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AKADEMIEFERNES FRANZÖSISCH Als
erster Schritt zur Erlernung der französischen Sprache galt einmal der
Vers le bœuf
der Ochs, la vache die Kuh Gewiß eine ausgezeichnete Einleitung: sie lehrt die Artikel, drei Hauptwörter und ein Zeitwort . . ., wir wären glücklich, wenn wir fünf solche Schlüssel zum Etruskischen hätten! Wir könnten schon feststellen, zu welcher Gruppe die Sprache gehört, wieweit die Etrusker mit den Hethitern verwandt waren - wir hätten den Eindruck, auf den Pfaden der Erkenntnis weit fortgeschritten zu sein. Beim Französischen merkt man es bald, daß die Wörter nicht ganz so weit führen. Anatol France erzählt die Geschichte vom Gemüsehändler Crainquebille, den der Wachmann auffordert, seinen Karren weiterzuschieben, während er auf das Wechselgeld warten will. Aus der Menge der Zuschauer ertönt das Wort vache, und Crainquebille wird wegen Amtsehrenbeleidigung verhaftet. Der Wachmann ist davon überzeugt, vom Gemüsehändler beschimpft worden zu sein. La vache die Kuh . . ., ohne uns um den weiteren Verlauf des Prozesses zu kümmern oder in der beruhigenden Voraussicht, daß jemand, der wegen Amtsehrenbeleidigung angeklagt ist, allenthalben und allen Zeugenaussagen zum Trotz mit Sicherheit verurteilt wird, müssen wir fragen: Hätte ein deutscher Polizist bei dem Worte "Kuh" das seelische Gleichgewicht verloren? Wahrscheinlich nicht - er hätte vielleicht erst bei "Kamel" zum Notizbuch gegriffen. Selbst das allwissende Wörterbuch von Larousse stellt vache als harmloses Wort dar. Es dient auch zur Bezeichnung von Kuhleder; man kann "Schuhe aus Kuh" tragen, und die "tollwütige Kuh zu essen" gilt in Gallien offensichtlich als Zeichen übler wirtschaftlicher Lage. Aber Beleidigung? Tatsache ist, daß neben dem Französisch, das gelehrt in die Wörterbücher eingetragen wird, andere Sprachen gesprochen werden, in denen französische Wörter sonderbare Bedeutungen haben: vache wäre darin ein "niederträchtiger Feigling", ein hundselendiger Kerl von einem Polizisten . . . der Anfänger, der das Sprüchlein gelernt hat, könnte in eine peinliche Lage kommen, wenn er die harmlosen Wörter an unrichtiger Stelle verwendete. Aber "Kamel" muß doch überall als amtsehrenbeleidigend empfunden werden! Auch das ist nicht gesagt. Das Kamel ist ein außerordentlich nützliches Tier, das seinem Besitzer Freude bereitet. Die Offiziersanwärter der Militärakademie "Polytechnique" hatten keine Bedenken, hübsche junge Damen als chameau zu bezeichnen. Wenn wir aber nun glauben, ein Wort der Soldatensprache gelernt zu haben, gehen wir wieder fehl: Die Offiziersanwärter der Marine bezeichnen junge Damen als touloulou, während die der Luftwaffe charnelle sagen. Es werden offensichtlich in Frankreich zahlreiche Sprachen gesprochen. Offiziell gibt es deren nur fünf: Französisch, Baskisch, Bretonisch, Katalanisch und das Provenzalische, das auch die Sprache des Oc oder Occitanisch genannt wird, da sie das Lateinische hoc für "ja" verwendet - aber die, die diese Sprachen sprechen, mischen kleinere oder größere Mengen ihrer Wörter ins Französische. Um zu unserer Kuh zurückzukehren: wenn ein Franzose die schlechte Sprechweise eines Ausländers charakterisieren will, sagt er: il parle comme une vache espagnole (er spricht wie eine spanische Kuh). In diesem Falle ist es aber der gestrenge Richter, der es nicht besser weiß als der Angeklagte: er müßte basque espagnole sagen! (Er spricht wie ein Baske aus Spanien.) Daß diese noch schlechter französisch sprechen als die Basken auf dem Nordabhang der Pyrenäen, sei gern zugegeben; sie dürften aber schwerlich vache und basque verwechseln. Die Sprachen sind zählbar, die Dialekte im besten Falle schätzbar. Die Sprachgelehrten, die runde Zahlen lieben, nennen ihrer zehn, von denen die der Champagne, von Burgund, Lothringen, das Wallonische und das Normannische am klarsten abzugrenzen sind. Von diesen war dem Normannischen die glänzendste Karriere beschieden, da ja die Normannen so erfolgreich gegen Engelland fuhren wie keiner nach ihnen; sie trugen dort das Ihre zur Schaffung der Landessprache bei, von der es nicht ganz zu Unrecht heißt, sie bestünde ausschließlich aus Fremdwörtern, die schlecht ausgesprochen werden. Das Normannische, das in Frankreich als Dialekt gilt, ist jenseits des Kanales Schriftsprache: es sagt statt nom (Name) noun, spricht das lateinische amita nicht tante, sondern aunt. Mit fünf Fremdsprachen und zehn Dialekten ist der Sprachreichtum Frankreichs nicht erschöpft: es wären noch die Schweizer patois dazuzuzählen, von denen ältere Karten sechsundzwanzig nennen, die jetzt allerdings dem uniformierenden Einfluß der Zeitungen und des Radios schnell zum Opfer fallen, um einer Art français fédéral Platz zu machen, das in seiner Art auch nicht viel besser zu sein scheint als das Schriftdeutsch schweizerischer Amtsstellen. Die buntesten Abarten des Französischen, deren Vielfalt sich schon jener der Weinkarten nähert, bilden die Sprechweisen, die der Franzose selber als "français marginal" bezeichnet: die Mischsprachen der einstigen und der verbliebenen Kolonien. Suaheli und Französisch verschmolzen in Kongo, Malgache und Französisch in Madagaskar, Arabisch und Kabylisch traten in Nordafrika in eine Verständigungssprache ein, die nur der analysieren könnte, der auch Spanisch, Italienisch, Maltesisch und Korsisch beherrscht. Es ist ein bemerkenswertes Phänomen, daß die "Dekolonisierung" - auch ein neues Kunstwort, das die Akademie erst zur Kenntnis nehmen muß - noch lange nicht das Ende der "Neugeborenen" bedeutet; im Gegenteil: die erste Wirkung der Unabhängigkeitserklärung neuer afrikanischer Staaten war es, daß die Anzahl französischsprechender Nationen in der UNO stieg. Die Unabhängigkeitserklärungen selbst waren ja französisch geschrieben! Und daß die europäische Schul- und Schriftsprache in der politischen Selbständigkeit nicht zu verschwinden braucht, zeigen die längst befreiten Kolonien wie Haiti. Einem Franzosen, der vor kurzem die Insel besuchte, fiel nur eines auf, daß die eingeborenen Neger bei den Sätzen, die sich auf die Zukunft beziehen, wie Versprechen, stets ein si Dieu le veut (so Gott will) dazusetzen. Das ist natürlich iberischer Einfluß; auch die Portugiesen versäumen es nie, einer Zusage den fromm klingenden Nachsatz anzuhängen. Die wahre Bedeutung des Satzes liegt aber anderswo, nämlich darin, daß der Sprecher nicht unbedingt verpflichtet ist, seine Verabredung einzuhalten. Tut er es nicht, so war es eben nicht Gottes Wille. Haitis neuester Diktator hat sogar den französischen Wortschatz bereichert. Es war bisher nicht möglich, das 1940 eingeführte Fremdwort "Gestapò" zu übersetzen. Duvalier hat mit seinen tontonmacoute eine ähnliche Organisation geschaffen. Die Wörter, die sonst nur einen Kinderschreck bedeuteten, beschreiben jetzt die Formationen, die mit dem Knüppel für Ruhe, Ordnung und Begeisterung sorgen. Das Französisch, das die Akademie nicht in ihre Bücher einträgt, verfügt außer Dialekten und "Marginalien" über ein nicht weniger reiches System von Ausdrucksformen: die "Argots". Sie sind von den Dialekten scharf zu trennen. Die Dialekte sind langlebig, Argots vergänglich. Den Dialekt lernt man von der Mutter, das Argot von Freunden. Dialekte fließen ineinander über wie die Farben des Regenbogens. Ein Argot ist scharf abgegrenzt: es gehört einer Stadt oder nur einem Stadtbezirk, einer Schule, einer Berufsgruppe. Es ist erlernbar, und man kann es, im Gegensatz zum Dialekt, ablegen. Auch seine Position gegenüber der als richtig verbuchten Sprache ist eine andere: die offizielle Sprache verschlingt die Dialekte und wehrt sich, bei weitem nicht immer mit Erfolg, gegen das Vordringen der verschiedenen Argots. Wenn ein Argot-Wort eine Stelle in einer treffenden Verszeile, auf der unvergeßlichen Seite eines großen Romans erobert hat, ist es trotz aller Degen, die die vierzig unsterblichen Akademiker tragen, kaum mehr zu verhindern, daß es ebenfalls unsterblich wird. Die "großen" Romane des ersten, auch literarisch interessanteren Weltkrieges, wie Feu von Barbusse, Capitain Conan von Roger Vercel, Croix de bois von Dorgeles, haben manchem Argot-Wort zum Siege verholfen. Ebenso scharf wie gegen Dialekte sind die Argots - zu denen im Grunde genommen alle Fachsprachen gehören - gegen die fremden Wortsysteme abzugrenzen. Der zweite Weltkrieg hat zur Landung ganzer Divisionen amerikanischer Bezeichnungen geführt und das Phänomen hervorgerufen, das mit dem Wort - mit dem Argot-Wort - Coca-Colonisation bezeichnet wird. Es ist verständlich und daher auch verzeihlich, daß es zu einer scharfen Reaktion kommt, wenn man hört, daß Place Pigalle zu pig-alley wird . . . Der plötzliche Einbruch von Wörtern, wie self-service, quick-lunch, hot-dog, flirting und chewing-gum ist schwer zu bekämpfen, wenn es auch durchaus möglich ist, die Substanz, die aus dem Menschen einen Wiederkäuer macht, als gomme à macher zu bezeichnen und das schöne Geschlecht davon zu überzeugen, daß es mit charme genausoviel erreicht wie mit sex-appeal. Besonders schöne Beispiele von Argots sind die der verschiedenen Militärakademien. Diese Geheimsprachen verstärken das Zusammengehörigkeitsgefühl und halten sich lange in den Schulmauern. Die Schüler werden immer wieder darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig es ist, Traditionen zu wahren; es ist selbstverständlich, daß sie sie hochhalten, wenn sie auch das Wort, wie in der Marineakademie, zu tradi verkürzen. Die Akademie in Brest bezeichnet ihre eigene Sprache als argot-baille, wobei baille eigentlich "Waschtrog" oder "Becken" bedeutet und der Kosename eines Schulschiffes war. Der Neuling, hier fistot genannt, fühlt sich wie in einem fremden Land, bevor er gelernt hat, daß die Maschine chaffuste heißt, die englische Sprache youm, England selbst youmanie und daß es genügt, statt promotion, uniforme und coefficient nun promo, unif und coeff zu sagen. Er würde aber fehlgehen, wenn er glaubte, Wörter würden durch Weglassung der Endsilbe zu Argot; manche werden mit anderen Lehranstalten brüderlich geteilt. So heißt der Bordgeistliche bout, während der Feldkurat von der Militärakademie in St. Cyr marab genannt wird. Das geteilte Wort ist marabout, das arabische Wort für einen frommen Einsiedler! Das Argot der Armee hatte immer einen außergewöhnlich großen Wortschatz für Schuhe; die jungen Seekadetten wählten nicht daraus, sondern verkürzten den Namen einer besonders aromatischen Käsesorte - chabichou zu bichou. Das Schuhband, das den guten Sitz der Schuhe garantiert, wird folgerichtig zu garant de bichou. Das verständlichste der Wörter, die für Landratten - hier Elefanten genannt - sonst geheimnisvoll klingen, ist fristi. Der vergleichende Sprachwissenschaftler erkennt darin das deutsche "Frühstück"; der Ausdruck gilt tatsächlich für die erste Mahlzeit des Tages, aber auch für alle anderen. Unter allen Formen des fristi bleibt fristipape das vornehmste: die Mahlzeit, die mit dem Kommandanten der Schule eingenommen wird. Einmal im Jahr wird jedem Kadetten die Freude zuteil, am Tische der höchsten, unfehlbaren Autorität als Gast zu sitzen. Wie schnell so eine Sprache entsteht, zeigt die völlig anders geartete der Ecole de l'air, der Akademie der Luftwaffe; bei der raschen Entwicklung der Raketentechnik ist es kaum anzunehmen, daß sie das ehrwürdige Alter der Seemannssprache erreichen wird. Die Schule selbst ist die Falle, le piège, der Schüler daher le piègard, wobei er im ersten Jahr allerdings nur als Häschen, poussin, betrachtet wird. Die Epauletten, die plats de nouilles, Nudelteller, heißen, sein für Luftkämpfe nicht gerade nützlicher Dolch, le curedents, oder Zahnstocher verleihen ihm auch keine höhere Würde. Wenn man erfährt, daß jedes komplizierte Instrument gnamagnama heißt, erinnert man sich plötzlich daran, daß Salon in der Provence, der Sitz der Militärakademie, auch die Heimatstadt des Nostradamus war, dessen Manuskript Faust im ersten Auftritt studiert - des Nostradamus, der im Ersinnen sonderbarer Wörter geradezu unübertroffen ist. Der Prophet scheint sogar eine Ahnung von einer Fliegertätigkeit gehabt zu haben, denn er sagt in seinem Brief an Heinrich II., daß vor dem letzten Krieg, der nicht nur die Länder der Christenheit, sondern die ganze Welt ergreift, oiseaux insolites, ungewöhnliche Vögel, durch die Luft sausen und huy, huy schreien werden. Die Militärakademie von St. Cyr, die heute Ecole spéciale militaire interarmes heißt (wobei interarmes für etwas, was zu allen Waffengattungen gehört, auch ein Kunstwort ist), hatte hundertsiebenunddreißig Jahre Zeit, ihre Sprache zu schaffen. Eine besondere Eigenheit dieser Sprache ist die Verwendung des griechischen, auch in der Chemie oft verwendeten Präfixes hypo- für "unter" in der militärischen Rangbezeichnung. Der Oberstleutnant wird dadurch automatisch zum hypocolon. Das besondere Interesse der kleinen Geheimdialekte liegt darin - und das unterscheidet sie von manchen anderen, die von ganzen Völkern gesprochen werden -, daß sie eine Literatur besitzen. Es gibt Gedichte, Lieder, ganze Legenden, die in diesen Dialekten geschrieben wurden. Wir wollen es versuchen, eine auf deutsch zu erzählen: Zur Zeit Napoleons des Dritten - des Dritten, der eigentlich der Zweite, richtiger der Letzte, war - liebte die ganze Militärakademie von St. Cyr eine unvergleichlich schöne Tänzerin der Oper. Keine Heldentat schien den jungen Offiziersanwärtern zu gewagt, um die Schöne zu erobern, aber ihre Prinzipien waren eisern. Unter fünftausend Franc lächelte sie nicht. Kein Kadett verfügte über die märchenhafte Summe. Und es wäre doch schon viel gewesen zu sagen: "Einer der unsrigen . . ." Da hatte einer der zukünftigen Schlachtenlenker einen geradezu napoleonisch-kühnen Einfall. - Wir sind unsrer tausend. Am Monatsersten hat jeder von uns fünf Franken. Wir steuern zusammen und spielen sie aus. Wer verliert, hat um seine hundert Sous noch immer schöne Träume gekauft. - Kein Zweifel: das war die einzig richtige Strategie. Sie wurde verwirklicht. Das Los fiel auf einen so geraden, so bildhaften Kadetten, daß man nur sagen konnte, dieTänzerin hatte Glück gehabt. Den Sonntag darauf zog der junge Mann die Galauniform an, setzte sich den mit dem casoar, dem Federbusch, geschmückten shako auf und meldete sich beim Ziel aller Träume und Wünsche. Die folgenden Stunden waren zu schön, als daß sie in klassischen oder militärischen Ausdrücken beschrieben werden könnten. Dann stieg der Künstlerin ein beunruhigender Zweifel auf. - Bist du wirklich Kadett? - Gewiß! - Was ist dein Vater? - Auch Offizier. - Wo zum Teufel hast du die fünftausend Franken her? Du hast sie wohl gestohlen? - Keinesfalls. - Mit der Regimentskasse durchgebrannt? - Keine Spur! - Sag mir sofort, wo du das Geld her hast! Der Kadett, überzeugt, daß nichts die Erinnerung der verlebten Stunden trüben könne, erzählte, wie es hergegangen war . . . Die Künstlerin wurde nicht böse. Im Gegenteil. - Ihr seid alle in mich verliebt? - Alle. - Und haben alle gezahlt? - Bis auf den letzten Mann. - Du auch? - Natürlich auch. Die Künstlerin war vollends gerührt. - Großartig. Unvergeßlich! Tausend verliebte Kadetten! - Dann änderte sie ihren Ton. - Aber warte. Ich werde dir zeigen, daß auch ich großzügig bin! Du sollst nicht sagen, daß du mich für schnödes Geld gehabt hast. Nein! Da hast du dein Geld wieder! Und sie gab ihm seine fünf Franken zurück. Manche
Geschichte, manche Legende ist in Worten aufgezeichnet, die die maßgebenden
Herren der Akademie noch nicht in die Listen eingetragen haben . . .,
so ist es vielleicht nicht verlorene Mühe, noch einen Schritt weiterzugehen,
wenn uns die Wörterbücher verlassen haben!
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