Expressiv
BEGRÜßUNG
Kunst zu sammeln ist eine Subsumierung. Es ist Analyse und Synthese; die alltäglichen Routinehandlungen menschlichen Denkens, verflochten mit der Freude am Rezipieren, was zu den edleren Arten gesunder Lebensfreuden zählt, verknüpft mit einer gewissen grenzenlosen Verantwortung. Letztere resultiert aus dem Signalcharakter der Resonanz des Rezipienten.
Ein großes Erlebnis in meinem Leben war, als ich, als bettelarmer junger Architekt zu Weihnachten immer wieder die Möglichkeit hatte, meinen Architektenfreund, Gedeon Gerlóczy aufzusuchen, der - wie allgemein bekannt - der Retter, Entdecker, Sammler und Hüter der Bilder von Tivadar Csontváry Kosztka war, da habe ich nicht nur daran gedacht, welche Kraft diesem kleinen, zerbrechlichen Mann gegeben war, um über fünfzig Jahre inmitten der Grausamkeiten von Weltbränden die Kunst Csontvárys zu behüten und zu bewahren, sondern auch daran, daß ich wahrscheinlich nie, nicht mal eine ähnliche Sammlung besitzen werde, und nie die Gelegenheit dazu bekommen werde. Ich habe ihn bewundert und beneidet, und nie vergessen können welche religiöse Andächtigkeit ich bei den Bildern verspürt habe.
Drei Jahrzehnte, ein Christus-Menschenleben sind seitdem vergangen. Es erscheint mir heute noch als Traum, wenn die authentischsten Kunsthistoriker des Landes nach gründlicher Analyse zu der Überzeugung gelang sind, daß unsere, mit meiner heiß geliebten Frau gemeinsame Sammlung mehrere Hundert Kunstwerke von musealem Wert beherbergt, denke ich nicht nur gerührt an die Anfänge zurück, sondern bewundere auch stolz und glücklich die einzelnen Meisterstücke der Sammlung, aber auch ihre Gesamtheit. Mein Stolz und mein Glück liegen darin begründet, daß es uns auch gelungen ist, etwas zu retten und zusammenzufügen, und daß wir somit am Kunstleben der Jahrtausendwende in unserer kleinen Heimat aktiv teilnehmen dürfen. Von den ungarischen Künsten sind, wegen der Ortsgebundenheit der Architektur, nur die Musik und die Bildenden Künste frei von sprachlichen Barrieren, aber wegen eines unbegreiflichen "Turanischen Fluches" verblieb die Bildende Kunst nur im Lande. Aber diese bildende Kunst ist Teil der universellen menschlichen Kunst, noch eher der europäischen Kunst, sie ist nicht mehr und nicht weniger als das, nur ist sie einfach weit weniger bekannt.
Der zeitgenössische Künstler ist ein multikulturelles Wesen. Er begreift die Erscheinungen dieser Welt und macht sie begreifbar; stellt Rangordnungen unter den Ereignissen auf und läßt welche aufstellen; akzeptiert und protestiert, er lebt das Leben, sowohl sein eigenes, wie auch unseres, während dessen wir unser Leben leben, und ein klein wenig vielleicht auch seins. Das leise Brummen des Künstlers verstärkt sich zu einem grellen Schrei, sein leises Klagen zum Aufschrei: er durchlebt mit uns zusammen Krieg und Frieden, die Mondlandung, die Marserkundung, die Armut und die Ungerechtigkeit, Schönheit und Häßlichkeit, Schöpfung und Vergehen, die Liebe, die Leidenschaft, Treue und Untreue, Freude und Leid.
Der zeitgenössische Künstler ist nicht nur ein Wanderer durch die Jahrtausende, sondern unser Partner in der heutigen Zeit, seine Frische ist unsere Frische und seine Müdigkeit ist unsere Müdigkeit. Der zeitgenössische Künstler lebt mit uns zusammen, atmet mit uns die gleiche Luft, seine Sinnesorgane sind die unseren, sein Herz und unser Herz schlagen hier gleichzeitig und zusammen. Und wenn es stehenbleibt bleibt ein klein wenig auch unser Herz stehen.
Kunst zu sammeln ist eine Selektion: Auswahl unter den Ateliers. Eine Auswahl unter Verantwortung, mit der Verantwortung des Eigentümers.
Das Besitzen als solches erschien auf dem Gebiet der geistigen Güter und der Produkte von Denkprozessen und verschafft sich Geltung wie nie zuvor. Es ist eine Tatsache, daß der Mensch durch seine Fähigkeit zum Denken zum Mensch wurde, was auch die Geschichte der Menschheit eindeutig Bewies. Es ist aber auch eine Tatsache, daß die neuzeitliche Sicherheit des Besitzens geistiger Güter und Gedanken dieses Denken in Kategorien von "mein-dein-unser" in eine neue, höhere, von den früheren abweichende Dimension erhoben hat. Auch wenn die Schöpfungen des Geistes und der Kunst "mir" oder "dir" sind, sie sind trotzdem "unsere" - denn sie gehören uns allen.
Es folgten Weltbrände aufeinander, Bibliotheken, Museen, Archive und Sammlungen, Kunstwerke und ausgesuchte Ensemblen von herausragenden Werken sind vernichtet worden. Es vergingen öffentliche und auch Privatsammlungen. Diejenigen, die das begriffen haben, stellten mit Entsetzen fest um wieviel wir im Zeitalter der wissenschaftlichen, industriellen und technischen Revolution ärmer geworden sind.
Es waren aber weitaus weniger Personen, denen aufgefallen ist, daß das Sammeln von Kunst sich als Prozeß verlangsamte und immer weiter zurückgedrängt wird; das größte Problem ist vielleicht aber das sie sich der Vergangenheit zuwendet, und die zeitgenössischen Künstler dementsprechend stiefmütterlich behandelt. Es versteht sie nicht mehr, schätzt sie nicht mehr, vor allen Dingen aber ist sie nicht bereit, die Risiken in Kauf zu nehmen. Die Anzahl der zeitgenössischen ungarischen Sammlungen ist im Vergleich zu der Vielzahl der Kunstschaffenden ungleich geringer, ihre Zusammensetzung ist eintönig, ihre Überzeugungskraft - mit Ausnahme einiger- zaudernd.
Vor meiner Studienzeit als Architekt, dann als Ästhet lebte ich meines Erachtens im geistigen Zentrum des Landes, im VI. Bezirk der Hauptstadt, in Theresienstadt, dort bin ich geboren worden und aufgewachsen. Die Hochschule für Bildende Künste, die Musikakademie, das Opernhaus, die renommierten Gebäude des Schriftstellerverbandes und des Journalistenverbandes, die Museen, das Caféhaus der Schriftsteller, der kleine Pester Broadway waren Teil unseres, und meines Lebens. Mein Alma Mater, das Kölcsey Ferenc Jungengymnasium von Budapest bildete als Werkstatt eine bestimmende intellektuelle Schicht heran, sie stand - steht direkt neben dem Epres-Garten.
Die ästhetische Gewißheit, die ich bei meiner jahrzehntelangen Arbeit als Denkmalschützer und bei postgradualen künstlerischen und architektonischen Fortbildungen erlangt habe, machte mir bewußt, daß ich in einer Zeit lebe, die nicht nur durch die Wegsuche der Künstler, sondern auch durch hochrangige Kunstwerke gekennzeichnet ist.
Gerade deshalb haben wir, als ich mit meiner Frau anfing zeitgenössische Kunst zu sammeln, uns auf Hilfe und Rat von Kunsthistorikern und Fachleuten verlassen. Das heutige kulturelle öffentliche Leben Ungarns ist nämlich auch gekennzeichnet durch die Präsenz einer äußerst qualifizierten Garde von Kunsthistorikern; und da bin ich sicher, wird auch die Gesellschaft einmal ihre Arbeit anerkennen und ihnen danken. Die Schönheit und der Reichtum unserer Sammlung wäre nicht so vollkommen ohne die federführende Rolle von Margit Egry, und ohne die hervorragenden Ästheten, die uns mit gutem Rat zur Seite standen. Also Dank und Ehre den Kunsthistorikern, die der zeitgenössischen Kunst dienen.
Aber erlauben Sie mir Tihamér Gyarmathy, den Csontváry unserer Zeit zu erwähnen. Sich mit ihm zu unterhalten, - in einer Straße zu wohnen! - ist eine Ehre, ihn zu kennen, seiner Meinung eventuell zu widersprechen ist erhebend, aber unter seine Bildern zu leben, mit ihnen aufzuwachen ist wundervoll.
Lassen sie mich auch Lajos Sváby erwähnen, der nicht nur ein typischer Vertreter dieser zeitgenössischen Kunst ist, sondern ein so hervorragender Künstler, ohne dessen Werke aus dem Tempel moderner Künste ein Altar fehlen würde. Diese phantasiegeschaffene Kathedrale ist ohne ihn gar nicht vorstellbar. Das Sammeln von Svábys großartigen Bildern bedeutete gleichzeitig für uns, daß wir diesen Tempel betreten durften, daß wir unserem Zeitgenossen und unseren Zeitgenossen nahe gekommen sind.
Die Anfänge der Kunst Mihály Schéners spiegelt die sechziger Jahre wider, die Jahre, die mit einer besonderen Kraft eine der aufregendsten Perioden unserer Epoche erahnen ließen. Eines der Hauptfreuden am Besitz unserer Sammlung ist, daß wir aus den besten Perioden von Schéners starker Persönlichkeit Werke besitzen, die diese Epochen vertreten.
Wegen den Eigenarten der vergangenen Jahrzehnte blieben viele Kunstwerke, viele Lebensabschnitte zeitgenössischer Künstler sogar vor den Augen der Fachwelt verborgen. Als Grundlage der Theorien diente nicht die tatsächliche Wirklichkeit. Langsam aber kommt die Zeit, in der die neuesten Kapitel der Kunstgeschichte, ja sogar der Geistesgeschichte neu formuliert werden müssen.
Das Ordnen zeitgenössischer Werke zu einer Sammlung ist eine besonders sensible Aufgabe, auch dann, wenn es einem bewußt ist, daß die Sammlung pulsiert und lebt, sich verändert, aber wie jede wirklich organische Einheit ist sie in ihrem jeweiligen momentanen Zustand auch ein wichtiges Dokument. Es ist nicht einfach ein Haufen von Bildern, sondern ein bewußt gewählter Querschnitt aus zeitgenössischem Schaffen.
In der Reihe Sammlung, Kunsthistoriker, Werk und Künstler nimmt der Sammler, je nach historischer Epoche, eine mehr oder minder wichtige Rolle ein.
Heutzutage, wo die gestern noch bipolare Welt differenzierter geworden ist und ihr Weg nicht immer abgrenzbar ist, messen wir, der Zivilsphäre, dem Bürger, dem Menschen eine sehr große Bedeutung zu. Woanders wird diese Rolle bewußt wahrgenommen und konsequent gespielt, bei uns sind die Unsicherheiten und Ängste vor der Unsicherheit sehr groß. Wir möchten eigentlich diese private Sphäre stärken, dem Aufstieg des Bürgers ein Mittel aufzeigen, seine Achtung und Selbstachtung stärken.
Kunst zu sammeln ist eine Subsumierung. Wenn die schönsten Stücke unserer Sammlung Gyarmathy, Kokas, Sváby, Schéner, Gellért Orosz, István Harasztÿ, aneinandergereiht werden, schaffen ihre Welten eine Kuppel und die Sterne des Sternenhimmels über unsere Wirklichkeit.
Kunst zu sammeln ist eine Rückbestätigung. Die Bestätigung dessen, daß der Weg von einer Seele zur anderen sehr lang ist, die Gefühle des zeitgenössischen Künstlers einen zeitgenössischen Partner gefunden haben.
Kunst zu sammeln ist eine Art der Bewertung geistiger Arbeit. Unsere Welt ist die Welt des Geistes, die des menschlichen Verstandes. Unsere zeitgenössischen Künstler sind die Partner des Wissenschaftler, sie entdecken die selben Wahrheiten, nur auf einem andern Gebiet. Diese Tatsache formt sie zu einer Einheit, und die markanten Eigenschaften dieser Einheit möchte unsere hier präsentierte Sammlung aufzeigen.
Dr. Máté Csák
Architekt
Eigentümer der Sammlung