{29.} 3. Dazien als römische Provinz


Inhaltsverzeichnis

Eroberung und Einrichtung der Provinz

Bis zur zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts hatten sich an Rhein und Donau die europäischen kontinentalen Grenzen des Römischen Reiches gefestigt. Der militärische Schutz entlang der Flüsse hatte eine endgültige Form angenommen. Die Wassergrenzen trennten das Reich nicht nur deutlich sichtbar von seinen Nachbarn, sondern schreckten auch die Feinde zurück, kleinere Einfälle zu unternehmen. An den Flüssen wurden an strategisch günstigen Punkten und Furten eine Kette von Befestigungen und Wachttürmen errichtet und auf diese Weise der Verkehr, der Nachschub und der Transport von Baumaterial erleichtert. Die im Limesvorland lebenden Völker wurden freiwillig oder gezwungen zu Verbündeten des Reiches. In dieses System war bisher eine starke Macht jenseits der Grenze, die der Daker, nicht mit einzubeziehen. Darum wurde der im Jahre 89 geschlossene Frieden zwischen dem Imperium und Decebalus von den Römern aufgrund von Erfahrungen der letzten anderthalb Jahrhunderte nicht als endgültig betrachtet. Die politisch, wirtschaftlich und militärisch starke dakische Macht bedeutete eine ständige Gefahrenquelle.

Die innen- und außenpolitische Lage des Reiches machte es aber zwei Jahrzehnte lang nicht möglich, erneut gegen die Daker aufzutreten. Im Jahre 89 erhob sich Antonius Saturninus in Germanien, und an der pannonischen Front wurde der suebisch-sarmatische Krieg fortgesetzt (89-92). Die seit 93 aufeinanderfolgenden Hinrichtungen der oppositionellen Senatoren, die gespannte Lage der Machtkrise führten zur Ermordung Domitians (96). Nach der kurzen Herrschaft Nervas begann dessen Nachfolger, Trajan (98-117), binnen kürzester Zeit mit den Vorbereitungen eines Feldzuges gegen die Daker. Der Kaiser unternahm alles, um sich den Sieg zu sichern. Er verfügte über eine gewaltige Streitmacht. Die Zahl der Legionssoldaten, Hilfstruppen und anderen militärischen Einheiten an der mittleren und unteren Donau erreichte beinahe 200 000 Mann, die überwiegend als Kampfverbände an dem 102 beginnenden Feldzug teilnahmen.

Die Vorbereitungsarbeiten dauerten drei Jahre lang. Von den zeitgenössischen Schriften über die Kämpfe sind nur verschwindend wenige Fragmente erhalten geblieben. Deshalb sind wir bei der Darstellung dieses historischen Ereignisses neben den Büchern des Cassius Dio, eines Geschichtsschreibers aus dem 3. Jahrhundert, über die römische Geschichte und dem 200 m langen bandartigen Relief der nach dem Sieg in Rom aufgestellten Siegessäule auf die archäologischen Grabungsergebnisse angewiesen. Die Heeresführung übernahm der Kaiser selbst, zusammen mit seinem Freund und engsten Mitarbeiter Licinius Sura. Einer der Schwerpunkte der Truppenkonzentration war die Umgebung des Legionslagers Viminacium in Moesia Superior. Zweifellos bestand das Ziel in der Einnahme des Herrschaftszentrums des Decebalus, des befestigten, mit einer Kette von Festungen umgebenen Sarmizegethusa Regia, dem man sich von mehreren Richtungen aus näherte.

Die Hauptangriffsrichtung wurde durch die von der Flotte bewachten Donaufurten bestimmt. Der westlichste Truppenaufmarsch erfolgte aus Lederata (Palanka, Jugoslawien) und führte über den östlichen Teil des {30.} Banats zum Hatzeggebirge, wo ein Militärstützpunkt eingerichtet wurde. Aufgrund einiger Fragmente, die von den Aufzeichnungen des Kaisers erhalten geblieben sind, kann man darauf schließen, daß auch der Herrscher über diese Strecke ins Innere Dakiens gezogen ist. Der andere wichtige Angriff erfolgte von Drobeta (Turnu Severin). Einige Truppen wiederum überquerten bei Dierna (Orschowa) die Donau.

Gleich zu Beginn gelang es den Römern, sich einen entscheidenden Vorteil zu sichern, und die Daker ersuchten um Frieden. Allerdings erschien Decebalus nicht zu den Verhandlungen, und die Kämpfe begannen von neuem. An der nördlichen Grenze Moesia Inferiors drangen die römischen Heerscharen an breiter Front von der Donau in Richtung der Südkarpaten vor. Als sie das Brooser Gebirge eingeschlossen hatten, war Decebalus gezwungen, sich zu ergeben: Die Waffenstillstandsbedingungen bedeuteten praktisch die Liquidierung des dakischen Königreiches. Die Daker mußten ihre Waffen und Kriegsmaschinen ab- und ihre Militäringenieure sowie die römischen Deserteure ausliefern. Die Zerstörung ihrer Befestigungsanlagen wurde angeordnet, und die von den römischen Truppen besetzten Gebiete mußten sie dem Imperium überlassen. Außenpolitisch waren sie Rom unterstellt. Der besetzte westliche Teil des dakischen Königreiches wurde Moesia Superior, der östliche Moesia Inferior angeschlossen. Unmittelbar nach dem Krieg wurde bei Drobeta eine auf Steinpfeilern ruhende Donaubrücke errichtet, die vom Baumeister Trajans, Apollodoros, geplant worden war. Durch diese Brücke wurde ein für alle Mal der Nachschub und der Verkehr über die Donau gewährleistet.

Decebalus versuchte dennoch, erneut sein Militär und damit auch den Widerstand zu organisieren. Er besetzte vereinzelte Gebiete und nahm den Kontakt zu einigen benachbarten Völkern auf. Er ließ einen Offizier hohen Ranges, Longinus, gefangennehmen und versuchte, den Kaiser zu erpressen und später diesen auch umbringen zu lassen. Die Ereignisse veranlaßten die Römer zu einer Endabrechung. Der zweite Krieg brach 105 aus. Das Ziel war die Besetzung des Zentrums des dakischen Herrschaftsgebietes: Trajan zog gegen Sarmizegethusa Regia. Im Jahre 106 besetzte und zerstörte er nacheinander die dakischen Festungsanlagen. Bevor er die letzte Burg einnahm, vergifteten sich ihre Verteidiger. Decebalus flüchtete, um aber nicht in Gefangenschaft zu fallen, brachte auch er sich um. Claudius Maximus war der Soldat, der dem toten König den Kopf abschlug und zu Trajan ins Hauptquartier brachte.

In Rom wurde der Kopf des Decebalus nach dem Triumphzug auf der Gemonia-Treppe öffentlich zur Schau gestellt. Der Sieg über den verhaßten Feind wurde mit Zirkusspielen gefeiert und Münzen mit der Aufschrift DACIA CAPTA geprägt. Das einstige dakische Herrschaftsgebiet wurde von römischem Militär besetzt.

In den zwei dakischen Kriegen überschritt die römische Armee zum erstenmal die an den Flüssen des Reiches festgelegten europäischen Grenzen in der Einsicht, daß die Vernichtung des Feindes und der Schutz der Grenzen nur durch Eroberung, also durch Umgestaltung des Feindgebietes in eine Provinz, verwirklicht werden könne (obwohl der Anspruch auf Beibehaltung des dakischen Gebietes als Provinz bei weitem nicht immer eindeutig war).

Unter der Regierung des ersten Statthalters, Terentius Scaurianus (106–110/12), wurde in schnellem Tempo mit der Organisation der Provinz {31.} begonnen. 112 wurden die ersten Münzen mit der Aufschrift DACIA AUGUSTI PROVINCIA geprägt. Scaurianus führte erfolgreich alle Maßnahmen durch, die notwendig waren, um ein erobertes Gebiet in eine Provinz umzugestalten. Er ließ eine Volkszählung vornehmen und das Land vermessen. Zu den ersten und wichtigsten Aufgaben gehörte die Festlegung der Grenzen, die Organisation des Verteidigungssystems. In den europäischen Provinzen waren die Legionen und Hilfstruppen an den Grenzflüssen, entlang des Rheins und der Donau, stationiert. Wo das nicht möglich war, wie z. B. im Süden Germanias und Raetias, wurden selbst in zerklüftetem Gelände pfeilgerade Verteidigungslinien, bestehend aus Erdwällen und Gräben, angelegt. Die Beschaffenheit von Bergen und Wasserläufen in Dakien aber war für keine dieser Arten von Verteidigungssystem günstig. Etwa 10 Jahre waren notwendig, um eine strategische Lagerlinie auszubauen. Die Lager am Rande der Provinz bedeuteten auch gleichzeitig die Grenze des Reiches.

Anfangs bildeten zwei Legionen und zahlreiche Hilfstruppen den militärischen Verteidigungskern der neuen Provinz. Die legio IIII Flavia war von 118–119 in Bersovia stationiert. Die andere, die legio XIII Gemina, hatte wahrscheinlich bereits von Anfang an in Apulum, an zentral gelegener Stelle in Siebenbürgen, ihr Lager errichtet.

Außer den beiden Legionen waren noch zahlreiche Hilfstruppen (Reiter- und Fußtruppen von 500 Mann bzw. Reitereinheiten von 1000 Mann) in der Provinz stationiert. Die Militärordnung hatte sich bis zu den 20er Jahren des 2. Jahrhunderts herausgebildet. Zur gleichen Zeit wie die Lager wurden auch die lebenswichtigen Straßen gebaut. Mit dem Bau von Straßen hatte das Militär bereits zu Beginn der Provinzorganisation begonnen, denn die Nachschublinien waren von strategischer Wichtigkeit, besonders in einer Provinz, die tief in feindliches Gebiet hineinreichte.

In der ersten Stadt der Provinz, in Colonia Dacica (Sarmizegethusa), siedelte Trajan die Legionsveteranen aus den dakischen Kriegen an. Um das durch die Kriege stark entvölkerte Gebiet zu bevölkern, siedelte Trajan große Menschenmassen nach Dazien um. Auf den Münzdarstellungen, die die staatsrechtliche Gründung der Provinz feierten, symbolisierten diese Siedler die spielenden Kinder auf dem Schoß der die Provinz Dacia darstellenden Frauenfigur.

Zu Beginn der Existenz Dacias brachen 107–108 an der westlichen Grenze der Provinz Kämpfe aus, von denen wir nur wissen (SHA, Vita Hadr. 3, 9), daß der Statthalter von Unterpannonien, der spätere Kaiser Hadrian, gegen die sarmatischen Jazygen (deren Siedlungsgebiet zwischen Donau und Theiß lag) in den Kampf zog, obwohl diese in den dakischen Kriegen noch die Römer unterstützt hatten. Ein Grund für die Unruhen der Sarmaten könnte gewesen sein, daß Trajan ihnen das Gebiet (östliches Banat), das ihnen Decebalus noch zwischen den beiden dakischen Kriegen genommen hatte, auf ihr Ansuchen hin nicht zurückgegeben hatte (Cassius Dio LXVIII, 10, 3–4). Ein anderer Grund lag wahrscheinlich darin, daß bei der Organisation der neuen Provinz die im Gebiet zwischen Donau und Theiß lebenden Jazygen nun nicht mehr nur von Westen und Süden, sondern auch von Osten her vom Römischen Reich umgeben waren, was eine neue Quelle für Spannungen bedeutete.

Nach diesen Kämpfen beruhigte sich die außenpolitische Lage für kurze Zeit, und die Sicherheit der Provinz schien gefestigt. Die friedliche Zeit war aber nur von kurzer Dauer. Als Trajan 117 starb, spielte sich im Raum Dazien {32.} die erste große Kraftprobe zwischen dem Römischen Reich und den benachbarten Völkern ab. Die Jazygen und Roxolanen drangen in beide Moesia ein, und die Kämpfe griffen auch auf Dacia über. Durch den Tod des ausgezeichneten, erfahrenen Provinzstatthalters Quadratus Bassus wurde die Lage noch kritischer. Der Krieg wurde im Falle der Roxolanen durch die Verringerung der römischen materiellen Unterstützung, im Falle der Jazygen durch die bereits erwähnten Territorialforderungen ausgelöst sowie durch die Tatsache, daß die neue Provinz an der unteren Donau die beiden verwandten Völker voneinander trennte. Hadrian reiste nach Mösien und gelangte auch nach Dazien, wo er in Drobeta „… aus Furcht davor, daß die Barbaren die Schutzvorrichtungen der Brücke leicht einnehmen könnten und es ihnen dann nicht schwer fallen würde, in Mösien einzudringen, die obere Brückenkonstruktion abreißen ließ“ (Cassius Dio LXVIII, 13, 6). Der Kaiser kam mit den Roxolanen – ihnen die frühere Unterstützung gewährend – schnell zu einem Kompromiß. Um aber die Jazygen zu zügeln, griff er zu einer ungewöhnlichen Maßnahme. Den ausgezeichneten Soldaten im Ritterstand, A. Marcius Turbo, stellte er sowohl an die Spitze Pannonia Inferiors als auch Dacias, der nun auf diese Weise von zwei Seiten aus den Widerstand der Jazygen brechen konnte.

Der Krieg der Sarmaten von 116–118 zeigte, daß Dazien bei der Verteidigung und zum Schutz der südlich der Donau gelegenen Provinzen von geringer Bedeutung war. Mit dem Sieg über Decebalus hatten die Römer zwar eine Gefahrenquelle, aber damit auch ein früheres Puffergebiet beseitigt, das ein Gegengewicht zu den sarmatischen Stämmen hätte bilden können. Die Gefahr einer einheitlichen dakischen Macht war zwar gebannt, aber die immer stärker werdenden Sarmaten bedrohten nicht nur die Donaugrenzen des Reiches, sondern auch die Grenzen Daziens zum Banat und nach Oltenien. Ihrer Reiterkampfweise wegen waren sie zwar in den Bergen des siebenbürgischen Teiles der Provinz weniger gefährlich, aber verbündet mit den an der nördlichen Grenze lebenden „freien dakischen“, keltischen und germanischen Stämmen konnten sie den gesamten Limesabschnitt der unteren Donau und die Grenzen Daziens konzentriert angreifen. So waren also zum Schutz der durch Dazien vergrößerten Reichsgrenze weitaus mehr militärische Kräfte und Aufwand erforderlich als an dem kurzen Donauabschnitt vor der Besetzung. Vielleicht hat Trajan – dessen strategische Vorstellungen eher Schutzcharakter hatten – bereits darum zu Beginn seiner Herrschaft daran gedacht, Dazien aufzugehen (Eutropius VIII, 6, 2). Diese Möglichkeit ist in Anbetracht der militärischen Lage als wahrscheinlich zu bezeichnen. Auch Hadrian war der Gedanke nicht fremd, die von seinem Vorgänger in aufwendigen Kriegen gemachten Eroberungen wieder aufzugeben: Aus den Gebieten jenseits von Euphrat und Tigris ist er beispielsweise tatsächlich abgezogen. Er hat dann aber doch Abstand von seinem Plan genommen und den Schutz der Provinz umorganisiert. Er zog die legio IIII Flavia an ihren ursprünglichen Standort, hinter die Donau, nach Singidunum (Belgrad), zurück. Mit diesem Schritt wollte er den Donaulimes stärken, um sich auf den zu erwartenden Angriff der Jazygen vorzubereiten. Die militärische Rolle Daziens bestand – außer im Schutz des eigenen Gebietes – eher in den einem feindlichen Angriff folgenden Abwehrkämpfen. Die dortige Armee konnte, statt eigene Kampfaufgaben auszuüben, mehrfach nur zusammen mit den Armeen anderer Provinzen erfolgreich eingesetzt werden.

{33.} Das Römische Reich war weitgehend darum bestrebt, in den europäischen Grenzprovinzen eine Verteidigungslinie zu schaffen, die für die im Barbaricum lebenden Völker gut sichtbar die Grenze markierte und zugleich auch zwischen den einzelnen Grenzbefestigungsanlagen eine schnelle Verbindung, entweder zu Lande oder zu Wasser, gewährleistete. Es stellt sich daher die Frage, welche Überlegungen Rom veranlaßten, statt einer den traditionellen Schutzvorstellungen weitaus besser entsprechenden und kürzeren Donaugrenze eine schwer zu überwachende Provinz zu behalten. Warum entschied es sich – wenn auch mit einiger Unsicherheit-, eine Provinz zu behalten, deren Schutz eine weitaus kostspieligere Streitmacht erforderte als andere Provinzen? Wenn Rom nach den dakischen Kriegen nicht gleich dieses Gebiet verließ, so konnte es dies später – des Autoritätsverlustes wegen – kaum noch tun. Bei der Beibehaltung der Provinz spielten wahrscheinlich die Goldfundstätten Siebenbürgens eine große Rolle.

Die Organisation der Verwaltung

Die unter Marcius Turbo begonnene und wahrscheinlich noch in die Regierungszeit des nachfolgenden Statthalters, Julius Severus (120–126), hineinreichende Organisation berührte Grenzen und Militärordnung Daziens sowie die benachbarten barbarischen Gebiete, also das Banat, Oltenien und die Walachei. Spätestens zu dieser Zeit wurden die in der Walachei stationierten Einheiten der untermösischen Armee abgezogen und damit ein während der dakischen Kriege besetztes Gebiet aufgegeben. In dem westlich des Alt gelegenen Teil Daziens wurde eine neue Provinz unter dem Namen Dacia Inferior gegründet. In dieser Provinz war keine Legion stationiert, an ihrer Spitze stand ein ritterlicher Prokurator. Was ihre innere Verwaltung anbelangt, so verfügte sie über eine gewisse Selbständigkeit. Im Süden bildete die Donau die Grenze, im Nordwesten lag Dacia Superior. Welches die östliche Grenze war, darüber ist man sich heute noch im unklaren: entweder eine Reihe von Lagern entlang des Alt oder 25 bis 35 km östlich davon, im großen und ganzen parallel zum Alt, eine befestigte Linie, der sog. Limes Transalutanus.

Der mittlere Teil des einstigen Dakiens erhielt den Namen Dacia Superior. Diese Provinz umfaßte den zentralen Teil Siebenbürgens und das östliche Banat bis zu den Karpaten. Nachdem die legio IIII Flavia verlegt worden war, blieb die einzige Legion in Dacia Superior die in Apulum stationierte legio XIII Gemina. Dort hatte der Statthalter seinen Sitz, der auch zugleich Befehlshaber der Legion war.

Wahrscheinlich zur Zeit dieser Regelungen um 118 oder einige Jahre später (aber noch vor 124) wurde im nördlichen Teil der Provinz, in Nordsiebenbürgen, eine neue Provinz unter dem Namen Dacia Porolissensis organisiert. Den Namen erhielt sie nach dem Militärlager Porolissum (Mojgrád). Auch hier war keine Legion stationiert, deshalb wurde sie – genau so wie Dacia Inferior – von einem ritterlichen Prokurator verwaltet. In militärischer Hinsicht übte der Statthalter von Dacia Superior über die beiden anderen Provinzen Aufsichtsrechte aus. Das einst einheitliche Dakien zerfiel in 3 Teile.

Karte 2. Dacia zwischen 106 und 271

{34.} Karte 2. Dacia zwischen 106 und 271
1 = Reichsgrenze, 2 = Provinzgrenze, 3 = Straße, 4 = Hilfstruppenlager, 5 = Legionslager, 6 = Siedlung mit Stadtrecht

{35.} Die Zahl der Lager in Dazien betrug ca. 80. Wegen der ungenügenden archäologischen Erforschung ist die chronologische Reihenfolge ihrer Errichtung heute noch kaum bekannt, und möglicherweise bestanden einige von ihnen nur kurze Zeit. Die große Zahl der Lager ist auch darauf zurückzuführen, daß am Limes entlang des Alt und am Limes Transalutanus nur einige Lager von gewohnter Größe und zahlreiche kleine Befestigungen errichtet wurden: Eine militärische Einheit stellte daher Garnisonen für mehrere Festungen dar. Im Jahre 164 stellten in Dacia Porolissensis 3 Reiter- und 12 Fußeinheiten die Garnisonen für 15 Lager. Die Gesamtbesatzung betrug – die Legionskommandos nicht gerechnet – 11 500 Soldaten. Im 2. Jahrhundert wird die gesamte Streitmacht Daziens, zusammen mit der Legion, auf 45 000 – 50 000 Mann geschätzt.

Die früheste Periode von Lagern mit Erd-Pfosten-Konstruktion ist an 15 Lagerstellen zu beobachten. Später wurden die Lager teilweise oder ganz aus Stein umgebaut. Diese Arbeiten wurden bereits unter Hadrian begonnen und unter Antoninus Pius fortgesetzt. Einige Festungen wurden aber erst zu Beginn des 3. Jahrhunderts fertiggestellt.

Wie aus dem 109/110 aufgestellten Meilenstein aus Ajtony hervorgeht, wurde der Bau der Hauptheerstraße sofort nach der Besetzung der Provinz begonnen und wahrscheinlich bis zur Reorganisation im Jahre 118 auch abgeschlossen. Die Strecke ist aus der Tabula Peutingeriana bekannt. Diese die Orte – größtenteils Lager – verbindenden Straßen und Entfernungen angebende Landkartenskizze wurde Mitte des 3. Jahrhunderts angefertigt. In der Tabula sind angefangen von den beiden das Reich verbindenden Donaubrücken (bei Lederata und Drobeta) und von Dierna die Hauptstraßen, die nach Apulum und dann weiter zur nördlichen Grenze führten, angegeben. Die Straßen verbanden die strategisch wichtigen Flußfurten mit der Provinzhauptstadt und der nördlichen Grenze. Die Straßen Ostdaziens sind auf der Landkarte nicht eingetragen. Dieses Gebiet hatte das Militär Mitte des 3. Jahrhunderts aufgegeben, darum sind die dortigen Lager in der später angefertigten Landkarte nicht mehr enthalten.

Die Straße, die Dazien über das Barbaricum mit Pannonia Inferior verband, ist gut bekannt: Von der Straße Tibiscum–Apulum zweigte sie bei Sztrigy ab, führte durch das Tal des Mieresch nach Westen und war selbst über die Grenzen Daziens hinaus ausgebaut. Im Miereschtal führte sie bis zur Mündung und erreichte im Gebiet zwischen Donau und Theiß Pannonia Inferior. Die Strecke entlang des Mieresch ist nicht in die Landkarte aufgenommen. In Bultsch, in der Umgebung von Arad, in Großsanktnikolaus und in Tschanad zum Vorschein gekommene gestempelte Ziegel und Gebäudereste bezeugen eine militärische Überwachung der Straße. Straßenfundamente sind auf einer Strecke von ca. 50 km auch im Gebiet zwischen Donau und Theiß zutage gekommen. Diese Straße ermöglichte eine schnelle Verbindung zwischen Pannonien und Dazien. An die Mieresch-Schiffahrt erinnernde römische Hinterlassenschaften sind die Grabstatue des Schiffers von Micia und die Inschrift des Schiffervereins von Apulum (collegium nautarum, CIL III, 1209). Natürlich galt es, für die Sicherheit der durch das Land der Jazygen führenden Strecke zu sorgen – sie stand unter militärischem Schutz. Die Interpretation der entlang der Straße zutage gekommen Funde hängt mit der Frage nach der Zugehörigkeit des Banats zusammen. Nach Meinung einiger sei die Straße entlang des Mieresch Reichsgrenze, Limeslinie {36.} gewesen, obwohl keine Lagerplätze existierten und die westliche Grenze des Gebietes, die Strecke entlang der Theiß, ebenfalls nicht befestigt war. Infolge der Anwesenheit der sarmatisch-jazygischen Bevölkerung, des Fehlens von Befestigungsanlagen und römischen Funden kann das Gebiet östlich und südlich der Theiß-Mieresch-Straße verwaltungsmäßig nicht zu Dazien gehört haben.

Auf die Reorganisation von 118 folgten ruhige Jahrzehnte, wodurch die Entwicklung Daziens begünstigt wurde. Beinahe zwei Jahrzehnte lang gab es im Bereich der Provinz keinen größeren Krieg. Zur Zeit des Antoninus Pius (138–161) wird eine dakische Gefahr nur so im allgemeinen erwähnt. Dabei handelte es sich um die in der nördlichen und östlichen Nachbarschaft der Provinz lebenden, noch nicht eroberten oder infolge der Kriege geflüchteten freien Daker (daci liberi) sowie um Karpen und Kostoboken. Details dieser Kämpfe sind nicht bekannt, eine Kriegsgefahr war zu dieser Zeit noch nicht vorhanden. Im Lebenslauf des Antoninus Pius ist kurz erwähnt, daß der Kaiser die Germanen und Daker sowie viele andere Völker und die aufbegehrenden Juden mit Hilfe seiner Statthalter und Legaten niederschlug (SHA, vita Pii 5, 4). Der dakische Krieg kann dadurch datiert werden, daß der Dacicus-Siegesname 157 unter den Titeln des Herrschers erscheint. Und tatsächlich: 156–158 waren die Statthalter von Dacia Superior und Porolissensis ausgezeichnete Soldaten (Statius Priscus und Macrinius Vindex). Die Streitmacht beider Provinzen reichte nicht aus, um die Angriffe zurückzuschlagen, denn aus Afrika mußten Truppen zur Hilfe geholt werden. Obwohl nur in Dacia Superior Kämpfe nachweisbar sind, waren die feindlichen Bewegungen warnende Vorzeichen des einige Jahre später an der gesamten Donaugrenze ausbrechenden langen Krieges.

Wirtschaft und Handel

Die wirtschaftliche Bedeutung der mitteleuropäischen Grenzprovinzen des Römischen Reiches war gering, auch der Export war unbedeutend. Die Stationierung zahlreichen Militärs aber verschlang bedeutende Summen. Daziens Wichtigkeit für Rom wurde zweifellos durch den Bergbau Siebenbürgens gesteigert. Neben den Stein-, Eisenerz- und Salzbergwerken waren die Goldminen von größter Bedeutung. Trotz des reichhaltigen Quellenmaterials über die Bergwerke gibt es weder Angaben über den Abbau zu dakischer Zeit (den Funden nach war bei den Dakern in erster Linie der Silberschmuck beliebt) noch über den Ertrag der Bergwerke während römischer Zeit. Die Nachricht über die Goldminen in Siebenbürgen verbreitete sich in der Neuzeit in erster Linie durch den Text der mit Wachs überzogenen hölzernen Schrifttafeln (Bild 5), die 1786, 1790 und mehrmals im 19. Jahrhundert in Goldbach zum Vorschein gekommen sind. Die Tafeln sind verschiedene wirtschaftliche Schriften, An- und Verkaufsverträge und Abrechnungen aus der Zeit zwischen 131–167. Mit der Ausbeutung der Goldminen (aurariae Daciae) wurde mit Sicherheit kurz nach der Gründung der Provinz begonnen. Zentrum des Bergbaus war das Siebenbürgische Erzgebirge, wo außer in den größeren Siedlungen Ampelum (Kleinschlatten) und Alburnus Maior (Großschlatten) die Bergleute in kleineren Dörfern lebten.

{37.} Das Bergwerksterritorium (territorium metalli) war kaiserliches Eigentum, seine Siedlungen verfügten nicht über städtische Selbstverwaltung (es ist nicht sicher, ob Ampelum den Rang eines Municipiums bekommen hat). An der Spitze der Verwaltungsorganisation und der Goldminen standen Bergwerksprokuratoren (procurator aurarium), von denen ein Großteil einst Sklaven waren, die vom Kaiserhaus die Freiheit erhalten hatten. Bereits zur Zeit Hadrians wurde in den Bergwerken gearbeitet, wie Wachstafeln aus dem Jahre 131 beweisen. Die Beamten der Bergwerksverwaltung, die die Administration und technische Leitung (vilici, tabulari, dispensatores) ausübten, wurden ebenfalls zum größten Teil unter den kaiserlichen Sklaven und Freien ausgewählt, während den librarius, den Sekretär im Prokuratorbüro, zeitweilig frühere Soldaten der legio XIII Gemina stellten. Aber diese waren nicht die einzigen Soldaten im Bergbaubereich. Es galt, für den Schutz des an der Grenze gelegenen wichtigen Gebietes sowohl für den Fall äußerer Angriffe als auch Raubüberfälle zu sorgen. Diese Aufgabe versahen die aus Nordafrika gebürtigen Soldaten des numerus Maurorum Hispanorum.

Die Wachstafeln und die Inschriften dieses Gebietes sagen viel über die Bevölkerung des Bergbaugebietes aus. In erster Linie wurden illyrische Arbeiter aus den Stämmen der Pirusten, Sardeaten und Buridusten in Dalmatien hierher geholt. Einen bedeutenden Teil der illyrischen Personennamen in Dazien machen die illyrischen Personennamen des Bergbaugebietes aus (64 %). Aus den hohen Löhnen kann man darauf schließen, daß trotz der Umsiedler nicht genügend Arbeitskräfte zur Verfügung standen. Aus dem Text einer Wachstafel geht eindeutig hervor, daß sich die Bevölkerung dieses Gebietes in den 60er Jahren des 2. Jahrhunderts immer mehr verringerte. Am 9. Februar 167, also vor dem Ausbruch des großen Krieges, lösten die Beamten des Iuppiter-Cernenus-Collegiums von Alburnus die Körperschaft auf, weil von den ursprünglich 54 Mitgliedern nur 17 in Alburnus verblieben waren.

Über das wirtschaftliche Leben Daziens ist außer dem Bergbau wenig bekannt. Das Handwerk war – wie auch in den anderen Provinzen – zum größten Teil auf Selbstversorgung eingestellt. Das für die landwirtschaftlichen Arbeiten notwendige Werkzeug wurde ebenso aus dem Eisen der örtlichen Bergwerke geschmiedet wie die Bergbaugeräte. Die archäologisch am besten erforschte handwerkliche Tätigkeit war die Anfertigung von Haushaltskeramik. Aber Werkstätten und Töpferöfen wurden bisher kaum freigelegt. Eine für die gesamte Provinz charakteristische, einheitliche, örtliche Keramik hat sich nicht entwickelt. In Süddazien erscheint der für die Formen und Oberflächenbehandlung der Keramik kennzeichnende Einfluß des Gebietes südlich der Donau. Im Norden wiederum kommt hauptsächlich der Einfluß Noricums und Pannoniens zur Geltung (durch typische Vertreter der Dreifußschalen). In Nordsiebenbürgen jedoch wurde eine Keramik mit charakteristischer Verzierung gefertigt, deren Verbreitungsgebiet bisher noch nicht genau bestimmt werden konnte. Die Wandung der größeren, halbkugligen Schalen ist mit Stempelverzierung versehen. Der Ursprung der in großer Zahl in Porolissum gefertigten rosafarbenen und grauen Schalen ist wahrscheinlich auf die Produkte der südpannonischen Keramikwerkstätten zurückzuführen. Die ursprüngliche figurale Verzierung der Terra-sigillata-Gefäße wurde durch geometrische Formen vereinfacht: Die Muster wurden mittels Stempel in die Außenwand der Gefäße eingedrückt.

{38.} Die Verbindung auf dem Land- und Wasserwege bot die Möglichkeit zu Handelsbeziehungen mit entfernteren Gebieten, das zahlreiche Militär bildete einen sicheren, zahlungsfähigen Markt. Die vielen aus dem Osten stammenden Bewohner Daziens wiederum verhalfen der Provinz, sich in den in der römischen Welt führenden Handel der Syrer einzuschalten. Über ihre geschäftliche Tätigkeit ist wenig bekannt. Wahrscheinlich handelten sie mit Gegenständen, die nicht lange haltbar waren und so in den Funden nicht mehr auftauchen (Lebensmittel, Textilwaren). Der Export der Provinz mag neben dem Edelmetall auch aus Salz und Eisen bestanden haben. Außerdem konnten hier auch die für die Zirkusspiele notwendigen Tiere (Bären, Wölfe) gefangen und exportiert worden sein.

Der „Lange Krieg“ und die Erneuerung unter Severus

Die Mitte des 2. Jahrhunderts beginnende Wanderung von Nordwesten nach Südosten der Goten an den Grenzen des Imperiums beunruhigte anfangs die im nördlichen Karpatenbecken lebenden Völker und verursachte sodann einen anderthalb Jahrzehnte dauernden Krieg. Die eine neue Heimat suchenden germanischen Stämme (Goten, Langobarden und Wandalen) gefährdeten den Wohnsitz und das verhältnismäßig ruhige Leben der an den Reichsgrenzen lebenden Völker. Ihrer Flucht und Umsiedlung aber stand das diese Völker in eine Klientelabhängigkeit drängende, aber auch eine reiche Nachbarschaft bedeutende Römische Reich im Wege.

Die Sicherheit dieses Gebietes war dadurch geschwächt, daß Kaiser Mark Aurel 162 wegen des im vorhergehenden Jahr ausgebrochenen Partherkrieges Truppen aus den europäischen Grenzprovinzen, so auch aus Dazien abzog. Durch eine geschickte Politik der Statthalter aber konnte der Ausbruch des Krieges verzögert werden. Den Beginn der Kämpfe im Norden kann man aufgrund des Schatzfundes von Tibód, der mit Münzen aus dem Jahre 167 abschließt, sowie aufgrund der versteckten Wachstafeln mit dem letzten Datum vom 29. Mai 167 in die Zeit nach 167 datieren. Ihre Besitzer hatten sie wahrscheinlich auf die Nachricht des Kriegsausbruchs hin versteckt, konnten sie dann aber nicht mehr hervorholen. Zugleich mit dem Beginn der Kampfhandlungen wurden administrative und militärische Veränderungen vorgenommen. Die Angaben reichen nicht aus, um die chronologische Reihenfolge der Veränderungen innerhalb der kurzen, dreijährigen Zeitspanne bestimmen zu können. Die Maßnahmen wurden während einer kritischen Lage im Krieg getroffen, weshalb nicht anzunehmen ist, daß bereits in den ersten Kriegsjahren eine endgültige Lösung gefunden worden war. In der zweiten Hälfte des Jahres 167 wurde die aus dem östlichen Feldzug nach Troesmis in die Dobrudscha zurückgekehrte legio V Macedonica nach Dazien verlegt: Ihr Lager könnte in Potaissa (Thorenburg) gewesen sein. Ihre Stationierung in Norddazien deutet an, daß die militärische Führung in erster Linie in Siebenbürgen mit Angriffen rechnete. Auch die Einteilung Daziens wurde modifiziert. Die 3 Teilprovinzen wurden zwischen 167 und 170 enger zusammengefaßt und einem einzigen Statthalter unterstellt, dessen offizieller Name nun legatus pro praetore Daciorum trium war. Auch die Namen der Provinzen änderte man: Aus Dacia Superior wurde Dacia Apulensis und aus Dacia Inferior wurde Dacia Malvensis (nach dem Namen einer noch nicht {39.} identifizierten Siedlung). Man folgte also dem Beispiel der Namensgebung von Dacia Porolissensis und benannte die Provinzen nach ihrem städtischen Zentrum. Gleichzeitig wurde das Legionslager von Potaissa Dacia Apulensis angeschlossen.

Die Kriegsereignisse erreichten zwischen 167 und 170 ihren Höhepunkt. Besonders bedrohlich war die Situation Daziens: An seinen langen Grenzen mußte man sich nach drei Seiten verteidigen. Die Einfälle der Barbaren in den beiden Mösien konnte Dazien nicht verhindern. Von den durch die oberste Militärführung als Statthalter und Prokuratoren in die Donauprovinzen entsandten talentierten Soldaten fielen einige auf dem Schlachtfeld, so M. Claudius Fronto, der 167 ursprünglich Statthalter von Moesia Superior war. Die Westfront Daziens und Moesia Superiors wurde, um die im Banat angreifenden Jazygen abzuwehren, unter eine gemeinsame militärische Führung gestellt. Fronto war 168 Statthalter beider Provinzen und wurde dann an die Spitze von Tres Daciae gestellt. Als die Armee von Moesia Superior geschlagen und der neuernannte Statthalter gefallen war, wurde Moesia Superior Dazien angeschlossen. Durch die konzentrierten Einfälle von Sarmaten und Germanen wurde die Situation kritisch. Die Inschrift der Statue auf dem Forum Traianum in Rom verkündete über Fronto: „[…] nach dem er erfolgreiche Schlachten gegen die Germanen und Jazygen ausgetragen hatte, ist er, mutig für den Staat kämpfend, gefallen“ (CIL VI, 1377). In Anerkennung seiner Verdienste wurde zu seinen Ehren auch in Sarmizegethusa eine Inschrift aufgestellt (CIL III, 1457). Über die die Stadt bedrohende Gefahr berichtet eine andere Inschrift, die – wie aus dem Text hervorgeht – Mark Aurel gewidmet ist, weil seine Truppen die Stadt aus großer Gefahr retteten (CIL III, 7969).

Über die östliche Kampflinie Daziens liegen keine Angaben vor. Wahrscheinlich wurden hier keine größeren Kämpfe ausgetragen, weil der feindliche Hauptangriff nach Süden gerichtet war. Die Kostoboken und Sarmaten verwüsteten – Dazien umgehend – Moesia Inferior, drangen bis nach Achaia vor und plünderten das eleusische Heiligtum. Schließlich gelang es dem Statthalter Cornelius Clemens, sie mit Hilfe der Hasdingen, einem Unterstamm der Wandalen, 171 oder 172 zu schlagen (Cassius Dio LXXI, 12, 1). Das ist bereits ein Vorzeichen neuer Entwicklungen. Das Römische Reich versuchte, mit Hilfe diplomatischer Mittel sein Ziel zu erreichen. Ähnlich wurde „…ein benachbarter Stammeshäuptling, Tarbus, der nach Rom gezogen war, um Geld zu fordern und mit Krieg drohte, wenn er es nicht bekäme“, von Verbündeten Roms gebändigt (Cassius Dio LXXI, 11). Einige Volksgruppen nahm das Reich auf, sie wurden in Pannonien, Mösien und Germanien angesiedelt. Das bezeugt das Verlangen der kriegführenden Barbaren, sich innerhalb der Sicherheit bietenden Grenzen des Reiches anzusiedeln. Die Ereignisse der folgenden Jahre werden durch die von den Römern begonnenen Kriegsoperationen bestimmt. Der Feind wurde bereits auf eigenem Gebiet besiegt. Später gestattete Mark Aurel den Jazygen, über Dazien mit den im Osten lebenden Roxolanen – so oft es der Statthalter genehmigte – den Kontakt zu halten (Cassius Dio LXXI, 19, 1–2).

Zu den Kämpfen an der Nordgrenze Daziens wurde auch die legio I Italica aus Moesia Inferior herangezogen. Um 180 führte Mark Aurels Sohn, Kaiser Commodus, gegen die hier lebenden Völker, in erster Linie gegen die Buren (buri), einen erfolgreichen Feldzug: ,,…da die Buren am Ende ihrer Kräfte {40.} waren, schlossen sie einen Vertrag mit uns … [Commodus] sicherte sich Bürgen und nahm ihre 15 000 Kriegsgefangenen mit sich. Den anderen zwang er den Schwur ab, daß sie sich in einem Streifen von 40 Stadien außerhalb der Grenzen Daziens weder nieder- noch ihre Tiere weiden lassen werden. Sabinianus wiederum bot 12 000 von den außerhalb der Grenzen lebenden Dakern an…, daß sie in unserem Dazien Boden bekommen werden“ (Cassius Dio LXXII, 3; Vettius Sabinus war zu dieser Zeit Statthalter Daziens).

Bis zum Ende des Krieges hatte Rom die Beziehungen mit seinen Verbündeten an den Grenzen des Reiches wieder hergestellt. Im nördlichen Vorland Daziens wiederum waren die Germanen erschienen, die sich dort niederließen.

Anderthalb Jahrzehnte Krieg, Pest, ungenügender militärischer Schutz und der langsame Ausbau der Städteautonomie in anderen Provinzen riefen zur Zeit des Commodus im Kreise der Provinzbevölkerung Unruhen hervor. Im Lebenslauf des Kaisers wird kurz darüber berichtet. Mitte der 80er Jahre des 2. Jahrhunderts lehnten sich auch in Dazien die Provinzialen auf (SHA, Vita Commodi 13, 5–6). Details sind unbekannt, und nichts beweist, daß an diesen Erhebungen die autochthonen Daker teilgenommen hätten. Auch in Germanien kam es zu ähnlichen Unruhen. Möglicherweise haben die dazischen Legionen zu dieser Zeit, unter Commodus, die sie für ihre Treue auszeichnenden Attribute pia fidelis, pia constans erhalten. Die Legion von Apulum wiederum setzte Commodus ein Denkmal (CIL III, 1172).

192 wurde Commodus ermordet, und im März 193 riefen die pannonischen Legionen in Carnuntum (Deutsch Altenburg) den Statthalter Septimius Severus zum Kaiser aus. So wie die anderen Donauprovinzen erkannte auch die dazische Armee ihn sofort als ihren Herrn an. Der neue Kaiser übergab Dazien seinem Bruder. Die dazischen militärischen Sonderkommandos nahmen daraufhin an den Kämpfen gegen die Gegenkaiser an der Seite von Severus teil. Unter der Herrschaft des Septimius Severus gestaltete sich das Schicksal der ihn von Anfang an unterstützenden Donauprovinzen günstig, die friedliche Außenpolitik förderte ihren wirtschaftlichen Aufschwung. In erster Linie beweist die Ausdehnung der Organisation die Rekonstruktion Daziens: Septimius Severus verlieh drei Siedlungen das Selbstverwaltungsrecht (eine erhob er in den Rang einer colonia). Es ist anzunehmen, daß zu seiner Regierungszeit die außerordentlich vorteilhafte Ius-Italicum-Verleihung an mehrere dazische Städte erfolgte. Die Felder der Städte, die über das Recht der italischen Gutsbesitzer verfügten, waren steuerfrei.

Wegen der wenigen, aus dieser Zeit stammenden und zudem noch unbearbeiteten Funde ist es nicht möglich, die Prosperität unter Severus detailliert darzustellen. Es ist aber beachtenswert, daß dieser Aufschwung nicht für das gesamte Dazien, sondern eher nur für Siebenbürgen charakteristisch war. Hauptsächlich profitierte von dem Aufschwung das hier in großer Zahl stationierte Militär, zwei Legionen und Hilfstruppen. Der Neuaufbau und die Vergrößerung der Städte nach den Verwüstungen der Markomannenkriege waren vermutlich das Ergebnis der Urbanisierungspolitik.

Während der Herrschaft des Septimius Severus wurde Dazien nicht angegriffen. Nach den Verwüstungen des großen Krieges wurde auch in den Militärlagern mit deren Restaurierung begonnen. Überall baute man Schutzeinrichtungen aus Stein. Einige sind der Meinung, daß in dieser Zeit der Limes Transalutanus entstand. 212–213 kam es erstmals wieder zu {41.} Zusammenstößen im nördlichen Teil Siebenbürgens, die Angreifer könnten freie Daker, Wandalen und Karpen gewesen sein. Nach den Kämpfen besuchte Caracalla Dazien, um dann mit seiner Armee in den Krieg im östlichen Reichsteil zu ziehen.

Nach Caracallas Ermordung erkühnten sich im Jahre 218 die freien Daker, „…einen Teil Daziens verwüstend, zu mehr, sie nahmen nämlich diese Bürgen wieder mit sich, die Caracalla ihnen aufgrund des Vertrages abgerungen hatte“ (Cassius Dio LXXVIII, 27). Aus der Zeit des letzten Severus-Herrschers, Alexander (222–235), sind nur wenige Inschriften in Dazien erhalten. Im Geiste des Kaiserkultes stellte das Militär als Zeichen seiner Treue Inschriften für den Kaiser und dessen Mutter, Julia Mammaea, auf.

Siedlung und Urbanisierung

Der Boden Daziens wurde durch die Eroberung staatliches Eigentum und verwaltungsmäßig in verschiedene Kategorien unterteilt (militärisches und municipales Territorium, kaiserlicher Besitz). Trajan verlieh Dazien kurz nach der Eroberung den Status einer Provinz. Die Ansiedlung in der Provinz hätte wohl kaum Anziehungskraft besessen, solange in dem neu eroberten Gebiet noch eine militärische Verwaltung existierte, die den Anschein der Unsicherheit vermittelte. Um die zivile Verwaltung zur Erledigung der Angelegenheiten der Bevölkerung einzuführen, mußte Trajan Zivilsiedlungen und -städte gründen, was spätestens 110–112 erfolgte. Der Kaiser siedelte in der von ihm gegründeten Colonia Ulpia Traiana Augusta (Sarmizegethusa) die Legionsveteranen der dakischen Kriege an. Es ist kaum anzunehmen, daß bei der Gründung die in diesem Umkreis lebenden und nicht geflüchteten Daker den Veteranen der Legionen gegenüber irgendwie bevorteilt wurden. Ohnehin gab es in dieser bergigen Gegend nicht sehr viel zur landwirtschaftlichen Bearbeitung geeigneten Boden, und eine Aussiedlung der Urbewohner war hier noch weitaus dringlicher als im Falle anderer Colonia-Gründungen. Diese Colonia blieb bis zur Herrschaft Hadrians die einzige Stadt der Provinz. Die neue Stadt bewahrte den Namen des Sitzes von Decebalus, Sarmizegethusa Regia, obwohl sie von der einstigen dakischen Hauptstadt 37 Kilometer westlicher lag und keinen dakischen Siedlungsvorgänger hatte.

Es entsprach römischer Praxis, die geographischen Namen der Urbevölkerung zu übernehmen. Die Bewahrung der einstigen Ortsnamen wurde dadurch möglich, daß die römische Armee das Gebiet im Laufe des ersten dakischen Krieges besetzte, als diese Siedlungen noch bestanden und sie deshalb deren Namen noch kennenlernten. Daß das tatsächlich so war, dafür ist der Kaiser selbst Zeuge. In seiner über die dakischen Kriege geschriebenen Arbeit hat Trajan die Aufmarschstationen notiert. Dem einzigen erhaltenen Bruchstück seines Tagebuches nach „…zogen wir von hier nach Bersobis und dann nach Aisisis“.

Es versteht sich von selbst, daß die Beibehaltung der von der Urbevölkerung gegebenen geographischen Namen nicht auch das Fortbestehen der einstigen Siedlungen bedeutete, besonders dann nicht, wenn die römische Stadt später anstelle eines aufgegebenen Militärlagers oder neben diesem {42.} gegründet wurde, wie das in Dazien die Regel war. Die Errichtung eines Lagers bedeutete eine Unterbrechung im Leben der eventuell dort vorhandenen dakischen Siedlung. Wenn das Lager in der weiteren Umgebung der Siedlung gebaut wurde, so übernahm man den Namen der Siedlung der Urbevölkerung, wie das z. B. in Pannonien im Falle Brigetios oder in Mösien im Falle Singidunums geschah. In Dazien macht das Beispiel von Sarmizegethusa Regia und Colonia Dacica darauf aufmerksam, wie frei die Eroberer die dakischen Ortsnamen bei der Namensgebung benutzten. Darum kann man die dakischen Namen der römischen Lager weder zur Identifizierung der dakischen Siedlungen noch zur Bestimmung einer dakischen Siedlungskontinuität heranziehen.

Zur Zeit der Organisation der Tres Daciae hat Hadrian zur Erledigung der Zivilangelegenheiten zwei neue Städte gegründet. In Dacia Inferior wurde aus der Zivilsiedlung (vicus) des Lagers von Drobeta am Ufer der Donau ein Municipium. Die Wahl dieses Platzes war dadurch bedingt, daß die Bedeutung der den nördlichen Brückenkopf der dortigen Steinbrücke bewachenden Siedlung durch den großen Verkehr schnell gestiegen und sie durch die vermehrte Bevölkerung geeignet war, die städtische Autonomie zu erhalten. In der nördlichen Provinz, in Dacia Porolissensis, bekam Napoca (Klausenburg) den Rang eines Municipiums.

Die Urbanisierung der Provinz ging schleppend voran. Die Einführung der Zivilverwaltung erforderte die Gründung der ersten Colonia und die der folgenden beiden wiederum die Gründung neuer Provinzen. Über Gründungsbedingungen und chronologische Reihenfolge der Entstehung der späteren Städte ist kaum etwas bekannt. Der Lagervicus von Romula (Reşca in Oltenien) wurde nach der Verlegung des Militärs vielleicht unter Antoninus Pius oder Mark Aurel zum Municipium. Mark Aurel verlieh der Zivilsiedlung neben dem Legionslager den Rang eines Municipiums (Apulum 1), und etwas später wird es bereits als Colonia erwähnt: Diese Rangerhebung kann spätestens unter Commodus erfolgt sein. Die Urbanisierung wurde unter der Herrschaft des Septimius Severus zu einem allgemein verbreiteten Prozeß. Die Canabae des Legionslagers von Apulum (Apulum II) und Potaissa wurden zu dieser Zeit Munizipien. Die Lagervicus Dierna (Orschowa) und Tibiscum (Zsuppa) wurden im 3. Jahrhundert Munizipien, vielleicht noch unter den Severern, Drobeta wurde Colonia. Potaissa und Apulum II verlieh Caracalla den Rang einer Colonia.. Die Stadt Malva kann vorerst noch nicht identifiziert werden: Einige sind der Meinung, sie sei mit Romula, anderen nach mit einer woanders zu suchenden, 230 Colonia gewordenen Stadt identisch.

Die Zahl der Städte Daziens betrug 11 bis 12, davon 3 oder 4 Munizipien und 8 Colonien (der Rang Ampelums ist ungewiß, die Identität Romulas und Malvas umstritten). Im Vergleich mit anderen Provinzen ist die Zahl der Städte gering. In dem kleineren Moesia Superior gab es 13 Städte und in dem nicht viel größeren Pannonien 20 bis 23 Städte. Während man bei den anderen Provinzen danach trachtete, ein sich über ihr gesamtes Gebiet erstreckendes gleichmäßiges Netz von Städten auszubauen, konzentrierte sich ein solches in Dazien auf die westliche Hälfte der Provinz.

In der gesamten Provinz fehlte in dem „Zivilisationsprozeß“ die Urbevölkerung, die anderswo eine so große Rolle spielenden civitates. Es scheint, daß gerade ihr Fehlen einer der wichtigsten Gründe für die erst späte, {43.} unter Septimius Severus erfolgte Verleihung des Stadtrechtes an einen bedeutenden Teil der Siedlungen (5 oder 6) war. In Dazien konnten Städte nur aus den nahe der Lager entstandenen Militärsiedlungen hervorgehen, denn allein dort entwickelten sich dazu geeignete, größere Gemeinschaften. Dafür aber bestanden im 2. Jahrhundert noch Hindernisse. Auf den unter militärischer Verwaltung stehenden Territorien lebten die Familienangehörigen der Soldaten, Veteranen, Händler und Handwerker. Mit der Municipiumwerdung dieser Siedlungen wäre aber auch die Aufgabe eines Teiles des Territoriums verbunden gewesen: Man hätte der Stadt die sie umgebende Flur anschließen müssen, obwohl diese bei der Versorgung des Militärs eine Rolle spielte. Zur Aufgabe des militärischen Territoriums konnte es erst unter Septimius Severus kommen. In der Stadtentwicklung verursachte dies die verspätete Urbanisierung Daziens. Der vielen Lager wegen war das als militärisches Territorium in Anspruch genommene Gebiet ausgedehnt. Zur Errichtung von größeren, von vornherein für Zivile gedachten Siedlungen waren jedoch durch die späte Eroberung und die geringe Zivilbevölkerung die Möglichkeiten nicht gegeben. Durch die kleine Zahl der Städte, zudem in einem begrenzten Gebiet (Westdazien), konnten sie nicht die Rolle übernehmen, erfolgreich und auf größeren Gebieten die römische Kultur zu verbreiten.

Die Ansiedlungen nach der Eroberung erbrachten offenbar kein befriedigenderes Ergebnis. In den 60er Jahren des 2. Jahrhunderts setzte dann auch die Abwanderung ein. Durch den langdauernden Krieg und die Pestepidemie hat die Vernichtung der Bevölkerung noch zugenommen, deren Mangel eine Entwicklung des städtischen Lebens verhinderte. Die schlechte wirtschaftliche Lage nach den Markomannenkriegen, die fehlende Städteautonomie verursachten Unruhen. Darum mußte man durch radikale Maßnahmen eine Verbesserung der Lage und die Besiedlung fördern. Dies hatte die Ius-Italicum-Verleihung zum Ziel. Spätestens unter Septimius Severus bekamen Sarmizegethusa, Napoca, Apulum, Potaissa und vielleicht auch Dierna die seltene Begünstigung der Grundsteuerfreiheit, um damit die Ansiedlung in Dazien erstrebenswert zu machen. Diese Maßnahmen waren zweifellos erfolgreich, denn durch Syrer und Ansiedler aus dem Osten stieg die Zahl der Bevölkerung. Zur gleichen Zeit – aber mit großer Verspätung – entstanden in der Severerzeit die Organisationen des provinzialen Kaiserkultes und des Provinziallandtages. Sehr auffallend ist das frühere Fehlen dieser – die bürgerliche Loyalität zum Ausdruck bringenden – Organisationen. Der Provinziallandtag war die die Städte und die Civitates der Urbevölkerung zusammenfassende höchste Organisation und hatte neben der Pflege des Kaiserkults die für die Bevölkerung wirklich wichtige Aufgabe der Interessenvertretung: Gegen den Statthalter konnte – nach Ablauf seines Mandats – wegen eventueller ungerechter Maßnahmen oder Machtüberschreitungen beim Kaiser Klage erhoben werden. Die Existenz einer solchen Organisation in Dazien vor der Machtergreifung der Severer ist nicht bewiesen, aber dann bezeugen zahlreiche Inschriften ihre Existenz. Die mit dem Sitz des Provinziallandtages im Zusammenhang stehende Bezeichnung „metropolis“ in dem Namen Sarmizegethusa kommt erst unter Severus Alexander (222–225) auf.

Die ungewöhnlich späte Einführung des Provinziallandtages hat wahrscheinlich zwei Gründe gehabt: Einerseits erachtete es die Regierung im {44.} 2. Jahrhundert wegen der geringen Städtezahl weder als notwendig, den Provinziallandtag einzuführen, noch den Kaiserkult besonders zu fördern. Die Zeremonien des Kaiserkultes wurden in den Lagern ohnehin regelmäßig vorgenommen, in den Städten wiederum versahen die augustales diese Aufgabe. Andererseits hielt die Regierung die lokale Bevölkerung für zu geringfügig, auch fehlte die Civitas-Organisation. Unter den Severern aber stieg mit der Zahl der Städte auch die der Zivilbevölkerung, und dadurch schienen die Bedingungen für den Provinziallandtag und eine Kaiserkultorganisation auf provinzialer Ebene gegeben. Den obersten Priester des Kaiserkultes bezeichnete man nach dem Sprachgebrauch in den östlichen Provinzen als coronatus, als Kranztragenden.

Die Städte und ihre höheren Organisationen waren bis zur Severerzeit entstanden. Zu dieser Zeit bestand Dazien bereits seit einem Jahrhundert und hatte in seiner Geschichte noch zwei bis drei friedliche Jahrzehnte vor sich, wodurch der Romanisierung der Städte ebenfalls Grenzen gesetzt waren.

Über die dörflichen Siedlungen ist wenig bekannt. Es scheint, daß durch das urbanisierte Gebiet auch die Verbreitung von Dorfwirtschaften beeinflußt wurde. Für solche Zentren des Grundbesitzes errichtete Gebäude kamen insbesondere in der westlichen Hälfte der Provinz, hauptsächlich in Siebenbürgen, und auch dort in der Nähe von Städten zum Vorschein. Die Hauptgebäude waren im allgemeinen nicht sehr groß, sie hatten meistens einen Grundriß von 400 m2. Die Innengestaltung war einfach, der fehlende Luxus (keine Mosaiken, Wandmalereien, Marmorverkleidung usw.) deutet darauf hin, daß die Villen Klein- oder Mittelgrundbesitzern gehört haben. Aus der für landwirtschaftliche Zwecke besser geeigneten Ebene Olteniens sind kaum Dorfwirtschaften bekannt.

Die Bewohner: Daker und Ansiedler

Über die Bevölkerung der neuen Provinz schreibt Eutropius folgendes: „…nach dem Sieg Trajans über Dakien wurden aus dem gesamten Gebiet der römischen Welt riesige Menschenmassen dort angesiedelt, um dieses Land und seine Städte zu bevölkern. In Dakien gibt es nämlich der langen Kriege des Decebalus wegen keine Männer mehr“ (Eutropius VIII, 6, 2). Der Geschichtsschreiber spricht darüber, daß sich im Laufe des Eroberungskrieges die Zahl der Urbevölkerung bedeutend verringert hat, weshalb Trajan dieses Gebiet beinahe von Grund auf neu bevölkern mußte. Bei der Provinzialisierung eines neuen Gebietes war eine solche Besiedlung die allgemeine Praxis, die Veteranen kamen so zu Grund und Boden. Den Soldaten folgten Familienangehörige und Händler. Wenn also nur davon die Rede gewesen wäre, so hätte Eutropius das nicht besonders hervorheben müssen. Er aber wies nachdrücklich auf den Grund der Besiedlung hin: auf die weitgehende Vernichtung der Urbevölkerung, auf die Entvölkerung des Gebietes.

Das Schicksal der Bevölkerung eines neu erworbenen Gebietes hing davon ab, nach welchen Vorereignissen und auf welche Weise Rom in seinen Besitz gelangt war. Wurde die Provinz auf friedlichem Wege erworben, so war das mit geringerem Blutverlust der Bevölkerung verbunden. In Dazien war das nicht der Fall: Trajan verleibte es dem Reich nach zwei schweren Kriegen ein, am Ende eines anderthalb Jahrhunderte dauernden Prozesses. Diese Kämpfe {45.} und Niederlagen machte die Daker bereits früh zu verhaßten Feinden (Cassius Dio LXVII, 6, 1 und 6, 5). Diese Meinung über die Daker verschlechterte sich noch durch die Taten des Decebalus nach dem ersten dakischen Krieg. Der König wurde in den Augen der Römer zum Eidbrüchigen; da er die Bedingungen des Friedensschlusses nicht eingehalten hatte, löste dies erneut einen Krieg aus. Auch andere Taten des Decebalus ließen keinen Zweifel über die Absichten des Königs aufkommen. Den in Gefangenschaft geratenen Longinus wollte er zuerst für sich gewinnen, und als das nicht gelang, „…erdreistete er sich, im Tausch für Longinus das bis zur Istros reichende Gebiet und die Kosten des Krieges zu verlangen“. Die Sorgen über die für Trajan unerfüllbaren Bedingungen beseitigte Longinus selbst, durch seinen Selbstmord (Cassius Dio LXVIII, 12, 1–5). Daraufhin versuchte Decebalus, Trajan durch Meuchelmörder in dessen mösischem Hauptquartier umbringen zu lassen (Cassius Dio LXVIII, 11, 3).

Die Taten des dakischen Königs hinterließen bei den Römern so tiefe Spuren, daß sie auf Jahrhunderte hinaus ihr Bild über dieses Volk bestimmten. Aufgrund der dem zweiten Krieg unmittelbar vorausgehenden Ereignisse darf man sich nicht wundern, daß die Römer die physische Vernichtung ihres Gegners anstrebten.. Die Liquidierung der das Imperium Romanum angreifenden Barbaren war für die Römer übrigens keine ethische Frage. Dieser Standpunkt, der bereits zur Zeit des Augustus festgelegt worden war (Res Gestae Divi Augusti 3), wurde auch später in die Praxis umgesetzt. Auch Mark Aurel hatte die Absicht, die Jazygen zu liquidieren (Cassius Dio LXXI, 16, 1–2). Die Vernichtung bedeutete natürlich nicht nur die Tötung der sich Widersetzenden, sondern auch den Verkauf der Bevölkerung als Sklaven, die Einberufung der Männer zum Militär und ihre Versetzung in entfernte Provinzen. Diese Daker, die bis zum Ende zu Decebalus gehalten hatten, durften also nicht mit Gnade rechnen. Das beeinflußte auch noch ihre allerletzte Tat, die auf der Triumphsäule des Trajan verewigt ist: Die führende dakische Schicht verübte in ihrer bedrängten Lage massenweise Selbstmord. Bei den 123 Tage dauernden Zirkusspielen nach den Kriegen kämpften 10 000 Gladiatoren (Cassius Dio LXVIII, 15), der überwiegende Teil von ihnen könnten dakische Kriegsgefangene gewesen sein. Nach Kriton, Arzt am kaiserlichen Hof, Teilnehmer am Feldzug und Geschichtsschreiber, war die Zahl der Gefangenen sehr hoch, aber Trajan ließ – wahrscheinlich nach der letzten Schlacht – nur 40 von ihnen am Leben. Selbst wenn diese Angaben übertrieben sind, veranschaulichen sie zutreffend das dakisch-römische Verhältnis sowie die sehr hohen dakischen Menschenverluste.

Die am Leben gebliebenen Männer wurden Hilfstruppen zugewiesen und nach Britannien sowie in den Osten geschickt. Über ihr späteres Schicksal ist kaum etwas bekannt. Nichts deutet darauf, daß irgendjemand nach seiner Entlassung in die einstige Heimat zurückgekehrt ist. Es ist auch nicht bedeutungslos, daß gerade der zentrale Landesteil des Decebalus eine neue Provinz wurde, das Gebiet, dessen Bevölkerung weitestgehend vernichtet worden war, und zwar nicht nur im Laufe des Kampfes, sondern weil sie bis zum Ende – viele bis zum Giftbecher – an der Seite von Decebalus ausharrte. In erster Linie war es die Bevölkerung dieses Gebietes, die von den Römern niedergemetzelt oder in die Sklaverei geschickt wurde oder vor den Eroberern in noch unbesetzte Gebiete flüchtete.

{46.} Ein wichtiges Moment bei der Organisation einer Provinz war die Einbeziehung der Urbevölkerung in eine für die Römer vorteilhafte administrative, territoriale Organisation (civitas peregrina). Die Civitates standen anfangs unter militärischer Kontrolle, aber auch die Führer des Volkes wurden mit in die Verwaltung einbezogen. Später übernahm die Führung der Civitates die von den Römern begünstigte Stammesaristokratie (principes). Die Civitates bedeuteten einerseits die organisatorische Form einer beginnenden Romanisierung, andererseits wurden sie zum Kern der späteren städtischen Gemeinschaften. In Dazien aber sind im Gegensatz zu anderen Provinzen keine Spuren dieser Organisation nachweisbar – möglicherweise, weil die führende Stammesschicht fehlte, die entweder bereits zur Zeit der Alleinherrschaft des Decebalus liquidiert oder im Laufe der Kriege zusammen mit der dakischen „Aristokratie“ vernichtet worden war. Bezeichnenderweise ist von den einstigen Stammes- oder Volksnamen Dakiens in der Provinzialepoche nur ein einziger erhalten geblieben: vicus Anar(torum), das Dorf der Anartessen in Nordsiebenbürgen (CIL III, 8060). Seine Bewohner aber waren keine Daker, sondern von diesen unterworfene Kelten. Nur ein Prinzeps ist dem Namen nach bekannt: Aurelius Aper. Aber auch er war kein Daker, sondern ein Stammesführer aus Dalmatien (CIL III, 1322). Ein anderer Grund für das Fehlen der Civitates kann die geringe Zahl der Urbevölkerung sein. Darum erachtete es die Regierung nicht als notwendig, für die restlichen Daker die der Romanisierung förderliche Verwaltungsform einzuführen. Das bedeutete also gleichzeitig auch, daß der Rest der Urbevölkerung nicht an dem zur Romanisierung führenden städtischen Leben teilgenommen hat. In den Inschriften der Provinz, in den städtischen Körperschaften sind Träger von thrako-dakischen Personennamen nicht vertreten.

Schrift- und archäologische Denkmäler versetzen uns in die Lage, die Details der mit den Worten Eutropius’ „ex toto orbe Romano “ durchgeführten Ansiedlung kennenzulernen. Die erste Gruppe von Siedlern bildeten die Legionsveteranen mit römischem Bürgerrecht, die bei der Gründung Sarmizegethusas angesiedelt wurden. Ein Teil dieser Veteranen, aus deren Personennamen man darauf schließen kann, daß sie aus Italien stammten, kam aus den früher im Rheingebiet, in Westpannonien und Mösien stationierten Legionen. Westpannonische oder norische Herkunft ist in den Inschriften selten angegeben. Ihre typischen Personennamen aber deuten auf eine solche Abstammung. Aufgrund der für norisch-pannonisches Gebiet charakteristischen Bestattungseigenheiten, der Verbreitung ihrer gegenständlichen Funde in Dazien und hauptsächlich einzelner Merkmale ihrer archäologischen Hinterlassenschaften in Norddazien kann die Zahl der von dort Angesiedelten als bedeutend angenommen werden.

Die andere von der mittleren Donau umgesiedelte Gruppe kam von Dalmatien nach Dazien. Zahlreiche Inschriften beweisen, daß sie in geschlossenen Gemeinschaften kamen und fast als Stammesteile angesiedelt wurden, hauptsächlich im territorium metalli. Ein Teil von ihnen besaß noch nicht das römische Bürgerrecht, sondern war Peregrinus. Sie lebten im Siebenbürgischen Erzgebirge in geschlossenen Gemeinschaften (vicus Pirustarum), und sie waren es, die mit dem Bergbau begannen. Von den Nachkommen der aus Dalmatien, Pannonien und Noricum Stammenden stiegen viele in die Reihen der munizipalen Führungsschicht auf. Aus {47.} Pannonien und Noricum kamen nicht nur römische Bürger nach Dazien, sondern auch ein großer Teil der Träger keltischer Personennamen (Bonio, Bucco, Cotu, Veponius).

Zu dem bunt gemischten ethnischen Bild der Provinz hat das Militär in großem Maße beigetragen. Unter den in Dazien stationierten Hilfstruppen gab es viele auf ethnischer Grundlage organisierte Verbände. Gerade darum überrascht es, daß trotz der hohen Zahl der Soldaten thrakischen Ursprungs und der vom Balkan nach Dazien Übergesiedelten die Zahl der thrakischen Personennamen in der Provinz so gering ist. Der Grund dafür kann sein, daß sich die aus einem nahen Gebiet stammenden Soldaten nach Ablauf ihrer Dienstzeit nicht in Dazien niederließen, sondern in ihre Heimat zurückkehrten. Viele stammten aus den östlichen Provinzen bzw. aus den südlichen Teilen des Balkans, somit aus griechischem Sprachgebiet.

Die Römer setzten in schwer zu verteidigenden, zerklüfteten Gebirgslandschaften sehr gern Sondereinheiten ein, beispielsweise die Bogenschützen aus Palmyra. In Westdazien waren sogar drei Verbände von ihnen stationiert. Es gab hier aber auch andere syrische Truppen, die meisten davon ebenfalls Bogenschützen oder andere kommageneische Einheiten. Die Zahl der Bevölkerung aus dem Osten, aus Kleinasien, stieg nach den Markomannenkriegen noch weiter an.

Die Zahl der für eine Auswertung geeigneten Personennamen der Provinz beträgt ca. 3000, ca. 2000 davon sind römische Namen, 320 sind griechischen oder östlichen, 120 illyrischen, 70 keltischen und 60 semitischen (syrischen) Charakters. Die Zahl der thrakisch-dakischen Namen beträgt ebenfalls 60, also nicht mehr als 2 % des gesamten Namenmaterials. Den überwiegenden Teil davon bilden echte thrakische Namen, deren Träger aus Gebieten südlich der Donau stammen konnten. Bisher ist noch kein Versuch erfolgreich ausgefallen, die Personennamen dieser beiden – im übrigen in der Frage ihrer Verwandtschaft umstrittenen – Völker voneinander zu trennen, deshalb werden sie zusammen registriert. Es ist aber auf alle Fälle charakteristisch, daß die mit Sicherheit als dakisch zu bezeichnenden Personennamen (Bitus, Butus, Decebalus, Diurpanaeus, Sassa, Scorillo) gerade nicht in Dakien, sondern in anderen Teilen des Reiches vorkommen, wohin die Daker als Sklaven gelangten. Im Noricum, wo die Romanisierung bereits 100 Jahre früher einsetzte, machen die Personennamen der Urbevölkerung 24 % des Personennamenmaterials aus. Bei der Romanisierung Daziens ist also der Anteil der Daker minimal.

Die Umsiedlung der Bevölkerung norisch-pannonischen und illyrischen Ursprungs zeigt die Verbreitung der Hügelgräberbestattungen in Dazien, hauptsächlich in Siebenbürgen. Über der Asche des auf einem Scheiterhaufen verbrannten Toten wurden kleinere oder größere Hügel angelegt. Dieser Brauch war in Westpannonien und im benachbarten Ostnoricum verbreitet. Die enge Verbindung zwischen diesen beiden Gebieten wird nicht nur durch die Hügelgräber, sondern auch durch die als Beigaben in die Gräber Daziens gelangten charakteristischen norisch-pannonischen Tongefäßtypen angezeigt (Dreifußschalen, schalenförmige Deckel, große Schalen mit senkrechter Wandung). Das größte Gräberfeld der norisch-pannonischen Siedler ist das Gräberfeld von Honigberg mit 300 Hügelgräbern. Weitere Gräberfelder fand man in Kaltbrunnen und Grabendorf. Außer den Gräbern mit Grabhügeln aus Erde sind auch Gräber mit Steinwand und Umrandung zum Vorschein {48.} gekommen. Das schönste und älteste Grab dieser Art wurde in Sarmizegethusa freigelegt: Das sehr große Grab (21 m im Durchmesser) der Familie Aurelius lag über dem Grab eines Mädchens. Die Gräber des kleinen Gräberfeldes von Csolnakos sind von einer runden Wandung umgeben. Nahe Analogien sind ebenfalls aus Westpannonien (Carnuntum in Österreich) bekannt.

Außer den Bestattungssitten gibt es über die Phänomene im Zusammenhang mit der Glaubenswelt auf norisch-pannonischem Gebiet nur wenig Spuren. Die aus keltisch-germanischem Gebiet hierher Übersiedelten konnten den Kult der Sulaviae, Epona und des Hercules Magusanus mitgebracht haben. Die Verbreitung des Silvanus-Kultes in Dazien kann eventuell ebenfalls auf engere pannonische Verbindungen zurückgeführt werden. Der Altar des Iuppiter Depulsor verweist auf die Gegend um Poetovio (heute Ptuj/Jugoslawien/Slowenien) in Südwestpannonien, wo dem „schützenden“ Iuppiter gewidmete Altäre zum Vorschein gekommen sind. Den dazischen Altarstein hat übrigens eine Person illyrischen Namens aufgestellt.

Über die Gebrauchsgegenstände und das Kleidungszubehör der von Süden und Osten, hauptsächlich aus Syrien Übersiedelten ist wenig bekannt, um so mehr aber über ihre religiösen Denkmäler. Zweifellos ist der eine Typ ihrer Grabtafeln – auf dem der Verstorbene während des Leichenschmauses dargestellt ist – südlichen, griechischen Ursprungs. Ebenfalls auf südliche Einflüsse hin haben sich die marmornen Kultbilder der Pferdegottheiten an der Donau verbreitet. Derartige Denkmäler sind eher in der südlichen Hälfte der Provinz in größerer Zahl zum Vorschein gekommen. Die Keramikindustrie Süddaziens weist zu der Mösiens Verbindungen auf.

Bedeutend ist die Zahl der Altäre und Tempel, die die aus dem Nahen Osten Stammenden ihren heimatlichen Göttern (Diis patriis) gewidmet hatten. Das spricht für ihre Bindung an die Heimat und ist eine Folge der organisierten, intensiven Verehrung der heimatlichen Kulte. An erster Stelle stand die Verehrung des dolicheischen Hauptgottes, der identisch mit Jupiter war. Von den ihm zu Ehren aufgestellten Altären und Kultbildern sind zahlreiche in Dazien zum Vorschein gekommen. In Sarmizegethusa, Porolissum und Micia hatten die Palmyraer ihre eigenen Tempel. In den Inschriften bezeugen zahlreiche östliche Götternamen ihren Ursprung und ihre unterschiedlichen Riten (Iuppiter Tavianus, Erusenus, Mater Troclimene, Iuppiter Heliopolitanus, Azizus, Bonus Puer, Balmarcades, Nabarazes, Malagbel, Bellahamon, Benefalarobolas).

Dazien gehört zu den lateinischen Provinzen: Die Verwaltung arbeitete in lateinischer Sprache, offizielle Inschriften wurden lateinisch abgefaßt und in Stein gemeißelt. Gebrauch und Verbreitung des Lateinischen förderten die aus lateinischem Sprachgebiet stammenden und nach Dazien gesandten Legionäre und westlichen Siedler – insofern sie Nachfahren von Italikern waren und lateinisch sprachen. Bei den Illyriern und Kelten kann man aufgrund ihrer frühzeitigen Umsiedlung nicht annehmen, daß sie zweisprachig gewesen waren, also die höhere Stufe der Romanisierung bereits erreicht hatten. Vielleicht sprachen sie schon lateinisch, hatten sich aber die Sprache in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts noch nicht zu eigen gemacht: Der Prozeß ihrer Romanisierung hat in diesem Fall erst in Dazien stattgefunden. Ebenso verhielt es sich mit den Pirusten aus Dalmatien. Andere Umsiedler kamen aus {49.} Gebieten mit Griechisch als Verwaltungssprache. Ein Teil von ihnen kam – ähnlich den aus der Urbevölkerung stammenden westlichen Siedlern – aus Gegenden, wo die Bevölkerung weniger hellenisiert war. Sie sprachen noch ihre eigene Sprache, wie z. B. die Galater. Zahlenmäßig waren die Bogenschützen aus Palmyra und ihre Familienangehörigen in der Mehrzahl. Sie hatten ihre eigene Schrift, die hin und wieder auch in Inschriften auftaucht. Trotz ihrer geringen Anzahl sind sie nicht zu unterschätzen, weil die Syrer in anderen europäischen Gemeinschaften nicht vorkommen. Es existieren mehrere griechische Inschriften, die – auffallend in einer Provinz mit lateinischer Sprache – nicht nur in einer Stadt, sondern – genau wie die syrischen Inschriften – verstreut über die gesamte Provinz zum Vorschein kommen. Häufig sind auch die griechischen oder orientalischen Buchstabeneinritzungen auf Ziegeln und Gefäßen. Beide Sprachen wurden also überall in der Provinz gesprochen. Es gibt zu denken, daß Apulum nicht auf lateinisch als „Goldstadt“ bezeichnet wurde, sondern auf griechisch (Chrysopolis) und daß der oberste Priester des Kaiserkultes ebenfalls der griechischen Terminologie entsprechend bezeichnet wurde.

Die aus dem Süden stammenden Siedler kamen aus dem offiziell griechisch sprechenden Thrakien und aus dem offiziell lateinisch sprechenden Mösien, wobei Mösien in Wirklichkeit griechisch-lateinisches Sprachgebiet war. Die ebenfalls aus dem Süden kommenden Thraker förderten ebensowenig die Verbreitung des Lateinischen. Überwiegend waren sie Soldaten, deren Dienstsprache zwar Lateinisch war, deren Geburtsort aber teilweise auf griechischem Sprachgebiet lag. Sie behielten ihre Muttersprache lange Zeit und bewahrten auch ihre charakteristischen Namen bis in frühbyzantinische Zeit. Darum konnten die aus Thrakien stammenden Soldaten, die zu Beginn des 2. Jahrhunderts ohnehin kaum mehr als 60 Jahre unter römischer Verwaltung gestanden haben konnten, in Dazien noch nicht Lateinisch als Muttersprache gesprochen haben. Das Beispiel der Thraker als eines der am wenigsten romanisierten Völker des Reiches macht darauf aufmerksam, daß – wenn man eine Verwandtschaft zwischen dem thrakischen und dem dakischen Volk voraussetzt – dieser Prozeß auch bei den Dakern sehr langsam vor sich gegangen ist. Da Dazien viel kürzere Zeit existierte als jede andere Provinz, insgesamt 165 Jahre, kann man nicht annehmen, daß die Urbewohner die lateinische Sprache übernommen haben.

Dazien war also sprachlich gesehen gemischt. Als einheitliche Sprache hätte sich zweifellos die offizielle Sprache der Provinz, nämlich Latein, angeboten. Lateinisch aber sprachen auf Muttersprachenniveau nur die Verwaltungsleiter, das Offizierskorps und anfangs die Mehrheit der Soldaten einer, nach 167 die von zwei Legionen. Um einen Sprachwechsel der Urbevölkerung erfolgreich durchzusetzen, hätten sich zuerst bei den neuen Bewohnern starke lateinische Sprachgemeinschaften herausbilden müssen.

Die Möglichkeiten für eine Romanisierung der Bevölkerung waren also begrenzt. Für die Staatsführung war die Romanisierung der Daker – wie es scheint – bei weitem nicht so wichtig wie die der Bevölkerung anderer Provinzen. Wer war überhaupt die Urbevölkerung? Die nach der Eroberung in der Provinz lebende dakische Restbevölkerung: Die archäologischen Funde sprechen dafür. Einige ihrer Siedlungen und Gräberfelder wurden gefunden. Ihre Zahl jedoch ist gering, und auch ihre Chronologie ist nicht in jedem Fall befriedigend geklärt. Fraglich ist, ob die teilweise freigelegten Siedlungen {50.} auch nach der römischen Besetzung noch bewohnt waren. Gräber, die sich an Siedlungen der autochthonen Bevölkerung anschlossen, wurden in Obrázsa, Leknitz, Iacobeni, Radnuten und Schäßburg gefunden, in den Grabinschriften aus Schäßburg kommen aber illyrische Namen vor. Die Zeit der Benutzung der Gräberfelder, die der Urbevölkerung zugesprochen werden können, erstreckt sich aber nicht über den Zeitpunkt der Aufgabe der Provinz hinaus. Die Gräberfelder bestehen zum überwiegenden Teil aus Brandbestattungen. Die Toten wurden im allgemeinen an ein und derselben Stelle verbrannt, dann die Asche in ovale, in die Erde vertiefte Gruben gestreut oder in Urnen beigesetzt. Letztere werden im allgemeinen für dakische Bestattungen gehalten, obwohl dieser Ritus in anderen Provinzen mit der römischen Bevölkerung zu verbinden ist. Selten sind Gräber, auf denen der Tote am Bestattungsplatz auf einem Scheiterhaufen eingeäschert wurde, dieser Brauch ist im allgemeinen bei den Hügelgräbern zu beobachten. Die unterschiedlichen Bestattungssitten kommen manchmal auch innerhalb eines Gräberfeldes vor. Skelettbestattungen fanden seit Ende des 2. Jahrhunderts in den städtischen Gräberfeldern Verbreitung (Apulum, Napoca).

Bei der ethnischen Zuordnung der Gräberfelder ist die Ansiedlung von zwei bekannten Volksgruppen der freien Daker Ende des 2. Jahrhunderts in der Provinz zu berücksichtigen. Aus einigen Gräberfeldern Daziens ist Silberschmuck zum Vorschein gekommen (z. B. in Mezõszopor), der den außerhalb der östlichen Provinzgrenze lebenden Karpen mit dakischer Kultur zuzuschreiben ist.

Die Hinterlassenschaft der dakischen Restbevölkerung ist einfach und kann außer an den Siedlungs- und Gräberfeldphänomenen nur noch mit Hilfe der bei den Ausgrabungen zum Vorschein gekommenen Töpferprodukten untersucht werden. Es sind von ihr keine Inschriften, Steinmetzarbeiten, Trachtendarstellungen oder Schmuckstücke erhalten geblieben. Die Spuren ihrer materiellen Kultur beschränken sich fast ausschließlich auf das Töpferhandwerk. Von der früheren, abwechslungsreichen dakischen Keramik sind bis in die Provinzialepoche nur einige Typen erhalten geblieben, gekennzeichnet durch ihre handgefertigte Technik. Scheibengedrehte dakische Gefäße sind zur Kaiserzeit selten. Der Gefäßkörper ist manchmal mit Fingereintiefungen oder einer Auflage in Form einer gedrehten Schnur und Varianten davon verziert. Der andere charakteristische Gefäßtyp ist die dakische Tasse: sie ist niedrig, dickwandig, mit sich zur Mundöffnung hin bogenförmig verbreiterndem Henkel, manchmal auch mit 2 Henkeln. All das deutet auf die sehr einfache Lebensweise der unteren Schichten der dakischen Gesellschaft vor der Eroberung hin.

Das dakische Töpferhandwerk der Provinz ist unter dem Gesichtspunkt der Romanisierung von Bedeutung. Die von den pannonischen Töpfern mit der Hand geformten Gefäße reichen nicht über das 2. Jahrhundert hinaus, sie verschwanden, und bis zum 3. Jahrhundert hatte sich eine einheitliche, scheibengedrehte, provinziale Keramik herausgebildet. In Dazien ist aber kaum eine Wechselwirkung zwischen dem Keramikhandwerk der Urbevölkerung und den Ansiedlern zu erkennen. Die unveränderte Töpferindustrie beweist gerade die Nicht-Romanisierung der Urbevölkerung. Der lange, stufenweise und mit Hilfe von archäologischen Funden in anderen Provinzen detailliert zu verfolgende Romanisierungsprozeß ist in Dazien nicht nachweisbar.

{51.} Die Romanisierung war ein langer Prozeß, der in den eroberten, zu Provinzen umgestalteten Gebieten allmählich vor sich ging. Als dessen Ergebnis übernahm die Urbevölkerung die römischen Sitten, das eine oder andere Element der römischen Kultur, schließlich immer mehr von dieser. Zuerst veränderte sich ihre materielle Kultur durch den Einfluß der römischen Technik und Formen. Die Lebensbedingungen eines Teiles der Urbevölkerung veränderten sich ebenfalls. Die Romanisierung war mehr oder weniger ein freiwilliger Prozeß, dessen Rahmen durch die Verwaltungsorganisation, die Civitates, gewährleistet war sowie durch die Urbanisierung und den Militärdienst gefördert wurde. Die einzelnen Stammesgruppierungen lösten sich langsam auf; der lange Militärdienst, die Teilnahme am städtischen Leben und am Handel waren mit einer immer größeren gesellschaftlichen Umgestaltung verbunden. Dieser über Generationen andauernde Prozeß führte erst zur Zweisprachigkeit, dann aber zum Sprachwechsel. Er dauerte in den Provinzen des Reiches im allgemeinen 400 Jahre und war sogar während dieser Zeit noch nicht abgeschlossen. Die Romanisierung wurde von klar erkennbaren äußeren Maßnahmen begleitet bzw. gefördert, die stufenweise Anpassung und Assimilation kann an Hand der archäologischen Funde der Provinzen gut verfolgt werden. Von all dem sind in Dazien keinerlei Spuren zu finden.

Die Vielsprachigkeit der in Dazien angesiedelten Bewohner begünstigte von vornherein nicht die sprachliche Umgestaltung der dakischen Restbevölkerung. Wie sollten die Bewohner in der Umgebung von Lagern die lateinische Sprache kennenlernen, wenn dort nur syrische oder thrakische Mannschaften stationiert waren? Für die Urbewohner existierte anderswo keine Civitas-Organisation, durch die die Umgestaltung hätte beginnen können. Deren Fehlen ist so auffallend, daß man den Grund dafür möglicherweise nicht nur in der unbedeutenden Bevölkerungsgröße zu suchen hat, sondern auch darin, daß die Eroberer überhaupt keine Romanisierung der Restbevölkerung anstrebten. Es fehlte die führende Stammesschicht, mit der die Römer die Verbindung hätten aufnehmen können. Die Urbanisierung ging nur langsam voran und beschränkte sich auf die eine Hälfte der Provinz. Die Urbevölkerung nahm nicht am städtischen Leben teil, obwohl das doch der zur Romanisierung führende mögliche Weg gewesen wäre.

Es liegen keine Angaben darüber vor, daß in Dazien einige Jahrzehnte nach der Eroberung mit der Einberufung der Urbevölkerung in sprachlich differenzierte Truppen begonnen worden wäre, wie es in anderen Provinzen geschah. Auch manifestiert sich die dakische Glaubenswelt nicht in irgendwelchen religiösen Denkmälern. Kein einziger dakischer Göttername ist aus der Provinz bekannt. Trotz entsprechender Versuche kann der dakische Kult keines einzigen römischen Gottes bewiesen werden, daß sich eventuell als Ergebnis der interpretatio Romana eine lokale Gottheit hinter einem römischen Götternamen verborgen hätte. Die für die römische Kultur, das alltägliche Leben so charakteristische Aufstellung von Inschriften fehlt bei den Dakern.

Die Provinz bestand 165 Jahre. In so kurzer Zeit ist eine Assimilation und ein vollkommener Sprachwechsel unmöglich. In dem mit Italien benachbarten Pannonien und in anderen Provinzen erfolgte in den ersten 160 Jahren der römischen Herrschaft ebenfalls keine Romanisierung der materiellen Kultur; die Gebrauchsgegenstände und Trachten veränderten sich erst nach der Krise {52.} der Markomannenkriege, und erst in dem darauffolgenden und für einen solchen Zweck benötigten Zeitraum von 200 Jahren hat sich der Romanisierungsprozeß voll entfalten können. In Dazien erfolgte nach den Menschenverlusten in den Markomannenkriegen eine erneute Ansiedlung aus dem Osten, dann nach einem Menschenalter des Friedens in der Severerzeit eine ebenso lange kriegerische Periode und schließlich die Aufgabe der Provinz. Die Romanisierung der in der Provinz nach der römischen Eroberung verbliebenen dakischen Restbevölkerung ist durch nichts zu beweisen. Die höchste Stufe dieses Prozesses – der Sprachwechsel, die Übernahme des Lateinischen als Muttersprache -läßt sich in Dazien nicht nur nicht beweisen, sondern die Denkmäler der historischen und gesellschaftlichen Entwicklung sprechen ausdrücklich dagegen.

Zerfall und Rückzug

Die 20er Jahre des 3. Jahrhunderts sind der letzte friedliche Abschnitt in der Geschichte Daziens. Als Kaiser Severus Alexander im Jahre 231 mit den Detachements der illyrischen Armee in den Krieg gegen die Perser zog, war zur gleichen Zeit auch die Gotenwanderung vom Nordwesten zum Schwarzen Meer beendet, deren erste Phase die Völker des Karpatenbeckens in Bewegung gebracht hatte. Die Goten ließen sich – da ihnen das Schwarze Meer das Weiterwandern versperrte – in der Südukraine und an der Nordküste des Meeres nieder. Das aber wiederum brachte weder dem Reich noch Dazien Frieden. Die kurze, friedliche Periode waren nur Jahre des Kräftesammelns der Goten, die dann Mitte der 30er Jahre mit ihren Angriffen jahrzehntelang derartige Zerstörungen in den balkanischen Provinzen und Dazien verursachten, wie sie das Römische Reich bisher noch nicht erlebt hatte. Zur Zeit Kaiser Maximins (235–238) erfolgte der erste Angriff auf Dazien. Der Herrscher nahm 236 unter seine Titel das auf einen Sieg im Kriege verweisende Attribut Dacicus maximus auf, was daraufhin deutet, daß die Kämpfe auf dem Gebiet Daziens stattgefunden hatten. Die Provinz wurde in erster Linie von den durch die Goten nach Westen gedrängten freien Dakern und Karpen angegriffen. Die Kämpfe wurden unter der Herrschaft Gordians III. (238–244) fortgesetzt, zu dieser Zeit griffen die Karpen den Limes Transalutanus an. Den Schrecken über ihre Angriffe beweisen zahlreiche Schatzhortfunde in Dazien, in der Dobrudscha und Mösien. Die Bedrohung bezeugen mehrere Dutzend Münzfunde, die unter seiner Herrschaft und seinen Nachfolgern versteckt wurden. Der Provinziallandtag Daziens brachte auf einer Inschrift (CIL III, 1454) Gordian noch seinen Dank zum Ausdruck. Dann aber griffen die Karpen 245 bis 257 weitaus stärker als bisher an der Ostfront an, und der Limes jenseits des Alts brach zusammen. Um Dazien zu helfen, zogen auch pannonische Truppen auf. Trotz vorübergehender Erfolge mußte der Limes Transalutanus aufgegeben werden. Da archäologische Angaben fehlen, ist der genaue Zeitpunkt nicht bekannt, es muß aber bis 248 erfolgt sein, da die innere Linie, der Alt-Limes, Frontlinie wurde. Das am Alt gelegene Romula wurde von Legionskommandos aus Moesia Superior und Germanien mit einer Schutzmauer umgeben (IDR II, 324–328).

In den Jahren 246/47 wurde – nachdem die lokale Münzprägung in Mösien eingestellt worden war – zwecks Beseitigung der Soldauszahlungsprobleme im {53.} unteren Donaugebiet in Viminacium eine Münzprägestätte eingerichtet, die Dazien 11 Jahre lang mit Münzen versah. Zudem erhielt die Provinz selbst das Recht zur Münzprägung.

Die Kämpfe aber wurden nicht eingestellt. Auf einer Inschrift aus Apulum wird Traianus Decius (249–251) als restitutor Daciarum, als Erneuerer der dazischen Provinzen, bezeichnet. In Sarmizegethusa wurde ihm zu Ehren eine Bronzestatue aufgestellt. 250 nahm auch er den Titel Dacicus maximus an. All das deutet darauf hin, daß es gelang, die Angriffe zurückzuschlagen. Mitte des 3. Jahrhunderts wurde in den Militärlagern Ostsiebenbürgens der Geldumlauf eingestellt. Das kann darauf hindeuten, daß das Militär die Festungen verlassen hatte. Für die Räumung der nordöstlichen Gebiete spricht die Mitte des Jahrhunderts gefertigte Karte, die Tabula Peutingeriana, auf der weder der Limes Transalutanus noch die römischen Straßen Ostsiebenbürgens eingetragen sind. Der Einfall der Karpen setzte nachweisbar die Abwanderung der Bevölkerung von der Donau nach Süden, nach Mösien, in Gang. Die Mutter des späteren Kaisers Galerius verließ Dazien aus Furcht vor den Karpen zur Zeit der Herrschaft des Philippus (Lactantius, De mortibus persecutorum 9, 2; Aurelius Victor, Epitomae de Caesaribus 10, 16). Sie ist wahrscheinlich nicht die einzige gewesen, die bereits zu diesem Zeitpunkt diesen Weg wählte.

Von den Einfällen in Dazien berichten die Quellen kaum etwas. Denn der Schauplatz der schwerwiegendsten Kriegsereignisse war nicht Dazien, das seine militärische Rolle und Bedeutung verloren hatte, sondern der Balkan. Gallienus wurde 257 Dacicus maximus, was ein Zeichen für sein Auftreten gegen die Karpen ist. Spätestens zu dieser Zeit werden in dem einen oder anderen Lager der Provinz noch Bauarbeiten vorgenommen. Die breiten Toröffnungen des Lagers von Énlaka, Rosenau, Sebesváralja und Porolissum werden teilweise oder ganz zugemauert, um den Zugang zu erschweren. Unter der Herrschaft des Gallienus (bis 260) wird – laut unseren Kenntnissen – die Aufstellung von Inschriften in Dazien eingestellt. Der Rückgang des Geldumlaufs in Westdazien wird dadurch bestätigt, daß aus den Lagern und Städten – mit Ausnahme des Militärzentrums Apulum – aus dieser Zeit kaum noch Münzen zum Vorschein kommen. Der Geldmangel – eine Begleiterscheinung der Krisen Mitte des 3. Jahrhunderts – wird noch durch die Einstellung der Münzstätte in Viminacium 257/58 gesteigert, sie wird aufgelöst und abtransportiert. Während der drei Jahrzehnte des Krieges versank das Reich infolge des erfolglosen Kampfes an mehreren Fronten, der katastrophalen Wirtschaftslage, des ständigen Geldmangels und der inneren Machtkrisen in Anarchie. Am Ende der 50er Jahre jedoch, nach dem durch die früheren Einfälle verursachten, maßlose Leiden mit sich bringenden Tiefpunkt, begann Gallienus mit starker Hand die Reorganisation des Reiches. Aus den Sondertruppen, die von den Legionen abgezogen wurden, stellte er ein bewegliches Heer auf und vertrieb mit dessen Hilfe im Jahre 260 die bis nach Italia vorgedrungenen Alemannen und festigte die Front am Rhein.

Zum Schutze Italias und Illyricums organisierte Gallienus in dem zentral gelegenen Poetovio ein militärisches Zentrum, in dem in den 60er Jahren unter dem Kommando des Flavius Aper praepositus die Legionen Daziens, die legio V Macedonica und die legio XIII Gemina stationiert wurden. Das Militär richtete sich dauerhaft in dieser Stadt ein. Seine Anwesenheit beweisende Inschriften auf Marmor und Reliefs sind in einem der Mithras-Heiligtümer der Stadt zum Vorschein gekommen, der Neuaufbau des {54.} Heiligtums und dessen Einrichtung ist das Ergebnis seiner Tätigkeit. Die Anwesenheit des militärischen Stabs, des Kommandobüros in Poetovio zeigt, daß die beiden Legionen, wenn auch nicht zur Gänze, so doch mit zahlreichen Sondertruppen in der Stadt stationiert waren. Aus Dazien, das seine militärische Bedeutung endgültig verloren hatte und von Barbaren umgeben war, wurden daher die Truppen abgezogen. Das war die Fortsetzung der früheren teilweisen Gebietsaufgabe und ein Vorspiel zu den späteren Ereignissen.

Abb. 2. Die von den in den 260er Jahren aus Dazien abgezogenen Legionen für Mithras errichteten Altäre im westpannonischen Poetovio

Abb. 2. Die von den in den 260er Jahren aus Dazien abgezogenen Legionen für Mithras errichteten Altäre im westpannonischen Poetovio

Die Reorganisation der Provinzen im Donaugebiet wurde dadurch gefördert, daß die gotischen Feldzüge nach den reihenweisen Angriffen an Kraft verloren hatten. Kaiser Claudius II. schlug 269 bei Naissus (Niš in Jugoslawien) ihre Armee, das Attribut Gothicus des Kaisers beweist den tatsächlichen militärischen Sieg über sie und wurde zum ständigen Bestandteil seines Namens. Sein Nachfolger, Aurelian, befreite Illyricum und Thrakien – bevor er in den östlichen Krieg zog – von den plündernden Barbaren, überquerte die Donau und errang über die Goten bereits auf deren eigenem Gebiet einen Sieg. In den Kämpfen fiel auch der König der Goten, Cannabaudes. Der Krieg kam zu dieser Zeit an der unteren Donau zum Stillstand. Der Sieg brachte Erleichterung für die Bevölkerung, Dazien aber konnte nicht mehr gerettet werden. Auf den zu Beginn der Herrschaft {55.} Aurelians, im Jahre 270 geprägten Münzen künden neben der Aufschrift GENIUS ILLYRICI die Aufschriften PANNONIA und DACIA FELIX von der Wichtigkeit Illyricums und dem Glück Daziens, das dem Reich erhalten geblieben war. Möglicherweise bezieht sich die Münzaufschrift tatsächlich auf die Rettung des trajanischen Daziens, wahrscheinlich ist aber, daß sie sich nur auf die Rettung der Bevölkerung bezieht und die neue, südlich der Donau gegründete Provinz Dacia gefeiert wird. Als sich nämlich Aurelian an Ort und Stelle von den Zuständen überzeugt hatte, hielt er es nicht mehr für sinnvoll, die von den Einfällen stark mitgenommene Provinz mit ihrer zusammengeschrumpften Bevölkerung weiterhin zu halten. Die noch dort stationierten Truppen wurden in kurzer Zeit abgezogen und die verbliebene Bevölkerung nach Mösien umgesiedelt. Um den Schein zu wahren, wurde zwischen den beiden Mösien unter dem Namen Dacia (Ripensis) eine neue Provinz gegründet, mit der Hauptstadt Serdica (Sofia).

Karte 3. Die Aufgabe Daziens

Karte 3. Die Aufgabe Daziens
1 = Singidunum, 2 = Viminacium, 3 = Ratiaria, 4 = Oescus, 5 = Novae, 6 = Durostorum, 7 = Mitte des 3. Jahrhunderts verborgene Münzschätze als Zeichen der Zerstörung der alten Dacia

Die letzten 40 Jahre der Geschichte Daziens hatten erneut bewiesen, was bereits unter Hadrian klar geworden war: Der Provinz kam beim Schutz der Balkanprovinzen und den inneren Gebieten des Reiches keine eigentliche Bedeutung zu. Die Sarmaten und Goten konnten ungehindert in beide Mösien und Thrakien einfallen. Selbst mehrere Zehntausend Soldaten waren {56.} nicht in der Lage, diese hier sehr lange Grenze des Reiches zu schützen. Mit dem Abzug der Römer aus Dazien machte es Aurelian wieder möglich, die bedeutend verkürzte Grenze des Reiches zu schützen, genauso wie in Germanien und Rätien, in dem Dreieck zwischen Rhein und Donau. Den Donaulimes ließ er so verstärken wie am Ende des 1. Jahrhunderts. Die legio XIII Gemina zog nach Ratiaria, die legio V Macedonica wiederum an ihren ursprünglichen Standort vor 170 Jahren, nach Oescus. Durch die Verkürzung der Frontlinie konnte Aurelian einen Teil des illyrischen Militärs in dem Wissen nach Osten begleiten, daß die Balkanprovinzen nunmehr in Sicherheit waren.

Das Schicksal der Provinzbewohner nach der Räumung

Über die Aufgabe und Räumung Daziens sind sich die Quellen einig. Eutropius (IX, 15) berichtet: Aurelian „[…] räumte, nachdem ganz Illyricum und Mösien vernichtet worden waren, die Provinz Dacia, die Trajan am jenseitigen Ufer der Donau gegründet hatte, und nahm Abstand davon, daß sie noch zu halten sei. (Darum) siedelte er die aus den Städten und Ländereien Daziens evakuierten Römer in der Mitte Mösiens an und bezeichnete dieses Gebiet als Dazien. Dadurch wurde Mösien zweigeteilt, und das, was vormals am linken Ufer war, ist jetzt am rechten“. Es stellt sich nun die Frage: Kann man trotzdem annehmen, daß auf dem Gebiet der einstigen Provinz eine so große Masse auf sich gestellter, vom Reich im Stich gelassener, lateinisch sprechender römischer Bürger verblieben ist, die die Zeit der Völkerwanderung Überstanden und zu Vorfahren eines neolateinischen Volkes werden konnten? Eutropius’ Mitteilungen kann man nur für den Fall bezweifeln, wenn einerseits die Bevölkerungsverhältnisse am Ende des 3. Jahrhunderts sowie die historischen Bedingungen eine Umsiedlung nicht ermöglicht hätten oder nicht bestätigten, oder wenn andererseits nach 271 auf dem Gebiet Daziens eine an Ort und Stelle verbliebene Bevölkerungsmasse nachzuweisen wäre, die lateinisch sprach, also die höchste Stufe der Romanisierung erreicht hatte. Die Betonung liegt hier auf der Masse: Die römische Zivilisation im mittleren Donauraum wurde 130 bis 150 Jahre später, nach dem Zusammenbruch der römischen Verwaltung und des militärischen Schutzes in den Provinzen, früher (Nordostpannonien) oder später (West- und Südpannonien, Rätien und einige Teile Noricums) von der Völkerwanderung hinweggefegt. Die wenigen, die verstreut in den Provinzen verblieben waren, da sie nicht wußten, wohin sie flüchten sollten, da die Wanderung nach Süden sinnlos geworden war, verschmolzen mit den wechselnden Besetzern oder wurden vernichtet. Ein neolateinisches Volk entwickelte sich nicht aus ihnen, obwohl die Bedingungen (eine im Laufe von 400 Jahren Romanisierung zustandegekommene einheitliche Bevölkerung) und geographische Lage weitaus günstiger waren als in dem von den Barbaren eingeschlossenen Siebenbürgen, wo nach dem frühen Rückzug die schweren Zeiten durch die Einfälle der Karpen, Goten, Sarmaten, Wandalen und Gepiden noch verlängert wurden.

Bei der Prüfung einer eventuellen dakischen Kontinuität sind auch die Bedingungen in Betracht zu ziehen, die in den westlicher liegenden Provinzen {57.} ein Weiterleben der Bevölkerung förderten und die Entwicklung neolateinischer Völker ermöglichten. Die Ethnogenese der neolateinischen Völker erfolgte im allgemeinen 130 bis 150 Jahre nach der Aufgabe Daziens, aber auf dem einstigen Gebiet des Reiches. Im Weiterbestehen der Romanität aber bestanden auch zwischen diesen Gebieten bedeutende Unterschiede. In den west- und südeuropäischen Reichsteilen ging nach dem Einzug und der Ansiedlung der neuen barbarischen Eroberer das Leben kontinuierlich weiter. Demgegenüber lösten sich die vorübergehend das Karpatenbecken besetzenden Völker periodisch ab (genau die gleichen, die später im Westen oder in Afrika Länder gründeten) und riefen damit einen sich ständig wiederholenden Zustand der Vernichtung und Zerstörung hervor. Dieser Prozeß hatte in Dazien bereits 130 bis 150 Jahre früher begonnen als in den anderen Donauprovinzen.

Bei der Untersuchung der Räumungsbedingungen ist wesentlich, daß es sich hierbei um eine organisierte Maßnahme handelte, die dann erfolgte, als Rom die jahrzehntelangen, den Nordbalkan tagtäglich verwüstenden Angriffe der Goten eine Zeitlang zum Stehen bringen konnte: Es gab also eine Möglichkeit, Schutz zu suchen. Wenn auch für die Bewohner des Reiches die Verbesserung der Situation am Ende des 3. Jahrhunderts weniger spektakulär war, machte gerade das Ende der gotischen Angriffe auf Mösien die Veränderung spürbar und die Verteidigung des Reiches möglich. Die Kämpfe südlich der Donau hatten die Bevölkerung so verringert, daß einer großangelegten Umsiedlung nichts im Wege stand. Und tatsächlich, Eutropius begründet die Räumung Daziens nicht nur mit der Unmöglichkeit, die Provinz zu schützen, sondern auch mit der weitgehenden Zerstörung Illyricums und Mösiens. Und nicht nur die Kriege dezimierten die Bevölkerung, sondern auch die seit den 50er Jahren in Illyricum ausgebrochenen Epidemien: „… eine so große Pest ist in den Städten ausgebrochen, wie sie es vorher noch nie gegeben hat; sie ließ die Vernichtungen durch die Barbaren kleiner erscheinen und hatte zum Ergebnis, daß sich die besetzten, ebenfalls zerstörten Städte glücklicher schätzen konnten als die von der Seuche befallenen“, schreibt Zosimus (I, 37). Der Mangel an Menschen war so groß, daß in dem Mösien benachbarten Thrakien noch im 4. Jahrhundert Ansiedlungen vorgenommen werden mußten. Der Umsiedlung der Provinzialen stand nicht nur nichts im Wege, sondern sie war durch die Entvölkerung des Balkans geradezu erstrebenswert. Die römische Staatsführung wiederum war froh, diesmal nicht Barbaren, sondern den eigenen Bürgern einen neuen Wohnsitz vermitteln zu können.

Die Räumung Daziens bedeutete keine Zwangsumsiedlung. Was für Interesse konnte wohl die Bevölkerung, hauptsächlich die lateinisch sprechenden römischen Bürger, daran gehabt haben, nach der Räumung in dem der Plünderung und Besetzung preisgegebenen und in ihren Augen in den Zustand der Barbarei zurückversetzten, ungeschützten Gebiet zu verbleiben? In den anderen Provinzen begann die Flucht nach Süden zur Zeit des Verfalls des Reiches am Beginn des 5. Jahrhunderts von selbst, obwohl die Flüchtenden mit Schutz und Ansiedlung damals gar nicht oder kaum noch rechnen konnten. Für die lateinisch und griechisch, eventuell syrisch sprechenden römischen Bürger bot das Verbleiben nördlich der Donau kaum noch eine Perspektive, wenn sie gleichwohl, nicht weit von ihrem früheren Wohnsitz, unter den sicheren und kultivierten Bedingungen des Reiches ihre {58.} gewohnte Lebensweise fortsetzen konnten. Es ist nicht einmal wahrscheinlich, daß die eventuell geringfügig romanisierte, also nicht lateinisch sprechende Restbevölkerung dakischen Charakters darauf bestand, in der einstigen Provinz zu verbleiben. Die aus den schriftlichen Quellen bestätigte Praxis beweist das Gegenteil. Ende des 2. Jahrhunderts ersuchten die freien Daker zweimal um Ansiedlung im Reich: Am Ende der Markomannenkriege erhielt ein Kontingent unbekannter Größe und eine Gruppe von 12 000 Personen dafür auch die Erlaubnis. Der gotischen Gefahr ausgesetzt, sind sie wohl kaum in der Provinz verblieben, auch wenn sie sich im Verlauf von 50–60 Jahren noch nicht romanisiert hatten. Seit dem 2. Jahrhundert war in den Augen der an den Grenzen des Reiches lebenden Völker das Kaiserreich der Wohlstand und das Gebiet der mit „Mauern“ umgebenen Sicherheit, vom Militär bewacht, wohin sie nach und nach Einlaß begehrten. Diese Anziehungskraft des Reiches dauerte auch trotz der Kämpfe in der Mitte des 3. Jahrhunderts und der Anarchie an: Die Markomannen wurden ebenso unter Gallienus ins Reich umgesiedelt wie im Jahre 295 gerade die früher Dazien zerstörenden Karpen dakischer Kultur (Aurelius Victor, Epitomae de Caes. 39, 43).

Ab Mitte des 3. Jahrhunderts wurden überall im Reich auf längere Zeit von der Zivilbevölkerung Inschriften in geringerer Zahl aufgestellt. Eine Tatsache aber weist doch darauf hin, daß die Umsiedlung mit Hilfe der epigraphischen Funde verfolgt werden kann. Vor der Umsiedlung ist in der neuen dazischen Hauptstadt Serdica, die in einer als griechisches Sprachgebiet geltenden Gegend liegt, unter den Inschriften des 4. Jahrhunderts die Zahl der lateinischen groß, was wahrscheinlich auf die aus dem ursprünglichen Dazien umgesiedelte, lateinisch sprechende Bevölkerung zurückgeführt werden kann.

Die schriftlichen Quellen berichten einstimmig über die Aufgabe Daziens und bestätigen die Aussiedlung. Der gut organisierten Verwaltung des römischen Staates kann die Räumung und Umsiedlung in ein nahegelegenes Gebiet keine Schwierigkeiten bereitet haben. Natürlich erfolgte diese nicht von einem auf den anderen Tag, obwohl die Zivilbevölkerung zum großen Teil bereits früher die Provinz verlassen hatte. Möglicherweise war nicht die gesamte Bevölkerung ausgewandert, obwohl das durch nichts bewiesen wird. Aufgrund der Quellen aber kann man sagen, daß die Zahl der eventuell Zurückgebliebenen unbedeutend war.

Das Schicksal der Bevölkerung eines Gebietes, das kontinuierliche oder unterbrochene Bestehen ihrer Siedlungen, kann man nach der Freilegung ihrer Gräberfelder eindeutig feststellen. Wenn das Leben in der Siedlung unterbrochen wird (die Bevölkerung vernichtet wird, abwandert oder flüchtet), werden auch keine Bestattungen mehr vorgenommen. Aber gerade durch die in die Gräber gelangten Trachten- und Gebrauchsgegenstände sowie mit Hilfe der Grabbeigaben und Münzen ist die Einstellung der Bestattungen und damit der Zeitpunkt der Aufgabe der Siedlung gerade zur Römerzeit gut feststellbar. Wenn man nun trotz der Aussagen der schriftlichen Quellen doch annehmen will, daß in Dazien auch nach Aufgabe der Provinz ein bedeutender Teil der Bewohner an Ort und Stelle verblieben ist, so kann man dies nur anhand der freigelegten Gräberfelder der römischen Städte, Provinzsiedlungen und Militärlager untersuchen, wenn nämlich die Bestattungen auch nach den 70er Jahren nicht unterbrochen wurden. Aus {59.} Dazien aber ist außer kleinen und für eine derartige Untersuchung ungeeigneten Gräberfeldteilen beinahe nur ein einziges vollkommen freigelegtes Gräberfeld einer Stadt bekannt, nämlich das von Romula. Dort wurden die Bestattungen im zweiten Drittel des 3. Jahrhunderts eingestellt. Die Gräberfelder von Napoca, Apulum oder Potaissa bzw. neben deren Militärlagern wurden nicht freigelegt.

Oft wird versucht, den Verbleib der Provinzbevölkerung an ihrem Ort durch das Vorkommen von Münzen, die nach 271 geprägt wurden, und durch christliche oder dafür gehaltene Funde in Dazien zu bestätigen. Seit Mitte des 2. Jahrhunderts bis etwa zum Beginn des 4. Jahrhunderts kommen auf dazischem Gebiet römische Münzen nur in unbedeutender Zahl zum Vorschein, erst bei Münzen aus dem 4. Jahrhundert steigt ihre Zahl wieder an. Das Geld aber ist ein Zahlungsmittel, außerhalb der Grenzen des Römischen Reiches, im Barbaricum können die Münzen abhängig von den historischen Ereignissen in größerer oder kleinerer Zahl zum Vorschein kommen. Der Umlauf römischer Münzen auf nie erobertem sarmatischem Siedlungsgebiet in der Großen Ungarischen Tiefebene und im Banat bestätigt, daß man diese Fundgruppe nicht als Beweis für die Existenz von Nachfahren der an Ort und Stelle verbliebenen Provinzbewohner oder eben für die Zugehörigkeit des Banats (als einstigen Teils Daziens) zum Reich heranziehen kann.

Nach dem Zerfall der römischen Staatsorganisation bedeutete das Christentum die einzige Kraft für den Zusammenhalt der Provinzbevölkerung. Ab Mitte des 5. Jahrhunderts verhalf die Kirche in nicht geringem Maß mit der Verkündung der Glückseligkeit im Jenseits dem Volk, die Krisen des 5. bis 7. Jahrhunderts zu überstehen. Dabei kam insbesondere der Kirchenorganisation eine bedeutende Rolle zu, die schon im 4. Jahrhundert bestand und begann, sich in die Staatsverwaltung zu integrieren. Zu diesem Zeitpunkt, als die staatlichen Ämter nicht mehr in der Lage waren, ihre Aufgaben zu versehen, und die Zentren der römischen Zivilisation, die Städte, keinen Schutz mehr bieten konnten, schoben sich die kirchlichen Gemeinden immer mehr in den Vordergrund. Hauptsächlich die parallel zu den Territorialorganisationen der Städte gegründeten Bistümer waren es, die die Idee der Universalität der christlichen Kirche zusammenhielt. Diese bischöfliche Diözesenorganisation übernahm die Führung, versuchte die Verteidigung zu organisieren und verhandelte mit den Besetzern.

Da die Bistümer erst im Verlauf des 4. Jahrhunderts überall im Reich entstanden, konnte dieser die Romanisierung fördernde Faktor in Dazien, das 271 aufgegeben worden war, noch nicht existiert haben, und es gibt auch keine Spuren davon. Die großenteils von unsicheren Fundorten stammenden, unter unsicheren Fundbedingungen zum Vorschein gekommenen oder irrtümlich bestimmten Gegenstände von christlichem Charakter (insgesamt 15 Stück) sind zum Beweis der Existenz christlicher Kirchengemeiden oder gar Bistümer ungeeignet. Die Funde können höchstens die Existenz einzelner Christen bestätigen. Diese Gegenstände können ebensogut durch den Handel oder durch Plünderungen der im 4. Jahrhundert in Siebenbürgen lebenden (christlichen) Goten dorthin gelangt sein. Mit Ausnahme des Fundensembles von Birthälm – das wiederum zutreffend als gotische Hinterlassenschaft ausgelegt werden kann – sind diese Gegenstände keine liturgischen Geräte. Im Endergebnis beweisen sie ebensowenig die Zugehörigkeit ihrer Besitzer zum Christentum wie die in Tápiógyörgy (Komitat Pest in Ungarn), in Luciu {60.} (Ialomiţa-Bezirk in der Walachei) oder im Barbaricum gefundenen frühbyzantinischen Öllampen aus Bronze das Christentum ihrer Besitzer oder die in der Ukraine gefundene aus Dazien geraubte Bronzehand des Iuppiter Dolichenus in diesen Kult eingeweihte römische Bürger, eventuell die Victoria-Bronzestatue aus dem Dorf Akasztó (Komitat Bács-Kiskun in Ungarn) den Götterglauben ihres barbarischen Besitzers.

Außer schriftlichen Quellen und archäologischen Funden helfen auch die geographischen Namen bei der Untersuchung der ethnischen Veränderungen. Die Siedlungs-, Berg- und Gewässernamen ermöglichen die Orientierung der in einer gegebenen Region lebenden Menschen. Die Namen sind Teil der Zivilisation der Bevölkerung, ihre nach festen Gesetzmäßigkeiten erfolgende Veränderung oder Umbildung kennzeichnet eine Veränderung, Umgestaltung oder das Verschwinden der Bevölkerung. Die Veränderung der geographischen Namen und der Wechsel der Bevölkerung ist im allgemeinen kein gleichzeitiger Prozeß, weil die Bevölkerung eines Gebietes selten vollkommen verschwindet. Das Zusammenleben eines autochthonen und eines neu hinzugekommenen Volkes aber ist mit einer teilweisen Übernahme der geographischen Namen verbunden. Darum sind die Namen auch dann noch zu verfolgen, wenn die namengebende Bevölkerung bereits verschwunden ist oder sich assimiliert hat. Dieser Prozeß ist nicht umkehrbar: Wenn die Bevölkerung eines Gebietes am Ort verbleibt, verschwinden die geographischen Namen auch dann nicht ganz, wenn sich ein anderes Volk in diesem Gebiet ansiedelt. Eine Veränderung der geographischen Namen also kann die Ankunft und Niederlassung neuer Bewohner anzeigen. Ihre Erhaltung wird durch die Art der Veränderung einer ethnischen Gruppe, die abweichenden Kulturen der Völker und deren gesellschaftliche Organisationen beeinflußt. Zu einem vollkommenen Wechsel der geographischen Namen in einem größeren Gebiet kann es kaum kommen. Die einzelnen Uferabschnitte großer Flüsse waren immer bewohnt, und die Gewässernamen haben sich selbst über Jahrtausende vererbt, wie im Falle von Elbe, Rhein bzw. Donau, Theiß und Mieresch.

Die Untersuchung der geographischen Namen ist nach dem Zerfall des Römischen Reiches besonders wichtig. Mit ihrer Hilfe läßt sich das Schicksal der Provinzbevölkerung auch in einer Periode verfolgen, aus der andere Quellen nicht zur Verfügung stehen. In den Gegenden des Reiches, wo die römische Bevölkerung in großer Zahl weiterlebte – also in den späteren neolateinischen Ländern –, findet man auch heute noch eine beträchtliche Anzahl römischer Orts- und Gewässernamen, die der regelmäßigen Sprachumgestaltung unterlagen. Anderswo konnte die Provinzbevölkerung nur zum Teil ihren einstigen Wohnsitz behalten, ein neues Volk wurde in ihrer Heimat angesiedelt, was zu einem teilweisen Wechsel der geographischen Namen führte. Dort, wo der Völkerwechsel mit Unterbrechung erfolgte – die ursprünglichen Bewohner verschwanden vollkommen oder ihre Anzahl war unbedeutend –, veränderte sich auch ein entspechend höherer Anteil der Ortsnamen. Mehrmaliger Sprachwechsel war mit rascheren Veränderungen und dem Verschwinden der geographischen Namen verbunden. In Rätien, Noricum und Pannonien lebte die römische Bevölkerung nach dem Zerfall des Reiches im 5. Jahrhundert nur noch eine Zeitlang weiter und verschwand dann, darum sind ihre geographischen Namen nur in geringer Zahl erhalten geblieben. Die in römischer Zeit gebräuchlichen Namen aber sind auch in {61.} Gegenden erhalten geblieben, wo schon seit langen Zeiten keine Nachkommen der einstigen Provinzbevölkerung lebten. Im nordöstlichen Teil Pannoniens existieren keine antiken geographischen Namen, weil die Bevölkerung dort einem schnellen und vollkommenen Wechsel unterlag. Im Gebiet zwischen Drau und Save sowie in Westpannonien aber sind außer den Gewässernamen (Raab-Arrabo, Marcal-Mursella, Zala-Salla, Zöbernbach-Sevira-Savaria, Mur-Muria) auch Städtenamen erhalten geblieben: Wien-Vindobona, Ptuj-Pettau-Poetovio, Sišak (Sziszek)-Siscia. Das Gebiet Syrmien (Srem) bewahrte den Namen Sirmium. Scarbantia (Sopron) ist bis zum Ende des 6. Jahrhunderts belegt. Der Name Savaria hat sich nicht verändert: Er war noch im 9. Jahrhundert bekannt und wurde neben dem Namen Szombathely noch bis zum 19. Jahrhundert offiziell benutzt, obwohl in diesem Teil Pannoniens bereits im 9. Jahrhundert keine neolateinische Bevölkerung mehr lebte. Das anfängliche Zusammenleben und die Assimilation machte es den neuen Bewohnern dennoch möglich, die alten geographischen Namen zu übernehmen. Die Wahrung einzelner geographischer Namen Pannoniens bestätigt, daß diese selbst von den landnehmenden Ungarn übernommen worden waren. Wenn sich das Neulateinisch sprechende rumänische Volk teilweise oder in seiner Gänze im Dazien Trajans bzw. im Gebiet Siebenbürgens entwickelt hätte, müßten dort – ähnlich anderen neolateinischen Ländern – die römischen Ortsnamen überwiegend bewahrt worden sein.

Im Gegensatz dazu aber sind nur die Namen einiger großer Flüsse erhalten geblieben: die Namen von Samosch (aus römischer Zeit ist nur die Ortsnamenform bekant: Samum) und Marosch/Mieresch (Marissus, Marisia); diese aber fließen nur eine Strecke durch die Provinz, so daß die Wahrung ihrer Namen nicht ausschließlich von den Bewohnern Daziens abhing. Die Bewahrung der Flußnamen Alt (Alutus) und Cserna, die unsicheren Ursprungs sind (den slawischen Namen führt man auch auf Dierna zurück) wurde nach der Aufgabe Daziens durch die noch jahrhundertelang das nördliche Donauufer und das schmale Ufergebiet überwachenden Römer und Byzantiner gefördert. Außer einigen umstrittenen Gewässernamen im Inneren Daziens ist kein einziger Siedlungsname erhalten geblieben. Das Verschwinden römischer Namen in weitaus größerem Maße als in den europäischen Provinzen steht mit der Geschichte dieses Gebietes im Einklang, entspricht der Räumung der Provinz durch die Römer und bestätigt einen grundlegenden Bevölkerungswechsel. (Die heute auf dem einstigen Gebiet Daziens vorzufindenden, antik klingenden Ortsnamen sind auf administrativem Wege geschaffene künstliche Namengebungen aus unseren Tagen.)

Die historischen Aufzeichnungen, die archäologischen Funde und die geographischen Namen bestätigen für sich und auch insgesamt, daß das nach 270 für das Römische Reich nicht mehr haltbare Dazien auch für die römische Zivilisation endgültig verlorengegangen war.