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CÍMLAP

Nyíri Kristóf

Gefühl und Gefüge

INHALT, VORWORT



Inhalt

Vorwort
1. Österreich und Ungarn: Eine philosophisch-sozialpsychologische Skizze
2. Philosophie und Selbstmordstatistik in Österreich-Ungarn
3. Beim Sternenlicht der Nichtexistierenden: Zur ideologiekritischen Interpretation des platonisierenden Antipsychologismus
4. Das unglückliche Leben des Ludwig Wittgenstein
5. Musil und Wittgenstein
6. Wittgenstein 1929-1931: Die Rückkehr
7. Wittgenstein - Philosophie der Kunst
8. Wittgensteins Aufhebung der Gestalttheorie
Namenregister


Vorwort

Die im vorliegenden Band gesammelten Aufsätze sind durch eine Einstellung miteinander verknüpft, laut welcher die Philosophie im allgemeinen, und die von Wittgenstein im besonderen, immer - auch in ihren abstraktesten, anscheinend wertneutralsten Elementen - eine Antwort nicht etwa auf wissenschaftlich-begriffliche, sondern auf gesellschaftliche und persönliche Probleme darstellt. Die Aufsätze sind im Laufe von anderthalb Jahrzehnten verfaßt worden, und meine Einstellung wurde mit der Zeit vielschichtiger, hoffentlich auch richtiger. Erscheint in den ersten Studien die Philosophie als eine bloße, mehr oder minder ohnmächtige Reflexion von gesellschaftlichen und persönlichen Antinomien, so klingt im Vortrag "Musil und Wittgenstein" bereits der Gedanke an, daß es auch etwas wie einen philosophischen Lösungsversuch von jenen Antinomien geben könnte - während im abschließenden Essay sogar die (freilich nur für gegenwärtigen Autor neue) Vermutung angedeutet wird, daß Philosophie und schlichte Naturwissenschaft vielleicht doch nicht gänzlich unvermittelt nebeneinander bestehen.

Vertieften sich im Laufe der Zeit meine Kenntnisse hinsichtlich Wittgenstein und wurden meine methodologischen Grundsätze folglich weitherziger, so wuchs indessen in mir die Abneigung meinen früheren Studien gegenüber. Als Rudolf Haller, dem ich ja den Antrieb zu gar manchen der hier vorliegenden Arbeiten verdanke, mir die Möglichkeit anbot, eine Sammlung in der von ihm herausgegebenen Reihe "Studien zur österreichischen Philosophie" zu veröffentlichen, zögerte ich anfangs, zumal es mir klar war, daß ich bei jeglichem Umarbeitungsversuch der älteren Aufsätze gänzlich scheitern würde. Letztlich entschloß ich mich zu einer Zusammenstellung mit ganz wenigen Kürzungen; das Endergebnis scheint mir nicht ohne aktuelles Interesse zu sein, und ich bin Haller für diesen abermaligen Ansporn zutiefst verbunden.

Gekürzt habe ich vor allem um Überschneidungen zu vermeiden. Auch so wiederholen sich noch ethche Hinweise, Formulierungen und Zitate - der Leser möge Nachsicht üben. Im Essay "Philosophie und Selbstmordstatistik in Österreich-Ungarn" habe ich gewisse die ungarische Geistesgeschichte betreffende Details weggelassen; und im Text des Aufsatzes "Das unglückliche Leben des Ludwig Wittgenstein" habe ich einige Stellen gestrichen, wo mir das geschichtsphilosophische Kriseninventar nunmehr allzu kindisch vorkam. - Das meiste von dem, was ich heute anders, oder überhaupt nicht sagen würde, konnte indessen nicht getilgt werden. Um auf die zwei Hauptpunkte hinzuweisen: (1) Fast der ganze Band steht im Zeichen jener - freilich allgemein verbreiteten - Krisentheorie, laut welcher die geistige-kulturelle Kreativität der Monarchie mit einer Vorahnung des sich nähernden Unterganges zu erklären sei. Inzwischen bin ich - nicht zuletzt dank den Ausführungen von Barry Smith (vgl. z.B. seinen mit W. Grassl geschriebenen Aufsatz "A Theory of Austria", in J.C. Nyiri, Hrsg., Von Bolzano zu Wittgenstein, Wien: Holder-Pichler-Tempsky, 1986) - zur Auffassung gelangt, daß diese Theorie wohl keine ausschließliche Geltung beanspruchen kann. Dasselbe trifft auf die verwandte Erklärung zu, nach welcher geistige Aktivität eben eine Kompensation für politische Ohnmacht sei. (2) Die gemeinschaftbezogene Erkenntnisphilosophie des späteren Wittgenstein versuche ich in den Aufsätzen, die hier als Kapitel 3 und 4 abgedruckt sind, mit einem als tatsächlichen aufgefaßten Auflösungsprozeß des "bürgerlichen" Individuums in Verbindung zu bringen. Bereits in Kapitel 5, im Vortrag "Musil und Wittgenstein", dringt allerdings die Einstellung durch die ich auch heute vertrete, daß nämlich unser Jahrhundert weniger eine Auflösung der Individualität, als vielmehr ein dahinschwinden von manchen diese Individualität betreffenden Illusionen gebracht hat. Demgemäß bewerte ich auch etwa Carl Menger heute anders, als dies im vorliegenden Kapitel 1 geschieht.

Das Hauptargument in den Kapiteln 3 und 4 betrifft allerdings nicht den späteren Wittgenstein, sondern den frühen, bzw. jene platonisierende Strömung, als deren Teil ich den frühen Wittgenstein darstelle. Dieses Argument, nach welchem die erstrebte logisch-ontologische Sicherheit mit einer Verunsicherung der klassischen bürgerlichen Weltanschauung in Zusammenhang steht, halte ich nach wie vor für richtig. Und nicht ohne Substanz scheinen mir auch diejenigen ganz konkreten Ausführungen zu sein, die sich auf die ethische Verankerung von Bolzanos und Wittgensteins Ontologie, bzw. auf das Element des Unaussprechbaren bereits in Freges und Russells Logik beziehen.

Der als Kapitel 2 abgedruckte Aufsatz geht von der Voraussetzung aus - und sucht diese rückwirkend zu bekräftigen - daß Philosophie und Selbstmord verschiedenartige Antworten auf eine in ihrer sozialpsychologischen Struktur ähnliche geschichtlich-gesellschaftliche Lage sind. Der Aufsatz möchte nicht in dem Sinne mißverstanden werden, daß in meiner Einbildung die Philosophie etwa einer der statistisch erfaßbaren Gründe der Selbstmordneigung wäre. - Kapitel 6 zeigt, welche Überraschungen sich aus einer Beschäftigung mit den unveröffentlichten Manuskripten des späten Wittgenstein ergeben können, und stellt m.E. einen Beitrag sowohl zur Methodologie als auch zur Substanz der Wittgenstein-Forschung dar. Dieses Kapitel kommt auch einer Rücknahme meiner früheren These gleich (vgl. Kap. 4), laut welcher die Spätphilosophie Wittgensteins als eine Philosophie der "verlorenen Religiosität" bezeichnet werden könnte. - Kapitel 7 und 8 behandeln zwei sehr verschiedene Themen - das Traditionsmäßige in der Kunst einerseits, und andererseits die Relevanz von profaner Wahrnehmungspsychologie und halbprofaner AI-Forschung für eine Interpretation des späteren Wittgenstein -, welchen Themen aber gemeinsam ist, daß ich mich in der Zukunft noch viel mit ihnen beschäftigen möchte.

Budapest - Bochum, im April 1986


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