"Jedes Leben ist ein Roman,
"Das Leben eines jeden Europäers ist in unserem Jahrhundert ein fertiger
Roman, es muss nur jemand kommen, der ihn schreibt. (Selig sind, aus deren Leben
keine Feder einen Roman gestalten könnte, denn ihrer ist bereits hier das
Himmelreich!)"
Sándor Lénárd: Die
Kuh auf dem Bast
Sándor Lénárd wurde am 9. Mai 1910 in Budapest als erstes
Kind von Jenõ Lénárd
(1878-1924) und Ilona Hoffmann (1888-1938) geboren.
Jenõ Lénárd,
der in Krefeld (Deutschland) geboren und als Eugen Isak Levy ins Standesregister
eingetragen wurde, zog 1883 mit seiner Mutter, Ida
Johanna Weller, und seinem kaum ein Jahr jüngeren Bruder, Robert Jakob
Levy, nach seinem Vater, dem Gerstenhändler und Malzfabrikanten Carl
Levy, nach Budapest. Das Unternehmen des "Großvaters Karl",
wie ihn Sándor Lénárd später erwähnte, gewährte
der Familie anfangs großbürgerlichen Wohlstand, ist aber bis zum
Ende der 1910er Jahre eingeschrumpft. Jenõ, der nach dem Gymnasium Handel
und Philosophie studierte, viel reiste und damals schon ein halbes Dutzend Fremdsprachen
sprach, und sein Bruder, der Grafikkünstler Róbert,
traten 1909 zum evangelischen Glauben über und nahmen den ungarischen Namen
Lénárd an. Jenõ heiratete noch im selben Jahr Ilona, die
Tochter von einem Tierarzt aus Keszthely, Sándor Hoffmann, und von Borbála
Lõvy, deren Vater, Mór Lõvy, das Schloss Nagytétény
und ein Landgut von tausend Joch besaß. Dieser "Familienoberhaupt-
und Stammeshäuptling-Ururgroßvater", der Fleischer und Selcher,
Mästereihauptaktionär und Virilist war und seiner Freundin, der Schriftstellerin
Lenke Beniczkyné Bajza, in Budafok eine Villa bauen ließ, spielte
im Leben Sándor Lénárds eine wichtige Rolle - von ihm erbte
er nämlich seine Migräne.
Jenõ Lénárd
und Ilona Hoffmann wohnten zuerst in der Wohnung der gütigen Tante Emy
am Elisabeth-Ring, später, ab 1913, mieteten sie unter der Adresse Fasor
22 eine Wohnung. In diesem Jahr wurde ihr zweites Kind, Johanna, geboren. Ihr
drittes Kind, Károly, kam nur viel später, nach dem Weltbrand 1921
zur Welt.
Sándor Lénárd
hatte seine jüngere Schwester, der man den Kosenamen Hansi gab und die
1962 in London verstarb, und seinen jüngeren Bruder Carli trotz des großen
Altersunterschieds sehr geliebt. Letzterer wurde im Oktober 1944 als Arbeitsdienstler
mit weißer Armbinde Fußmarsch vom Arbeitslager in Bor nach Deutschland
in der Nähe von Baja ermordet.
In der kurzen Zeit vor dem ersten
Weltkrieg lebte die Familie Lénárd restlos glücklich. Die
Sommer verbrachten sie auf dem Landgut von Tante Emy und Onkel Rudi, in Harmatospuszta
bei Adony im Komitat Fejér. Sándor lernte von seiner Mutter und
den hiesigen Pusztamenschen Ungarisch, die Levy-Großeltern sprachen mit
ihm Deutsch. Zu dieser Zeit, 1911-1913 erschien die zweibändige Monographie
Dhammó von Jenõ Lénárd über Buddhas
Leben und Lehren, zu diesem Thema promovierte er 1914 in Philosophie an der
Universität Budapest.
Der erste Weltkrieg veränderte
das Leben der ganzen Familie. Den Tag seines Ausbruchs nannte Lénárd
in einem seiner Werke nicht zufällig den "letzten wirklich glücklichen
Tag der Menschheit". Jenõ Lénárd, der als freiwilliger
Reserveleutnant sofort einrückte, wurde zuerst an die serbische Front
nach Eszék (heute Osijek-Kroatien) als Instruktor eines Artillerielehrgangs,
danach an die italienische Front nach Bruneck (Tirol) beordert. Dieser Periode
folgte nach kurzer Vorbereitungszeit in Wien und Budapest ab Mai 1918 die Organisationsarbeit
zu einer Expedition, die sich schließlich erst Mitte September auf den
Weg in die Osttürkei machte, um dort kartographische, ethnographische und
linguistische Forschungen anzustellen. Der Leiter der Expedition, der türkischsprechende
Jenõ Lénárd, war zu dieser Zeit bereits Reservehauptmann.
Ilona Lénárd versuchte
mit den Kindern immer in der Nähe ihres Mannes zu bleiben und fuhr deshalb
mehrere Male nach Eszék und Bruneck. Die Zeit zwischen zwei Reisen verbrachten
sie in Budapest und der Provinz, auf dem Landgut von Tante Emy und bei Verwandten
in Keszthely (beim Balaton).
Sándor Lénárd
begann die Schule im Herbst 1915 als Privatschüler. In den ersten Jahren
wurden die Bemühungen der aufgenommenen Lehrerinnen - an dieser Stelle
sei der Name der Mariska Czirják erwähnt, von der er den ersten
Unterricht in Poetik erhielt - mitunter für ein halbes Jahr durch
den Versuch der Mutter unterbrochen, ihn in einer Elementarschule unterzubringen:
in die Rácz-Schule und die evangelische Elementarschule auf dem Deák
Platz, die aber konnte der kleine Sándor nicht leiden.
Nach dem Zusammenbruch der Fronten
wurden die Mitglieder der Expedition, unter denen sich auch der berühmte
Ethnograph Dr. István Györffy befand, interniert und sie konnten
sich nur unter größten Schwierigkeiten befreien, mit dem Schiff und
zu Fuß zurückkehren. Jenõ Lénárd kam erst am
21. Januar 1919 nach Hause.
Der Krieg brachte die Familie
um Hab und Gut. Sie musste ihre eigene Wohnung aufgeben und sich wieder bei
Tante Emy, diesmal in der Andrássy Straße 27, gegenüber der
Oper zurückziehen. Jenõ Lénárd bekam unter größten
Schwierigkeiten eine Stelle beim Transportunternehmen Atlantica, dessen Inhaber
Jenõ Polnay war. Der Versmacher-Sohn der Familie Lénárd,
die mit den Ideen der Räterepublik nur drei Tage lang sympathisierte, hat
"zur größten Belustigung der Tanten und Onkel" das Gedicht
Béla Kun, der große Schurke geschrieben und vorgetragen.
Im Chaos nach dem Zusammenbruch
des Räteungarns hat der MP István Friedrich Jenõ Polnay zum
Minister für öffentliche Verpflegung der ersten beauftragten Regierung
ernannt, der seinen Mitarbeiter, Dr. Jenõ Lénárd, ersuchte,
den Posten des Staatssekretärs zu übernehmen. Für kurze sieben-acht
Tage wurde Jenõ Lénárd zu einem hochrangigen Staatsbeamten.
Polnay wurde in die zweite Regierung Friedrich nicht mehr aufgenommen. Die Familie
Lénárd reiste am 20. August nach Fiume, dem heutigen Rijeka, wo
das Familienoberhaupt die Vertretung von Atlantica übernehmen musste. Die
Lénárds mieteten eine Wohnung in der Via Trieste im Haus Nr. 20.
Das Sich-Einleben wurde dadurch erleichtert, dass Jenõ Lénárd
in seiner Jugend hier bereits gelebt hatte, als ihn sein Vater zu einem Kunden
zum Praktikum geschickt hatte. Jenõ Lénárd ließ seinen
Sohn bald ins ungarische Gymnasium der Stadt einschreiben.
Nachdem Jenõ Lénárd
seine Aufgabe, die Schiffe von Atlantica zurückzuerwerben, nicht erledigen
konnte, kehrte er mit seiner Familie nach einigen Monaten nach Budapest zurück.
In der Hauptstadt, die voll von Flüchtlingen war, gab es für ihn keine
Aussicht auf Arbeit. Schließlich war das Transportunternehmen Intercontinental
mit Sitz in Wien bereit, den zehn Fremdsprachen sprechenden Lénárd
zu engagieren. Ilona Lénárd blieb mit Hansi in Budapest, Vater
und Sohn machten sich auf den Weg nach Wien.
Im Schuljahr 1920-1921 besuchte
Sándor Lénárd bereits das berühmte Wiener Theresianum.
Im Internat musste er viel hungern und frieren. Nur die Wochenenden machten
ihm Freude, wenn ihn sein Vater an Samstagnachmittagen mit in seine Wohnung
in der Strohgasse nahm, wo sie sich bei einem Tee unterhalten konnten. Der Sohn
vergötterte seinen Vater, an den er sich später als einen Menschen
erinnerte, der sowohl in der abendländischen als auch in der morgenländischen
Philosophie bewandert war, in deutscher Sprache Verse schrieb und seinen Optimismus
nie aufgab, der die Bedeutung von "toast and tea" in England erlernte
und der mit einem Toast in der Hand über Schopenhauer und Buddha nachdachte.
Der Vater kaufte bald ein kleines
Haus in Klosterneuburg, das er erweitern ließ und in dem sich die Familie
1921, nach der Geburt des dritten Kindes, Károlys, wieder vereinte.
Sándor blieb nur im ersten
Semester des Schuljahrs 1921-1922 im Internat, die zweite Gymnasialklasse beendete
er bereits in Klosterneuburg. Hier machte er 1928 die Reifeprüfung. Er
besuchte eine gute Klasse, zwölf von 16 Jungen waren Vorzugsschüler.
In den Gymnasialjahren setzte er sein mit sieben Jahren begonnenes Klavierstudium
fort, er ruderte, schwamm und ficht. Seine erste Liebe verband ihn ebenfalls
mit dieser Stadt. In diesen Jahren führte er Tagebuch, übersetzte
ungarische Lyriker (Petõfi, Heltai) ins Deutsche und versuchte Goethes
Faust ins Ungarische zu übertragen. Laut Erinnerungen einer Mitschülerin
waren viele Mädchen in ihn verliebt, er war der erste in seiner Klasse,
der ein Jackett trug, er war gut in Latein und schrieb auf Deutsch Gedichte.
Eine spätere Brieffreundin von ihm, Gerta Hartl, schrieb, er habe sich
anstatt den registrierten Alexander Sándor nennen lassen und jedem
die richtige Aussprache beigebracht. Er habe sich für Kossuth begeistert
und sei ein großer Ungar gewesen.
Jenõ Lénárd
starb 1924 an Gehirnblutung. Die Tragödie kippte das gerade vor kurzem
zurückgewonnene Gleichgewicht der Familie um. Die Mutter beteiligte sich
an der Personentransportfirma eines Triester Unternehmers, Dr. Barrys, der ein
ehemaliger Kamerad Jenõ Lénárds beim Militär war.
Sie betrieben u.a. die Buslinie Wien-Klosterneuburg und Wien-Budapest. Mit letzterer
fuhr Sándor Lénárd mehrmals nach Budapest, wenn er im Sommer
Verwandte in Ungarn besuchte.
Nach der Reifeprüfung,
1928, ließ er sich an der Universität Wien inskribieren. Darüber
schrieb er in seiner Autobiographie folgendes: "Lange schwankte ich zwischen
Philosophie, Philologie und den Naturwissenschaften. Die Inskription war ein
komplizierter Administrationsprozess. Ich hatte einen Bekannten im Dekanat der
medizinischen Fakultät, der diese Sachen schnell erledigen konnte. So entschied
ich mich für Medizin, in der Absicht, die anderen Fächer in Bibliotheken
zu studieren."
An der medizinischen Fakultät studierte er bis 1936, vierzehn Semester
lang. Er hatte hervorragende Professoren und Studienkollegen. Der Kontakt zu
manchen, so z.B. zum Dichter und Schriftsteller Egon Fenz, der sein Meister
in Poetik war, und zu Karl Adams, einem ehemaligen Mitschüler im Klosterneuburger
Gymnasium, blieb bis ans Ende seines Lebens bestehen.
Die 20er und 30er Jahre nannte
Lénárd die Zeit des "Fünfuhrtees in der Zwischenkriegszeit".
In diesen Jahren reiste er viel, er war in Griechenland, Dänemark, England
und der Tschechoslowakei sowie in Paris und Istanbul. Er suchte die Gesellschaft
schreibender Mediziner, mit denen er gemeinsam eine Gedichtsammlung herausgab,
in der er Epigramme und einige Ady- und Kisfaludy-Übersetzungen publizierte.
1930 lernte er auf einem Ausflug
nach Salzburg die fünfzehnjährige Gerda Coste aus Hof (Nordbayern)
kennen, mit der er jahrelang im Briefwechsel stand. 1935 wurde Lénárd
von seiner Liebe zu Elisenda zum Verseschreiben bewogen, worüber er 1946
unter dem Titel Költõi fejlõdésem (Meine
dichterische Entwicklung) berichtete. Eine Weile wohnte er im Schottenhof
in der Wiener Innenstadt, "wo das alte Gemäuer, der große Flügel
und der stille Hof seine Muse geworden sind". Im Februar 1936 heiratete
er Gerda Coste, die im Juli einen Sohn, Hans-Gerd, zur Welt brachte. Aus dem
selben Jahr können wir von einer anderen Muse namens Lilly lesen.
Lénárd und seine
Frau zogen nach Grinzing in die Sandgasse. Er leitete Seminare an der Universität
und versuchte, Geld zu verdienen. Im Universitätsarchiv wurden keine Dokumente
darüber aufbewahrt, ob er ein Diplom als Arzt erworben hat. Die Auseinandersetzung
mit der Literatur zog ihn stärker an. Er übersetzte Jenõ Heltais
Drama A néma levente und Lajos Zilahys Roman Valamit visz a
víz.. Ein Brief von Heltai blieb erhalten, in dem der Autor die Übersetzung
für "besonders intelligent und größtenteils auch die Form
betreffend ausgezeichnet" befand.
Ende 1937 zog Lénárd
wieder nach Klosterneuburg und ein Jahr später kehrte auch Gerda mit Hans-Gerd
nach Franken zurück. Später traf der Vater nur noch den Sohn, blieb
aber auch mit seiner Frau in Briefkontakt. Ilona Lénárd starb
vor dem Anschluss, im Januar 1938. Johanna lebte zu dieser Zeit bereits mit
ihrem späteren Mann, Dietrich Stael von Holstein, in Hamburg, dann während
des Krieges in Schweden. Károly wohnte zuerst bei seiner Schwester, später
zog er nach Ungarn.
Sándor Lénárd,
der in der ungarischen und deutschen Kultur, in großbürgerlichem
Milieu in Ungarn und in kleinbürgerlichem in Österreich aufwuchs,
trafen die steigenden nationalsozialistischen Tendenzen sehr schmerzhaft. Beschämt
musste er die Studentenvereinigung verlassen, die ihre Mitglieder jüdischer
Herkunft ausschloss und die Ausschließungsanordnungen nach dem Anschluss
sowie die Verfolgung brachten sein Familienleben noch mehr durcheinander. Er
war zwar ungarischer Staatsbürger, seine Person hätte aber Gefahr
für seine arische Frau und seinen Sohn darstellen können. Lénárd
sah die Folgen klar voraus. Im Spätsommer 1938 reiste er mit Hilfe von
Dr. Barry nach Rom und emigrierte.
Diese dunkle Zeit bezeichnete
er als sehr fruchtbar für seine Dichtkunst. Er lernte intensiv Französisch,
gewann George Duhamel fürs Leben lieb und begeisterte sich für die
dichterische Kunst von Mihály Babits. Als er wegfuhr, nahm er den Spirituskocher
seiner Großmutter mit, ließ aber seine Gedichte und das Bild seines
Vater da. Alle seinen Übersetzungen und viele Gedichte von ihm sind verlorengegangen.
Man hätte keinen spannenderen
und farbigeren Bericht über Rom von 1938 schreiben können als ihn
Lénárd Mitte der 50er und Ende der 60er Jahre zu Papier brachte.
Da brach die kritischeste Periode seines Lebens an: Er musste hungern und lernen,
sich als Ausgelieferter durchzusetzen und als Obdachloser zu überleben.
Er musste die italienische Sprache und ihre in Rom gesprochene Version erlernen.
All dies hinderte ihn am Schreiben. Aus dieser Zeit in Rom blieben einige Publikationen,
u.a. ein Artikel über das Cafe Greco und ein anderer über den Bildhauer
Imre Tóth, der als Amerigo Tot bekannt wurde.
Beim Ausbruch des Krieges wollte
er sich als Freiwilliger beim französischen Heer in Basel melden, aber
dieser Versuch scheiterte. Er reiste nach Rom und zog sich in die Nationalbibliothek
und die Bibliothek des Vatikans zurück. Er lernte "am Katalog der
großen Bibliotheken spielen wie an einer Orgel". Er lernte Spanisch,
Niederländisch und Norwegisch. Dank seiner Sprachkenntnisse kam er zu kleineren
Arbeitsmöglichkeiten.
1942 lernte er an einem Universitätsseminar
seine zweite Frau kennen, Andrietta Arborio
di Gattinara, die aus einer Piemonter adeligen Familie von gutem Ruf stammte.
Bald zogen sie zusammen und mieteten ein Atelier
im obersten Stockwerk des Hauses Nr. 48 auf der Via Babuin, wohin sie außer
dem Spirituskocher auch ein Klavier
mitnahmen.
Zu dieser Zeit maß Lénárd
bereits Blutdruck und versah auch Aufgaben eines Arztes. Er schrieb mehrere
Dissertationen für ein bescheidenes Honorar und studierte Medizingeschichte.
Ob er zu dieser Zeit ein Arztdiplom erwarb, wissen wir nicht. Später benutzte
er jedoch diesen Titel.
Laut einer Eintragung unterrichtete
er 1943 jemanden in Englisch aus Winnie the Pooh von Milne. Zu dieser
Zeit erhielt er sich mithilfe einer Bestätigung von der ungarischen Botschaft,
laut der sein Pass wegen Verlängerung eingezogen wurde, als Außergesetzlicher
- und ohne Brotmarken.
Als die Deutschen 1943 für
kurze Zeit Rom zurückeroberten, versteckten die Lénárds einen
englischen Major und noch weitere Personen. Sie beide nahmen am antifaschistischen
Widerstand teil. Kürzlich erschien in der Tageszeitung Népszabadság
ein Artikel darüber, dass in London in den Akten der Special Operations
Executive (einer Geheimorganisation, die im zweiten Weltkrieg von Churchill
für im Hinterland des Feindes durchzuführende Spezialaufgaben ins
Leben gerufen wurde) ein gewisser Freier Ungarischer Bund erwähnt
werde, zu dessen Mitgliedern auch "ein Arzt namens Lénárt"
gehörte. Unter den Dokumenten Sándor Lénárds blieb
die kaum lesbare Fotokopie einer Urkunde mit der Unterschrift von General Alexander
erhalten, die sein mutiges Engagement bescheinigte.
1944 absolvierte Andrietta ihre
Studien und bekam eine Stelle als Sekretärin in einem Verlag. Im Februar
1946 kam ihr Sohn, Giovanni Sebastiano, zur Welt. Lénárds Scheidung
von Gerda zog sich verständlicherweise hinaus, danach aber, 1950, heiratete
er Andrietta.
In den ersten Jahren nach dem
Krieg arbeitete Lénárd für die amerikanische Armee: Er war
als Dolmetscher und Arzt des U. S. Claims Service tätig. Nach 1948
exhumierte er als Oberanthropologe
des Graves Registration Service in Neapel die Leichen amerikanischer
Soldaten. Von dieser Episode handelt seine Publikation Brittle Habakuk feltámadása
és halála (Auferstehung und Tod des Brittle Habakuk), die
1953 in der Zeitschrift Kultúra in São Paulo erschien.
Nach der Rückkehr nach
Rom übernahm er verschiedene Gelegenheitsarbeiten. Er freundete sich mit
dem Direktor der Ungarischen Akademie Rom, Tibor Kardos, an und wurde für
ein bescheidenes Honorar zum Arzt der Institution. Hier lernte er herausragende
Persönlichkeiten des ungarischen Geisteslebens kennen wie Sándor
Weöres und Amy Károlyi, Karl Kerényi, Ferenc Karinthy, Bence
Szabolcsi, Ágnes Nemes Nagy, Balázs Lengyel und Tibor Déry.
Zu dieser Zeit begann er berufsmäßig zu dolmetschen. Er war Kongressdolmetscher
für Französisch, Englisch, Deutsch und Italienisch. 1946 veröffentlichte
er die italienische Übersetzung des Romans Õszi utazás
- Viaggio in autunno von Ferenc (Franz) Molnár, 1947 erschienen
seine medizinischen und medizinhistorischen Bücher Controllo della concezione
e limitatione della prole und De officio medici (letzteres wurde
herausgegeben von der Ungarischen Akademie Rom). Diesen folgten 1950 zwei Fachbücher
zum Thema Geburt ohne Schmerzen und Kinderheilkunde. Er übersetzte auch
Aufklärungsbücher zum Thema Geburt und Sexualleben ins Italienische.
In diesen Jahren begann er seine
Gedichte herauszugeben. Auf seinen ersten, 1947 erschienenen Band Ex Ponto
folgte bereits im selben Jahr das Orgelbüchlein.. Diese wurden mit
Zeichnungen und Holzschnitten von Amerigo Tot illustriert. Zwei Jahre später
veröffentlichte er die Gedichtbände Andrietta, Asche
und Die Leute sagen.. Diese deutschsprachigen Hefte verschickte Lénárd
an viele Adressaten. Er schickte Gedichte an Thomas Mann, der ihm in einem höflichen
Brief antwortete. Er schrieb deutschsprachige
Texte für die Zeitschrift Der Standpunkt und setzte sich mit der
italienischen Kochkunst, der Geschichte und Gegenwart der römischen Küche
auseinander. Er kochte ausgezeichnet, worüber seine Gäste regelmäßig
berichteten, am schönsten vielleicht Amy Károlyi und Sándor
Weöres nach zwanzig Jahren: "Sie, der Sie fast jedes Aroma kennen,
vom ersten Schluck bis zum letzten, werden sicherlich nicht von uns erfahren,
dass das Gedächtnis des Magens am dauerhaftesten ist. Sobald wir Ihren
Namen auf einer Postkarte mit brasilianischer Briefmarke erkennen, ringeln sich
sofort die Dämpfe einer goldfarbenen Suppe unter unseren Nasen, die Ringe
Ihrer italienischen Fischsuppe... Oh, Sándor, jene Suppe ist unsterblich..."
Und Sándor Lénárd
hatte, während er im Heiligen Jahr, 1950, Dutzenden von flämischen
Touristen Rom in ihrer Muttersprache zeigte, auch dafür Zeit, den Apotheker
von Assisi, Dr. Fioravanti Caldari, kennenzulernen, der für seine Stadt
nicht nur Wasser fand, sondern auch einen antiken Chor unter der Kirche des
Bischofspalastes, und Lénárd fand auch dafür Zeit, all das
Karl Kerényi zu zeigen, der darin den Chor von Apollo identifizierte,
wo in der Römerzeit griechische Priester die Worte der Hellseherin interpretierten
wie in Delphi, mehrere hundert Kilometer entfernt von dort. Dieses Besuchs und
Sándor Lénárd gedachte Károly Kerényi in
seinem Werk Unwillkürliche Kunstreisen.
In diesen Jahre beschäftigte
Lénárd immer häufiger der Gedanke eines erneuten Ortswechsels.
Seine Bekannten von der Ungarischen Akademie, Ferenc Karinthy und Dr. György
Szánthó, versuchten ihn zu verführen, nach Hause zurückzukehren.
Szánthó, der im Ministerium für Kultus und Unterricht arbeitete,
lud ihn im Sommer 1949 nicht nur zu einer Ärztekonferenz nach Budapest
ein, sondern bot ihm auch einen zentralen Posten in einer Bibliothek an. Lénárd
schrieb, es sei die Rede sogar auf eine Stelle am Lehrstuhl für Medizingeschichte
- möglicherweise als Lehrstuhlleiter- gekommen. Ungarn zog er
aber nicht in Erwägung, da er ohnehin keine besonders gute Meinung über
die Kommunisten hatte. Seine Überzeugung, wonach der kalte Krieg in einen
erneuten Weltbrand münden würde, verfestigte sich immer mehr.
Sein Freund und Klavierpartner
in Rom, István Nádas, schickte ihm zu dieser Zeit lockende Briefe
aus Venezuela: "Entschließe dich dazu, mein Alter, komm nach Südamerika,
die Zukunft liegt hier und du musst weder um den Morgen noch ums tägliche
Brot bangen!... Komm ehebaldigst!!! - Der Krieg klopft bereits an der Tür
der nächsten Monate!" Als sich die anfangs begeisterte Stimme des
Künstlers veränderte, als er in verbitterten Briefen über den
Selbstmord seiner Mutter berichtete, die das Heimweh nicht mehr aushalten konnte,
als seine Briefe von seelischer Wüste handelten, waren die Lénárds
bereits in Südamerika angekommen.
Lénárd arbeitete
regelmäßig für IRO, die Internationale Flüchtlingsorganisation.
Hier unterrichtete er sich auch davon, dass seine Qualifikation als Arzt in
Brasilien zwar nicht anerkannt werden würde, dass er dort aber als Chemiker
und Feldwundarzt tätig sein könnte.
Am 15. Februar 1952, nach einer
zweiwöchigen Schifffahrt kamen sie in Rio de Janeiro an. Lénárd
übernahm eine Stelle als Feldscher im Bundesstaat Parana in einem Bleibergwerk.
Er war zugleich Unfallchirurg, Geburtshelfer und Kinderarzt. Er unterrichtete
die Kinder der französischen Angestellten des Bergwerks, das französisch-brasiliansisches
Eigentum war, in Englisch, Latein, Mathematik und Geschichte. Da begann er Winnie
the Pooh ins Lateinische zu übersetzen: Was sich im Englischunterricht
gut bewährte, könnte ihm auch in den Lateinstunden gelegen kommen.
Ein Jahr später wurde er gekündigt. Seine Familie schickte er in eine
kleine Ortschaft, Dona Emma, im von deutschen Ansiedlern bewohnten Bundesstaat
Santa Catarina, den er durch die Dienerin des Bergbaudirektors kennenlernte;
er lag ebenfalls im Süden Brasiliens, hatte aber ein viel gesünderes
Klima. Andrietta hat dort ein Grundstück gekauft. Lénárd
selbst suchte Arbeit in São Paulo. 1953-1956 war er Assistenzarzt des
Chirurgen Dr. Egberto Silva. Er gründete eine portugiesischsprachige bebilderte
Zeitschrift mit dem Titel Medicina para todos (Medizin für alle).
Das Blatt erlebte nur einige Ausgaben. Lénárd schloss sich dem
öffentlichen Leben der ungarischen und deutschen Emigranten der Stadt an.
1954 dolmetschte er auf einer internationalen Ärztekonferenz. Danach ließ
er "das unsichtbare Haus" auf dem Grundstück in Dona Emma bauen.
Er lernte das kleine, aber anspruchsvolle
Umfeld der Zeitschrift Kultúra kennen, den Verleger und Buchhändler
Dezsõ Landy und den Redakteur Imre Kende, und begann selbst für
die Zeitschrift zu schreiben. Er publizierte Buchrezensionen, Theaterkritiken
und anekdotische Reminiszenzen. Später begann er mit der Veröffentlichung
seiner ungarischsprachigen Erinnerungen an Rom: Er veröffentlichte im Juni
1955 einen Ausschnitt aus Róma 1938 und begann sein in Fortsetzungen
erscheinendes Werk Két hét múlva jönnek, der
später unter dem Titel Róma 1943 ( auch Deutsch "Am
Ende der Via Condotti) herausgegeben wurde, abdrucken zu lassen.
Von dem Geld, das er als Dolmetscher
auf einer internationalen Konferenz für Pathologie verdiente, veröffentlichte
er seine lateinische Winnie the Pooh-Übersetzung in 110 Exemplaren
und versandte sie in alle Welt. Im selben Jahr lernte - dank des brasilianischen
Fernsehquiz Grenze ist der Sternenhimmel
- das halbe Land sein Gesicht und sein brillantes Wissen kennen. In der
Show, in der die Kandidaten in einem selbst ausgewählten Thema immer schwierigere
Fragen beantworten mussten, wählte Lénárd das Leben und Werk
seines Lieblingskomponisten, Johann Sebastian Bach. Er beantwortete alle Fragen
und sprach so inspirierend über Bach, dass er damit eine kleine Bach-Renaissance
in Brasilien in Gang setzte. Von den gewonnenen 200.000 Cruzeiro (ca. 2.500
USD) kaufte er in Dona Emma eine Apotheke.
Zu dieser Zeit unterrichtete
Andrietta Französisch zuerst in Blumenau, dann an der Universität
Florianópolis.
1956, als er erstmals Dona Emma
besuchte bekam Lénárd seine erste Gehirnblutung. Vier Jahre später
verkaufte er die Apotheke und zog sich ins "unsichtbare Haus" zurück.
Das Jahr 1959 brachte den Welterfolg für Winnie ille Pu. Da suchte
ihn der Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung, Josef Eberle, selber Lyriker
und bekannter Neolateiniker, auf und veröffentlichte einige lateinische
Gedichte Lénárds in einer Anthologie zeitgenössischer lateinischen
Autoren, dem Band Viva Camena. In einer lateinischsprachigen Zeitschrift
aus Avignon erschien seine Übersetzung zu Max und Moritz von Wilhelm
Busch - unter einem anderen Namen. 1963 übersetzte Lénárd
den Roman Bonjour Tristesse von Françoise Sagan ins Lateinische
und im darauffolgenden Jahr veröffentlichte er die Übersetzung unter
dem Titel Tristitia salve in Stuttgart. Seine Beziehung zu Eberle erwies
sich als fruchtbar: In der Stuttgarter Zeitung erschienen mehrere Texte
von ihm. Die ebenfalls Stuttgarter Deutsche Verlags-Anstalt gab 1963 sein Werk
Die Kuh auf dem Bast (ung.: Völgy a világ végén)
heraus. Dieses Buch wurde auch auf Englisch - in der Übersetzung des
Autors - bei Dutton, dem Verlag von Winnie the Pooh, unter dem Titel
The Valley of the Latin Bear herausgegeben. Lénárd hörte
auch mit dem Übersetzen nicht auf. Hildegard Grosche, Miteigentümerin
und Redaukteurin von Goverts und dem Steingrüber Verlag, die selbst Liebhaberin
und beschlagene Übersetzerin der ungarischen Literatur war, beschäftigte
ihn regelmäßig: Zuerst musste er Texte von László Németh,
danach den Roman A királyné nyaklánca (Halsband der
Königin) von Antal Szerb übertragen. Die fertige Übersetzung
schickte er an die Witwe des Autors nach Budapest, die ihm in einem interessierten
Brief antwortete. Als Ergebnis ihres immer häufigeren Briefwechsels entdeckte
sie Lénárd zuerst für sich und ihre Freunde, dann durch den
Magvetõ Verlag auch für das ungarische Publikum.
Völgy a világ
végén (Die Kuh auf dem Bast) erschien 1967. Neben dem Buch
Anna Lesznais war dies das zweite Werk nach dem Jahr der Wende, die aus der
Feder eines in den Westen emigrierten Autors stammte und in Ungarn verlegt wurde.
Das Buch erntete riesigen Erfolg. Klára Szerb konnte bei Lénárd
erreichen, dass er ihr auch das Manuskript von Római történetek
(Römische Geschichten) zuschickte. Dieses Buch erschien 1969 und wurde
von Tibor Kardos, dem ehemaligen Direktor des Ungarischen Akademie Rom gewürdigt..
Auf das Zureden der Klára Szerb fasste Lénárd in der wunderbaren
herzerquickenden Arbeit Egy nap a láthatatlan házban (Ein Tag
im unsichtbaren Haus)seinen Tagesablauf und seine Gedanken zusammen. Dieses
Werk erschien 1969 auf Ungarisch, die deutsche Ausgabe folgte 1970.
Lénárds ungewöhnliches,
kulturhistorisches Kochbuch Die Römische Küche wurde in Stuttgart
verlegt. Die Sammlung seiner Radiosendungen, die sieben Sprachen vorstellten,
erschien 1964.
Neben seinen Buchpublikationen
verfasste Sándor Lénárd zahlreiche Zeitungsartikel. In
diesen Jahren beschäftigte er sich auch mit Medizingeschichte und in deutschsprachigen
Lokalzeitungen und der Presse des Mutterlandes berichtete er über die Geschichte
der schwäbischen Siedlungen in Santa Catarina und den Alltag der Ansiedler.
Den Großteil seiner Zeit
verbrachte er weiterhin mit Heilen und Gartenarbeit. Der Kreis seiner Brieffreundinnen
und Brieffreunde war beachtlich groß. Seine Briefe können wir eigentlich
als seine Werkstättenarbeit betrachten, seine Gedanken erörterte er
zuerst in diesen - täglich oft mehreren Dutzend - Briefen. Unter
seiner Brieffreunden gab es berühmte Leute wie Robert Graves, aber die
Mehrheit von ihnen waren Redakteure, Dichter, Literaturinteressierte und Lateiniker
aus allen Winkeln der Welt.
Ab 1968 verbrachte er zweimal
längere Zeit in den Vereinigten Staaten: Er unterrichtete am Charleston
College (Südcarolina) Latein und Altgriechisch und fertigte die Illustrationen
zu einem Gedichtband der in Brasilien lebenden deutschen Lyrikerin Karin Sigrid.
Zu dieser Zeit brach der Mengele-Skandal
um ihn aus, der ihn arg mitnahm: Der Journalist Erich Erdstein bezichtigte ihn
- unter Bezugnahme auf Lénárds Muttersprache und Arztberuf
-, Mengele zu sein, der berüchtigte "Arzt" des Lagers in
Auschwitz. Die Polizei führte bei Lénárd Hausdurchsuchung
durch. Die sensationelle Nachricht ging zusammen mit Fotos von Lénárd
und seinem Umfeld um die Welt. Seine Freunde in São Paulo traten sofort
in Aktion und es erschien eine Reihe von Dementis. Lénárd fasste
das Geschehen später in einem Artikel für die Stuttgarter Zeitung
zusammen.
1970 gab er in Blumenau einen
Band mit ausgewählten Gedichten heraus und übersetzte den Roman Avraham
Bogatir hét napja (Sieben Tage des Avraham Bogatir) von György
G. Kardos ins Deutsche.
Möglicherweise verursachte
diese Abfolge der Aufregungen und Überanstrengung eine Gehirnblutung und
die Lähmung seiner rechten Seite. Lénárd selbst war der Meinung,
es war der Ausbruch ererbter Krankheiten. Am 13. April 1972 verstarb er an einem
Herzinfarkt. Die Nachricht seines eigenen Todes teilte er in einem eigenhändig
im Voraus angefertigten, mehrsprachigen und illustrierten Anzeiger
mit. An seinem Begräbnis erklang
Bachs Messe in h-Moll, die ganze Bevölkerung von Dona Emma war anwesend.
Sein Grab liegt am Fuße
der von ihm selbst eingesetzten und in den vergangenen drei Jahrzehnten riesengroß
gewachsenen Tannen.
Für die Daten gilt mein aufrichtiger Dank u.a. an Frau Mareike
Fischer ("Seit den Julitagen 1914 haben mich Kriege gepackt, geworfen,
verletzt" Der Exilautor Alexander Lenard - Schriftliche Hausarbeit
zur Erlangung des Grades eines Magister Artium, Köln 1997 -
Manuskript), Frau Gerda Buchner, Andrietta Lenard, Zsuzsa Vajdovics, Lia Zeska,
Annamária Keller, Eva Adorjan, Johanna Hirsch, Hildegard Grosche, Magda
Kerényi, für die Übersetzung an Frau Magda Kocziha und an Herrn
Jehuda Deutsch, István Keller, Prof. Dr. Reinhard Kepler, Dr. István
Salamon und Jenõ Thassy.
Péter Siklós