Széchenyi István
Ein Blick auf den anonymen "Rückblick"...
VORWORT
Diese Bruchstücke, so wie sie hier folgen, wurden mir von einem jener hochachtbaren und practisch hochgebildeten, aber höchst unglücklichen Ungarn übergeben, die ohne etwas verschuldet zu haben, durch rohe Willkür verfolgt und gehetzt, gezwungen gewesen sind, ihr Vaterland zu fliehen - - wollten sie ihre irdische Laufbahn nicht an dem Galgen, oder irgend in einer Oubliette schliessen.
Er war im Begriff, die Ausgabe selbst zu besorgen, als ihn eine heftige, sehr schmerzhafte Krankheit überfiel. Er fühlte sich am gebrochenen Herzen sterben, und war nicht mehr im Stande, jene Correcturen an seinem Manuscripte vorzunehmen, die er für so nothwendig fand, und welches er gewiss in eine bessere Form gebracht haben würde, hätte ihn die Zeit nicht übereilt, obschon er, wie er mich versicherte, und wie es auch aus dem ganzen Versuche zu sehen ist, in der deutschen Sprache sich vollkommen incompetent fühlte.
Als ich ihn das letzte Mal sah - und er über das Loos seines Vaterlandes die bittersten Thränen vergoss - sagte er mir folgende Worte: "Nehmen Sie diese buntscheckigen Aphorismen, so wie ich sie in meiner Seelenqual - und in meinen zeitweiligen Hoffnungsfunken aufs Papier warf. Verbrennen Sie sie, - glauben Sie jedoch, dass zwischen dem vielen Stroh hier und da auch etwas Werthvolleres steckt, was wenigstens zum Denken und zu dem audiatur et altera pars Anlass geben könnte, nun so verfugen Sie damit nach Gutdünken."
Das waren die letzten Worte, die ich von dem tödtlich verwundeten Verbannten vernahm.
So wie nun das Ganze vor mir liegt, sehe ich selbst in allen den Stellen, die mir im ersten Augenblicke als trivial erschienen, den Ausdruck des tiefsten Schmerzes; denn die Pein, die an Verzweiflung grenzt, ergeht sich eben so rücksichtslos im plumpen Scherze, als in bitterer Klage.
Ich entnehme aus jeder Zeile dieser originellen Bruchstücke einen tief gefühlten Hass gegen alles Deutsche; und wenn wir Deutschen uns ehrlich befragen wollen, woher diese Antipathie gegen unsere Race, - die mit jedem Tage allgemeiner wird - wohl quellen mag, so ist es unmöglich uns nicht zu gestehen, dass wir selbst daran Schuld sind. In Ungarn namentlich liebte man uns Deutschen früher sehr - - unter den Slaven, Griechen, Walachen, Italienern waren wir nie beliebt - - besonders das schöne Geschlecht aus den höheren Ständen in Ungarn war uns ungemein hold; allenthalben sah man deutsche Cultur und Sitten Terrain gewinnen, und jetzt ist in Ungarn nichts, was man so bitter hasst und verabscheut als das Deutsche.
Ich hatte oft Gelegenheit, mit dem unglücklichen Autor dieser Zeilen über diesen Umschwung zu sprechen. Seine Antwort variirte stets nach diesem Thema:
"Jede Usurpation erzeugt Antipathie und Hass. Ihr Deutschen seid wohl über vierzig bis fünfzig Millionen an Zahl; wir Ungarn hingegen schwerlich über dreizehn bis vierzehn, worunter sieben bis acht Millionen Magyaren. Warum wollt ihr uns verschlingen; wäre es nicht klüger, wenn ihr euere Kraft, euer Wissen, euer Mühen darauf verwenden wolltet, euch endlich zu einer Nation zu concentriren, als euch damit abzuplagen alles germanisiren zu wollen? Sollen wir nicht auch leben dürfen? Und glaubt ihr in diesem euerm unloyalen Wahne reussiren zu können; seid ihr so blind, nicht zu bemerken, dass euere theoretisch indigesten Anstrengungen gerade die entgegengesetzten Effecte hervorbringen, als jene sind. die zu erreichen ihr beabsichtigt; und seid ihr so eingebildet, nicht gewahr zu werden, dass ihr gar keine Einschmelzungs-Qualitäten besitzt; denn im engen Contacte mit anderen Nationalitäten schmelzt ihr und nicht diese; welches Factum kein Mensch läugnen kann, der sich nicht selbst und andere zum Fleiss täuschen will. Gehen wir nach Amerika, nach England, nach Frankreich, nach Russland - und was sehen wir? Etwa das, dass der Deutsche an diesen Nationalitäten Wunden schlägt, und nicht gerade das Gegentheil, dass der Deutsche allmälig seiner ganzen Nationalität entkleidet wird; und selbst in Ungarn - wie ich darüber die sichersten Nachrichten erhalte - kräftigte sich die ungarische Nationalität nie auf eine auffallendere Art, als seitdem der Deutsche coute que coute das Ungarthum zerstören will; - der Deutsche, der trotz seiner Gelehrtheit, trotz seiner vielen gediegenen Eigenschaften auf dem Felde des practischen Staatslebens - auf einem erbärmlich tiefen niveau steht."
So sprach er. Und was konnte ich billigerweise darauf antworten? Leider ist es zu wahr, dass wir Deutschen, in unsere Theorien verliebt und vernarrt, seit einiger Zeit Mittel gefunden haben, uns allenthalben in der ganzen Welt, sehr unbeliebt, ja sehr verhasst zu machen. Es möge uns zur Warnung dienen, allen Usurpationen, und besonders allen jenen Provocationen, die sich viele unseres Stammes gegen 'Alles und Alle' seit einiger Zeit erlauben, ein Ende zu machen; - und man wird uns wieder lieben wie vorher, und wir werden wieder Terrain gewinnen, während wir jetzt alle Tage davon verlieren.
Ich war lange im Kampfe mit mir, erstens schon, ob ich das mir Anvertraute der Oeffentlichkeit übergeben solle, und dann, ob ich einiges, was mir unzukömmlich vorkommt, streichen oder ändern dürfe?
Was den ersten Punkt anbelangt, siegte in mir das Pflichtgefühl, welches ich gegenüber dem Sterbenden haben zu müssen glaubte, dass es mir nicht erlaubt sei, seine letzten Worte über seine Heimath zu unterdrücken, - und nicht minder die in mir ganz wach gewordene Ueberzeugung, dass die erhabenen, tief philosophischen Stellen in seinem Nachlasse sehr viel Gutes unter den Menschen stiften werden, und alle die Trivialitäten, die in diesen schnell geschriebenen Rhapsodien Vorkommen, vollkommen aufwiegen, die übrigens weit entfernt sind Imitationen der besonders wiener Gemeinheiten zu sein, sondern eher als Ironie über diesen niedrigen Genre, und über alle oft mit so viel Ungeschick erfundenen neuen deutschen Wörter der 'Jetztzeit' zu betrachten sind. Und was den zweiten Punkt meiner Scrupel betrifft, ob ich streichen, ändern, zusetzen soll, so entschied ich mich, auch nicht ein Jota auszulassen, zu modificiren oder zuzugeben. Das Ganze könnte allerdings abgerundeter, correcter, vielleicht gefälliger erscheinen, würde aber an Kraft, Nerv und Originalität verlieren - und überdies glaubte ich aus Pietät für den hochedlen Mann, dessen Herz für Recht, Tugend und das Schöne pulsirte, sein mir anvertrautes Geistes-Product mit allen Vorzügen und Mängeln der Welt Wort für Wort so zu übergeben, wie er es in seiner Seele mit tiefstem Schmerze empfand.
London, den 1. März 1858.
F. K.