BRASILIANISCHES PORTUGIESISCH



Es gibt eine Geschichte über Touristen, die das Capitol in Washington besuchen. Der Fremdenführer erklärt: "Hier wurde es beschlossen, daß Englisch die Sprache Amerikas werden soll" Ein Engländer fragt erstaunt: "Und warum wurde dieser Beschluß bis heute noch nicht ausgeführt?"

Der Versuch auszuwandern ist keiner europäischen Sprache vollkommen geglückt. Das Französisch Kanadas (von Haiti nicht zu sprechen), das Holländische in Südafrika oder gar Curaçao, das Portugiesische in Brasilien sind Beispiele, zwischen denen sich manche lehrreiche Parallele ziehen ließe. Die Ergebnisse ähneln einander in einem: der Europäer staunt, lacht oder flucht, je nach seinem Temperament, wenn er sie hört.

Als die Kolonialmächte von den überseeischen Ländern Besitz nahmen, schickten sie nicht ihre Sprachmeister hinüber. In Jeremias Gotthelfs "Uli der Pächter", der um 1830 spielt, ist von einem Gauner die Rede, der mit einer großen Summe Geldes verschwand. Die Nachbarn meinten, er ging "wahrscheinlich den Weg aller Spitzbuben, das heißt, nach Amerika". Die Adligen, die die Könige von Spanien und Portugal mit gewaltigen Ländereien belehnten, dachten an Geld, Kaffee und Zucker und vergaßen es meist, Bücher mitzunehmen. Selbst die Jesuiten, die in Paraguay einen ganzen Staat besaßen und in Brasilien mächtig wurden, interessierten sich mehr für den Handel mit Chinarinde, dem "Jesuitenpulver", das mit Gold aufgewogen wurde, als für den höheren Unterricht. Der Katechismus genügte, um den Eingeborenen die Pforten des Himmels zu öffnen.

In Brasilien war die sprachliche Entwicklung durch besondere politische Zustände beeinflußt: Holländer und Franzosen landeten an der Küste, hielten sich eine Zeitlang gegen die Portugiesen und hinterließen, da die Indiomädchen außerordentlich vorurteillos und freigiebig waren, eine zahlreiche Mischbevölkerung. Die Portugiesen, die es bald herausgefunden hatten, daß der Indio als Arbeitssklave nicht zu gebrauchen war, importierten schiffsladungsweise Neger aus Angola oder von Plätzen, wo sie billiger waren. Das Land aber war groß, die Wälder aufnahmebereit, und ganze Scharen von Sklaven, die es verstanden hatten, im afrikanischen Urwald zu leben, lernten es jetzt, den brasilianischen zu meistern. Die Indiofrauen empfingen sie nicht weniger freundlich als die holländischen oder spanischen Herren. Die Kinder - die caboclos - haben sich in ihrer Bedürfnislosigkeit, mit einfachsten Mitteln arbeitend oder ohne zu arbeiten, die Früchte des ewigen Frühlings genießend, durchgesetzt. Sie sind die eigentlichen Herren des acht Millionen Quadratkilometer großen Landes, in dem auch heute die Städte Anachronismen aus Eisenbeton sind.

Diese kurzen Bemerkungen werden erkennen lassen, daß die Regeln der gemütlichen, schrittweisen Sprachentwicklung für das Entstehen des Brasilien-Portugiesisch nicht gelten.

Nicht weniger bewegt, wenn auch weniger romantisch verlief die jüngere Entwicklung. Bald nach der Sklavenbefreiung, um 1890, begann ein Teil des europäischen Einwanderungsstromes nach Brasilien zu fließen. Es kamen Deutsche und Italiener, merkwürdig viele Polen und Syrer, einige Japaner. Es kamen Portugiesen, die, bekannt als hartnäckige Träumer, in verlorenen Kolonien noch immer ihr Eigentum wähnten. Viele kamen von den Azoren, die für die rasch wachsende Bevölkerung auf einmal zu knapp wurden. Als schließlich die Kanadier das Gefälle zwischen dem Hochland von São Paolo und dem Meer zur Anlage des größten Wasserkraftwerkes in Südamerika ausnützten, wuchs auf einmal die Stadt São Paolo auf, der Schrittmacher des sonst etwas schläfrigen Landes. Hierhin strömten die Europäer vor und nach ihren Weltkriegen. Hier fanden sie wieder Asphalt unter ihren Füßen.

Die Portugiesen waren eine Minderheit in der Menge. Ihre Durchschnittsbildung war die niedrigste. Als der brasilianische Staat ein Gesetz erließ, daß nur die, die lesen und schreiben können, die Staatsbürgerschaft erhalten, waren sie bereits alle da, und der Prüfung konnten nur die mitteleuropäischen Ärzte, Advokaten und ihresgleichen unterworfen werden. Daß trotzdem die Sprache der Kolonisatoren die des Landes blieb, könnte sonderbar erscheinen.

Der Grund war einfach: Die vielen verschiedenen Einwanderer brauchten eine Verständigungssprache, eine möglichst einfache, wortarme, anspruchslose Sprache, die das Zusammenarbeiten ermöglicht, wie die Zeichensprache der Karthäuser, die ihr Schweigegebot nicht verletzen und doch miteinander Likör brauen. Und diese Sprache war im vorigen Jahrhundert bereits vorhanden.

Sie entstand, weil die Sklaven, die zu Beginn des vorigen Jahrhunderts die Mehrheit der Bevölkerung bildeten, aus ganz verschiedenen Gebieten Afrikas stammten und sich untereinander nicht verstanden. Ebensowenig verstanden einander die Indios, die Tupi- und Guaranistämme. Die Sprache des Brotherrn oder jener Bruchteil dieser Sprache, den der Herr über Leben und Tod seinen Leibeigenen mitteilte, damit sie seine Befehle verstünden, war das einzige Mittel. Familien wurden zerrissen, die Kinder verkauft, der Gutsherr stiftete oder trennte die Ehen. Nur in ganz wenigen Siedlungen konnten sich die afrikanischen Sprachen erhalten. Wie die Familien zerrissen ihre Sätze, wie die einzelnen blieben einzelne Wörter erhalten.

In einem waren die Portugiesen von den nördlichen Sklavenhaltern verschieden: sie verbanden sich gerne mit den dunklen Frauen, verstanden es, die Schönheit der Mulattinnen zu schätzen, und erkannten die Kinder als ihre eigenen an. Selbst heute genügt blaues Blut nicht, um die Zugehörigkeit zur brasilianischen Aristokratie zu beweisen: es gehört ein rembrandtfarbener Hautton und ein gewisser warmer Glanz der Augen dazu.

Die Gutsherrn gingen sogar weiter: auch die weißen Kinder, die der meist recht toleranten Hauptfrau, wurden der schwarzen Amme zum Aufziehen gegeben. Die "schwarze Mutter" hat sich ihr Bronzestandbild in São Paolo redlich verdient. Sie hätte sogar ein künstlerisch wertvolleres verdient, denn sie hat Akzent und Intonation der brasilianischen Sprache geschaffen.

Es wäre zu viel verlangt gewesen, wenn die schwarze Mutter die aus dem Latein gewordenen grammatikalischen Formen hätte lernen und weitergeben sollen. Man gab ihr eine vereinfachte Sprache - eine, in der das nunquam vidi (ich habe nie gesehen) zu nunca vi geworden war -, und sie vereinfachte sie weiter und sprach sie wie Ewe oder Suaheli. Der fazendeiro, der Gutsbesitzer, lachte wahrscheinlich, als er seinen Sohn die Sklavensprache sprechen hörte. Sein Enkel kannte keine andere mehr. Schon das Portugiesische, das die Spanier als einen Dialekt ihrer Sprache betrachten, vereinfacht die Wörter: aus dem spanischen manzana ("Apfel") macht es maça, aus media (der Strumpf) meia, aus fidel igles (der Getreue der Kirche, der Gläubige) fregues, aus generacion wird geraçãõ. Die Schöpfer des Brasilianischen vereinfachten auch die Grammatik. Die zweite Person der Verben fiel weg, die zusammengesetzten Verbalformen verschwanden, der Gebrauch des Konjunktivs wurde eingeschränkt. Gleichzeitig verschwanden die Abstrakta, für die vielleicht die Sprachen der Gold- und Elfenbeinküste keine Äquivalente hatten. Es verschwanden die Namen der Dinge - und sie sind sehr zahlreich -, die im Inneren Brasiliens nicht vorkommen.

Ein Satz einfacher Wörter ermöglicht schon die Verständigung zwischen anspruchslosen Menschen. Tem heißt "es gibt", "es ist da", "steht zur Verfügung", "ich glaube dran", "es existiert". Não tem verneint die Existenz und heißt, "es ist abwesend", "bedaure sehr", "Sie können es nicht erhalten", "es war da, aber es ist vergangen". Quero drückt alle Wünsche aus: "ich möchte", "ich mag", "ich bin einverstanden", "ich pflichte bei", "ich sehne mich danach", "ich strebe es an", "ich will es . . ." Não quero demnach: "ich lehne ab", "ich weigere mich", "ich gebe mich dazu nicht her", "es liegt mir nicht", "es widerstrebt mir . . ." wozu die Flut von Wörtern für das, was mit quero und não quero so klar gesagt ist? Mit den Zeitwörtern für essen, trinken, schlafen ist so gut wie alles gesagt, was im Leben gut ist, mit jenen für arbeiten und schmerzen alles, was schlecht ist. Keine der am Schreibtisch erfundenen Kunstsprachen hat diesen Grad kühner Vereinfachung erreicht. Es ist durchaus verständlich, daß sich die europäischen Einwanderer freudig dieses einfachen Systems der Verständigung bedienten, zumal die Italienisch oder Latein Verstehenden bald die klassischen Brocken aus dem Wortgemisch zusammensuchten.

Den einfachen Satz aus dem Geographiebuch: "Die Sprache Brasiliens ist das Portugiesische" können wir jetzt viel genauer formulieren: "Die Siedler in Brasilien und ihre Nachkommen verwenden ein vereinfachtes Portugiesisch zur Verständigung". Gewisse Einwände könnten da nur gegen das Wort "vereinfacht" erhoben werden. Aus den fremdartig klingenden afrikanischen Sprachen blieben die Namen der (wahrhaftig bemerkenswerten) Speisen erhalten, mit denen die Sklaven ihren Herrn erfreuten und die heute noch im Norden des Landes traditionsgetreu zubereitet werden, wie Vatapà, ein köstliches Gericht aus Krabben, Kokosmilch und scharfen Gewürzen, oder Sarapatel, eine Art duftiges Schildkrötenragout. Aus den Indiosprachen verblieben die geographischen Namen, denn auch, wo die Indios gründlich ausgerottet wurden, erkundigte man sich offensichtlich mit Sorgfalt, wie sie die Gegend benannt hatten. Hier und da ist also in der sonst so einfachen Sprache von Orten wie Pinhamondangaba, Jacupiranga oder Caraguatatuba die Rede, die pietätvoll sonst verklungene, heute nur wenigen verständliche Silben wahren.

Die einfache Sprache hat Vorteile: man kann sich mit tem, não tem, quero, não quero und einem Dutzend fertigen Sätzen von der argentinischen Grenze bis nach Guaiana überall verständigen. Sie hat auch gewisse Nachteile: sie ist so einfach, daß sie den Analphabeten daran hindert, lesen und schreiben zu lernen! Die Buchstaben sind ja sinnlos, wenn sie zu unverständlichen Wörtern gereiht werden. Eine ebenso wohlmeinende wie naive nordamerikanische Organisation entsandte Unterrichtsgruppen, um erwachsenen Brasilianern die Kunst des Lesens beizubringen. Die Unternehmung scheiterte. Die Fibel war zu kompliziert: sie enthielt das Bild einer Zwirnspule, eines nie gesehenen Objektes, eines Segelbootes - ja, was ist ein Boot? Ein Segel? Ein Steuer? Ein Kiel? Eine Welle? Es ist sinnlos, Wörter zu lesen, die man nicht kennt. Es ist ebenso sinnlos, Kindern Märchen aus unverständlichen Wörtern vorzulesen. Es war einmal ein König . . . was ist ein König? Er lebte in einer Burg . . . was ist eine Burg? Bevor man liest, muß man Wörter kennen, und ihrer fünfhundert genügen nur zum Leben, zu sonst nichts. "Eure Rede sei ja, ja; nein, nein . . ." Wer befolgt noch das biblische Gebot, wenn nicht der Mann, dessen Muttersprache das brasilianische Portugiesisch ist? Schwer wird es nur, zwischen den zwei Wörtchen zu wählen, wenn es eine Volksabstimmung gibt und die Frage lautet: Billigst du den Zusatz zur Verfassung, derzufolge . . . Was heißt billigen? Zusatz? Verfassung?

Ohne zu lesen, ist es unmöglich, den Sprachschatz zu erweitern. Ohne Sprachschatz kann man nicht lesen lernen. Aus diesem Kreis gibt es keinen Ausweg. Wollte man alle Folgen dieses Zustandes schildern, müßte man brasilianische Zeitgeschichte schreiben.

Es ist für den Menschen, der gewohnt ist, in zehn- oder zwanzigtausend Wörtern zu denken, ein unschätzbares Experiment, sich längere Zeit einer Sprache von fünfhundert Wörtern zu bedienen. Es lehrt überzeugend, was wesentlich ist. Es lehrt eine subtile Ökonomie des Ausdrucks. Es lehrt, die Entfernungen abzuschätzen, die eine Sprache zurücklegen muß, bis sie eine Literatur besitzt.

Wir alten Europäer nehmen es als selbstverständlich an, daß man eine Sprache auf dem Wege ihrer Literatur betritt. Wir greifen zuerst immer nach dem Buch. Es ist erschreckend und verwirrend, einer Sprache zu begegnen, die kaum greifbare Spuren auf dem Papier hinterlassen hat. Und auch was das Wort "kaum" freiläßt, ist für den verwöhnten Westeuropäer schwerlich als "Buch" zu bezeichnen. Zwei Werke haben in den letzten Jahren die Auflageziffern erreicht, die beweisen, daß sie nicht nur von Snobs und Intellektuellen gelesen wurden. Das eine wurde von einer etwa vierzigjährigen Negerin geschrieben. Sie sammelte Altpapier in São Paolo, und da sie die Buchstaben kannte, benützte sie die weißen Blätter zur Beschreibung ihres Alltags. Die Zettelmenge wurde von einem Kenner der Rechtschreibung umgeschrieben und veröffentlicht. Es wurde zu einem menschlich hochinteressanten Dokument, dessen besonderer Reiz eben in der steinzeitlich-einfachen Sprache liegt. Das zweite ist die Autobiographie des Fußballhelden Pelè; da er nicht einmal die zwei Volksschulklassen der obengenannten Autorin besucht hatte, erzählte er sein Leben, und der schrieb, lieh ihm die Wörter, und da der Verfasser auch nicht imstande war, mit drei Kreuzen zu zeichnen, trägt das Titelblatt den Abdruck seiner Fußsohle.

Das, was das Portugiesische von der großen Schwestersprache, dem Spanischen, unterscheidet, ist schon das Fehlen der "großen Literatur". Der Name des einzig bekannten Dichters, Camões, ist nie über die Grenzen gedrungen. Er war ein geschickter, begabter Nachahmer Petrarcas und Tassos. Dem Brasilianer ist diese Sprache mit ihren mythologischen und historischen Anspielungen so unverständlich, daß auch in der Mittelschule nur wenige Zeilen von ihm gelesen werden.

Brasilien ist eine Sprachinsel im Spanischen Meer, das von Feuerland bis nach Texas und Kalifornien hineinreicht. Praktische Gründe würden dafür sprechen, für Schule, Zeitung, Theater und Radio das Spanische zu verwenden. Die Hochschüler studieren heute schon meist aus den spanischen Werken. Man könnte so, wie die Schweizer ihr Schwyzerdütsch im Alltag, das Hochdeutsche in der Schrift verwenden, die beiden iberischen Sprachen gleichzeitig benützen. Der intellektuelle Gewinn und letztlich eine Bereicherung des Brasilien-Portugiesisch wäre sicher.

Gegen eine derartige Reform sprechen nur patriotische Gründe, von denen wir wohl wissen, daß sie jene der Vernunft übertrumpfen. Die Idee des Nationalstaates, wie sie die Französische Revolution schuf, ist langsam bis zur Peripherie gekommen . . . 1848 erreichte sie Osteuropa, in unserer Zeit Ägypten und Afrika. Je weiter wir uns vom Kulturzentrum Europa entfernen, um so stärker werden die dort schon längst überholten Ideen. An der Peripherie ist Patriotismus noch eine mächtige Idee. Man muß geduldig warten, bis sie abklingt.

Eine Sprache ist etwas Lebendiges. Technische Ideen wie Buchdruck, staatspolitische Ideen wie die des Nationalstaates beeinflussen sie. "Brasilien ist ein Zukunftsland", pflegt man zu sagen, und wenn auch die Pessimisten dazusetzen "und wird es ewig bleiben", müssen wir uns auf dramatische Wendungen vorbereiten. Das amerikanische Englisch beeinflußt die lateinamerikanischen Sprachen, woran die Armeen aus Generälen und die Flotten aus Admirälen nichts ändern können. Die Würstchen verwandeln sich in "heiße Hunde", der elektrische Strom schwemmt die Schallplattensprache ein. Batterien und Transistoren toben bis in den Urwald hinein. Sprachen, die sich nicht hinter Bücherregalen verteidigen, sind gefährdet. Das brasilianische Portugiesisch dürfte bald auch anders klingen.

 


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