SÁNDOR RADOSZA

COMEDIA MEXICANA


Tragikomödie in zwei Aufzügen

 

VORWORT ZUM COMEDIA MEXICANA
I. AUFZUG
II. AUFZUG

 

PERSONEN:

LEO DAVIDOWITSCH TROZKIJ
RAMÓN MERCADER
NATALJA SEDOWA TROZKAJA
SYLVIA
DIE LEIBWÄCHTER TROZKIJS ALS MATROSEN UND INDIANER

SZENE UND ZEITPUNKT:

IN COYOACAN IN MEXIKO
AM 20. AUGUST 1940

 


 

Vorwort zum Comedia Mexicana

Die Frage stellt sich sofort, ob es erlaubt oder sogar möglich ist, über Leo Dawidowitsch Trozkij (dessen ursprünglicher Name Bronstein war) eine Komödie zu schreiben?

Gewiss nicht!

Ein Lustspiel könnte - dürften wir denken - seinem Leben, das für eine Tragödie ruft hohnsprechen. Das Leben des jüdischen Bronstein-Trozkijs ist nämlich ursprünglich und schicksalhaft tragisch. In seiner Heimat, in der Ukraine traf er schon in seiner Kindheit den Numerus Clausus. Er kämpfte in Illegalität und in Exil gegen den zarischen, stalinischen und hitlerschen Despotismus. Erhebung war sein Lebenselement und er lebte in einem Zeitalter wo er immer einen Grund für die Erhebung gab, so revoltierte Bronstein-Trozkij begründet und permanent.

Er mußte sein hohes Amt (er war Oberbefehlshaber der Roten Armee), seine Kinder, seine Heimat, sogar Europa verlassen. Er geißelte Stalin und dessen besten Lehrling, Hitler. Er stand im Kampf mit dem Imperium der Bösen, die ihn auch voneinander getrennt umgebracht hätten, wie das mit ihm der stalinsche getan hat. Er bombardierte die verrückte Macht mit seinen geringen Mitteln wie Briefe und Artikel permanent. Deswegen wurden seine Kinder, Schwiegersöhne und Enkelkinder gefoltert. Beide seiner Söhne wurden umgebracht, seine Töchter in den Tod getrieben, seine Freunde und Verwandten unter Verdacht gestellt und hingerichtet. Er verlor und ließ verlieren alle und schließlich sich selbst auch.

Das Leben und der Tod Bronstein-Trozkijs ist ein Symbol für das Jahrhundert. (Er nahm sogar seinen Namen von seinem ehemaligen Kerkermeister, der Trozkij hieß.) Er war der Oppositionelle des Jahrhunderts der Anarchisten, schofeler und "legaler" Terroristen, der Revolutionäre und der Lohnmörder, als er während seines strömenden Lebens das alles selber war. Als er an der Macht war, setzte er sich auch nicht der Unterwerfung anderer Völker nicht entgegen. Er protestierte lange nicht gegen die Massaker von denjenigen, die aus anderen Klassen stammten und von den Andersdenkenden, obwohl er auch zu ihnen gehörte.

Er löste Stalin nicht ab, als er das tun hätte können.

Man könnte denken, das wurde sein Verderben. Aber wenn er das hätte machen können, wäre er der zweite Stalin geworden, denn zwischen denen, die in dieselbe Richtung gehen, mag es keinen bedeutenden Unterschied geben. Illegalität war das Lebenselement von Lev Dawidowitsch Bronstein-Trozkij. Er war ein geborener Verlierer, ein permanenter Oppositioneller. Er wollte mit seinem ganzen Wesen etwas anderes. Etwas anderes als Lenin und etwas anderes als Stalin.

"Proletardiktatur, aber anders!!!" Als ewiger Verbannter, ewiger Verfolgter, ewiger Unterdrückter, aber er kämpfte jedoch fürs Schlechte, für die Diktatur.

Deswegen darf man von Lev Dawidowitsch Bronstein-Trozkij keine Tragödie schreiben. Das Comedia Mexicana handelt von den Opfern der Faschisten, der Anarchisten und anderer Terroristen. Es hat mit Trozkij nichts zu tun.

Er selbst hätte die Rollenwechsel immer gern gehabt. In Nikolajew schrieb er ein Drama mit dem Bruder seiner ersten Frau. Er wollte die Dramenbühne jedoch im Bereich der Macht einführen und nicht im Theater. Für diese Idee würde er von Ramón Mercader (mit dem Decknamen Jacques Mornard) auf den Befehl Stalins totgeschlagen.

Von Stalin wissen wir, das er seine Karriere als Postwagenräuber begann und sich zum Generalissimus vortreten ließ. Er war ein grusischer Seminarist, er lernte erst spät russisch, aber dann vernichtete die Priester, die Nichtrussen, die Russen, die Kommunisten und die Antikommunisten. Kolombus war am Anfang ein Schiffsfahrer von Genova und wurde zum Vizekönig Indiens, eines Landes, wo er nie bevor war. Er war ein Fremder in Hispanien, von wo die Fremden gerade damals vertrieben wurden. Die Macht entschuldigte es ihm jedoch, weil die "Ideologie" des neuen Weges ihr gerade gut kam. Keiner von Stalin, Trozkij und Kolombus konnte erfahren, dass sie sich eigentlich verirrten. Der Hauptinquisitor Torquemada billigte, dass der fremde Schiffsfahrer in Interesse der Verbreitung "des wahren Glaubens" bekehren (töten, plündern, Völker ausrotten) geht. Torquemada betete übrigens zu einer jüdischen Frau, (Santa) Maria, damit die Schiffsfahrt mit Erfolg gekrönt wird. Auch Hitler paktierte mit Stalin Ähnlicherweise wurde auch Hitler nicht in Deutschland geboren, er fing es als ein österreichischer Zimmermaler an und setzte die Welt als Reichsführer in Flammen.

Diese an Hand liegenden Parallelen werden nur bekanntgegeben, denn das Stück Comedia Mexicana darf nicht davon handeln! Davon und auch nicht vom Leben Trozkijs nicht, sonst würde diese coyoacanische Komödie zu einem historischen Kalendar, zu einer Biographie, Tragödie anachronisiert werden.

Sándor Radosza
1996

 

I. Aufzug

Trozkaja und Mercader beschließen, das Stück "Kolombus" von Trozkij am Vorabend seines Geburtstags, am 7. November 1940 im Comedia Mexicana aufführen zu lassen. Mercader hat es ins Spanische übersetzt und jetzt, am 20. August, während der Abwesendheit Trozkijs halten sie die Generalprobe. Der Autor hat die Komödie noch in seinen frühen Jahren geschrieben. Damals war er selbst auch unreif. Die Adaptierung Mercaders ist auch keine richtige Übertragung und die Schauspieler sind auch Amateure, das sind Trozkij, seine Frau, seine Sekretärin, ihr Geliebte und die Leibwächter Trozkijs.

Szene: Das Schiff im Arbeitszimmer Trozkijs ausgeformte Schiff Santa Maria.

STIMMEN
(Lynchstimmung) Ins Meer mit ihm! Bringt den Galgen! Hängen wir ihn auf!

TROZKAJA ALS DON CRISTÓBAL COLÓN
(tritt schreiend in die Mitte, damit er den Mord verhindert) Die Erde ist rund!!!

ALLE
(nicht auf einmal) Die Erde ist rund, Don Cristóbal!

MERCADOR ALS BRONSTEIN
Meine Güte! Was ist hier los?

TROZKAJA
Ich lasse keiner Ordnungsstörung zu!

ALLE
(auf einmal) Die Erde ist rund, Don Cristóbal!

TROZKAJA
Auch an einem solchen Festtag nicht, wie der heutige ist!

ALLE
(denken nach, was für ein Festtag das sein mag)

SYLVIA
Verzeihen Sie, Don Cristóbal, was für ein Festtag ist es heute?

TROZKAJA
Am 29. Oktober 1492 haben wir den letzten Fremden an unserem Schiff ertappt. Diesen Tag erkläre ich für den Tag der Wachsamkeit.

ALLE
Die Erde ist rund, don Cristóbal!

SYLVIA
Don Cristóbal!

TROZKAJA
(sie würde gehen, bleibt aber stehen) Was wünschen Sie, señor Alvarez?

SYLVIA
Im Namen des Schiffsrates möchte ich mich informieren, für wann Sie die Gerichtsverhandlung von (sie schaut Mercader an) Bronstein aussetzen?

TROZKAJA
(sieht sich um, wartet) Nach dem Mittagessen, señor Alvarez.

Stille

ALLE
Mi-mi-mittagessen?! Nach Mittagessen? Mittagessen!! (Hüte, Pfeifen fliegen nach oben)

TROZKAJA
Ja, señor Alvarez, wir feiern heute.

SYLVIA
Die Erde ist rund, Don Cristóbal!

TROZKAJA
Polenta für alle! (Die anderen freuen sich)

TROZKAJA
Mit zwei Tellern!

SYLVIA
Die Erde ist rund, Don Cristóbal!

TROZKAJA
Bevor Wein für alle! (Jubeln) Señor Bronstein!

MERCADER
Die Erde ist rund, Don Cristóbal!

TROZKAJA
Ich bitte Sie, das Schiff nicht zu verlassen, bis der Schiffsrat in ihrer Sache kein Urteil gebracht hat.

MERCADER
(schaut sich um, es gibt Meer überall) Die Erde ist rund, Don Cristóbal!

TROZKAJA
(würde gehen, bleibt aber stehen) Übrigens, bis Sie unter Verdacht stehen, dürfen Sie unsere Losungen nicht gebrauchen!

MERCADER
Die Erde ist... Verzeihung. Ich habe verstanden, Don Cristóbal.

TROZKAJA
Solange Sie unter Verdacht stehen, sprechen Sie mich nicht an!

MERCADER
Konteradmiral Bronstein meldet...

TROZKAJA
(würde gehen, bleibt aber stehen) Und kein Konteradmiral mehr, señor Bronstein!

MERCADER
...Konteradmiral Bronstein meldet... (er schaut Trozkaja an, aber sieht, dass er schon degradiert wurde) ...Oberrat Bronstein meldet... Schiffsfahrer Bronstein meldet...... Häftling Bronstein hat den Befehl verstanden.

Stille.

SYLVIA
kommt mit dem Kessel an.

TROZKAJA
Mahlzeit, Seemänner!

ALLE
Die Erde ist rund, Don Cristóbal!

Die Verhandlung fließt während des Essens. Inzwischen mißt Sylvia die Polenta zu, die Seeleute sitzen in einem Halbkreis um den Beklagten. Sie kommentieren den Prozess mit vollem Mund. Nur Trozkaja (-Cristóbal) und Mercader (-Bronstein) sitzen und essen nicht.

TROZKAJA
Die Anklage also... natürlich nur, wenn der Schiffsrat sich nicht anders entscheidet...

ALLE
(sie fressen und nicken zu, dass sie sich nicht anders entschieden haben)

TROZKAJA
...dann, als vom Vizekönig von...

ALLE
(mit vollem Mund) Die Erde ist rund, Don Cristóbal!

TROZKAJA
...Isabella von Kastilien...

ALLE
Die Erde ist rund, Don Cristóbal!

TROZKAJA
... und von Ferdinand von Aragonien wird von mir vertreten. Und die Verteidigung wird von... (er schaut sich um, aber sieht dass niemand verteidigen will) ... natürlich nur, wenn sich der Schiffsrat nicht anders entscheidet...

ALLE
(sie essen und nicken, dass sie einverstanden sind)

TROZKAJA
Die Verteidigung wird vom señor Alvarez, von unserem Ernährungsrat vertreten. (Die Matrosen stimmen zu, aber Sylvia-Alvarez freut sich nicht)

TROZKAJA
Das Gerichtsprotokoll wird von... (sie sieht sich um, aber alle Matrosen sehen wie Analphabeten aus)

LEIBWÄCHTER II.
(als Trozkaja ihn anschaut) Bronstein kann schreiben.

ALLE
Ja. Er soll es führen. Er kann schreiben, er kann das vor uns nicht verschweigen.

LEIBWÄCHTER II.
Anerkennst du, dass du meine Amnestie-Bittschrift formuliert hast?

MERCADER
Ich habe geschrieben, dass du niemals jemandem was angetan hast.

LEIBWÄCHTER
Anerkennst du, dass du meine Liebesbriefe schreibst?

MERCADER
Ich schreibe immer Juanita, dass du sie heiraten wirst.

LEIBWÄCHTER
Verschweigst du, dass du aus der Bibel abends uns aufliest?

MERCADER
Ihr habt das ewige Licht am liebsten.

TROZKAJA
...es soll von Bronstein geführt werden!

MERCADER
(er will sich bedanken, aber er weiss, dass er nicht sprechen darf, so schweigt er. Papier, Feder und Tinte werden für ihn gebracht)

TROZKAJA
(ämtlich) Beklagter, stehen Sie auf!

MERCADER
Ich stehe, bitte. (inzwischen notiert er den Dialog)

TROZKAJA
Und antworten Sie immer nur auf die Frage!

MERCADER
Ich verstehe, bitte. (er schreibt)

TROZKAJA
Und sagen Sie nicht immer "bitte". Damit verzögern Sie den Prozess.

MERCADER
(er schreibt) "...den Prozess".

TROZKAJA
Name?

MERCADER
(er sagt und schreibt seine eigenen Daten) Le-vi Da-vid Bron-stein.

TROZKAJA
Alter?

MERCADER
(schreibt) Ich werde bald dreißig sein... (er wird unsicher, schaut auf) ...jedenfalls ist mein neunundzwanzigster Geburtstag schon hinter mir.

TROZKAJA
Familienzustand?

MERCADER
Verheiratet, habe zwei Kinder.

TROZKAJA
Staatsbürgerschaft?

MERCADER
Ich wurde schon in Aragonien geboren. Sogar mein Vater auch... (er würde das schreiben)

TROZKAJA
Schreiben Sie, welcher Nation Sie angehören!!!

MERCADOR
Jawohl! (er schreibt es hinein.)

TROZKAJA
Religion?

MERCADER
...aber ich habe mich schon taufen lassen!

TROZKAJA
Schreiben Sie Ihre ursprüngliche Religion!!! Angeklagter! Sie kennen ja das Blutlinien-Gesetz ...

ALLE
(mit Löffelklirren) Die Erde ist rund, Don Cristóbal!

TROZKAJA
...unseres Königlichen Hauptinquisitors Don Torquemada?

MERCADER
Jeder Hispaner kennt es.

TROZKAJA
Sie auch?

MERCADER
Im Auftrag unseres Herrn Hauptinquisitor habe ich das selber formuliert.

TROZKAJA
Haben Sie seine Bewilligung mißbilligt?

MERCADER
Ich habe es versucht, mir eine Audienz mit ihm zu verschaffen.

TROZKAJA
Haben Sie die Modifizierung des Gesetzes vorgeschlagen?

MERCADER
Neben einige Ausdrücke habe Fußnoten geschrieben.

TROZKAJA
Wie viele solche Personen haben Sie schon angezeigt, die das übertreten hat?

MERCADER
Ich bin nicht zu viel zwischen Menschen.

TROZKAJA
Wie lautet das Gesetz?

MERCADER
(schweigt)

TROZKAJA
Lauter!

MERCADER
"Hispanien ist riesengroß. Vom Boden Hispaniens muß jeder Fremde vertrieben werden!"

ALLE
(sie essen) Hispanien ist riesengroß, Don Cristóbal!

TROZKAJA
Betrachten Sie dieses Gesetz als verpflichtend für Sie?

SYLVIA
Ich protestiere, Don Cristóbal! (sie erschreckt sich. Verblüffte Stille, alle hören sogar mit dem Essen auf, Mercader notiert alles)

TROZKAJA
Ich gebe Platz für die Protestierung, señor Alvarez. (die anderen essen weiter)

SYLVIA
Danke, Don Cristóbal!

MERCADER
Danke, Alvarez.

TROZKAJA
Levi David Bronstein! Ich beschuldige Sie, dass Sie mit Ihrem Wesen das Blutlinien-Gesetz umgangen sind! (murren)

MERCADER
(leise) Mein Wesen ist mein Satz.

TROZKAJA
Womit können Sie Ihren Tat begründen?

MERCADER
Ich war...

TROZKAJA
Wer hat Ihnen den Auftrag gegeben, sich zwischen uns einzubauen?

MERCADER
...Levi...

TROZKAJA
Können Sie etwas zur Entschuldigung vorbringen?

MERCADER
...David...

TROZKAJA
Mildern Sie das zu bemessene Urteil!

MERCADER
...Bronstein.

TROZKAJA
Aber wenn Sie schon das Urteil nicht mildern können, erleichtern Sie zumindest Ihre Seele! Wenn Sie schon sich selbst verlieren lassen haben, retten Sie zumindest das Leben Ihrer Mitschuldigen! Wer ist Ihr Verbindungsmann? (Mercader schweigt) Wie lautet Ihre Losung? Wer ist Ihr Mitschuldiger? (Mercader schweigt) Wann hätten Sie die Santa Maria versenken müssen?

Die Menge braust auf, dann Stille.

SYLVIA
Sehr geehrtes Schiffsgericht! Durch die ewigen Kriege hat sich unser Volk mit den uns angreifenden Nationen ständig gemischt. Deswegen fließt das Blut fast jedes Schiffsvolkes in unserer Arterien. Ähnlicherweise fließt unser Blut haben die Söhne ferner Völker unser Blut. Wenn wir Bronstein seiner Fremdheit wegen in den Tode schicken, lästern wir auf das Grab unserer Väter und Großväter.Ich frage euch, Schiffsfahrer der Santa Maria, Söhne von Aragonien, Kastilien und Granada! Sollen wir die Erbe unserer Vorfahren eines Gesetzes wegen, das aus plötzlichem Wut gebracht wurde verprassen?

TROZKAJA
(von der Argumentation erschrocken) Galgen!

ALLE
Ja! Ins Meer mit ihm! Hängen wir ihn auf!

SYLVIA
Der Name unseres Schiffes ist Santa Maria!

ALLE
Die Erde ist rund, Don Cristóbal!

SYLVIA
Unser Schiff trägt den Namen dieser heiligen Jungfrau, die den Sohn des Herrn auf die Welt gebracht, aufgezogen und zwischen uns gelassen hat.Wenn wir Bronstein bestrafen, dann stoßen wir Jesu aus unserem Herzen hinaus. Wenn wir Jesu verleugnen, wenden wir uns auch von seiner Mutter, Maria ab. Wir verleugnen die Santa Maria und dadurch unser Reiseziel, Indien!

TROZKAJA
Er soll schon heute hingerichtet werden! Der soll die Hand aufheben, wer nicht für die Bestrafung Bronsteins votiert, der das Gesetz umgangen hat, wofür auch er selber votiert hat!!

ALLE
(denken nach, lauern einander auf, wissen nicht, wie sie votieren sollen. Stille)

SYLVIA
Indien! Das ist der Ort wohin wir auf unbetretenen Wegen abgefahren sind, um von dort die wie Seide glänzenden Stoffe, die Gewürze des Edens und die Schätze aus dem Erde der Indianer nach Hause mitzubringen!! Von diesen bekommt ihr auch große Mengen und ihr müsst nie mehr in euren wackligen Barken gegen das wilde Meer kämpfen, um einige Heringe im Garn zu haben! Das ist das Füllhorn! Das gehört allem!

ALLE
(besänftigen sich) Tja, wir müssen es überlegen...

SYLVIA
Wollt ihr euch vom Weg der nach Indien führt abkehren, als unser Kapitän, Don Cristóbal schon zum Vizekönig dieses Landes ernannt wurde?

ALLE
Die Erde ist rund, Don Cristóbal!

TROZKAJA
Matrosen, Mannschaft der Santa Maria! Das Schiffsgericht hat sich im Prozess Levi David Bronsteins entschieden! Während des Prozesses wurde es offensichtlich, dass der Beklagte das Blutlinien-Gesetz kennt, er hat dafür votiert und dann hat er sich gegen dieses Gesetz vergangen. Unser Urteil ist also... (Trozkaja schaut Mercader an, der sich in den Urteil schon ergeben hat, in der Seele ist er nicht mehr anwesend, er schaut in die Ferne) Bronstein!

MERCADER
(ist erschrocken) Hm? Was ist passiert?

TROZKAJA
Sie sind der Führer des Protokolls! Oder wurden Sie nicht von Ihren Kameraden für diesen Post ausgawählt?

MERCADER
Ja, das war eine kollektive Entscheidung.

TROZKAJA
Schreiben Sie! Der Urteil...

MERCADER
(er schreibt und sagt, was er schreibt) Tod!

TROZKAJA
...des Schiffsrates ist Tod.

Stille

Verurteilte! Wollen Sie mit dem Recht des letzten Wortes leben?

MERCADER
(er kämpft mit sich, zwei andere bringen schon den Galgen, er spricht nicht)

TROZKAJA
Sehr geehrtes Schiffsgericht! (inzwischen wird Mercader unter den Galgen gebracht und an seinen Hals Seil gebunden) Ich, Don Cristóbal Colón, Kapitän der Santa Maria habe dem Gesetz unseres königlichen Hauptinquisitors Don Torquemada genug getan. Vor kurzem hat mich aber señor Alvarez auf meine Verantwortung aufmerksam gemacht, dass wenn wir unser Reiseziel erreichen, werde ich der Vizekönig Indiens. (sie wird gerührt) Ich selber bin aus Genova zu euch gekommen. Ich habe meine Landleute verlassen, obwohl ihr Blut meines auch ist, weil sie, nicht so, wie ihr, die historische Erkenntnis nicht verstanden haben, nähmlich, dass die Erde keine flache Platte ist, sondern...

ALLE
Die Erde ist rund, Don Cristóbal!

TROZKAJA
...sondern die Erde ist rundförmig. Von unserem Herrn Hauptinquisitor Torquemada habe ich jedoch gelernt, dass durch der Vereinigung Kastiliens und Aragoniens, durch der Eroberung Granadas und durch die Vertreibung der Fremden aus Hispanien das Reich noch nicht stabilisiert worden ist! Die Grundlage dieser Ordnung ist das Einhalten des Rechtes und zwar mit eiserner Disziplin, egal, wie niederschlagend das sein mag. Natürlich könnten wir eine Ausnahme machen. Levi David Bronstein, obwohl seine Schuldigkeit er selber anerkennt, wir wissen von ihm, dass er festländischem Weg schon mal in Indien war. Er spricht ihre Sprache, kennt ihre Gewohnheiten, Goldfundorte... (alle besänftigen sich) ... aber die Entscheidung des Schiffsrates ist heilig für mich! Aber, wenn wir konsequent sein wollen, sollen wir jeden Fremden von unserem Schiffe vertreiben. Nach dieser des Bronsteins setzen wir die Verhandlung des anderen Fremdes, welcher ich bin.

entsetzte Stille

SYLVIA
Und danach meine!

ALLE
(nicht auf einmal) Und meine auch! Meine auch!

TROZKAJA
(winkt das Stimmengewirr ab) Matrosen! Ich schlage vor, bevor wir unser freisprechendes Urteil bringen würden, señor Bronstein zuzuhören!

MERCADER
(ist schockiert, schaut in die Ferne)

SYLVIA
Bronstein! (sie schüttelt ihn)

MERCADER
Ich bitte dich ...Alvarez...

SYLVIA
Sag ihnen, dass es nicht wahr ist!

MERCADER
Ich bitte dich... wenn ihr Indien trotzdem erreichen würdet...und falls ihr heimkehrt... Alvarez, ich bitte dich...suche meine Familie auf...und..

SYLVIA
Sag ihnen, dass es wahr ist, aber du hast es nicht so gemeint!

MERCADER
Ich weiß, dass ich dich um etwas Gefährliches bitte...dass ich von dir nicht erwarten kann, dass du es für mich tust. Aber tue es nicht meinetwegen...sondern ihretwegen! Und...du musst gar nicht gehen...nur sag, dass du meine Familie aufsuchst und ich glaube es dir!

SYLVIA
Sag, dass du das nicht wolltest! Sag, dass du das bedauerst!

MERCADER
Ich weiß.... dass du sowas nicht versprechen kannst. Ich kann das von dir gar nicht erwarten, dass du es versprichst.

SYLVIA
Wach auf, Bronstein! Du kannst dich noch retten!

MERCADER
Nur tue so, als würdest du es mir nicht sagen, dass du sie nicht aufsuchst. Nur laß mich glauben, dass du zu ihnen gehen wirst. Und als meine Alexandra vor dir steht...sie steht vor dir und fragt dich... sie schaut mit ihrem feurigen Blick in deine Augen und fragt...Aber nein! Hab keine Angst! Sie wird das nicht fragen! Sie fragt so, dass sie gar nicht spricht, sondern sie schaut nur. Dann sag ihr, dass ich im Schlacht gefallen bin!!

SYLVIA
(sie würde sagen, dass er freigesprochen wurde, aber Mercader winkt ihn ab) Levi!

MERCADER
(er verhandelt über die Todesart) Gut! Es kann auch Gelbfieber sein.

SYLVIA
(sie würde es sagen) Levi David!

MERCADER
Gut! Dann sei es Skorbut.

SYLVIA
(sie würde es sagen, kann aber nicht an Wort kommen) Bronstein!

MERCADER
(verletzt) Blattern?!! Dann sag ihr, dass ich ertrunken habe! (sein Blick wird wieder klar und er schaut nicht mehr in die Ferne, sondern in die Gegenwart der Realität) E...! Er....! Erdeeee! Erdeeeeee!

ALLE
(sie sehen es, zeigen und schreien) Erde! (sie heben ihn vom Galgenstuhl runter, nehmen ihn auf ihre Schulter und jubeln zusammen. Hüte fliegen, sie knien runter, usw.. Bei dem Höhepunkt der Freude tritt Leo Dawidowitsch Trozkij ein. Er ist so, wie er von Plechanow charakterisiert wurde: geckenmäßig. Er ist ein Theoretiker, peinlich pedant und minuziös.

TROZKIJ
Genossen!

ALLE
(entsetzte Stille)

TROZKIJ
(kommt nach ihnen) Was geht hier vor?

ALLE
(sie schweigen)

TROZKIJ
(späht die Kulissen und die "Schauspieler" um)

TROZKAJA
(um die peinliche Stimme zu mildern) Leo, mein Schatz, du bist schon nach Hause gekommen?

TROZKIJ
(er späht weiter um) Ja.

TROZKAJA
Na und? Was hat Doktor Jimenéz festgestellt?

TROZKIJ
Himenéz! Mit H! Wir schreiben Jimenéz, aber sagen es mit h. Doktor Himenéz!

TROZKAJA
Also, was hat er gesagt?

TROZKIJ
(er späht seine Leibwächter in Kostümen um) Er hat gesagt, dass er seinen Handkuss für dich schickt, meine Liebste.

TROYKAJA
Mein Gott! Und was noch?

TROZKIJ
Und dass auch, dass ich das für dich übergeben soll.

TROZKAJA
Mein Gott! Und was hat er über deine Diagnose gesagt?

TROZKIJ
Er hat folgendes gesagt: "Lieber Leo Davidowitsch, Sie haben Nerven wie Stahl. Keine drei Monate sind seit dem Attentat gegen Sie vergangen und Sie sind schon wieder in einem ausgezeichneten physischen und psychischen Zustand."

TROZKAJA
Leo, mein Schatz! Hat er wirklich das gesagt? Verschweigst du nicht etwas?

TROZKIJ
Es ist möglich, dass er nicht Stahl sondern Eisen oder etwas ähnliches gesagt hat. Dann hat er mich gefragt, was mit meinem Attentäter, mit diesem "Michelangelo von Mexico", diesem Siqueiros ist.

TROZKAJA
Und was hast du ihm gesagt?

TROZKIJ
Ich habe ihm gesagt, dass ihn der "Puschkin von Chile", dieser Pablo Neruda zu sich eingeladen hat, so soll er mit keiner strengen Strafe rechnen. Mörderbande! (er kommt plötzlich darauf, worum es hier geht) Natascha! Du hast zwischen meinen Schriften herumgesucht!

TROZKAJA
Du hast mich doch darum gebeten, mein Schatz, um sie zu archivieren!

TROZKAJA
Ihr habt meine Komödie gelesen?

TROZKAJA
Ich habe Genossen ersucht, um es ins Spanische zu übersetzen.

TROZKIJ
Du hast es übersetzen lassen?

TROZKAJA
Noch in der letzten Woche.

TROZKIJ
Und wollt ihr es irgendwo aufführen?

TROZKAJA
Wir halten nur die Probe.

TROZKIJ
Und wieso fangt ihr es gerade mit dem ersten Akt an?

TROZKAJA
Das Kostüm Torquemadas ist noch bei der Näherin.

TROZKIJ
Und warum spielt ihr mein Drama ohne mich?

TROZKAJA
Wir wollten dich überraschen, mein Schatz.

TROZKIJ
Das ist ja gelungen!

MERCADER
Genosser Trozkij!

TROZKIJ
Wer ist dieser Bel ami in Banditenkleidung?

TROZKAJA
Aber mein Schatz, Leo! Er ist der Hofmacher von Sylvia. Du hast ihn schon mal gesehen.

TROZKIJ
Dann war er aber nicht wie ein anarchistischer Lohnmörder gekleidet.

SYLVIA
Sie erinnern sich doch, Genosser Trozkij! Ich habe ihn gebeten, dass Ramón einen seiner Artikel Ihnen zeigen darf.

TROZKIJ
Es ging um den Abend, Genosser Mercadez!

TROZKAJA
Mercader! Mit r, mein Schatz. Mercader! Ich habe auch mir seinen Namen gemerkt, vorne "r", hinten "r", Ramón Mercader! Nicht wahr, Sylvia.

SYLVIA
(wird rot im Gesicht)

TROZKIJ
Und was haben Sie an? Ist das der Gewand eines Terroristen oder eines Lohnmörders?

MERCADER
Das ist das Kostüm Bronsteins.

TROZKIJ
Wie? Sie spielen.....Sie spielen Bronstein?

MERCADER
Und Natalja Sedowa spielt Kolombus.

TROZKIJ
Aber warum?

TROZKAJA
Mein Schatz! Genosser Mercader ist gut befreundet mit dem Dramaturgen des Comedia Mexicana...

TROZKIJ
Mechikana! Mit h! Wir schreiben Mexicana aber sagen Mechikana.

TROZKAJA
...des Comedia Mechikana. Ich möchte, wenn dein Kolombus am Vorabend deines Geburtstags, am 7. November aufgeführt wäre. Ich kann schon die Plakaten des Comedia Mexicana sehen, "Leo Davidowitsch Trozkij: Kolombus"!!

TROZKIJ
Und ich kann schon den Lohnmörder Stalins sehen, "Leo Davidowitsch Trozkij: bum-bum-bum"!

MERCADER
Helfen Sie uns, Genosser Trozkij?

TROZKIJ
Das ist mein Drama, Genosser Mercader!

MERCADER
Genosser Trozkij! Die Autoren schreiben ihre Werke nicht für ihre eigene Unterhaltung!

TROZKIJ
Der Hofmacher meiner Sekretärin belehrt mich?

MERCADER
Ich warne Sie bloß!

TROZKIJ
Was tun Sie, Mercader?!

MERCADER
Ich erinnere Sie an Ihre Pflicht! Dieses Drama hat nur solange Ihnen gehört, bis Sie darauf gearbeitet haben!! Aber Sie haben es für uns, Proletarjugendlichen geschrieben, für s Proletariat der Welt!!! Sie können nicht mehr von uns wegnehmen, was uns gehört!

TROZKIJ
(lange Stille, dann leise) Diese Komödie wurde wegen Aneiferung des Bruders meiner ersten Ehefrau, Aleksandra Lwowna in Nikolajew geboren, um die Jahrhundertwende. Als ich noch nicht Trozkij gehießen habe. Diesen Namen habe ich während meines Fluchts aus Usty-Kut aufgenommen. Trozkij war übrigens der Name meines Kerkermeisters. Er hatte die Fähigkeit, riesengroße Ohrfeigen geben zu können, Ich habe gedacht, sein Name wird in der Illegalität gut kommen. Als ich das geschrieben habe, war ich sechszehn Jahre alt...voll mit Glauben und Schwung...

MERCADER
Deswegen bitte ich Sie darum, uns zu helfen, Genosser Trozkij! Sie sollten hier, während der Probe umschreiben, was Sie jetzt schon anders denken!

TROZKIJ
(wird verletzt) Halten Sie mein Drama für langweilig, Genosser Mercader?!!

MERCADER
Gerade seiner Wendungen gefällt es mir so sehr!

TROZKIJ
Oder für zu leicht interpretierbar?!!

MERCADER
Seine symbolische Seite ist besonders stark!

TROZKIJ
Für naiv?

MERCADER
Seine stärkste Seite ist die Charakterdarstellung, die hinter seiner Einfältigkeit gesteckt ist!

TROZKIJ
Dann gut. Wenn Sie darauf bestehen. (er läßt sich anflehen) Aber nur dann, wenn ich damit die Genossen nicht langweile.

ALLE
Nicht doch! Ach nein, Genosser Trozkij!

TROZKIJ
Aber ich warne Sie, dass ich nur solange spiele, bis jemanden nicht ertappe, dass er gelangweilt wird...

ALLE
Alles wird in Ordnung sein, Genosser Trozkij.

TROZKIJ
Mein Schatz, Natascha!

TROZKAJA
Sag's, mein Lev!

TROZKIJ
Meinst du, dass vielleicht ich auch eine Rolle unternehmen sollte?

TROZKAJA
(vorwurfsvoll) Natürlich! Aber mein Schatz...

TROZKIJ
Gut. Ich glaube, ich könnte die Rolle von Alvarez weiterspielen.

TROZKAJA
(vorwurfsvoll) Aber mein Schatz!

TROZKIJ
(bescheiden) Sollte ich lieber als Bronstein spielen?

TROZKAJA
Das ist etwas für dich!

MERCADER
Ja, das ist was für Sie, Genosser Trozkij!

TROZKIJ
In Ordnung! Ich sollte....ich sollte vielleicht... Ja! Kolombus sein!

Inzwischen wurde der - als ein erjagtes Wild auf einen Ast an seinen Händen und Füßen gebundene - Indianer, Stolzer Fels hereingebracht, der diesmals von Sylvia gespielt wird. TROZKAJA hat schon den Mantel und den Hut von Kolombus TROZKIJ angezogen.

MERCADER
(als Bronstein) Bitte, Don Cristóbal! Wenn Sie das mir entschuldigen.

TROZKIJ
(als Don Cristóbal) Das ist eine Kleinigkeit, señor Bronstein.

MERCADER
Nein, jetzt will ich nicht darüber... besser gesagt, ich bin sehr dankbar dafür, was Sie für mich getan haben...

TROZKIJ
Wir (er blinzelt) "Fremden" sollten zumindest auf "ihren" Schiff zusammenhalten, nicht wahr, señor Bronstein.

MERCADER
(er will auch blinzeln, aber einerseits würde er das für zu diskret halten, andererseits hält er das dazu, was er sagen will, nicht passend) Ich möchte melden, Don Cristóbal.

TROZKIJ
Wenn wir nur zu zweit sind, können wir die Formalitäten weglassen, señor Bronstein.

MERCADER
Das ist eine Ehre für mich, Don Cristóbal. Aber ich möchte mit Ihnen darüber sprechen, dass ... wenn Sie es nicht als eine Zutraulichkeit nehmen, dann sage ich das so: ich möchte mit Ihnen darüber "zugetraut" sprechen, das ich in Indien schon mal war und...

TROZKIJ
Ich werde Sie natürlich zu meinem Vertreter befördern, señor Bronstein.

MERCADER
Nein, jetzt will ich nicht darüber... besser gesagt, die Erde ist rund, Don Cristóbal!

TROZKIJ
Übrigens, haben Sie schon den Platz des umerziehenden Lagers abgesteckt?

MECADER
Schon am Abend, Don Cristóbal!

TROZKIJ
Haben Sie die Namenliste der zu umerziehenen Indianer schon zusammengeschrieben?

MERCADER
Früh im Morgen, Don Cristóbal!

TROZKIJ
Haben Sie die Hütten der Eingeborene schon aufgebrannt?

MERCADER
Die Gegend steht schon seit Mittag in Flammen!

TROZKIJ
Ihre Frauen?

MERCADER
Glücklich gemacht, Don Cristóbal!

TROZKIJ
Ihre Soldaten?

MERCADER
Begraben, Don Cristóbal!

TROZKIJ
Die Ungläubigen?

MERCADER
Bekehrt, Don Cristóbal!

TROZKIJ
Ihre Zauberer?

MERCADER
Umgetauft, Don Cristóbal!

TROZKIJ
Ihre Chore?

MERCADER
Zum Pferdestall umgebaut, Don Cristóbal!

TROZKIJ
Ihre Graben?

MERCADER
Durchgeackert, Don Cristóbal!

TROZKIJ
Ihre Schmücke?

MERCADER
Beschlaggenommen, Don Cristóbal!

TROZKIJ
Ihr Gold?

MERCADER
Auf der Santa Maria, Don Cristóbal!

TROZKIJ
(ohne jeden Durchgang) Sagst du, meine Natascha, dass das Kostüm Torquemadas noch nicht fertig ist?

ALLE
(fallen aus der Sache. Sie legen den Indianer runter, sie lockern sich)

TROZKAJA
(verunsichert) In einer halben Stunde kann das Genosser Mercader schon anziehen.

TROZKIJ
Genosser Mercader?

TROZKAJA
Zum ersten Aufzug.

TROZKIJ
(wird verletzt) Wurde das Kostüm für ihn genäht?

TROZKAJA
Wir haben die Probe doch ohne dich geplant, mein Schatz.

TROZKIJ
(er verhehlt, dass er verletzt ist) Ach so.

TROZKAJA
Wir wollten dich am 7. November überraschen. An deinem Geburtstag!

TROZKIJ
Ich weiß! Im Comedia Mexicana.

TROZKAJA
Ich kann schon die Plakaten sehen, "Leo Davidowitsch Trozkij: Ko.."

TROZKIJ
Ja, ich weiß! "Leo Dawidowitsch Trozkij! Bumm-bumm-bum"

TROZKAJA
(sie geht zu ihm und umarmt ihn) Du siehst Gespenster, mein Schatz!

TROZKIJ
Habe ich auch Ende Mai Gespenster gesehen? Ich wurde fast ermordet, wenn du dich daran noch erinnerst kannst, mein Schatz, Natascha! Man wollte mich umbringen. Dieser "Michelangelo von Mexiko", dieser Soldknecht Stalins, Siqueiros. Seit damals ist dieses Haus eine Festung. Seit damals bin ich nicht der Herr, sondern Befangener dieses Hauses.

TROZKAJA
Aber zum Glück ist das ihnen nicht gelungen. Und dieses warnt Stalin, denselben Fehler nicht mehr zu begehen.

TROZKIJ
Er wird keinen Fehler mehr begehen, mein Schatz!

TROZKIJ
Verdrehe meine Worte nicht, mein Schatz.

TROZKIJ
Meine Natascha! Terrorismus ist in vielen Hinsichten so, wie die Revolution! Das Ziel jeder Revolution ist ja die Revolution selbst! Die durch sie zu umstürzene alte und die durch sie zu aufbauene neue Gesellschaft sind nur Mittel. Das neue System wird nämlich auch bald veraltet! Aus diesem Grund, wer gestern ein Revolutionär war, versucht es heute, sie zu bremsen, wenn er nicht an der dauerhaften, an meiner Revolution glaubt! Meine ist die permanente, sich immer entwickelnde Revolution!! Der Zweck der Terroristen ist auch nicht das Ermorden der Bucharine, der Kamenieve, der Trozkije, sondern das Töten selbst!

Stille

TROZKIJ
(zu Sylvia) Nicht, weil ich das für wichtig halte, Sylvia, aber Sie könnten diesen Gedankenlauf aufzeichnen. Nicht, als ich das nicht noch einmal formulieren könnte, aber ... das ist so frappant.

SYLVIA
Eine äußerst korrekte Bestimmung. Ich glaube, wir können es auch als Definition bezeichnen. Ich bin stolz darauf, dass ich in Ihrem Dienst stehen darf, Genosser Trozkij!

TROZKIJ
(seine Frau ist auch gerührt) Unser ganzes, von uns gewähltes Leben ist ein Dienst, liebe Sylvia! Dienst für die Revolution! (plötzlich, ohne Durchgang) Meinen sie, señor Bronstein, dass dieser Indianer krank ist?

MERCADER
Er wurde von der Krankheit schon ganz übermannt, Don Cristóbal!

TROZKIJ
Symptomen?

MERCADER
Hallutination, Visionen, Irrede.

TROZKIJ
Diagnose?

MERCADER
Hysterie.

TROZKIJ
Hysterie?

MERCADER
Mittelschwierig, Don Cristóbal!

der gefesselte Indianer wird hereingebracht, der von SYLVIA gespielt wird

TROZKIJ
Aber... (nimmt ein Buch vor, er blättert in dem) ... Meister Toscanelli, der Macher unserer Schiffslandkarte schreibt in seinem Werk "Thesen über die Kugelförmigkeit der Erde" dass die Hysterie, und greife meistens Mädchen die nicht heiraten können und junge Witwen an. Der Verursacher der Krankheit verstecke sich meistens in den intimen Körperteilen. Die Symptomen seien Reizbarkeit, Verneinung und Widerstand! (deutet auf Sylvia) Das ist aber keine Frau!

MERCADER
Sie haben recht, Don Cristóbal! Aber unser Herr Hauptinquisitor, Don Torquemada schreibt in seinem Werk "Historie der Riesengroßen Hispanien", dass die tödliche Krankheit manchmal auch Männer angreife. Der Verursacher verstecke sich meistens in den Zahnwurzel oder ins Nagelbett. Und noch dazu schreibt unser Herr Hauptinquisitor - die Hysterie sei ansteckend!!

ALLE
(werden erschrocken, brausen auf)

TROZKIJ
Wie haben Sie es bemerkt, señor Bronstein, dass der arme Teufel krank ist?

MERCADER
Er hat irregeredet, Don Cristóbal.

TROZKIJ
So ein lebenskräftiger Mann?

MERCADER
Und dazu ist er der zukünftige Häuptling der Indianer!

TROZKIJ
(beginnt, den Indianer zu schätzen) Scheiden Sie ihn von der Stange ab! Bringt einen Stuhl und Wasser für ihn! (er wird runtergeschnitten, runtergesetzt, sie geben ihm trinken)

MERCADER
Er ist der Erstgeborene vom Häuptling Huschender Pfeil, er heißt Stolzer Fels.

TROZKIJ
Bitte, übersetzen Sie, was ich ihm sage, señor Bronstein! (Stille) Mein Name ist Cristóbal Colón, ich bin der Vizekönig Indiens. Wir haben euch den Frieden gebracht und wir teilen unseren Glauben, den Glauben an den einzigen Gott mit euch.

MERCADER
(er übersetzt) Don Cristóbal fragt, wohin ihr eure Schätze versteckt habt.

SYLVIA
(als Stolzer Fels) Verlaßt unser erbeigenes Land! Bis ihr nicht gekommen seid, war Frieden bei uns. Seit damals gibt es überall Feuer, Blut und Tod auf dieser Gegend.

TROZKIJ
Was sagt er?

MERCADER
Es ist leider zweifellos...er ist krank!

TROZKIJ
Aber sein Blick ist so klar! Was hat er gesagt?

MERCADER
Er hat gesagt, dass das ihr Land sei, Don Cristóbal.

TROZKIJ
Der arme Mensch! Sagen Sie ihm, dass ich ihn zu meinem Statthalter machen werde!

MERCADER
Don Cristóbal sagt, dass er dich lebend abhäuten lassen wird, wenn du uns nicht sagst, wo das Gold ist!

SYLVIA
Seid alle verdammt!! Der Stern soll verdammt sein, der euch den Weg nach uns gezeigt hat! Der Fels soll in das Meer fallen, der als ein Fackel im Nebel nach euch geleuchtet hat. Sterbt einen Feuertod, wie meine Geschwister!!!

TROZKIJ
Was sagt er?

MERCADER
Er ist leider... sein Zusteand ist mittelschwierig!

TROZKIJ
Aber was hat er gesagt?

MERCADER
Er sagt, dass Ihr König Sie einkerkern werde, Don Cristóbal.

TROZKIJ
Ist es so schwierig?!

MERCADER
Es ist noch schwieriger, Don Cristóbal! Er hat gesagt, dass sie genauso totgeschlagen werden, wie Ihre Leute seine Freunde totgeschlagen haben, als Sie an der Macht waren. Und Ihre Kinder werden sterben, wie seine Kinder gestorben sind.

(dieser Teil war im ursprünglichen Text wahrscheinlich nicht. TROZKIJ und TROZKAJA werden sehr überrascht, sie blicken einander an)

TROZKIJ
Sollten wir ihn operieren, señor Bronstein?

MERCADER
Wir können es nicht weiter verschieben, Don Cristóbal.

TROZKIJ
Haben wir die Chanse, dass wir den Herd finden?

MERCADER
Wir alle sind in der Hand Gottes, Don Cristóbal.

TROZKIJ
Sollen wir es beginnen?

MERCADER
Mit seinem Zahn.

TROZKAJA
(mit einer Zange in ihrer Hand) Darf ich es ziehen, Don Cristóbal?

TROZKIJ
Señor Bronstein ist der Arzt. Er leitet die Operation, señor Alvarez.

MERCADER
Stolzer Fels! Ist unser Bekenntnis deines auch? Teilst du die Schätze deiner Vorfahren mit uns? Anerkennst du, dass das Gold, das die Häuptlinge von deinen Geschwistern ausgezwungen haben, allem gehört?!!

SYLVIA
Meine Seele kommt zu dir, Großen Geist. Die Seele des Stolzen Felses geht in den Himmel und sein Körper in die Erde.

TROZKIJ
Was hat er gesagt?

MERCADER
Er sagt, dass er von seiner Krankheit schrecklich gequält wird, Don Cristóbal, und er bittet uns, seinen Schmerz zu mildern.

SYLVIA
Darf ich es ziehen, señor Bronstein?

MERCADER
Alle zweiunddreißig, Alvarez! Damit er Chance zum Überleben hat! Und wenn der Herd nicht unter seinem Zahn steckt, werden wir auch seine Nägel abziehen! Alle zehn! Und wenn wir ihn dort auch nicht finden, reißen wir die Nägel von seinen Füßen auch, damit wir diesen Indianer retten! Wir müssen ihn retten, weil er krank ist. Er ist krank und ein Mensch!

ALLE
(alle stehen den Indianer um und operieren ihn)

MERCADER
(er sagt das in der Tatsache für Trozkij) Weißt du, Stolzer Fels, es gibt etwas Edliges, etwas fatal Imposantes in deinem selbstzerstörenden Fanatismus. Du verlierst deinen hohen Rang, du musst deine Heimat und dann Europa verlassen. Alle deiner Kinder werden getötet, und du kämpfst nur. Nein, du darfst dir nicht lügen, dass du für dein Volk, für deinen Glauben kämpfst, denn du kämpfst nur für den Kampf! Dein Streit ist ewig, auch, wenn du alle deiner Verwandten und Bekannten verlierst. Aber ist es möglich, in einem nichtrevolutionären Zeitalter ein Revolutionär zu sein?! Ist es möglich, eine Gesellschaft aus Thesen, Ideologien und aus der permanenten Kritik von diesen aufzubauen? Kann jemand überhaupt etwas bauen, der mit der Zerstörung seiner Welt...

TROZKIJ
Was soll das?!! (die Schauspieler hören auf zu spielen)

MERCADER
Das ist der "Abschied Bronsteins", Genosser Trozkij.

TROZKIJ
Es gibt aber keinen Teil wie das in meinem Drama, Mercader!!!

MERCADER
Das steht Wort für Wort so, Genosser Trozkij.

TROZKIJ
Sie schreiben mein Drama um?!!!

MERCADER
Das ist nicht nur Ihr Drama, Genosser Trozkij!

TROZKIJ
Das haben wir mit meiner Natascha schon vorher auch bemerkt, dass Sie mein Drama umschreiben.

MERCADER
Wenn Sie das getan haben...

TROZKIJ
Was alles wagen Sie?!!!

MERCADER
Genosser Trozkij! Sie haben vor fünfundvierzig Jahren, im zaristischen Russland...

TROZKIJ
In der Ukraine, in Nikolajew.

MERCADER
...eine historische Vision geschrieben. Damals konnten Sie es noch nicht wissen, aber jetzt müssten Sie wissen, dass das so nicht gut ist.

TROZKIJ
Ich habe es mit meinem ehemaligen Schwager, Sokolowskij zusammen geschrieben. Ich habe hauptsächlich die Dialoge vervollständigt, die Handlung haben wir zusammen geschrieben.

MERCADER
Das Problem mit Ihnen, Genosser Trozkij, ist, dass Sie auch in den seit damals vergangenen Jahrzehnten damit beschäftigt waren, die Form zu schleifen, statt die Handlung zu...

TROZKIJ
Mercader! Ich verbiete diese Stimme!

MERCADER
Verzeihen Sie, Genosser Trozkij! Ich wurde mit dieser Arbeit beauftragen, und ich bringe sie zu Ende.

TROZKIJ
Sie sprechen wie ein Lohnmörder!

MERCADER
Ich mache das nicht für das Geld, sondern aus Verpflichtung. Ich wurde damit beauftragen und ich schreibe Ihr Drama um. Das Drama von uns beiden. Wenn Sie bisher, bis Sie das machen können hätten, die Handlung verändert haben, dann wird sie von mir verändert.

TROZKIJ
(er spürt, dass er verloren hat. Plötzlich) Wie läufst es mit der Operation, señor Bronstein?

MERCADER
In seinem Mund gibt es immer weniger Platz, wo sich der Herd verstecken kann, Don Cristóbal.

TROZKIJ
Deliliert er noch?

MERCADER
Schon seit lange nicht, Don Cristóbal.

TROZKIJ
Und meinen Sie, señor Bronstein, dass wenn er wieder zum Bewußtsein kommt, auch nicht delilieren wird?

MERCADER
Nach Meister Toscanelli ist es vorstellbar, Don Cristóbal.

Inzwischen wird der Gequälte aufgespritzt.

TROZKAJA
Er will ein Geständnis ablegen, Don Cristóbal!

LEIBWÄCHTER I.
Beichten!

LEIBWÄCHTER II.
Buße tun!

LEIBWÄCHTER III.
Beigesellen!

TROZKAJA
Um Entschuldigung bitten!

LEIBWÄCHTER I.
Alles gutmachen!

LEIBWÄCHTER II.
Sich an unser Heer anschließen!

LEIBWÄCHTER III.
Uns in seine Schatzkammer bringen!

SYLVIA
(im Sterben liegend) Wasser!

TROZKIJ
Was sagt er?

MERCADER
Ich verstehe ihn nicht ganz, ich spreche diese Mundart nicht, Don Cristóbal! Aber ich glaube, er läßt seine Mutter rufen.

TROZKIJ
Dann bringen Sie sie!

MECADER
Seine Mutter haben wir schon in den umerziehenden Lager gebracht, Don Cristóbal!

TROZKIJ
Dann gehen Sie für sie!

MERCADER
Wir haben den Lager schon aufgebrannt, Don Cristóbal!

TROZKIJ
Dann fragen Sie ihn noch einmal! Vielleicht will er schon etwas anderes!

MERCADER
Ich verspreche dir, Stolzer Fels, ich suche deine Familie auf... (Stolzer Fels stirbt. Inzwischen kommen die Indianer und bringen die "Statue" des Häuptlings Huschender Pfeil auf einem Tragstuhl) ... Ja... ich verspreche, dass sie aufsuche. Ich gehe zu ihnen und stelle mich vor deine Frau. Und als sie fragen würde, was mit dir passiert ist, werde ich ihr ohne Frage antworten... (beide Gruppen schauen ihn interessiert an) ... ich werde allen sagen, jeder soll es wissen!! Du hast die Leiden mutig ausgestanden! (beide Gruppen schauen ihn feindlich an) Du hast die Zähne zusammengebissen, die Nägel in dein Fleisch gebohrt, aber du hast die Qualen ohne ein Wort vertragen!! Du hast geschrien, aber du hast das ohne Worte getan, du hast gebetet, dass dein Gott deiner schuldigen Seele entschuldigt!! Ich erzähle allem, dass... dass... das... (inzwischen schaut er die Mitglieder beider Gruppen an) dass du Opfer eines Attentates der Indianer wurdest und wir dir nicht mehr helfen konnten! Don Cristóbal hat mich ermächtigt, anzukündigen, dass das Schiffsgericht der Santa Maria señor Stolzer Fels...

TROZKIJ
... den Konteradmiral Don Stolzer Fels als seinen eigenen Toten betrachtet und von seiner Beerdigung anordnet. (er bemerkt nur jetzt die Indianer) Wer sind das, señor Bronstein?

MERCADER
Das ist die Statue des Häuptlings Huschender Pfeil, Don Cristóbal.

die Musik der Marseilleses hat man schon bisher auch von einer alten gekrätzten Schallplatte hereingehört, aber nach dem Erklingen des Namens "Don Cristobal" ist sie unerträglich laut. Es schneidet die Sicherung, plötzlich wird es Stille und Dunkelheit. Die Schauspieler sehen einander nicht, das Publikum jedoch sieht sie

LEIBWÄCHTER I.
Besatzung!

ALLE
(sie salutieren in der Dunkelheit) Ich melde mich, Genosser Wachkommandant!

LEIBWÄCHTER I.
An den Schutz Genossen Trozkijs antreten!

ALLE
Verstanden, Genosser Wachkommandant!

LEIBWÄCHTER I.
Und ich lasse den Strom zurückschalten, Genosser Trozkij! (erstolpert weg)

herumtappernd, herumstolpernd stehen sie so Trozkij um, dass sie ihm den Rücken zeigen und einen geschloßenen Kreis bilden .

TROZKAJA
Was ist los, mein Lew?

TROZKIJ
Stromausfall, meine Natascha.

TROZKAJA
Aber du hast die Besatzung doch so verstärkt, dass nich einmal ein Fliege in diese Festung hereinfliegen kann!

TROZKIJ
(er scherzt, hat aber keinen Sinn für Humor) Der Feind ist unter und, meine Natascha.

ALLE
(lachen von Amts wegen) Das ist gut! Genosser Trozkij findet sich auch in der Dunkelheit zurecht!

TROZKAJA
Etwa willst du sagen, dass...?!

TROZKIJ
(er scherzt) Doch! Ich kann schon das Titelblatt der Zeitungen sehen, mein Schatz: "am 20. August 1940 wurde Lew Dawidowitsch Trozkij in Coyoacan ermordet."

TROZKAJA
Nein!!

Inzwischen küssen Sylvia und Mercador einander

TROZKIJ
Rodrigez hat nämlich den Stromausfall verursacht.

TROZKAJA
Der Kammerdiener?

TROZKIJ
Nein, mein Schatz, unser Kammerdiener heißt Ramirez. Rodrigez ist unser Gärtner!

TROZKAJA
Meinst du, dass er ein Lohnmörder ist?

TROZKIJ
Er ist nur ein Musiknarr. Wenn er weiß, dass ich wach bin, dann hört er Lieder der Bewegung zu...das Marseilleses und die Internationale. Wenn er aber glaubt, dass ich schlafe, dann hört er Bessie Smith Louis Armstrong, Marlene Dietrich und solchen zu.

TROZKAJA
Aber warum gibt es keinen Strom, mein Schatz?

TROZKIJ
Sein Grammophon ist kaputt, meine Natascha!

TROZKAJA
Woher weißt du das, mein Lew?

TROZKIJ
Wenn er dienstags dienstfrei ist, hören wir immer Musik zu, meine Natascha.

TROZKAJA
Die Internationale?

TROZKIJ
Nur bis Genosser Rodrigez zu Hause ist, mein Schatz.

TROZKAJA
Und wenn er nicht zu Hause ist?

TROZKIJ
Dann höre ich Bessie Smith, Armstrong und Dietrich zu.

TROZKAJA
Wissen Sie, Genosser Mercader, mein Mann lebt dann sein eigenes Leben.

MERCADER
(er hat Sylvia schon fast niedergelegt) Echt, Natalja Sedowa?

TROZKAJA
Das ist natürlich kein Wunder.

MERCADER
(er sagt das über Sylvia) Doch... das ist wundervoll...

Inzwischen ist Trozkij aus dem Ring der Leibwächter entflohen. Er hat bis zu den Kostümen und hat alle aufgeprobiert

TROZKAJA
Wissen Sie, Genosser Mercader, Leo Dawidowitsch hat sich im Gäfengnis und in den Jahrzenten, die er in Exil verbracht hat daran gewöhnt, dass er immer mit Spitzeln umgeben ist. Aus diesem Grund hat er schon immer ein Doppelleben geführt. Das eine Leben lebt er so, wie das vom ihm erscheinen werden soll und das andere für seine eigene Freude. Aus Gewohnheit.

Mercader zieht die Bluse von Sylvia aus

TROZKAJA
Aber mein Mann lebt ein doppeltes Leben auch außer seinem Willen. Unter den Russen ist er Ukrainer! Unter den Ukrainern ist er ein Jude! Unter den Juden ist er ein Kommunist! Unter den Kommunisten ist er ein Anarchist! Und unter den Anarchisten ist er der Agent Stalins!Sein ganzes Leben ist ein Exil, lieber Genosser Mercader. Eine Ausschließung aus der ganzen Welt!

inzwischen hat sich Trozkij zu einem halbblinden Piraten angezogen. Mercader zieht schon den Rock von Sylvia aus

MERCADER
Ihr ganzes Leben ist das, Natalja Sedowa.

TROZKAJA
Unser ganzes Leben...

MERCADER
Sie sind eine Märtyrerin! (er reißt das Höschen von Sylvia ab)

SYLVIA UND TROZKAJA ZUSAMMEN
Aber Mercader!

MERCADER
Verzeihen Sie, Natalja Sedowa. Ich wollte sagen, Sie sind eine Heldin.

TROZKAJA
Wissen Sie, Genosser Mercader, wenn ich kein Kommunist wäre, wäre ich vielleicht eine Nonne geworden. Die Nonnen meinen, dass Christus ihr Bräutigam sei und sie schließen sich in ein Kloster für ihr ganzes Leben mit ihm. Sie leben weit von der Welt, trotzdem sind sie glücklich. Genauso, wie ich. Nur mein Gott ist die proletarische Revolution. Mein Kloster ist Coyoacan. Meine Bibel ist das Kommunistische Manifest. Mein Kreuz ist fünfzackig. Die unschuldigen Kinder sind meine Kinder. Der gekreuzigte Jesu ist mein Mann. Und ich selber bin nur ein Tuch. Das Tuch, mit dem Veronika den Schweiß vom Gesicht Jesus abgetrocknet hat.

im letzten Moment kommt das Licht zurück. Mercader liegt auf Sylvia, Trozkij ist gerade als Indianerkönig angezogen, die Leibwächter passen in einem Ring stehend auf das Nichts auf. Alle blinken vom plötzlichen Licht. Es ist wieder Ordnung.

TROZKIJ
Richtig! Dann bekränzen wir ihn! (die Matrosen salutieren, Mercader setzt ihm den Kranz auf, die "Statue" schreit auf) Was war das, señor Bronstein?

MERCADER
Das ist wahrscheinlich trotzdem nicht die Statue von Huschendem Pfeil, sondern sein Grab, Don Cristóbal.

TROZKIJ
Richtig! Dann stecken wir unsere Fahne in es auf! (Salutieren, er steckt eine kreuzige Fahne, als das "Grab" aufstöhnt) Was war das, señor Bronstein?

MERCADER
Das ist höchstwahrscheinlich nicht das Grab von Huschendem Pfeil, sondern seine Mumie, Don Cristóbal. (inzwischen wird das Bild Lenin an die hintere Wand projiziert und wir sehen das Lenin-Mausoleum auch. Dann werden weitere Mumien wie Breschnew und Jeltsin usw. sehbar)

TROZKIJ
Richtig! Dann bekränzen wir seine Mumie! (Salutieren, Bekränzung, die "Mumie" stöhnt auf) Was war das, señor Bronstein?

MERCADER
Das ist höchstwahrscheinlich nicht die Mumie von Huschendem Pfeil, sondern das ist Huschender Pfeil selbst!

TROZKIJ
Der alte Führer lebt noch?

MERCADER
Das sieht man an ihn nur nicht, Don Cristóbal. Oder das ist sein Doppelgänger.

TROZKIJ
Führt sein Doppelgänger das Land?

MERCADER
Oder sein Geist, Don Cristóbal!

TROZKIJ
Gut! Dann unterschreiben wir den Friedensvertrag mit ihm.

SYLVIA ALS HUSCHENDER PFEIL
Verlasst unseren aufgebrannten Boden! Nehmt unsere Schätze mit euch, aber lasst unseren Boden für uns! (zu seiner Tochter, die von der halbnackten Trozkaja gespielt wird) Blühende Blume! Führe den Chef der Fremde zu unserer Schatzhöhle! Bleibt am Meeresufer stehen, um euch auszuruhen! Gib ihm eine Muschel, dass er sieht, wir haben ihm entschuldigt.

TROZKAJA
(verführerisch) Ich schicke sie mit dem Frieden des Großen Geistes nach Hause.

TROZKIJ
Worum geht es hier, señor Bronstein?

MERCADER
Wenn ich das richtitg verstanden habe, dann hat Sie Huschender Pfeil als seinen Schwiegersohn angesprochen und hat seine Tochter, Blühende Blume Ihnen gegeben. Ich gratuliere, Don Cristóbal!

inzwischen ist jeder außer ihnen zwei weggegangen, wir hören das Brausen des Meeres. Trozkij tauscht plötzlich die Rollen. Er zieht sich aus, dass er halbnackt ist, damit er die Rolle der Huschenden Blume spielen kann und Trozkaja zieht den Hut des Kolombus an. Trozkij legt sich verführerisch runter.

TROZKIJ
Ich habe lange auf dich gewartet, Fremder. Ich habe mit dir geträumt und mit dir erwacht. Ich habe gewußt und gefühlt, dass du für mich kommen wirst, durch das unendliche Meer, das noch niemand für mich durchgesegelt hat.

TROZKAJA
(sie salutiert) Und ich bin Cristóbal Colón Vizekönig!

TROZKIJ
Komm näher, Fremder!

TROZKAJA
Danke, gut. Siebenundzwanzig sind an Skorbut gestorben, aber ohne Verluste gibt es natürlich keine Eroberung.

TROZKIJ
Damit ich mich vor deine Füße legen kann!

TROZKAJA
Ja, aber diese vier sind an Gelbfieber gestorben.

TROZKIJ
Damit ich deine Knien umarmen kann!

TROZKAJA
Nein, ins Schiffstagebuch habe ich geschrieben, dass sie in der Schlacht gestorben sind.

TROZKIJ
Damit ich deine Oberschenkel berühren kann!

TROZKAJA
So konnte ich ihren Sold zwischen den überlebenden Matrosen verteilen.

TROZKIJ
Kommst du nicht hierher, Fremder?

TROZKAJA
Mich? Nennen Sie mich nur so, wie meine Mutter....

TROZKIJ
Was wünschst du?

TROZKAJA
...Mon Cristoforo!

TROZKIJ
Findest du mich häßlich?

TROZKAJA
Nein, sie lebt leider nicht mehr.

TROZKIJ
Häst du mich für unförmlich?

TROZKAJA
An Malaria.

TROZKIJ
Für nicht verführerisch?

TROZKIJ
Leider lebt mein Vater auch nicht mehr.

TROZKIJ
Für nicht erotisch?

TROZKAJA
Er wurde erstochen.

TROZKIJ
Für nicht provokatorisch?

TROZKAJA
Aber Blühende Blume! Mein Vater war ein Widerstandskämpfer und kein Strassenräuber.

TROZKIJ
Oder meinst du, dass ich nicht zurückhaltend genug bin?

TROZKAJA
Nein, ich bin ein Entdeckungsreisender.

TROZKIJ
Ich sehe schon, dass du den unendlichen Ozean schneller eroberst als mein Herz.

TROZKAJA
Nein, ich habe keine Geschwister. Meine Eltern wollten noch Kinder, aber meine arme Mutter konnte meinen Bruder nicht gebieren.

TROZKIJ
Oder bist du wegen des Wutes meines Vaters für mich besorgt?

TROZKAJA
Du hast recht! Vielleicht wäre es ein Mädchen geworden.

TROZKIJ
Oder ist es dir wegen deines Ranges verboten, mich zu lieben?

TROZKAJA
Fragst du, was ich gemacht habe, bevor ich Schiffskapitän wurde?

TROZKIJ
Oder ist das deines Glaubens wegen?

TROZKAJA
Zuerst habe ich für Pfarrer gelernt. Dann Spanisch. Dann habe ich den König gedient, dann den Gegenkönig.

TROZKIJ
Ich kann vor dich nicht "so" bleiben.

TROZKAJA
Im Bergwerk?!!! Ich?!!! Wir, die Missionare haben dort nicht gearbeitet.

TROZKIJ
Auf Welkheit determiniert.

TROZKAJA
Ja, aber ich bin nur dreimal gesessen.

TROZKIJ
Ich werde einen für dich einen Sohn auf die Welt bringen, Fremder!

TROZKAJA
Zuerst hat mich der König für sechs Jahren einsperren lassen, aber ich bin entflohen.

TROZKIJ
Willst du gleich zwei?

TROZKAJA
Zum zweiten Mal der Gegenkönig. Diese zwei Jahre habe ich jedoch abgesessen.

TROZKIJ
Oder drei?

TROZKAJA
Zum dritten Mal wieder der König, inzwischen hat er nämlich den Thron zurückbekommen. Meine vorigen zwei Gefängnisjahre hat er jedoch für nichtig erklärt!

TROZKIJ
Aber wenn du mich gar nicht berührst, wirst du von mir nicht einmal eine Tochter bekommen!

TROZKAJA
Nicht doch! Ich bin konsekvent!!!

TROZKIJ
Bei uns ist es so, wenn jemand von einem Fremden schwanger wird, wird das in den Graben der Termiten geworfen.

TROZKAJA
Und zum alle drei Mal aus demselben Grund!!!

TROZKIJ
Und wer gar nicht schwanger wird, wird gesteinigt.

TROZKAJA
Der Verschwörung für den Umsturz der jeweiligen Ordnung wegen.

TROZKIJ
Und wer nicht gesteinigt wird, wird von der Schande getötet.

TROZKAJA
In der Tatsache habe ich nur bekehrt.

TROZKIJ
Deswegen, wenn wir zurückgehen werde ich dich ins Gespräch bringen, Fremder!!!

TROZKAJA
Ich habe allem erzählt, dass die Erde keine flache Platte ist, sondern ein aufgeblasene Rindblase! (sie wird begeistert)

TROZKIJ
Ich werde allem lügen, dass du mich ins Gesträuch hingelockt und mit teuflischen Mitteln betäubt hast, und meine Machtlosigeit ausnützend, mir von deiner Schiffsreise erzählt hast!

TROZKAJA
Und wenn die Erde rund ist, dann können wir auf einem neuen Weg auch zu euch kommen! Und in diesem kann uns niemand verhindern!!

inzwischen erscheint Mercade, mit einem Messer in seiner Hand. Erspricht mit Sylvia, aber das stört Trozkij und Trozkaja nicht

MERCADER
Trozkij ist ein Clown!

SYLVIA
Pst!

MERCADER
Das ist die Anarchie der Bühne! Dieser Pojazer macht eine Pisse aus der Tragödie. Genau das, was er aus der Revolution und aus sich gemacht hat.

SYLVIA
Hör auf!

TROZKAJA
(plötzlich, als würde sie sich verlieben) Ich habe nicht gewußt, woher hätte ich wissen können, dass du existierst, dass du so wunderschön bist. Ich konnte nicht wissen, dass am Ende unserer langen und mühsamen Reise voller Hoffnungen und Qualen, wo unser zerbrechliches Leben auf der Achterbahn der Tage und Nächte gerannt hat, wo wir gedürstet, gefroren und gehungert haben und in der Sonne gesengt wurden, wo wir geglaubt haben, aber schon kaum hoffen konnten, nur in der totalen Aussichtslosigkeit und der Gefangenheit der Stürme und Windstillen geringt haben... (sie kniet zum "Mädchen" runter) ...ich wußte nicht, wie auch hätte ich das wissen können... (legt sich neben ihn, das "Mädchen" zittert) ...dass hier ein Mädchen lebt... (sie beginnt, ihn zu streicheln) ...wer auf mich wartet... (das "Mädchen" zuckt von der Wonnlust) ....wer mich will, wer daran glauben will, woran ich glaube, wer wissen will, woher ich gekommen bin!! Wer wissen will, wie ich zu ihr gekommen bin!! (sie legt das "Mädchen" in ihren Schoß, hält ihren Zeigefinger zu seinem Schlitz) Siehst du, das ist Hispanien!!!

MERCADER
(mit einer Messer in der Hand) Das ist ein Verrückter!

TROZKIJ
Ja!!! Erobere mich, Fremder!!

TROZKAJA
(sie dreht das "Mädchen" vom Rücken auf den Bauch so, dass ihr Finger auf ihr ihren Rücken, Hüfte und Schlitz bleibt) Und sie haben geglaubt, dass nur dieser Weg zu dir führt, Blühende Blume!! (das "Mädchen"genießt es schwelgend) Aber nein! (sie stellt das Drehen des "Mädchens", als ihr Finger ihren Schlitz berührt) Nein!! (sie dreht sie zurück, ihr Finger bleibt auf dem Schlitz) Weil wir in diese Richtung abgefahren sind!!!

MERCADER
Wahnsinniges Tier!

TROZKAJA
Auf einen anderen Weg, den noch niemand betreten ist! (sie dreht ihn)

MERCADER
Und er ließ mich den verschwundenen Matrosen seinen Mörder die ganze Nacht suchen! Ich habe den ganzen Weg misstraut, gesucht und Vorwürfe vorgebracht!

TROZKAJA
(dreht das "Mädchen" so zurück, dass ihr Finger die ganze Zeit ihren Schlitz berürt) Und so sind wir in Indien angekommen!!!

MERCADER
Ich bringe ihn um auch, wenn ich deswegen sterben muß!

TROZKIJ
(keuchend) Fremder, du hast mich zu deiner Frau gemacht!

TROZKAJA
Ich konnte zu dir kommen, weil die Erde rund ist!!! (sie legt sich auf das "Mädchen")

MERCADER
(schleicht nach ihnen) Ich töte ihn! (er tritt einen, verhandelt mich sich) Ich werde das tun! (er tritt einen) Ich muß das tun! (er tritt einen) Ich sollte ihn töten Er ist ein verrücktes Monster. (er tritt einen) Ein unglücklicher, kranker Mensch.

TROZKAJA
Suchen Sie mich, señor Bronstein?

MERCADER
Verzeihen Sie, Don Cristóbal, aber ich habe hier Indianer gesehen.

TROZKAJA
Indianer? Auf diesem Boden?

MERCADER
Es sieht so aus, einige sind noch geblieben.

TROZKAJA
Ich habe Blühende Blume gerade eingeweiht...

MERCADER
Ich gehe sofort, Don Cristóbal.

TROZKAJA
Ich habe sie in unsere Wissenschaft eingeweiht. In die Raumtheorie des Meisters Toscanellis, señor Bronstein!

MERCADER
(er stellt sich still) Die Erde ist rund, Don Cristóbal!

TROZKAJA
Ich habe Sie schon am Tage unserer Abfahrt mit der Führung unseres Geheimdienstes beauftragen.

MERCADER
Das ist die größte Aufgabe meines Lebens, Don Cristóbal.

TROZKAJA
Ich habe Ihnen gesagt, dass einer unserer Matrosen an dieser Nacht ermordet wurde.

MERCADER
Ich habe auf dem ganzen Weg nach dem Täter gesucht, Don Cristóbal.

TROZKAJA
Und?! Haben Sie den verlorenen Mann gefunden?

MERCADER
Ja, ich habe ihn gefunden., Don Cristóbal.

TROZKAJA
(wird sehr überrascht, steht auf) Wollen Sie sagen...?

MERCADER
In meiner heroischen Einsamkeit habe ich die ganze Zeit ihn gesucht, Don Cristóbal.

TROZKIJ
Sind Sie sicher, Bronstein?

MERCADER
Sonst könnte ich gar nicht vor Ihnen stehen, Don Cristóbal.

TROZKAJA
Und sind Sie gekommen, um das zu melden?

MERCADER
Ich bin melden gekommen, aber nicht darüber.

TROZKAJA
Sondern?

MERCADER
Don Cristóbal! Ich, wie ich das Ihnen gesagt habe, war schon einmal in Indien.

TROZKAJA
Mit Ihrem Vater, auf dem Pferd durch China!

MERCADER
Und ich habe dort zweimal ein Jahr verbracht, Don Cristóbal.

TROZKAJA
(sie spürt, dass es um eine schlechte Nachricht geht, ist nervös) Sie waren schon zweimal hier und jetzt sind Sie mit meinem Schiff zum dritten Mal hierhergekommen!

MERCADER
Und ich habe gesagt, dass ich die Sprache des Volkes Indiens spreche.

TROZKAJA
Sie haben mir mehrmals übersetzt.

MERCADER
Aber ich habe keine Perlenschnur, keine Rohrpfeife, kein Knochenschnitzwerk von ihnen. Ich könnte ihre Stammlieder nicht mehr singen, ich könnte ihre Tanze nicht mehr tanzen. Ich könnte die Falle auch nicht mehr so schürzen, wie sie das machen und ich könnte auch das Gebet Jeder Indianer nicht mehr sagen...

Stille

Aber ich bin sicher, dass....

Stille

Don Cristóbal!

Stille

Das nicht Indien ist

Stille

Don Cristóbal! Ich glaube und weiß auch, dass die Landkarte vom Meister Toscanelli die bestmögliche ist! Und, dass die Erde nicht flach, sondern rund ist! Und, dass wir auf dem richtigen Weg abgefahren sind!! Und wir sind in die gute Richtung geschifft... aber.... wir haben uns verirrt, Don Cristóbal.

Stille

Wir haben uns verirrt.

(Ende des ersten Aufzugs)

 

II. Aufzug

Sie warten auf Trozkij. Alle sind unruhig und in Kostümen. Nach einer langen Zeit ruft Trozkaja für ihn

TROZKAJA
Mein Schatz, Leo, wir sind schon in Kostümen!

Stille

SYLVIA
Ich habe es fast vergessen. Der Postmann hat am Nachmittag Geld gebracht, Natalja Sedowa.

TROZKAJA
Die Autorenhonorare?

SYLVIA
Nein, das hat er schon am Donnerstag gebracht. Ich habe den Gärtner davon bezahlen.

TROZKAJA
Gut.

SYLVIA
Die Unterstützung...

TROZKAJA
Wir brauchen keine Unterstützung, Fräulein Ageloff!

SYLVIA
Verzeihung. Aus Deutschland...

TROZKAJA
Wir nehmen keine Gabe aus Deutschland ab!

SYLVIA
Der Ehrenlohn ist heute angekommen, Genossin Trozkaja.

TROZKAJA
Aus der Internationale?

SYLVIA
Wahrscheinlich. Ich habe die ganze Jahresmiete der Ville bezahlen, Natalja Sedowa.

TROZKAJA
Richtig. (sie schreit nach außen) Von uns aus können wir es weitermachen.

Stille

Haben wir die Leibwächter bezahlen, Sylvia?

SYLVIA
Alle zwölf. (die Leibwächter nicken)

TROZKAJA
Die Haushälterin?

SYLVIA
Ich habe ihren Gehalt erhöht.

TROZKAJA
Und den Buchhälter?

SYLVIA
Er lebt sowieso gut aus unserem Geld.

TROZKAJA
Fragen Sie nach dem Kassenbuch, Sylvia.

SYLVIA
Wir haben das mit Ramón schon durchschaut.

TROZKAJA
Richtig. Nach der Probe können Sie mir das zeigen. Wenn es Genosser Mercader aber durchschaut hat, dann muß es in Ordnung sein.

Stille

Von uns aus können wir es weitermachen! (Stille) Ein kleiner Beitrag mag ihm noch eingefallen haben. Eine scheinbar bedeutungslose Einzelheit. Als sowas ihm einfällt, schreibt er das gleich runter.

MERCADER
Ich denke, er korrigiert die ungeschickten Teile. Vor allem die Szene mit Blühender Blume und Kolombus. Diese sieht schon wie eine Posse aus! Und ich bin auch kein richtiger Übersetzter.

TROZKAJA
Ach, nein, Genosser Mercader! Ich sehe an ihm, dass er mit der Übersetzung sehr zufrieden ist. Er muß aber mit seinem neuen Buch bis Ende Oktober fertig sein und er ist erst in der Mitte.

MERCADER
Worum geht es im Werk, Genossin Trozkaja?

TROZKAJA
Es handelt vom Teufel, Genosser Mercader.

MERCADER
Wir, Marxisten glauben am Teufel nicht...

TROZKAJA
Das ist nur deswegen so, weil Sie noch jung sind, Genosser Mercader. Als ich so jung war, habe ich auch nicht geglaubt. Sogar, Leo Dawidowitsch auch nicht.

SYLVIA
Ramón!

MERCADER
Ja, Sylvia?

SYLVIA
Leo Dawidowitsch schreibt von Stalin.

MERCADER
Von Stalin?

SYLVIA
"Von der Nähe"

MERCADER
Es ist sehr gefährlich, von Stalin sogar von der Ferne schreiben, meine Sylvia.

SYLVIA
Das ist der Titel, du Eselchen! Der Titel des neuen Buches Genossen Trozkijs wird: "Josif Stalin von der Nähe". Meiner Meinung nach hat er seinen Lohnmörder deswegen im Mai nach ihm geschickt. Und wenn Stalin ein Kommunist wäre, dann wurde er seine Attentäter noch Hitler schicken und nicht nach Lew Dawidowitsch.

TROZKAJA
Sylvia! Hitler ist gefährlich nur für die Sowjetunion und...

SYLVIA
Und für ganz Europa!

TROZKAJA
...für die Welt! Aber Trozkij ist gefährlich für Stalin selbst.

SYLVIA
Aber warum, Natalja Sedowa?

TROZKAJA
Weil er ihn kennt.

SYLVIA
Was? Seine Vergangenheit? Seine Eigenschaften? Oder was?

TROZKAJA
Sein Wesen. Und... es ist möglich, dass ich das mir nur einrede, aber ich habe immer öfter das Gefühl, dass ich nicht mit dem Feind Stalins zusammenlebe, sondern mit...

SYLVIA
Mit ihm selbst?

TROZKAJA
Ich fühle das immer öfter, Sylvia. Ich habe das Gefühl, als würde er nicht mit mir leben, sondern wäre er in aller seiner Gedanken und Träumen mit ihm. Als hätte er sich in seinem maßlosen Haß an ihn ...anglichen.

SYLVIA
Er wäre der Andere...

TROZKAJA
Das habe ich nicht gesagt!!!

SYLVIA
Doch...

TROZKAJA
Verdrehen Sie meine Worte nicht, Fräulein Ageloff!!!

MERCADER
(will Sylvia schützen) Ich glaube, nicht nur Stalin, sondern auch Genosser Trozkij betrachtet Hitler nicht als Feind der Welt. Und wenn ein jüdischer Kommunist nicht weiß, wer...

TROZKAJA
Mercader!!!

MERCADER
Natalja Sedowa! Ich denke, nicht nur die Ehepaare beginnen nach dem langen Zusammenleben einander zu ähneln, sondern die Feinde auch.

TROZKAJA
Woher nehmen Sie den Mut, meinen Mann zu...

MERCADER
Sie haben ihn mit ihm verglichen, Genossin Trozkaja! (Trozkij tritt ein, er trägt das Kostüm von Torquemada, das sehr groß für ihn ist) Es sieht so aus, dass in diesem Land jeder für Maskenball begeistert ist.

TROZKIJ
(verletzt) Maskenball?

SYLVIA
(sie lügt, um die Lage zu retten) Wir haben über Siqueiros gesprochen, Lew Dawidowitsch. Dass er Sie in Majorenkleidung verkleidet angegriffen hat.

TROZKAJA
Dich! Den Oberbefehlshaber der Roten Armee!

TROZKIJ
Ich war nur der Oberbefehlshaber.

SYLVIA
Aber sie haben die Flucht ergriffen, Lew Dawidowitsch.

TROZKIJ
Ja, das wurde nach der neuesten Pariser Mode genäht und jedoch ist es zeitgetreu. Nicht wahr, meine Natascha?

TROZKAJA
Natürlich, mein Schatz, wenn es nicht eng ist...

TROZKIJ
Das ist sportlich!

Stille

Na gut! Es ist locker. (Stille) In letzter habe ich etwas abgenommen. Aber der Hauptinquisitor soll nicht fesch sondern böse sein! Nicht war, Natascha?

TROZKAJA
Eigentlich ist das nur eine Probe, mein Schatz. Hauptsache ist, dass der Mantel für den echten Torquemada an der Uraufführung passt, nicht wahr, Genosser Mercadez?

TROZKIJ
Mercader, mein Schatz!!! Ich habe das dir schon gesagt: Vorne "r", hinten "r", Ramón Mercader!

MERCADER
Sie haben recht, Natalja Sedowa. Das ist nur eine Probe. Aber ich interpretiere das Wort "nur", dass es eine Möglichkeit ist...

SYLVIA
Mach dich nicht immer wichtig, Ramón! Du hast schon einmal gesagt, dass bevor du das Stück ins Comedia Mexicana mitnimmst, Genosser Trozkij einige Textteile verändern kann.

MERCADER
Oder sogar die Handlung auch!

TROZKIJ
(spricht von seinem Kostüm) Seien Sie ehrlich, Genosser Mercader! Wie finden Sie es?

MERCADER
Also... eigentlich... so plötzlich...ich weiß nicht...

TROZKIJ
(hängt das Kreuz an seinen Hals) Wissen Sie, was das Problem mit Ihnen, unreifen Kommunisten ist?! Sie können, wie die Gläubigen, nur in Rabbis, Popen, Bischofen und in anderen Heiligkeiten denken. Anstatt dieser sollten Sie das Individuum, das immer entwickeln kann und will, die kleinste Zelle der sich immer erneuernden Gesellschaft in sich sehen. Das Individuum, das nicht unfehlbar ist! Das sich von Belehrung aus seinen Fehlern, von den konstruktiven Kritiken anderer weiterentwickelt, wodurch die Welt, die immer in Bewegung steht, der permanent pulsierende Revolutionarismus Daseinsberechtigung gewinnt und triumphieren kann!

SYLVIA
Ich notiere es sofort, Leo Dawidowitsch. (sie schreibt)

MERCADER
Die Definitionen strömen aus Ihnen, Genosser Trozkij!

TROZKAJA
Ein Kommunist flammt immer, Genosser Mercader. Und wer brennt, der strahlt nicht nur Wärme.. (sie umarmt ihren Mann) ...sondern auch Licht aus.

TROZKIJ
(seine Verwirrung deckend) Also, Mercader, wie gefällt es Ihnen? Aber ehrlich!

MERCADER
Alles, was Sie berühren, ist die Anarchie selbst. Mit Ihren ewigen Rollen-wechseln ruinieren Sie fließend und konsequent Ihr Drama. Sie sehen es nicht oder wollen nicht einsehen, dass Sie die Gattung verfehlt haben. Sie glauben daran und richten es besessen aus, dass Ihr Kolombus eine komische Figur ist, die den Weg verloren hat. Sie formen und verzerren dieses Porträt um Ihr Theater zu beleben, wodurch Sie diese dramatische Vision zu einem Schwank verabzehren. Was Sie in Ihrer Jugeng spontan entdeckt haben, aber als reifer Mann nicht entwickeln können...

SYLVIA UND TROZKAJA
Aber Mercader!!! (Stille)

TROZKIJ
Ich habe Sie von meinem Kostüm gefragt und Sie erklären mir etwas von Kolombus.

MERCADER
Fragen Sie mich also, wie Ihnen der Mantel Torquemadas steht?

TROZKIJ
Also?

MERCADER
Es ist zu groß. (Stille)

TROZKAJA
Genosser Mercader meint, dass dieser Manter nicht für dich, sondern für einen größeren Mann gemacht wurde, mein Schatz!

SYLVIA
Ramón ist so groß und von ihm wurde Maß genommen, Leo Dawidowitsch.

LEIBWÄCHTER I.
Das ist ein feiner Stoff... (er berührt den Stoff) ...Leinen!

LEIBWÄCHTER II.
Und die Naht auch... (er sieht es) .. . Handwerksarbeit!

LEIBWÄCHTER III.
Und die Farbe! Sie ist so würdevoll!

TROZKIJ
Ich weiß nicht, Genosser Mercader! Können wir es weitermachen oder kaprizieren Sie sich noch?

MERCADER
(er würde widersprechen, aber Sylvia winkt ihn ab) Also! Torquemada contra Cristóbal! (alle würden der Predikation zuhören. Gewimmel, alle warten um Trozkij-Torquemada)

TROZKIJ
Ich habe Sie nicht gebeten, um die Szene zu veranstalten, ich habe nur gefragt, ob Sie fertig sind.

MERCADER
(er ist böse, aber Sylvia winkt ihn ab) Verfügen Sie über mich, Genosser Mercader!

TROZKIJ
Richtig! (er hebt das Kreuz auf, die murmelnde Menge wird still davon. Plötzlich fällt ihm etwas ein, er legt das Kreuz hin) Ich weiß nicht, ob es euch auch aufgefallen ist, was für ein Glück ich haben kann, mein Schatz, Natascha. Ich kann erleben, was Goethe erlebt hat. Er hat es in seinem Krankenbett geschrieben, dass es ein riesengroßes Glück ist, wenn man sich etwas in seiner Jugend vorstellt, in seinem ganzen Leben reift und es am Ende seines Lebens runterschreiben kann und für die Zukunft als Erbe hinterlassen kann.

MERCADER
Ich mag den Faust nicht, Genosser Trozkij. Er schätzt die unterdrückten Volksklassen unter.

TROZKIJ
Ich habe ihn nur als Beispiel genommen. Und nicht mit Goethe, sondern nur mit seiner Lage, die sich in diesem Hinsicht meiner ähnelt...

TROZKAJA
Du hast nicht recht, mein Schatz! Goethe war achtzig Jahre alt, als er es beendet hat.

TROZKIJ
Ja. Und ich...

MERCADER
(ahnungsvoll) Und Sie werden es schon heute beenden, Genosser Trozkij.

TROZKIJ
(ist erschreckt) Wie, bitte?

MERCADER
Unser Drama.

TROZKIJ
Ach so. Entschuldigen Sie, aber die letzte Schießerei hat mich etwas misstraurisch gemacht. Eigentlich auf die Wirkung dieser habe ich mit dem Schreiben meines neuen Buches "Josif Stalin von der Nähe" angefangen. Oder schon früher? Aber worüber... (er denkt nach)

MERCADER
Von Ihrem Glück, Genosser Trozkij.

TROZKIJ
Ach so! Was für ein Glück ist es...

TROZKAJA
Mein Schatz! Wir wissen es! Dass du es nach Jahrzehnten umschreiben kannst...

TROZKIJ
Und ich schreibe es um! Ich streiche die Szene mit Torquemader aus. (Stille)

TROZKAJA
Du streichst das aus?

TROZKIJ
Mit einem einzigen Federstrich, mein Schatz!

MERCADER
Gerade die mit Torquemader?

TROZKIJ
So, dass kein Spur davon bleibt!

TROZKIJ
Aber...das ist der Motor des ganzen!

MERCADER
Das Ausgangspunkt der ganzen Handlung!

TROZKAJA
Die Legalisierung der Verbannung der Fremden!

MERCADER
Und ihre Veröffentlichung! Davon ist das ganze lebend, aktuell und antifaschistisch!

TROZKIJ
Macht es nicht schöner! 1942 wurden die Juden verbannt! Fremden! Es gibt keine Fremden! Es gibt nur Juden!! Das Gesetz ist nur ein Stempel auf das Papier! Der Haß ist das echte Gesetz! Dieses schöpft später die Ideologie auch. Und das Gesetz auch. Der Haß! Torquemada ist nur der Ausführer und nicht der Theoretiker des Judengesetzes! (wechselt das Thema) Es ist komisch, aber meine Feinde verkleinern mich auch zu einem Theoretiker. Es geht jedoch nur darum, dass eine Sache auf zwei Weisen gedient werden kann. Es gibt Leute, die ausführende Typen sind. Zu denen hat auch Trozkij gehört... Nein, nicht ich, sondern mein Kerkermeister, von dem ich meinen späteren Namen geliehen habe. Du weißt schon, meine Natascha, ich habe von ihm schon viel erzählt, er konnte morgens riesengroße Ohrfeigen geben. Der andere Typ ist so... wie zum Beispiel... ich. Er schöpft die Daseinsberechtigung der Taten der Ausführer... Also, die Hauptsache ist, dass die Szene Torquemadas ausfällt.

MERCADER
Und... wenn Sie es ohne Mantel spielen würden, Genosser Trozkij?

TROZKIJ
Eigentlich bestehe ich auf diese Rolle nicht.

TROZKAJA
Mein Schatz!

TROZKIJ
Ja?

TROZKAJA
Bitte, spiele eine Rolle, die zu dir passt...nicht, als könntest du nicht alle formen!

TROZKIJ
(ist verletzt) Was verstehst du darunter, dass zu mir passt?

MERCADER
(damit er den Streit beendet) Ich habe Sie wegen einer diskreten Angelegenheit rufen lassen, señor Bronstein.

TROZKIJ
(Stille, er wechselt) Sie verbinden mich, Don Cristóbal.

MERCADER
Schon vor unserer Abfahrt ist der Gedanke in mich aufgetaucht, dass ich unseren Geheimdienst gründen sollte, aber ich hatte Angst, dass seine Veranstaltung nicht unserer Sicherheit dienen, sondern unseren Argwohn verstärken würde. Das Leben, besser gesagt, der Tod hat aber bewiesen, dass wir die Abwehr trotzdem organisieren müssen.

TROZKIJ
Ich kann Ihre Entscheidung nur billigen, Don Cristóbal. Es ist besser, Angst zu haben, als uns zu erschrecken.

MERCADER
(er versteht das nicht, ist mißtraurisch)

TROZKIJ
Das ist nur ein Sprichwort...

MERCADER
Ich beauftrage Sie mit der Führung dieses Geheimdienstes.

TROZKIJ
Die Erde ist rund, Don Cristóbal!

MERCADER
In der Nacht ist nämlich einer meiner Matrosen verschwunden.

TROZKIJ
Er wurde wahrscheinlich ins Wasser gestoßen, Don Cristóbal!

MERCADER
Aber die Wache sagt, dass niemand ins Wasser gefallen sei.

TROZKIJ
Dann muß er auf dem Schiff sein, Don Cristóbal!

MERCADER
Und der Mörder auch.

TROZKIJ
Der Feind ist unter uns, Don Cristóbal!

MERCADER
Señor Bronstein! Suchen Sie jeden Winkel durch! Hören Sie jedes Gespräch ab! Beobachten Sie jeden Schiffsmann! Finden Sie den verschwundenen Mann! Wenn Sie ihn finden, dann melden Sie es! In dieser Angelegenheit sprechen wir nicht mehr miteinander, nur, wenn Sie ihn gefunden haben!

TROZKIJ
Ich werde ihn finden, Don Cristóbal. Ich schwöre, dass ich ihn finden werde!

jeder macht seine Arbeit auf dem Schiff, auch Trozkij-Bronstein. Er geht auf dem Verdeck und schaut unter alles. Jeder und alles ist verdächtig für ihn, deswegen kann der Schauspieler, der Trozkij spielt, viel improvisieren

SYLVIA ALS ALVAREZ
Gomez! (Trozkij geht ihm näher, er beobachtet ihn)

MERCADER ALS PERLEN-FISCHER GOMEZ
Die Erde ist rund, señor Alvarez!

SYLVIA
Warst du schon auf dem Meeresboden?

MERCADER
Als die anderen noch alle geschlafen haben, señor Alvarez.

SYLVIA
Hat dich niemand untertauchen gesehen?

MERCADER
Ich habe die Wache betrunken gemacht, señor Alvarez.

SYLVIA
Und hattest du Erfolg?

MERCADER
Sogar zweimal, señor Alvarez.

SYLVIA
Und auf dem Rückweg?

MERCADER
Sie haben langsam schon erwacht, señor Alvarez.

SYLVIA
Aber haben sie dich nicht gesehen?

MERCADER
Niemand...

SYLVIA
Bist du sicher?

MERCADER
Garcia hat sich gerade auf der Reling gestreckt, aber ich habe ihm davon gegeben, also er wird nicht sprechen, señor Alvarez.

TROZKIJ
(er schreibt das auf) Garcia als Zeuge!

SYLVIA
Und wieviel willst du?

MERCADER
Zehn Prozent, señor Alvarez.

SYLVIA
Dein Schweigen ist ein Bißchen teuer, Gomez!

MERCADER
Soviel in der Natur, damit ich essen kann, señor Alvarez. Und die andere zehn in Gold, damit ich schweige.

SYLVIA
(sie nimmt Geld vor) Du bist ein Schacherer, Gomez.

MERCADER
Nur ein Lohnfischer, señor Alvarez.

SYLVIA
Wenn das Don Cristóbal erfahren würde...

MERCADER
Wir wären beide verurteilt. Obwohl..

SYLVIA
Dann...?

MERCADER
Ich würde das ganze abschwören.

SYLVIA
Und ich würde das dir unterstellen! Na, hier mit der Ware, dann geh auf deine Weg!

TROZKIJ
(mit einer Pistole in der Hand) Im Namen des Schiffsrates!

SYLVIA
Maria-Magdalena.

TROZKIJ
Ich warne dich, dass ich jedes deiner Worte gegen dich verwenden kann! (er schreibt) Maria und Magdalena. (Mecader springt ins Meer) So steht es also.

SYLVIA
Was suchst du hier, Bronstein?!

TROZKIJ
Ich glaube, ich habe es schon gefunden. Aber jetzt frage ich. Was habt ihr mit dem Perlenfischer Gomez ausgekocht?

SYLVIA
Noch nichts, aber...

TROZKIJ
Aber du bekennst es?

SYLVIA
Wir essen doch immer zusammen zu Mittag, Bronstein!

TROZKIJ
Darüber, was du kochst, habe ich gar nicht gesprochen. Was ist in diesem Sack?

SYLVIA
(sie berichtigt) Das ist ein Garn und kein Sack!

TROZKIJ
Und was gibt es drin?

SYLVIA
Muscheln.

TROZKIJ
Und was noch?

SYLVIA
Schnecken.

TROZKIJ
(ekelt sich) Nichts anderes?

SYLVIA
Polype.Quallen, Seegras, Alge.

TROZKIJ
Du weißt am besten, was ich suche, Alvarez!

SYLVIA
Ich weiß. (lustig) Du warst schon immer begeistert für Haifischflosse! ich habe das auch!

TROZKIJ
Den Hai habe ich schon gefangen, Alvarez, nur sein Opfer fehlt noch. Aber ich glaube, ich habe das auch gefunden!! (er nimmt das Garn weg von ihr) Ich habe es!!

SYLVIA
Aber was gebe ich den Matrosen zu Mittag, wenn du...?

TROZKIJ
Zu Mittag?! Das ist der Höhepunkt der Verworfenheit. Er tötet es und füttert sein Opfer mit seinen Kameraden.

SYLVIA
Aber warum, Bronstein? Schmeckt es dir nicht?

TROZKIJ
Schmecken...?

SYLVIA
Das Mittagessen. Zum Beispiel das gestrige, Hirn á la Abd al-Malik Omajad.

TROZKIJ
Kochst du das Mittagessen jeden Tag aus ihm?

SYLVIA
Um einen Aufstand zu verhindern.

TROZKIJ
Du fütterst uns aus einem Ertrunkenen?

SYLVIA
Lebend kann ich es euch ja nicht geben.

TROZKIJ
(er schaut ins Garn hinein) Was ist das?!!

SYLVIA
Das heutige Mittagessen.

TROZKIJ
Essen wir heute Raupenbraten?!!

SYLVIA
Das ist Muschel á la Abd al-Malik Omajad. Heute nenne ich das so.

TROZKIJ
(er ekelt sich, gibt es zurück) Du! Alvarez!

SYLVIA
Sag es, Bronstein!

TROZKIJ
Gibt es wirklich Muscheln drin?

SYLVIA
Und Schnecken und...

TROZKIJ
(winkt sie ab) Und ich habe schon gedacht, dass du diesen Seemann umgebracht hast.

SYLVIA
Wenn du mich gefragt hättest, hätte ich dir das gesagt.

TROZKIJ
Du bist nett, Alvarez. Ich dachte schon, du kochst Menschenfleisch...

SYLVIA
Du bist mein Freund, Bronstein.

TROZKIJ
Es ist gut zu hören, Alvarez. Und überhaupt, es ist gut, mit dir zu reden. Ich sehe, dass sich auch andere gern mit dir unterhalten.

SYLVIA
Das ist mir auch aufgefallen. Als ich noch ein Schiffszimmermannn war, waren die Leute misstraurischer zu mir. Aber als Don Cristóbal mich zu Ernährungsadmiral ernannt hat, wurden sie viel offener.

TROZKIJ
Auch der Perlenfischer, Gomez?

SYLVIA
Er war der Erste.

TROZKIJ
Also, nicht als ob es mich beschäftigen würde, aber was hat Gomez über mich gesagt?

SYLVIA
Gomez?

TROZKIJ
Natürlich interessiert es mich nicht besonders.

SYLVIA
Er hat mir eine Wette empfohlen.

TROZKIJ
Hat Gomez so viel Geld?

SYLVIA
Ich denke, er war nur sicher in seiner Sache. Er hat nämlich gesagt: Wetten wir, señor Alvarez, dass señor Bronstein Sie fragen wird, was ich von ihm gesagt habe.

TROZKIJ
(ist empört, aber er verbirgt das) Und du?

SYLVIA
Ich habe geantwortet, dass du an Gerüchten nicht interessiert bist.

TROZKIJ
Richtig! Und was hat er gesagt?

SYLVIA
Er hat gesagt, dass eine Flasche Wein der Einsatz sei!

TROZKIJ
Und du?

SYLVIA
Ich habe das zurückgewiesen.

TROZKIJ
Danke, Alvarez.

SYLVIA
Du weißt ja, dass ich Schnaps trinke. Ich kann nicht einmal den Geruch des Weines ausstehen.

TROZKIJ
Vielleicht warst du zu streng mit ihm. Aber du hast recht gehabt. (er improvisiert. Er sucht herum, untersucht alles. Inzwischen stiehlt er die Dose von Alvarez. Er versucht es, sie zu öffnen, aber es gelingt ihm nicht. Er bemerkt, dass die Leibwächter I. und II. ein Geschütz ins Meer stoßen wollen.)

TROZKIJ
In Namen des Schiffsrates!

LEIBWÄCHTER I. UND II.
Die Erde ist rund, señor Bronstein!

TROZKIJ
Bis ihr unter Anklage steht...

LEIBWÄCHTER I.
(schaut nach oben, er versteht nicht, worunter er steht)

TROZKIJ
...dürft ihr unsere Symbole nicht verwenden.

LEIBWÄCHTER I.
Und wir dürfen Sie nicht anreden, señor Bronstein!

TROZKIJ
Und ihr dürft nur meine Fragen beantworten!

LEIBWÄCHTER I.
Wir dürfen nur die Fragen Don Cristóbals beantworten, wir handeln jetzt nämlich seinem persönlichen Rat zufolge.

TROZKIJ
Saboteure! Etwa leugnet ihr, dass ihr unser Selbstverteidigungsgeschütz ins Meer werfen wolltet?

LEIBWÄCHTER I.
Auf den persönlichen Befehl Don Cristóbals!

TROZKIJ
Leugnet ihr, dass ihr Don Cristóbal als Anzettler bezeichnet habt?

LEIBWÄCHTER I.
(er würde antworten, aber wird unsicher. Spricht zum Leibwächter II.) Du!

LEIBWÄCHTER II.
Ja?

LEIBWÄCHTER III.
Sag schon du auch etwas!

MERCADER
(er kommt) Was ist hier los?

TROZKIJ
Sabotage, Don Cristóbal! Diese zwei Agente wollten unser Selbstverteidigungsgeschütz ins Meer stoßen, um unsere Verteidigungsmöglichkeiten zu schwächen! Und!!

MERCADER
Und?

TROZKIJ
(er hat Angst, auszusagen) Sie haben Sie verleumdet, Don Cristóbal!

MERCADER
(er winkt den Leibwächtern, sie gehen weg) Señor Bronstein. Wenn Sie der Kapitän der Santa Maria wären...

TROZKIJ
(errötet, weist es ab) Ach nein...

MERCADER
Ich habe "wenn" gesagt. Was würden Sie dann lieber auf den langen Weg mitnehmen? Geschütze oder Mehl?

TROZKIJ
Mehl, Don Cristóbal!

MERCADER
Und warum?

TROZKIJ
Ein Aufstand kann damit...ja, aber nicht nur damit...

MERCADER
Also?

TROZKIJ
Beides, Don Cristóbal!

MERCADER
Und was haben wir mitgebracht?

TROZKIJ
Geschütz, Don Cristóbal.

MERCADER
Ja, señor Bronstein! Beides!!! Und warum haben wir sowohl Geschütz als auch Mehl mitgebracht?

TROZKIJ
Tja...

MERCADER
Ja, señor Bronstein! Damit wir Wahlmöglichkeit haben! Und was haben wir gewählt?

TROZKIJ
Tja..

MERCADER
Ja, señor Bronstein! Wir werfen die Geschütze ins Meer, um das Schiff zu erleichtern. Stellen Sie sich mal vor, wie wäre es, wenn die Santa Maria mit Lebensmittel vollgepackt wäre!

TROZKIJ
Ja, es ist nicht einfach zu vorstellen.

MERCADER
Na, sehen Sie? Wir hätten keine Wahlmöglichkeit. Aber jetzt haben wir. Verstehen Sie mich schon, señor Bronstein?

TROZKIJ
(er versteht das nicht) Natürlich...Don Cristóbal. Dann müssten wir zwischen Mehl und Mehl wählen, aber jetzt zwischen Geschütz und Geschütz...ja...ich verstehe. Die Wissenschaftstheorie von Toscanelli ist die zeitnaheste, Don Cristóbal.

als Mercader weggeht, kommt Sylvia

SYLVIA
Danke, Bronstein, dass du mich nicht verraten hast.

TROZKIJ
Das ist selbstverständlich, Alvarez. Wir werden einander ja nicht anzeigen.

SYLVIA
Du bist ein braver Kerl, aber im Ernst. Wenn Sie wissen würden, was sie essen!

TROZKIJ
Sag nicht dank! Hilf...schließlich warst du ja Wagner und Schiffszimmermann, bevor du Admiral wurdest... Hilf mir lieber meine Dose zu öffnen. (er gibt die Dose ihm)

SYLVIA
Du! Bronstein! Ist das nicht meine Dose?

TROZKIJ
Sie sieht nur ähnlich aus. Jeder von uns hat ja so eine Dose!

SYLVIA
Aber ihre Ecke. Ein Stück ist runtergebrochen.

TROZKIJ
Denkst du, dass ich deine eigene Dose mit dir öffnen lassen würde?

SYLVIA
Ja, du hast recht.

TROZKIJ
Also? Hilfst du mir?

SYLVIA
Natürlich. Aber wieso öffnest du das nicht mit deinem eigenen Schlüssel?

TROZKIJ
Ich habe ihn verloren.

SYLVIA
Du hast den Schlüssel deiner Dose verloren?

TROZKIJ
Gestern im Sturm!

SYLVIA
Und was gibt es drin?

TROZKIJ
Was? Was würdest du in deiner Dose halten, Alvarez?

SYLVIA
Mein Tagebuch. Meine Aufzeichnungen und meine Briefe. Und du?

TROZKIJ
Ich?

SYLVIA
Also, was?

TROZKIJ
Ich...ich würde den Ersatzschlüssel in ihr halten.

SYLVIA
(sie nimmt einen Klammer in die Hand um die Dose aufzusprengen, weicht aber plötzlich zurück) Du! Bronstein!

TROZKIJ
Ja?

SYLVIA
Wenn ich deine Dose aufsprenge...

TROZKIJ
Ja...

SYLVIA
Damit du den Ersatzschlüssel haben kannst....um mit dem die Dose schließen zu können...dann...

TROZKIJ
Dann?

SYLVIA
Das Schloß geht dann kaputt und du kannst es nie mehr schließen. Und dann wirst du den Ersatzschlüssel auch nicht brauchen, mit dem du das schließen könntest..

TROZKIJ
(ämtlich) Señor Alvarez!

SYLVIA
Die Erde ist rund, señor Bronstein!

TROZKIJ
Haben Sie Ihre Meldung schon über den heutigen Mittagessenausweis abgegeben?

SYLVIA
Ich will es gerade jetzt schreiben, señor Bronstein!

TROZKIJ
Und die gestrige?

SYLVIA
Ich schreibe sie gleich für die ganze Woche, señor Bronstein! (er geht weg)

TROZKIJ
(er versucht, die Dose mit dem Klammer aufzusprengen) Sein Tagebuch wird zeigen, ob er es war! (die Dose zerbricht. Etwas fällt heraus. Er hebt das auf, schaut es an) Der Ersatzschlüssel von Alvarez...

plötzlich klettert er auf den Mast hinauf und fängt an zu zählen

TROZKIJ
(zu den Felsen) Wir sind zu neunundneunzig abgefahren.

ECHO
(leise) Wir sind zu neunundneunzig abgefahren.

TROZKIJ
...aber siebenundzwanzig sind an Skorbut gestorben...

ECHO
...aber siebenundzwanzig sind an Skorbut gestorben...

TROZKIJ
...und vier an Gelbfieber.

ECHO
...und vier an Gelbfieber.

TROZKIJ
Wir haben also das Ufer also zu achtundsechszig erreicht.

ECHO
Wir haben das Ufer also zu achtundsechszig erreicht.

TROZKIJ
Aber nicht!

ECHO
Aber nicht!

TROZKIJ
Ein Matrose ist ja schon bei der Abfahrt verschwunden.

ECHO
Ein Matrose ist ja schon bei der Abfahrt verschwunden.

TROZKIJ
Dann siebenundsechszig.

ECHO
Dann siebenundsechszig.

TROZKIJ
Daraus ich, das ist sechsundsechszig.

ECHO
Daraus ich, das ist sechsundsechszig.

TROZKIJ
Daraus Don Cristóbal, das ist fünfundsechszig.

ECHO
Daraus Don Cristóbal, das ist fünfundsechszig.

TROZKIJ
Daraus Alvarez, das ist vierundsechszig.

ECHO
Daraus Alvarez, das ist vierundsechszig.

TROZKIJ
Daraus die zwölf Leibwächter Don Cristóbals, das ist zweiundfünfzig.

ECHO
Daraus die zwölf Leibwächter Don Cristóbals, das ist zweiundfünfzig.

TROZKIJ
Daraus die dreißig Umerzieheroffiziere von Alvarez, das ist zweiundzwanzig.

ECHO
Daraus die dreißig Umerzieheroffiziere von Alvarez, das ist zweiundzwanzig.

TROZKIJ
Daraus die zweiundzwanzig Mitglieder der Wache, das ist... Natascha!!! Ich habe es gefunden! (er rutscht vom Mast runter und bricht damit die ganze Szene unter) Mein Schatz Natascha!!

TROZKAJA
(erschrocken) Was hast du, mein Schatz?

TROZKIJ
Ich habe es ja gefunden! Ja! Nur diese Angabe hat gefehlt und es ist mir eingefallen! (er geht nach außen) Ich gehe! Ich muß es sofort aufschreiben! (er geht hinaus)

TROZKAJA
Was ist dir eingefallen, Schatz?

TROZKIJ
(er schreit es von außen) Er hat einen Postwagen ausgeraubt!

TROZKAJA
Was?!

TROZKIJ
Einen Postwagen! Du weißt schon! Er!

TROZKAJA
Ach so! Stalin. Aber die Beute hat er in die Kasse der Partei eingezahlt.

TROZKIJ
Zweiundneunzig Rubel, mein Schatz! Zweiundneunzig! Aber die Zeitungen haben geschrieben, dass die Beute hundertdrei Rubel war! Hundertdrei! Hundertdrei!!!

TROZKAJA
(ihr Mann tut ihr Leid, sie schüttelt den Kopf. Dann springt sie plötzlich auf klettert auf den Mast hinauf. Jetzt spielt sie Bronstein.)

TROZKAJA
Wir sind neunundneunzig abgefahren.

ECHO
Wir sind neunundneunzig abgefahren.

TROZKAJA.
..aber siebenundzwanzig sind an Skorbut gestorben...

ECHO
...aber siebenundzwanzig sind an Skorbut gestorben...

TROZKAJA
...und vier an Gelbfieber.

ECHO
...und vier an Gelbfieber.

TROZKAJA
Wir haben das Ufer nur achtundsechszig erreicht.

ECHO
Wir haben das Ufer nur zu achtundsechszig erreicht.

TROZKAJA
Aber nicht!

ECHO
Aber nicht!

TROZKAJA
Ein Matrose ist angeblich schon bei der Abfahrt verschwunden.

ECHO
Ein Matrose ist angeblich schon bei der Abfahrt verschwunden.

TROZKAJA
Dann siebenundsechszig.

ECHO
Dann siebenundsechszig.

TROZKAJA
Daraus die dreiundzwanzig Mitglieder der Wache, das ist vierundvierzig.

ECHO
Daraus die dreiundzwanzig Mitglieder dre Wache, das ist vierundvierzig.

TROZKAJA
Daraus die dreißig Umerzieheroffiziere von Alvarez, das ist vierzehn.

ECHO
Daraus die dreißig Umerzieheroffiziere von Alvarez, das ist virzehn.

TROZKAJA
Daraus die zwölf Leibwächter Don Cristóbals, das ist zwei.

ECHO
Daraus die zwölf Leibwächter Donn Cristóbals, das ist zwei.

TROZKAJA
Daraus Alvarez, das ist eins.

ECHO
Daraus Alvarez, das ist eins.

TROZKAJA
Daraus Don Cristóbal, das ist...

ECHO
Daraus Don Cristóbal, das ist...

TROZKAJA
Das ist...

ECHO
Das ist...

TROZKAJA
Das ist...

ECHO
Das ist...

TROZKAJA
Mensch!

ECHO
Mensch!

TROZKAJA
Wo bist du?!

ECHO
Wo bist du ?!

TROZKAJA
Wer bist du?

ECHO
Wer bist du?

TROZKAJA
Ich suche dich!!

ECHO
Ich suche dich!!

TROZKAJA
Mensch!!

ECHO
Mensch!!

TROZKAJA
Mensch!!

ECHO
Mensch!!

TROZKAJA
(sie kommt darauf, dass sie sich selbst gesucht hat. Leise) Geschwister...

ECHO
(schweigt)

TROZKAJA
Ich habe dich!

ECHO
(schweigt)

TROZKAJA
Ich habe dich gefunden!!!

ECHO
(schweigt)

TROZKAJA
Bronstein...

Stille. Die Leibwächter, Sylvia und Mercader beklatschen die vom Mast runter kletternde Trozkaja. Zuerst Sylvia, dann Mercader umarmt sie während Gratulationen. Trozkij rennt herein und er ist sowohl als Schauspieler als auch als Mann eifersüchtig.

TROZKIJ
Meine Natascha!

TROZKAJA
(sie läßt Mercader los) Hast du es runtergeschrieben, mein Schatz?

TROZKIJ
Seit wann ist dieses... seit wann probt ihr, Natascha, mein Schatz?

TROZKAJA
Du bist eine halbe Stunde nach dem Anfang gekommen, mein Lew.

TROZKIJ
(schaut Mercader an) Und wievielte gemeinsame Probe ist das?

TROZKAJA UND ZUSAMMEN
Die erste, mein Schatz.

MERCADER
Die letzte, Genosser Trozkij.

TROZKIJ
(zu seiner Frau) Ich mag es nicht, wenn ihr ohne mich probt, meine Natascha.

TROZKAJA
Du hast recht, mein Schatz. Wir hätten auf dich warten müssen.

TROZKIJ
Übrigens, du solltest ihn nicht schützen!

TROZKAJA
Aber wen, mein Schatz?

TROZKIJ
Ich kann mich gut erinnern! Er hat zweiundneunzig Rubel in die Bolschevistische Hilfskasse eingezahlt. Aber er hat hundertdrei geraubt! Hundertdrei, mein Schatz!

jeder macht wieder seine Arbeit. Sie steuern das Schiff, zimmern, räumen auf, stehen an der Wacht, fischen, ziehen die Segel nach oben und nach unten, usw. Die Hintergrundszene ist ziemlich bewegungsvoll. In der Mitte steht ein umgekehrter Schaff.

MERCADER
Ich wollte Sie schon früher auch fragen, señor Bronstein, ob Sie die Handbecken-Theorie kennen?

TROZKIJ
Es ist eine beliebte Programmnummer der Zirkusproduktionen, Don Cristóbal.Man setzt einen Clown in einen umgekehrten Schaff, der unter das Wasser gedrückt und nach einer Zeit von zehn Vaterunsern aufgeheben wird und das Publikum ist begeistert. Die Luft, die im Schaff geblieben ist, läßt den Clown nicht ertrinken. Man darf den Schaff nur nicht zu tief runterlassen, denn er der Auftriebkraft wegen umkehren kann. Die Schaffsclowns haben deswegen ein ziemlich kurzes Leben.

MERCADER
Ich halte das für sehr bedauernswert, señor Bronstein, dass von der wissenschaftlichen Axiome des Meisters Toscanelli Ihnen die Schausteller von Barcelona einfallen!

TROZKIJ
Die Erde ist rund, Don Cristóbal!

MERCADER
Ich weiß, dass es schon Ihnen auch eingefallen ist, ich will nicht, dass Sie mich missverstehen, ich will es nicht als meine eigene Idee vorstellen, aber ich unterstütze Ihren Plan, señor Bronstein.

TROZKIJ
(er hatte keinen solchen Plan) Meinen Plan... Don Cristóbal?

MERCADER
Den Plan, dass wir vor unserer Abfahrt nach Hause Muster sammeln. Gesteine, tierische und pflanzliche Reste vom Meeresboden. Diese können wir dann zu Hause mit denen vergleichen, die Sie mit Ihrem Vater durch China mitgebracht haben.

TROZKIJ
Ich schicke den Perlenfischer Gomez gleich nach unten, Don Cristóbal. (er würde für auf den Mast rufen)

MERCADER
Ich halte das für sehr bedauernswert, señor Bronstein, dass Sie Die Hydrologie-Theorie Toscanellis mit der Hilfe eines Wurmfischers in die Tat umsetzen wollen. Außerdem ist Gomez kein Mitglied des Schiffsrates, wir könnten seine Sammlung nicht als beglaubigt betrachten.

TROZKIJ
Alvarez!! Ja, ihn können wir runterlassen, Don Cristóbal.

MERCADER
Sie haben recht, señor Bronstein. Aber... sind Sie sicher, dass Alvarez ein vorbildliches Familienleben lebt? Wissen Sie, wenn wir einen Held aus ihm machen, muß er eine makellose Vergangenheit haben, damit unsere Beneidern uns nicht angreifen können.

TROZKIJ
Er lebt in einer harmonischen Ehre mit Juanita, Don Cristóbal! Und ja, seine Ehren mit Pilár, Carmen und Evita waren genauso harmonisch.... ja... vielleicht sollten wir einander schicken.

MERCADER
Und Sie, señor Bronstein?

TROZKIJ
(erschrocken) Ich wollte Sie gerade bitten, dass ich selber gehen darf, Don Cristóbal! Aber, unglücklicherweise leide ich unter Klaustrophobie, und deswegen muß ich mich als Arzt davon abraten.

MERCADER
Setzen Sie sich hinein, señor Bronstein!

TROZKIJ
In dieses Krautfass?

MERCADER
Aber zuerst kehren Sie es um!

TROZKIJ
(er kehrt es um) Soll ich mich hineinsetzten?

MERCADER
Zuerst nur so, dass seine Öffnung nach oben ist.

TROZKIJ
(klettert hinein, hat Angst) Ein gutes Fass! Eiche!

MERCADER
Was für ein Gefühl ist es, señor Bronstein?

TROZKIJ
Eigenartig, Don Cristóbal. Darf ich wissen, was Sie von mir wünschen?

MERCADER
(er spaziert mehrmals rund um den Schaff, klopft darauf) Einige meiner Matrosen wurden von dieser Reise gequält, señor Bronstein. Skorbut... Gelbfieber.... Sie wissen es ja. Ich will, dass Sie sie beruhigen.

TROZKIJ
(er will aussteigen, aber Mercader schickt ihn mit seinem Blick zurück)

MERCADER
Beruhigen Sie die Zweifler, dass wir unser Ziel erreichen! Erzählen Sie ihnen Erlebnisse aus Ihrer Kindheit in Indien! Zum Beispiel eine interessante Geschichte vom Häuptling Huschender Pfeil! Als Sie die Büffel mit bloßer Hand getötet haben! Erzählen Sie irgendetwas! Und kein Problem, wenn es vielleicht wahr ist.

TROZKIJ
Verzeihen Sie, Don Cristóbal, aber...

MERCADER
Eine Anekdote von den traumhaften Schätzen!

TROZKIJ
Ich kann das nicht, Don Cristóbal.

MERCADER
Das wäre viel persönlicher und beruhigender, als wenn schleimige Schnecken, kletternde Würme und unzierliche Steine beweisen, dass wir hier waren.

TROZKIJ
Ich weiß nicht, ob Sie mir glauben werden, Don Cristóbal.

Stille

MERCADER
Tun Sie es, mein Freund!

TROZKIJ
Ich glaube nicht, dass Sie mir zuhören würden, Don Cristóbalo.

MERCADEE
Für den König, für Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragonien!

TROZKIJ
(schweigt)

MERCADER
Für Ihre Schiffskameraden!

TROZKIJ
(schweigt)

MERCADER
Für Ihre Familie!!! (er schweigt) Für Ihre Kinder, señor Bronstein!

TROZKIJ
(ehrlich, voller Selbstanklage, inzwischen beginnt Trozkaja, die bisher als Matrose das Schiff aufgeräumt hat, leise zu weinen) Ich habe keine Kinder, Genosser Mercader.

MERCADER
Was ist mit Njina?

TROZKIJ
Wie die Krimer Rose, so war sie. Meine Njina ist an Tubercolose gestorben. Ich habe mich für ihre ärztliche Behandlung eingelegt, aber sie hat kein Visum bekommen, weil ich ihr Vater bin. Sie war sechsundzwanzig Jahre alt...aber ich habe ihr geschrieben. Die GPU hat meine Briefe zurückgehalten, aber ich habe ihr geschrieben. Sie wußte, dass ich ihr schreibe, auch wenn sie diese Briefe nie zur Hand bekommen hat.

MERCADER
Und Sinaida Wolkowa?

TROZKIJ
Meine Sina wurde in Selbstmord getrieben. Ihr Mann wurde erschossen, ihr Sohn ist in einem Kinderheim. Sie war dreßig Jahre alt. Ich habe ihr nicht geschrieben, trotzdem wurde sie zum Tode gequält.

MERCADER
Und Sergej?

TROZKIJ
Ich habe ihm nie geschrieben, er wurde jedoch belangt. Er wurde verbannt und totgeschlagen. Ich habe ihm jedoch gar nicht geschrieben!

MERCADER
Und Lew Sedow? (Trozkaja weint laut)

TROZKIJ
Er wurde vor zwei Jahren in Paris vergiftet. Er hat jede meiner Schrifte publiziert. Er war der bravste. Ein Jungarbeiter und Revolutionär. Er war baumgerade, wie eine Birke von Odessa. Er war zweiunddreißig.

Trozkaja läuft weinend hinaus. Sie schreit: Das kann man nicht ausstehen!

MERCADER
Also nein. Ich hätte jedoch einen neuen Auftrag für Sie. Ich suche einen Vorsitzenden für die Indisch-Hispanische Freundgesellschaft.

alle kommen zu ihnen, stehen rund um das Fass. Trozkij will herausklettern, aber Mercader schickt ihn mit seinem Blick zurück

Und, obwohl ich mich der Entscheidung des Schiffsrates unterwerfe, ich würde für jemanden stimmen, der die Sprache, Gewohnheiten und Vergangenheit beider Völker kennt. Deshalb hätte ich es gern, wenn señor Bronstein der Vorsitzende der Gesellschaft wäre.

ALLE
Die Erde ist rund, Don Cristóbal!

MERCADER
Gibt es Gegenstimmen? (er schaut sich um) Keine. Enthält sich niemand der Stimme? Bevor wir aber Bronstein bewilligen würden, müssen wir eine unbegründete aber trotzdem wichtige Frage klären. Señor Bronstein!

TROZKIJ
Die Erde ist rund, Don Cristóbal!

MERCADER
Nicht, als irgendwelche Gerüchte mich beschäftigen würden, aber in einer der Meldungen habe ich gelesen, dass Sie... lügen.

ALLE
(sie brausen auf, um Bronstein zu schützen)

MERCADER
Dass Sie ein Hochstapler sind.

ALLE
(brausen auf, um ihn zu schützen)

MERCADER
Dass
Sie... ein gewöhnlicher Agent sind.

ALLE
(brausen auf, aber die Meinungen teilen sich schon)

MERCADER
Mein Informator meint, dass Levi David Bronstein nie in Indien war.

ALLE
(sind empört)

TROZKIJ
Ich war zweimal in Indien mit meinem Vater, Don Cristóbal.

MERCADER
Ich glaube es.

TROZKIJ
Wir sind durch China gefahren, Don Cristóbal.

MERCADER
Und Sie sprechen ihre Sprache.

TROZKIJ
Ich verstehe alle ihrer Worte.

MERCADER
Wir vertrauen Ihnen, señor Bronstein. Aber bitte, zeigen Sie das auch dem Vertreter der Indianer. (zeigt auf einen Indianer hin) Zeigen Sie ihm irgendwelche Erinnerung, die Sie in Ihrer Kindheit von ihnen bekommen haben.

TROZKIJ
Leider...

MERCADER
Vielleicht eine Perlenschnur.

TROZKIJ
...habe ich sowas nicht.

MERCADER
Oder eine Rohrpfeife.

TROZKIJ
Das auch nicht.

MERCADER
Ein Holzschnitzwerk.

TROZKIJ
Das habe ich auch nicht.

MERCADER
Oder singen Sie eines von ihren Stammeslieder!

TROZKIJ
Ich kenne ihre Lieder nicht.

MERCADER
Oder zeigen Sie einen von ihren Ritustänzen!

TROZKIJ
Ich kenne ihre Tänze nicht.

MERCADER
Dann sprechen Sie mit ihm! Fragen Sie ihn, wie es ihm geht!

TROZKIJ
Ich spreche ihre Sprache nicht.

MERCADER
Dann zeigen Sie uns, wie sie die Wolffänger-Fallen schlingen!

TROZKIJ
Ich wurde davon selbst gefangen!

MERCADER
Oder sagen Sie ein Gebet...Bronstein.

Stille

Ja! Ich glaube, Sie haben trotzdem recht, señor Bronstein. Ich muß Ihre Tauchexpedition trotzdem erlauben. (zu den Matrosen) Señor Bronstein hat mich nämlich gerade darum gebeten, um vor unsere Königin Isabella und König Ferdinand ...

ALLE
Die Erde ist rund, Don Cristóbal!

MERCADER
...vor sie nicht mit irgendwelchen Märchen sondern mit wissenschaftlichen Beweisen zu gehen. Er hat mich auf die hydrologische Erfindung des Meisters Toscanelli, den Tieftaucher aufmerksam gemacht. Wir lassen señor Bronstein runter, damit wir mit den von ihm gesammelten Mustern beweisen können, dass wir wirklich hier waren.

inzwischen wird eine Schnur über das Fass niedergelassen. Jeder geht nach oben und fängt die Schnur, um Bronstein damit niederzulassen, als wenn sie ihn aufhängen würden. Sylvia kommt runter, Mercader ist schon oben.

TROZKIJ
(er kehrt den Schaff um, steckt sich darunter, man sieht ihn nicht) Ihr könnt mich niederlassen!

SYLVIA
Warte, Bronstein. Zuerst möchte ich dich untersuchen.

TROZKIJ
Schon wieder?

SYLVIA
Diesmal will ich sehen, ob du gesund bist. Du tauchst ja sehr tief runter!

TROZKIJ
Das macht mir nichts aus.

SYLVIA
Aber...ich hätte eine Bitte zu dir.

TROZKIJ
Ich weiß, Alvarez. Ich soll Perlen für deine Frau bringen.

SYLVIA
Nein!

TROZKIJ
Muschel?

SYLVIA
Ich bitte dich darum, dass du dich selber untersuchst. Eigentlich bist du der Arzt.

TROZKIJ
Es geht mir ganz gut. (er klopft die Dauben) Aber dieses Fass... Ich bitte dich, das Fass zu untersuchen. Du bist ja der Wagner.

SYLVIA
(sie untersucht es) Das Fass wird nicht zerfallen.

TROZKIJ
Du hast mich beruhigt, Alvarez.

SYLVIA
Du auch mich, Bronstein.

TROZKIJ
Gut! Dann...

SYLVIA
Warte! Sind... deine Zähne gesund?

TROZKIJ
Alle zweiunddreißig. So...

SYLVIA
Warte! Hast du keine Probleme mit den Augen!

TROZKIJ
Ich habe ja das Ufer zuerst erblickt!

SYLVIA
Warte! Dein Geisteszustand?

TROZKIJ
Ich habe ja bemerkt, dass wir nicht in Indien sind! So...

SYLVIA
Warte! Blutdruck?

TROZKIJ
Von der Tiefe wird es schon ausgeglichen. Ihr könnt mich niederlassen, Alvarez!

SYLVIA
Ich möchte nur sagen, dass ich möchte, wenn du wüßtest, dass ich immer dein Freund war.

TROZKIJ
Genau, wie ich deiner.

SYLVIA
Dann war ich nur betrunken.

TROZKIJ
Sowas geschieht zu anderen auch, Alvarez.

SYLVIA
"Sowas geschieht zu den anderen auch?!" Ich habe dich ja fast angezeigt! Das hast nur du verhindert! Damit, dass du dich selbst aufgegeben hast, als ich taumelnd geschriehen habe, dass es auf dem Schiff einen Fremden gebe. Und du hast mir keine Zeit gelassen, um dich zu nennen, weil du dich auf dem Verdeck gestellt und Don Cristóbal geantwortet hast. Du bist dort gestanden und hast gesagt: Ich bin es.

TROZKIJ
Du warst betrunken, Alvarez. Es muß deswegen geschehen sein.

SYLVIA
Das ist nicht wahr, Bronstein! Ich habe mich betrunken, um Mut zu haben, dich anzeigen zu können. Verstehe mich! Wir haben keinen Kohl mehr gehabt, Bronstein. Unser Fett war ranzig, Bronstein! Der Skorbut hat viele von uns getötet. Ich weiß, dass das keine Entschuldigung ist. Aber ich will, dass du das weißt, bevor du niedertauchst, Levi David.

TROZKIJ
(Stille) Ich war nicht einmal betrunken, Alvarez, und ich habe dich trotzdem angezeigt.

SYLVIA
Was hast du getan?

TROZKIJ
Sogar zweimal. Zuerst habe ich geschrieben, dass du die Eier stiehlst.

SYLVIA
Eier?

TROZKIJ
Und sogar viele.

SYLVIA
Wir haben aber gar keine Eier mit. Und Hühner auch keine.

TROZKIJ
Ich weiß. Aber etwas mußte ich von dir melden!

SYLVIA
Du mußtest?!

TROZKIJ
Jede Woche einmal.

SYLVIA
Für wen?

TROZKIJ
Don Cristóbal.

SYLVIA
Aber warum, Bronstein?!!!

TROZKIJ
Jetzt ist es schon egal, ich kann es dir sagen. Bei unserer Abfahrt hat mich mit der Organisation der inneren Abwehr beauftragen. Er sagte, dass ein Matrose von uns umgebracht wurde und ich den Mörder finden soll.

SYLVIA
Er hat dich?! Er hat dich beauftragen?

TROZKIJ
Was hätte ich tun können? Er hat mich beauftragen und ich habe gemeldet.

SYLVIA
Aber ich habe doch die innere Abwehr geleitet! Ich habe die Meldungen jede Woche geschrieben! Ich habe nach dem verschwundenen Matrosen gesucht!

TROZKIJ
Also dich auch...?!

SYLVIA
Und dich auch.....?!

TROZKIJ
Dann hat er uns alle bespitzelt. Uns alle durch uns alle!

SYLVIA
Wir alle haben den ganzen Weg nach einander spioniert. Das ist Wahnsinn!

TROZKIJ
Ich habe jedoch Don Cristóbal geglaubt.

SYLVIA
Genau wie jeder von uns.

TROZKIJ
Es würde mich gar nichts ausmachen, dass er uns bespitzelt hat, wenn wir Indien erreicht hätten.

SYLVIA
Aber wir sind ja in Indien, Bronstein!! Auch wenn wir darauf draufgegangen sind, wir sind in Indien!!

TROZKIJ
Wir haben uns verirrt, Alvarez. Das ist nicht Indien.

SYLVIA
Nicht wahr!! Du lügst!! Der Haß spricht aus dir!! Deine Misshandlung hat dir dein Verstand weggenommen! Ja. Du hast recht. Wir haben gegen dich gesündet. Aber aus Rache darfst du den Erfolg unserer Reise nicht befragzeichnen! Das Gesetz wurde nicht von uns gegen euch gebracht, Bronstein!! Und du bist nicht gegen Torquemada sondern Don Cristóbal!!? Auch im Dunkeln des Fasses kannst du nicht so blind sein, dass du das nicht einsiehst, Bronstein!!

TROZKIJ
Aber was Alvarez?

SYLVIA
Du sündest dich! Gegen uns!

TROZKIJ
Ich handele nicht! Ich verkaufe die Wahrheit nicht!

SYLVIA
Du willst sie nur personifizieren. Und andere feilschen mit dir, du Unglücklicher! Denkst du, dass Torquemada dich ohne jenen Grund mit nur auf der Santa Maria fahren läßt?

TROZKIJ
Ich habe ihn nicht zum Gnade gebeten.

SYLVIA
Er hat dir trotzdem begnadelt. Dir, Bronstein und nicht deinen ganzen Volk. glaub nicht, Bronstein, dass er dich braucht. Er braucht nur deine Wahrheit.

TROZKIJ
Torquemada verehrt mich! Und Don Cristóbal auch!

SYLVIA
Don Cristóbal schickt heute dich nieder! Morgen mich, weil er weiß, dass ich auch sein Geheimnis kenne. Ich kenne seine Geheimnis, weil ich es von dir gehört habe. Dann ist Gomez dran. Er schickt jeden nieder, mit dem du darüber gesprochen hast. Oder wenn du nicht gesprochen hast, dann hättest du mit ihm sprechen können. Oder du hast ihn nur gekannt. oder er glaubt nur, dass du ihn gekannt hast. So kommst du töten. Mit deinem blossen Wesen.

Stille

Morgen werde ich niedertauchen. Jetzt schicke ich aber meinen Henker vor mich!! (er winkt nach oben, und zeigt, dass sie ihn lassen dürfen. Trozkij schlägt aber das Fass um, und damit die ganze Szene. Er klettert heraus.)

TROZKIJ
Fräulein Ageloff!

SYLVIA
Ja, Leo Dawidowitsch?

TROZKIJ
(er zeigt, dass sie ab jetzt keine Freunde mehr sind)

SYLVIA
Entschuldigen sie. Was haben sie, Genosser Trozkij?

Stille. Trozkaja kommt zurück, um die Leute zu beruhigen, sagt aber nichts.

SYLVIA
Was haben Sie gegen mich?

TROZKIJ
(leise) Also sie auch?

SYLVIA
Was habe ich gemacht ?

TROZKIJ
Einmal verraten mich alle?

MERCADER
Sylvia hat nur ihre Rolle gespielt, Genosser Trozkij.

TROZKIJ
Aber nicht so, wie es in meinem Drehbuch steht!

MERCADER
Ich habe das Ende etwas umgeschrieben, Genosser Trozkij.

TROZKIJ
Etwas, Mercader?! Sie haben das Ganze umgekehrt! Sie verstehen mein Drama nicht!

TROZKAJA
(möchte sprechen, um Mercader zu verteidigen)

TROZKIJ
Und du verstehst es am wenigsten!

SYLVIA
(möchte sprechen, um Mercader zu verteidigen)

TROZKIJ
(sieht sie an und winkt sie damit ab. Stille.) Warum zwingt ihr diesen Hitler-Torquemeda Zusammenhang? Torquemeda ist gefährlich nur für Bronstein als Juden. Aber Stalin-Cristóbal für Bronstein als Mensch.

MERCADER
Weil er weiß, dass Bronstein seinen Platz haben will!

TROZKIJ
(er hat genug) Das ist mein Platz! Lenin hat mich für seinen Nachfolger ernannt und nicht Stalin! Er hat mich bestimmt! Stalin usurpiert nur die Revolution!! Meine Revolution! Meine, meine, meine...!!!

Trozkaja schickt alle Leise, aber streng von der Bühne weg. Trozkij und Mercader bleiben zu zweit. Die Kulisse ist plötzlich die Einrichtung des Arbeitszimmers.

TROZKIJ
Es tut mir leid, dass Sie an der Übersetzung so viel gearbeitet haben, Genosser Mercader.

MERCADER
Ich habe das gern gemacht, Genosser Trozkij.

TROZKIJ
(wirft das Drama ins Feuer des Kamins, und zündet es an) Guten Wind, Kolombus!

MERCADER
(ist nicht überrascht)

TROZKIJ
(ist überrascht, dass Mercader nicht überrascht ist) Sie haben das gewußt, Ramón?

MERCADER
Gleich, als ich es gelesen habe.

TROZKIJ
Wie sind Sie daraufgekommen?

MERCADER
Ich habe vermutet, dass Sie diese Komödie in dem Land nicht aufführen lassen wollen, das Ihnen Asylrecht gegeben hat. Gerade hier, in Mexico, wo Kolombus als Nationalheld gefeiert wird. Und ich habe auch gedacht, dass Sie es auch nicht nach Berlin schicken wollen, gerade jetzt 1940. Der Name Bronstein hört dort heutzutage nicht besonders gut. Und der Trozkij in Moskau nicht. Sie sind Momentan sozusagen nicht bühnenfähig in der Welt, Lew Dawidowitsch!

TROZKIJ
Wir leben in einer schlechten Zeit, Ramón.

MERCADER
Oder sie erleben diese Zeit schlecht!

TROZKIJ
Aber zumindest Natascha glaubt daran, dass am 7. November wieder ich gefeiert werde. Bis 7. November lebt die Hoffnung in ihr, dass wir den Tag meiner Wiedergeburt zusammen feiern können.

MERCADER
Ihre Frau ist eine Heldin, Leo Dawidowitsch.

TROZKIJ
Meine Frau ist eine Märtyrerin.

MERCADER
Wessen Opfer ist sie? Leo Dawidowitsch!

TROZKIJ
Das 20. Jahrhundert!

MERCADER
Meinen Sie?

TROZKIJ
Was anderes sollte es sein?

MERCADER
Und Njina?

TROZKIJ
Sie ist Opfer des Teufels. Des Satans namens Stalin!

MERCADER
Und Sinaida?

TROZKIJ
Sie auch!

MERCADER
Und Sergej?

TROZKIJ
Mein Serjoscha auch!

MERCADER
Und Leo Sedow?

TROZKIJ
Alle meine vier Kinder mussten seinetwegen sterben!!! Alle!!! Aber wer sind Sie, Mercader?! Peter der Heilige, der entscheidet, wer in den Himmel und wer in die Hölle kommt?!! (fühlt sich schlecht, setzt sich)

MERCADER
Ich bin der Weihrauch, Leo Dawidowitsch..

TROZKIJ
(nimmt die zwei Pistolen von seinem Tisch in die Hand, schaut sie an und legt sie in die Schublade) Aber! Sylvia hat gesagt, dass sie mir etwas zum Lesen mitgebracht hat. (die Internationale spielt schon. Mercader nimmt es vor, gibt die Schrift Trozkij. Trozkij setzt sich, schaut nicht mehr auf. Sie sehen einander nicht an. Mercader steht hinter seinem rücken.)

MERCADER
Darf ich in Ihr Buch schauen, Leo Dawidowitsch?

TROZKIJ
(er liest, nickt nur zu)

MERCADER
(nimmt die erste Seite in die hand, die restlichen wirft er in den Kamin. Er liest)

TROZKIJ
"Im Namen der Sowjetunion..."

MERCADER
"Der grusinische Josif Wissarionowitsch Dschugaswilli..."

TROZKIJ
"...der jüdische Leo Dawidowitsch Bronstein..."

MERCADER
"...mit sienem Namen in der Bewegung Stalin..."

TROZKIJ
"...mit seinem Namen in der Bewegung Trozkij..."

MERCADER
"...den schon Lenin auch als Judas bezeichnet hat..."

TROZKIJ
"...den schon Lenin auch als Judas bezeichnet hat..."

MERCADER
"...hat das arbeitende Volk hohngesprochen..."

TROZKIJ
"...hat das arbeitende Volk hohngesprochen..."

MERCADER
" ...hat den Internationalismus unmöglich gemacht...."

TROZKIJ
"...hat den Internationalismus unmöglich gemacht..."

MERCADER
"...hat die Proletarrevolution verraten..."

TROZKIJ
"...hat die Proletarrevolution verraten..."

Mercader hebt seinen Eispickel auf. Die Internationale spielt schon unverträglich laut. Als Mercader niederschlägt, geht der strom aus. Plötzlich lange Stille und Dunkelheit.

Vorhang