Österreich und Ungarn im 20. Jahrhundert
INHALT, VORWORT
Inhalt
István Németh: Mitteleuropa: Eine deutsche Aufgabe? Die Tätigkeit des Deutsch-Österreichisch-Ungarischen Wirtschaftsverbandes (1913-1918)
Zoltán Maruzsa: Die außenpolitische Konzeption von István Tisza in den Jahren des Ersten Weltkrieges
Manfried Rauchensteiner: Reichshaftung: Österreich, Ungarn und das Ende der Gemeinsamkeit
Ignác Romsics: Die Auflösung der Österreichisch-Ungarischen Monarchie und das Fortleben der Spannungen von Nationalitäten im Donaubecken
Ferenc Szávai: Die Folgen des Zerfalls der Kaiserlich-Königlichen Monarchie
Richard Lein: Vom zwischenstaatlichen Konflikt zu bilateraler Verständigung. Die Burgenlandfrage und ihre Rolle in den österreichisch-ungarischen Beziehungen
Imre Tóth: Mythos und Realität - Die Folgen der Abtrennung des Burgenlandes in Ungarn nach 1921
Róbert Fiziker: Aus der Österreichisch-Ungarischen Monarchie eine Ungarisch-Österreichische? Jenseits der Leitha (und der Realität)
Szabolcs Szita: Der Wandel der Wahrnehmung Österreichs im ungarischen Grenzgebiet der Nachkriegszeit
Dieter Bacher: Das Nachbarland als neue Heimat. Rahmenbedingungen und Motive für nach 1945 in Österreich gebliebene ungarische Zwangsarbeiter
Klaus Fiesinger: Konfigurationselemente der österreichisch-ungarischen Nachbarschaft in Verbindung mit der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Staaten in den ersten Nachkriegsjahren
Peter Ruggenthaler: Zur Bedeutung der sowjetischen Besatzung Österreichs und der Staatsvertragsverhandlungen für die Konsolidierung der Sowjetherrschaft über Ungarn
Károly Kókai: Ungarische Migrationswellen 1945-1963
Maximilian Graf: Ein Musterbeispiel der europäischen Entspannung? Die österreichisch-ungarischen Beziehungen von 1964 bis 1989
Tibor Valuch: Soziale Veränderung in der ungarischen und österreichischen Gesellschaft der K(reisky)- und K(ádár)-Ära und danach
Csaba Szabó: Systemwechsel in Ungarn (1988-1989)
Helmut Wohnout: Die Umbrüche 1989 aus der Perspektive der österreichischen Außenpolitik unter besonderer Berücksichtigung des bilateralen Verhältnisses zu Ungarn
Register
Publikationen der ungarischen Geschichtsforschung in Wien
Vorwort
Ungarn und Österreich sind zwei kleine Nachbarländer, je mit etwa 10 Millionen Einwohnen, auf dem Fleckenteppich von Europa. Wie die Beziehung von getrennten Eltern, war das Verhältnis zwischen Ungarn und Österreich in der Geschichte manchmal freundschaftlich, manchmal eher kühler. Sie waren und sind jedoch nicht nur Nachbarn, sie waren nicht nur Freunde, sondern eben Verwandte: "Schwäger". In so einer Beziehung sind Streitigkeiten genauso Teil des Alltagslebens wie die gegenseitige Achtung. In den letzten Jahren beherrschte etwa chemischer Schaum auf der Raab oder eine geplante Müllverbrennungsanlage in Heiligenkreuz (Bezirk Jennersdorf) an der ungarischen Grenze die ungarischen Medien. Diese Probleme wurden behandelt und gelöst. In österreichischen Medien dominieren die Sondersteuer für in Ungarn tätige Banken, wovon auch die österreichischen Banken schwer betroffen sind, oder das ungarische Bodengesetz, das für österreichische Besitzer von Nachteil ist. Es bleibt zu hoffen, dass auch diese Fragen bald zufriedenstellend von der Politik gelöst werden. Die Politiker müssen die bestehenden Probleme klären und auflösen, und die Geschichtswissenschaftler müssen die früheren Verhältnisse mit optimistischer Zielsetzung untersuchen, analysieren und aufarbeiten, dass man von der Geschichte etwas lernen will und lernen wird. Die Politiker sollen manchmal das Gespräch von den heiklen Fragen ablenken, sie dürfen solch empfindliche Themen nur vorsichtig behandeln. Die Historiker arbeiten natürlich auch mit Bedacht, aber sie dürfen kein Tabu akzeptieren. Man kann sich mit einer wissenschaftlichen Fragestellung jedem Ereignis nähern.
Das vorliegende Buch umfasst 17 Abhandlungen, die versuchen, die Geschichte beider Länder gerade von der Zeit beginnend zu verarbeiten, als die für 400 Jahre einflussreiche europäische Monarchie, die kaiserliche und königliche Habsburgermonarchie, zerfiel.
Die Autoren der ersten zwei, István Németh und Zoltán Maruzsa beschäftigen sich mit den zeitgenössischen Vorstellungen über die Rolle von Mitteleuropa während des "Großen Krieges".
Die Abhandlungen von Manfried Rauchensteiner, Ignác Romsics und Ferenc Szávai behandeln den Zerfall der Österreichisch-Ungarischen Monarchie aus verschiedenen Blickwinkeln: von der Seite des Reiches, der Nationalitäten und der wirtschaftlichen Lage. Daran schlissen die von Richard Lein und Imre Tóth zur speziellen "Burgenlandfrage" an.
Róbert Fiziker analysiert die Möglichkeit und die Realität des Fortbestandes der Habsburgermonarchie in Ungarn (und in Österreich) in der Zwischenkriegszeit.
Der Zweite Weltkrieg zog eine gewaltige Migration in ganz Europa nach sich, besonders in Ostmitteleuropa. Die Grenzen waren kurz noch durchlässig: Flüchtlinge, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene kehrten heim, oder begannen ein neues Leben in einer neuer (manchmal kalten) Heimat - diese Zeit behandeln Szabolcs Szita und Dieter Bacher.
Klaus Fiesinger arbeitet die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich und Ungarn nach 1945 auf.
Peter Ruggenthaler untersucht die Bedeutung der sowjetischen Besatzung Österreichs und besonders des Staatsvertrags für die Konsolidierung der Sowjetherrschaft über Ungarn.
Károly Kókai beschreibt die ungarischen Migrationswellen nach Österreich zwischen 1945 und 1963.
Die österreichisch-ungarischen Beziehungen waren seit der Mitte der 1960er Jahre weitgehend unbelastet. Maximilian Graf's Untersuchung beleuchtet diese "goldene" Epoche. Die sogenannte K(reisky)- und K(ádár)-Ära analysiert Tibor Valuch aus sozialgeschichtlichen Perspektiven. Der Artikel von Csaba Szabó widmet sich dem Systemwechsel Ungarns.
Der letzte Beitrag von Helmut Wohnout schildert die bilateralen Beziehungen Österreichs zu Ungarn im Rahmen der friedlichen Wende von 1989.
In diesem Jahr erinnern wir uns an das Zentenarium des "Großen Krieges", der unseren Donauraum so sehr veränderte. In diesem Buch wird nicht der Erste Weltkrieg behandelt, aber die Wurzeln der Ereignisse der Zwischenkriegszeit reichen bis dahin zurück, sogar selbst den Zweiten Weltkrieg kann man ohne die Wahrnehmung des ersten modernen Krieges der Weltgeschichte kaum verstehen. Mögen die Beiträge dieses Sammelbandes zur besseren Kenntnis der österreichisch-ungarischen Beziehungen des letzten Jahrhunderts beitragen.
Wien, Oktober 2014
Csaba Szabó