Ákos Német

Anita Lovass

 

Übersetzung: Ipacs Miklós

 


 

Erster Akt

1.

Der Vorraum von Frau Lovass

Die Familie sitzt stumm, mit frostigem Gesicht

ERSTE VERWANDTE
Was für eine große Trauer! Was noch fehlt, ist eine Bahre. Wie ich sehe, will sie schon im voraus ihre Beerdigung veranstalten.

ZWEITE VERWANDTE
Pleine parade... ein frommer Betrug. Die alte Frau liegt im Sterben.

ERSTE VERWANDTE
Sie hat uns alle zu sich beschieden... bevor sie die Gastfreundschaft des mors imperator genießen kann.

ZWEITE VERWANDTE
Wer weint da? Wen sehe ich denn dort?

ERSTE VERWANDTE
Ein braves Mädchen. Sie beschimpft sie nicht, beschuldigt sie nicht, sie hasst sie nicht, sie ist nicht mal ungerecht zu ihr, sie schaut bloß ihrem Verderben zu. So viel weiß ich auch, trotz meiner mangelnden Intelligenz...

ZWEITE VERWANDTE
Ja, denn dein Wissen ist jedoch grenzenlos.

ERSTE VERWANDTE
Anita, lauf nicht so schnell weg! Willst du denn deine alten Verwandten nicht mal begrüßen? Was ist mit deinem Taxifahrer?

ZWEITE VERWANDTE
Du kannst sicher sein, dass keiner dich jemals mehr geliebt hat.

ERSTE VERWANDTE
Uns ausgenommen.

ZWEITE VERWANDTE
Und ihre Großmutter natürlich...

ANITA
Sie lässt uns alle herkommen, um uns über ihren letzten Willen zu informieren, und dann lässt sie niemanden hinein. Eine bösartige Angelegenheit.

ZWEITE VERWANDTE
Wir verurteilen sie in effigie, in concreto sagen wir nichts und entlasten sie in nomina Dei. Anita geht ab

ERSTE VERWANDTE
Sie hat ihre Kostbarkeiten versteckt.

ZWEITE VERWANDTE
Sie lebt noch. Jetzt sollten sie gefunden werden.

ERSTE VERWANDTE
Auch Anita hat keine Ahnung, wo sie den Schatz zu suchen hätte... "Wo ist diese verdammte geheime Schublade", nicht wahr? Also finita la commedia, wir sind ja auch hier.

zu zweien am Klavier

GESANGSLEHRER
kommt aus dem Zimmer
Sie hat mir das Klavier vermacht. Ich werde es sofort wegtragen lassen. Die alte Künstlerin braucht es sowieso nicht mehr und sie wird wohl hier keine Gesangsstunde erdulden.

ANITA
Hat sie es Ihnen gegeben? Einem Fremden? Soeben, da drüben?

GESANGSLEHRER
Ein wunderschönes Stück.

ANITA
Haben Sie etwa vor, das Klavier in Ihre Wohnung tragen zu lassen?

GESANGSLEHRER
Es ist schöner, als eine Frau. Wohin, fragten Sie? Nun, wohin...?

ANITA
In Ihre Wohnung? Soll ich von nun an dort Ihre Gesangsstunden besuchen?

GESANGSLEHRER
Verzeihen Sie mir, ich habe nicht aufgepasst. turnt seine Finger

ANITA
Heute Abend oder morgen Abend?

GESANGSLEHRER
Ich wollte es mit ihnen anderswo besprechen. Sie werden mich nun bestimmt zu hassen beginnen, aber ich kann es leider nicht mehr meistern, Sie in der Zukunft zu unterrichten. Ich werde es einfach nicht mehr fertig bringen können. Wenn Sie singen, dann mischt sich Ihr Talent mit einer hoffnungslosen Anstrengung; so als würde jemand den Zucker im Kaffee aufrühren. Hören Sie damit auf; nehmen sie meinen Rat an!

ANITA
DAS ist doch nicht Ihr Ernst!

GESANGSLEHRER
Ich sage es Ihnen allen Ernstes. Rechnen Sie mit dieser eitlen Wahn ab. Ich weiß, es sei nicht gerade fair von mir. Sie haben allen Grund dazu, mir böse zu sein. Er turnt seine Finger

ANITA
Sie sind vollkommen verrückt. Oder besoffen. Wie können Sie sich trauen, in diesem Ton mit mir zu reden?

GESANGSLEHRER
Wenn ich meinen Anstand in meiner Tasche trüge, dann hätte ich all das wohl nicht gesagt. Ich muss jetzt telefonieren. Ich bedauere Sie.

ANITA
Das werden Sie noch bitter bereuen. Pianist! Sie sind ein elendiger Stoffel! Ein Ungeschliffener!

zu zweien

ERSTE VERWANDTE
Such es dann in der unteren Schublade!

ZWEITE VERWANDTE
Schon geschehen. Da ist es nicht zu finden.

ERSTE VERWANDTE
Vielleicht ist es im Schrank.

ZWEITE VERWANDTE
Im Schrank auch nicht. Hingegen haben wir hier irgendein Kleid.

ERSTE VERWANDTE
Was für ein Kleid?

ZWEITE VERWANDTE
Ein Braunes; sein Besatz ist aus Spitze.

ERSTE VERWANDTE
Ihr Sohn, dieser Drecksack, hat alles mitgenommen. Beeile dich! Unsere Schwester liegt drinnen im Sterben und du fummelst mit dieser Spitze herum. Wir werden in diesem Hause sowieso voller Argwohn betrachtet.

ZWEITE VERWANDTE
verachtungsvoll Heutzutage urteilt jeder über jeden.

zu zweien

ANITA
Wo warst du, als ich dich gebraucht hätte?

CSÍK
herein Gibt's was?

ANITA
Ich muss dir etwas sagen. Ich will, dass du es weißt. Der Gesangslehrer, der mich am Flügel begleitet, hat mich unter dem Rock befummelt.

CSÍK
Ist das dein Ernst?

ANITA
Vorhin. Wir saßen am Klavier, vor dem Zimmer meiner Großmutter, nur eine Tür trennte uns von der gesamten Verwandtschaft.

CSÍK
Das kann nicht wahr sein.

ANITA
Ich kann das auch kaum glauben. Ich zittere immer noch.

CSÍK
Dieser frömmelnde Drecksack. Ich werde ihn umbringen. Was hat er genau gemacht?

ANITA
Er hat mich unter dem Rock befummelt.

CSÍK
Und du?

ANITA
Ich wurde ganz steif. Ich hatte keine Ahnung, was zu tun wäre. Auch gestern hat er es gemacht. Und letzte Woche auch. Ich hasse ihn.

CSÍK
Wieso hast du mir davon nicht erzählt?

ANITA
Ich hatte Angst.

zu zweien

zwei schleichen ein

SATURNIO
Wo könnten sie denn sein? Sind sie schon weg? Die Mäntel sind auf dem Kleiderhaken.

KATI
Wenn ich an diese Mädchen denke, die sich so um jeden Preis singen lernen wollen, dann fällt mir immer meine Mutter ein; ein Opernchor auf dem Provinz nach dem anderen, zu Hause schien dagegen alles so, als wären wir in einem großen Puppenhaus. Wozu hast du mich hergeschleppt, Saturnio?

SATURNIO
Auch ein Toter würde von so vielem blöden Geschreie die Geduld verlieren.

KATI
Haben wir noch etwas miteinander zu tun?

SATURNIO
Der Teufel soll dich ertragen. Wir sind doch nicht zusammengebunden.

KATI
Ich schreie nicht! Du selbstsüchtiger Schuft! Hast du dich wieder mal in Schulden gestürzt? Brauchst du Geld? Dann verkaufe ich was. Ich wende mich an meine Mutter.

SATURNIO
Komm schon. Du bist ja lächerlich. Ich habe dich gerufen, damit du sehen kannst, was ich kaufen will. Ich werde damit ein ganzes Vermögen verdienen.

KATI
Brauchst du Geld? Sag mir, was du brauchst.

SATURNIO
Du erstickst mich mit deiner Liebe! Du lässt mich nicht zum Atem kommen! Schrecklich ist es. Ich ersticke!

KATI
Um Gottes willen... hör damit endlich auf. Ich kann es nicht mehr ertragen.

SATURNIO
Sie mögen drinnen sein. Ich schaue durchs Lüftungsloch hinein.

Er klettert auf dem Vorhang hinauf, damit er hineinsehen kann

Du wirst mich noch durch dein ständiges Verhätscheln umbringen. Ich habe es satt. Genug ist genug.

Aus der Höhe

Ich kann es nicht ertragen. Neben dir sterbe ich bestimmt. Großer Gott, nicht mal im Gefängnis war es so schlimm. Schau mal hin, alle sind drüben. Was geht hier vor, findet vielleicht ein Seance statt?

Der Vorhang reißt sich mit Saturnio hinab.

Ich könnte weinen.

Er versteckt sein Gesicht im Vorhang. Fast schnäuzt er sich in den Vorhang, aber er besinnt sich plötzlich eines Besseren.

KITTY
herein, will hindurchgehen. Sie sieht bestürzt, wie das Gesicht von Saturnio herausschlüpft

Vorsichtig

KITTY
Was tun Sie hier?

SATURNIO
Ich bin für das Klavier gekommen.

KITTY
bestürzt Verzeihen Sie mir für die Störung. geht rückwärts hinaus

zu dreien

GESANGSLEHRER
gereizt herein Das Klavier ist schon verkauft worden.

SATURNIO
Wer hat es verkauft?

GESANGSLEHRER
Die alte Dame.

SATURNIO
Die alte Dame ist nicht bei sich. Ohnehin, sie konnte es nicht verkaufen, da es mir schon früher verkauft worden war.

GESANGSLEHRER
Von wem denn?

SATURNIO
siegreich Von ihrem Sohn.

GESANGSLEHRER
Von ihrem Sohn? Er ist doch ein Mistkerl.

SATURNIO
Das schließt noch nicht aus, dass er ein Klavier verkauft.

GESANGSLEHRER
Es ist übrigens ein wahrer Trümmerhaufen; es ist gar nicht der Rede wert. Seine Stimme ist so schauderhaft, dass das Zuhören eine wahre Tortur bedeutet.

SATURNIO
Ich habe kein musikalisches Gehör, mir ist also Wurscht, ich werde es schon ertragen.

GESANGSLEHRER
Der Notenständer ist abgebrochen.

SATURNIO
Die Notenblätter sind mir völlig fremd. Ich kann gar nicht Klavier spielen.

GESANGSLEHRER
Wollen Sie mich aufziehen, oder was? Wozu brauchen Sie denn das Klavier?

SATURNIO
Ich möchte es als Brennholz verwenden.

GESANGSLEHRER
Ist doch klar. Ich habe es sofort geahnt.

SATURNIO
Was nun?

GESANGSLEHRER
Das Klavier gehört mir. Ich schließe die Tür des Zimmers und verschlucke den Schlüssel. Bitte schön. Sagen sie nun was.

SATURNIO
Sie und diese Greisin werden es noch bitter bereuen.

GESANGSLEHRER
triumphal Sie ist im Sterben.

SATURNIO
Ich bringe sie um, bevor sie sterben kann. verärgert ab

KATI
Möchten auch Sie ein Vermögen verdienen?

GESANGSLEHRER
Ich habe von diesem Klavier geträumt. Ich möchte eine Oper schreiben. Ich werde nie mehr Gesangsstunden geben.

KATI
Besucht dieses Mädchen auch Ihre Gesangsstunden? eilt sich nach Saturnio

GESANGSLEHRER
Die halbe Stadt unterrichtet ihr Gesang. Und sie erzählt allen davon. Geben auch Sie ihr Unterricht? Sie turnt ihre Finger

zu zweien

CSÍK
herein Ich suche Sie.

GESANGSLEHRER
Ich erwarte die Lieferanten.

CSÍK
Ich bin keiner.

GESANGSLEHRER
Sie sind also keiner. Sagen Sie mir noch mal den Zweck Ihres Besuches! Und wozu haben Sie den Hammer mitgebracht?

CSÍK
Ich pflege meine Meinung mit dem Hammer auszudrücken.

GESANGSLEHRER
Was haben Sie vor? Und wer sind Sie überhaupt?

CSÍK
Du kennst mich ja nicht, aber ich kenne dich umso mehr, du mieser Lüstling!

Greift zur Hand des Gesangslehrers und schlägt mit dem Hammer darauf. Der Gesangslehrer schreit auf und krümmt sich vor Schmerzen zusammen. Csík saugt zufrieden seine Nase

CSÍK
Bitte schön, nun kannst du gehen und Klavier spielen.

zu dreien

Csík versteckt den Hammer hinter seinen Rücken

KITTY
herein, schüttelt den Kissen zum Fenster hinaus Was ist mit Ihnen? Warten Sie immer noch auf den Klavierstimmer? Oder auf jemanden anderen?

GESANGSLEHRER
kann vor Schmerzen keine Antwort geben, schnappt nach Luft

KITTY
Sitzen Sie ruhig hier herum; hier stören Sie niemanden. Vorausgesetzt, dass Sie stille bleiben. Versuchen Sie es bloß nicht, hier etwa die Tonleiter zu singen anzufangen oder irgendwelchen Lärm zu machen. Unterhalten Sie sich ganz leise, wir haben eine Kranke im Haus. Grüss dich, Csík.

GESANGSLEHRER
Dieser Mann.

KITTY
Meinen Sie Csík? an Csík, argwöhnisch Sag mir doch, was du hinter deinem Rücken verstecken willst. Schon wieder Blumen? Hierher? Hast du den Verstand verloren?

CSÍK
Kitty! Ich...

KITTY
Nicht und wieder nicht. Schweige doch! Am besten gehst du nach draußen und wirfst sie sofort weg!

Csík geht rückwärts hinaus

GESANGSLEHRER
Dieser Mann...

KITTY
Um Gotteswillen, was haben Sie mit Ihrer Hand angestellt? Haben Sie etwa das Klavier daraufgesetzt? Kommen Sie, ich binde sie ein.

zwei ab

zwei herein

SATURNIO
Hier können wir in aller Ruhe miteinander reden.

ANITA
Ich will mit dir aber nicht reden.

SATURNIO
Ich weiß, warum du mir grollst. Weil du mich küsstest, als du letztes Mal bei mir warst.

ANITA
Du lügst. Ich habe dir nicht mal die Hände gehalten, nie im Leben!

SATURNIO
Bei uns, vor zwei Wochen. Wir sangen Schubert-Lieder.

ANITA
Ich kann mich nicht daran erinnern, an gar nichts. Ich küsste dich nicht mal, ich umarmte dich bloß. Es war eine geschwisterliche Umarmung.

SATURNIO
Ich habe ganz andere Erinnerungen.

ANITA
Schweige doch!

zwei ab

zwei an der Schranktür

ERSTE VERWANDTE
Ich wundere mich bloß.

ZWEITE VERWANDTE
Weil du zu naiv bist. Ich wundere mich über gar nichts mehr. Wir stehen hier, von allen Gütern beraubt. Und du lachst.

ERSTE VERWANDTE
Ich traue meinen Augen nicht...

ZWEITE VERWANDTE
Du lachst?

zwei herein

KITTY
Was ist in dich gefahren?

CSÍK
Er hat Anita befummelt.

KITTY
Hast du den Verstand verloren? Er würde nie so was tun. Was passiert, wenn ich als Krankenschwester ihm nicht zur Verfügung stehe und ein Arzt kommt, der sofort die Polizei ruft?

CSÍK
Was kümmert's mich?! Was ist mit ihm?

KITTY
Ich habe ihn eingebunden. Er wartet drinnen auf den Arzt. Am besten verschwindest du jetzt. Bist du etwa stolz darauf?

CSÍK
Ich wollte dich sehen.

KITTY
Verschwinde!

CSÍK
Bleibst du heute Nacht hier?

KITTY
Lassen wir das. Ich habe dir gesagt: nachts bleibe ich nie da. Ich warte nur, bis der Anwalt weggeht und der Arzt ankommt. Drinnen erwartet dich übrigens Anita.

CSÍK
Aber letztes Mal...

KITTY
Das war ein Irrtum.

CSÍK
Lass uns noch einmal irren.

KITTY
Ja freilich! Danach verschwindest du wieder für zwei Wochen.

CSÍK
Wenn du nur wüsstest, wie furchtbar ich dich vermisst habe...

KITTY
lacht Na klar.

CSÍK
Kapierst du es denn nicht? Ich habe nur an dich denken können.

KITTY
Ja, klar. Jetzt sagst du mir, dass du ohne mich nicht leben kannst. Danach kommt die Beteuerung.

CSÍK
Aber im Ernst. Den ganzen Tag lang habe ich dich mir nicht aus dem Kopf schlagen können.

KITTY
Jetzt die Beteuerung.

CSÍK
Ich kann ja auch schweigen.

KITTY
nicht gleich, spöttisch Du und Anita

CSÍK
Ja?

KITTY
Ich grübele nur.

CSÍK
Worüber?

KITTY
Dass du und Anita... Läufst du immer zu ihr zurück? Ist eure Liebe so groß?

CSÍK
Ach was! Oft schaue ich sie nicht mal an.

KITTY
Meinetwegen?

CSÍK
Sieht uns niemand?

KITTY
Wie feige du bist! lacht Feige Sau. sie küssen sich

zu zweien

ERSTE VERWANDTE
Siehst du es?

ZWEITE VERWANDTE
Ekelhaft.

ERSTE VERWANDTE
Und inzwischen stehlen sie uns die Augen aus dem Kopf. Nichts ist übriggeblieben.

ZWEITE VERWANDTE
Alle benehmen sich hier, als wären sie im Vergnügungspark.

ERSTE VERWANDTE
Das wäre noch gar nichts. Aber inzwischen stehlen sie uns die Augen aus dem Kopf.

ZWEITE VERWANDTE
Sollten wir die Polizei rufen?

ANITA
mit Ekel Du Schuft, du dreckiger Mistkerl.

CSÍK
Das ist nun meine romanhafte Biographie. Jetzt besitze ich keine Geheimnisse mehr. Können alle uns gut hören?

KITTY
Halt endlich die Klappe! Mein Gott, gleich kommt jemand herein. Es ist so peinlich.

CSÍK
Wenn du sie beschwichtigst, ist es umso schlimmer. Taschentücher?

ANITA
Gerade mit ihr? Sie schläft doch mit jedem.

KITTY
Du dumme Gans. Ich hätte dir davon längst erzählen sollen.

ANITA
kalt Halt den Mund!

KITTY
Nun sind alle böse auf mich. Jetzt bin ich der letzte Dreck. Habe ich recht? hysterisch Und untersteh dich nicht mehr, mich eine Hure zu nennen. Ich tu was ich will, klar?

schlägt hinter sich die Tür zu

zu zweien

ANITA
Du kannst auch gehen.

CSÍK
spöttisch Kann man überhaupt normal bleiben? Auf der Strasse ist Musik zu hören, der Himmel ist so rot, als wäre Blut aufgespritzt oder Nagellack vielleicht?

ANITA
Ich kann dich nicht anschauen.

CSÍK
Dann... werde ich mein Gesicht verstecken.

Stille

ANITA
Csík, ich bin doch schwanger!

CSÍK
Das hast du gewollt.

ANITA
Gott, das ist ein Traum.

CSÍK
Das habe ich ja befürchtet. So war das nicht richtig. Peinlich...

ANITA
Wegen Kitty? Aber wer ist sie doch?

CSÍK
Ich will aber nicht mehr mit dir leben.

ANITA
Hast du es also fertiggebracht, mich zu verlassen? Ja? Wie du deine Liebe beteuertest! Wie du dich einschmeicheltest. Erinnerst du dich an deine Versprechen?

CSÍK
leicht unwillkürlich Das ist schon so lange her.

zwei, draußen

Csík versucht seinen eingeklemmten Reisverschluss aufzuziehen

KITTY
Ich will weg von hier.

CSÍK
Sie erleben jetzt Kittys Vortrag...

KITTY
Jetzt ist sie auf mich böse. Nicht auf dich. Am besten hütet sie sich davor, mich... Ich müsste hineingehen, um meinen Mantel zu holen.

CSÍK
Verdammt. Er plagt sich ab

KITTY
Was ist? Ist es eingeklemmt? War das dein Hemd? Würdest du meinen Mantel herausholen? Mein Regenschirm ist übrigens auch drinnen.

CSÍK
Gerade ich?

zwei ab

drinnen, zu zweien, dann zu dreien

ANITA
Es ist klar, alle bedauern mich und jammern ohne Ende; ich bin ihr einziges Thema. Ich weiß aber, dass er mich noch auf Knien um Verzeihung bitten wird. Dieser elendige Niemand wird schon bald meine Füße küssen. Dieses Gewürm, dieser Mistkerl!

FRUZSINA
kommt von drinnen nach draußen. Sie betrachtet mich als ihre adoptierte Tochter. Aber warum hat sie mich hergerufen? Verstehe nicht.

ANITA
Er soll tollwütig werden und krepieren. Der Krebs soll seine Seele ausfressen, seine Augen sollen ausfließen. Zum Teufel mit ihm. Ich will ihn nie mehr sehen, es sei denn, ich kann in seine Augen spucken.

Sie schmeißt ihr Glas an die Wand

FRUZSINA
Ansonsten... seid ihr fertig? War auch ein Anwalt dabei?

ANITA
Ja, jedoch ist er schon weg.

FRUZSINA
Weißt du davon, dass ein Mann mit eingebundener Hand drinnen liegt und flucht? Niemand kennt ihn. Solange ich ihre Pflegeschwester war, lagen keine Fremden auf ihrem Sofa. verstört Ansonsten, weißt du was davon, ob sie auch mir etwas vermacht hat?

ANITA
Es gibt kein Testament.

Csík kommt zurück

CSÍK
Ihr seid aber schön zusammengekommen. verstört Ist es mein Glas? Nein, das ist es nicht. Vielleicht dieses hier.

ANITA
Da hast du deinen Ring. Auf irgendjemanden wird er schon draufpassen. Nun ist unsere Scheidung offiziell.

CSÍK
Behalte ihn, du hast doch dafür bezahlt.

ANITA
Friss deinen verdammten Ring! Verschluck dich dran!

CSÍK
Du drückst dich wunderschön aus.

ANITA
Damit hast du nun nichts mehr zu tun.

CSÍK
Ich musste das Geld für das Taxi hinterlegen. Die Ringe gehören dir.

ANITA
Wieso bist du zurückgekommen?

HAUSMEISTER
Mädchen...

FRUZSINA
schreit auf Bleiben Sie draußen. Bleiben Sie draußen! drückt die Tür Sind Sie besoffen? Was gucken Sie mich so an?

HAUSMEISTER
Der junge Mann ist hineingegangen. Ich bin der Hausmeister und ich...

FRUZSINA
Was tun Sie doch? Hören sie auf!

HAUSMEISTER
Ich habe Glasklirren gehört und auch einen Geschrei. Einen schmerzvollen Geschrei.

FRUZSINA
Mensch, Sie haben ja einen ordentlichen Rausch. - Glasklirren! Wieso nicht gleich chinesisches Glockenspiel?

CSÍK
Denn du wirst mich vielleicht anhören. Oder kümmerst du dich immer noch bloß um dich selber? Ich habe dich nie geliebt!

ANITA
Es ist so gut, dass ich es endlich weiß.

HAUSMEISTER
Machen sie keine Scherze! Ich... Wer sind Sie überhaupt? Und was tun Sie hier, dass Sie niemand hineinlassen?

FRUZSINA
Wir warten auf die Straßenbahn. Hören Sie damit endlich auf, oder ich haue Ihnen auf den Kopf. endlich sperrt sie ihn aus

CSÍK
Ich habe zuletzt nachts gearbeitet. Und zwar aus dem einzigen Grund, um dich nicht sehen zu müssen. Ist es dir nicht aufgefallen, wie selten wir uns treffen? Ist dir gar nichts aufgefallen?

HAUSMEISTER
seine Stimme draußen Das ganze Haus ist mir anvertraut. Das ganze!

CSÍK
Du bist bloß in dich verliebt. Ich bin so glücklich, dass es vorbei ist. Was für eine belanglose, gottverdammte Gans!

ANITA
flüstert gehässig So ist es, trink doch, bevor deine Kehle austrocknet.

Csík wird von einem Erstickungsanfall erwischt, mit dem Glas in seiner Hand.

ANITA
Hast du ihn verschluckt oder ausgespuckt? Du machst ja damit, was du willst. Verdaue ihn oder erbrich ihn; schließlich ist es dein Ring. So oder so, du hast ihn doch zurückgenommen. Ich habe doch recht, oder?

Csík rennt dem Ersticken nahe hinaus

Anita mit selbstgefälligem Lächeln, Fruzsina traurig ab

Am Treppenabsatz

Csík würgt im Foyer, am Fuße der Palme.

HAUSMEISTER
Kann ich Ihnen helfen? Suchen Sie etwas?

CSÍK
kämpft mit dem Ersticken Danke... winkt leger, dass er keine Hilfe braucht

HAUSMEISTER
Auf diese Palme wird oft gepisst.

CSÍK
Er versucht zu verhüllen, dass er kaum zum Atem kommt.

HAUSMEISTER
Auch heute hat jemand sie bepisst.

ERSTE VERWANDTE
Aber er war kein Familienmitglied.

CSÍK
wie oben Ich mache mir nichts daraus!

HAUSMEISTER
Man hat die Palme auf der Treppe bepisst. Und sie? Sie tranken inzwischen im Zimmer. Sie sind wohl nervös, oder? Sie warten auf den Anwalt. Schöne Männer, schöne Frauen, eine schöne Familie... Dieses Haus war früher im Besitz der alten Dame und zwar in seiner Gesamtheit, und jetzt? Die Verwandten klagen. Csík kämpft mit dem Ersticken Sind Sie auch einer?

CSÍK
Mir ist schlecht.

HAUSMEISTER
Schön, schön, aber sind Sie auch ein Verwandter?

ZWEITE VERWANDTE
Von diesem Durcheinander ist mir auch schlecht.

ERSTE VERWANDTE
In ihrer Anwesenheit ersticke ich förmlich. Ich könnte erbrechen. Gehen Sie nur und erkundigen Sie sich nach dem Stand der Angelegenheit. Hausmeister ab

ZWEITE VERWANDTE
Sie kommen 'rein und 'raus, wie in einer Konditorei.

ERSTE VERWANDTE
Der eine beklagt sich darüber, dass man ihn für sein Geld liebe, der andere liebt dagegen nur das Geld. Aber wen interessiert schon, ob sie sich freute, oder weinte, wenn sie bald als eine Ehemalige betrachtet wird. Freilich versenkt man sich in seiner Klage, aber die Fliege schwimmt vor uns in der Milch. Ist Ihnen schlecht, junger Mann?

HAUSMEISTER
kommt hinaus, aus der Ferne Es gibt kein Testament. Es gibt kein Testament. Gehen Sie alle nach Hause!

 

2.

zu zweien im Zimmer

FRUZSINA
Und wer hat dir gesagt, dass es in unserem Fall um eine flüchtige Beziehung handelt? Hörst du mir zu? Was guckst du mich so an?

LOVASS
Es dämmert. Der Himmel ist vom Licht durchtränkt, so wie eine Watte vom Blut, die Sonne steigt auf. Trocken. Das ist schön.

FRUZSINA
Manchmal benimmst du dich wie ein Kind.

LOVASS
Und du wie eine Erwachsene. Ich beneide dich darum.

Er zieht sich an, er spielt Schach mit sich, um das Schachbrett ständig herumgehend

FRUZSINA
Deine Frau hat die ganze Wohnung eingerichtet, nicht wahr? Diese Nippsachen! Warum wirst du diesen Kram nicht los? Sie summt höhnisch. Alte, alte, alte Sachen. Ach!

LOVASS
Gestern warst du im Dienst, oder? Macht nichts, dafür kannst du heute zu Hause bleiben.

Er tut einen Zug mit dem Schwarzen

FRUZSINA
Lieber schlafe ich noch. Ich begrüße all die Ärzte, Herr Doktor. Fruzsi macht ein Nickerchen.

LOVASS
Heute soll ich meine Mutter besuchen, ich komme spät. Meine Mutter ist krank, jetzt wirklich.

FRUZSINA
Und wieso bist du gestern zum Errichten des Testaments nicht gekommen?

LOVASS
Das große Theater, das meine Mutter mit ihrem Testament veranstaltet, interessiert mich wenig. Anita wurde lange Zeit von ihr erzogen. Hast du davon gewusst? unerwartet Bist du eigentlich ihre beste Freundin?

Er tut einen Zug mit dem Weißen

FRUZSINA
Die deiner Tochter? Eine Zeit lang besuchten wir dieselbe Schule. Ich habe so eine gute Laune. Komm her, verdirb meine Freude!

LOVASS
Sie musste von mir seltsame Dinge erzählt haben. Er hustet verlegen

FRUZSINA
Sie hat mit ihrem Freund Schluss gemacht, gestern abend. Hörst du? Csík hat sie verlassen.

LOVASS
Sie wird schon einen Anderen finden.

FRUZSINA
Dieser war etwas Besonderes.

LOVASS
Seine Freunde interessieren mich nicht.

FRUZSINA
Aber sie ist doch deine Tochter. Schlechte Laune? Sollte ich dich aufmuntern?

LOVASS
Du liebst mich, dessen bin ich mir sicher. plötzlich Aber das ist doch nicht dein Ernst?

FRUZSINA
Was? Meine Liebe?

Sie guckt auf die Decke

Als Kind war ich in meiner Nichte verknallt. Sie war siebzehn, als sie völlig unerwartet - innerhalb einer Woche - an einer dummen Lungenentzündung starb. Aber bis dahin war ich völlig im ihren Bann. Sie war um zwei Jahre älter als ich und wusste alles von der Welt. Sie hatte große blaue Augen und schwarze Augenbrauen; ihre Haut war weiß wie Porzellan, die küsste ich gerne herum. Sie war überheblich und selbstsicher und lächelte immer; es kam selten vor, dass sie mit mir sprach. Schon mit zehn Jahren herrschte sie über die Männer und sie war völlig darüber im klaren. Mich belächelte sie nur. Ihr berichtete ich von meiner ersten Menstruation. Sie hörte mich an, wie immer und dann schmunzelte in ihrer überheblichen Weise. Als Kind war ich ganz verrückt auf sie. Sie war mein Idol, obwohl ich sie nur in großen Familienfesten sah. Als die Erwachsenen schon getrunken hatten und immer lauter wurden, da sah ich nur noch sie an; sie saß dort wie eine hoffärtige Königin. Und sie wusste das genau.

Sie wendet sich an den Mann.

Ich war ja ein dümmliches kleines Mädchen, nicht?

LOVASS
Du hast diese Geschichte wohl über meine Tochter erfunden, oder? Doch, ganz sicher. Ich würde heute so gerne mit dir zu Hause bleiben.

FRUZSINA
schminkt sich Wie ist es? Ich sei schön, nicht? Gefalle ich dir? Ich sage es ja immer, wenn ich in den Spiegel gucke. Ich sei heute so schön. Meine Sommerpossen zum Beispiel! Sie seien einfach entzückend! Und was meinst du davon?

Lovass küsst ihr die Hand

Es tut mir weh, wenn du mich drückst. Lass mich! Du erschrickst mich...

LOVASS
Manchmal denke ich daran, von hier wegzugehen. Stattdessen gehe ich ins Krankenhaus, zu meinen zwei Kolleginnen, die mich durch ihre schlechten Gewohnheiten und durch ihre Eifersucht auf dich zu Tode quälen. Die eine hat das Gefühl, dass sie ständig aufs Klo gehen muss - das ist wohl eine gottverfluchte Krankheit bei ihr - außerdem ist sie Kettenraucherin, trotz ihrer Asthmaanfälle. Die andere wurde vom Dämon des Händewaschens befallen, sie macht mich damit verrückt. Ich habe somit ihre wesentlichen Charakterzüge aufgezählt; nein, ich habe ja was vergessen: ihren Hass zueinander. Beide waren meine Liebhaberinnen. Die eine ist alt und schön, die andere ist jung und hässlich. Oder wie ist es wohl? Ich muss von dort weg...

FRUZSINA
Die Spur wird noch lange zu sehen sein.

LOVASS
Ich muss gehen... Der Kaffee ist noch heiß, trink doch! Meine Frau ist tot. Meine Tochter kümmert sich allein um ihr eigenes Leben. Meine Kollegen sind bloß mit ihrem gegenseitigen Hass befasst, mein Direktor, dieser im Schweiß badende Junggeselle zittert vor dem Todesangst und duldet es nicht, wenn wir einen Witz daraus machen. Mit wem ich auch rede, steigt so langsam das Nichtverstehen zwischen uns herab. Das ist so ordinär.

Er schmunzelt

Jeden Tag trinke ich meinen Kaffee um Viertel nach sechs, jeden Tag trete ich bei der Tür um halb sieben heraus...

FRUZSINA
Das ist doch verblüffend. Ich stehe seinetwegen um sechs auf, ich koche ihm Kaffee und dann lege ich mich bloß und mache ihm Hof... Ich wäre froh, wenn du bessere Laune hättest.

LOVASS
lacht Und wenn auch du...

FRUZSINA
finster Warum sprichst du so?

LOVASS
lacht Falls ein Wagen mich überführe..., würdest du schon am nächsten Tag im Schoß eines Anderen sitzen. Willst du es leugnen? Es ist doch so.

FRUZSINA
blass Wenn ein Unglück dir zustoßen würde...

LOVASS
lacht Was wäre denn dann?

FRUZSINA
Wenn ein Unglück dir zustoßen würde?

LOVASS
Liebling...

FRUZSINA
blass Jeder wird sehen, was ich dann täte.

LOVASS
Was denn? Nichts!

FRUZSINA
Du glaubst mir ja nicht...

LOVASS
Du spielst nur den Helden! Und ich möchte es nicht, dass...

FRUZSINA
finster Wenn ein Unglück dir zustoßen würde... sachlich würde ich Insulin stehlen und es mir einspritzen.

LOVASS
Was für ein großes Drama! Du hättest nicht einmal Mut, dir eine Stecknadel ins Finger zu stechen... Meine Süße!

FRUZSINA
Sie zieht die Krawattenadel von Lovass heraus und setzt sie auf ihr Daumen

Ist das alles?

LOVASS
Mein Gott! lacht Meine kleine Fee!... Am Ende werde ich mich noch verspäten.

FRUZSINA
Sie schaut mit blassem Gesicht die Nadel an.

LOVASS
lachend dreht sich weg, das Mädchen steht zitternd, sie wagt es nicht, ihr Finger zu stechen Hörst du es? Jemand ist hereingekommen... Ab

FRUZSINA
Sie steht beschämt, mit der Nadel auf ihrer Hand. Sie beißt zornig in ihre Lippe.

Nun, da sind wir schön daran! Du wirst es noch sehen...

Sie stürzt das Schachbrett um, ab

Zwei kommen herein

ANITA
Gehst du schon ab, Vater?

LOVASS
Ja. Nein.

ANITA
Wirst du dich nicht verspäten?

LOVASS
Wieso bist du hierher gekommen? So früh?

ANITA
Ist hier jemand? Irgendeine Frau, offenbar...

lächelt, wodurch der Vater ein bisschen gereizt wird

LOVASS
Es ist gut, dass ich dich treffe, ich wollte schon längst mit dir reden. Der Zustand deiner Großmutter ist... sehr ernst.

ANITA
Ja, ihr Zustand ist ernst und sie hasst mich. Sie hält mich für einen Irrtum der Natur. Es ist möglich, dass sie meinetwegen im schlechten Zustand ist.

LOVASS
trocken Du bist ja durchaus geneigt, alles zu übertreiben.

ANITA
Nun ja, das Wort "Hass" würde sie nie aussprechen. Das wäre schon fast wie Pornographie für sie.

LOVASS
Ich muss gehen.

ANITA
Ich möchte, dass... Ich möchte nach Hause zurückkehren.

LOVASS
Hierher? Und Csík?

ANITA
Was soll ich sagen? Ich konnte kaum erwarten, dass es endlich dämmert. Ich schaute den Sonnenaufgang aus dem Fauteuil an.

LOVASS
Was soll denn das schon wieder?

ANITA
Jemand ist hier, habe ich recht?

LOVASS
Das ist nicht so wichtig.

ANITA
Schläft sie?

LOVASS
Verdammt...

ANITA
Warum bist du so gespannt? Kenne ich sie?

LOVASS
Ja.

ANITA
Willst du mir nicht verraten, wer sie ist? Horcht sie uns zu?

LOVASS
Was fällt dir denn ein?

ANITA
Du bist erstaunlich diszipliniert!

LOVASS
Seitdem du eine Erwachsene bist, denke ich manchmal...

ANITA
Nun was?

LOVASS
Dass es besser wäre, nicht so viel von dir zu wissen.

ANITA
überrascht Wieso?

LOVASS
Ich kann dir keine Hilfe mehr leisten.

ANITA
Du bist so stark! Ich möchte dir gehorsam sein. Wie schade, dass nichts so ist, wie früher.

LOVASS
Um dich herum ist alles so furchtbar kompliziert. Ich möchte dich ja deswegen nicht beschuldigen...

ANITA
Ich habe dir vor Kurzem einen Brief geschrieben.

LOVASS
Ich möchte mit meiner Tochter keine Briefe wechseln. Wenn du etwas möchtest, komm zu mir und sage es.

ANITA
Nun bin ich da.

LOVASS
Du hast über schauderhafte Dinge in deinem Brief geschrieben.

ANITA
Ich war ratlos. Ich war böse auf dich, weil du mich nicht liebtest.

LOVASS
Dein Leben ist ein einziges Spiel. Du genießt ja das Drum und Dran, das du verursachst. Du spielst nur.

ANITA
Ich hatte das Gefühl, dass keiner sich um mich kümmert. Ich habe dich angeklagt, damit du mich endlich liebst. Wie kann man so was nicht begreifen?

Sie schweigen hoffnungslos, eine Uhr schlägt

LOVASS
Ich muss weg. Manchmal vertreiben die Menschen mit dem Sterben ihre Zeit. Auch jetzt wartet so ein Fall auf mich.

Er späht nach draußen

ANITA
Es ist noch sehr früh...

Sie blickt auf ihre Uhr

Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, aber ich bin nicht ein klein bisschen schläfrig.

LOVASS
Die Stadt sieht so aus, als wäre sie von einem verrückten Theaterregisseur gebaut worden, der zuvor aus dem schlimmsten Albtraum erwacht hatte.

Er steht mit dem Rücken zu seiner Tochter

Der Himmel ist bewölkt.

ANITA
Du hast mich niemals geliebt.

LOVASS
Verzeih mir bitte, ich habe dir nicht zugehört.

ANITA
Ich bin deine Tochter. Wie soll ich leben, wenn mein Vater mich hasst?

LOVASS
schweigt Du bist dumm und stolperst ja im Dunklen.

ANITA
Du hast dich geschnitten, ich sehe es ja. Ich habe von etwas Ähnlichem geträumt. In meinem Traum war alles voll mit Blut. Ich trug mein blaues Kleid.

LOVASS
Ein wirrer Traum.

ANITA
Ich bin einsam. Weil du mich hasst.

LOVASS
Unsinn. Es wäre mir lieber, wenn du schreien oder fluchen würdest.

ANITA
Ich bin schwanger.

LOVASS
Verflucht!

ANITA
Was nun?

LOVASS
Und was ist mit dem Singen? Du bist ja talentiert... Jeder weiß das.

ANITA
Wie kannst du so was sagen, das ist doch so schrecklich, wie ein Traum. Nein, es ist noch schlimmer. Ab

LOVASS
Was könnte ich dir noch sagen? Du quälst mich ständig, gerade du.

zu zweit, dann zu dritt

Fruzsina herein

FRUZSINA
Wo ist sie hingegangen?

LOVASS
verstört Es scheint, sie möchte heimziehen. Es wird ein bisschen eng für uns in der Wohnung...

FRUZSINA
Warum sprecht ihr so viel? Ich musste herein, mir war so kalt in der Küche. Barfuss auf dem kalten Boden...

LOVASS
Es war schrecklich. Ich sprach mit ihr wie ein Dummkopf. Ich konnte ihr nichts, rein gar nichts Sinnvolles sagen. Ich hatte nicht einmal Mut, sie zu streicheln. Für ein Moment wirkte sie, wie ein kleines Mädchen. Und ich sprach zu ihr wie zu einer Fremden. Es war schrecklich.

FRUZSINA
Wird sie von jetzt an hier wohnen?

LOVASS
Sie benimmt sich manchmal wie ein Kind, aber sie ist nun wirklich keins.

FRUZSINA
Das verstehe ich nicht ganz. Wird sie hier wohnen?

LOVASS
Der Kaffe ist vorzüglich. Komm, wir sollten auch was essen.

Er zieht sie zur Küche.

Was hast du eben gefragt? Ich muss sofort los.

FRUZSINA
lacht Ich bin immer noch so schläfrig.

Sie zieht ihn zum Zimmer.

Anita steht hinten und schaut sie an. Die beiden sehen sie nicht. Die zwei ab.

 

3.

Nacht in einem Hotel, zu zweit, dann zu dritt

CSÍK
Gute Frage, er schläft wie ein Sack. Wieso wolltest du eigentlich in ein Hotel?

KITTY
Mein Schatten streckt sich über deinen Schatten. Siehst du die Augenzeugen, mit denen der Boden bemalt ist? Mein Schatten liebt deinen.

CSÍK
Ja, weil meine Wohnung mit den Klamotten von Anita vollgefüllt ist. Was für eine Hysterie!

Kitty beugt sich über das Pult und versucht ein Schlüssel von der Tafel zu angeln.

CSÍK
Möchtest du jetzt in die Fußstapfen von Anita treten?

KITTY
erstarrt Wie verstehst du das?

CSÍK
Vor kurzem hast du doch behauptet, dass du das Krankenhaus verlassen willst. Möchtest auch du vom Singen dein Leben finanzieren?

KITTY
Ich? Niemals!

CSÍK
brummt Na, immerhin.

KITTY
Ich will auch mit dem Chor aufhören.

CSÍK
Weder Pflegeschwester noch Chorsängerin? Was wird dann aus dir?

KITTY
durch großes Anstrengen erreicht sie einen Schlüssel Nun jetzt...

PORTIER
ein Junger, tritt ein Guten Abend! Kann ich Ihnen helfen?

KITTY
liegt auf dem Pult, auf ihrem Bauch, erstarrt Nein, danke, ich schaffe es schon.

CSÍK
Wir möchten ein Zimmer.

PORTIER
Bis wann?

CSÍK
Sagen wir mal, bis morgen.

PORTIER
Das ist kein langer Aufenthalt.

CSÍK
Das ist, mein Bruder, eine Ewigkeit.

PORTIER
Möchten Sie es mit Badezimmer oder mit Dusche?

CSÍK
Was ist der Unterschied?

PORTIER
Es gibt fast keinen. Nur dass man in der Dusche stehen muss.

CSÍK
Wie war dieser Witz?

PORTIER
Ich habe den Eindruck, hier liegt ein Irrtum vor. Ich habe den Eindruck, ihr habt an einen anderen Ort gedacht, als dieser hier.

CSÍK
Ach, so! Woran, glaubst du, haben wir gedacht?

PORTIER
Ich möchte in ihrer Anwesenheit nicht obszön werden.

KITTY
Wie hässlich wird sein Gesicht, wenn er so albern grinst...

PORTIER
Es ist zu schade, dass ich Ihnen nicht gefalle. Ich wollte euch gerade eine Einigung vorschlagen.

CSÍK
Ich verlange nie eine Rechnung.

PORTIER
Mir reicht ja auch eine Naturalleistung. Und ich könnte es auch nach dir, ist mir egal.

CSÍK
Er schmeißt ihn mit heilloser Wut an die Wand. Er greift zu seiner Kehle.

Sie ist keine Hure, du Drecksack!

PORTIER
blass Jede ist eine.

KITTY
blass Gehen wir weg von hier.

CSÍK
dem Portier Schnauze, oder ich lege dich um.

KITTY
Übrigens, wenn wir schon hier sind... Sie zieht die Kasse aus, die Alarmanlage setzt ein

Wie viel könnte es sein? Lass ihn los, und hauen wir ab.

CSÍK
Lass es wo es ist! Lass es wo es ist, sonst haue ich dich in Fetzen. Wir bringen nichts hinaus. Für wen hältst du mich eigentlich?

KITTY
finster Für einen Dummkopf... Sie steht einen Augenblick, dann geht sie weg, sie schaut nicht auf die Männer

Csík geht ihr nach.

PORTIER
schaut blass ihnen nach, erhebt sich mühsam

Prächtig! Jetzt raube ich mich selber aus.

Greift in die Kasse

 

4.

zu zweit in einem Hotelzimmer

Di Rosa betet lange Zeit mit Gebetriemen

DI ROSA
Warum sagt Gideon dem Engel des Herrn, dass er ihm nicht glaubt? Wie kann er so was wagen?

SATURNIO
Ich weiß es nicht, di Rosa. Ich habe nie begreifen können, warum du dir über solche Sachen den Kopf zerbrichst.

DI ROSA
Klare Worte. Ich bin ein Schacherer. Ich werde nur das Geld lieben, solange mein Körper warm ist. Was danach passiert, davon werde ich dir bei Gelegenheit berichten.

Saturnio rasiert di Rosa

SATURNIO
Das Geld und die Frauen, di Rosa.

DI ROSA
Die Frauen, na klar. Frauen auf dem Servierbrett, mit einer halben Zitrone in ihren Mündern. Du kennst mich ja schon lange. Wann haben wir uns zum ersten Mal begegnet?

SATURNIO
Als ich in Ajaccio lebte und du mit der Ware dort ankamst.

DI ROSA
Tatsächlich? Und was machtest du denn da?

SATURNIO
Ich hungerte.

DI ROSA
Sag es so: ich hielt streng Diät. So ist es doch viel schöner. Sag, mir, Saturnio, bist du schon jemals unglücklich gewesen?

SATURNIO
Ich? Ja, zum Beispiel in Ajaccio. Und außerdem in anderen, nicht nennenswerten Orten.

DI ROSA
Was du nicht sagst! Ich... speziell... heute... er zählt sein Geld ganz... ganz... was habe ich doch gesagt?

SATURNIO
horcht ihr zu.

DI ROSA
Ganz... Aber was ganz? Ach ja, ich kann mich schon daran erinnern. Ich bin ja ganz unglücklich! Du wirst es nicht weit bringen, wenn du mir nicht zuhörst.

SATURNIO
Wer ist denn glücklich heutzutage, wenn nicht du, di Rosa?

DI ROSA
Gott segne dich, du Tollpatsch!

SATURNIO
Entschuldigung!

DI ROSA
Wo steht dein Kopf?

SATURNIO
Entschuldigung! Entschuldigung! Stille

DI ROSA
Ich denke ja immerfort an Rom.

SATURNIO
Sag mir doch, wäre es mir nicht zu empfehlen, Buchhaltung zu lernen, di Rosa.

DI ROSA
Dort ist jetzt Sommer, die Zypressen blühen... Das hier ist kein Leben.

SATURNIO
Man weiß nicht einmal, ob sie Schmuggler oder Kaufmänner sind, man behandelt sie, als wären sie echte Gentlemen, aber die meisten von ihnen sind bloß Krämer. Die ganze Welt kauft und verkauft; sag es mir, di Rosa, wäre es mir nicht doch zu empfehlen, Buchhaltung zu lernen?

DI ROSA
Lassen wir es übrigens, alles ist bloß Lüge. Wie ist die Frau?

SATURNIO
Sie hat eine gottbesegnete Natur; gegen die Probleme von anderen ist sie so gleichgültig, wie eine Katze.

DI ROSA
Du Ochse. Wen interessiert doch ihre Natur?

SATURNIO
Ansonsten? Du wirst es schon sehen. Offen gestanden, in meinen Adern kocht trunkener Sauerkirschwein, wenn sie mir einfällt. Du denkst, sie wäre nichts besonderes aber loswerden kannst du sie nicht mehr...

DI ROSA
Sie lernte also singen. Ihre Hoheit - unser Kneipenmöbel - wurde demnach aus gutem Holz geschnitten. Eine ausgezeichnete Erziehung. Zeig mir einen hoffnungsreichen, ambitiösen Fratz, und ich beweise dir, dass der Teufel existiert. Das ist jedoch bloß eine Art vulgäre Philosophie.

SATURNIO
finster Wenn ich sie sehe, dann hastet so die Zeit, wie ein Narr, wobei sie die Nase ziemlich hoch trägt... sie spielt sich furchtbar auf.

DI ROSA
Jede Frau langweilt jemanden, vergiss das nicht!

SATURNIO
Blödes Geschwätz. Lach nur, lach!

DI ROSA
Mal sehen... Wie hieß das Mädchen?

SATURNIO
finster Wie, fragst du? Anita, freilich.

DI ROSA
Jesus Maria, hör mir doch ein bisschen zu!

 

4.a

Die Anhörung

zu dritt

Es klingelt, Saturnio öffnet die Tür

DI ROSA
Also, Sie möchten singen.

ANITA
Sind Sie wirklich aus Mailand? Und wen kennen Sie dort?

DI ROSA
Ich kenne alle.

ANITA
Könnten wir die Lampe nicht... abwenden? Sie leuchtet mir gerade in die Augen. Ich kann Sie überhaupt nicht sehen.

DI ROSA
Singen Sie etwas, mein Kind.

ANITA
Hier?

DI ROSA
Nur ganz ruhig. Wir sind unter uns.

ANITA
Aber... was? Ich war darauf nicht vorbereitet, dass...

DI ROSA
Etwas Erotisches. Fassen Sie inzwischen ihre Brüste an, oder tun Sie es so, wie es Ihnen gefällt.

ANITA
Sind Sie verrückt? Sie knallt die Tür hinter sich zu.

SATURNIO
Er vergräbt sein Gesicht in beiden Händen Großer Gott, di Rosa! Wie konntest du das?

DI ROSA
Wie viel Kinderei! Aber lassen wir das!

SATURNIO
Di Rosa...

DI ROSA
Gut, was kümmert es mich, rufe sie in meinem Namen an. Sag ihr, dass es ein Witz war. Sag ihr, dass ich auf dem Gebiet des Humors einen ziemlich schlechten Geschmack habe. Sag ihr irgendwas! Sag ihr, dass sie mich anrufen soll.

SATURNIO
Sie wird dich niemals anrufen...

DI ROSA
Sie wird. Bist du endlich fertig?

die beiden ab

 

5.

CSÍK
He, wer geht da? Verflucht! Wer ist hier?

FRUZSINA
Nur ich.

CSÍK
Wer ist ich?

FRUZSINA
Ich, Fruzsina. Ich habe dich überrascht, wie ich es sehe. Die Tür war offen, ich bin einfach hereingekommen. Stört dich das?

CSÍK
Suchst du Anita? Sie ist nicht mehr hier.

FRUZSINA
Ich war gerade bei ihr.

CSÍK
Na so was. Schickt sie mir durch dich Nachrichten?

FRUZSINA
Schließlich hast du auch sie so behandelt wie zuvor mich.

CSÍK
Ihr lasst euch doch über alles des langen und breiten auslassen. Sowohl Anita wie auch du... so viel Hysterie, mein Gott. Lächle nur.

FRUZSINA
Und du... weißt du, wer du bist?

CSÍK
Nur ein Mensch. Wenn ich zu Hause bin, lege ich meine Flügel nieder.

FRUZSINA
Ein Mistkerl, ein elendiger Galgenstrick.

CSÍK
Jeder ist so gut darüber informiert.

FRUZSINA
Es fällt dir so leicht, zu spielen. Es ist verdammt leicht, nicht wahr?

CSÍK
Du wirst noch deine Stimme verlieren.

FRUZSINA
Ein Jahr lang konnte ich nicht an Männer denken. Aber du nimmst alles so leichtfertig. Solche Geschichten kleiden dich sogar, nicht wahr?

CSÍK
Ihr wollt mich festbinden. Jede von euch ist eine einzige Fessel. Und wer fragt mich, was mir gut wäre, was ich möchte? Und du kommst hierher, um mich fort zu beleidigen. Sollte ich mich beleidigt fühlen, wie du?

FRUZSINA
Was bist du für ein Scheißkerl! Ich sollte dich nicht beleidigen! Wo lebst du doch? Sei endlich ein Mensch, du Kulissenreißer. Schau mal in den Spiegel! Sie schmeißt ihm einen Spiegel.

CSÍK
Stoß mich nicht, du dumme Gans! Wenn ich anfinge zu stoßen... Ich will nur Frieden. Es ist doch jämmerlich, alle beschweren sich. Mit welchem Recht?

FRUZSINA
Ich wollte nicht schreien. Sei mir nicht böse. Und Anita... ich würde dich ja vergeblich davon überzeugen zu versuchen, dass du sie zurückrufen sollst, denn sie würde sich mit dir nicht mehr abgeben.

CSÍK
Es tut mir leid. Sie wird schon einen Anderen kriegen.

FRUZSINA
Ja. Nein. Sie ist nicht eine solche.

CSÍK
Bist du deswegen gekommen?

FRUZSINA
Es graute mir vor den Männern, deinetwegen.

CSÍK
Na schön, du willst also auch reden. Sprich dir nun alles vom Herzen los, meine Kleine. Heute hör ich nur zu. Sprich nun.

FRUZSINA
Du glaubst viel von dir.

CSÍK
Warum hast du mich besucht, aber jetzt im Ernst.

FRUZSINA
Sagen wir mal, ich wollte dich sehen.

CSÍK
Hast du mich vermisst?

FRUZSINA
Sagen wir mal, ein bisschen.

CSÍK
Ich habe gedacht, du willst mich nie mehr sehen.

FRUZSINA
Ich habe dasselbe gedacht.

CSÍK
Bist du immer noch böse auf mich?

FRUZSINA
Und? Wenn ich böse auf dich bin?

CSÍK
Setz dich her.

FRUZSINA
In solchen Machenschaften hast du dich immer gut ausgekannt.

CSÍK
Es freut mich, dass du gekommen bist. Schade, dass nicht früher.

FRUZSINA
Hast du manchmal an mich gedacht?

CSÍK
Ziemlich oft sogar.

FRUZSINA
lacht Du lügst doch, du Mistkerl. Du hast mich ja sooo furchtbar vermisst.

CSÍK
Und wenn ich das sagte, würdest du mir das glauben?

FRUZSINA
Sag es mir ruhig, es wird sich noch zeigen.

CSÍK
Es freut mich sehr, dass du hier bist.

FRUZSINA
Tu das nicht. Es gehört sich nicht. Lass mich doch. Glaub mir, ich bin nicht gekommen, um... Begreifst du es nicht? Wir dürfen es nicht tun. Au, Anita... sie ist meine beste Freundin, du musst es wissen. Au, tu es nicht!

CSÍK
Ja. Anita und du. Freilich weiß ich davon.

FRUZSINA
Wir verlieren die Fassung. summt Also, du liebst mich doch noch.

CSÍK
Ich habe dich einfach nicht aus dem Kopf schlagen können. Eigentlich habe ich die ganze Zeit nur an dich gedacht. Ich freue mich, dass du da bist. Warum lachst du? Du lachst ja, wie eine Wahnsinnige.

FRUZSINA
Sie lacht so, dass es kaum zu verstehen ist, was sie sagt Was für ein Mensch bist du eigentlich? Ich sage dir: ein eitles Vieh. Hat es dir schon eine Minute genügt, um daran zu glauben, dass ich so lange Zeit nur nach dir schmachtete, nachdem, du mich so leicht und locker abgetan hattest? Bist du so eitel und blind? Du Scheißkerl. Was bildest du dir ein? Hast du dich für einen tollen Mann gehalten? Warum redest du nicht, eh? Du bist bemitleidenswert. Du hast mich verzaubert, du blonder Prinz, und ich war total in dir verknallt. Wurde der Arme selber das Opfer eines Spielchens?

CSÍK
Du verdammte Hure!

FRUZSINA
lacht hysterisch Das ist das einzige, was du kannst. Fluche nur, zerr mich ruhig herum, du hast sowieso verloren. Es ist toll, oder? Nun macht das Leben richtig Spaß, nicht wahr? Endlich habe ich es geschafft, dich zu erniedrigen. flüstert Ist egal, du bist ja ein Mann. Sei doch wirklich ein Mann! Sei ein Mann! Versuch es zumindest, ich bitte dich, meine Liebste.

Sie lacht wiederum so, dass es kaum zu verstehen ist, was sie sagt.

Hoffentlich tauche ich noch in deinen künftigen Träumen auf.

CSÍK
Lach dich zu Tode, meine kleine Kröte. Krepiere endlich, werde tollwütig, trockne aus! Du sollst bis zum Ende deines Lebens beten, um endlich einen Mann zu kriegen, du Aas, du Hure! Auch das noch. Ihr seid doch alle verdammt!

 

6.

zu zweien am Klavier, Anita singt die Tonleiter

KATI
Das A war falsch. Jeder Mann ist ein Erzbetrüger. Das A war falsch.

ANITA
Heute schaffe ich es einfach nicht. summt Es geht nicht. Verzeih mir, meine Gedanken sind abgeschweift. Was war das mit den Männern? Oder was hast du eben gesagt?

KATI
Gar nichts. Fangen wir noch mal an!

ANITA
Dass sie Erzbetrüger sind. Das ist ja evident.

KATI
Weil manche Personen es ihnen ermöglichen, Erzbetrüger zu sein. La - la - la - la. Ihr schwatzt ja bloß. Andere haben heulende Kinder zu Hause. La - la - la - la.

ANITA
Es geht nicht, nein, ich schaff es einfach nicht.

singt

KATI
Denn das Kind... es war wieder falsch, findet es beschissen, allein aufzuwachen. Und es hat ja recht. Nicht aus der Kehle, ich habe dich schon mehrmals darum gebeten.

ANITA
La - la. Du fühlst es wohl. Ich weiß nicht, was mit mir los ist. La - la - la - la.

KATI
Wer würde es nicht hassen, allein aufzuwachen? hasserfüllt La - la - la - la

ANITA
Du hast es gehört, oder? Also nicht. Lassen wir es für heute! Die Stunde wird aber aufgerechnet, keine Frage! Es ist selbstverständlich!

KATI
beiseite Oh, du dumme Gans!

ANITA
Du bist so seltsam heute. Gibt's was?

KATI
Verzeih mir. Auch ich habe andere Gedanken im Kopf.

ANITA
lächelt Wenn mich nicht alles täuscht, dann musst du jetzt an die Männer denken.

KATI
Wie sollte ich das verstehen?

ANITA
Habe ich etwas Falsches gesagt?

KATI
Am besten setzen wir es fort. Versuch es zumindest. Stemm dir die Hände in die Hüften! Sie üben, es wird immer peinlicher

ANITA
Verschieben wir es auf Freitag, falls wir dann überhaupt noch leben. Ich kann mich nicht konzentrieren.

KATI
Dann gehe ich jetzt.

ANITA
Obendrein habe ich auch Halsweh bekommen. Regnet es noch?

KATI
Wozu singst du eigentlich, wenn ich es fragen darf?

ANITA
Es hat aufgehört zu regnen.

KATI
Eine Maniküre, die in die Oper will. lacht Du schaffst es nie. Nie im Leben!

ANITA
Na und?

KATI
Ich gehe jetzt lieber.

Sammelt ihre Notenblätter, ab

 

7.

Die Wohnung von Csík. Zu zweien, Sie sind bis auf die Haut nass, sie trocknen einander die Haare.

CSÍK
Bei jedem neuen Liebhaber eine andere Haarfarbe, nicht wahr? Anita dagegen ist immer blond, blond, blond.

KITTY
höhnisch Muss furchtbar aufregend sein.

CSÍK
Was siehst du auf der Strasse?

KITTY
Wie viele Autos, siehst du? Sie stehen auf dem Gehsteig. Wenn man all ihre Rückspiegel abbrechen würde, das wäre eigentlich wie Blumenpflücken auf der Wiese. Viele kleine Spiegelchen.

CSÍK
Bist du böse auf mich?

KITTY
Nicht der Rede wert.

CSÍK
höhnisch Liebst du mich nicht mehr?

KITTY
Ich habe dir nie gesagt, dass ich dich jemals geliebt hätte.

CSÍK
Verlieb dich in mich, und aus lauter Dankbarkeit werde ich dein Leben in eine Hölle verwandeln. Und das wird ewig dauern, von heute an.

KITTY
Ja, ewig. Das heißt, für eine Minute.

CSÍK
Und wenn  i c h  deiner überdrüssig werde? Ich wurde sogar Anita Lovass überdrüssig.

KITTY
flüstert Geh dann. Lauf zu ihr zurück. Geh, wenn du kannst.

CSÍK
Darf ich noch etwas fragen?

KITTY
Anita wartet schon auf dich. Lauf!

CSÍK
Du hast recht. Sobald der Regen aufhört, gehe ich sofort ab.

KITTY
Hast du diese schon gesehen?

CSÍK
Die Pistole! Meine Güte! Sie gehört deinem Vater an, nicht? Du hast sie zu Hause einfach in die Tasche geschoben...

KITTY
Ich habe sie gekauft.

CSÍK
Ist sie geladen? Freilich nicht.

KITTY
Und wenn doch...?

CSÍK
Du schwätzt nur ins Blaue hinein. Du kannst sie nicht benutzen.

KITTY
lacht Davon versteht doch jeder.

Sie kniet auf den liegenden Mann und drückt die Waffe unter sein Kinn.

Nun, bleibst du so unverschämt?

CSÍK
schiebt sie beiseite Darf ich etwas fragen?

KITTY
Sie mimt die Rauferei, lässt das Wegschieben der Pistole nicht zu. Nun, sprich.

CSÍK
Wie viele Vorgänger habe ich gehabt?

KITTY
lächelt Was geht dich das an?

CSÍK
Zum Beispiel diesen Bärtigen, mit dem du gestern in der U-Bahn kokettiertest. Oder den Blonden, in dessen Gesellschaft du deine Wohnung verließest, während ich auf dich wartete.

KITTY
Er ist mein Kollege, er hat sich von mir bloß verabschiedet.

CSÍK
Du hast ihn aber nicht wie einen Kollegen behandelt.

KITTY
Warum stellst du mir solche Fragen?

CSÍK
Das ist wohl deine Droge, nicht? Das ist dein Gott.

KITTY
Du kannst mich nicht beleidigen, was du auch sagst.

CSÍK
Wie du ins Bett schlüpfst! Das ist eine wahre Zeremonie bei dir. Die Priesterin bringt ein Opfer ihrem Teufel dar.

KITTY
Etwas rasselt draußen. Vielleicht ist der Teufel gekommen, um dich zu holen.

CSÍK
Oder dich.

KITTY
Was könnte er mit ehemaligen Geburtshelferinnen anfangen? Hörst du, wie er klopft?

CSÍK
Das ist bloß der Wind; ein gewalttätiger Bettler: er klopft an der Fensterscheibe, um sein Recht anzufordern. Sollte einmal unser lieber Teufel klopfen, dann würde die Welt daran zugrunde gehen.

KITTY
Sprichst du von der Apokalypse? Das ist was Schönes! Als Kind spielte ich einmal Apokalypse: ich schlug sämtliche Schaufenster einer Strasse ein. Ein Händler erwischte mich, er wollte mich aber nicht verraten. Er drängte mich mit seinem Bauch an die Wand und schnaufte laut. Er hatte einen stechenden Blick, aber ich hatte keine Angst. Was er von mir wollte, bleibt wohl ein Geheimnis, denn danach wurde er von einem Asthmaanfall erwischt. Er fiel auf die Knie und röchelte bei meinen Beinen. Ich dachte, er würde sterben. Und ich sah nur zu; es war wie ein Fernsehfilm.

CSÍK
Du wirst mich vergessen. Du schaust weg und schon steigt Nebel auf deine Augen herab. Ich bin nirgendwo mehr. Du wirst mich vergessen.

KITTY
ernst Ich würde dich nie vergessen.

CSÍK
Wie diesen Händler?

KITTY
Das war etwas anderes.

Sie schweigen.

 

8.

In der Wohnung von Lovass

Die Rosa beugt sich nach vorne, er trocknet seine Haare mit einem Haartrockengerät.

DI ROSA
Den Kamm!

ANITA
Ja.

DI ROSA
Das Handtuch!

ANITA
Ja!

DI ROSA
Wieso wollten Sie mich treffen?

ANITA
Ich habe Sie angerufen, weil ich es mir anders überlegt habe. Ich will weg von hier.

DI ROSA
Per Telefon, ja.

ANITA
schweigt In dem Licht habe ich Sie kaum sehen können. Ich wollte mich vergewissern, ob Sie meinen Vorstellungen entsprechen.

DI ROSA
Niemand kann das. Jemand summt drinnen.

ANITA
Es ist Dietrich Fischer - Dieskau. Er singt.

DI ROSA
Ich kenne ihn nicht. Aber wieso singt er im Schlafzimmer?

ANITA
Stört es Sie? Gefällt es Ihnen nicht?

DI ROSA
Ich wäre auch bereit, in deinem Schlafzimmer zu singen.

ANITA
Auf einem CD?

DI ROSA
Nein, auf deinem Bett.

ANITA
lacht So eine Pappe!

DI ROSA
Lach nur! Das mag ich. Deine Haare haben einen wunderbaren Duft.

ANITA
Wie sehen wir aus? Siehst du uns im Spiegel? Wie Vater und Tochter.

DI ROSA
macht ihr Hof Ich bin voller Sehnsucht nach dir.

ANITA
Du drückst dich wunderbar aus.

DI ROSA
Kannst du tanzen?

zu dreien

SATURNIO
kommt herein, er ist bis auf die Haut nass, wohin er auch geht, lässt eine Lake hinter sich Di Rosa!

DI ROSA
Hast du geschwommen?

SATURNIO
Di Rosa! Ich habe keinen Sekt gekriegt, so habe ich Rotwein gebracht.

DI ROSA
Und wo kommt dieser brutale Weingeruch her?

SATURNIO
Es gießt in Strömen.

DI ROSA
Aber was ist dieser Weingeruch? Hast du vielleicht...?

SATURNIO
Im Vorzimmer...

DI ROSA
Du Verdammter...!

SATURNIO
... bin ich ausgerutscht. deutet es an Aber noch rechtzeitig, im Lambris...

DI ROSA
Das ganze Haus ist mit Wein überschwemmt.

SATURNIO
Gott sei Dank, dass es nur Wein war. Nirgendwo habe ich Sekt gekriegt. Di Rosa! Jemand singt im Schlafzimmer, oder in der Nachbarschaft vielleicht?

DI ROSA
Ich werde ihn verstummen machen. Ab

SATURNIO
schreit ihr nach Tun Sie ihm nichts an! Es ist gar nicht mal so schlecht! an Di Rosa Es muss der Nachbar sein. Das ist ein wahrer Fluch.

DI ROSA
Trockne dich ab!

SATURNIO
Ich habe auch Gläser mitgebracht. Heute siehst du recht nett aus, Anita. Wie schön sie ist, nicht wahr, di Rosa? Man würde sie am liebsten den ganzen Tag lang anschauen. Bei Gott!

DI ROSA
herein, spöttelt Wenn ich stürbe, würde ich meinen Leichnam euch vermachen, ich schwöre es.

SATURNIO
Was für ein schöner Glas!

ANITA
Was für ein schöner Glas!

SATURNIO
Di Rosa... ich befürchte, du liebst die Frauen übermäßig. Wäre es nicht einfacher, wenn du heiraten würdest?

DI ROSA
Ah, ich hatte in Neapel eine Braut. Sie war ein vorzügliches Mädchen. Aus der Sache wurde aber nichts, ihre Familie war nämlich von unserer Verlobung nicht gerade entzückt.

SATURNIO
Was du nicht sagst!

DI ROSA
Aber im Ernst! Ihr Mann zum Beispiel war völlig außer sich.

SATURNIO
Ich habe gestern deinem Bräutigam begegnet. Er ist ein anständiger Kerl, aber es empfiehlt sich, vorsichtig mit ihm umzugehen, denn er ist verrückt auf das dümmere Geschlecht. Wenn ich doch jemanden hätte, der ich die Hand halten könnte...

ANITA
Nimm deine Hände weg.

DI ROSA
Nicht doch, süße Anita, trink nicht nur einen Schluck, sondern leere es bis zur Neige!

ANITA
lacht gereizt, trinkt viel Ich werde verrückt. Die Hitze ist hier unerträglich. spöttisch Es lebe Genoveva...

SATURNIO
Sie ist schön, so schön! Wenn sie bloß nicht so viel reden würde!

DI ROSA
spöttisch Saturnio, komm ein bisschen später zurück! Aber nicht sehr bald, wenn du Gott kennst! Er begleitet ihn hinaus. Verschwinde endlich!

ANITA
Warst du nicht mal überrascht, als ich dich anrief? Also nicht. Nicht, oder?

SATURNIO
Siehst du, ich habe dir immer gesagt, die Frauen brauchen Zeit... Danach werden sie so zahm. Di Rosa, du Hurensohn,... du Glückspilz!

Er schaut durch die Türritze hinein

Ab morgen wendet sich das Blatt. Ihr werdet mich noch öfters erwähnen. Hörst du es? An mich wirst du noch zu denken haben! lacht Glaubst du es nicht? wendet sich bitter ab Gott soll dich strafen, wenn du daran nicht glaubst!

Di Rosa zieht Anita in seinen Schoß, Saturnio lauert.

 

9.

Auf einem Dachboden

Kati hängt durchnässte Notenblätter auf eine Wäscheleine auf

KATI
Schubert, Schumann, Mozart. Da sind wir schön daran. Er kommt nicht nach Hause. Ich sage ihm: ich liebe dich, aber ich könnte ihn umlegen.

Schaut an, was sie aufhängt

Die Forelle. Ich bin hoffnungslos konservativ. Gott, wie ich ihn hasse! Sollte ich vielleicht an ihm Rache nehmen? Gott sollte alle dreckigen Schweinskerle bestrafen! Du wirst noch teuer dafür bezahlen, ich schwöre es!

Sie singt und hängt auf

 

ZWEITER AKT

10.

Am Morgen in der Lovass - Wohnung, zu zweien

Anita, allein im Zimmer; sucht fieberhaft im Sakko von di Rosa herum. Di Rosa erscheint im Hintergrund und schaut stumm zu.

ANITA
zuckt zusammen Ich wollte nur erfahren, wer dich in Toronto erwartet.

DI ROSA
Was meinst du mit diesem "wer?"

ANITA
verlegen Nun... ich wollte wissen, ob du eine Familie hast und so weiter.

DI ROSA
Ich habe meine Frau seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Hast du sie gemeint? Übrigens habe ich auch eine Tochter.

ANITA
wie oben Man erzählt, dass du sie in deinen Geschenken geradezu ertränkst.

DI ROSA
Sie ist kleiner als du. Mich quälen furchtbare Gewissensbisse, denn ich bin viel zu selten mit ihr zusammen. Sie ist siebzehn. Ich muss weg.

ANITA
Echt? Dann ist sie schon eine richtige Frau. Zeig mir deine Hand! gibt dem Gespräch eine andere Wendung

DI ROSA
Eine richtige Frau. Das glaubst du. Was willst du denn mit meiner Hand?

ANITA
höhnisch Am meisten liebte ich meinen Großvater, aber er lebt nicht mehr. Er führte im Souterrain furchtbar geheime Experimente und trieb ständig Späße mit den Kindern. Einmal...

DI ROSA
Was hast du vor? Ich hoffe, du willst mich doch nicht maniküren.

ANITA
Ich bin bereit, auch deine Hände zu maniküren, sobald ich mit meinen fertig bin.

DI ROSA
Du schaffst es einfach nicht, dich an deinem Vater auszuleben. Habe ich recht?

ANITA
Du wirst ihn bald kennen lernen. unerwartet Als ich ein Kind war, ohrfeigte er mich ziemlich oft - ohne jeden Grund, bloß als eine natürliche Folge seiner Wutausbrüche. Manchmal bin ich der Meinung, dass sogar auch seine Liebe zu meiner Mutter mit Schlägen abwechslungsreicher gemacht wurde. Und am darauffolgenden Tag war er plötzlich so weich, wie Butter. Ich bemerkte ziemlich schnell, dass es viel besser wäre, geheim zu halten, dass ich mich an etwas erinnert hätte. In solchen Fällen war er einfach wunderbar; ja, er war zauberhaft und charmant: diese Tage waren mit Abstand die Schönsten meiner Kindheit. Wenn ich jedoch geschmollt hatte, dann fühlte er sich beleidigt und schnaubte förmlich vor Wut, na ja, zumindest tat er mir dann eine Weile nicht weh. Er war völlig unberechenbar. Ich schmunzelte ihm zu, auch wenn meine Augen durch seine Schläge noch total geschwollen waren.

DI ROSA
Wer ist eben weggegangen? Ich hörte, wie sich die Tür zuschloss.

ANITA
Weißt du, ich sah ja immer voraus, wann es noch bös enden würde und ich ihn unbedingt meiden sollte. Bei solcher Gelegenheit hatte er nämlich einen sonderbaren Duft. Ich spürte diesen Duft gleich, wenn er ankam und mich umarmte; sein Rasierwasser mischte sich mit einem sonderbaren, gespannten Schweißgeruch das ich mit sechs Jahren "Gefahrgeruch" nannte.

DI ROSA
Ist dir kalt, wenn das Fenster geöffnet ist? Dieser Nagellack ist nämlich...

ANITA
Ich mache verzweifelte Versuche, um meinen Vater lieb zu haben; ich tue mein Bestes, um sie beide lieben zu können. Sollte sie aber hier auftauchen, würde mich sofort ein irrationaler Hass erfassen. Ich kann wohl niemanden lieben.

DI ROSA
Es regnet wieder.

ANITA
Ich bin daraufgekommen, dass ich nicht ein klein bisschen liebenswürdig bin.

DI ROSA
Auch am Morgen regnete es. Und Nebel hatten wir auch. Ich wachte auf und dachte an meine Tochter. Ich habe sie seit siebzehn Jahren vor den Menschen versteckt. Meine Güte, dieser verdammte Kaffee!

ANITA
Kannst du mir wirklich Beschäftigung geben? Sie weint fast Sei mir bitte nicht böse, dass ich in deinen Sachen herumgesucht habe. Ich befürchte, dass...

DI ROSA
Könntest du mir die Kleiderbürste geben?

ANITA
Du belügst mich, nicht wahr?

DI ROSA
Ich will es an mir verschmieren. Was meinst du? Könnte man es eventuell bespritzen?

ANITA
Ich erkenne sofort, wenn ich belogen werde.

DI ROSA
Es ist völlig hoffnungslos. Verdammt!

ANITA
Ich will weg von hier. Um jeden Preis!

DI ROSA
Am besten werfe ich alles weg.

ANITA
Mir ist kalt.

DI ROSA
steht vom Stuhl auf Und alles ist hier mit Staub bedeckt. Wie viel Staub! Wird hier eigentlich manchmal geputzt?

ANITA
Streue doch Salz darauf!

DI ROSA
Fällt mir ein... Der Saturnio... macht dir heftig Hof.

ANITA
mit leerem Gesicht Ja, seit langem schon.

DI ROSA
Und, hat er Chancen bei dir? Ich glaube, er gefällt dir.

ANITA
Gestern war ich sehr gemein zu ihm. Plötzlich kokett Damit du nicht sagen kannst, dass...

DI ROSA
Sag mir doch, warum du unbedingt Opernsängerin sein möchtest.

ANITA
Du fragst, warum ich singen will? Bist du verrückt? Wieso fragst du das?

DI ROSA
Dann sing doch etwas!

ANITA
Jetzt?

DI ROSA
Ich habe dich noch nie singen hören. Ich weiß nicht einmal, was für eine Stimme du hast.

ANITA
Was könnte ich auf solch eine Frage antworten?

DI ROSA
Tu es doch!

ANITA
Alle sagen, dass ich...

DI ROSA
Ja?

ANITA
Dass...

DI ROSA
Ja.

ANITA
Dass sie sehr schön ist.

DI ROSA
Das sagt man?

ANITA
Ziemlich viele haben mir davon erzählt.

DI ROSA
Sing doch endlich was!

ANITA
lacht gezwungen Ausgerechnet hier? Komm schon!

DI ROSA
Wo möchtest du es denn? Stell dich bitte hin. Oder am besten machst du das auf dem Tisch.

ANITA
Wieso tust du mir das jetzt an?

DI ROSA
Komm doch, mach jetzt einen Auftritt. Wir schalten das Licht ab, nur das bleibt hier unten.

Anita klettert langsam und verlegen auf den Tisch. Sie zwinkert im Licht und - gegen Kälte empfindlich - faltet ihre Hände vor ihrer Brust.

DI ROSA
Sing nun.

ANITA
Über uns wohnt ein weinerliches Mädchen mit ihrer Mutter.

DI ROSA
Ja?

ANITA
Und die Fruzsina leise schläft.

DI ROSA
Sing endlich.

ANITA
Heute krieg ich es nicht hin. Es geht nicht.

DI ROSA
Was für Lieder hast du in deiner Repertoire?

ANITA
ersterbend Enorm viele. flüstert Lieder.

DI ROSA
Lieder? Stille

ANITA
Was hast du mit mir vor?

DI ROSA
Und du mit mir?

Das Mädchen bricht in Tränen aus.

zu dreien

GESANGSLEHRER
Grüß Gott.

DI ROSA
Wer sind Sie denn?

GESANGSLEHRER
Ein gewisser junger Mann hat mir gesagt, das ich Sie hier antreffen kann.

DI ROSA
Hat er Ihnen nicht gesagt, dass ich nicht allein bin?

GESANGSLEHRER
Davon hat er nicht erzählt. Aber lassen Sie sich nicht stören.

DI ROSA
Ich tu es aber.

GESANGSLEHRER
Wegen des Mädchens?

DI ROSA
Ja. Und?

ANITA
Könnte ich endlich runter?

Di Rosa nimmt das Mädchen herunter

GESANGSLEHRER
Seien Sie begrüßt, Anita.

ANITA
flüstert Herzlich willkommen.

GESANGSLEHRER
Sie brauchen ja nicht in Verlegenheit zu kommen. Mich kann nichts mehr überraschen.

ANITA
Was kann Sie nicht überraschen?

DI ROSA
Dass Sie beim Herrn Rosa wohnen.

ANITA
Ich wohne bei meinem Vater.

GESANGSLEHRER
Was suchen Sie hier denn dann, wenn ich es fragen darf?

ANITA
Und was geht Sie das an, wenn ich es fragen darf? Übrigens ist das hier seine Wohnung.

GESANGSLEHRER
Letztendlich ist es egal, ich bin ja wegen des Klaviers gekommen. Soviel ich weiß, haben sie eine Schwäche für Raritäten.

DI ROSA
Hat dieser gewisse junge Mann Ihnen davon erzählt?

GESANGSLEHRER
Ja, dieser gewisse. Es werden noch andere kommen, um Ihnen verschiedene Dinge zu verkaufen, aber für jene Dinge kann ich leider nicht gutstehen.

DI ROSA
Kommen noch weitere? Großartig.

GESANGSLEHRER
Sie warten unten. Als erster wurde ich auserwählt. Es stammt aus dem sechzehnten Jahrhundert.

DI ROSA
Im sechzehnten Jahrhundert war das Klavier gar nicht erst erfunden.

GESANGSLEHRER
frech Sie haben recht. Demnach aus dem siebzehnten.

DI ROSA
Aus welchem Grund wollen Sie es loswerden?

GESANGSLEHRER
Mein Herr, dieses Klavier war mein allergrößter Traum gewesen, ehe ich völlig ruiniert wurde. Fragen Sie lieber nichts.

DI ROSA
Ich habe doch nichts gefragt.

GESANGSLEHRER
Mein Herr, ich möchte Sie zum Kaufen auffordern, sonst läuft es Gefahr, dass die Masse da unten Sie einfach umlegt.

DI ROSA
Saturnio! Du Schicksalsschlag... ich gehe jetzt, um die Kraftverhältnisse klarzustellen.

zwei ab

zu zweien

Fruzsina kommt eine Grimasse machen herein. Sie sucht nach den Lärmenden.

ANITA
kommt zurück Hast du geschlafen?

FRUZSINA
Ich habe etwas Sonderbares geträumt. Am frühen Morgen erweckte mich der Regen, der das Fenster beschlug. Es war so schön.

ANITA
gespannt Ja. Du kannst weiterschlafen.

FRUZSINA
Willst du mir nicht Kaffee kochen? Mein Mund ist völlig ausgetrocknet.

ANITA
Gut. Mein Vater ist weg, nicht wahr?

FRUZSINA
streckt sich die Glieder Er ist schon früh am Morgen weggegangen. Er geht oft auf geheimnisvolle Wege. Eigentlich bin ich auf ihn eifersüchtig, wenn ich es mir recht überlege. Würdest du mich maniküren?

ANITA
Übrigens kaufe ich dir ein anderes Kleid. Weißt du, für jenes, das ich mit dem Bügeleisen ruinierte. Bist du mir immer noch böse?

FRUZSINA
Dein Italiener war hier, dein di Rosa, ich habe ihn heute Abend gesehen. Du gehst also nach Mailand, nicht? Hat er mit dir angebändelt, was? Nun? Na klar.

ANITA
müde Na klar.

FRUZSINA
Wieso hast du ihn provoziert?

ANITA
Ich bin halt so.

FRUZSINA
Möchtest du wissen, wovon ich geträumt habe?

ANITA
Ja. Musst du unbedingt jede Nacht hier verbringen? Könntest du nicht anderswo schlafen?

FRUZSINA
schaut sie an Dazu ist es mir wirklich viel zu früh.

ANITA
Entschuldigung, es war bloß eine Frage. Noch mal, Entschuldigung.

FRUZSINA
Wieso bist du so fröhlich, wenn die Männer über dich herfallen?

ANITA
Sag mir, räumst du niemals auf?

FRUZSINA
höhnisch Willst du etwa wieder jemanden verarschen? Ein ziemlich dummes Spiel.

ANITA
Nach Csík's Meinung nicht sehr oft.

FRUZSINA
Du bist schon ganz vertrottelt. Und ich habe dich wirklich bemitleidet. Übrigens, warum ziehst du nicht fort?

ANITA
trocken Hier bin ich zu Hause.

FRUZSINA
hasserfüllt Du hast niemals hier gewohnt.

ANITA
Doch. Als ich 15 war, holte mich mein Vater von meiner Großmutter. lächelt Bei der ich übrigens aus dem offensichtlichen Grund wohnte, um meine zahlreichen Stiefmütter nicht zu stören.

FRUZSINA
Du hasst doch alle. Auch Zsolt, deinen eigenen Vater. Du bist unmöglich!

ANITA
Es wäre mir lieber, wenn du von hier wegzögest. Und zwar heute noch. Nur ich wohne hier und mein Vater. Verzieh dich also.

FRUZSINA
Nie im Leben! Du sollst krepieren. Ich liebe deinen Vater!

ANITA
lächelt kalt Also du liebst meinen Vater. Ich bemitleide ihn. Er ist völlig im Bann der Frauen. Er erwies sich als unfähig, der raffinierten Liebe meiner Großmutter zu entkommen. Er trollte immer besiegt zu ihr zurück. Meine Großmutter ließ sich nicht einmal die Genugtuung zu, seinem Söhnchen vorzuwerfen, dass er sie für eine kurze Zeit für eine andere verließ. Die Heirat zwischen ihm und meiner Mutter betrachtete sie als eine Art Teenagerrevolte und war völlig davon überzeugt, dass nur sie als Siegerin aus der Situation herauskommen kann und einen gehorsamen Sohn zurückbekommt, der sich in der Erleichterung und der Dankbarkeit verwirren wird, da er sich für seine Heirat nicht entschuldigen muss.

Sie bringt wütend einen Eimer

FRUZSINA
schreit Deine alten Geschichten interessieren mich gar nicht. Du lebst doch in der Vergangenheit. Du bist einer Greisin gleich. Ich habe alles versucht, um mich bei dir beliebt zu machen. Warum bist du ständig so hasserfüllt? Lass mich endlich in Ruhe! Sie bricht in Tränen heraus

ANITA
triumphal Du kennst doch meinen Vater gar nicht. Du wirst dich enttäuschen. Und sag mir dann bloß nicht, dass ich dich nicht gewarnt hätte.

Sie macht sich an die Arbeit

FRUZSINA
mit Hass Lass uns im Frieden! Und was dir Csík angetan hat, das hast du wohl verdient, ich schwöre es.

ANITA
als würde sie ihr gar nicht zuhören Was meinen Vater anbelangt, wäre es für dich besser, ihn zu vergessen. Glaub mir, ich sage das in deinem Interesse. Du glaubst ja, ich sei eifersüchtig auf dich, wo ich dich bloß vor meinem Vater, diesem Don Juan zu retten versuche. Steht vom Aufwaschen auf Sag mir später bloß nicht, dass ich dich nicht rechtzeitig gewarnt hätte. Fruzsina schaut ihr Spiegelbild im Eimer an, sie richtet sich ihr Haar

allein

DI ROSA
tritt herein aus dem Eingang, wo er bisher ganz unbemerkt gestanden hat.

Ich gehe jetzt weg, ohne ein Wort zu sagen. Ein schmutziger Fall!

zögert

Ich lasse mich doch nicht enttäuschen. Ich besuchte sie und guckte ihr zu, während sie arbeitete. Ich schaute an, wie sie die Nägel von alten Weibern lackierte, wie sie mit den anderen Mädchen plauderte und rauchte; schließlich stellte ich fest, dass dieses Mädchen glücklich sei. Es war ein wonniges Gefühl, ihr zuzuschauen. Sie wirkte wie eine kleine Fee. Ich sollte sie darüber aufklären. Das würde sie bestimmt erheitern. grübelt

 

11.

Im Untergeschoss eines Krankenhauses. Irgendwo tröpfelt es

allein

SATURNIO
Jedes Gefühl ist ein tollwütiger Hund. Sie ziehen in Meuten und treiben den Menschen bis zum Umfallen. Mir bricht das Herz, aber wem sollte schon das Herz brechen?

Stille

Was für ein fürchterlicher Gestank! Und niemand ist hier. Die Luft ist so eng, dass sie mich fast erstickt; sogar die Wände schwitzen davon. Ich hoffe, drinnen ist niemand zum Auferstehen bereit. Herr Doktor! Und wenn einer vom Teufel besessen wird?

zu zweien

LOVASS
Haben Sie einen Toten gebracht?

SATURNIO
Ja, aber er kann noch ausgezeichnet gehen.

LOVASS
Wer sind Sie?

SATURNIO
Ich möchte mit Ihnen reden.

LOVASS
Meine Hände sind mit Blut beschmiert. Was wollen Sie?

SATURNIO
Ich liebe Ihre Tochter.

LOVASS
Das ist also der Zweck Ihres Besuches. Von einem Händedruck mit mir möchte ich Sie verschonen, sonst würde ich Sie noch besudeln.

SATURNIO
Mein Gott, der Gestank ist hier unerträglich... Herr Doktor, ich habe mich in Ihre Tochter verliebt. Passen Sie auf sie auf! Ich bitte Sie...

LOVASS
Sie bringen mich in Verwirrung... Davon höre ich nicht gerne... Wären Sie an meiner Stelle, dann würden Sie sich derart schlimm fühlen, wie ein gespaltener Mensch. Um Gotteswillen, alle sollten mich mit meiner Tochter in Ruhe lassen. bösartig Was Sie momentan riechen, ist übrigens eine Lunge. Sind Sie daran interessiert? Beide Lungen bestehen aus 10 Metamären, der Bronchus und die Vene sind gesondert. Und zwischen ihnen findet man das Bindegewebe, das ziemlich leicht auszuhülsen ist. Sehen Sie? Sehen Sie? Und die Leber! Während des Einatmens bewegt sie sich mit dem Zwerchfell. Sie besitzt zwei Adersysteme; eine Verletzung am Schlagader ist unbedingt und absolut tödlich. Ringen Sie um Atem? Was ist denn mit Ihnen los? Sie spüren bloß den Geruch eines in Verwesung begriffenen Körpers, die Pathologie eines kranken Herzens und des Kreislaufes; Vernarbung und venöse Hyperemie. Sind Sie daran interessiert? Klappenstriktur.

Er zeigt es auf einer Schüssel.

Die Muskulatur der Vorkammer ist viel dünner als die der Kammer. Das ist schön, zum Heulen schön, das müsste man allen lehren. Lassen Sie sie nicht fallen! Wir müssen sie noch ermessen!

SATURNIO
Wie hartnäckig liegt er hier! Dieser alte Mann ist wie Marmor.

LOVASS
flüstert Gestern tat ihm noch sein Herz weh.

SATURNIO
Wie bösartig Sie lächeln!

LOVASS
Frühe Alterung. Jetzt wische ich sie von ihm ab und binde seine Todesursache an sein Bein. Hinter seinen Namen wird ein Punkt gesetzt. Eine kurze Todesanzeige; es ist kein Casus mehr für uns.

SATURNIO
Aber Herr Doktor! Und was ist mit der Liebe? Seien Sie vorsichtig mit di Rosa! Mir ist schlecht!

LOVASS
Der Körper, ja. Drinnen kribbelt es von Gedanken, wie von Würmern. Das ist die Hölle, mein Sohn.

SATURNIO
Mein Gott.

LOVASS
Meine Tochter... Die Männer kreisen um sie herum wie die Fliegen. Wenn ich es nur nicht sähe. Sie ist ganz ihrer Mutter nachgeraten. Wozu das ganze Geschwätz? Wenn der Mensch redet, ist es wie ein amorphes Fragment, eine Windung durch den Türspalt, den jedes Wort öffnet und dann verschließt und was der Mensch fühlt, das geht hinkend durch ihn hindurch.

Wie ich es sehe, sind Sie völlig erschöpft. Kommen Sie, ich bringe Sie in die frische Luft.

 

12.

Die Lovass-Wohnung, zu zweien

ANITA
Ich höre, ich höre... Wer ist das? Sie glättet ihr vom Duschen nasses Haar.

STIMME
Deine große Chance, Anita.

ANITA
Das kann nicht sein. Die große Chance klopft dir nur einmal an der Tür.

DI ROSA
Könnte ich endlich herein?

ANITA
Di Rosa!

DI ROSA
Kannst du mein Klingel nicht mehr erkennen? Weißt du denn nicht, wie ein Transportmanager klingelt? Wenn ich dir erzähle, wie ich Transportmanager geworden bin, wirst du weinen vor Staunen. Du wirst feststellen, dass es eine märchenhafte Geschichte sei.

ANITA
Ich habe befürchtet, du würdest mich heute nicht anrufen... Mein Süßer.

DI ROSA
Nennst du den Mann deinen Süßen, der täglich Tausend Dollar verdient? Nach Steuerzahlung! Es wundert mich.

ANITA
Eine märchenhafte Geschichte.

DI ROSA
Es wundert mich und doch überläuft mich eine grenzenlose Traurigkeit. Also, um mich selber zu trösten, werde ich...

ANITA
Nicht fummeln, hops.

DI ROSA
Was für eine Greisin du bist! Deine Hartherzigkeit erstaunt mich! Sind wir übrigens allein?

ANITA
lacht Ich befürchte ja.

DI ROSA
Auch ich würde gerne in so einer glücklichen Wohnung eine Familie gründen.

ANITA
Da wären wir nun am Ziel. Und wie stehst du dazu?

DI ROSA
Obwohl ich weiß, dass ich eine reizvolle Persönlichkeit bin, würde ich weinen, wenn ich es hören müsste. Wozu braucht so ein tappriger Greis Kinder? Es ist einfach verboten. Der Körper wäre ja bereit, aber die Seele ist völlig kraftlos. Ich schlüge mir den Kopf gegen die Wand, wenn ich wieder eine Familie ertragen müsste. Meinen klugen Managerkopf! Pack ein, wir reisen ab...

Stille

ANITA
Ich hoffe, du hast dir doch nicht eingebildet, dass ich mit dir gehe.

DI ROSA
Träume ich jetzt oder bin ich völlig verrückt geworden?

ANITA
Du verstehst rein gar nichts.

ab

zu zweien

SATURNIO
herein

DI ROSA
zischt Saturnio!

SATURNIO
Wie oft brauche ich dir zu sagen, dass du mich nicht so anreden sollst?

DI ROSA
Bravo. Übrigens, wie kommst du hierher? Soviel ich weiß, sitzt du momentan im Gefängnis von Catanzaro.

SATURNIO
Ich dachte, du würdest es nie wieder zu Sprache bringen.

DI ROSA
wie oben Sei stiller! Im übrigen, verzieh dich endlich!

SATURNIO
Ich bleibe wo ich bin. Du sollst verschwinden. Es wird für alle ein wahrer Jammer sein, zuzuhören, wie ich dich entlarve.

DI ROSA
Sei nicht so laut! Ich zähle bis drei. Eins, zwei...

SATURNIO
Ich bin ganz Ohr.

DI ROSA
Würdest du zumindest deine Frau nicht schlagen!

SATURNIO
Sie ist nicht meine Frau.

DI ROSA
Aber du schlägst sie trotzdem. verärgert ab

SATURNIO
schreit ihm nach Auch sie hat das Recht auf die Fürsorge von anderen.

ANITA
zurück Was suchst du hier?

SATURNIO
Ich? Ich bin hereingekommen. Die Tür war offen. Ich wollte mit dir reden, denn...

ANITA
Nun?

SATURNIO
Also, nur deswegen, weil... wenn ich mir recht überlege...

ANITA
Ja?

SATURNIO
...möchte ich dir davon abraten, mit di Rosa wegzugehen. Ich kann dir so was doch nicht empfehlen. Ich habe es anders überlegt. Hingegen möchte ich dir sagen...

ANITA
Was? Wie es scheint, wollen alle mit mir reden. Alle wenden sich an mich. spöttisch Es ist ein vortreffliches Gefühl; offensichtlich dreht sich die Welt um mich... als würde ich allein zählen... Du möchtest freilich von Csík reden.

SATURNIO
einschmeichelnd Reden wir jetzt aufrichtig miteinander...

ANITA
Nun, reden wir.

SATURNIO
Ich bin verliebt, ich schwöre es dir.

ANITA
Ich gratuliere dir herzlich. Glückwunsch.

SATURNIO
Fragst du nicht einmal, in wen?

ANITA
In wen?

SATURNIO
In ein Mädchen.

ANITA
Noch mehr Glückwünsche. Du scheinst die richtige Wahl getroffen zu haben.

SATURNIO
macht Hof Ich trau mich nicht, von ihr zu erzählen. Ich befürchte, es könnte etwas Schlimmes passieren, irgendein Unglück. Es passiert ständig was Unerwartetes.

ANITA
Ich habe Brandversicherung.

SATURNIO
Wie?

ANITA
Eine Versicherung gegen Feuer. Nehmen wir zum Beispiel an, dass ein Feuer ausbricht, während wir dieses Gespräch führen.

SATURNIO
spöttisch Oder etwas zerbricht.

ANITA
Wir werden schon aufpassen.

SATURNIO
Oder der große Spiegel, in dem du dich anzuschauen pflegst, einfach umfällt.

ANITA
Vielleicht wird es hageln, wer weiß.

SATURNIO
Wie gestern Abend.

ANITA
Hat es gestern gehagelt?

SATURNIO
Nicht doch. Es war schrecklich. Ich habe mich zum Narren gemacht. Ich war so unglücklich! Alle verkennen mich; man sagt: Nun ja, Saturnio ist eine Stimme, aber mehr ist er nicht. Wo diese Stimme doch eine Seele hat. Man sagt, Saturnio sei ein geschniegelter Bursche, ein leeres Gesicht.

ANITA
Wo dieses Gesicht auch Hände besitzt. Nimm deine Hände weg.

SATURNIO
Ich bin gekommen, um dich um Entschuldigung zu bitten.

Sie nimmt eine Blume hinter deinem Rücken hervor.

ANITA
Es gibt keine Entschuldigung.

SATURNIO
Wie?

ANITA
Entschuldigung, es war ja bloß ein Witz. Ich habe keine Ahnung, warum du dich entschuldigst und wieso du überhaupt hier bist. Den vorigen Abend betreffend kann ich mich an gar nichts erinnern, weswegen irgend jemand mich um Entschuldigung bitten müsste.

SATURNIO
fängt an, verlegen zu lachen, wie jemand, der die Pointe begriffen hat; er wird immer lauter, er tritt nach hinten und fällt mit großem Krach auf dem Stuhl auf seinen Rücken

Anita lacht

SATURNIO
Auf dem Boden sitzend staubt sich ab Ich würde dir so gerne Hilfe leisten.

ANITA
Danke. Soll ich dich aufhelfen? Oder möchtest du lieber herumsitzen?

SATURNIO
Danke, ich sitze hier prima. Notenblätter... überall. Schöne, schöne Sache. Ich pflege auch zu singen, aber nur unter der Dusche.

ANITA
gelangweilt Und was singst du?

SATURNIO
ersterbend Duette.

ANITA
Saturnio, die Sache ist die, dass ich etwas zu erledigen hätte.

SATURNIO
macht eine Handbewegung der Großzügigkeit Ich auch.

ANITA
Ich ziehe weg von hier. Und du und Csík sollt mich im Frieden lassen.

SATURNIO
Ach ja, di Rosa... Glaub ihm keinesfalls. Er wird dich nie mitnehmen. Und wenn doch, dann ist es umso schlimmer. verzweifelt Er liebt bloß sich selber. Und seine Tochter. Er liebt niemanden. Sogar ihre Fragen sind Lügen. Glaub ihm nicht.

ANITA
finster Warum sollte er mich nicht mitnehmen?

SATURNIO
Du kennst ihn gar nicht.

ANITA
Warum sollte er mich nicht mitnehmen?

SATURNIO
Einmal zumindest könntest du dich nicht um dich selber kümmern.

ANITA
Um wen sollte ich mich kümmern?

Sie summt ein dümmliches Lied, sich am Klavier begleitend. Saturnio tritt zu ihr und fängt er an, eine andere Partie stimmend zu summen.

zu dreien

KATI
tritt gestört herein. Sie überwindet sich Zumindest sind alle Umschweife überflüssig.

ANITA
Kati? Heute haben wir keine Stunde.

KATI
lacht gehässig Kann man dich noch überhaupt in Verlegenheit bringen?

SATURNIO
schreit Warum spionierst du nach mir?

KATI
Warum demütigst du mich mit dieser dummen Gans?

ANITA
Entschuldigung.

SATURNIO
Kapierst du es nicht? Ich habe mit dir Schluss gemacht.

KATI
Davon hast du immer verstanden. Möchtest du mich verletzen?

SATURNIO
Du bist so lächerlich mit deinen ständigen Beschuldigungen.

KATI
spöttisch Willst du mich verlassen?

SATURNIO
Und du, willst du mich bestechen, auf mein Gewissen appellierend? Es ist mir sowieso eine große Last.

KATI
Ich werde ohnmächtig! Hast du ein Gewissen? Erzähl mir darüber!

SATURNIO
Es kommt vielleicht nicht zur Geltung, aber ich weiß doch, was Anstand heißt. Über mich werden immer Lügen erzählt, alle lügen hin und her, und zwar auch Sachen, die kaum der Wahrheit entsprechen.

Er fängt an, seine Ohren zustopfend, die Tonleiter zu singen.

KATI
Schämst du dich vor ihr? Vor der kleinen Hure?

ANITA
Entschuldige, dass ich...

SATURNIO
Wessen sollte ich mich schämen? Ich schäme mich höchstens deines schmutzigen Mundes!

KATI
außer sich Zieh dich an! Schämst du dich nicht? Und halt die Klappe; auf deine Entschuldigungen bin ich wirklich nicht neugierig.

SATURNIO
Tu das ihr nicht an!

ANITA
Ich sage es dir ganz aufrichtig, damit du mir endlich glaubst... dein Mann ist... ein erbärmlicher Schürzenjäger. Erbärmlich, erbärmlich, erbärmlich.

KATI
Du bist erbärmlich. Schau mal in den Spiegel, bitte schön. Starr dich an, tu es! Gefällt es dir?

ANITA
Und wenn ja? Was nun? Sollte ich mich vielleicht entstellen?

KATI
Das möchte ich dir überlassen. wütend Übrigens, warum denn nicht?

zwei ab

allein

ANITA
Ein Aasfliege dröhnt. Endlich sind sie weg, und jetzt regnet es wieder. Auf dem Gehsteig plätschert das Wasser. Wenn er mir einfällt... Ich hasse ihn doch. Nur der Schlaf ist gut, verdammt, und zwar der ganz tiefe Schlaf.

schaut zum Fenster hinaus

Die Sonne hat sich versteckt... So ein Land! So eine Vorstadt. Auf der Strasse singen die Fratzen.

Sie sammelt die weggeflogenen Notenblätter

Bernstein, Schönberg. Und Wagner... das ist doch eine Apokalypse. Wo ist der Deckel? Was für ein wunderschönes Paar, sagte man. Sollte ich mich an ihn schmiegen, hinweinen und ihm sagen, dass ich ihm verzeihe? Muss ich erdulden, dass er mich streichelt?

Sie zerfetzt die Notenblätter

Wenn die Apokalypse kommt und ein durstiger Engel die Kehle des Universums aufreißt und die Friedhöfe über alle Begriffe überbevölkert werden und das Wasser in allen Meeren auf fauliger Sulz kocht und jeder Mensch in einer fürchterlichen Blase fünf Liter Blut auskotzt und alle Knochen an der Wand der Trophäen ihre Plätze finden und die erfolgslose Erde in kleine Stücke zerfällt, dann vielleicht...

schaut auf

Wer ist das?

zu zweien

CSÍK
Nur ich. Nur ich, dein Csík. Könnte ich herein? Hast du geweint? Meinetwegen?

ANITA
Deinetwegen? Du Idiot, wer würde deinetwegen weinen? Was willst du?

CSÍK
Ich bin nur gekommen, um dich zu sehen. Letztendlich war mein Abgang nicht gerade schön.

ANITA
Es ist ekelhaft, wie du lächelst.

CSÍK
vorsichtig Es ist so schön, wie du mir grollst.

ANITA
Ein ehrlicher Mensch lächelt nicht so.

CSÍK
Ich habe von uns zweien geträumt. Ich habe erträumt, dass ich herkommen würde.

ANITA
Wieso bist du eigentlich gekommen?

CSÍK
wie oben Ich habe mich nicht gerade anständig benommen. Du lächelst? Ich weiß nicht, was in mich fährt, wenn eine rote Hure in meiner Nähe auftaucht. Danach sieht man aber nichts wie Ärger.

ANITA
Bist du der kleinen Kitty überdrüssig geworden?

CSÍK
Was lächelst du jetzt, eh?

ANITA
Du schauspielerst, du schauspielerst bloß, ich kann dir nicht glauben.

CSÍK
Ich habe mir dich so oft im Sinne gehabt!

ANITA
Ich wurde deiner überdrüssig. Hörst du mich eigentlich? Ich bin deiner schon ganz satt!

CSÍK
Es passiert so oft, dass ich mich bei einem seltsamen Verhalten ertappe, in solchen Fällen rede ich so, als würde ich jemandem eine Inszenierung halten. Ich erwische mich oft dabei, dass ich keine Ahnung vom Grund und Inhalt meiner Rede habe. Ich rede bloß.

ANITA
Hörst du? Wenn wir schweigen, dann herrscht eine perfekte Stille. Wir sind allein, völlig allein. Schweige! Was? Stille

CSÍK
Ich war mir sicher, dass du mich nie mehr sehen willst.

ANITA
Ist es nicht völlig gleich, ob ich dich sehe oder nicht? Ganz egal!

CSÍK
Ich dachte, du würdest mich nicht hineinlassen und mir nicht zuhören. Wo ich mit dir so große Pläne habe. Großartige Pläne, auf die du schon lange gewartet hast. Ich bin 26 und...

ANITA
Kennt sie schon deine alltäglichen Gewohnheiten? Oder schweigst du auch neben ihr den ganzen Tag, da sie dich nervt? Nervt es dich, wenn sie singt? Oder wenn sie so dahergeht?

CSÍK
spöttisch Ich befürchte, dass sie mich hasst und obendrein mich für einen vollkommenen Idioten hält.

ANITA
Wie kommst du auf die Idee?

CSÍK
Sie hatte so eine Bemerkung fallen lassen. Sie sagte, dass sie mich hasse und ich ein vollkommener Idiot sei.

ANITA
lacht Ich denke mir, sie zeichnet sich nicht gerade durch ihre Vorsorge aus. Und nun bist du völlig belämmert, oder? Und was ist mit ihrem Hund? Nervt er dich nicht? Doch, bestimmt!

CSÍK
Ihren Hund mag sie selber nicht. Wenn sie zum Beispiel kocht, dann esse ich alles, ohne ein Wort zu sagen. Der Hund ist jedoch gar nicht so diszipliniert.

ANITA
lacht Was für ein Dreckskerl du bist, Csík!

CSÍK
Ich schäme mich. Wenn sie es hörte, würde sie heulen. Sie ist sehr stolz auf ihre Kochkunst. Stell dir vor, sie hat sich eine Schürze gekauft. Und sie arbeitet wieder und zwar als Aufwärterin in einem Pub, und...

Stille

ANITA
Begreifst du nicht, dass ich dich nicht mehr liebe?

CSÍK
Und was nun? Was passiert jetzt? Und die Zukunft? Anita lacht

zu viert

An der Schwelle steht das Ehepaar Lovass-Fruzsina

FRUZSINA
spöttisch Was für eine große Liebe!

LOVASS
zu Fruzsina, als wäre Csík gar nicht da Ist er dieser gewisse Csík?

FRUZSINA
Ist er dir nicht sympathisch?

LOVASS
Das geht nur Anita an.

Csík ab, er knallt hinter sich die Tür zu

FRUZSINA
Siehst du, Anita, was für einen schönen Strauß ich erhalten habe? Anita, dein Vater ist so galant, wie ein kleiner Schüler.

Anita geht stumm hinaus

zu zweien, dann zu dritt

FRUZSINA
flüstert Gib ihm Geld, dann geht sie weg.

LOVASS
Sie würde mich auslachen, wenn ich es sagte.

FRUZSINA
Brumme nur, du Teddybär.

LOVASS
Was ist so witzig?

FRUZSINA
bereitet sich lange auf den Satz vor Und nun? Willst du mich nicht heiraten? Stille

LOVASS
Und was ist mit dem Altersunterschied?

FRUZSINA
Lovass, Lovass, mein kleiner Dümmling.

LOVASS
Es hätte sowieso kein glückliches Ende. Du kennst mich nicht gut genug.

FRUZSINA
Besser, als du es dir vorstellen kannst.

LOVASS
Ich glaube an gar nichts mehr.

FRUZSINA
Du bist ein Romantiker. Du bist ein wenig alt geworden, dafür trinkst du aber nicht mehr. Es gibt jedoch wenige wie du.

LOVASS
Ich trinke nicht mehr. Die Ärzte haben mir die Furcht eingejagt. Solange ich jung war, war ich immer und zu allen bösartig. Ich habe nur mich geliebt.

FRUZSINA
Nein, du warst ein Mensch, von dem die Mädchen träumen.

LOVASS
Verdammt, mach mir doch nicht Hof! Das ist bloß eine Komödie.

FRUZSINA
Seit so viel Jahren höre ich dich jetzt zum ersten Mal schreien.

LOVASS
Das Schreien ist furchtbar.

FRUZSINA
Wie du schreist! Ich kriege Gänsehaut davon!

LOVASS
Geh weg von mir! Du würdest mit mir sowieso nicht glücklich sein.

FRUZSINA
lacht sehr Das habe ich dir gebacken. Das ist das einzige, das ich backen kann. Ich habe ins Gebäck geweint, aber das macht wohl nichts, du magst es sowieso salzig.

LOVASS
Du, mein kleiner Dümmling. Du machst doch dein Leben kaputt. Such dir einen Jüngeren, hörst du?

FRUZSINA
Versuch es doch! Iss! Bitte, iss!

LOVASS
Geh weg.

FRUZSINA
lacht Schmeckt es dir?

LOVASS
mit vollem Mund, er kann kaum reden Was erhoffst du von mir?

FRUZSINA
lacht Ist es nicht gut? Iss! Iss doch!

LOVASS
erstickt fast Fruzsina

FRUZSINA
füttert ihn Ja? Ja? breitet ihre Arme aus Sag es doch! sie lacht immer heftiger über den Mann

Anita schaut sie aus dem Hintergrund an

 

13.

zu zweien auf der Strasse

KITTY
Was du angefangen hast, solltest du auch zu Ende bringen, bitte. Willst du mich nicht mal anschauen? Würdigst du mich dessen nicht mehr? Willst du mir entlaufen? Du feige Sau!

CSÍK
Ich habe dich nach Hause begleitet, hier ist doch deine Wohnung.

KITTY
Und ich muss alles von anderen erfahren. Du bist ein elendiger Wurm, ein Niemand! Bist du zu deiner Anita zurückgeflohen, was? Dreckskerl.

CSÍK
Warum auf der Strasse? So sehr mag ich das Theater nun wirklich nicht... Immer dieser Rummel! Wieso kann nicht etwas im Lot sein, einmal zumindest, schön, so wie die Kugel rollt.

KITTY
Ich bin also auch nichts Besonderes für dich. Schön, schön. Ich bin dir aufgesessen und du hast mich in den Kot gezerrt. Wenn du wüsstest, welch furchtbare Gedanken mir im Kopf herumgehen.

CSÍK
Du bist so blass. Nimm dieses Taschentuch! Reiß dich doch zusammen! flüstert Sei ein Mann!

KITTY
Wenn du nur den Mut gehabt hättest, mir in die Augen zu schauen!

CSÍK
Was einmal war, ist vorbei. Und wer trägt doch eine Klamotte, die der Vergangenheit angehört. Ein Tropfen der Langeweile ist daraufgefallen und womit sie auch gespült wird, bleibt sie doch matt.

KITTY
Du hast dich bei ihr wieder eingeschmeichelt, jemand hat es gesehen und hat mir davon erzählt. So viel Wert warst du ja. Als ich es gehört hatte, da verblich mein Herz. Sind all deine Beteuerungen für die Katz? Alles gelogen? Du hättest mir das Meer zu meinen Füßen getragen, und zwar in deinen Händen, wenn ich dich darum gebeten hätte. Aber was steht einem Lügner zu? Weißt du das?

CSÍK
Ich kann meine Gefühle nicht kontrollieren, und ich will es auch nicht. Wozu sollte ich doch?

KITTY
Also du kannst deine Gefühle nicht kontrollieren. Das ist wohl ein erlogenes, gemeines Alibi. Ich schäme mich, dass ich mich mit dir abgegeben habe. Bist du darüber im klaren, dass du diesmal nicht mit blauen Augen davonkommen wirst? Schau mich an und zittere!

CSÍK
Ach, wie viel Gerede, wie viel Lamento! Brauchen wir das?

KITTY
flüstert Schaust du mich nicht an, Liebling? Willst du mich nicht mehr anschauen?

CSÍK
Ich bin müde. Sehr müde. Ich will nichts wie Ruhe.

KITTY
Du wirst jetzt nicht mit heiler Haut davonkommen.

Sie richtet eine Pistole auf sie

Csík, du bist ein toter Mann.

CSÍK
starr Niemand lebt ewig.

KITTY
bricht in Tränen aus, wirft die Pistole weg Aber ich habe dich geliebt. Wirklich. Wieso hast du es mir angetan?

CSÍK
atmet nach langer Zeit auf Du hast mich erschrocken. Echt, ich habe fast einen Schrecken bekommen.

Csík geht vorsichtig rückwärts, das Mädchen schaut in eine andere Richtung

 

14.

Lovass-Wohnung

DI ROSA
schleicht hinein Mädchen! Er findet niemanden, fängt an, vor sich hinpfeifend, sich umzuziehen

LOVASS
tritt herein Herzlich willkommen!

DI ROSA
in großer Verlegenheit, seine Hose an seinem Knöchel Ich bin di Rosa.

LOVASS
Haben Sie hier geschlafen?

DI ROSA
Entschuldigen Sie mir, wenn ich geschnarcht hätte. Er zieht sich in panischer Eile an

LOVASS
Ich dachte, ich würde diesen Csík hier finden.

DI ROSA
Eine ziemlich peinliche Situation... ich habe übrigens ständig die Gelegenheit gesucht, um sie kennen zu lernen.

LOVASS
Dieser Csík, ja... viele Jungs sind zu meiner Anita gegangen, sie waren furchtbar täppisch und pickelig, und sie haben immer etwas hinuntergeschlagen. Seitdem sind sie seriöse Menschen geworden: Rechtsanwälte, Chemieingenieure oder Autoimporteure. Diese Hofhaltung hat sie enorm unterhalten, aber ich sah schon ihr an, dass sie sich nicht in solche verlieben wird, sondern in einen Wahnsinnigen, di Rosa wird starr oder in einen Marktdieb, Hellseher, Schwindler, Gaukler, und zwar total und auf eine irrationelle Art.

Man sah ihr eindeutig an, dass einer sie bald um den kleinen Finger wickelt und sie quält, und zugleich ihr Sklave wird.

Entschuldigen Sie mir. Ich bin müde. Heute habe ich unseren Direktor seziert, der vor einigen Tagen starb. Sie haben ihn gekannt, Sie machten seine Bürotür auf, als Sie mich im Institut suchten.

DI ROSA
verhaspelt sich in seinen Hosenriemen, er hör ihm gar nicht zu Ich kann mich nicht daran erinnern. Was für ein Mensch war er?

LOVASS
Nichts besonderes. Er hatte immer Schweißgeruch.

DI ROSA
Ihre Tochter ist, Herr Doktor, eine Hexe. Eine Solche macht einem das Leben zur Hölle.

LOVASS
Am meisten ihr eigenes. Meine Tochter... ist mit zu vielen Männern einsam. Ich möchte Sie nicht in Verlegenheit bringen, aber Sie haben Ihr Hemd unpaarig geknöpft.

DI ROSA
Und wann kommt sie nach Hause?

LOVASS
Hierher kommt sie nicht mehr nach Hause. Warum suchen Sie Anita?

DI ROSA
Und wann kommt sie nach Hause?

LOVASS
Hören sie mir überhaupt zu?

DI ROSA
hört ihm nicht zu Ich höre immer allen zu. Sagen Sie mir, ob Sie ihre Tochter mit mir nach Rom gehen lassen.

LOVASS
Fragen Sie es als Arbeitgeber?

DI ROSA
protestiert Nein...

LOVASS
lacht Ach so, wie altmodisch!

Di Rosa zieht sich endlich an, geht rückwärts nach hinten.

zu zweien

ANITA
hinein Bist du zum Mittagessen nach Hause gekommen? Du hast ja niemanden zu Hause gefunden. Ich werde dir etwas bereiten, so wie früher.

LOVASS
Dein Italiener hat dich gesucht. Ich wollte jemanden nach dir schicken, dorthin, wo du manikürst. Du gehst doch immer am Dienstag dorthin, oder?

ANITA
gleichmütig Ich habe heute früher aufgehört.

LOVASS
Ich möchte mit dir reden. Deine Großmutter liegt im Sterben.

ANITA
Früher oder später sterben wir alle.

LOVASS
Sie möchte dich sehen.

ANITA
Bis jetzt hat sie mich nicht sehen wollen.

LOVASS
Es ist doch nicht wahr.

ANITA
Du und meine Großmutter schämt euch wegen meiner. Du und meine Großmutter habt mein Leben in einen wahren Schrecken verwandelt, in eine einzige Schande! Es ist völlig aussichtslos geworden!

LOVASS
Du hast dir wohl eine schöne Rute aufgebunden, aber du warst diesen ambitiösen Plänen nicht gewachsen. Eine Maniküre wird nie im Leben in der Oper singen. Du sollst dein Leben überdenken.

ANITA
Ich wollte aber ein anderes Leben, nicht ein solches, wie ihr.

LOVASS
Du bist kindisch. Das Leben ist eben kein Traum.

ANITA
Meine Großmutter hat sich wegen meiner geschämt.

LOVASS
Deine Großmutter liegt im Sterben.

ANITA
Wieso nennst du sie Großmutter und nicht Mutter?

LOVASS
Die Tatsache, dass sie meine Mutter ist, geht nur mich etwas an. Meine Mutter stirbt bald. Ich bin noch nicht bereit, den Tatsachen ins Auge zu schauen.

ANITA
Armer Sohn. Armer Vater.

LOVASS
Aber meine Mutter wird sterben. Und meine Tochter sagt einfach, sie wolle sie nicht sehen.

ANITA
Meine Großmutter! lacht Als ich noch ein Kind war, fürchtete ich mich vor ihr. Da du mich verlassen hattest, lebte ich mit ihr, sie war meine erste Erinnerung. Eine strenge, bösartige alte Dame, die abends aus der Bibel vorliest. Als Kleinkind dachte ich mir, dass die Bibel ihr Tagebuch sei.

LOVASS
Sie liebte dich in ihrer Art.

ANITA
"Liebe" war für sie ein nichtssagendes Wort.

LOVASS
Unsinn!

ANITA
Sie hat auch dich nicht geliebt. Wieso strebtest du dich danach, von ihr geliebt zu werden? Dein ganzes Leben lang! Warum konntest du auf diese Liebe nicht verzichten?

LOVASS
Sie ist doch meine Mutter.

ANITA
Wir reden jetzt so, als hätte ich nie eine Mutter gehabt. Wir mäkeln hier um sie wie die Marktweiber. Ist über Meine nichts zu sagen, bloß weil ich mich an sie nicht mehr erinnern kann? Nun ja, für dich war sie nur deine Frau. Und eine andere Frau kann man noch ohne weiteres kriegen...

LOVASS
Du hast keine Ahnung, wovon du sprichst.

ANITA
bricht in Tränen heraus Warum ging ich nicht durch? Mein Gott, warum? Wieso lebte ich mit euch?

LOVASS
bitter Du bist deiner Mutter so ähnlich. Wenn du wüsstest, wie du ihr ähnelst!

ANITA
Mein Gott! Wie konnte ich es überhaupt ertragen? Ich habe mich zwischen euch so klein gefühlt. Ich hatte so große Angst. Alles war so aussichtslos. Du sagst mir, es sei ein Unsinn, aber du kannst nicht wissen, wie schwer es war, meine Großmutter zu befragen, was ich bei meiner ersten Menstruation tun soll. Ich habe mich immer nur geschämt.

LOVASS
Du sprichst doch über furchtbar alte Sachen. Verblüffend... Wie kannst du dich mit solchen alten Sachen befassen? Vor wie viel Jahren war das doch...

ANITA
lacht Alte Sachen? Das war doch mein Leben.

LOVASS
Also willst du sie nicht besuchen.

ANITA
Zumindest einmal im Leben sollten wir anders miteinander reden. Weißt du doch nicht, was die Aufgabe der Väter ist? Um Verzeihung zu bitten...

LOVASS
trinkt Kaffee Wie? Blödsinn...

ANITA
Du schaffst es nicht...

LOVASS
Verzeihung... es ist mir peinlich.

ANITA
Vertrau mir nie. flüstert Denkst du wirklich, dass ich dich liebe? Nein, lieber...

LOVASS
Hast du was eingenommen? Oder bist du vollkommen verrückt geworden?

ANITA
Lächelt, schaut zum Fenster hinaus Das ist typisch. Ich bin verrückt geworden, na freilich. Anita erwies sich als eine niederträchtige Frau, nicht wahr?

LOVASS
Meine Tochter...

ANITA
Vater... Tochter... manchmal ist in Frage zu stellen, ob das etwas bedeutet.

LOVASS
Du bist verrückt. Jetzt bin ich schon davon überzeugt.

ANITA
Nicht, nicht. Aber ist schon möglich, dass ich eines Tages verrückt werde.

fängt an, ihre Nägel zu lackieren

Ich habe furchtbare Erinnerungen.

In der Wohnung von Csík

ANITA
klopft und tritt herein Nun bin ich hier. Ich werde dich nie mehr stören, ich habe bloß deine Sachen zurückgebracht. Bist du betrunken?

CSÍK
Nicht doch. Habe ich etwa Weingeruch? Ich habe nur ein Glas Wein getrunken...

ANITA
ruhig Trinke nicht.

CSÍK
Ist das alles, was du gebracht hast?

ANITA
Habe ich nicht alles mitgebracht?

CSÍK
Du hast mich falsch verstanden. Ich dachte, du bist gekommen, um mir etwas zu sagen.

ANITA
verständnislos Was könnte ich dir noch sagen?

CSÍK
Sollten wir es wirklich beenden? Du sollst das entscheiden.

ANITA
hört nicht mehr zu Du hast es schon entschieden.

CSÍK
hoffnungsvoll Also liebst du mich nicht mehr?

ANITA
Jetzt dünkt es mir, dass ich dich nie geliebt habe.

CSÍK
saugt ihre Nase, kratzt sich, fühlt sich beleidigt Das mag ich... Ist übrigens egal.

ANITA
Arbeitest du heute nicht? Sie setzt sich auf das Bett.

CSÍK
Manchmal hatte ich das Gefühl, dass du nicht einmal meinen Namen kennst. Du sitzt bloß in einem Bar, bist ein klein wenig betrunken und schaust nebelhaft in einen Spiegel, und weißt nicht, wer neben dir sitzt. Und grübelst darüber, wie der Typ heißt. Und grübelst darüber, ob du dich an ihn auch am anderen Tag erinnern wirst. Schließe deine Augen! Was siehst du?

ANITA
Dich.

CSÍK
Denk an etwas anderes. Warum schaust du mich so an?

ANITA
Ich schau dich bloß an.

CSÍK
Wirst du mich vergessen?

ANITA
Ich habe dich schon vergessen.

CSÍK
erzählt verstört In meinem Traum bog sich der Himmel wie eine Papierrolle zusammen; ich sah schauderhafte Sachen: Tote und unter ihnen auch mich selber und ich sah den furchtbaren Schmutz und Schund, den Hass und Gleichgültigkeit, die mein Leben bestimmen, und ich sah, wie im Nebel, einen Engel, der mir sagte: Csík, du verdienst eine Strafe. Ich fragte: Warum? Und ich sah, wie viel qualvolle Schande und Demütigung, wie viel und Ärger und Langeweile mich bis zu meinem Tod erwarten. Dann sagte der Engel mir: Ich habe dich zur Probe gestellt, und die Waage schwankt jetzt. Und ich fragte: Warum? Was für ein gottverdammter Traum!

ANITA
Früher hast du nie über etwas nachgedacht. Das war mir lieber. Mach dir keine Gedanken!

CSÍK
Zur Zeit habe ich kaum gearbeitet. Schon bald werde ich gefeuert und fahre nicht mehr Taxi, was gleich bedeutet, dass ich vogelfrei sein werde. Bin ich dumm? Nein, vielleicht nur ungeeignet...

ANITA
Du hast mich furchtbar gedemütigt, Csík.

CSÍK
Warum schweigst du?

ANITA
Mein kleiner Csík, du Teurer, weißt du, dass ich dich hasse?

CSÍK
lacht eingebildet Das ist die Stunde, wenn die Seele den Säckel der Gräuel öffnet, nicht wahr? Man sollte in diesem schönen Köpfchen Ordnung machen. Aber du hältst ja dort nichts verborgen. Ihr seid zu nichts fähig, niemand von euch. Du kennst keine richtigen Gefühle. Du hast nichts erlebt. Du sagst mir, dass du mich hasst, aber Schaden könntest du mir nicht verursachen. Du könntest mich nicht in einem Löffel Wasser ersäufen. Warum bist du hergekommen? Was willst du noch von mir? Du weißt doch, dass wir Schluss gemacht haben, weil ich es so will. Du hast nichts anderes zu tun, als nach Hause zu gehen und hinzuweinen, weil ich dich beleidigt habe. Also weine nur. Beklage dich. Schau im Spiegel an, wie deine Tränen fallen. Es wird sehr schön sein und du wirst bis zu den Tränen berührt sein. Du wirst allen erzählen, was für ein Gaukler ich bin. Du wirst mich nie mehr sehen wollen und wirst all die Strassen meiden, in denen wir gemeinsam spazierten. Du stirbst, ohne zu verdauen, dass ich mit dir gebrochen habe. Verstehst du mich denn nicht?

ANITA
kühl Schreie nicht so!

CSÍK
Du wirst mich am Ende noch aufbringen. Es läuft Gefahr, dass ich die Geduld verliere. Meine kleine Prinzessin. Die habe ich mir von deiner Freundin weggenommen. Siehst du sie? Du könntest mit ihr Hand schütteln, du bist nichts besonderes, und sie auch nicht. Keine übrigens. Nimm sie vom Tisch auf, versuch es, sie mir wegzunehmen. Du stehst da, wie die Eismänner. Und wenn ich selber sie dir in die Hand drücken würde? Könntest du dann auf mich schießen?

ANITA
Ich glaube nicht, dass ich es möchte.

CSÍK
Sie möchte es nicht. Vor lauter Freude werde ich mir noch in die Hose scheißen. Du bist feige, ja, das nennt man feige. Eine geborene Feige bist du.

ANITA
Ich bin nicht feige. Lediglich will ich dir nicht Leid tun.

CSÍK
lacht, schlägt auf seine Knie Sie will mir nicht Leid tun.

ANITA
Jetzt will ich es vielleicht doch.

Nimmt die Pistole auf. Sie richtet sie auf Csík, der sie beobachtet, dann fängt er an zu lachen.

Anita lässt die Pistole herab

Ich will dir nicht Leid tun. Ich weiß nicht, was ich mit dir will.

CSÍK
macht sich lustig über sie Sollte ich dir helfen? Du wolltest mich erschießen...

ANITA
Ja. Sie hebt die Pistole und schießt in seine Schulter.

CSÍK
Du dreckige Schlampe! Verdammt. Es tut weh!

ANITA
Es hat sich nicht gelohnt.

Diesmal erschießt sie ihn.

ENDE