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Széchenyi István

Politische Programm-Fragmente 1847



Vorwort

Im vergangenen Frühling verbreitete sich das Gerücht, die Opposition werde ein Programm schreiben, und später, dass auch die conservative Partei dergleichen beabsichtige. - Es Ist eine schwere Aufgabe, dachte ich bei mir, dergleichen auch nur für eine Partei zu Stande zu bringen, um so schwerer wäre sie, wenn es sich um das Ganze handelte, denn bei uns gibt es auch unter den in einer Reihe Stehenden so viele Nüancirungen, dass es auch in diesem Falle schwer oder unmöglich wäre, die politische Bahn so zu definiren, dass das, was dem Einen gefällt, bei einem Andern kein unangenehmes Gefühl erwecke, und umgekehrt.

Trotzdem indess, nachdem ich wenigstens glaube, dass weder das oppositionelle noch das conservative Programm ausbleiben werde, so wie auch das letzte erst unlängst wirklich erschien, so fühle ich auch Lust in mir, wenn auch eben kein erschöpfendes Programm zu schreiben, doch wenigstens einige Bruchstücke aufs Papier hinzuwerfen, die vielleicht unsere vaterländischen Angelegenheiten auch von einer andern Seite ein wenig zu beleuchten vermögen, um so mehr, als ich gegenwärtig weder Oppositioneller bin, noch mich für einen Conservativen halten kann, wenn ich mich meinen politischen Ansichten nach nicht par force in ein so wenig passendes Kleid hüllen wollte, als es in der Travestie vielleicht doch etwas zu weit gegangen hiesse, wenn eine Frau in Hosen oder ein Mann im Unterrocke erschiene.

Ich weiss es nur zu wohl, dass man nicht leicht eine solche Partelbenennung ausdenken könne, die irgend eine Partel einem weiten Mantel gleich so bedeckte, dass dann aus diesem nirgend etwas, auch z. B. kein Finger, Horn, Ohr oder vielleicht auch kein Hühnerauge hervorgucke, obgleich unter der Parteibenennung von Tory und Whig gar Vieles Raum findet; aber dass zwischen dem Aushängschilde eines Gewölbes und den Waaren, welche in demselben zu finden sind, dock einige Analogie herrsche, das kann man denn doch verlangen, und zwar so, dass a potiori fit denominatio.

In dieser Beziehung aber könnte 'ich' das conservative Kleid nur in dem Falle tragen, wenn entweder ich oder Andere darauf schrieben, dass diess bloss eine Maskerade sei, deren eines mir eben so leid thäte, als mir das andere unangenehm wäre; nachdem das, was 'ich' in Ungarn zu conserviren wünschte, sich zu dem, dessen Reinigung, Reformirung und gänzliche Umgestaltung ich sehnlichst verlange, so verhält, als höchstens zehn zu hundert. Demnach befriedigt mich, der ich keine Galanterie-Waaren-Niederlage bin, in der Alles aufzufinden ist, das conservative Aushängeschild eben so wenig, als das Oppositionsbanner, welches nach den Grundgesetzen der entwickeltem Staatswissenschaft ein solches 'varians' ist, das sich bald in der Hand des Einen und bald in jener des Andern befindet, und um welches herum sich bald Mehre und bald Wenigere versammeln; und da ich demnach wenigstens meinerseits Jetzt nicht die Nothwendigkeit einsehe, mich unter das diesfällige Banner zu stellen, so halte ich einzig und allein die Fahne des Fortschrittes für diejenige, welcher ich mich anschliessen und folgen könnte und wollte; woraus sich jeder abstrahiren kann, dass ich jetzt weder oppositionell noch conservativ sei, sondern, wenn ich schon einen politischen Titel haben muss, "ein ehrlicher Progressist, ein unermüdlicher Reformer."

Und von diesem Standpunkte aus wollte ich einige Programm-Fragmente aufzeichnen.

Meine Skrupel wuchsen indess in einen solchen Maasse, als sich meine Arbeiten in drückender Menge häuften.

Ich hatte nicht recht Zelt und wusste auch nicht, auf welche Weise ich den Gegenstand manipuliren sollte, damit die Opposition, deren ein Theil wenigstens mich für 'verloren' hält, sich nicht noch mehr über mich beschwerte; die conservative Partei aber, die da glaubte, dass ich jetzt einer der Ihrigen sei, well ich ein Oppositionsmann bin, mir, wenn sie es wahrnehmen wird, dass ich eigentlich 'Niemand' als mir selbst angehöre, nicht allzu sehr zürne.

Und so geschah es, dass ich weder sehr schnell, noch mit sonderlichem Erfolge zu Werke gehen konnte, und ich kann dem geehrten ungarischen Publikum hiermit und leider spät bloss eine stückhafte Abhandlung unterbreiten, die voll Fehler, nicht erschöpfender und im Widerspruche scheinender Behauptungen, so wie häufiger Erwähnungen meiner Person und überdiess voll bitterer, aber vielleicht um so gesünderer Mixturen ist, dem Verdammungsurtheil wenigstens der Bessern nur so entgehen kann.

Wenn diese gütigst das zu beachten belieben, dass ich zur Zusammenstellung dieser Abhandlung kaum andere Zeit gewonnen, als die Stunden der Sitzungen, in denen so viel Wortschwall und zuweilen so viel Lärm ist, oder Nächte, in denen andere nach den ermattenden Bemühungen des Tages glücklich schlummern, ich aber leider nicht schlafen konnte; -

Wenn sie ferner gütigst erwägen, dass Einiges in der gegenwärtigen Flugschrift nur deshalb widersprechend scheint, weil ich nicht Zelt hatte, oder nicht fähig war, alle jene Nüancirungen klar genug auseinander zu setzen, welche der Politik oft eine so ganz andere Richtung geben; -

Wenn sie es ferner gefälligst zugeben, dass es meiner Wenigkeit schwer oder unmöglich ist, auch nur im Entferntesten von ungarischer Politik zu sprechen, ohne meiner geringen Person, welche ganz selber mit verwebt ist, fortwährend erwähnen zu müssen; -

Diese Flugschrift kann endlich nur so dem Verdammungsurtheile meiner nachsichtigeren Kritiker entgehen, wenn sie an der Reinheit meiner Absicht nicht zweifeln, sondern auch sie, so wie ich es zu thun liebe, und hanc veniam petimusque damusque vicissim gleichfalls nur die Richtigkeit der Taktik, und Manier des Taktes, welche ich gebrauchte, in Zweifel ziehen wollen.

Uebrigens war der grössere Theil der gegenwärtigen Flugschrift schon geschrieben, als ich am 14. September 1846 von meiner Bereisung der Theiss nach Pesth zurückkehrte und er gefiel mir so wenig, und gefällt mir auch jetzt noch so wenig, dass ihn nichts vom Flammentode rettete, als der Umstand, dass die Zelt mahne, treibe: ohne Zaudern, wenn auch nur halbwegs Alles zu thun, was patriotische Stellung und Pflicht gebietet.

Pesth, am 8. Januar 1847.
Der Verfasser.


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