Tétel adatlapja

CÍMLAP

Soproni Zsuzsa

Der epische Text als Schnittpunkt von Vortexten

INHALT, EINLEITUNG



Inhalt

1. EINLEITUNG
1.1. Methodenwahl und Zielsetzung
1.2. Stand der Forschung
1.3. Aufbau der Arbeit

2. GÜNTER GRASS: DAS TREFFEN IN TELGTE
2.1. Günter Grass' Poetologie zur Entstehungszeit der Erzählung
2.2. Der Handlungsverlauf
2.3. Die Beziehungen zwischen der Erzählung und den simplicianischen Schriften
2.3.1. Die simplicianischen Schriften
2.3.2. Gelnhausen und Libuschka - die Hauptfiguren mit Montagecharakter
2.3.3. Die Umkehrung der simplicianischen Sauerbrunnen-Episode
2.3.4. Die Wirtin Libuschka als Erzählerin - Grimmelshausens Einfluss auf Grass' Literaturverständnis
2.3.5. Gelnhausens Weg zum Dichterwerden
2.3.6. Gelnhausen und Harsdörffer gleich Grimmelshausen und Harsdörffer?
2.3.7. Gelnhausens unterschwellige Poetik - Die Geburt des Dichters Grimmelshausen
2.4. Gruppe 1647 - Gruppe 47 - vielleicht Gruppe 74
2.4.1. Motive und Ziele der drei literarischen Gruppierungen
2.4.2. Die Rituale der drei literarischen Gruppierungen
2.4.3. Der Disput über die Sprache
2.4.4. Umgang der Literatur mit Leid und Tod
2.4.5. Macht und Ohnmacht des Dichterwortes

3. IRMTRAUD MORGNER: LEBEN UND ABENTEUER DER TROBADORA BEATRIZ
3.1. Irmtraud Morgners Poetologie zur Entstehungszeit des Romans
3.2. Inhaltliche und strukturelle Besonderheiten des Romans
3.2.1. Der Handlungsverlauf
3.2.2. Der Romantitel
3.2.3. Das Motto
3.2.4. Das Verzeichnis der Hauptfiguren
3.2.5. Der Bauplan
3.3. Beatriz de Dia und Laura Salman - die Hauptfiguren mit Montagecharakter
3.3.1. Beatriz de Dia
3.3.2. Laura Salman
3.3.3. Beatriz und Laura, die Renaissancemusen
3.4. Fäden aus dem Mittelalter und aus der Romantik im Textgewebe des Romans
3.4.1.Zeitebene Mittelalter
3.4.1.1. Beatriz, die Trobadora
3.4.1.2. Laura, die Spielfrau
3.4.1.3. Die Beziehung zwischen den Abenteuern der Trobadora und ihrer Spielfrau und den Aventiuren der Artusritter in Chrétien de Troyes' Romanen
3.4.1.4. Die Damen mit dem Einhorn - das Einhornmotiv
3.4.2. Zeitebene - Romantik
3.4.2.1. Der Identitätswandel von Beatriz und Laura - das Doppelgänger-Motiv
3.4.2.2. Die Suche nach dem Einhorn - das Reisemotiv
3.4.2.3. Die Beziehungen zwischen Irmtraud Morgners Trobadora-Roman und E.T.A. Hoffmans Lebens-Ansichten des Katers Murr

4. ZUSAMMENFASSUNG
4.1. Bezugstexte und Bezugsformen der Intertextualität bei Grass und Morgner
4.2. Die Markierung der Intertextualität
4.3. Die Intensität der Intertextualität
4.4. Der Montagecharakter der Hauptfiguren
4.5. Schlussbetrachtung

5. LITERATURVERZEICHNIS
5.1. Primärliteratur
5.2. Sekundärliteratur

ANHANG
Der Wandteppich Die Dame mit dem Einhorn
Die Graphik Das Treffen in Telgte I.


Einleitung

Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist der Vergleich zwischen Irmtraud Morgners 1974 erschienenem Roman Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz1 und Günter Grass' Erzählung Das Treffen in Telgte aus dem Jahre 1979.

Bei der Auswahl der zu untersuchenden Texte spielte eine wichtige Rolle, dass der Trobadora- Roman im Kontext der DDR-Literatur entstanden ist, während die Erzählung Das Treffen in Telgte von einem westdeutschen Autor stammt. Die Arbeit geht von der Annahme aus, dass dieselbe Sprache, die gemeinsamen kulturellen und literarischen Traditionen, in denen beide Autoren tief wurzeln, weiterhin übergreifende geistige Tendenzen, welche ab den siebziger Jahren die Literatur im östlichen wie im westlichen deutschsprachigen Raum prägen, auch zu Gemeinsamkeiten in den beiden Werken führen, zu Gemeinsamkeiten, die vom konkreten staatlichen Kontext in hohem Maße unabhängig sind.

In den sechziger Jahren war es noch leicht möglich, zwischen der Literatur in der BRD bzw. in der DDR eine strikte Grenze zu ziehen. Die DDR hatte damals ihr eigenes Literatursystem, die herrschende Partei besaß genaue kulturpolitische Vorstellungen und lenkte das literarische Leben rigoros in ihrem Sinne. Ab den siebziger Jahren beginnen dann viele ostdeutsche Schriftsteller sich allmählich der Weltliteratur und so auch der westdeutschen Literatur gegenüber zu öffnen. Dieser Prozess führt zu Annäherungen und gewissen Parallelen in den zwei deutschen Literaturen. Es lässt sich eine Art "Konvergenz in der Problematik und/oder den Schreibstrategien der Schriftsteller in Ost und West" feststellen. Die Literaturwissenschaft der beiden deutschen Staaten - und ganz besonders intensiv die ostdeutsche - dagegen besteht trotzdieses langsamen Annäherungsprozesses weiterhin strikt darauf, die Werke der deutschsprachigen Literatur nach den Ländern getrennt zu besprechen.

Mit der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten sollte die so genannte DDR-Literatur aus einer neuen Sicht besprochen werden. Ihre Entwicklung, ihre Auflösung und ihr Aufgehen in der deutschen Literatur kann nicht mehr nur an kulturpolitischen Interventionen gebunden untersucht werden. Es war ein ästhetischer Prozess, der auf der Textebene nachvollzogen werden kann und der aus diesem Grunde textorientierte Analysen der Werke verlangt. Das erfordert aber über einzelne Textuntersuchungen hinausgehend auch vergleichende Analysen von Werken aus den beiden Teilen Deutschlands, um die Unterschiede, die sich aus den divergierenden politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen ergeben, und die Gemeinsamkeiten in der literarischen Entwicklung, die aus der neuen Situation der Poesie folgen, aufzuzeigen. Günter Grass selbst beschäftigte sich zur Entstehungszeit des Werkes intensiv mit diesem Thema. Die Erzählung Das Treffen in Telgte bearbeitet diese Problematik auf die Barock- und Nachkriegszeit projiziert, und betont, Gesamtdeutsches sei nur in der Literatur auszuweisen. Im Erscheinungsjahr der Erzählung 1979 hielt der Autor auf seiner Südostasienreise einen Vortrag mit dem Titel Die deutschen Literaturen. Grass spricht dort von der "vielschichtigen Entwicklung der zweimal deutschen Nachkriegsliteratur," und hebt dabei hervor, diese lasse sichnicht an die unterschiedlichen Ideologien der zwei Staaten binden. Er betont ausdrücklich, dass der Dialog unter den Schriftstellern im Osten und im Westen gesamtdeutscher Art sei, "der den Begriff der Nation, frei von üblichen Machtansprüchen, einzig aus den Überlieferungen der Kultur definiert." Daraus folgt für ihn, dass "Deutschland heute einzig als literarischer Begriff zu fassen [ist]."

Die vergleichende Analyse der ausgewählten Werke motiviert die Tatsache, dass ihren strukturellen und thematischen Aufbau auffällig vielfältige intertextuelle Bezüge konstituieren. Der Morgnersche Text wird u. a. durch die literarische Tradition des Mittelalters, des Barock und der Romantik bestimmt. Grass' Text ist durch intertextuelle Elemente geprägt, die auf die literarische Tradition des Barock, der Gruppe 47 und der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückgreifen.

Das Phänomen der Intertextualität, den Bezug von Texten auf Texte gibt es schon seit der Antike in der Literatur, die Art und die Dichte solcher Bezüge hat sich aber von Epoche zu Epoche verändert. So ist zum Beispiel die Intertextualität ein besonders stark ausgeprägtes Merkmal sowohl in der literarischen Moderne als auch in der Postmoderne. Die postmoderne Kunstproduktion knüpft an die Konzeptionen und Darstellungsweisen an, die in der Moderne entdeckt und entwickelt wurden, sie unterscheidet sich jedoch von denen in ihren konkreten Ausformungen und Wirkungen. Die Autoren der Moderne beziehen sich in ihren Werken auf fremde Texte, um sich an fremden Diskursen orientierend, den eigenen Standpunkt zu bestimmen und ihre Subjektivität zu konstituieren. Die Werke der Postmoderne dagegen verzichten auf diese Sinn- und Subjektkonstitution. Die postmoderne Intertextualität verwandelt sich in ein unverbindliches Spiel mit Formen. Diese grundlegende Veränderung in der Funktion der Intertextualität und in der Zitierweise anderer Texte lässt sich ab den sechziger Jahren feststellen. Die Gründe dafür sind weitreichend und könnten umfassend nur in einer eigenständigen Arbeit besprochen werden. In der vorliegenden Arbeit wird nur versucht, einige der wichtigsten dieser Gründe anzudeuten. Erstens hat sich die Funktion der Sprache im Laufe des 20. Jahrhunderts verändert. Der Autor kann die Welt nicht mehr sprachlich erfassen, ihr keine Sinndeutung mittels Sprache mehr unterschieben, denn die Deckungsgleichheit der sprachlichen Wirklichkeit des Romans und der Realität außerhalb des Romans ist aufgehoben. Die Wirklichkeit hat sich für den Autor in die Sprache selbst zurückgezogen, das sprachliche Zeichen steht nicht mehr wie früher für eine von ihm bezeichnete Person oder einen von ihm bezeichneten Gegenstand, sondern für ein anderes Zeichen. Die Sprache lässt sich "nicht mehr naiv verwenden im Sinne eines Bezeichnenden auf etwas Bezeichnetes hin," sondern nur als ein Bezugssystem, in dem die Zeichen referentiell unendlich variabel miteinander vernetzt sind. Die sprachlichen Zeichen eines literarischen Werkes beziehen sich deswegen immer auf Zeichen anderer Werke. Ingeborg Bachmann benannte dieses "intertextuelle" Moment der Sprache schon im Jahre 1960 in ihrer fünften Frankfurter Vorlesung Literatur als Utopie: Sie meinte, "daß alles, was sich aus Sprache schon gebildet hat, zugleich teilhat an dem, was noch nicht ausgesprochen ist." Daraus folgerte sie, dass auch die Literatur selbst ungeschlossen ist, "da ihre ganze Vergangenheit sich in die Gegenwart drängt." Anknüpfend an Jacob Burckhard, der ihr literaturgeschichtlich bewusstes Verhältnis zur Poesie aller Zeiten und Völker als das Schicksal der neueren Poesie benennt, betont Bachmann:

Diese Bescherung also, die nicht ausbleiben konnte und die uns vom 19. Jahrhundert kommt, hat uns zwar reicher gemacht als je Generationen vor uns, aber labiler und gefährdeter, wehrloser gegen jede Assoziation. Denn nicht nur die Dichtung aller Völker ist uns heute bekannt, bis zu der Afrikas, sondern bewußt ist uns das Vorhandensein aller Grammatiken, Poetiken, Rhetoriken, Ästhetiken, aller Gesetzund Formmöglichkeiten der Dichtung.

Diese "Bescherung" bedeutet für die Literatur ab den sechziger Jahren eine Chance, etwas "Neues zu kreieren." Unzählige Werke führen einen besonders intensiven und komplexen Dialog mit Texten, Motiven, Gattungen, Stilrichtungen, Themen anderer Werke der eigenen Epoche oder der früheren literarischen Epochen. Verfremdete fiktive Welten werden erzeugt, die dem Leser nur Vorschläge zu einem möglichen Verständnis der Wirklichkeit liefern. Das Ziel des Autors ist die Emanzipation des Lesers, die Aktivierung seines Urteils durch Schockwirkung, die der Werkstruktur impliziert ist. Das Bekannte wird in verfremdeter Weise zitiert, d. h. es wird aus dem Zusammenhang gerissen und in eine neue Konstellation gestellt. Die Relativierung des Vertrauten, das Verfremden des Bekannten durch das Verfahren der Ironie, Parodie oder Travestie wurde in den sechziger Jahren zum Kennzeichen der frühen postmodernen Literatur. Der verfremdende Bruch mit überkommenen Erzähltraditionen, -konventionen, Werken usw. wird zum wichtigen Bestandteil der ästhetischen Gesamtwirkung der Werke.

In der vorliegenden Arbeit werden die untersuchten Werke als Texte der frühen postmodernen Literatur angesehen, weil in ihnen die modernistische Suche nach Wahrheit, Wertsetzung, Subjektivität und Identität noch nicht verschwunden ist, sondern in relativierter, parodierter oder ironisierter Form immer noch vorkommt und das postmoderne Spiel mit Zitaten noch nicht völlig radikalisiert ist.


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