BOTOKUDISCH



Ich möchte gerne Botokudisch lernen!

Ich wünsche es aufrichtig, und ich werde mich bemühen. Ich wollte, ich könnte heute beginnen. Es eilt. Es gibt gute Gründe dafür.

Italienisch zu lernen hat gute Gründe: man braucht es zum Verständnis der Mozart-Texte, und man lernt es, damit die italienischen Porträts in den Gemäldegalerien nicht so geheimnisvoll lächeln. Lächelt nicht Mona Lisa einfach über die, die kein Toskanisch verstehen? Spanisch ist unentbehrlich, wenn man die Weisheit aufnehmen will, die Sancho Pansa in unsterbliche Formeln faßt, Französisch, wenn man lesen will, Englisch, wenn man Wert darauf legt, die Wetterlage subtil zu analysieren, die Computer-Sprache, wenn man der Nachwelt eine Botschaft zu hinterlassen wünscht . . . das Botokudische zu lernen hat einen anderen Grund: es stirbt.

Man weiß, daß der Mensch böse ist und nur mit jenen Gnade übt, die ihm dienen. Die kostbarsten, schönsten Tiere sterben aus. Wale, Elefanten, Adler sind selten, Luchs und Auerochs sind verschwunden, der Eisbär ist verurteilt; nur manchmal packt den Menschen im vorletzten Augenblick das Gewissen . . . und dann werden die letzten Büffel oder Trompeter-Schwäne unter Schutz gestellt, damit sie langsamer aussterben.

Wenige wissen, daß wir auch in einer Zeit des großen Sprachensterbens leben. Der simple Satz, von dem man vermeinte, er gälte nur für Fische, daß nämlich die Großen die Kleinen fressen, gilt seit einiger Zeit auch für die komplizierteste, eigenste Äußerung der Seelen: für die Sprachen! Es schwindet das Gälische der Schotten, das Keltische der Bretagne, das Helgoländische leidet, die herrlichen ladinischen Dialekte wehren sich grade noch in einigen Alpentälern . . . um nur die nächsten zu nennen. Das wunderbar bunte Bild der europäischen Dialekte ist von der Zeitungssprache, den Regierungssprachen, den Radiosprachen bedroht. Die Uniform kämpft überall erfolgreich gegen die Urform.

Die bedrohten europäischen Sprachen haben eine letzte Verteidigungslinie: das gedruckte Wort. Sie können in Büchern weiterleben, wenn sie nicht mehr gesprochen werden! Sie können auch, wie das Latein es beweist, aus den Büchern auferstehen und immer wieder Gedanken kleiden und in Reimen erklingen. Sie sterben nicht ganz.

In den weiten Wäldern Brasiliens stirbt man ganz. Wo der Frühling ewig ist, dem Wendekreis entlang, überwächst Wald und Gebüsch jedes Menschenwerk. Steinerne Grabkreuze der Menschen werden von Moosen und Wurzeln gespalten. Wenn eine steinerne Pfeilspitze zu Boden fällt, wird sie vom Laub, von Lianen und fallenden Stämmen begraben und liegt ein Jahrzehnt später ellentief in der Erde. Wenn hier ein Wort verhallt ist, ist es verhallt. Vergänglichkeit ist hier Wirklichkeit und nicht nur ein Gleichnis.

In einem dieser Wälder gibt es noch dreihundert Menschen, die eine jahrtausendealte Sprache kennen, sprechen und wahren, solange sie noch leben dürfen. Die letzten dreihundert eines Volkes, das einmal ein Gebiet beherrschte, das durch keine Linie auf der Landkarte begrenzt war. Vor fünfzig Jahren gab es noch dreitausend. Wie grausam die nächsten fünfzig sein werden, wagen wir kaum auszudenken.

Die letzte Botokudensiedlung liegt nicht tief in unwegsamen Gebieten. Sie wäre dort gar nicht zum Tod verurteilt. Sie ist sogar ganz leicht zu erreichen: Man fliegt in vier Stunden von Rio de Janeiro nach Blumenau, erreicht von da in weiteren zwei Autostunden das Städtchen Hammonia (das seit dem Krieg "Ibirama" heißt), und ein Auto, das für rauhes Gelände gebaut ist und bereit ist, eine Reihe von Löchern statt eine Straße zu durchfahren, erreicht in drei bis vier weiteren Stunden die hundertsechzig Quadratkilometer Urwald, die der weiße Mann, zur Beruhigung des Amtsgewissens um 1910, den letzten, hier aus dem ganzen Staate zusammengetriebenen Botokuden angewiesen hat. Hier wurden sie von Herrschern zu einem Kuriosum im Tiergarten seltener Menschenarten.

Was Masern, Keuchhusten, Diphtherie und Schnaps übriggelassen haben, lebt noch. Man darf sie besuchen. Sie sind bereit, ihre Bögen und Pfeile zu verkaufen. Sie essen Brot. Sie sprechen ein wenig portugiesisch; sie können schon in einer Tochtersprache Roms betteln. Man hat ihnen schon Hosen geschickt. Sie pflanzen schon Mais und Bohnen. Sie haben schon kariöse Zähne. Sie sind nicht mehr so, wie sich Rousseau und Cooper die edlen Wilden vorstellten.

Ich nahe ihnen dennoch mit Gefühlen tiefer Hochachtung. Ihr Adel ist alt. Der lange Weg, den sie zurückgelegt haben, das, was sie erlebt haben, gebietet Respekt. Es ist mir nicht gegönnt, sie nach den Abenteuern auf diesem Weg zu fragen; ihr Lächeln, ihre breiten Backenknochen verraten nur eines: daß sie mit jenen verwandt sind, die wir gemeiniglich "die Mongolen" nennen.

Wer lange reist, kommt zum Ziel. Die Menschheit reist schon lange, und es scheint, daß gegen Ende der letzten Eiszeit das Reisetempo besonders gemütlich war. Die Welt war unendlich, und jede Reise ging ins Blaue. Irgendwann brachen Familien in Asien auf und zogen nach Südamerika.

Die Gelehrten suchen die Wege, die durch keine Spur gezeichnet sind. Sind die Ur-Indios aus Polynesien gekommen? Haben sie über die Osterinsel kommend Südamerika gefunden? Oder sind alle über Kamtschatka, Aleuten und Alaska gewandert, bis sie das Feuerland fanden? Sind einige dieser Festlandwanderer auf Flößen nach den Inseln des Stillen Ozeans gezogen? Haben sie die Süßkartoffel mitgenommen oder vorgefunden?

Die Gelehrten befragen die Gegenstände. Wäre es nicht aufschlußreicher, die Menschen zu befragen? Sie sind nicht ganz so vergeßlich, wie man annimmt: die Griechen von heute benützen noch Wörter Homers und rufen den Meeresgott Nereus, wenn sie das Wasser nero nennen - sollten die Botokuden von allen alten Göttern verlassen sein?

Wenn sie die Züge der Ainus aus Nordjapan tragen, scheint es wahrscheinlicher, daß sie über das Festland kamen. Dafür spricht auch, daß sie die Süßkartoffel nicht kannten, diese wunderbare Pflanze, die so rasch wächst, so gut sättigt und müde macht. Sie jagten und fischten. Die Pfeilspitzen schlugen sie aus Stein. Der Stein spricht und verrät, was die Worte verschweigen: Vor zwanzig- oder fünfzigtausend Jahren schlug man auch in Asien Pfeilspitzen in der gleichen Form, vielleicht mit den gleichen Handbewegungen. Wer es damals verstand, die gefährlichste Waffe seiner Zeit herzustellen und zu handhaben, dem gehörte die Welt! Er durfte losgehen und sie sich untertan machen. Auch für den müden Botokuden in den abgelegten Hosen eines nie gesehenen Städters ist die steinerne Pfeilspitze kein totes Museumsstück. "Mein Großvater schlug solche", sagte einer, als ihm eine gezeigt wurde.

So nahe ist uns die Steinzeit! Der Botokude, der uns eine Hand gibt, reicht mit der anderen in sie hinüber. Unser Gefühl der Überlegenheit schwindet, wenn wir an die Züge des Waldmenschen denken. Sie können unsere Buchstaben lernen, unsere Geräte handhaben. Wir können nicht einmal mit dem fertigen Pfeil die tägliche Nahrung im Walde finden, geschweige denn, mit einem Stein eine Pfeilspitze aus dem Felsen schlagen! Und sie zogen bis zur Küste hinunter, wo ein Marmorberg steht, um reinweiße Pfeilspitzen zu haben, und schlugen sie aus Steinplatten, auf dem Amethyste wachsen, so daß die roten Pfeile Spitzen aus dunkelvioletten Kristallen tragen. Sie müssen demnach Worte für "schön", für "selten", vielleicht für "kunstvoll" besitzen!

Wo gibt es noch eine Familie, die, auf sich gestellt, im Urwald nicht elend verhungern würde? Der "Wilde" sorgte für die Familie, fand unter den ungezählten Pflanzen die eßbaren. Er fand eine, die die Weltgeschichte beeinflußte wie die Kartoffel: den Mandiokastrauch, in seiner Sprache Aipi. Die Portugiesen hätten im Lande nie Fuß fassen können, wenn die mehlige Wurzel dieser Pflanze, die so einfach anzubauen ist - man muß nur ein Glied ihres Stammes in die Erde legen, damit eine neue Pflanze aufkeimt -, nicht nach Afrika gebracht worden wäre, dem Erdteil, der weder Mais noch Reis kannte und dessen Südteil zu ferne von den weizenbebauten Gebieten lag, wären dort nicht auf einmal zweihundert Millionen Menschen gestanden! Die Botokudenmutter zog ihre Kinder nackt im Walde auf. Wie konnten sie im unwegsamen Gebüsch gehen lernen? Wie gingen sie bloßfüßig dort, wo unsereins kaum im Stiefel durchkommt, wenn er sich mit dem eisernen Instrument den Weg freigeschlagen hat? Wie flochten sie sich Dächer? In der geheimen Sprache muß es geheime Anweisungen geben, aus denen wir vieles lernen könnten. Wie kann man es unten im Gebüsch erfühlen, in welchem Baum die wilden Bienen hausen? Wie kann man dann nackt ganz hoch in die Krone klettern? Und wie kann man oben, wo sie stecken und sich wehren, mit einem scharfen Stein ein viereckiges Loch schneiden, die Waben, die einen ganz dunklen Honig wahren, herausnehmen und zu den Kindern hinunterbringen? Wie findet man die Bäume, unter deren Rinde ein Geflecht liegt, aus dem man die widerstandsfähigsten Bindfäden zieht? Wie flicht man aus diesen ein Fischnetz? Was ißt man, bevor der erste Fisch gefangen ist?

Wer zu den Botokuden geht und ihre Sprache nicht kennt, der kann alle diese Fragen nicht stellen; er wird aus ihnen nicht klug. Es ist traurig, daß die Leute, die sich die Mühe nahmen, zu ihnen zu gehen, überzeugt waren und sind, daß sie klüger seien. Sie kamen nicht, um Fragen zu stellen, sondern um den Leuten im Walde, die die Äffchen "unsere kleinen Brüder" nennen, etwas mitzuteilen: daß unsere Leiden daher rühren, daß Urmutter Eva vom Apfel aß, daß aber bald ein himmlisches Jerusalem niederschweben werde, in dem die Auserwählten die verlorene Seligkeit wiederfinden würden - und auch diese frohe Botschaft wurde auf portugiesisch gegeben, so daß es nicht wahrscheinlich erscheint, daß die von langen Wanderungen müden Aino-Sprößlinge einen klaren Begriff von der Bedeutung Jerusalems hätten.

Es heißt, die Welt der Kolonialvölker sei jetzt dabei, sich vom Joche des weißen Mannes zu befreien. Wie so viele hochklingende Phrasen enthält diese nur ein Bruchstück der Wahrheit. Befreien können sich die Kolonisierten nur mehr von der Verwaltung der Weißen. Von allen mit Geduld, mit Gewalt, oft im besten Willen mitgeteilten Wahnvorstellungen gibt es keine Befreiung mehr. Und wenn der Präsident einer neuen Negerrepublik seiner Freude in einer europäischen Sprache Ausdruck verleiht und die Verfassung seines Staates mit lateinischen Buchstaben ausfertigt, hat er gegen die Uniformierung der Menschheit noch immer wenig unternommen.

Die Kunstsprachen hatten wenig Glück. Man kann beim besten Willen nicht behaupten, sie hätten zur Verständigung unter den Menschen etwas beigetragen. Es scheint keineswegs leichter zu sein, eine Sprache zu schaffen als den Homunculus. Sie muß ihre Jahrhunderte reifen. Sie enthält die Erfahrungen, die eine Generation der nächsten mitgibt.

Die Verständigung mit den Botokuden war eine sehr einseitige. Frühere deutsche Siedler nahmen gerne Kinder aus dem Walde ins Haus. Sie lernten rasch und ausgezeichnet deutsch. Ein Blumenauer Arzt versuchte, mit Hilfe eines kleinen Mädchens eine Wortliste zusammenzustellen. Aber wie kann man ein Wörterbuch schreiben, wenn die Waldmenschen keine Worte für die Gegenstände aus dem Eisernen Zeitalter haben und die Spätlinge der Bäume nicht nennen können, die den Zeitgenossen aus der Steinzeit geläufig sind?

Man näherte sich dem Botokuden mit Angst, mit Haß, mit Verachtung, im besten Fall mit Mitleid. Man unterstrich, daß er gegen den Zuckerrohrschnaps wehrlos war, ihm leicht verfiel... und vergaß, daß der Weiße dem Gifte der Indios, dem Tabak noch viel hilfloser verfallen ist, daß Massen von dressierten Zivilisationsträgern zwanzigmal am Tag von Abstinenzerscheinungen zittern, wenn sie ihre Zigarette nicht haben, und aggressiv werden, wenn man sie ersucht, ihre Umwelt nicht zu verstinken. Man tadelte die Kriegslust der Bogenträger und schoß mit Gewehren auf sie. Ist es verwunderlich, wenn die Botokuden es vorziehen auszusterben?

Auszusterben ist unvergleichlich trauriger als zu sterben. Es ist ein unsagbar trauriges Schauspiel, eine Sprache sterben zu sehen.

Es gibt natürlich sicherere Urwälder. In der Tiefe des Mato Grosso werden noch Indiosprachen gesprochen. Guarani lebt in Paraguay und wird mehr gesprochen als Spanisch. Die Xavantes leben noch im wahrhaft wilden Westen. Das kann aber die Botokuden nicht trösten: ihre Sprache ist mit denen der anderen Indios in keiner Weise verwandt. Nicht nur in der Welt der Weißen, auch in der Indiowelt sind sie einsam.

Man liest heute die Geschichte vom letzten Mohikaner mit dem tröstenden Gefühl, daß das alles vielleicht nicht ganz wahr ist; daß die dichterische Phantasie den Faden der Geschichte mitspann; daß die Vertreter der abendländischen Kultur gar nicht als Kopfjäger auf die westliche Hemisphäre kamen; daß, wie immer dem auch sei, die Wunden, die am Körper der Menschheit geschlagen wurden, längst verheilt sind.

Wenn es um die letzten Botokuden geht, ist jeder Trost dieser Art versagt. Wenn sie auch nicht gejagt werden wie vor fünfzig Jahren, so sind sie gegen ihre Feinde machtlos. Jetzt sind es die Holzhändler, die aus den letzten unberührten Urwaldbäumen Bretter schneiden wollen . . . und man plant einen Damm am Itajaifluß, der das ganze Reservat unter Wasser setzen würde. Man wird sie dann vielleicht auch in die Wälder des Amazonas schaffen. Ob sie vom subtropischen Urwald auf den Äquator umlernen sollen?

Noch sprechen dreihundert Menschen die Sprache, die den Weg von Alaska bis Südbrasilien zurücklegte. Noch wäre es möglich, die Totenmaske dieser Sprache abzunehmen.

Der Botokudenwald ist kaum fünf Stunden zu Pferd von meinem Holzhaus. Vielleicht habe ich nächstes jahr Zeit. Dann werde ich wirklich botokudisch lernen.

 


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