haben und damit basta! Das wäre nicht zu erklären, das ist eine Tatsache. Wer ihn wirklich kennt, kann nicht ernsthaft glauben, daß er ein solches Geheimnis hätte, wofür man morden müßte."

Robert war da ganz anderer Meinung, aber das behielt er vernünftigerweise für sich. Er widersprach Agatha nur ungern. Er freute sich, daß sie wieder die Alte war. Das war das Wichtigste für ihn.

"Vielleicht sollten wir Igor Darkon ablösen, denn seine Arbeitszeit ist schon längst um.", sagte Agatha, "Bestimmt möchte er schon nach Hause gehen."

"Ich glaube, daß er ohne Bella nicht weggehen will, bestimmt wartet er auf sie. Vorgestern hätten wir Sie nach Hause bringen müssen.", antwortete Robert, der sich wegen des Vorfalls noch immer Vorwürfe machte.

"Tatsächlich, mir ist es damals auch nicht in den Sinn gekommen. Der Inspektor muß uns jetzt wohl für ziemlich herzlos halten. Na, bringen wir die Rezepte hinter uns. Elisa ist noch immer mit der Creme beschäftigt. Ihr beide gebt ein hervorragendes Paar ab, Robert. Man könnte Euch zusammenbinden. Sag jetzt bloß nichts! Dein Problem ist, daß Du Dir Deine Fehler nie eingestehen kannst."

Agatha schaute sich die Schachteln an, in der sie die Rezepte sammelten, die von den Kranken noch abgeholt werden mußten. Sie sortierte sie der Zeit nach. Für heute mußte kein Rezept mehr fertiggestellt werden. Bella und Igor haben die heutigen schon gemacht. Für morgen mußten auch nur ein paar Schmelzcreme bereitet werden, mit denen sie auch ihre Arbeit begann, denn die mußten sich noch abkühlen, bevor sie in den Tiegel getan werden konnten. Außerdem machte Robert diese Arbeit nur ungern. Geschickt tat sie die einzelnen Stoffe in den Mischbecher. Sie war eine schnelle und präzise Arbeitskraft. Sie liebte auch ihre Arbeit.

"Elisa, es wäre besser wenn Du heute in der Stadt bleiben würdest. In so einem Nebel kann man gar nicht fahren.", sagte Robert, sich an das Mädchen wendend.

Elisa legte die Teekanne auf die Wärmeplatte und machte sich ein paar Sandwiche zurecht. Danach lud sie auch Frau Sabina ein, die beileibe gerne Tee trank, aber sich nie so tief herabließ, um mit ihnen gemeinsam einen Tee oder Kaffee zu trinken. Sie blickte mit Abscheu auf die Zitronen und auf die Milchsahne. Pah, wie kann man es bloß damit trinken! Sie selbst schenkte sich immer Rum dazu. Auch jetzt begoß sie es damit, sie verdiente es auch in dieser Kälte. Aber sie will keiner nach Hause bringen, sie kann man ruhig sogar zweimal niederschlagen. Wie lange muß sie wohl heute auf die Straßenbahn warten? Es ist wirklich ärgerlich, daß sie nach Hause gehen muß.

Sie könnte doch so gut auch hier übernachten. Aber daß konnte sie nie beim Chef erzwingen, sie bekam sogar keinen Schlüssel von ihm.

Es kamen keine Kranken mehr. Bella und Igor konnten auch in Ruhe ihren Tee trinken und speisen. Sogar Robert kam nach hinten, um sich eine Tasse zu genehmigen. Er war verrückt nach Elisas belegten Brötchen und verschlang sie mit Genuß, dabei gründlich Agathas vorwurfsvollen Blick ausweichend. In solchen Fällen vergaß er immer sein Gewicht. "Na, was wird uns wohl morgen auf dem Boden des Chemikalienlagers erwarten.", sagte Agatha offen wie immer.

"Nichts", antwortete ihr Igor, "Nichts auf der Welt. Alle sind schon so vorsichtig, daß sie sich unmöglich umbringen lassen werden. Keiner wird je etwas vom Mörder sehen und die Identität des teuflischen Mörders wird ein ewiges Rätsel bleiben."

"Wenn es doch bloß so wäre", sagte Bella sehnsüchtig, "aber ich glaube nicht, daß es so kommen wird. Außerdem wäre es verhängnisvoll, falls der Mörder nicht entlarvt würde. Wir werden bis ans Ende unseres Lebens immer verdächtig bleiben, und wir würden uns andauernd gegenseitig abwägen. Nein, der Mörder muß unbedingt gefaßt werden!"

"Bella hat recht", schloß Agatha sich Bella an, "Der ständige Argwohn würde nur unsere Nerven fertig machen. Wäre es ein Fremder gewesen, wären wir jetzt in einer besseren Lage. Aber der Inspektor ist sich ganz sicher darüber, daß der Mörder unter uns ist."

"Ich kriege Gänsehaut, wie du das so sagst.", schauderte Elisa, "Wie lange müssen wir noch rätseln? Es wird doch kein Ende nehmen."

"Es ist doch erst drei Tage her, Elisa", bemerkte die alte Frau Sabine, die das Geschirr sammelte und in die Waschküche hinaustrug. Sie aßen immer im Labor, sofern der Chef nicht da war. Hier hatten sie es bequemer als in der Waschküche, die sowieso das Reich der Putzfrau war.

Es verirrte sich keine Menschenseele mehr in die Apotheke, so dicht war der Nebel heute abend, dichter als je zuvor. Endlich war die Zeit um, sie schlossen ab, brachten alles in Ordnung und gingen sich umziehen. Es ist gar nicht lange her, daß die Apotheke für sie ein friedlicher, ruhiger und netter Ort war. Sie wird nie mehr so werden, wie sie war. Erst jetzt haben sie das alle begriffen. Verstummt zogen sie sich um, es hatte keiner mehr Lust zu plaudern. Elisa wartete auf sie im Labor, sie hatte sich schon früher umgezogen. Sie schlossen die Apotheke ab, aber es war nichts von einem Polizisten zu sehen. Robert und Agatha nahmen Frau Sabine mit sich, es war ja für sie letztlich kein großer Umweg. Frau Sabina nahm ihre Einladung nur mürrisch an, dabei lechzend auf ihre Lieblingsbar starrend. Aber man staune, man hat sie doch nach Hause gebracht. Das tat der Alten doch wohl. Die übriggebliebenen Drei hauten sich in Igors Wagen, aber sie konnten sich nicht so recht entscheiden, was sie tun sollten? Sollten sie Essen gehen? Aber sie waren nicht hungrig. Elisas Brötchen hatten ihre Wirkung gezeigt. Schließlich fuhren sie zu Bella.

Am Tor wollte sich Igor verabschieden, aber Bella lud ihn und Elisa zu einem Drink ein. Ihre Tanten waren in ihrem Element. Sie liefen auf und ab. Sie tranken einen trockenen Sherry und unterhielten sich noch zwei Stunden. Sie rieten nach dem Mörder, aber sie kamen zu nichts.

 

VII.

Bella lag still in ihrem Bett. Sie brauchte nicht aus ihrem Fenster zu schauen, um zu wissen, daß der Nebel sich immer noch nicht gelöst hatte. Die feuchte Kälte hatte sich durch die Ritzen eingeschlichen, die meisten kalten Wellen haben sie berührt und verbrannten danach im Kamin neben der Tür. Zwei Wochen sind schon seit Daniels Tod vergangen und die Ermittlung machte keine Fortschritte. Herr Hadriani ist immer noch nicht aufgetaucht. Georg Weißmanns Bekannte wurde wenigstens gefunden und sie konnte seine Aussage bestätigen. Ob Ute Wind von der Sache bekommen hat, ist vorläufig noch ungewiß. Seitdem kam sie auch nicht mehr zur Arbeit und reichte noch dazu ihre endgültige Kündigung ein. Wo der Chef noch sein kann, konnte sich keiner vorstellen. Es wäre möglich, daß er nach seinen beiden Morden mit seiner Tochter schon über alle Berge wäre. Die Frage, wem jetzt die Apotheke gehören werde, beunruhigte sie alle. Ansonsten haben sie sich mit den Vorfällen schon abgefunden. Was konnten sie auch schon anderes tun? Sie gingen noch immer bangend ins Chemiekalienlager, denn sie konnten niemals vergessen, wie sie dort auf Daniels und Ediths Leiche stießen. Sie sagten es zwar nie, aber sie glaubten immer mehr daran, daß der Chef diese Schreckenstaten begangen hatte.

Bella hatte sich nun endlich zum Aufstehen überreden können. Es war schon höchste Zeit, falls sie nicht zu spät kommen wollte. Elisa und Sabine sind bestimmt schon längst auf dem Weg, sie waren schon immer früh zur Stelle. Sie ging runter, um ihren Kaffee mit ihren Tanten zu trinken, die schon mitten in ihrem Frühstück waren. Sie sahen Bella verstört an, weil sie nicht wußten, ob sie ihr gegenüber ihren Fund von gestern abend erwähnen sollten. Sie fanden im Garten neben dem Tor einen Marmormischer. Es war ein purer Zufall, daß sie ihn überhaupt entdeckt hatten, sagten sie, dabei sich gegenseitig das Wort nehmend.

"In der Nacht hat der Hund des Nachbars so stark gebellt, so daß wir in den Nebel rausgingen, um nachzusehen was los war", erzählte Tante Ursula, "Aber wir konnten nichts erkennen. Plötzlich hörten wir ein dumpfes Geräusch, als ob jemand etwas über unser Tor reingeworfen hätte. Wir hätten es auch gar nicht gefunden, wenn nicht Sarah gestolpert und in die Büsche gestürzt wäre. Wir entdeckten den Marmormischer erst, als wir mit der Taschenlampe die Büsche näher ansahen. Da sonst nichts mehr geschah, warteten wir nicht mehr länger draußen in der Kälte. Wir kamen rein, setzten eine Teekanne zum Kochen auf und überlegten, was wir jetzt tun sollten. Dich wollten wir nicht stören, Bella, da Du so fest geschlafen hast. Nachdem wir unseren Tee getrunken haben, wurden wir ruhiger und dachten, daß wir uns diese Sorge für morgen aufheben könnten. Wir gingen raus und bedeckten den Marmormischer mit einem Kunstoffmülleimerbeutel, damit die eventuellen Fingerabdrücke nicht verwischt werden. Danach tranken wir noch eine Tasse Tee und hauten uns hin."

Sofort kehrte die bis an ihre Knochen dringende Furcht aus den vergangen Wochen wieder in Bella zurück. Der Mörder ist wieder zurückgekehrt und wollte auf sie niederschlagen. Sie hätte es wissen müssen, daß er noch nicht fertig war. Sie hatte es ihren Tanten zu verdanken, daß er nicht zu ihr reingeklettert war und sie mit diesen furchtbaren Marmormischer erledigt hatte. Er muß verrückt sein. Herr Hadriani muß seinen Verstand verloren haben und will jetzt seine Angestellten der Reihe nach umbringen. Plötzlich fiel ihr der Inspektor ein, der von der Sache unbedingt erfahren müßte. Sie rief ihn an, aber sie erfuhr zu ihrem Entsetzen, daß Inspektor Blatt und Wachtmeister Colin sich außer Hause befanden. Sie hinterließ ihren Namen und ihre Nummer, damit der Inspektor sie unverzüglich nach seiner Rückkehr zurückrufen sollte. Sie war völlig ratlos, weil sie sich nicht entscheiden konnte, ob sie auf den Anruf des Inspektors warten sollte, oder ob sie zur Arbeit gehen sollte. Danach fiel ihr Elisa und die arme Sabine ein, die ahnungslos draußen auf sie in der Kälte warten mußten. Auf einmal ergriff sie die Idee, Igor anzurufen. Er müßte noch zu Hause sein, er kommt meistens erst später. Sie ließ das Telephon zehnmal klingeln, aber es hob keiner ab. Es fiel ihr schwer, sich anzuziehen, inzwischen riefen ihre Tanten ein Taxi. Damit käme sie noch rechtzeitig an und würde auch damit nicht so viel riskieren wie zu Fuß im dichtem Nebel.


Im Taxi konnte sie sich schon beruhigen, es ist immer besser, etwas unternehmen zu können als verängstigt auf etwas zu warten. Wie sie schon ahnte, wartete schon Elisa mit Frau Sabine auf sie.

Sie blickte auf ihre Uhr und stellte mit Erleichterung fest, daß sie noch fünf Minuten hatte. Sie ließ nicht gerne andere auf sich in der Kälte warten.

Den Polizisten konnten sie nirgendwo mehr entdecken, sicherlich ließen sie die Apotheke nicht mehr bewachen. Dabei wäre sie lieber nicht nur mit den beiden reingegangen. Sie wußte nicht, ob sie den gestrigen Vorfall ihnen gegenüber erwähnen sollte.

"Gehen wir endlich rein, fummeln Sie nicht so lange am Schloß rum", drängte die Alte sie. "Ich bin schon fast durchgefroren nach dieser Viertelstunde."

Ihr Gesicht war wahrlich grünblau gefroren. Ihre Haare waren frostig. Sie sah widerwärtig aus. Bestimmt hat sie gestern gesoffen, dachte sich Bella, während sie die Tür aufmachte. Drinnen fanden sie alles in Ordnung, in der Küche war es schön warm. Sie und Elisa gingen übers Labor ins Umkleidezimmer. Da bemerkten sie, daß die Tür des Chemikalienlagers halb offen stand. Elisa klemmte sich an Bella, und zeigte erschrocken mit ihrer anderen Hand in Richtung Lagerraum. Sie schlugen beide Wurzeln. Frau Sabine hingegen lief rein und eilte an ihnen vorbei rauf und ging durchs Umkleidezimmer ins Chemikalienlager. Dann fingen auch sie an zu rennen, und entdeckten Herrn Hadriani. Er lag unterm Tisch genauso wie früher Daniel und Edith. Dort lag Herr Hadriani, dem Anschein nach hat ihn auch schon der letzte Hauch vom Leben verlassen. Die alte Sabine warf sich auf ihn, und fing herzzerreißend an zu heulen. Bella lehnte sich an den Türrahmen, sie war nahe, in Ohnmacht zu fallen. Elisa fing an zu schreien, hörte damit aber plötzlich auf und sprang neben die alte Frau und riß sie von ihm los. Zugleich kam Bella auch schon wieder zu sich und half, Herrn Hadriani aufzuheben. Gewimmer verließ den Mund des alten Mannes, aber er war nicht bei Bewußtsein. Aus dem Umkleideraum brachten sie flink ein paar Decken mit. Sie legten sie vorsichtig auf ihn, denn sie trauten sich nicht, in zu bewegen. Bella rannte sofort runter zum Telephon und rief einen Rettungswagen, danach versuchte sie erneut, den Inspektor zu erreichen, aber er war immer noch nicht zurück. Bella schilderte den diensthabenden Wachtmeister, was geschehen ist, und bat ihn den Inspektor so schnell wie möglich zu benachrichtigen. Nachdem sie den Hörer wieder zurückgelegt hat, eilte sie ins Chemiekalienlager zurück. Sie trauten sich nicht, den Patienten zu berühren, weil man bei Kopfverletzungen den Verletzten am besten nicht bewegt. Die alte Sabine hat mit dem Weinen aufgehört und sah ihren geliebten Chef verwundert an, der gerade dem Tode entronnen war. Sie hörten ein Klingeln von unten. Bella rannte runter und öffnete die Tür, aber anstatt des Rettungswagens fand sie Wachtmeister Colin mit dem Inspektor vor sich. Man sah ihnen an, daß sie von nichts wußten. Sie blickten fragend auf Bella.

"Hat man ihnen nichts auf dem Präsidium gesagt?", wunderte sich Bella.

Sie waren heute noch nicht dort, erklärten sie Bella und schon rannten sie gemeinsam ins Chemikalienlager, wo Elisa gerade verzweifelt versuchte, die alte Sabine, die sich andauernd auf den Chef stürzen wollte, zurückzuhalten. Inspektor Blatt sah sich verblüfft den verletzten Mann an. Den haben sie als Mörder gesucht? Nun liegt er hier als Opfer, und sie konnten ihn nicht vor dem erbarmungslosen Mörder beschützen. Am liebsten wäre er auch neben der Putzfrau in Tränen gefallen. Dagegen trieb ihn seine lange Routine an. Sein Gehirn fotografierte jedes mögliche Beweisstück.

Inzwischen kam auch der Arzt an und sah sich den Verletzten an. Er schüttelte besorgt seinen Kopf.

"Er befindet sich in einem sehr kritischen Zustand, der Puls ist kaum zu fühlen, die Herztöne sind auch schwach. Wir müssen ihn unverzüglich in ein Krankenhaus transportieren. Seine Kopfverletzung ist lebensgefährlich. Man muß ihn operieren."

"Wird er noch zu sich kommen, Herr Doktor?", fragte der Inspektor mit einer solch verzweifelten Stimme, daß der Arzt ihn bemitleiden mußte.

"Wir werden unser Bestes geben, damit er uns erzählen kann, wer ihn niedergeschlagen hat und wer diese furchtbare Morde begangen hat.", versicherte ihm der Arzt, aber in sich war er gar nicht sicher, daß das auch gelingen würde. Bis sie ins Krankenhaus ankommen, wird dieser Mann tot sein, hätte er eigentlich antworten müssen. Dies entsprach am ehesten der Wahrheit. Sie halfen Frau Sabine runter und gaben ihr einen starken Kaffee. Bella goß noch eine gewaltige Portion Cognac dazu, bevor sie ihr die Tasse reichte. Der tat ihr sichtbar gut. Sie, Elisa und sogar der Inspektor mit den Wachtmeister tranken einen Kaffee.

Der Inspektor fragte überrascht Bella: "Was ist bloß mit der alten Frau los? Sie verhält sich so, als ob Herr Hadriani ein enger Verwandter von ihr wäre."

"In gewissem Sinne war er das auch. Frau Sabine hat sich hier in der Apotheke nur um ihn gekümmert, und der Chef hat auch vieles von ihr hingenommen. Sie arbeitet schon sehr lange hier. Sie ist die älteste Mitarbeiterin.", erklärte ihm Bella.

"So ist ihr Schmerz verständlich", meinte der Inspektor. Bella rang sich die Hände. "Was machen wir jetzt? Langsam müßten wir die Apotheke aufmachen, aber ich bringe es nicht fertig, mich hinter den Trehsen zu stellen. Meine Hände zittern vor Aufregung, ich bin nicht in der Verfassung, auf die Rezepte zu achten", sagte sie.

"Hängen sie eine Tafel an die Tür mit der Aufschrift 'Wegen Krankheit geschlossen'. Sie können unmöglich drauf schreiben 'Wegen Mord geschlossen'", antwortete Wachtmeister Colin auf Bellas Frage.

Elisa brachte schon die fertige Tafel. Sie hatten so eine immer für alle Fälle bereitgehalten. Es ist schon ein anderes Mal vorgekommen, daß sie wegen Krankheit geschlossen hatten. Sie saßen stumm da, der Inspektor ging mit den Leuten von der Spurensicherung hoch. In diesem Fall lebte das Opfer noch, aber keiner wußte wie lange noch. Die alte Sabine kam zu sich und brachte die Tassen in die Waschküche. Sie bereitete den Kaffee für die anderen, die bald, ohne auf die schlechte Nachricht vorbereitet, ankommen müßten, bis auf den Mörder, der dieses Mal wieder zugeschlagen hatte.

"Mein Kopf ist schon am Zerplatzen, aber ich kann nicht darauf kommen, wer es bloß gewesen sein könnte", begann Elisa, "Bis jetzt habe ich den armen Hadriani verdächtigt. Ich glaube, daß die anderen auch schon an seine Schuld glaubten. Und jetzt das! Er kann es nicht gewesen sein!"

Bella dachte mit Schuldbewußtsein an ihre Anschuldigungen von heute morgen. Darauf fiel ihr ein, daß sie dem Inspektor den nächtlichen Angriff noch nicht erwähnt hat. Elisa hatte sie es auch noch nicht erzählt, was sie gleich nachholen wollte. Aus der Küche hörten sie ein satanisches Gelächter. Überrascht blickten sie aufeinander. Sie fanden die Lage überhaupt nicht witzig. Die alte Putzfrau lachte in sich weiter. Sie trauten sich nicht, ihr was zu sagen, vielleicht ist sie vor Kummer durchgedreht.

Inzwischen kam Sylvia Marsch an, und die Alte beruhigte sich und schaltete die Kaffeekocher an. Die braunhaarige Sylvia war äußerst aufgeregt. Die Polizisten da draußen ließen sie schon Schlechtes vermuten. Außerdem hatte sie eine schlechte Nacht hinter sich, ihr Mann hatte das neblige Wetter nur schwer ertragen können und schlief kaum etwas. Noch dazu hatte sie jemand angerufen und ins Telephon geflüstert, daß sie die Nächste wäre.

Der Inspektor kam die Treppen runter mit seinem Gefolge hinter sich. Sylvia starrte mit weit aufgerissenen Augen auf ihre Hände. Sie wartete auf einen schrecklichen Sarg mit einer ihrer Kollegen drinnen. Aber da ihre Hände leer waren, ließ sie sich erleichtert auf den einzigen Armsessel im Labor nieder. Es schnürte Bella das Herz zusammen, als sie daran dachte, wie entäuscht sie sein würde, wenn sie erfahren müßte, daß sich nachts doch eine Tragödie ereignet hätte. Sie ging raus in die Küche, um Kaffe zu holen. Sie hatte keine Lust dazu, Sylvia zu erzählen, was geschehen war. Der Inspektor erzählte ihr taktvoll den neuesten Mordanschlag.

"Ich wußte es", schrie Sylvia Marsch, "Die alle hier haben geglaubt, daß Herr Hadriani die Leute der Reihe nach umbrachte, aber ich war mir über seine Unschuld sicher, und jetzt ist er tot! Man hat ihn umgebracht!"

"Nein, sie haben es nicht ganz richtig verstanden, Frau Marsch. Herr Hadriani ist nicht gestorben, und wenn er zu sich kommt, löst sich damit unser furchtbares Rätsel", erläuterte ihr Wachmeister Colin.

"Gott sei Dank", seufzte Sylvia immer noch totblaß auf, "Herr Hadriani ist ein sehr guter Mensch. Er hätte solche Schandtaten niemals begehen können. Sollte man ihn auch erpreßt haben, dann auch nicht wegen einer älteren Sünde, wie es die meisten vermuten. Jetzt wird er sich vor den gemeinen Verleumdungen auch selbst verteidigen können." "Für uns beginnt jetzt alles wieder von vorne", ärgerte sich Elisa, "Wo waren Sie dann und dann! Mir geht das ganze schon auf den Wecker!"

Agatha und Robert trabten gleichzeitig an, und sie wußten schon alles von der alten Sabine, die gerade den Müll hinausbrachte, als sie ankamen. Agatha sah sich nachdenklich um, Bella wandte sich ihr ab, Elisa blickte ihr traurig zurück, Sylvia saß in sich versunken da. Sie hatte schon wieder kein Alibi außer ihren Mann. Genau diese Frage beschäftigte sie, aber warum bloß konnte sie sich nicht erklären. Schließlich verdächtigt man sie doch nicht!

Robert saß verstimmt neben Elisa, er sah Agatha nicht an. "Sie verdächtigt schon wieder mich, diese verrückte Person", dachte er, "Warum sollte ich schon Herrn Hadriani niederschlagen? Daran denkt sie wohl nicht, dabei bin ich ausgerechnet gestern abend noch spazieren gegangen, und sie hat vergeblich telefoniert. Ich habe genug von dieser dummen Gans!"

Mit Schrecken vernahm er, daß der ihm Inspektor aus der Bürotür zuwinkte. Ergeben marschierte er ins Büro. Warum will er mich zuerst sprechen? Er setzte sich hin, ohne daß man ihn dazu aufgefordert hatte. Er hatte sogar seinen Kaffee mit sich genommen, wenigstens hatte er was in seiner Verlegenheit zum Rühren.

"Sie alle tun mir schon ziemlich leid", eröffnete Inspektor Blatt, "Diese andauernden Verdächtigungen müssen Ihnen schon sehr unangenehm sein. Es ist unsere Schuld, daß wir die Apotheke nicht mehr weiter beobachten ließen. Aber der Polizeichef war der Ansicht, daß die Polizei wichtigere Aufgaben zu erledigen hätte. Ehrlich gesagt hatten wir auch mit keinem Mord mehr gerechnet. Dieser Mordanschlag hat uns völlig unerwartet getroffen. Wir waren uns über Herrn Hadrianis Schuld schon einig."

"Wäre es nicht möglich, daß er sich die Verletzung selbst zugefügt hat, um einen Anschlag auf ihn vorzutäuschen?", fragte Robert lebhaft. Er las vor nicht langer Zeit eine Detektivgeschichte, in der sich der Mörder selbst vergiftet hatte, um den Verdacht so von sich abzuschütteln.

"Daran haben wir auch gedacht, zwar ist die Verletzung so schwer, daß er an ihr auch sterben könnte. Unser ärztlicher Sachverständige wird uns auf diese Frage die endgültige Antwort geben. Wir wären Ihnen verbunden, wenn Sie bis dahin alle unsere Fragen ehrlich beantworten würden. Weil Sie uns auch nicht die Wahrheit erzählten, als Sie uns ein so felsenfestes Alibi auftischten. Irgend jemand ist auf ein Gespräch zwischen Ihnen und Agatha Heller aufmerksam geworden. Sie, Battison waren in der fraglichen Zeit nicht mit Ihrer Mutter und Agatha zusammen, wie Sie es uns in Ihrer Aussage weismachen wollten. Sie waren hier in der Apotheke und sprachen mit Daniel. Weil er Ihnen geradeaus ins Gesicht gelacht hat und Ihnen Ihre Bitte, Ihren Fehler dem Chef gegenüber nicht zu erwähnen, ausgeschlagen hatte, haben Sie ihn erschlagen, als er sich nach etwas bückte. So war es, es hat für Sie keinen Sinn mehr, es abzustreiten. Ein offenes Geständnis könnte Ihnen noch nützen", ermutigte ihn der Inspektor mit warmer Stimme, "Herr Hadriani wird zu sich kommen und uns erzählen, wie Sie ihn niedergeschlagen haben. Sie haben ausgespielt, Battison. Sehen Sie sich vor! Oder haben Sie vielleicht ein Alibi für gestern abend. Aber versuchen Sie uns ja nicht weiszumachen, daß Sie friedlich zu Hause mit Ihrer Mutter und Agatha Heller rumsaßen, weil dieses Alibi keinen Pfifferling wert ist!"

Der Schweiß tropfte Robert Gesichts runter, und er fühlte eine eiskalte Hand an seinem Hals würgen.

"Ich habe kein Alibi. Ich bin am Abend nur ziellos durch die Gegend herumspaziert. Aber bei Gott, Herr Inspektor, ich schwöre auf das Leben meiner Mutter, daß ich es nicht getan habe! Einen Unschuldigen wollen Sie doch nicht verurteilen!"

"Das wird Ihnen der Richter nicht so leicht abkaufen. Das müssen Sie auch noch beweisen können", antwortete der Inspektor spottend. Was für ein Glück, daß er auf den Wachtmeister gehört hat, es war nämlich seine Idee Battison in die Enge zu drängen. Und es erwies sich als ein Volltreffer. Wachtmeister Colin notierte alles zufrieden, siehe an, dieser uralte Trick hat funktioniert. Er hatte diesen Rothaarigen schon immer in Verdacht. 'Na, nach ein paar Stunden auf dem Präsidium werden wir schon alles aus ihm herausquetschen!', dachte er.

"Ich frage Sie zum allerletzten Mal: Was wissen Sie im Zusammenhang mit den beiden Morden?", stachen Inspektor Blatts Worte in Battisons Ohren.

"Ich weiß nichts", antwortete Robert trotzend, "Was ich wußte, habe ich Ihnen schon mitgeteilt. Ich hoffe, daß Agatha keinen Ärger kriegt? Sie kann nichts dafür!"

"Sie kann von Glück sprechen, daß sie das ganze nicht unter Eid ausgesagt hat. Aber auch so wirft es kein gutes Licht auf sie. Die Polizei irrezuführen!", wütete der Inspektor.

"Agatha ist ein sehr ehrliches Mädchen, früher oder später erzählt sie schon, was sie weiß.", erwiderte Battison.

Eigentlich war er ganz froh darüber, daß es jetzt endlich herausgekommen ist. Er lebte unter ständiger Spannung seit den Morden. Bangend wartete er immer darauf, wann nun Agatha mit der Wahrheit hervorkommt.

"Jetzt können Sie gehen, Battison, wir machen noch weiter. Unterschreiben Sie Ihre Aussage. Wir werden sehen, was Herr Hadriani aussagen wird, wenn er wieder zu sich gekommen ist."

"Auf keinen Fall, daß ich es getan habe!", kreischte der rote Mann, ohne Rücksicht darauf, daß man es draußen hören kann.

"Das hoffe ich für Sie!", antwortete der Inspektor, dem irgendwie diese schwache Gestalt leid tat. "Aber ich warne Sie, ohne meine Zustimmung dürfen Sie die Apotheke nicht verlassen."

"Aber, Herr Inspektor, wohin könnte ich auch schon gehen?", Robert verließ niedergeschlagen das Büro.

"Aber er könnte es getan haben. Manchmal schlagen auch die schwachen Typen auf ihren Peiniger nieder, wenn er sie in die Enge treibt.", klügelte der Wachtmeister. Robert war schon immer einer seiner Lieblingstäter gewesen. Der Inspektor sah ihm argwöhnisch nach. Es sind schon mehr als zwei Wochen seit dem ersten Mord vergangen! So etwas gab es noch nicht, daß sie keinen einzigen Schritt weiter kommen konnten. Sie wissen kaum mehr als nach dem ersten Mord. Vielleicht ist doch Robert Battison die Lösung.

"Rufen sie jetzt Bella Borgmann rein", bat der Inspektor Wachtmeister Colin, "Da ist etwas, was sie uns unbedingt erzählen will. Am besten hören wir sie uns so schnell wie nur möglich an, bevor sie es sich noch anders überlegt."

Wachtmeister Colin ging unwillig zur Tür. Er hätte jetzt lieber Agatha Heller verhört, weil sie somit Gelegenheit kriegt, vorher mit Robert Battison zu sprechen, und sie würde womöglich wieder neue Lügen präsentieren können. Aber er widersprach dem Inspektor nicht, er war dazu nicht in der Stimmung.

Bella Borgmann saß verstimmt im gewöhnlichen Lehnsessel. Sie haßte schon dieses Büro. Sie fühlte sich fremd in der Apotheke. Sie erkannte auch, daß sie weder den Inspektor noch den Wachtmeister leiden könne. Die sind einfach unfähig dazu, diesen verzwickten Fall aufzuklären. Wenn Herr Hadriani sein Bewußtsein nie wieder erlangen sollte, sind diese beiden Schießbudenfiguren verloren. Der Mörder wird wieder und wieder zuschlagen, bis er am Ende die ganze Apotheke ausgerottet hat.

"Mein Gott, laß Herr Hadriani gesund werden!", betete Bella stumm in sich.

"Fräulein Borgmann!", eröffnete der Inspektor, der die Abneigung des Mädchens fühlen konnte, das Gespräch, "Ich weiß, daß sie es uns verübeln, daß wir den Täter immer noch nicht finden konnten. Aber sie müssen einsehen, daß wir es mit einem äußerst komplizierten Fall zu tun haben. Und alle belügen uns andauernd, was die ganze Untersuchung noch dazu erschwert."

"Ich nicht, Herr Inspektor, ich habe Ihnen immer nur die Wahrheit erzählt", antwortete Bella ruhig, ohne sich aufzuregen.

"Trotzdem glaube ich, daß Sie uns nicht alles erzählt haben, was Sie wissen. Sie verschweigen uns etwas. Möglicherweise hat es mit der ganzen Sache nichts zu tun, aber das zu entscheiden, sollten Sie uns überlassen."

"Da fällt mir gerade ein, daß ich Sie schon heute morgen gesucht habe. In der Nacht sind meine Tanten auf Hundegebelle wach geworden, und weil es nicht aufhören wollte, sind sie hinausgegangen, um nachzusehen, was los war. Und dann hat plötzlich jemand etwas über das Tor hineingeworfen, was später meine Tanten auch im Gebüsch finden konnten. Und was glauben sie, Herr Inspektor, was es war? Ich hoffe, daß sie es schon erraten können!"

"Doch nicht ihre Wahnvorstellung, ein Marmormischer?", fragte Wachmeister Colin. Bella blickte ihn erstaunt an.

"Aber ja doch! Was sagen sie dazu? Irgendwer wollte mich in der Nacht umbringen, aber meine Tanten haben ihn dabei gestört."

"Ich wäre, da nicht so sicher, daß er Sie erledigen wollte", erwiderte der Wachmeister, "Er wollte eher den Verdacht auf Sie lenken."

Daran hat Bella noch gar nicht gedacht! Und dieser Gedanke beruhigte sie erheblich. Dann hat der Unbekannte sie doch nicht ermorden wollen. Jetzt noch nicht, sagte eine satanische Stimme in ihr.

"Ich kenne mich mit diesem Mörder nicht aus, deswegen verschweige ich Ihnen gar nichts. Ich werde verreisen und werde nicht zurückkommen, solange Sie den Mörder nicht gefaßt haben!"

"Das dürfen Sie nicht tun", antwortete ihr Inspektor Blatt, "Schließlich könnten Sie ja auch der Mörder sein. Solange der Fall nicht abgeschlossen ist, müssen Sie hier bleiben, so leid es mir auch tut."

Bella biß ihre Zähne zusammen und sagte gar nichts.

"Was haben Sie gestern abend und in der Nacht getan?", fragte der Wachmeister.

"Wir hatten gestern einen harten Tag gehabt und haben uns schon früh hingelegt. Sonst kann ich Ihnen nichts sagen. Man konnte ja nicht ahnen, was sich ereignen würde."

"Na gut, wenn Sie nichts mehr zu sagen haben, können Sie gehen, Fräulein Borgmann. Halten Sie Ihr Augen weiterhin offen, und schicken Sie Frau Sylvia Marsch herein."

"Diese Verhöre führen zu nichts. Wer uns anlügt, wird es auch weiterhin tun, und die anderen wissen wirklich nicht mehr", murte der Inspektor.

"Aber natürlich bringen sie uns weiter! Robert Battison hatte ein falsches Alibi. Das ist doch auch erst vorhin herausgekommen!", der Wachmeister ließ seinen Verdienst nicht schmälern.

Sylvia Marsch hatte wirklich nichts Wertvolles sagen können. Sie war mit ihren Mann zu Hause, und nur der kann ihr Alibi bestätigen. Er hatte sich noch dazu wegen seines Herzes schlecht gefühlt, und er hatte eine starke Dosis Beruhigungsmittel eingenommen, so hatte er die Nacht über tief geschlafen. Sylvia verdächtigte immer noch beharrlich einen verrückten Mörder von draußen. Da nichts aus Ihr herauszuholen war, ließen sie sie gehen.

Wachtmeister Colin wählte das Krankenhaus an, um sich nach Herrn Hadrianis Zustand zu erkundigen, in der Hoffnung, daß er inzwischen zu sich gekommen wäre. Dort meldete man sich auch, aber zu seinem Bedauern befand er sich in einem so schlechten Zustand, daß sie nicht einmal eine Operation zu riskieren wagten.

"Es ist ausgeschlossen, daß er sich die Verletzung selbst zufügte. Es besteht die Möglichkeit, daß er wieder zu sich kommt, und dann würde man den Polizisten, der zu seiner Bewachung da ist, sofort in Kenntnis setzen. Aber zumindest ist seine Tochter angekommen.", sagte der Inspektor, der die Verhörung der Übrigen dem Wachmeister überließ und ins Krankenhaus eilte.

Draußen saßen die Mitarbeiter der Apotheke in Lethargie, sie schauten sich nicht einmal gegenseitig an, schon wieder verdächtigten sie sich gegenseitig.

Ute Weißmann erschien auch mit ihrem Mann. Sie hatte auch für diese Nacht kein Alibi. Ihr Mann war wie gewöhnlich auf einer Geschäftsreise und kam erst spät zurück. Nun saß er vor lauter Gewissensbissen geplagt neben seiner Frau. Wie soll er bloß dem Inspektor erzählen, was er bei seiner Ankunft gesehen hat? Er sah ein Licht im Fenster der Apotheke aufblinken, als er mit seinem Auto vor seinem Haus ankam. Als er ausstieg und näher ranging, konnte er nichts mehr bemerken. So glaubte er, daß er sich nur etwas eingebildet hat, oder vielleicht war es nur die Spiegelung eines Scheinwerfers. Es flimmerte ihm schon vor seinen Augen vor Müdigkeit nach der langen Fahrt, als er in seine Wohnung hinaufging. Ute schlief schon und er legte sich fast in seiner Bekleidung hin. Vielleicht hätte er Herrn Hadrianis Leben retten können, wenn er am Hinterausgang nachgesehen hätte.

Wachtmeister Colin wollte eigentlich sie als nächste verhören, aber als er die Aufregung des Mannes wahrnahm, dachte er, daß er noch ruhig weicher werden sollte, bevor er ihn sich vornimmt. Er rief lieber Sabine Schneider. Bella, die gegenüber der Bürotür saß, glaubte, beinahe vom Stuhl zu fallen. Plötzlich erschien ihr ein altes Bild, daß ihr Gedächtnis mit erschreckender Genauigkeit einblendete. Sie fühlte, daß sie nicht mehr länger sitzenbleiben könne, ohne aufzuschreien. Sie stand auf und ging zurück ins Rezepturzimmer. Igor hat nur darauf gewartet. Er folgte dem aufgeregten Mädchen, er fühlte, daß in ihr etwas vorging.

Bella starrte in den Nebel hinaus. Sie war völlig verwirrt, weil vor ihren Augen immer wieder dasselbe Bild erschien. Ihre Augen waren wie die Linse einer Photokamera. Sie hielt sich an Igors Arm fest, der beruhigend ihr Haar streichelte.

"Ich weiß, wer der Täter ist", flüsterte sie mit erstickender Stimme.

Igor sah sie verblüfft an. "Sie ist durchgedreht", dachte er in sich, "Wen wundert das auch schon, dieser Fall geht mir auch schon an die Nerven." Aber er widersetzte sich dem Mädchen nicht, sondern beließ es dabei. Woher sollte sie schon ahnen, was die Wahrheit ist. Diese Frauen sind so sensibel, daß sie sich alles Mögliche einbilden. Besonders diese Bella mit ihren Träumen und Vorahnungen.

"Sie glauben mir nicht", beklagte sich Bella, "Nicht wahr Igor, Sie glauben mir nicht ein Wort. Aber der Mörder wird es mir schon glauben, sollte ich mit seiner Person recht behalten. Und ich habe genug von der andauernden Furcht, ich werde lieber handeln. Ich werde abwarten bis Wachtmeister Colin alle verhört hat. Er wird sowieso zu nichts kommen.", Bella lachte verbittert auf, "Zu nichts! Der Mörder ist äußerst clever, und es ist wahrscheinlich, daß er nicht ganz dicht ist. Ich nehme an, daß er vorhat, uns alle umzubringen. Deswegen muß endlich was dagegen unternommen werden, noch dazu schleunigst! Bella zitterte nicht mehr. Sie befreite sich aus Igors Armen, der sie an sich drückte, um sie zu beruhigen.

"Aber was wollen Sie tun?", wollte Igor wissen, "Seien Sie vorsichtig! Robert beobachtet uns. Es hat sich herausgestellt, daß sein Alibi falsch war, wie Sie es schon immer sagten. Er sprach mit Daniel am Tage seiner Ermordung. Falls Sie ihn meinen, wäre es angebrachter, jetzt zu schweigen, weil die Polizei ihn nun sowieso aufs Schärfste beobachten wird."

"Ich weiß, was ich tue, ich muß es tun! Sie haben nur eines zu tun, falls Sie wollen, daß ich am Leben bleibe. Sie müssen mich ständig beobachten, Sie dürfen mich niemals alleine lassen. Ich vertraue Ihnen mehr als diesen beiden Polizisten. Wenn es an denen läge, könnte der Täter seelenruhig die ganze Apotheke umbringen. Aber Sie mit Ihren gelben Raubtieraugen können die Gefahr von mir fernhalten. Sie müssen nicht immer bei mir sein, aber in meiner Nähe."

"Diese Aufgabe schmeckt mir, Bella. Das wollte ich schon immer tun. Aber ich meine doch, daß das Risiko zu hoch ist. Ich kann nicht gutheißen, was Sie tun wollen, ich habe Angst um Sie!", antwortete ihr Igor, dabei nach ihren Händen greifend.

"Siehe an! Dann glauben Sie mir also doch! Vorhin haben Sie mich noch für eine Phantastin, eine Wahnsinnige gehalten. Aber wenn wir es hinter uns haben, werden Sie einsehehen, daß ich rechthabe."

"Wenn wir uns endlich miteinander beschäftigen könnten, anstatt mit diesem verfluchten Fall. Aber Sie haben recht, wir müssen den Mörder entlarven, bevor er noch weitere Untaten begehen kann. Der Inspektor muß aber von unserem Vorhaben in Kenntnis gesetzt werden. Er könnte uns wertvolle Ratschläge geben, schließlich ist er doch ein Fachmann, und wir hingegen nur Amateure. Bella, schreiben Sie den Namen des Mörders auf diesen Fetzen Papier, ohne seinen Namen laut zu nennen, damit es keiner hören kann."

"Nein, es ist besser, wenn Sie ihn nicht erfahren, so offen Sie nun mal sind, würden Sie sich noch verraten. Außerdem könnte es ja sein, daß ich mich irre, und Sie müssen jeden gleichermassen scharf beobachten, nicht nur denjenigen, den ich verdächtige."

"Gut, versuchen wir es, aber ich bestehe darauf, daß der Inspektor von unserem Vorhaben erfahren muß.",beteuerte Igor.

"In Ordnung, von mir aus.", willigte Bella ein, und begab sich ins Labor zurück.

Inzwischen hatte Wachtmeister Colin schon alle verhört, aber er konnte nichts Wesentliches erfahren. Er beruhigte Georg Weißmann so gut er konnte. Es hatte keinen Sinn, daß er sich über Sachen aufregt, die nicht mehr zu ändern sind.

In der Zwischenzeit ließen sie sich zwei kalte Platten aus einer naheliegenden Metzgerei bringen. Dazu tranken sie einen Kaffee oder Tee. Der Wachtmeister setzte sich auch zu ihnen. Er war schon immer der Ansicht, daß man während einer lockeren Plauderei mehr erfährt als durch ein Verhör. Diese Bella Borgmann verheimlicht zum Beispiel etwas. Es wäre gut zu wissen, was es ist. Vielleicht hat es nichts mit dem Fall zu tun, aber es wäre durchaus möglich, daß es von höchster Wichtigkeit ist. Er setzte sich auch zu ihr rüber, vielleicht könnte er sie zum Reden bringen. Leise, damit es die anderen nicht spitzkriegen, fragte er sie:

"Fräulein Borgmann, sie zerplatzen ja fast vor Erregung. Ist Ihnen irgend etwas eingefallen, oder sind Sie auf etwas gekommen. Würden Sie es mir nicht erzählen?"

Bella sah ihn anerkennend an. Der Wachmeister ist gar nicht mal so dumm, wie er ausschaut!

"Ja", antwortete sie laut, damit alle aufmerksam werden, "Ich glaube, mir ist ein Licht aufgegangen. Ich weiß nun wer der Mörder ist!"

Ihren Worten folgte nun eiskalte Stille. Sie blickte niemanden an, nicht daß ihre Augen den Täter verrieten. Sie sehnte sich riesig danach, dem Mörder in die Augen zu schauen, aber sie wußte, daß damit alles verloren wäre. Sie hat ja letztlich keinen Beweis gegen ihn, abgesehen von dem in ihrer Phantasie. Aber sie zweifelte keine Sekunde an ihrem Verdacht. "Aber Fräulein", schnatterte der Wachtmeister, "vorhin wußten sie noch von nichts!"

"Vorhin noch nicht", erwiderte Bella gelassen, "aber dann ist mir ein Licht aufgegangen."

"Es wäre besser gewesen, wenn Sie ins Büro gekommen wären und mir alles erzählt hätten, worauf Sie gekommen sind.", ärgerte sich Wachtmeister Colin seinen Kaffee zurückstellend.

"Sie können mich nicht dazu zwingen, es zu erzählen, wenn ich es nicht will, und ich will es Ihnen auch nicht erzählen, solange ich noch keinen stichfesten Beweis habe. Ich habe keine Lust mehr, Ihr andauerndes Gespötte über meine Träume und Vorahnungen anzuhören. Sie brauchen Tatsachen und keine Theorien. Diese müssen sie sich schon selbst besorgen. Und jetzt gehe ich nach Hause, ich habe die Nase voll von dem Ganzen. Ich bin hundemüde und will alleine sein. Und daran können Sie mich nicht hindern, das heißt, solange Sie mich nicht verhaften."

"Ich kann Sie nicht verhaften, es wäre ja auch gelacht, wofür denn?", Wachtmeister Colin fühlte, daß sich Bella zu etwas entschlossen hat, "Aber ich hoffe, daß Sie sich mit der Gefahr, in die Sie sich mit Ihrer leichtfertigen Aussage gebracht haben im Klaren sind."

"Die Gefahr interessiert mich nicht, bis jetzt lebe ich auch schon mit ihr. Ich werde den Mörder entlarven, so raffiniert er auch noch sein mag.", sie schaute immer noch keinen an. Sie ging in das Umkleidezimmer rauf. Igor eilte auch ins Umkleidezimmer im Arzneimittellager hinauf. Er läßt Bella keine Sekunde allein, auch dann nicht, wenn er auf der Straße übernachten müßte. Er hoffte, daß der Wachmeister begriffen hat, was sie vorhaben. Es hatte zumindest den Anschein, daß er alles verstanden hätte.

Die anderen saßen verblüfft umgeben von Sandwichruinen im Labor herum. Robert verspeiste schon vor Aufregung sein zehntes. Agatha kümmerte sich jetzt nicht darum. Sie war wütend auf Bella, daß sie nicht endlich alles ins reine gebracht hat. Sie waren alle hier, sie hätte ihren Verdächtigten nennen können. Sie ließen sie verstummt gehen, sogar der Wachmeister sagte kein Wort.


Draußen im Nebel ließ Bellas Mut nach, zwar wußte sie, daß ihr jetzt noch keine Gefahr drohte. Der Wachtmeister behält die anderen noch bei sich, bis sie mit Igor zu Hause ankommt. Auf die Tanten und Igor kann sie im Haus zählen. Sie kann hoffen, daß der Wachtmeister durch seine Leute sie im Garten beschützen könne. Auch wenn er und der Inspektor ihr keinen Glauben schenken.

Sie stiegen in Igors Wagen ein, wo sie es sich gemütlich machen konnte. Sie liebte diesen Wagen, er war bequemer als alle anderen in denen sie bisher saß. Der Mann fuhr geschickt im starken Verkehr, man konnte ihm keine Aufregung ansehen. Er empfand, daß sie endlich etwas unternehmen, um dieser, sie nun schon seit drei Wochen bedrückenden Dunkelheit zu entkommen. Am Tor stieg Bella aus, zögerte einige Augenblicke und öffnete danach das Tor zur Garage. Früher hatte sie auch einen Wagen, aber sie konnte es sich nicht angewöhnen, mit ihm zur Arbeit zu fahren. So hat sie ihn verkauft.


Ihre Tanten erwarteten sie schon mit Aufregung, denn sie haben schon von den Mordanschlag auf den Chef Wind bekommen. Sie mixten einen starken Drink gegen die Aufregung und Kälte. Einer von ihnen ging rauf, um das Gästezimmer für Igor Darkon bereit zu machen. Sie waren zwar mit ihrem Plan nicht einverstanden, sie meinten, daß das Risiko viel zu hoch wäre. Danach setzten sie sich neben das Feuer, nippten ihren Drink und bereiteten sich auf langes Warten vor.

Der Inspektor kam mit Wachtmeister Colin eine Stunde später an. Der Reif bedeckte ihre Haare. Sie schauten sich erst im Garten um, bevor sie reinkamen.

"Herr Hadriani ist noch nicht zu sich gekommen", sagte der Inspektor, "Er ist psychisch sowie physisch unten durch. Seine Tochter bekräftigte das. In der schrecklichen Nacht, in der Daniel Goldmann ermordet wurde, befand sich ihr Vater hier in der Stadt. Agnes Hadriani lebt schon seitdem in Verzweiflung, weil sie nicht die geringste Ahnung davon hat, was um sie geschieht. Ihr Vater schwor ihr, daß er nichts mit den beiden Mordfällen zu tun hätte, aber er gab zu, daß er wüßte, wer der Mörder sei! Er könnte niemanden, nicht einmal seiner eigenen Tochter, erzählen, wer der Mörder war, weil der Mörder ihretwegen gemordet hätte. Aber er versprach, dafür zu sorgen, daß der Mörder keine weiteren Morde beginge. Sie konnte nur soviel aus ihm herausholen. Mehr war er nicht bereit zu verraten. Sie beide waren an dem ominösen Morgen, an dem Daniel ermordet wurde, tatsächlich losgefahren, als ob sie in die Berge wollten, aber in Wirklichkeit kehrten sie in die Stadt zurück und mieteten in einer verlassenen Gegend ein Haus und so weit es möglich war veränderten sie ihr Aussehen. Tagsüber blieben sie zu Hause, ihr Vater ging nur nachts raus. An dem fraglichen Abend, an dem Edith Weber ermordet wurde, war er auch unterwegs. Er kehrte in einer schrecklichen Verfassung zurück und konnte kein Wort aus sich herausbringen. Sie dachte schon, daß er übergeschnappt wäre. Er wiederholte fortwährend:

'Warum mußtest Du sie töten? Bis Du verrückt geworden! Wie konntest Du das tun!' Ihr Vater warf sich im Schlaf hin und her, bis sie ihm eine Injektion starker Beruhigungsmittel gab, weil er nichts runterschlucken konnte. Seine Zähne zitterten, sie mußte befürchten, daß er das Glas durchbeißen würde. Sie wird diesen Abend nie im Leben vergessen können. Der Nebel bedeckte das Haus, sie war mit ihrem Vater zusammen, der Nervenfieber hatte, völlig schutzlos auf sich gelassen zu Hause. Sie horchte ständig nach den Geräuschen draußen, und wenn es im Haus ein Telefon gegeben hätte, hätte sie uns unverzüglich angerufen.

Am Morgen kam ihr Vater wieder zu sich, er wurde wieder der Alte. Er bat sie nirgendwohin zu gehen, er würde ihr schon bald alles erzählen, sie sollte ihm ruhig vertrauen, denn es würde alles in Ordnung kommen. Auf die Frage von Agnes, wer am Abend ermordet wurde, antwortete er Edith. Er wollte sich mit ihr treffen, aber er kam schon zu spät. Als er in der Apotheke ankam, war Edith schon tot. Agnes flehte ihn an, zur Polizei zu gehen, um den Mörder zu nennen, weil er am Ende noch alle der Reihe nach umbrächte, sie beide mit eingeschlossen. Ihr Vater versicherte ihr, daß der Mörder niemanden mehr umbringen würde, weil er niemanden mehr zum Schweigen bringen müßte, denn sonst weiß keiner mehr etwas, was ihm gefährlich werden könnte. 'Dieser arme Teufel hat wegen uns gemordet, deswegen können wir nicht zur Polizei gehen.', sagte er. Hätte er doch bloß gleich nach der ersten Drohung von Daniel alles seiner Tochter erzählt, aber es wäre nicht nur sein Geheimnis, deswegen hätte er geschwiegen. Der Täter hat ihn schwören lassen, daß er seiner Tochter gegenüber nichts erzähle. Aber er hatte nun erkannt, daß seine Tochter so mehr leide, als wenn sie die Wahrheit wüßte. Deswegen entschloß er sich dazu, von hier zu dritt weit weg zu reisen, wo die Polizei sie nicht finden könnte. Den armen Mörder würde er dort behandeln lassen, vielleicht würde es gelingen, ihm seine Schandtaten verständlich zu machen. Danach würde er auch alles seiner Tochter erzählen, weil er fühlte, daß sie solange keine Ruhe finden könnten.

Daß er all das nicht schon früher seiner Tochter erzählt hat, wird er sich nie verzeihen können. Er sah vom Reden so mitgenommen aus, daß Agnes ihn nicht länger mehr mit ihren Fragen quälen wollte. Sie bereitete ihren Frühstück, danach versuchten sie sich auszuruhen, schließlich hatten sie die ganze Nacht über nicht geschlafen.

In den darauffolgenden zwei Wochen bereiteten sie ihre Fahrt vor, sie wollten nach Neuseeland ziehen. Geld hatten sie genug auf ihrem Schweizer Bankkonto. Ihr Vater besorgte für sie alle einen falschen Paß, damit sie ein neues Leben beginnen können. Er beabsichtigte einen Brief an seinen Anwalt zu schicken, den der dann zur Polizei bringen würde. Darin hätte er ausführlich mitgeteilt, was geschehen war und das Geständnis des Täters hätte er auch beigelegt. Aber der Mörder hätte ihm versprechen müssen, in eine Nervenheilanstalt zu gehen, wo man ihn behandeln würde. Darauf bestand ihr Vater, weil er kein Risiko eingehen wollte.

Gestern abend ging er los, um sich mit dem Täter zu treffen. Er hätte sich nicht träumen lassen, daß ihm Gefahr drohe, weil er dem Mörder völlig vertraute. Den Paß hatte er mit sich genommen, und es war geplant, daß sie in der Morgendämmerung losfahren. Die Verantwortung, die Apotheke zu führen, hätte er Sylvia Marsch übertragen, solange sich die Angelegenheit noch nicht aufgeklärt hätte.

Agnes hatte schon Schlechtes befürchtet, als ihr Vater nach einigen Stunden immer noch nicht vom Treffen mit dem Mörder zurückgekehrt war. Sie wußte noch nicht einmal, wo sie nach ihm suchen sollte. Sie hätte sich nicht träumen lassen, daß sie sich in der Apotheke treffen. Dort, wo sich schon schreckliche Verbrechen ereignet haben. Sie verbrachte die ganze Nacht voller Ängste. Sie sah andauernd ihren Vater vor sich mit einem zertrümmerten Schädel und den furchtbaren Mörder ums Haus schleichend, wie er sich darauf vorbereitete, ihn endgültig zu erledigen. Sie traute sich nicht, zur Polizei zu gehen, weil ihr Vater sie ausdrücklich, darum gebeten hatte, das Haus solange nicht zu verlassen, bis er wieder zurückkehrte. Sie hörte ständiges Geschlürfe aus dem Garten, aber es könnte sein, daß sie es sich nur eingebildet hatte. Jedenfalls hat sie sich auch schon deswegen nicht getraut in den Garten hinaus zu gehen. Sie schloß sich ein und wagte sich erst am Nachmittag hinaus, um eine Zeitung zu holen, trotz des Verbotes ihres Vaters. Da las sie erst über die Tragödie und eilte Hals über Kopf ins Krankenhaus. Das arme Mädchen ist in einem entsetzlichen Zustand und sie hat niemanden neben sich", sagte der Inspektor, dabei einen vorwurfsvollen Blick auf Igor werfend.

"Ich wäre sonst bei ihr, wenn ich ihr nicht das geben kann, was sie sich von mir wünscht.", erläuterte Igor sachlich, "Bella hingegen befindet sich in Lebensgefahr, Herr Inspektor."

"Sie haben ein wahrlich hohes Risiko auf sich genommen, Fräulein Borgmann, aber ich weiß, so dickköpfig wie Sie sind, hätten Sie sowieso nicht auf uns gehört. Und ich muß Ihnen sagen, daß wir kein anderes Mittel haben, um den Täter endlich zur Strecke zu bringen. Er hat alles sehr raffiniert eingefädelt. Wir tun alles Mögliche, damit Sie sich in Sicherheit fühlen."

"Sind die anderen noch immer zusammen in der Apotheke?", erkundigte sich Bella, "Sind sie noch nicht nach Hause gegangen?"

"Nein, sie sind noch immer drinnen und raten den Mörder. Natürlich kommen sie auf nichts. Sie warten darauf, daß Herr Hadriani zu sich kommt und den Täter nennt. Der Mörder muß bald handeln, wenn er nicht will, daß man ihn entlarvt. Er kann ja nicht wissen, was sie entdeckt haben, und was für Beweise sie haben. Wir haben nichts zu tun, als zu warten. Seien Sie beruhigt, wir passen schon auf Sie auf. Die Apotheke und ihr Haus haben wir umstellt, da der Täter sich allem Anschein nach irgendwie ans Chemikalienlager verbunden fühlt. Falls er es auch nicht glauben sollte, daß sie seine Identität erkannt haben, könnte er sich trotzdem kein so hohes Risiko leisten. Sie könnten ja doch etwas wissen. Sie müssen mir nicht sagen, wen sie in Verdacht haben, aber ich werde den Namen der Person, die ich im Auge habe, auf dieses Notizbuch aufschreiben und sie brauchen nur zu nicken, falls ich richtig geraten habe.", sagte Inspektor Blatt.

Bella sah den Inspektor verwundert an. Er ist gar nicht mal auf den Kopf gefallen. Neugierig nahm er das Stück weißes Papier zu sich. Ihre Tanten, Igor und der Wachmeister sahen erstaunt in Bellas Gesicht. Sie las den Namen und ließ sich in ihren Stuhl zurückfallen. Es war genau der Name, der schon seit Sunden in ihrem Kopf herum pochte.

Aber warum? Die Frage trieb sie schon fast zum Wahnsinn, seitdem sie den Namen des Mörders wußte. Wie ist der Inspektor wohl darauf gekommen? Das konnte sie sich überhaupt nicht vorstellen.


Das Telefon klingelte, die Stille zerbrechend. Wachtmeister Colin zwang Bella, den Hörer abzunehmen. Das Mädchen sprach vor Schrecken erstarrt in die Muschel, dabei kam ihr sogar ihre eigene Stimme fremd vor. "Hallo?... Man verlangt nach ihnen Herr Inspektor", sie überreichte ihm den Hörer erleichtert.

Der Inspektor nickte lebhaft auf die aus dem Telefon pfeifende Stimme. Wachtmeister Colin beobachtete gespannt das Gesicht seines Chefs.

"Detektiv Blitz, aus dem Krankenhaus", erklärte er den anderen, "ich erkenne ihre Stimme, sie brüllen immer so in den Hörer. Das bedeutet also, daß Herr Hadriani zu sich gekommen ist."

Inspektor Blatt war über die Nachricht sichtlich erfreut. Sie verabschiedeten sich und eilten ins Krankenhaus. Die anderen sahen ihnen mit Neid nach, weil sie am liebsten auch gleich mit ins Krankenhaus gerannt wären.


Tante Sarah ging in die Küche, um Kaffee zu kochen. Sie war wütend auf die Polizei und Bella wegen ihrer Geheimniskrämerei.

Das Telefon ratterte erneut unangenehm. Diesmal war es der Mörder. Er bat Bella, in die Apotheke zu kommen und den Verdächtigten seine Untaten geradeaus ins Gesicht zu sagen. Sie könnten solange nicht nach Hause gehen, bis sie nicht erfuhren, wer diese entsetzlichen Verbrechen begangen hätte. Sie wären alle drinnen und erwarteten Bella.

"In Ordnung", antwortete Bella ruhig. Die Spannung in ihr war schon fast verflogen. Endlich hat sich der Mörder endgültig verraten. Also war sie auf guter Fährte.

"Ich fahre sofort los, ich rufe nur noch ein Taxi. Auf Wiedersehen", verabschiedete Bella sich. Igor brachte schon die Mäntel, aber Bella winkte ihm zu, noch zu warten.

"Wir müssen den Inspektor im Krankenhaus erreichen und ihm über die Absichten des Mörders Bescheid zu sagen. Eventuell müssen noch weitere Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden. Es ist sogar höchstwahrscheinlich."

Igor setzte sich beleidigt in das Sofa zurück. Mit einem Mann kann er auch fertig werden, egal wie viele Morde er begangen hätte. Das hatte er Bella auch gesagt.

"In der Apotheke haben sie noch darauf bestanden, daß der Inspektor von allem wissen müßte, was wir unternehmen", wies sie den beleidigten Mann zurecht.

"Draußen ist die Straße voll von Polizisten, die nur darauf warten einzugreifen.", antwortete Igor.

Aber Bella kümmerte sich nicht um seine Meinung. Warum sollte sie ein unnötiges Risiko eingehen. Außerdem wird das der endgültige Beweis sein, der Mörder wird auf frischer Tat bei seinem letzten Mordversuch ertappt. Der Inspektor muß dort sein, um die Verhaftung durchzuführen. Es gelang ihr den Inspektor zu erreichen, der gerade im Krankenhaus angekommen war. Sie erzählte ihm schnell, daß wie erwartet der Täter angerufen hat, was den Inspektor äußerst in Aufregung brachte. Er bat sie, nicht gleich loszugehen, sondern noch mindestens eine halbe Stunde zu warten. Inzwischen erledigt er alles, was er kann, im Krankenhaus. Schlimmstenfalls läßt er Wachtmeister Colin im Krankenhaus zurück, und er selbst werde zur Apotheke eilen. Er wird auf dem Parkplatz auf sie warten, wo er ihr die nötigsten Instruktionen vor Ort erteilen werde. Bella sollte auf keinen Fall in die Apotheke gehen, bevor sie mit ihm gesprochen hätte. Igor nickte zustimmend, mixte sich und Bella einen Drink.

Die beiden alten Damen hielten wie versteinert ihr Glas Sherry in ihren Händen. Der Kaffee dampfte völlig vergessen auf der Platte vor sich hin. Bella schenkte ihn in die Tassen ein und trug die Platte im Zimmer rum. Danach war nichts mehr zu tun, als zu warten, bis die halbe Stunde um war.


Der Nebel wurde noch dicker, als ob er das Ende des schrecklichen Schauspiels fühlen könnte. Sie konnten nur langsam vorankommen, sie konnten kaum sehen, ob sie sich noch auf der Straße befanden. Bella dachte schaudernd an die Apotheke. Plötzlich bereute sie, daß sie auf dieses Spiel eingegangen war. Aber es gab keinen Weg zurück. Der Inspektor wartete schon im Nebel auf sie, und der Mörder wartete drinnen in der Apotheke. Sie zweifelte nicht daran, daß die anderen schon nach Hause gegangen waren.

Die halbe Stunde war schon längst um, als sie am Parkplatz ankamen. Dort hat der Inspektor schnell, präzise Bella erklärt, was sie zu tun hätte. Sie nickte überzeugt.

Bella überquerte langsam den Platz. In ihrem Kopf irrten tausende Gedanken rum. Was wäre, wenn sie sich irrte? Oder sie hätte sich das alles bloß eingebildet? Eigentlich hatte ihr Täter nicht den geringsten Grund, diese entsetzlichen Morde zu begehen, und es brächte ihm noch dazu nur Nachteile ein. Warum dann? Es wäre auch möglich, daß es auf das alles, was sie gesehen hatte, eine ganz andere plausible Erklärung gebe. Sie ging von Zweifeln geplagt, schon auf jedes Geräusch zusammen zuckend, rüber. Der Schnee quietschte unter ihren Füßen. Um ihr herum brachen Zweige, waren Schritte zu hören und die Graupe rieselte leise herunter. Sie fühlte sich, als ob sie schon seit Stunden unterwegs wäre. Sie versuchte, ihr Leben zu überdenken, wie jemand, dessen Stunden schon gezählt wären. Aber es war, als ob sie alles vergessen hätte, es gab nur noch sie und den Mörder.

Sie erreichte den hinteren Hof, von wo sie beinahe gleich zurückgerannt wäre, weil sie von völliger Dunkelheit erwartet wurde, es brannte kein einziges Licht. Sie gelangte dennoch zur Tür der Waschküche. Sie faßte die Türklinke an, die Tür war schon offen. Sie war bemüht, eine natürliche Stimme aus sich herauszubringen. Sie schrie rein: "Wo seid ihr? Was soll diese Dunkelheit überhaupt?". Keine Antwort, gespenstische Stille. Sie stolperte ins Labor, von dort sah sie rauf ins Umkleidezimmer, von wo aus eine Tür ins Chemikalienlager führte. Eine Stimme sprach zu ihr runter: "Kommen Sie nur, wir sind hier oben. Es gehört sich nämlich so, daß Sie uns vor den Seelen der ermordeten den Namen ihres Mörders nennen."

"Aber warum haben Sie das Licht ausgemacht?", fragte Bella mit ahnungsloser Stimme.

"Die Sicherung ist ausgegangen, irgendein elektrischer Defekt, die Elektriker sind schon unterwegs, um den Schaden zu beheben.", kreischte die Stimme zurück.

"Es wäre mir lieber, wenn Sie aus dem Lager herunterkommen würden. Sie wissen sehr gut, daß ich mich im Chemikalienlager fürchte.", versuchte Bella zu handeln.

"Nein, es muß hier geschehen, es sind schon alle anwesend, auch Herr Hadriani. Wo sind Sie solange geblieben? Wir dachten schon, daß sie es sich anders überlegt hätten und gar nicht kommen würden."

Aus dem WC flüsterte Bella eine Stimme zu: "Gehen sie nur ruhig, Fräulein."

"Was ist? Warum kommen Sie denn nicht? Was sagen Sie da, ich kann nichts verstehen.", schrie eine grelle Stimme runter.

"Schon gut, ich komme, am Ende breche ich mir noch meinen Hals in dieser Dunkelheit.", erwiderte Bella und ging aufs Chemikalienlager über das Umkleidezimmer zu. Ich muß es durchstehen, sonst nimmt das Ganze nie ein Ende. Sie befand sich schon vor der schrecklichen Tür. Sie trat vorsichtig auf die ersten Steine des Lagers.

Ein riesiger Schlag traf ihren Kopf, sie brach zusammen, wie eine Stoffpuppe.

Im selben Augenblick schnappten Handschellen auf den Händen des Mörders, der sich wütend davon zu befreien versuchte. Er schüttelte sich wie ein tollwütiger Hund.

Die Lichter gingen an und aus den Schränken, des Chemikalienlagers krochen zwei weitere Polizisten hervor, um den tobenden Täter zu erfassen.

Im allgemeinen Wirrwarr brach Igor rein, geradeaus auf Bella zugehend, die noch immer unerklärlich neben der Türe lag. Der Inspektor bückte sich auch zum Mädchen nieder, die totbleich auf den Boden lag.

"Es ist nichts, bloß der Schrecken", wandte sich Inspektor Blatt an Igor und nahm Bella die Pelzmütze ab, unter der sie einen Sturzhelm anhatte. "Bringen Sie ihr bitte einen Cognac.", bat er.

Igor rannte schon los, um die Flasche zu holen, er goß es schon in einen Wärmebecher, aber Bella war schon zu sich gekommen. Sie sah mit Mitleid die in Handschellen liegende alte Putzfrau, Sabine Schneider an. Sie nahm den Becher von Igor und hielt es vor dem Munde der alten Frau, deren Mund fast schäumte. Sie schluckte hastig ihren Lieblingscognac runter. Sie liebte schon immer dieses Spiritus aromatites e vino genannte Getränk aus der Apotheke. Wann immer sie konnte genehmigte sie sich einen Schluck davon. Auch jetzt trank sie, dabei alles um sich vergessend, das Glas aus. Igor schenkte ihr, den Protest der Polizisten mißachtend, noch einen Becher voll ein. Danach ließ sie sich von den Polizisten abführen.

Igor staunte ihr vor Verblüffung mit fast offenen Munde nach. Erst jetzt begriff er, daß diese alte Frau eine Mörderin ist! Die hat zwei Menschen kalt gestellt und wenn es nach ihr gegangen wäre, wären es drei, besser gesagt sogar vier geworden. Daß Bella noch am Leben ist, war der Voraussicht des Inspektors zu verdanken.

Sie gingen ins Labor runter, aber irgendwie wollten sie dort die Dinge nicht besprechen. Sie gingen ins Italienische Restaurant rüber, wohin der Inspektor auch die anderen bestellte.


Sie saßen alle da von Aufregung und Neugier angeheizt. Sie hatten nicht den blassesten Schimmer davon, was sich ereignet hatte. Der Inspektor eröffnete das Gespräch, nachdem sich alle schon was bestellt haben.

"Ich hatte sie schon aus mehreren Gründen in Verdacht. Erstens: Wir haben festgestellt das ihr Alibi keinen Pfifferling wert war. Ihre Mietfrau ist eine ordinäre, versoffene Frau. Sie hat meistens keine Ahnung von der Zeit, und was sie ausgesagt hatte, hatte ihr nur Sabine Schneider eingeredet. Ihr war es egal, was sie aussagte, Hauptsache war nur, daß ihre Trinksucht dabei nicht zum Vorschein kommt. So kam für sie die alte Frau um acht Uhr nach Hause, wenn sie es ihr so gesagt hatte. Zweitens: Einer meiner Beamten hat ihre Tasche durchsucht und ist dabei auf die Schlüssel zur Apotheke gestoßen, wo es doch offenkundig war, daß sie keine Schlüssel dafür hatte. Drittens: Als wir die Beobachtung der Apotheke verordneten, hat unser Wachposten festgestellt, daß sie sich in die Apotheke einschlich und nicht wieder herausgekommen war. Die Nacht hatte sie drinnen verbracht und sie kam erst am Morgen eine viertel Stunde vor der Eröffnung der Apotheke wieder heraus. Das hatte noch nichts zu beweisen. Sie übernachtete lieber hier, als betrunken im Nebel nach Hause zu gehen. Leider war das Wetter nicht auf unserer Seite. In diesem Nebel konnte sich jeder unbemerkt in die Apotheke schleichen. Unsere Gebirgsstadt kann unheimlich dichten Nebel produzieren. Viertens: Es war offensichtlich, daß Herr Hadrianis Erpressung durch Daniel nur was mit seiner Vergangenheit zu tun haben konnte, und die kannte nur die alte Frau, als älteste Mitarbeiterin der Apotheke. Wir waren unsicher, weil wir bei ihr kein Motiv finden konnten. Sie mochte noch dazu Edith Weber und zu Daniel Goldmann hatte sie auch kein schlechtes Verhältnis, zwar erschien es den anderen so, daß sie in letzter Zeit böse auf ihn wäre. Herrn Hadriani hat sie regelrecht vergöttert nach Ihren Aussagen. Trotzdem erschien sie uns in letzter Zeit am verdächtigsten neben Robert Battison."

"Sie haben uns noch nicht erzählt, wie sie auf die alte Sabine gekommen sind!", wandte sich der Inspektor an Bella.

"Das war ziemlich einfach. Als sie zum Verhör ins Büro ging, schloß sie die Tür mit derselben blutleeren, blassen Hand zu wie damals, als sie mich und Robert so sehr erschreckte. Wie dumm wir damals waren! Sie ging einfach vor uns im Kreise herum, blieb in der Küche stehen und schloß sich dann uns im Labor an. Edith mußte sie gesehen haben! Sie befand sich ja in der Küche. Aber sie sagte kein Wort, um ihre Freundin nicht zu verraten.", antwortete Bella dem Inspektor.

"Aber Fräulein Borgmann, das beweist noch gar nicht, daß die alte Sabine die Mörderin ist, sie ist einfach zurückgegangen, um etwas zu holen. Wahrscheinlich ist sie von Ihrem Geschrei erschrocken und hat sich nicht getraut, etwas zu sagen. Vielleicht wollte sie noch einen Schluck vom Cognac trinken, bevor sie in die Kälte hinaus mußte. Es könnte auch sein, daß sie einen Marmormischer mitgehen lassen wollte, um Sie damit nachher zu Tode zu erschrecken. Edith mußte auch von dem was wissen, man sah sie später nämlich zusammen in die Bar gehen. Sofern sie sich im Nebel nicht nur was eingebildet haben.", meinte der Inspektor.

"Von der Hand fühlte ich schon damals, daß sie die Hände des Mörders waren. Außerdem muß ich auf meinen Traum in der Nacht zurückkommen, der sie so sehr verärgert. Als ich dort sitzend die Hand der alten Sabine sah, viel mir das fehlende Puzzle aus meinem Traum ein, das ich nie wieder vergessen werde. Ich ging barfüßig und pitschnaß die Treppen hinauf in den Umkleideraum, der Nebel kroch durchs offene Fenster rein. Die Tür des Chemikalienlagers war offen, ich ging zu Tode erschrocken dorthin, wo der Schrecken wartete. Ich machte die Tür auf, und sehe dort Edith, ihre roten Haare waren von Blut bedeckt, neben ihr kniete Robert Battison, seine Zähne zitterten vor Angst und er wusch mit einem Lappen das ausströmende Blut auf. Hinter ihm stand eine unheimliche Gestalt, ihn mit einem blutigen Marmormischer bedrohend. Und diese Gestalt war Sabine Schneider! Seitdem es mir wieder einfiel, wußte ich, daß sie die Mörderin wäre. Mich interessiert ihre Meinung über meinen Traum nicht. Ich sehe an ihren Augen, daß sie es bezweifeln. Ich kann nichts dafür, daß ich das geträumt habe, das ist eine Tatsache. Außerdem ist das nicht wahr, was Elisa über mich gesagt hat, daß ich Dinge öfters im Voraus sehen kann. Das wäre auch zu schön! Damit würde ich bestimmt mehr Geld verdienen.", sagte Bella. Sie war wütend auf sich selbst und auf den Inspektor.

Die anderen starrten sie wie versteinert an, erst jetzt schienen sie zu begreifen, daß der Mörder endlich dingfest gemacht wurde! Man konnte ihnen ansehen, daß ihnen Sabine Schneider als Täterin unglaubhaft erschien.

Warum hätte es die alte Putzfrau getan haben sollen? Fragten sie sich alle. Ute Weißmann dämmerte ein schon längst vergessener Vorfall, der sich in der Küche abgespielt hatte. Der Chef hielt Sabine Schneiders Hand zärtlich tätschelnd fest.

"Was ist aus Ihnen geworden Sabine Schneider? Warum vernachlässigen Sie sich? Sie sind ja noch gar nicht alt. Sie könnten Ihre Haare in Ordnung bringen lassen und schon würden sie zehn Jahre jünger aussehen.", sagte er zu ihr.

"Mit mir ist es schon vorbei, aber es macht mir nichts aus. Ich habe mein Leben vergeudet, mir reicht es schon, wenn es Ihnen gut geht."

Mehr konnte sie nicht von diesem sonderbaren Gespräch hören, weil Agatha ins Labor kam, und sie es in der Küche bemerkt haben.

Elisa öffnete ihren Mund um eine Frage zu stellen, aber sie kam nicht zu Wort.


Wachtmeister Colin erschien in der Tür. Er hatte schon alles draußen von den Polizisten vor der Apotheke erfahren, so brauchten sie ihm nicht alles zu erzählen. Er sah dienstbereit seinen Chef an.

"Eine Erpressung ist immer eine schmutzige Sache", begann er schwerfällig, "Herr Hadriani ist zu sich gekommen, und er hat alles erzählt. Er erklärte, daß er keine Geheimnisse mehr in seinem Leben haben wolle, die zu solch einem Unheil führen können. Das ganze liegt schon fast dreißig Jahre zurück. Er war noch ein junger Mann, gerade nach seinem Diplomabschluß. An einem Abend begegnete er einer wunderhübschen Frau, die die Partnerin eines englischen Chemiefabrikanten war. Er verliebte sich unsterblich in diese Frau, mit der er sich dann heimlich traf, und es hatte den Anschein, daß diese seine Liebe erwiderte. Wie sich später herausstellte, war der Fabrikbesitzer nicht ihr Mann, sondern nur ihr Freund, der sie an diesen Abend mitnahm und als seine Frau ausgab, weil diese in England geblieben war. Letztlich kannte man hier ihn und seine Frau nicht. Für sie war es aufregend, als Gattin an einem exklusiven Abend aufzutreten. Aber damals wußte Herr Hadriani das alles noch nicht, sonst hätte er sie sofort zur Frau genommen, so verliebt war er in sie. Am Ende fuhr der Fabrikant nach England zurück und nahm die Dame mit sich. Herr Hadriani ist vor Kummer beinahe umgekommen, er beschäftigte sich mit nichts mehr, als mit seiner Arbeit. Er hatte nach vielen Versuchen eine neues Verfahren entwickelt, das ich nicht ganz verstanden habe. Jedenfalls hat er dafür ein Haufen Geld bekommen, wovon er sich dann eine Apotheke gekauft hat. An einem Tag erschien die Frau, die ihn verlassen hatte, wieder bei ihm und brachte ein Mädchen mit sich, sie hieß Agnes. Sie mußte damals ungefähr zwei Jahre alt gewesen sein. Sie sagte, es wäre ihr gemeinsames Kind. Die Frau des Fabrikanten war gestorben und nun wollte er sie zur Frau nehmen, aber von dem Kind hatte er keine Ahnung. Sie hatte keine Lust, aufs reiche Leben zu verzichten. Sie ließ das kleine Mädchen bei ihrem Vater zurück. Herr Hadriani konnte immer noch kaum über diese schicksalsentscheidenden Sekunden sprechen. Auf jeden Fall hatte er das Kind auf seinen Namen angenommen. Er verkaufte seine Apotheke in der Stadt und zog hierher. Hier hatte er allen erzählt, daß die Mutter seines Kindes bei der Geburt gestorben wäre und daß er sie alleine erzogen hätte. Das Kind gab ihm seine Lebensfreude wieder zurück und zum Glück war sie ihm und nicht ihrer Mutter ähnlich, wofür er sich beim Himmel bedankte. Später begegneten sie einer anderen Frau, mit der sie sich hervorragend verstehen. Alles kam ins Lot, es hätte nichts mehr in seinem Leben gefehlt, als dann plötzlich unerwartet die Mutter seines Kindes völlig heruntergekommen auftauchte. Aber Agnes war schon ein großes Kind und ihre Mutter traute sich nicht, ihr die Wahrheit zu erzählen. Später erschien es gänzlich unmöglich, die Geschichte zu erzählen. Da sie unbedingt in der Nähe ihres Kindes bleiben wollte, engagierte er sie als Putzfrau in seiner Apotheke. Die Liebe, die er für sie empfand, war schon längst verflogen. Was blieb, war nur Mitleid für sie. Außerdem war sie wesentlich älter als Herr Hadriani. Das ist gewiß nicht von Vorteil.", fügte Wachtmeister Colin weise dazu, den diese rührende Geschichte sichtlich überwältigte, "Danach lebten sie so in Frieden weiter. Von der ehemaligen Schönheit ist fast gar nichts mehr geblieben. Herr Hadriani mußte sich schon anstrengen, wenn er ihr früheres Gesicht in sich wachrufen wollte. Es war auch kein Wunder, es waren schon dreißig Jahre seitdem vergangen! Irgendwie kam die alte Putzfrau, die mit dieser bescheidenen Rolle zufrieden war, menschlich nahe zu Herr Hadriani. Sie hätte schon längst nicht mehr zur Arbeit kommen müssen, aber sie bestand darauf. Was hätte sie sonst den ganzen Tag über gemacht? Die Apotheke war ihr zu Hause. So konnte sie ihr Kind und dessen Vater sehen. Sie wußte schon sehr gut, daß sie als Frau nichts mehr zählte. Aber sie sah weise ein, daß sie das auch nicht erwarten konnte, nachdem was sie alles getan hatte. Und außerdem war der Altersunterschied zu hoch. In diesen Frieden brach Daniel Goldmann ein, dem die alte Putzfrau an einem Winterabend nach ein paar Gläsern Cognac erzählt hatte, daß sie die Mutter von Agnes sei. Sie prahlte damit, weil sie es schon so gerne jemandem sagen wollte. An diesem Abend blieben sie zu zweit in der Apotheke, er hatte den Vorrat an Medikamenten überprüft. Diese Arbeit machte Abends er gerne in Ruhe. Sie beide kamen sowieso gut aus. Daniel liebte auch den Cognac der Apotheke. Natürlich hatte er dafür auch bezahlt, denn wie wir bereits wissen, hatte er Geld wie Heu. Er hatte es nicht nötig, gestohlenen Cognac zu trinken. An solchen Abenden blieb Frau Sabine da und sie tranken gemeinsam. Irgendwie kam ihr Gespräch auf Agnes Hadrianis Schönheit, die zwar ihrem Vater ähnelte, obwohl er keine Männerschönheit war, wie wir wissen", sagte Wachtmeister Colin zufrieden darüber, daß außer ihm andere auch nicht schön sind, "Ist seine Tochter eine Schönheit geworden. Einmal ist die alte Frau in Tränen ausgebrochen und erzählte Daniel, daß sie ihre Tochter sei. Zuerst hatte er an ihren Worten gezweifelt, aber am Ende hatte er diese sonderbare Geschichte doch geglaubt, da die Alte das alles wohl unmöglich nur aus ihren Fingern saugen konnte.

Am nächsten Tag hat er Herr Hadriani danach gefragt, der die Richtigkeit der Geschichte bestätigte, aber er bat Daniel um sein Wort, daß er es niemandem erzählen werde, damit Agnes es nicht erfahren könne. Es wäre auch alles bei dem geblieben, wenn Daniel Goldmann kein hinterhältiger Schurke gewesen wäre sondern ein Gentleman. Diese Teufelsgestalt hatte sich schon lange nach Agnes Hadrianis Hand gesehnt. Er wußte, daß das Mädchen ihn nicht liebte, aber das war ihm egal. Er wünschte sie sich so sehr, daß er fast von Sinnen war. Anders wäre es wohl kaum zu erklären, daß er sie vergewaltigen wollte, als er seinen Chef zu Hause aufsuchte, aber Agnes alleine fand. Die Haushälterin hatte sie gerettet, als sie auch gerade zu Hause ankam und klingelte. Agnes rannte in ihr Zimmer und Daniel sauste, ohne sich zu verabschieden, davon. So hatte die Frau bloß geglaubt, daß sie sich nur gestritten haben.

Am nächsten Tag hat das Mädchen alles ihrem Vater erzählt und bat ihn, Daniel sofort zu feuern. Er ekelte sie sowieso an. Sie konnte seinen Anblick nicht einmal ertragen und seine begierigen Augen trieben sie fast zum Wahnsinn.

Herr Hadriani bekam einen schrecklichen Wutanfall und rannte sofort in die Apotheke. Aber Daniel konnte er dort nicht finden, man wußte nicht, wo er war. In seiner Wohnung meldete er sich auch nicht. Drei Tage später kam er morgens wie gewohnt in die Apotheke, als ob nichts geschehen wäre. Der Chef ließ ihn in sein Büro rufen und verlangte nach einer Erklärung für sein unmögliches Verhalten. Daraufhin warf er sich auf seine Knie, was Herrn Hadriani ziemlich unangenehm war. Was würde er bloß machen, wenn eine seiner Angestellten in diesem Augenblick durch die Tür hereinplatzen würde. Daniel erklärte ihm, daß er unsterblich in seine Tochter verliebt wäre und daß er sie zur Frau nehmen wollte. Herr Hadriani erläuterte ihm, daß seine Tochter ihn nicht liebte und daß somit eine Hochzeit gar nicht erst in Frage kommen könnte. Daraufhin erzählte Daniel, daß er vor kurzer Zeit ein großes Vermögen geerbt hatte und damit Agnes ein wunderschönes Leben zusichern könnte. Der Chef antwortete bemitleidend, daß man mit Geld viele Dinge kaufen könnte, aber nicht die Liebe. Er kündigte ihm fristlos. Das fiel ihm nun leichter, da für Daniel der Arbeitsplatz ja nicht von Bedeutung wäre, wenn er ein Vermögen hätte. Daraufhin stellte Daniel Goldmann seinem Chef ein gemeines Ultimatum. Er drohte ihm damit, daß er Agnes erzählen würde, wer ihre Mutter wäre. Herr Hadriani wurde stumm vor Empörung. Aber er änderte seinen Entschluß nicht, er suchte nur nach einem Ausweg. Er bat den miesen Daniel um eine Bedenkzeit. Er nahm Agnes sofort mit sich in die Berge, Ski zu fahren, weil er unbedingt vermeiden wollte, daß sie die Wahrheit von jemand anderem erführe. Er war an dem Tag, an dem Daniel ermordet wurde, mit Daniel verabredet. Er hatte Sabine Schneider gegenüber auch ihr Treffen erwähnt. Die alte Frau war außer sich vor Wut, als sie erfuhr, worauf sich Daniel vorbereitet hatte. Herr Hadriani sah keinen anderen Ausweg, als seiner Tochter die Wahrheit zu erzählen. Die alte Frau war damit nicht einverstanden. Sie würde das schon mit Daniel regeln, sagte sie. Aber Herr Hadriani konnte sich keine andere Lösung vorstellen. Einen Mord hätte er sich nicht mal träumen lassen. Seiner Meinung nach hatte die alte Sabine auch nicht daran gedacht.

An diesen ominösen Abend hatte er sich verspätet, weil, wie wir wissen, die Straßen wegen des Nebels unsicher waren. Er ging über den Hintereingang in die Apotheke. Die Stille war ihm schon ziemlich verdächtig. Er sah sich unten schon ein Unheil vorahnend um, aber er konnte Daniel und Sabine Schneider nicht finden. Er ging ins Damen Umkleidezimmer, und von dort aus sah er schon die geöffnete Tür des Chemikalienlagers. Er schaute rein und wir wissen schon alle zu gut, was er dort gesehen hatte. Daniel lag mit einem zertrümmerten Schädel unter dem Tisch. Völlig außer sich vom schockierenden Anblick taumelte er ins Umkleidezimmer zurück und setzte sich hin. Er weiß nicht mehr, wie lange er dort gesessen hatte, sein Zeitgefühl hatte er völlig verloren. Er rief nach Sabine Schneider, aber es war vergeblich.

Später hatte sie ihm erzählt, daß sie sofort nach Hause gegangen war, nachdem sie Daniel niedergeschlagen hatte. Sie war sich sicher, daß Herr Hadriani wütend auf sie sein würde und mit ihr streiten würde. Aber Daniel Goldmann hatte diesen schrecklichen Tod verdient. Er hatte jedem gerade ins Gesicht gelacht, wer ihn um Hilfe gebeten hatte. Die alte Frau hatte mitgehört, wie Robert Battison ihn bat, irgend etwas dem Chef nicht zu erzählen, weil er sonst seine Stellung verlieren würde. Nachdem Battison gegangen war, hatte sie ihn auch angefleht, Agnes nicht zu erzählen, was sie ihm ihrer Betrunkenheit ausschwatzte. Das hatte er ihr ja schon damals versprochen. Aber sein Versprechen war nichts wert. Darüber hatte dieser elende Typ auch bloß gelacht, dabei hatte er sich auch noch über die Liebe zwischen ihr und Herrn Hadriani lustig gemacht. Er fand es sehr lustig, daß einst die beiden - hm - ein gutes Verhältnis zueinander hatten", räusperte sich Wachtmeister Colin seinen Hals. Er schluckte aus dem Glas Wasser, daß sich ein im Dienst befindender Polizist erlauben darf, aber ein Glas Bier wäre ihm lieber gewesen. "Ich muß zugeben, daß ich es auch für sonderbar finde, aber so sah es vor dreißig Jahren bestimmt nicht aus. Nun, Daniel hatte immer mehr lachen müssen, er war auch schon ziemlich voll mit Cognac. Die alte Sabine hatte auch schon bemerkt, was der Patient, der die Morphiumkapseln abholen wollte, dazu sagen würde.

'Wen kümmert das schon. Ich bin ja auch nicht deswegen hiergeblieben, sondern damit wir uns zu dritt einigen. Die Eltern und der Verliebte', und er fiel schon fast vor Lachen um, das der alten Frau langsam auf die Nerven ging. Daß Agnes ihn nicht leiden konnte, genauer gesagt, sich vor ihm ekelte, interessierte Daniel Goldmann nicht. Er betrachtete es als die Aufgabe der Alten, sie zu überreden. Nach einer Weile wurde er ärgerlich, weil Herr Hadriani immer noch nicht angekommen war, und er hatte noch einiges zu erledigen. Er ging schon rauf ins Chemikalienlager, um die Vorräte zu überprüfen. Die alte Sabine nahm den Jenaer, aus dem Daniel getrunken hatte, schank es voll mit Cognac und schluckte es langsam runter. Danach legte sie die Flasche an ihren Platz zurück, wusch den Becher ab, trocknete es gründlich und legte ihn auch auf seinen Platz. Sie nahm aus dem Schrank überlegt einen riesigen Marmormischer und ging ins Lager rauf. Daniel hat immer noch gegrinst, er war halt einfach betrunken. Ein Gewicht, ein Centigramm rutschte ihm aus der Hand, wie es Herr Hadriani sagte, wonach er auf dem Boden suchte. Die alte Putzfrau fragte ihn noch einmal:

'Na, hast Du es Dir nicht doch anders überlegt?'

'Nein, Du dumme Hexe, ich habe es mir nicht anders überlegt. Du solltest Dich lieber damit beschäftigen, wie Du Deine Tochter dazu bringen wirst, mich zu heiraten. Schließlich warst Du ja in ihrem Alter auch nicht besonders wählerisch. Nun, sie sollte auch nicht so hochnäsig sein, die Tochter einer Ausgehaltenen', antwortete er. Daraufhin schlug Sabine Schneider mit voller Kraft auf seinen Schädel ein. Es war nur ein einziger Schlag, Daniel brach zusammen wie ein geschlachtetes Lamm. Es war aus mit ihm, man sah es ihm gleich an. Danach fiel die alte Putzfrau in einen Rausch, denn sie konnte sich danach an nichts mehr erinnern. Wahrscheinlich hatte sie den Marmormischer und die Schürze im Keller versteckt. Sie hatte sich dann umgezogen und war nach Hause gegangen. Das Licht hatte sie angelassen, hatte nicht einmal abgeschlossen, sie war einfach nur fortgegangen. Zu Hause war ihre Quartiergeberin wieder einmal blau und wußte somit nicht, wie spät es war. Als sie Sabine nach der Zeit fragte, antwortete sie völlig zerstreut mit acht Uhr. Gewöhnlich kam sie um diese Zeit an. Dies erwies sich später für sie als äußerst nützlich für ihr Alibi. Herr Hadriani versuchte, sie telefonisch zu erreichen, aber sie hob den Hörer nicht ab. Sie saß bis morgens nur so da, vor sich hinstarrend. Sie bereute ihre Tat keineswegs, aber sie wußte, daß Herr Hadriani ihre Tat nicht gutheißen würde. Einen anderen Ausweg sah sie jedoch auch später nicht. Daß Agnes die Wahrheit erfahren würde, hätte sie nicht ertragen können. Ihre Tochter hatte sie so wenigstens einigermaßen gemocht, aber sonst hätte sie sie bestimmt verachtet, vor allem weil sie Agnes verlassen hatte. Nun konnte sie nicht mehr verstehen, wie sie sie damals verlassen konnte. Der Chemiefabrikant hatte sie ohne Bedenken verlassen, als er sie schon satt hatte. Danach gab es kein Anhalten mehr für sie, sie sank immer tiefer. Als sie alt wurde, alles ausgegeben hatte und nichts mehr hatte, fiel ihr ihre Tochter und Herr Hadriani ein. Sie kam hierher, um sie noch einmal zu sehen, bevor sie sich ein Ende setzt. Sie war zu allem entschlossen. Herr Hadriani war sehr lieb zu ihr, er bot ihr Geld an und erlaubte ihr, in der Nähe zu wohnen. Sie war, damit einverstanden mit der einen Bedingung, daß er ihr Arbeit verschaffen müßte. So wurde sie Putzfrau und Herr Hadriani meinte, daß sie auf ihre Art glücklich war, Sie trank zwar, aber das konnte sie sich nicht mehr abgewöhnen. Wenn Daniel Goldmann ihr Geheimnis nicht erfahren hätte, dann hätte sie bis an ihr Lebensende in Frieden weiterleben können. Aber es kam nicht so. Hadriani rief sie in der Apotheke am Tag darauf an, zu seinem Unglück hob Edith Weber den Hörer ab, die seine Stimme erkannte. Herr Hadriani hielt sich wie in einem schlechten Kriminalfilm ein Tuch vor seinen Mund und hoffte so, daß man seine Stimme nicht erkennen würde. Edith Weber erzählte ihm mit einschmeichelnder Stimme, was geschehen war, was Herr Hadriani ohnehin schon bestens wußte. Danach bat er sie, den anderen gegenüber ihr Telefongespräch nicht zu erwähnen, er würde ihr schon später den Grund dafür erklären. Aber er bat sie, Sabine Schneider ans Telephon zu rufen. Edith Weber tat dies auch, danach belauschte sie ihr Gespräch und kam zu der Folgerung, daß Herr Hadriani der Täter wäre und Daniel Goldmann aus einem unbekannten Grund beseitigte. Später rief Edith Herrn Hadriani irgendwo zurück, welches Gespräch Elisa Zeiß hören konnte. Aber die alte Putzfrau erfuhr nicht daher, daß ihre Freundin Herrn Hadriani erpressen wollte, sondern dadurch daß sie am Abend in der Bar betrunken alle möglichen Pläne schmiedete. Am Ende träumte sie schon von einer eigenen Apotheke, die ihr Herr Hadriani geben würde.

Die alte Frau ahnte, daß Edith die Rolle von Daniel übernommen hatte. Sie würde Herrn Hadriani solange bedrängen, bis dieser wieder zur Auffassung gelangen würde, daß er alles Agnes und der Polizei erzählen müßte. Dem Erpresser würde er nichts erzählen, schließlich hatte er ja nichts begangen, wofür er sich schämen müßte. Aber all das wäre noch gar nicht so gefährlich, wenn Edith Weber bloß nicht eine so versoffene Frau gewesen wäre. Wenn sie es nicht gewesen wäre, hätte ihr Sabine Schneider die Wahrheit erzählt. Sie hätte sie um ihr Schweigen gebeten. So hatte sie sich nach dem dritten Glas dazu entschlossen, sie los zu werden. Sie war wütend auf Herrn Hadriani wegen seines Anrufs vom Morgen und auf Edith Weber, weil sie gelauscht hatte. Und auch noch auf Bella Borgmann, die so ein Theater gemacht hat, als sie noch einen Schluck heimlich trinken wollte. Sie hatte ihr nicht gesagt, daß es ihre schreckliche, blutlose Hand war, weil sie nicht hätte erklären können, warum sie zurückgegangen war. Edith wußte selbstverständlich, daß sie es war, aber sie schwieg. Es war wirklich allzu einfach, sie zurückzulocken. Sie sagte ihr, daß sie ein Treffen mit dem Chef in der Apotheke hätte und daß sie doch mitkommen sollte, um mit dem Chef über ihr Schweigegeld zu verhandeln. Das war noch dazu die Wahrheit, weil sie sich mit Herrn Hadriani treffen mußte, um ihr Verhalten abzustimmen. Über die Hintertür könnten sie unbemerkt ins Chemikalienlager gelangen. Sie bat Edith dazu, sich nicht mit einer Erpressung zu beschmutzen. Sie würde nie mehr mit ihr sprechen, wenn sie sowas machen würde. 'Überleg es dir gut', versuchte sie, ihre Freundin zum Verstand zu bringen. Sie flehte sie auch noch an, das Ganze zum Teufel nochmal zu lassen. Aber Edith hörte nicht auf sie. Es wäre die einzige Chance für sie, zu Geld zu gelangen. Eine eigene Apotheke! Wie könnte das auch schon eine Putzfrau verstehen, die ihr ganzes Leben über den Schmutz der anderen säuberte. Danach hatte sie die Putzfrau mit vulgären Worten beleidigt. Sie war öfters unausstehlich, sie kannte sie schon von dieser Seite nur zu gut. Jetzt tat es ihr nicht leid, es erleichterte ihren Entschluß umso mehr. Sie bat sie darum, eine Stunde vorher Herr Hadriani aufzusuchen und ihm mitzuteilen, Geld mit sich zu bringen. Edith machte sich über sie lustig wegen ihres Verhältnisses zum Chef. Sie ahnte was von den alten Sachen, obwohl sich die alte Sabine nicht daran erinnern konnte, ihr gegenüber etwas ausgequatscht zu haben, wie es bei Daniel der Fall war. Sie verabredeten sich in einer Stunde an einem Ort unweit von der Bar. Sie ging aus der Bar nach Hause, um sich ein Alibi zu verschaffen. Später verließ sie ihre Wohnung über das Fenster und gelangte so auf den Rundgang. Im Nebel schlich sie sich zu ihrem Treffpunkt zurück. Edith hatte sich verspätet, sie konnte nicht sagen um wieviel, weil sie auch betrunken war. Sie schlichen sich heimlich vom Hause aus ins Chemikalienlager. Die Alte ließ das Fenster offen, daß hatte sie schon früher öfters gemacht, in der Zeit als sie sich noch keinen Schlüssel zur Apotheke hatte machen lassen. Sie kam öfters zurück und übernachtete hier. Über den Rundgang gelangten sie mit Leichtigkeit in die Apotheke. Auf der Seite waren die über Nacht leeren Bürogebäude, von dort aus konnte sie keiner bemerken. Die Polizei hatte höchstens die Tür beobachten lassen, und die haben auch nichts sehen können. Die sind ja schließlich auch nur Menschen, ab und zu tranken sie einen heißen Tee oder sie machten ein paar Schritte ums Gebäude herum. Die alte Sabine war kein Risiko eingegangen, sie gingen lieber so in die Apotheke als mit dem Schlüssel über die Vordertür. Licht hatten sie nicht angemacht, sie hätten es auch nicht können, weil sie vorm Schließen der Apotheke, den Strom abgeschaltet hatten. Sie setzte Edith neben den Tisch mit dem Vorwand, daß sie den Cognac brächte. Sie ging runter ins Labor, wo die vielen Marmormischer waren. Edith war inzwischen eingeschlafen, so konnte Sabine sie ohne Probleme erledigen. Wir haben es schon von Anfang an vermutet, daß der Schlag sie im Sitzen traf, deswegen fiel sie so seltsam zu Boden. Danach hatte sie die Corpus delicti, wie schon das vorherige Mal, in den Keller hinuntergetragen, so daß sie sie am Morgen im Heizkessel verbrennen könne und den Marmormischer mit Säure abätzen könne. Am Morgen blieb ihr dann aber keine Zeit dazu, weil Sie, Fräulein Borgmann, das Opfer schneller entdeckten, als sie es erwartet hatte. Sie dachte, daß sie auch diesmal soviel Zeit haben werde wie bei Daniel. Während wir die Schränke oben durchsuchten, hatte sie irgendwie den blutigen Kittel, den Marmormischer und auch noch den Erpresserbrief, den Daniel an dem Abend geschrieben hatte und mit der Post absenden wollte, weil er befürchtet hatte, daß Herr Hadriani nicht mehr erscheinen würde, ihn mit einem Lappen bedeckten Eimer nach oben geschmuggelt. Diesen Brief hatte die alte Frau nicht verbrannt, weil sie es noch Herrn Hadriani zeigen wollte. Das alles hatte sie dann in Igors Schrank gelegt. Sie wollte sich auf keinen Fall selbst in Verdacht bringen, sie hätte sich nicht träumen lassen, daß die Schränke nochmals durchsucht würden. Sie wartete dann auf einen günstigen Augenblick, an dem sie alles hätte verschwinden lassen können, wie das letzte Mal. Sie tat es nicht in einen Schrank im Damen Umkleidezimmer, weil Frauen immer auf die Idee kommen können, ihren Schrank umzuräumen. Igor selbst hätte wohl kaum bemerkt, daß irgend etwas in einem Winkel seines Schrankes liegen würde. Herr Hadriani behauptet, daß es sie nicht interessiert hat, daß sie sich in Schwierigkeiten brachte. Sie könnten auch eine Abkühlung vertragen, antwortete sie auf die Vorwürfe ihres Chefs."

Igor wollte zornig dazwischen reden, aber der Wachtmeister winkte ihn ab.

"Ich fahre fort, weil ich sonst nie ans Ende kommen würde. Herr Hadriani war auch sehr erschöpft, als er endlich ans Ende seiner langen Geschichte langte. Zum Glück geht es ihm jetzt besser, vielleicht wird er es doch überstehen, was ich sehr wünsche, vor allem wegen seiner Tochter. Das arme Mädchen. Es wird nicht leicht für sie sein, es zu verdauen, daß ihre Mutter Sabine Schneider ist. Nach dem zweiten Mord ist die Alte völlig durchgedreht. Sie haben auch wahrnehmen können, daß sie mal geweint, mal getobt hatte. Ediths Tod tat ihr sehr Leid, sie hatte schreckliche Gewissensbisse, nachts hatte sie deswegen öfters Visionen. Sie hatte die Tote in ihrer Wohnung liegen sehen. Sie schrie mehrmals in der Nacht auf, weswegen ihre Quartiergeberin schon richtig Angst vor ihr bekam, darum hatte sie uns auch eingestanden, daß sie keine Ahnung davon hatte, wann ihre Mieterin an den fraglichen Abenden nach Hause gekommen war. Außerdem hatte sie nur das ausgesagt, was ihr Sabine Schneider gesagt hatte. Ihre Verwandten mahnten sie, daß sie am Ende Ärger kriegen werde wegen ihrer falschen Zeugenaussage... Herr Hadriani sah auch mit Entsetzen, wie ihr Wahnsinn immer schlimmer wurde. Er bat sie vergeblich darum, daß sie zur Polizei gehen sollten und sie sich behandeln lassen sollte. Sie fürchtete sich vor dem Gefängnis. Da wäre ihr der Tod noch lieber, sagte sie.

Darum gelang Herr Hadriani zu dem Entschluß, ins Ausland zu ziehen, und dort in ihrer neuen Heimat wollte er sie behandeln lassen. Als er schon alles zur Abreise arrangiert hatte, verabredete er sich mit ihr in der Apotheke, weil man sie nicht mehr beobachtete. Dort war es am sichersten. Wer hätte ihn schon dort vermutet. Außerdem wollte er dort noch einiges vor seiner Abreise erledigen. Die Leitung der Apotheke wollte er schriftlich Sylvia Marsch anvertrauen. Darüber und über noch verschiedene Angelegenheiten wollte er noch verfügen.

Als er in der Apotheke ankam, hatte ihn schon die alte Frau erwartet. Auf die Frage, wo ihr Gepäck wäre, antwortete sie, daß sie oben im Chemikalienlager wären, weil sie dort durchs Fenster eingestiegen wäre. Herr Hadriani war ihr deswegen immer böse, weil ein Einbrecher so auch leicht in die Apotheke gelangen könnte. Sie gingen rauf ins Lager, um das Gepäck runterzuholen und das Fenster zuschließen. Zuletzt fand er hier Ediths Leiche, so lief es Herrn Hadriani kalt über den Rücken bei dem Gedanken, daß er alleine mit dieser verrückten Frau war. Sie fragte ihn noch einmal: 'Wollen sie wirklich alles Agnes erzählen?' 'Ich dachte, wir hätten dieses Kapitel schon abgeschlossen', erwiderte Herr Hadriani, der diese Debatte nicht wieder beginnen wollte, 'Können sie denn nicht verstehen, daß Agnes so mehr leiden muß als mit der Wahrheit?'

'Nein! Muß sie denn erfahren, daß ihre Mutter sie verlassen hat? Muß sie auch noch erfahren, daß sie eine erbärmliche Ausgehaltene war? Und jetzt auch noch, daß sie eine Mörderin ist? Das könnte niemand ertragen, vor allem nicht Agnes, die ja so sensibel ist!', schrie die alte Frau im Dunkeln, weil sie kein Licht angemacht hatten.

'Wo ist das Gepäck?', fragte Hadriani erneut müde.

'Unter dem Tisch', antwortete Sabine Schneider. Als er sich gebückt hatte, schlug sie mit dem Marmormischer auf ihn nieder'."

"Diese unglückliche alte Frau!", sprach unerwartet Inspektor Blatt aus. "Es war alles umsonst! Ihre Tochter muß auch so erfahren, daß ihre Mutter eine Mörderin ist und wahrscheinlich auch eine Wahnsinnige."


Die anderen saßen alle stumm mit gesenktem Kopf da. Sie wurden alle traurig, als sie an die alte Sabine dachten. Damit hatte keiner gerechnet. Sie dachten, daß sie endlich aufatmen werden können, wenn der Mörder hinter Schloß und Riegel stecken würde. Es wäre endlich vorbei mit der ständigen Furcht und mit den ständigen Anschuldigungen. Der Inspektor stand auf und war dabei, mit dem Wachtmeister zu gehen. Die alte Frau wird bestimmt noch nicht verhörbar sein. Der Arzt hat ihr Beruhigungsmittel gegeben. Am Ende wird sie doch in einer Nervenheilanstalt landen, aber das ist nicht mehr ihre Sache. Sie haben den Mörder unschädlich gemacht, soviel war auch nur ihre Aufgabe.


Keiner wollte mehr bleiben, sie gingen alle nach Hause, an diesem Tag nun schon zum zweiten Male. Bella lehnte sich im Autositz nach hinten und fragte ihn nachdenklich:

"Am liebsten würde ich meinen Fuß nie wieder in diese dunkle in Nebel gehüllte Apotheke setzen."

Igor fühlte auch dasselbe. Alles hier zu lassen, sie müßten nicht einmal packen!

"Wohin sollen wir gehen?", fragte er.

"Nach Süden!", antwortete Bella.