
CÍMLAP
Josef Grisz
Rückblick auf die zehnjährige Thätigkeit des Pressburger Gesangvereines "Typographenbund"
EINFÜHRUNG
Nicht nur im politischen und socialen Leben, sondern auch im Vereinsleben
hat jeder Zeitabschnitt seine Geschichte. So unterschiedlich auch die
Tendenzen der erwähnten Gebiete sind, so finden wir überall, dass gewisse,
oft auch ganz entgegengesetzte Interessen daran Schuld sind, wenn besondere
Momente auf irgend einem Gebiete der Vergessenheit entrissen werden.
Und ein solches Moment finden wir in der Geschichte des "Pressburger
Buchdrucker-Unterstützungs-Vereines", aus deren Mitte im Jahre 1872 die
Grundidee hervorging, einen Gesangverein, gleichwie in allen grosseren
Städten, zu gründen.
Diese Idee traf auch bei den Buchdruckern Pressburgs auf allgemeine
Sympathie, und obwol man sich der kaum überwindbaren Schwierigkeiten
bewusst war, sollte doch dieser, nun von Allen gehegte Wunsch verwirklicht
werden.
Zu diesem Zwecke haben sich circa 16 Herren, theils Buchdrucker, theils
Nichtbuchdrucker, die sich um die Gründung des Vereines besonders verdient
machten, geeinigt, ein diesbezügliches Statut auszuarbeiten und dem hohen
kön. ung. Ministerium behufs Genehmigung vorzulegen. - Um aber dem Vereine
seine Existenz auch für die Zukunft zu sichern, wurde beschlossen, für den
Verein auch Nichtbuchdrucker zu gewinnen, um so dem steten Wechsel, dem die
Buchdrucker zumeist ausgesetzt sind, zu begegnen und dadurch den Verein
stets lebenskräftig zu erhalten. Diese Idee erwies sich auch in der Folg e
als eine äusserst praktische, denn heute noch sehen wir, dass dieselben mit
gleicher Opferwilligkeit, mit gleicher Liebe für die Ehre des Vereines
überall und zu jeder Zeit einstehen.
Dies war der gestellten Aufgabe leichtester Theil. Schwieriger war die
Suche nach einem Chormeister, welcher sich die Mühe nimmt, einen erst ins
Leben gerufenen Verein gesangfähig zu machen. Durch den Rath wohlmeinender
Freunde wurde die Aufmerksamkeit des im Entstehen begriffenen Vereines auf
die Person des Realschul-Professors Herrn Johann Wawra gelenkt, und die
Deputation, welche sich bei Herrn Prof. Wawra vorstellte, konnte schon in
der nächsten provisorischen Versammlung die freudige Mittheilung machen,
dass Herr Professor für den neu zu gründenden Verein gewonnen wurde.
In der uneigennützigsten und liebenswürdigsten Weise hatte nun Herr Prof.
Wawra den musikalischen Theil im Vereine übernommen und mit seltener
Aufopferung widmete er sein ganzes Können dem jungen Vereine. Durch sein
freundliches Entgegenkommen, welches ihm stets das ehrendste Blatt in der
Geschichte des "Typographenbund" reserviren wird, wurden auch die
mannigfachen Schwierigkeiten, die sich dem neuen Unternehmen
entgegenstellten, leicht behoben.
Langsam, aber umso sicherer musste der bis nun provisorisch geführte
junge Verein unter solcher Leitung das erreichen, was ihm zu seiner
Existenzberechtigung nothwendig war. Und heute, nach zehn Jahren, sehen wir
uns in unseren Erwartungen nicht getäuscht; der gute Saame, den Prof. Wawra
in den noch schwankenden Boden gelegt, er hat sich entfaltet und ist zu
einem lebenskräftigen Baum herangereift, an dem jeder Freund unseres
Vereines heute Wohlgefallen findet.
Und heute können wir gewiss mit Stolz auf dieses Werk blicken, welches mit
so vielem Opfer geschaffen, aber auch zur Freude jedes Angehörigen erhalten
wurde.
Schon kurz nach seinem Entstehen hatte der Verein durch den damaligen
momentanen volkswirtschaftlichen Niedergang, der in jedes Geschäft eine
bedenkliche Bresche schoss, und besonders unter den Buchdruckern einen
unerwarteten Wechsel mit sich brachte, in seiner Entwickelung fühlbar zu
leiden, und wie selbst eine grössere Körperschaft durch den steten Wechsel,
der das Vereinsleben in seiner Entwickelung beeinträchtigt, mit seiner
Existenz zu kämpfen hat, um wie viel mehr war diese kleine Körperschaft
dadurch beeinflusst, und deren vollständige Zersetzung in nahe Aussicht
gestellt. Viel Opferwilligkeit, viel Liebe zur Sache musste wohl da
vorhanden sein, um allen diesen natürlichen Widerwärtigkeiten mannhaft zu
widerstehen und das geschaffene Werk nicht nur zu erhalten, sondern
dasselbe immer mehr und mehr seiner Vervollkommnung entgegenzuführen.
Keine grossartigen Tonwerke sind es, auf die der Verein nach seinem
zehnjährigen Bestände hinweisen will, um seine Lebensfähigkeit zu beweisen.
Nein, sein einfach schlichter Gesang, der auf Vollkommenheit keinen
Anspruch machen will, er drang zu wiederholten Malen zum Herzen des grossen
Publikums. Er sprach vom Herzen und er drang auch zum Herzen. In schlichtes
Gewand gehüllt und zumeist auf sieh selbst angewiesen, hatte der Verein
doch Grosses vollbracht, und wenige Körperschaften dürften es sein, die
unter gleichen Verhältnissen Gleiches thaten.
Zweck der folgenden Zeilen soll es sein, in objectiver Weise nach den
vorhandenen Daten die zehnjährige Thätigkeit des Vereines allen Freunden
und Gönnern summarisch wiederzugeben und auch ein bleibendes Andenken für
den Verein zu bilden.