1. Vom ungarischen Königreich zum Fürstentum Siebenbürgen


Inhaltsverzeichnis

Siebenbürgen und der Zerfall des mittelalterlichen ungarischen Staates

Am 29. August 1526 erlitt Ungarn in der Schlacht bei Mohács eine entscheidende Niederlage durch das türkische Reich. König Ludwig II. (1516–1526) fiel im Kampf, und der Sieger, Sultan Suleiman I. (1520–1566), besetzte kurzfristig die Hauptstadt Ofen. In Ungarn entstand ein Machtvakuum, das in gegenseitiger Konkurrenz zwei Männer auszufüllen trachteten. Der österreichische Erzherzog Ferdinand von Habsburg, der Schwager Ludwigs II. und jüngere Bruder Kaiser Karls V. erhob Anspruch auf den Thron im Sinne einer dynastischen Vereinbarung aus dem Jahre 1515. In seiner Person symbolisierte sich die von seiten des Deutschen Reiches erhoffte Hilfe gegen die Türken.

Der andere Kandidat war Johann (János) Szapolyai, seit 1511 Woiwode von Siebenbürgen. Er gehörte keiner Herrscherfamilie an: Sein Vater war durch die Gnade des Königs Matthias Corvinus in die Gruppe der größten Grundbesitzer des Landes aufgestiegen, aber bereits während der langen kinderlosen Regierungszeit Wladislaus’ II. (1490–1516) hatte er seinen ältesten Sohn als möglichen Thronprätendenten erzogen. Nun, 1526, wurde seine Kandidatur vom größeren Teil der Magnaten sowie dem gesamten niederen Adel unterstützt. In ihm sahen sie den Retter des Landes, nachdem sie von der fremden Hilfe oft enttäuscht worden waren. War ja auch Kaiser Karl V. in eine lange kriegerische Auseinandersetzung mit dem französischen König Franz I. verwickelt, die gerade im Sommer 1526 erneut ausbrach.

Am 10. November 1526 ließ sich Szapolyai auf dem Landtag in Stuhlweißenburg als Johann I. zum König wählen, und anderntags fand auch die Krönung statt. Johann I. versuchte, seine Herrschaft über Ungarn zu festigen, er regierte mit starker Hand – doch wurden seine unbestrittenen Erfolge in der Innenpolitik durch seine Außenpolitik, die rasch in eine Sackgasse geriet, zunichte gemacht. Er bemühte sich um eine Vereinbarung mit den Habsburgern und schlug ihnen ein Bündnis gegen die Türken vor, wobei er damit rechnete, daß der in die europäischen Kriege verwickelte Kaiser nicht auch noch Ungarn zum Gegner haben wollte. Doch Ferdinand, der seit Oktober 1526 böhmischer König und im Dezember des gleichen Jahres von einer Handvoll Anhänger zudem in Preßburg zum ungarischen König ausgerufen worden war, wollte von beiden Vorschlägen nichts wissen, obwohl sein Bruder Karl V. gerade seit dem Sommer zum Krieg gegen eine europäische Koalition unter Frankreichs Führung gezwungen worden war. Dieser Koalition hätte {244.} sich Szapolyai anschließen können, doch mit dem Türken im Rücken wollte er keinen Krieg.

Die entscheidende Wende brachten unverhoffte Erfolge des kaiserlichen Söldnerheeres in Italien: Im Sommer 1527 wurde Rom eingenommen und Papst Klemens VII., die wichtigste Stütze Franz.’ I., zum Friedensschluß gezwungen. Ferdinand hatte nun freie Hand, und aus Sorge, das geschwächte Ungarn könnte dazu gezwungen werden, sich mit dem Sultan zu arrangieren, wodurch Österreich und Böhmen in höchste Gefahr gerieten, entschloß er sich dazu, Ungarn für sich zu erobern.

Im Juli 1527 überschritt ein deutsches Söldnerheer die ungarische Grenze. Seine Erfolge bewogen den zögernden ungarischen Adel, sich der Partei Ferdinands nach und nach anzuschließen, denn das Schreckensbild eines Zweifrontenkrieges hatte jeden verunsichert. Ferdinands Heer eroberte im ersten Schwung Ofen und schlug dann am 27. September nahe Tokaj in blutiger Schlacht Szapolyais Streitkräfte. König Johann floh nach Siebenbürgen. Im Winter wandte sich jedoch auch diese für sicher gehaltene Bastion gegen ihn. Ein geschickter skrupelloser Unterhändler Ferdinands, Georg Reicherstorffer, hatte zuerst Kronstadt und dann die übrigen sächsischen Städte zum Aufruhr gegen ihn aufgewiegelt. Inzwischen war auch Péter Perényi, der von Szapolyai zu seinem Nachfolger als Woiwode ernannt worden war, zur Gegenseite übergegangen und hatte den Habsburgern sogar die Heilige Krone ausgeliefert, mit der Ferdinand I. am 3. November 1527 dann auch gekrönt wurde.

Die restlichen Anhänger Johanns hielten sich zwar hartnäckig in Siebenbürgen, ihr Herrscher erlitt aber inzwischen eine erneute und scheinbar endgültige Niederlage in der Umgebung von Kaschau, bei Szina (8. März 1528), worauf er mit geringem Gefolge nach Polen floh.

Diese Mißerfolge bewiesen zweifelsfrei, daß Szapolyais Rechnung nicht aufgegangen war, sich ohne und gegen die Habsburger zum König einsetzen zu lassen. Während der Feldzüge hatte ihm der Sultan mehrfach seine Freundschaft angeboten. Nach Ferdinands Machtübernahme vermehrten die türkischen Grenztruppen ihre Angriffe auf die ungarische Südgrenze. Das alles brachte König Johann zu der Überzeugung, Suleiman I. werde die Machtübernahme der mächtigsten europäischen Dynastie in dem ihm benachbarten Ungarn nicht hinnehmen. Andererseits zeigten ihm seine jüngsten Erfahrungen nur allzu deutlich, daß von diesen zwei Gegnern der Sultan der stärkere sein werde.

Sein christliches Gewissen und der in jahrhundertelangen Kriegen gegen die Türken angehäufte gewaltige Haß mögen ihm die Entscheidung sehr erschwert haben. Vielleicht hatte bereits der Aufruhr in Siebenbürgen zum Jahresende 1527 den Becher zum Überlaufen gebracht. Damit hatte dieser Landesteil, wenn auch nur indirekt, Anteil an der für Jahrhunderte entscheidenden Wende der ungarischen Politik: Ende 1527 sandte Johann I. den Polen Hieronym Laski nach Stambul mit der Bitte um Unterstützung.

Die Gesandtschaft brachte überraschend schnellen Erfolg. Nach einigen Wochen harten Feilschens gab der Sultan schriftlich sein Versprechen, Szapolyai „in wie auch immer gearteter Not nie zu verlassen“.* I., SZAI.AY, Adalékok a magyar nemzet történetéhez a XVI. században (Beiträge zur Geschichte der ungarischen Nation im 16. Jahrhundert). Pest 1857. 124

{245.} In der Zwischenzeit war die Herrschaft der Habsburger für die Ungarn zu einer bitteren Enttäuschung geworden. Die neue Regierung litt unter Geldmangel und versank in Untätigkeit, während Karl V. wegen seines Kampfes gegen die Franzosen um Neapel auch diesmal keine Hilfe leisten konnte. Folglich machte sich Szapolyai auf die Nachricht von den türkischen Kriegsvorbereitungen hin wieder nach Ungarn auf, schon um zu verhindern, daß es der Türke ganz allein in Besitz nehmen sollte.

Bis zum Frühjahr 1529 war die Große Ungarische Tiefebene wieder völlig in der Hand König Johanns. Der im gleichen Jahr begonnene türkische Feldzug führte bis vor Wien. Auch wenn die Türken von dort wieder abziehen mußten, blieben infolge der bis zum Jahresende andauernden Kämpfe die östliche Hälfte Transdanubiens einschließlich Ofens und die Tiefebene in der Hand Szapolyaís.

Es folgte eine turbulente Kriegsperiode mit wiederholten türkischen Angriffen (z.B. einem neuerlichen Angriff auf Wien 1532, der Ende August vor Güns steckenblieb). Doch waren die Kräfte ungefähr gleich, so daß sich die 1529 entstandene Grenze zwischen den beiden Herrschaftsbereichen nur wenig veränderte: Die östliche Hälfte Oberungarns gelangte nunmehr unter König Johanns Herrschaft. Damit war Ungarn – drei Jahre nach der Schlacht bei Mohács – in zwei Teile zerbrochen.

Siebenbürgen befand sich in der östlichen Hälfte des geteilten Landes, was jedoch nicht bedeutete, daß es sich automatisch der Szapolyai-Herrschaft angeschlossen hätte. Auch hier hatte sich die Herrschaft Ferdinands I. wahrlich nicht als besser und effizienter erwiesen als in den anderen Landesteilen. In den sächsischen Städten herrschten Reicherstorffers Leute und drangsalierten sogar den unerschütterlich habsburgtreuen Königsrichter Markus Pemflinger von Hermannstadt. Der Woiwode Péter Perényi verstand sich weder mit den Sachsen noch mit den ungarischen Adligen. Ferdinand war wohl bereit, Truppen zu schicken, doch nur, wenn die Siebenbürger dafür zahlten. Diese aber wollten von solcher Hilfe nichts wissen.

Um diese Zeit aber hatte Szapolyai Siebenbürgen schon von den übrigen Landesteilen abgeschnitten. Einem türkischen Befehl folgend, brach Peter Rareş, Woiwode der Moldau, ins Szeklerland ein, wenig später, im Juni 1529, schlug er bei Marienburg (nahe Kronstadt) das Heer der Ferdinand-Partei. Den noch anhaltenden Widerstand brach Johanns Statthalter und späterer Woiwode (1530–1534) István Báthory von Somlyó in mehreren kleineren Feldzügen. Am längsten blieben die Sachsen auf Seiten der Habsburger, doch öffnete Kronstadt schon im Sommer 1530 dem ungarisch-rumänisch-türkischen Belagerungsheer seine Tore. Im Januar 1531 kapitulierte Schäßburg, und Anfang 1532 wechselte auch der letzte Anhänger Ferdinands unter den siebenbürgischen Magnaten, István Maylád, zu Johann über. Der Widerstand beschränkte sich nunmehr allein auf Hermannstadt, die Unterwerfung dieser Stadt wurde jedoch durch eine Reihe besonderer Geschehnisse hinausgeschoben.

Auf einem eilig für Weihnachten 1530 einberufenen Landtag in Ofen ernannte Johann I. Alvise (Lodovico) Gritti, einen zum Günstling von Großwesir Ibrahim aufgestiegenen früheren Bankier, den unehelichen Sohn Andrea Grittis, des Dogen von Venedig, zum Regenten des Landes. Johann erhoffte sich von diesem eine stärkere türkische Unterstützung, die Ordnung der zerütteten Finanzen und die Übernahme der Verantwortung für die {246.} politische Krise. Gritti jedoch wollte höher hinaus, als man es damals für möglich gehalten hat. Denn er wollte selbst Herr von ganz Ungarn werden, zuerst mit Unterstützung des Sultans, später gedachte er Wien und Istambul gegeneinander auszuspielen. Nach mehrjährigem Manövrieren teils in Ofen, teils in Stambul entschloß er sich im Frühling 1534 zum entscheidenden Schritt: mit türkischen Truppen machte er sich nach Ungarn auf, um dort die Macht zu übernehmen. Im Anmarsch auf Siebenbürgen überschritt er bei Kronstadt die Grenze und ließ nicht viel später auf heimtückische Weise einen der beliebtesten und mächtigsten Parteigänger Johanns I., den Wardeiner Bischof Imre Czibak ermorden.

Der Adel von Siebenbürgen und dem Komitat Bihar griff zu den Waffen: Czibaks Neffe Ferenc Patócsy und der Kommandeur der siebenbürgischen Truppen König Johanns, Gotthárd Kun, stellten sich an die Spitze der Bewegung. Ein gewaltiges Heer drängte Gritti in die Stadt Mediasch; der von ihm zu Hilfe gerufene Woiwode der Moldau Peter Rareş schlug sich mit einer gewagten Kehrtwendung auf die Seite der Belagerer, und am 28. September metzelten die von den Mediascher Bürgern in die Stadt eingelassenen Angreifer den Regenten samt seinem türkischen Gefolge nieder.

Zu Beginn der Kämpfe hatte König Johann vor einer schwierigen Entscheidung gestanden: läßt er Gritti fallen, lenkt er den Zorn des Sultans auf sich; hilft er Gritti, macht er sich seine eigenen Untertanen zu Gegnern. Er entschied sich nach einigem Zögern für die erste Lösung – und bereitete sich nach Abschluß des Dramas in Mediasch auf den zu erwartenden Sturm vor. Er ging bis an die äußerste Grenze und bot durch seine Gesandten Kaiser Karl V. im Sommer 1535 seine Abdankung an. Doch verflüchtigte sich die Gefahr recht schnell: Tatsächlich hatte der Sultan anfänglich eine Untersuchung in Sachen des Todes seines Höflings angeordnet, im gleichen Maße aber, wie der Stern des Gönners Grittis, des Großwesirs Ibrahim, zu sinken begann und als er schließlich (im März 1536) hingerichtet wurde, schlief die ganze Angelegenheit ein.

Damit konnte König Johann sein Abdankungsangebot leichten Herzens zurückziehen, zumal der Kaiser die Hauptbedingung – die Versorgung der wichtigeren ungarischen Burgen mit ausreichender Bewachung – wegen seiner Vorbereitungen auf den neuerlichen Krieg gegen Frankreich nicht erfüllen konnte.

Die Gritti-Episode schloß ohne Folgen in der hohen Politik ab, und in Siebenbürgen selbst begann der Kampf der beiden Parteien von neuem. Die Anhänger Ferdinands versuchten an der Wende 1535/36 von Sathmar aus das noch immer umkämpfte Hermannstadt zu entsetzen, doch war ihre Unternehmung letztlich erfolglos: Hermannstadt unterwarf sich Johann am 1. März. 1536. Der Bürgerkrieg in Siebenbürgen war – vorerst – beendet.

Unter einem bestimmten Aspekt erwiesen sich die Ereignisse des Jahres 1534 dennoch als hochbedeutsam. Imre Czibaks vakanter Bischofssitz in Wardein und eine der Würden Grittis, die des Schatzmeisters, wurden damals an einen Vertrauensmann Szapolyais verliehen, den bisher bescheiden im Hintergrund gebliebenen Paulinermönch Utiešenović, mit anderem Namen Bruder Georg (aber auch als Martinuzzi bekannt, welchen Namen er jedoch infolge des Irrtums eines Historiographen erhielt). Mit dessen Hilfe vermochte Johann I. Anfang 1538 endlich den schon elf Jahre wütenden Bürgerkrieg in Ungarn zu beendigen.

{247.} Die Anhänger beider Könige hatten Grund zur Bitterkeit und Klage, schon die reine Existenz der jeweils anderen Partei habe die Katastrophe verursacht. Denn so wie König Johann sich geirrt hatte, als er meinte, die Habsburger seien zu beeinflussen, so irrte sich König Ferdinand darin, er sei stark genug, das ganze Land auf Dauer zu besitzen.

Jede interne kriegerische Auseinandersetzung aber führt notwendigerweise in die Anarchie. Szapolyai hatte 1528 den größten Teil seines gewaltigen Familienbesitzes verloren, und als königlicher Besitz waren ihm eigentlich nur Ofen, Solymos und Lippa geblieben. Die Steuereintreibung war in den Kriegszeiten sehr schwierig geworden (zudem jeder der beiden Herrscher nur über die Steuer einer Landeshälfte verfügte), die ergiebigsten Bergwerke und Zölle waren in Ferdinands Hand verblieben. Im Landesteil Johanns I. wurde die unbeschränkte Herrschaft des Großgrundbesitzes wieder eingeführt, die schon vor Mohács viel Schaden angerichtet hatte: Männer wie Péter Perényi, Bálint Török, István Werbõczy (der Kanzler Johanns), István Maylád oder Péter Petrovics waren in ihrem Gebiet viel mächtigere Herren als der König. Von der anderen Partei, von den ungarischen Räten Ferdinands I., stammt folgender bitterer Lagebericht: „Die Übeltäter, von denen es bereits so viele gibt, daß man sie nicht zählen kann, werden vor der Bestrafung von uns zum Gegner, vom Gegner zu uns fliehen ..., wodurch sich dann immer wieder neue Gründe für Kriege und Verwirrungen ergeben ...“* L. BÁRDOSSY, Magyar politika a mohácsi vész után (Ungarische Politik nach der Niederlage bei Mohács). Budapest 1944, 120.

Es handelt sich hier wahrlich um eine Zeit des prinzipienlosen Parteiwechsels aus rein materiellem Interesse. Doch gab es auch Gründe dafür: Wenn keine der Parteien ein Heilmittel für den schlimmen Zustand des Landes kannte und eine Besserung nicht einmal in Aussicht zu stellen vermochte, dann können Doppelzüngigkeit und Unzuverlässigkeit kaum mehr überraschen.

Als ein von chronischen inneren und äußeren Übelständen heimgesuchtes Staatsgebilde mit unsicheren Grenzen konnte das von Johann I. regierte Siebenbürgen auch dann nicht eine bedeutendere Rolle spielen, als es schon zur Gänze seinem Zepter unterstand. Denn die drei Nationen bildeten keine Einheit: Die Szekler empörten sich gern gegen jede Macht, die Sachsen blieben auch nach ihrer Niederlage insgeheim Anhänger der deutschen Habsburger, und der ungarische Adel der siebenbürgischen Komitate konnte keine größere Bedeutung für das ganze Land gewinnen, obwohl vorwiegend er die Last der Kriegsführung gegen die Sachsen getragen hatte. Außer István Maylád, dem Grundherrn von Fogarasch, gab es ja im Land keinen wirklichen Großgrundbesitzer.

Die Entstehungsgeschichte des siebenbürgischen Staates

Das Jahr 1536 brachte König Johann I. noch einige kleinere Erfolge: Über die Unterwerfung Hermannstadts hinaus konnte auch die wichtige Stadt Kaschau zurückgewonnen werden. Im darauffolgenden Jahr schickte Ferdinand I. seine Truppen zum Gegenangriff. In Oberungarn blieb er in einigen {248.} Gefechten siegreich, im Süden aber, an der Drau, verlor das fast 40 000 Mann starke Heer Hans Katzianers die seit Mohács wichtigste offene Feldschlacht auf dem ungarischen Kriegsschauplatz – und das nicht einmal gegen die türkische Hauptmacht, sondern die türkischen Grenztruppen.

König Johann war seit langem kompromißbereit. Nun sah auch Ferdinand ein, daß das Problem „Ungarn“ nicht mit Waffengewalt zu lösen war. Zu entscheidenden Verhandlungen kam es Ende 1537, unter Einbeziehung eines kaiserlichen Vertreters (Johann Wese, Erzbischof von Lund). In Szapolyais Namen verhandelte vor allem Bruder Georg: Bisher hatte er sich in erster Linie als Finanzexperte ausgezeichnet, nun bestand er seine Prüfung als Diplomat hervorragend.

Der Friedensschluß wurde am 24. Februar 1538 in Wardein unterzeichnet. Beide Herrscher behielten den Titel eines ungarischen Königs und den Teil des Landes, den sie gerade besaßen. Gleichzeitig verpflichtete sich Szapolyai, daß sein Landesteil nach seinem Tode Ferdinand als König anerkennen und im Falle der Geburt eines Erben sich dieser mit einem in der Zips zu errichtenden neuen „Herzogtum“ begnügen sollte.

Beide Vertragspartner waren sich darüber im klaren, daß der Sultan ihre Vereinbarungen mißbilligen würde. Deshalb hielten sie den Friedensschluß geheim und überließen damit Karl V., im Gefahrenfalle Ungarn zu Hilfe zu kommen. Als dann im Herbst 1538 der Sultan einen gegen Europa gerichteten Feldzug begann, bat Johann I. vergeblich um Hilfe. Der Kaiser war bloß im Mittelmeer bereit, gegen die Türken vorzugehen, und Ferdinand I. schickte nur einige tausend Söldner, die noch dazu verspätet eintrafen. Zu Szapolyais Glück wandte sich Suleiman aber gegen die Moldau, doch die Lehre, die daraus zu ziehen blieb, war die, daß der Friede von Wardein seine Relevanz verloren hatte.

Beide Lager hatten in den Frieden überhaupt nur eingewilligt, weil dieser ein konkretes Versprechen für eine zukünftige Vereinigung des Landes enthielt. Nun aber stellte sich ihm die Volksmeinung entgegen, hatte sich doch die türkische Übermacht einmal mehr herausgestellt.

Das nun folgende komplizierte politische Manöver wurde vom König und von Bruder Georg gemeinsam durchgeführt. Letzterer verhinderte auf jede Weise, daß die ungarischen Herren den im Vertrag vorgeschriebenen geheimen Eid für Ferdinand leisteten. Er zog den Haß des Volkes und die Aufmerksamkeit aller auf sich. Inzwischen aber sah sich König Johann nach einer Frau um und fand sie in der Tochter des polnischen Königs Sigismund I., Isabella. Die Hochzeit am 2. März 1539 in Stuhlweißenburg war eine eindeutig politische Handlung: Ihre Intention war, im Namen eines erhofften Erben den Frieden von Wardein zu brechen und die türkenfreundliche Politik fortzusetzen, deren unbedingte Notwendigkeit die vergangenen Jahre immer wieder von neuem erwiesen hatten.

Zu diesem Zeitpunkt wurde Siebenbürgen wieder wichtig für den Gang der Ereignisse. Nach dem Schrecken von 1538 begann eine Geheimbewegung unter den dortigen Herren, die von den Woiwoden István Maylád (1534–1540) und Imre Balassa (1536–1540) geleitet wurde. Über die Ziele der „Verschwörung“ wissen wir wenig: Anscheinend wollte man Siebenbürgen aus dem Territorium des ungarischen Königreiches herauslösen und es damit von den wachsenden Gefahren der Türkenkriege befreien. Die vornehmeren Grundbesitzer der Provinz unterstützten ganz allgemein diese Geheimorganisation. {249.} Die jahrhundertealte traditionelle Einheit der ungarischen Adelschicht konnte man jedoch nicht so leicht vergessen. Andererseits nahmen die von den Verschwörern angesprochenen ausländischen Partner (vom Sultan bis zu den böhmischen Ständen) deren Angebot nicht allzu ernst. Die ganze Unternehmung mit ihren verschwommenen Zielen brach in dem Augenblick zusammen, als König Johann an der Spitze seines Heeres in Siebenbürgen erschien. Fast allen Verschwörern wurde die erbetene Gnade gewährt, allein Maylád schloß sich in seiner starken Burg Fogarasch ein.

Johann I. war krank in Siebenbürgen eingetroffen, und kaum hatte ihn die lange erwartete Nachricht erreicht, daß seine Frau am 7. Juli einen gesunden Sohn entbunden hatte, warf ihn sein Leiden aufs Krankenbett; am 22. Juli starb er in der Stadt Mühlbach.

Nun mußte Bruder Georg die schwere Aufgabe übernehmen, im Namen eines wenige Wochen alten Kindes den Zerfall der Reichshälfte König Johanns zu verhindern. Unter Berufung auf den Wardeiner Frieden wechselten viele sofort die Partei. Die mächtigsten Anhänger huldigten der Reihe nach Ferdinand: Péter Perényi; der hervorragende Diplomat und Erzbischof von Kalocsa Ferenc Frangepán; an ihrer Spitze stand wiederum der Woiwode István Maylád.

Der Bischof von Wardein begab sich eilends nach Ofen und ließ auf einem improvisierten Landtag den Säugling zum König wählen. (Er sollte seinen Titel „Johann II., gewählter ungarischer König“ bis zu seinem Lebensende beibehalten.) Mit den Resten seiner Parteigänger, angeführt von Bálint Török und Péter Petrovics, die die Vormundschaft über den kleinen König ausübten, verteidigte er im Herbst 1540 Ofen erfolgreich gegen die Belagerung der Ferdinandschen Truppen. Zugleich entsandte er den Kanzler Werbõczy eilends mit einer Gesandtschaft nach Stambul um Hilfe.

Suleiman I. sagte gnädig Unterstützung zu, doch kaum hatte sich Werbõczy mit der Freudennachricht nach Hause begeben, bezeugte der Gesandte Ferdinands I. (und zwar niemand anderes als Hieronym Laski selbst) der Hohen Pforte seine Ergebenheit. Er war gekommen, um dem Sultan den Frieden von Wardein zu verraten. Wien kalkulierte vermutlich folgendermaßen: Sollte es gelingen, den Sultan gegen seinen bisherigen Günstling einzunehmen, bliebe der Szapolyai-Partei keine andere Wahl, als sich zur Gefolgschaft gegenüber Ferdinand zu bekehren, womit die so viele Sorgen verursachende türkenfreundliche Partei in Ungarn zu existieren aufgehört hätte.

Doch um auf alle Fälle sicher zu gehen, belagerten ab Mai 1541 die deutschen und einige ungarische Truppen unter Wilhelm Roggendorff und Péter Perényi Ofen von neuem. Die Ofner Bürger versuchten insgeheim mit Unterstützung der noch unsicheren Königin Isabella die Stadt zu übergeben, doch dem widersetzten sich Bruder Georg und seine Gefährten. Sie deckten die Verschwörung auf und richteten die Rädelsführer hin.

Ende Juli tauchten schließlich türkische Einheiten im Rücken der Belagerer auf, und nach einem blutigen Kampf von nur wenigen Tagen waren die Truppen Ferdinands vollkommen aufgerieben. Kurz darauf traf auch der Sultan mit seiner gesamten Streitmacht ein. Dieser unheilverkündende Aufmarsch war keinesfalls zufällig: Der Sultan wollte seine Beziehungen mit den als unzuverlässig erwiesenen Ungarn klären. Die Herren in Ofen wiederum ängstigten sich zu recht: Die Stadt hätte kaum noch eine – nun türkische – Belagerung überstehen können.

{250.} Am 29. August, dem 15. Jahrestag der Schlacht bei Mohács, lud der Sultan die ungarischen Herren zu einem Höflichkeitsbesuch zu sich, währenddessen die Janitscharen gleichsam zur „Stadtbesichtigung“ in die Stadt Ofen eindrangen und somit die ungarische Hauptstadt einnahmen. Der Sultan ließ Bálint Török in Ketten schlagen, Bruder Georg und Péter Petrovics hingegen ließ er wissen, er überlasse dem Sohne König Johanns das Gebiet jenseits der Theiß und Siebenbürgen gegen eine Jahressteuer von 10 000 Goldgulden.

Dies war ein schmerzlicher Wendepunkt in der ungarischen Geschichte: Das Land war nunmehr in drei Teile zerrissen und seine frühere Mitte zu einer gewöhnlichen Provinz des türkischen Reiches geworden. Auf dem Wege zur Entstehung des siebenbürgischen Staates war dies freilich nur eine Station.

Die türkische Eroberungsabsicht hatte sich im Jahre 1541 von neuem bestätigt, zugleich aber ebenso die Unfähigkeit der Habsburger, Ungarn zu verteidigen. So war die Grundsituation die gleiche, wie sie seit 1529 die Möglichkeiten der ungarischen Politik bestimmt hatte: Die östliche Hälfte des Landes gehörte zur türkischen Interessensphäre, und dieser Tatsache mußte sich die Politik der dortigen Machthaber anpassen.

Die Anklagen der verbitterten Isabella im Ohr und konfrontiert mit dem Haß der ungarischen Herren, die den Verlust Ofens beklagten, ging Bruder Georg daran, seine Macht neu zu organisieren. Im Gebiet jenseits der Theiß war er aufgrund der Güter des Bistums Wardein und der Herrschaft Solymos–Lippa unumschränkter Herr, in Siebenbürgen säuberte ihm der Türke den Weg: Sein gefährlichster Gegner István Maylád wurde wegen Treubruch festgenommen und in lebenslängliche Haft nach Stambul verbracht. Am 20. Januar 1542 bestätigte die Landesversammlung der drei Nationen in Neumarkt Bruder Georg als Statthalter Siebenbürgens, und ein Landtag Ende März (in Thorenburg) sprach die Einladung an Königin Isabella aus, gemeinsam mit ihrem Sohn, dem König, nach Siebenbürgen überzusiedeln.

Mit Ofens Fall besaß der Szapolyai-Landesteil kein wirkliches Zentrum mehr. Die letzte größere Szapolyai-Herrschaft, Lippa, lag dem türkischen Gebiet zu nahe, der 1541 dorthin geflohene Hof konnte dort nicht lange bleiben. Den Schwerpunkt des Restlandes bildete bereits Siebenbürgen – und das siebenbürgische Bistum war gerade vakant. So bezog Isabella also das Bischofspalais in Weißenburg, und der Statthalter übernahm die umfangreichen kirchlichen Güter in seine Kameralverwaltung – ein neuer Bischof von Siebenbürgen wurde nicht ernannt.

Aufgrund der allgemeinen Verbitterung ging dies freilich nicht ungestört vor sich. Zwar hatten am 18. Oktober 1541 auf dem Landtag von Debreczin die Komitate jenseits der Theiß und Siebenbürgens der Szapolyai-Dynastie ihre Treue gelobt, doch bereitete sich König Ferdinand auf die Rückeroberung Ofens vor, wozu er erstmalig schließlich auch die Unterstützung des Reiches erhielt. Am 19. Dezember 1541 schloß Bruder Georg auf der Burg Julmarkt eine Vereinbarung mit den Gesandten Ferdinands über eine Einigung Ungarns unter dem Zepter der Habsburger – die Bedingungen entsprachen dem zuvor gebrochenen Vertrag von Wardein.

Der Ungarnfeldzug des Reichsheeres endet dann im Sommer 1542 mit einer kläglichen Schlappe. Karl V. war stark mit dem neuerlichen Krieg gegen Frankreich beschäftigt, der Türke wiederum nahm – als Vergeltung – 1543/44 {251.} eine ganze Reihe von transdanubischen Burgen ein. Daraufhin entschied Ferdinand I., den aussichtslosen Kampf nicht fortzusetzen. Seine Gesandten schlossen am 10. November 1545 in Adrianopol einen Waffenstillstand.

Gleich nach der Enttäuschung von 1542 hatte Bruder Georg auf einem neuerlichen Landtag in Thorenburg (am 20. Dezember) die siebenbürgischen Stände zu einer Treueerklärung gezwungen. Die „Union der drei Nationen“ wurde erneuert und die Vereinbarung von Julmarkt gegen den Einspruch der Sachsen für nichtig erklärt. Zu Beginn des Jahres 1543 war in Stambul die erste Türkensteuer in der Geschichte Siebenbürgens eingegangen: l0000 Gulden. Im August 1544 erschienen auf dem nächsten Landtag der drei Nationen in Thorenburg die Vertreter der Komitate an der Theiß und jenseits der Theiß als gleichberechtigte Partner.

Bruder Georg war auf dem Gipfel seiner Macht angelangt. Als Statthalter Siebenbürgens verschaffte er sich einen Großteil der früheren Woiwodenburgen und -domänen (Diemrich, Görgen) und beschlagnahmte den gesamten Gutsbesitz des Bistums Tschanad sowie das Vermögen einiger ausgestorbener Magnatenfamilien.

Dennoch war diese Macht nicht unumschränkt. Erstens gab es im Land Johanns II. zwei – man kann sagen – Provinzen, über die Bruder Georg keine Befehlsgewalt hatte: Im Gebiet nordwestlich der Theiß herrschte der königliche Kapitän von Kaschau, Lénárt Czeczey, und im Dreieck zwischen Mieresch und Theiß der Gespan des Banats, Péter Petrovics. Zum anderen lagen in den Szapolyai-Gebieten außerhalb Siebenbürgens noch eine ganze Reihe von Latifundien: In Békés „regierten“ die Familie Patócsy, in Debreczin János Török, von Marmarosch bis Kraszna die Sippe Drágffy-Perényi und in Zemplén, Borsod und Abaúj die Familien Balassa, Losonci, Bebek und Drugeth von Homonna.

Drittens – und dies war der entscheidende Punkt – forderten das Recht und die Herrschaftstraditionen, die Königin an die Spitze der Staatsgeschäfte zu stellen. Bruder Georg aber behielt das Amt des Schatzmeisters, regierte Siebenbürgen als königlicher „Statthalter“ und schuf sich schließlich noch ein neues Amt: er wurde „Oberrichter“ des Landes. Das Finanzwesen, die Verwaltung und die Gerichtsbarkeit lagen in seiner Hand. Die höchsten Würden des ungarischen Königshofes (Palatin, Judex Curiae = Landesrichter, Kanzler) wurden nicht besetzt, auch keine neuen Woiwoden ernannt, und die täglichen Regierungsgeschäfte in Siebenbürgen versah ein Vizewoiwode aus dem niederen Adel (János Kemény).

Isabella empfand von Anfang an starke Antipathie gegen den schwierigen und sparsamen Mönch und Bischof. Die weniger erfahrene und zudem launenhafte Witwe blieb anfänglich im Duell mit dem zielbewußten Mönch die Unterlegene und spielte manchmal sogar mit dem Gedanken, abzudanken und mit ihrem Sohn zusammen wegzuziehen. Die alten Anhänger des Szapolyai-Hauses, geführt von dem entfernten Verwandten Péter Petrovics, zog die dynastische Treue und die Sorge um die Macht (und dazu freilich auch der Hochmut des Herren gegenüber dem Emporkömmling) natürlich auf die Seite Isabellas. Leider war es gerade Bruder Georg, der ihre Politik verwirklichte, manchmal sogar gegen die Königin – und so sahen sie sich gezwungen, sich mit seiner Macht auszusöhnen.

Dieser von persönlicher Antipathie noch angeheizte Machtkampf zwischen Königin und Bruder Georg bildete eine ständige Gefahrenquelle. Die {252.} ungarische Gesellschaft, vom Magnaten bis zum Bürger und vom Kleinadel bis zum rührigen Bauern, sah in der Wiederherstellung der Einheit des Landes das oberste Ziel. Man verstand zwar die Gründe für die Türkenfreundschaft, neigte aber dazu, die Herrschaft der Szapolyais als reine Familienangelegenheit zu betrachten. Auf dem herausragenden Führer des östlichen Landesteils – also auf Bruder Georg – lag damit stets eine Erwartungshaltung in Richtung eines Zieles, dessen Gültigkeit auch er selbst nicht leugnete, nur daß er eben an seine Erreichbarkeit nicht recht glauben konnte. Er mußte unbeirrbar an der vollen Machtausübung festhalten – doch gelang es ihm nicht, die Anerkennung seiner Führungsrolle wie seiner Politik durchzusetzen.

Sturz und Neubeginn

Das empfindliche Gleichgewicht, das sich in der Führung der Szapolyai-Hälfte Ungarns herausgebildet hatte, wurde gegen Ende der 1540er Jahre von Erschütterungen zunehmend zerstört. Dieser Prozeß begann zu Beginn des Jahres 1546, als die Türken die Übergabe von zwei Burgen im Süden, Becse und Becskerek, einforderten, um die Verbindung zwischen Belgrad und dem 1543 eingenommenen Szegedin zu sichern. Die türkische Forderung war ein großer politisch-moralischer Schlag für das neue System. Das folgende Jahr brachte neue Gefahren. Am 31. März 1547 starb der französische König Franz I., der geschworene Feind des Hauses Habsburg, am 24. April konnten die Heere Karls V. einen scheinbar endgültigen Sieg bei Mühlberg über die protestantischen Reichsfürsten erringen, und schließlich wurde am 19. Juni in Stambul der Waffenstillstand zwischen den Habsburgern und dem Sultan von einem bereits regelrechten Friedensschluß abgelöst.

Bisher hatte die von Johann I. eingeleitete türkenfreundliche Politik ihr Hauptziel erreicht: sie hatte Ostungarn vor der türkischen Eroberung bewahrt, ohne daß seine tatsächliche Unabhängigkeit hätte aufgegeben werden müssen. Doch war die Angelegenheit der zwei Burgen im Süden eine Warnung, daß sich der Türke langfristig weiterhin ausbreiten wollte – und durch den Stambuler Frieden war nun jene Kraft ausgeschaltet, deren passiver, aber zäher Widerstand die Bewegungsfreiheit der Pforte im Karpatenbecken bisher eingeschränkt hatte: die Habsburgermacht. Daß die Dinge auf diese Weise zusammenhingen, darauf deutet ganz offen die Tatsache, daß Suleiman I. nicht bereit war, Isabella und ihr Land in den Frieden einzubeziehen.

Der Hof von Weißenburg wandte sich mit einer verzweifelten Botschaft an Karl V.: „[…] keinerlei Frieden ist möglich mit einem Feind, der nicht nur […] unsere Eroberung will, sondern auch unserem Leben feindlich gesinnt ist […], bisher hat er sich auch mit Steuer begnügt, jetzt aber verlangt er immer mehr Burgen und sucht nach immer neuen Möglichkeiten unseres Verderbens“.* EOE I. 307 In die gleiche Richtung ging die Bitte der ungarischen Räte Ferdinands I., den Frieden von seiten des Kaisers nicht zu bestätigen, da sie ja gerade in der Hoffnung auf Vertreibung der Türken dem Hause Habsburg dienten.

{253.} Da Karl V. jedoch nicht daran glauben mochte, daß der Tod Franz I. und der Sieg bei Mühlberg die Probleme seines Reiches gelöst hatten, trat der Frieden von Stambul in Kraft.

Die allgemeine Furcht nutzten Isabella und Bruder Georg für erneutes Manövrieren: Im Frühling 1548 nimmt die Königin mit Ferdinand wiederum Verhandlungen über ihre mögliche Abdankung auf, Bruder Georg aber beschließt, den Zauberkreis, der die Gestaltung der ungarischen Politik nun schon ein Vierteljahrhundert bestimmt, zu durchbrechen. Einerseits will er die Habsburger aus ihrer andauernden Wartestellung herauslocken, andererseits Isabella durch Provokation zu einem endgültigen Beschluß über das Schicksal der Szapolyai-Dynastie zwingen. Nun bietet auch er Ferdinand I. Siebenbürgen an.

Nach über einjährigem Hin und Her willigte der König ein, Truppen zum Schutz seiner neuen Provinz zu senden. Nachdem er in diesem wichtigsten Punkt einen Erfolg erreicht hatte, unterschrieb Bruder Georg im September 1549 in Nyírbátor das nun schon dritte Abkommen über die Vereinigung der beiden Teile Ungarns. Isabella und ihrem Söhnchen wurde in Schlesien Entschädigung angeboten (für sie waren die Herzogtümer Oppeln und Ratior vorgesehen), und Bruder Georg wurde von Ferdinand I. zum Woiwoden Siebenbürgens ernannt, was bedeutete, daß er in diesem Gebiet seine bisherige Herrschaft behielt.

Auf die Nachricht von diesem ohne sie abgeschlossenen Handel ließ Isabella ihre Maske fallen; nun war keine Rede mehr davon, daß sie fortgehen oder abdanken wolle. Sie wollte um jeden Preis ihre Dynastie an der Macht halten und zeigte deshalb ihren „treulosen“ Statthalter direkt beim Sultan an.

Die Pforte sandte sogleich einen Boten, um die „Umtriebe“ Bruder Georgs zu entlarven. Nun konnten die Anhänger des Szapolyai-Hauses sich ihm offen und mit guten Gründen entgegenstellen. Im Sommer 1550 entflammte mitten in Siebenbürgen der Bürgerkrieg: Isabella ließ Bruder Georg aus Weißenburg aussperren, und Péter Petrovics drang vom Banat durch das Miereschtal in Siebenbürgen ein. Der Bischof und Statthalter zwang aber mit seinen eilends gesammelten Truppen zuerst nach sechswöchiger Belagerung Weißenburg zur Aufgabe und wandte sich dann gegen die in Siebenbürgen hereinströmenden türkischen und walachischen Truppen. Das allgemeine Entsetzen führte ihm auf dem bewaffneten Landtag von Thorenburg am 29. Oktober die Stände wieder zu: In den folgenden Wochen zwingt János Török den Pascha Kassim von Ofen zur Umkehr, János Kendi schlägt die Truppen aus der Walachei, und schließlich drängt Bruder Georg selbst den Woiwoden der Moldau über die Karpaten. So war mit Winterbeginn wieder Frieden.

Isabella söhnte sich am 30. November mit einem sehenswerten Tränenstrom mit ihrem Statthalter aus – danach, als sei nichts geschehen, übernahmen im Mai 1551 wieder die Waffen das Wort. Isabella fürchtet um ihre und ihres Sohnes Herrschaft, Petrovics und seine Gefährten (wie der Magnat Ferenc Patócsy aus Békés) sind um ihre Güter besorgt, die seit 1541–1543 der Gier der Türken ausgesetzt sind. Die Mehrheit allerdings unterstützt den um die Einheit des Landes bemühten Bruder Georg, den die wiederholten Aufstände endgültig zu der Überzeugung bringen, daß die Königin aus Siebenbürgen entfernt werden müsse.

Doch inzwischen hat sich in Europa das Rad der Geschichte weiter gedreht. Auf dem Augsburger Reichstag 1550 kommt es zum ersten Mal zum Streit {254.} zwischen Ferdinand I. und seinem älteren Bruder, dem Kaiser: Die Hoffnung auf Hilfe aus dem Reich ist endgültig verflogen. Der König zieht daraus auch die logische Konsequenz: er versucht im letzten Moment, die Durchführung des Abkommens von Nyírbátor aufzuschieben. Aber seine im Fieber der Vereinigung des Landes lebenden ungarischen Untertanen bedrängen ihn, ja erzwingen fast sein Eingreifen.

Im Sommer 1551 traf unter Führung des königlichen „Militärstatthalters“ Giovanni Battista Castaldo und des ungarischen Landesrichters Tamás Nádasdy eine 6–7000 Mann starke Truppe in Siebenbürgen ein. „Als Truppe wenig, als Gesandtschaft viel“,* Ascanio Centorio degli Hortensi: Commentarii della guerra die Transit ania. Vinegia 1564 – Budapest 1940, 68. äußerte ein galliger Beobachter. Als sie in Weißenburg ankamen, war Isabella von den Waffen Bruder Georgs wiederum gezwungen worden, sich zu ergeben: verzweifelt hatte sie am 19. Juni ihre und ihres Sohnes Abdankung vom ungarischen Königsthron unterschrieben. Der Landtag in Klausenburg erkannte am 26. Juli Ferdinand I. als einzigen Herrscher an. Anfang August ging die Königin nach Kaschau, und der allein gebliebene Péter Petrovics übergab das Banat an Ferdinands Generalkapitän, András Báthory. Die Heilige Krone mit ihrem abenteuerlichen Schicksal – seit 1529 in der Hand der Szapolyais – wird jetzt im Triumph nach Preßburg gebracht.

Auf die Nachricht von den militärischen Operationen in Siebenbürgen befahl der Sultan seinerseits dem Beglerbey von Rumelien Sokollu Mehmed, zum Angriff vorzugehen. Anfang August befand sich der Pascha bereits im Banat, und obwohl ihn Bruder Georg dahingehend informierte, die übliche Jahressteuer sei beim Sultan bezahlt worden, besetzte er dennoch Becse, Becskerek, Tschanad und Lippa. Nach diesen Erfolgen wurde Sokollus Herz weicher: es gelang ihm zwar nicht, Temeschwar einzunehmen, aber nun schenkte er den Ausflüchten Bruder Georgs Glauben, der alleinige Verräter sei Petrovics gewesen und nur in seine Burgen seien die Königswachen eingezogen. Daraufhin führte er sein Heer ins Winterquartier zurück.

Die 1549 eingeleitete großangelegte politische Aktion war schließlich in eine ganz falsche Richtung gegangen. Es war zwar gelungen, Isabella zu vertreiben und das Land zu vereinigen, ja man hatte sogar den Türkenkrieg provozieren können – aber das Wichtigste, das Reich in Bewegung zu bringen, war nicht erreicht worden. In dieser Situation hätte Bruder Georg gerne wieder den Rückzug angetreten, doch ein solcher wurde immer schwieriger. Von König Ferdinand und der öffentlichen Meinung dazu gedrängt, führte er ein Heer nach Lippa, um die Burg zurückzuerobern (außer Castaldo, Nádasdy und András Báthory stieß auch der Söldnerführer Sforza Pallavicini zu ihm), achtete aber streng darauf, daß die türkische Besetzung nach Aufgabe der Burg ungehindert abziehen konnte.

Ferdinand I. mißtraute dem inzwischen zum Kardinal ernannten Mönch und Bischof von Anfang an, und nun brachten ihn die grundlosen Verleumdungen Castaldos zur Überzeugung, er plane Verrat. Im Morgengrauen des 17 Dezember 1551 ließ Sforza Pallavicini auf Befehl des Königs Bruder Georg in seinem Schloß Winzendorf umbringen. Castaldo und der zum Woiwoden ernannte Andreas (András) Báthory nahmen Siebenbürgen innerhalb weniger Wochen in Besitz.

{255.} Bruder Georgs Ermordung zeigte nur Ferdinands Unfähigkeit, Siebenbürgen wirksame Hilfe zu leisten – der Fehler, ihm das Land überlassen zu haben, war nun nicht mehr rückgängig zu machen.

In der Zwischenzeit waren die Habsburger ganz mit einem neuerlichen Aufstand der protestantischen Reichsfürsten und dem diesen zur Hilfe eilenden französischen Vorstoß beschäftigt. Der Sultan demonstrierte sogleich, daß er immer noch der Stärkere sei, auch wenn es nicht zu einem entscheidenden Sieg reichte. Dem türkischen Kriegszug von 1552 fiel eine ganze Reihe ungarischer Grenzburgen zum Opfer, darunter Wesprim, Szolnok, Lippa, Temeschwar, Karansebesch und Lugosch. Gerade aus dem ehemaligen Szapolyai-Landesteil riß der türkische Angriff die größten Stücke heraus. Der Sultan ließ den Siebenbürgern zudem noch mitteilen, sie sollten Isabella und ihren Sohn zurückholen, andernfalls lasse er sie vom Erdboden verschwinden. Castaldo und Báthory konnten nicht verhindern, daß sich die Siebenbürger Stände in direkte Verhandlungen mit den Türken einließen, als Gesandter hatte sich der früher ganz habsburgtreue Königsrichter von Hermannstadt Peter Haller zur Verfügung gestellt.

All das geschah im Herbst 1552 – während das schlechtbezahlte Söldnerheer statt mit dem Kampf gegen die Türken mit der Plünderung von Städten und Dörfern beschäftigt war. Castaldo sah ein, daß er hier nichts mehr ausrichten konnte, und bat um seine Rückberufung, Báthory wiederum dankte als Woiwode ab. Im Sommer 1553 unternahm der Adel im Gebiet jenseits der Theiß einen bewaffneten Aufstand, um Isabella zurückzuholen. Ihnen eilte sogleich Péter Petrovics aus seiner Burg Munkács, die er 1551 im Tausch für Temeschwar erhalten hatte, zu Hilfe.

Der neue Woiwode von Siebenbürgen, der durch Erlaus Verteidigung 1552 berühmt gewordene Stephan (István) Dobó, und der siebenbürgische Großgrundbesitzer Ferenc Kendi übernahmen es, den Aufstand niederzuschlagen. Zu ihrem Glück stand der Sultan damals im Krieg mit Persien und verbot dem Ofner Pascha, die Aufrührer zu unterstützen. Der Aufstand brach zwar zusammen, doch überließ Suleiman I. 1554 dem inzwischen nach Polen geflüchteten Petrovics Lugosch und Karansebesch. Und wiederum erschienen die Tschausche des Sultans in Siebenbürgen mit dem Verlangen, die Szapolyai-Dynastie zurückzurufen. Ferdinand I. wußte nichts anderes zu tun, als Anfang 1555 dem Sultan die für Siebenbürgen fällige Steuer aus eigenen Mitteln zu bezahlen. Seine Gesandten überbrachten ihm freilich nur die Nachricht, der Sultan sei allein dann zum Frieden bereit, wenn Isabella ihr Land wiederbekomme.

Die rumänischen Woiwoden trafen auf türkischen Befehl hin Kriegsvorbereitungen, und auch das Gebiet jenseits der Theiß erhob sich erneut unter Petrovics’ Führung. Der Siebenbürger Landtag von Neumarkt ließ am 23. Dezember 1555 Ferdinand I. folgende Botschaft übermitteln: „Es war uns lieb, uns einem christlichen Fürsten zu unterstellen, mit dem römischen Kaiser in Verbindung zu stehen, doch hat Gott nicht gewollt, daß dies Bestand habe ... Von zweien bitten wir also um eines: entweder hilft uns Eure Majestät mit solcher Kraft, die Suleiman widerstehen kann, oder Ihr seid so gnädig, uns von unserem Eid zu entbinden.“* EOE I. 475

{256.} Eine Antwort wartete man eigentlich gar nicht ab. Menyhért Balassa, der Generalkapitän der siebenbürgischen Truppen, ließ Ende Januar 1556 der von Schlesien nach Polen geflüchteten Königin Isabella durch den Landtag von Thorenburg die Nachricht übermitteln, sie werde zurückerwartet, Petrovics sei von Karansebesch aus ins Land eingerückt. Ein für den 12. März erneut einberufener Landtag in Mühlbach leistete den Treueid auf „König Johanns Sohn“.

Ferdinand I. teilte dem Sultan in einem Brief vom 14. Juni mit, er gebe Siebenbürgen den Szapolyais zurück. Doch verspätete er sich damit: Der Pascha von Ofen Khadim Ali hatte im Mai Szigetvár angegriffen und damit die Aufmerksamkeit der königlichen Truppen auf Transdanubien gelenkt. Die königlichen Burgen in Siebenbürgen öffneten der Reihe nach den Truppen von Petrovics und Balassa ihre Tore, und Isabella zog mit ihrem Sohn am 22. Oktober festlich in Klausenburg ein. Der Woiwode Stephan Dobó verteidigt Neuschloß bis zum November 1556, ist aber schließlich gezwungen, sich zu ergeben. Wardein öffnet seine Tore im April 1557, und die Komitate Gömör, Abaúj und Zemplén gehen ebenfalls zu den Szapolyais über. Im östlichen Landesteil bleiben nur die Burgen Gyula, Világos und Borosjenõ den Habsburgern treu.

Isabellas Herrschaft reichte also im Sommer 1557 schon wieder bis Kaschau, bis zur Zips. Die Schwankenden wurden durch eine blutige Warnung zurückgehalten: Die Königin ließ am 31. August 1558 in Weißenburg die des Verrates verdächtigten Ferenc Bebek, Ferenc Kendi und Sándor Kendi ermorden. Kaum war ein Jahr vergangen, starb sie am 15. November 1559 selbst, und die Macht ging auf den 19Jährigen „gewählten ungarischen König“ Johann (János) II. über. Ferdinand hatte inzwischen mit dem Türken wieder einen Waffenstillstand geschlossen, war aber höchstens dazu bereit, mit dem Szapolyai-Haus über die Überlassung des Throns zu verhandeln. Es schien, die Patt-Situation würde sich dadurch auflösen, daß 1561 der Landeskapitän Menyhért Balassa zu den Habsburgern überging und sein Wechsel ins andere Lager den Adel des Gebietes jenseits der Theiß mitriß. Das Heer, das sie zur Vernunft bringen sollte, erlitt am 4. März 1562 bei Kriegsdorf eine schwere Niederlage. Währenddessen hatten sich auch die Szekler erhoben, und wenn sie auch von den Truppen des Herrschers auseinandergetrieben wurden, hatten die Kämpfe Szapolyai-Ungarn schwer verstümmelt: Sathmar, Tokaj und Kaschau waren verlorengegangen, und jenseits der Theiß waren ihm nur noch die Komitate Bihar und Marmarosch untertan.

Die in den folgenden Jahren immer wieder erneuerten Gegenangriffe brachten erst an der Wende 1564/65 gewisse Erfolge (Eroberung von Sathmar und Frauenbach), die aber durch Lazarus Schwendis Rückeroberung im Frühjahr 1565 wieder zunichte gemacht wurden. Diese Schlappen bewogen Johann II. dazu, im Frühling 1565 einen Vergleich mit Ferdinands Sohn Maximilian I. (1564–1576) abzuschließen (den Frieden von Sathmar), dem zufolge er gegen die Anerkennung seiner Herrschaft über Siebenbürgen auf den Königstitel verzichten wollte – aber der Sultan kam ihm diesmal ganz rasch zu Hilfe. Der junge Szapolyai bezeugte am 29. Juni 1566 inmitten der Vertreter der drei Nationen bei Zimony dem mit seinem Heer eintreffenden Suleiman seine Ergebenheit, worauf dieser ihn seiner Gunst und Gnade versicherte, sodann Szigetvár, das Tor nach Transdanubien, einnahm und {257.} während der Belagerung starb. Der zweite Wesir Pertev Pascha eroberte währenddessen Gyula, Jenõ und Világos: Die Habsburger-Enklave im Süden des Gebietes jenseits der Theiß verschwand damit von der Landkarte. Maximilian 1. schloß nun sehr bald Frieden mit den Türken (Adrianopel, 17. Februar 1568).

In diesen neuen Frieden mit den Türken bezog der Kaiser und König auch das „andere“ Ungarn mit ein; der zwischen Kaschau und Sathmar hin und herwogende sog. „Burgenkrieg“ konnte beendet werden. Was dem Gesandten Johanns II. István Báthory von Somlyó mit seinen wiederholten und durch mehrfache Gefangenschaft erschwerten Prag-Reisen jahrelang nicht gelungen war, das erreichte nun der neue Günstling Gáspár Bekes innerhalb weniger Monate: Am 16. August 1570 kam es in Speyer zum Abkommen, in dem Johann II. auf den ungarischen Königstitel verzichtete und sich mit dem Titel „Johann, Fürst (princeps) Siebenbürgens und Teilen Ungarns“ begnügte. Im Fall des Aussterbens seiner Familie willigte er darin ein, daß sein Land als Teil der ungarischen Krone an den jeweiligen ungarischen König zurückfallen sollte. Maximilian ratifizierte diese Vertragspunkte sehr schnell, aber Johann II. ,starb nach einigen Tagen (am 14. März 1571) ohne Erben, jedoch mit der Hinterlassenschaft einer ungeklärten Rechtssituation.

Stephan Báthorys Herrschaft

Noch unter dem Eindruck der türkischen Erfolge hatte am B. September 1567 der Landtag von Weißenburg folgenden Eid geleistet: „... auf den Vater, den allmächtigen Gott, daß wir ... falls Gottes endgültiger Wille unseren gnädigen Herrn kinderlos von uns nimmt, aus gleichem Willen, nicht aus einem Lager einen Fürsten wählen“.* EOE II. 335 Nun hatten die siebenbürgischen Stände die Wahl zwischen dem Vertrag von Speyer und ihrem eigenmächtigen Beschluß.

Sie entschlossen sich am 25. Mai 1S71 zur zweiten Möglichkeit: „ohne weitere Debatte und Worte“ wählten sie Stephan (István) Báthory von Somlyó, den erfolgreichen Heerführer der „Burgenkriege“ und glücklosen Diplomaten, zu ihrem Herrn.

Der 1533 geborene Báthory, Sohn des ehemaligen Woiwoden, hatte schon viel von der Welt gesehen: als Kind war er Page am Königshof in Wien, studierte 1549 an der berühmten Universität Padua, kehrte Mitte der 1550er Jahre nach Siebenbürgen zurück und begrüßte 1556 im Namen der Stände die heimkehrende Isabella. Sein erstes wichtiges Amt wurde ihm 1559 übertragen: Die Königin ernannte ihn zum Burgkapitän von Wardein, womit er zugleich das militärisch lebenswichtige Komitat Bihar kommandierte. Damals war er schon der größte Grundbesitzer im Landesteil der Szapolyais.

Seine Wahl 1571 war eine riskante Entscheidung, das wußte er selbst. Er verzichtete deshalb auf die klangvollen Titel seiner Vorgänger und begnügte sich damit, nur „Woiwode“ zu sein, ja leistete darüber hinaus insgeheim Maximilian I. den Treueid, womit er auch die Zugehörigkeit seines Landes zu Ungarn anerkannte. Gleichzeitig hatte sich aber auch die Pforte das Recht auf Ernennung eines Nachfolgers der Szapolyais vorbehalten, obwohl das {258.} Adname des zur Wahl von Weißenburg erwarteten Tschausch Amhat auf Báthorys Namen lautete: „Stephan Báthory, Woiwode von Siebenbürgen! […] Seit langem schon stand das Land Siebenbürgen unter meinem Schirm, […] es ist für mich ein Land wie meine anderen Länder […] Aus diesem Grunde übergab ich dir gemäß deiner Treue zu mir das Land Siebenbürgen aufgrund meiner Gewalt.“* EOE II. 459

Damit aber bestand der Zwang, zwischen den beiden Großmächten hin und her zu balancieren, weiter fort. Die größeren Sorgen bereitete anfänglich der Königshof: Maximilian, klug geworden durch die Mißerfolge seines Vaters, wollte zwar nicht mehr offen in die Angelegenheiten Siebenbürgens eingreifen, doch ließ er es zu, daß seine oberungarischen Beamten den gegen den „Woiwoden“ konspirierenden Thronprätendenten Gáspár Bekes aktiv unterstützten.

Dem ersten Versuch von Bekes blieb der Erfolg versagt, er selbst mußte im Herbst 1574 aus Siebenbürgen flüchten. Im Sommer 1575 bricht er aber mit einem in Oberungarn gesammelten Heer auf, das Land zu erobern. Im Rücken Báthorys erheben sich auch die aufgewiegelten Szekler, dennoch gelingt es diesem, die Entscheidungsschlacht (am 10. Juli 1575 bei Kerelõszentpál) zu gewinnen. Der Thronprätendent flüchtet, vier gefangene Magnaten aus seiner Gefolgschaft werden sofort auf dem Schlachtfeld gehängt und die übrigen sieben (zusammen mit drei Dutzend Szeklerführern) später aufgrund eines vom Woiwoden verhängten Urteils hingerichtet.

Der Ruhm dieses Sieges ist so groß, daß der polnische Adel am 15. Dezember 1575 Báthory zu seinem neuen Herrscher wählt, nachdem der polnische König und frühere französische Herzog Heinrich 1573 Polen heimlich verlassen hat, um daheim den französischen Thron zu besteigen (als Heinrich III., 1574–1589). Sein Gegenkandidat ist Kaiser Maximilian selbst, doch löst sich der gefährlich scheinende Konflikt durch dessen unerwarteten Tod sehr bald von selbst. Und wenn sich Maximilian gegen Báthory schon vorsichtig verhalten hatte, so hatte sein Nachfolger Rudolf II. (1576–1608) noch weniger Absicht, den Herrscher des starken Polen im Besitz Siebenbürgens und der dazugehörigen ungarischen Komitate zu behelligen.

Während diese Gefahr also verzog, verstärkte sich der türkische Druck unaufhörlich. Sultan Selim II. (1566–1575) hatte zwar 1572 das Erbrecht der Báthorys anerkannt, doch das hinderte ihn keineswegs daran, zugleich mit Gáspár Bekes’ Anerkennung zu drohen. Murad III. (1575–1595) setzte am Beginn seiner Herrschaft das deutliche Zeichen einer Erhöhung der Siebenbürger Steuer (von jährlich 10 000 auf 15 000 Goldgulden). Die für die Wesire und anderen Paschas bestimmten „Geschenke“ wurden ihrem Wert nach immer teurer und in Stambul ein von ihnen aus dem Hut gezauberter „Fürstenanwärter“ ständig in Bereitschaft gehalten (Die Methode war genau dieselbe, mit der man die rumänischen Woiwoden in Schach hielt.)

Doch Báthory, dessen Familienbesitz in den an Siebenbürgen angeschlossenen Komitaten jenseits der Theiß lag, kannte das türkische doppelte Joch der Erniedrigung und Unterdrückung sehr gut: „… die Türken werden nicht zulassen, daß irgendwer der Herr Siebenbürgens werde. Eure Majestät ist besser beraten, wenn Sie darauf achtet, daß in dieser Provinz ein Mittelsmann sitzt, der auch dabei Dienste leistet, daß … im Laufe der Zeit Siebenbürgen {259.} Ungarn angeschlossen werden kann“ – äußerte er schon 1567 zu einem Vertrauensmann Ferdinands. Er hatte keine Illusionen, auch folgender Satz stammt von ihm: „Das Heer des türkischen Kaisers pflückt keine Erdbeeren in anderer Leute Korb.“* E. VERESS, Báthory István erdélyi fejedelem és lengyel király levelezése (Briefwechsel des siebenbürgischen Fürsten und polnischen Königs Stephan Báthory) I. Kolozsvár 1944, N° 69. Folglich bezahlte er die erhöhte Steuer, bestach die türkischen Machtträger mit seinem Geld, verbot den Besatzungen der Grenzburgen jede Belästigung des türkischen Territoriums, vertrieb den vor dem Türken geflüchteten moldauischen Woiwoden Bogdan usw.

Hat sich nun mit seiner Thronbesteigung in Krakau an dieser Ausgangslage etwas geändert? Schließlich war die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts die Blütezeit Polens, als der Getreideexport nach dem Westen den polnischen Staat reich und mächtig werden ließ. Die ererbte Schwäche des politischen Systems hatte bisher verhindert, daß Krakau zur Führungsmacht in Osteuropa wurde – Báthory kam aber aus einem Land, in dem es der Zentralmacht gelungen war, sich über die ständischen Interessen zu erheben.

König Stephan betrachtete sich – seltsamerweise – auch in seinem neuen Staat als Ungar. Seine Untartanen verübelten es ihm daher, als ihm einmal (1577) der Satz entfuhr, Gott habe ihn nicht für die Polen, sondern für die Ungarn erschaffen. Deshalb beschäftigte ihn die türkische Frage unablässig. Aber mit der europäischen Gesamtsituation stand es gerade jetzt nicht zum Schlechtesten. Von dem glänzenden Triumph bei Lepanto (am 7. Oktober 1571) hatten sich die Türken schnell wieder erholt. Das von seinen Bundesgenossen im Stich gelassene Venedig wurde bereits 1573 zum erneuten Friedensschluß mit dem Sultan gezwungen. In Frankreich waren mit der Bartholomäusnacht (am 24. August 1572) wieder die Religionskriege ausgebrochen, doch konnte im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation niemand daraus einen Vorteil ziehen. Das Machtgleichgewicht zwischen den katholischen und protestantischen Reichsständen und deren gemeinsamer Widerstand gegen die kaiserliche Zentralmacht beschränkte die Herrschaft der Habsburger praktisch auf die österreichischen Erblande und die Länder der böhmischen Krone.

Die Idee, die Türken zu überwinden, wurde eigentlich nur mehr vom Papst mit aller ihm zur Verfügung stehenden Energie verfochten. Papst Gregor XIII. stand freilich im Kampf um den Krakauer Thron auf der Seite Maximilians, so daß es erst nach Abklingen dieser peinlichen Episode, 1577 zur Kontaktaufnahme zwischen Báthory und Rom gekommen war. Damals traf der päpstliche Nuntius Laureo mit dem Plan einer antitürkischen Liga an Báthorys Hof ein. Im folgte 1579 der Nuntius Caligari mit einem ähnlichen Vorschlag. Die erhoffte Liga kam aber beide Male nicht zustande. 1581 und 1582 warf dann aber König Stephan selbst den Gedanken auf, auf der Grundlage eines Zusammenschlusses aller christlichen Völker Osteuropas gegen die Türken ins Feld zu ziehen.

Die erhofften Verbündeten – das Spanien Philipps II. und Venedig selbst – erwiesen sich jedoch schon zur geringsten Zusammenarbeit als unfähig. Nach kurzem Nachdenken ersuchte Báthory im Frühling 1584 den Heiligen Stuhl, ihn bei der Eroberung Rußlands zu unterstützen. Sollte dies gelingen, würde er später auch die Kräfte der Russen und sogar der kaukasischen Völker gegen {260.} die Türken lenken. Diesen mit dem Jesuiten Antonio Possevino nach Rom gesandten Vorschlag wies die römische Kurie jedoch zurück. Soeben war der französische Thronerbe gestorben und der Thron des „allerchristlichsten Königs“ fiel dem Protestanten Heinrich von Bourbon, dem König von Navarra zu: Der Papst hatte daher keine Zeit, sich mit Osteuropa näher zu beschäftigen. Doch blieb Báthory diesmal hartnäckig: er sandte seinen Neffen András Báthory nach Rom; wiederum vergebens – Sixtus V. bot lächerliche 25 000 Dukates als jährliche Unterstützung an, so daß sich jede Verhandlung erübrigte. Das waren die Ereignisse des Sommers 1586 – und am 12. Dezember stirbt König Stephan in Grodno, ohne das Geringste von seinen hochfliegenden Plänen verwirklicht zu haben.

Jeder irgendwie bedeutende Herrscher Europas hatte in den letzten hundertfünfzig Jahren von einer antitürkischen Liga, von einem Kreuzzug geträumt und darüber Verhandlungen geführt. In der Tagespolitik hielt sich der König Stephan Báthory gegenüber den Türken ebenso zurück wie als „Woiwode“ von Siebenbürgen. Er hielt den Frieden sogar um den Preis aufrecht, daß er raubende und plündernde Kosaken hinrichten und selbst zwei vom Sultan vertriebene, aber zur Rückkehr entschlossene Woiwoden aus der Moldau enthaupten ließ: Ioan Potcoauă und Iancu Sasul. Er hatte gute Gründe dafür, denn die polnischen Stände beharrten auf einer Einhaltung des Friedens mit den Türken, dazu hatte er sich sogar in seinem Herrschereid, der „pacta conventa“, verpflichten müssen. Einerseits fürchteten die Polen die Übermacht des Sultans, andererseits die Feindschaft der sie umgebenden Mächte – Preußens, Rußlands und der Habsburger.

Dem Willen der Stände konnte sich auch ein so entschlossener König nicht widersetzen. Seine anfängliche Popularität verlor er rasch infolge seiner Verfügungen, die auf eine Festigung der königlichen Macht abzielten. Der aus dem einfachen Adel stammende Sekretär seines Vertrauens, der später allmächtig gewordene Kanzler Jan Zamoyski wurde zur Zielscheibe eines weit verbreiteten Hasses. Seine ehemaligen wichtigsten Anhänger, die Brüder Zborowski, zettelten einen Aufstand gegen ihn an. Als er nach in Siebenbürgen gewohnter Weise die Treulosigkeit mit dem Henkersbeil ahndete, erhob sich das ganze Land gegen ihn.

Daß er tatsächlich nicht seinen eigenen Vorstellungen entsprechend entscheiden konnte, dafür sorgten die Nachbarn Polens. Danzig verweigerte den ihm zustehenden Lehnseid. Sein daraufhin geführter Vergeltungskrieg (1576/77) endete mit recht zweifelhaftem Erfolg. Iwan IV. (den Schrecklichen) besiegte er zwar in drei großen Kriegszügen zwischen 1579 und 1581, konnte aber trotzdem dessen Macht nicht endgültig brechen.

Vermutlich führte auch dieses Intermezzo dazu, daß Báthory über die Verknüpfung der türkischen mit der russischen Frage nachzudenken begann und seine antitürkischen Pläne in den Kreisen des litauischen Adels – leider viel zu spät – auf gewisse Sympathie stießen.

Wenn auch der Gedanke der Türkenvertreibung in König Stephan stets lebendig geblieben war, so verbot ihm seine große Erfahrung, seine Energie auf eine innen- und außenpolitisch und zudem auch militärisch aussichtslose Unternehmung zu verschwenden, ohne die nötigen Voraussetzungen dafür zu schaffen. Für mehr als das blieb ihm freilich keine Zeit. Die Polen beweinten ihn als einen ihrer größten Könige, aber die ungarische Sache vermochte er nicht voranzutreiben.

{261.} Die türkische Frage hatte er ohne Zweifel aus Siebenbürgen mitgebracht – und die Sorgen dieses kleinen Landes begleiteten ihn durch die ganzen zehn Jahre seiner polnischen Herrschaft. Allerdings hatte er die alltäglichen Aufgaben der Regierung „zu Hause“ anfänglich seinem älteren Bruder Kristóf und nach dessen Tod (1581) dessen Sohn Zsigmond überlassen, denen er den Titel Woiwode verlieh, während er selbst sich Fürst nennen ließ. Das Recht auf wichtigere Entscheidungen behielt er sich selbstverständlich vor: über eine gesonderte siebenbürgische Kanzlei in Krakau kontrollierte und lenkte er die „Woiwoden“-Tätigkeit.

Die gesamte Außenpolitik Siebenbürgens lag in seiner Hand. Maximilian und später auch Kaiser Rudolf wollten ihn zur Durchführung des Abkommens von Speyer bewegen, im Gegenzug forderte er seine zwischen 1564 und 1567 verlorenen Besitzungen vom ungarischen König zurück. Obwohl keine der beiden Parteien deshalb Krieg führen wollte, mußte eine Einigung bis 1585 hinausgeschoben werden (als Frauenbach mit seinen Goldgruben wieder in den Besitz des Fürsten gelangte). In der Zwischenzeit begeisterte sich Báthory (als nun schon souveräner Herrscher auf dem polnischen Thron) für den zu Szapolyais Zeiten noch lebendig gewesenen Gedanken einer Vereinigung Ungarns von Osten her. Während der schicksalshaften Krankheit Kaiser Rudolfs spielte er in den Verhandlungen mit dem Nuntius Caligari wiederholt darauf an: Mit türkischer Erlaubnis wählten wohl auch die Ungarn ihn zu ihrem König. Tatsächlich hatte er Anhänger in Ungarn, und in den mit ihnen gewechselten Briefen finden sich auch manche Hinweise für diese Idee, doch geschah nichts, um sie zu verwirklichen. Er hinterließ den Gedanken einer mit türkischem Einverständnis von Siebenbürgen ausgehenden Vereinigung des Landes seinen Nachfolgern auf dem Fürstenthron Siebenbürgens: Die Politik Gabriel Bethlens, Georg I Rákóczis und Emerich (Imre) Thökölys wäre ohne diese Tradition nicht verständlich.

Der neue Staat

Seit der Schlacht von Mohács waren bis zu Stephan Báthorys Tod gerade 60 Jahre vergangen. Inzwischen war das frühere Ungarn in drei Teile zerbrochen. Seine Mitte war dem Türkischen Reich angeschlossen worden. Im Westen und Norden herrschten ungarische Könige aus dem Hause Habsburg. Doch die „Identifizierung“ der östlichen Gebiete ist nicht mehr so einfach. Johann I. war „König von Ungarn“, Isabella „Königin von Ungarn“ und ihr Sohn, solange er lebte, „Johann II., gewählter ungarischer König“ (electus rex Hungariae). Bis 1570 gab es den Fürstentitel überhaupt nicht, auch der Landesname „Siebenbürgen“ war nur nichtamtlich in Gebrauch, und zwar aus dem einfachen Grunde, um zwischen den beiden „Ungarn“ zu unterscheiden. Anfänglich allerdings stellten die Habsburger aufgrund ihres eigenen Krönungsrechtes und später unter Berufung auf die Abkommen von Wardein, Julmarkt und Nyírbátor den Königstitel der Szapolyais in Frage, während die Polen, Franzosen und Türken ihn anerkannten. (Die übrigen europäischen Mächte nahmen zu ihm je nach ihrem jeweiligen Verhältnis zum Kaiserhaus Stellung.) Die ungarische Öffentlichkeit half sich damit, daß sie – unter Vermeidung des Landesnamens Siebenbürgen – bei aller ihrer Erfindungsgabe sprachlich im unklaren ließ, wer denn Isabella eigentlich sei (das lateinische {262.} Wort ,regina‘ bedeutet ungarisch sowohl herrschende Königin als auch die Gemahlin des Königs), und Johann II. mit einer in Prag und Preßburg üblichen Redewendung den „Sohn König Johanns“ nannte.

Dieses staatsrechtliche Durcheinander beendete das Speyrer Abkommen durch die Schaffung des siebenbürgischen Fürstentitels. Doch der frühe Tod Johanns II. (den allein die den Habsburger Hoftraditionen folgenden Historiker – im nachhinein – Johann Sigismund nannten) läßt jene Dynastie von der Bühne der Geschichte verschwinden, die das alleinige Recht zuerst auf den Titel „König“ und dann„ Fürst“ besaß. Als Stephan Báthory gewählt wurde, griff er auf die Rechtsordnung des alten Ungarns zurück und gebrauchte den tradierten Titel der früheren königlichen Gouverneure in Siebenbürgen, „Woiwode“. Er leistete dem König sogar den Lehnseid. Doch während früher der Woiwode ein ernannter Beamter war, wurde er jetzt vom Landtag zum Landesherrn gewählt. Natürlich konnte Báthory sein Bemühen, die relative Unabhängigkeit seines Staates zu erhalten, nicht lange hinter diesem zweideutigen Titel verheimlichen. Als „einfacher Magnat“ hatte er eine Herrscherwürde mit freilich recht anfechtbarem Rechtstitel errungen. Doch erst die polnische Königswürde versetzte ihn in die Lage, sich nicht nur den Titel des letzten Szapolyai „Fürst von Siebenbürgen“ anzueignen, sondern auch dessen Vererbbarkeit wie internationale Anerkennung durchzusetzen.

So schwer man für dieses Land und seinen Herrscher Namen und Titel fand – nicht weniger schwerfällig verlief der Entstehungsprozeß, aus dem der Machtapparat des neuen Landes hervorging. Im Landtag des Königreichs Ungarn bis 1526 war der Adel einzeln oder durch Komitatsabgesandte vertreten. Die siebenbürgischen Komitate hingegen wählten gemeinsam eine Delegation aus einigen wenigen Personen, und auch die Sachsen schickten gesonderte Vertreter. (Über die Teilnahme der Szekler liegen keine Angaben vor.) Ihre eigenen Angelegenheiten erledigte die damalige Provinz im Rahmen gemeinsamer Versammlungen der drei Nationen.

Zu Zeiten Johanns I. wurde konsequenterweise an diesem System nichts verändert. Den ersten ungarischen Landtag, zu dem die Siebenbürger Stände (mit Einschluß der Szekler) als gleichberechtigte Teilnehmer kamen, berief Bruder Georg für den 18. Oktober 1541 nach Debreczin ein. Eine Fortsetzung unterblieb vorerst, bis 1544 hielten die Komitate des Königreiches und Siebenbürgens wieder getrennte Landtage ab. Doch damals erschienen auf dem Landtag der drei Nationen im August in Thorenburg als vierter gleichberechtigter Partner auch die Abgesandten der Komitate dies- und jenseits der Theiß. Von da an wird dies zur allgemeinen Praxis, die Funktion des ungarischen Landtages übernimmt im östlichen Königreich und später im Fürstentum praktisch die erweiterte einstige Landesversammlung. Die Theiß-Komitate, die früher nicht zu Siebenbürgen gehörten, erhielten nun einen eigenen Namen, nämlich die Bezeichnung „Partium“ (Teile) in Verkürzung des Titels „Transylvaniae et partium regni Hungariae princeps“.

Der einstige ungarische Landtag (dessen Rechtsnachfolger im Landesteil der Habsburger ungehindert fortbestand) war Anfang des 16. Jahrhunderts zu einem wirksamen Organ der ständischen Interessenvertretung geworden. Ohne seine Einwilligung war es unmöglich, Steuern zu erheben oder Gesetze zu verabschieden. Allmählich hatte er sich darüber hinaus schon ein gewisses Kontrollrecht über die königliche Regierung erworben. Der siebenbürgische {263.} Landtag hatte sich im Prinzip alle diese Errungenschaften bewahrt, in der Praxis jedoch verlor er an Gewicht, obwohl er sehr häufig, manchmal vier- bis fünfmal jährlich einberufen wurde. Doch änderte sich seine Zusammensetzung. Nach 1545 waren die Komitate des Partiums und Siebenbürgens, die Stühle der Szekler und Sachsen sowie schließlich einzelne Städte von einer ständig wechselnden Anzahl von Abgesandten vertreten. Deren Ansehen war geringer als das der kleinen Gruppe der Räte und Oberbeamten, die die fürstliche Regierung repräsentierten, und als das Ansehen der etwas größeren Schar respektabler Herren, der vom König/Fürsten ernannten „Regalisten“. Naturgemäß zählten dazu auch die Großgrundbesitzer, in der Praxis war die Berufung in den Stand der „Regalisten“ aber von der persönlichen Gunst des Herrschers abhängig.

1556 wurde der Brauch aufgegeben, die Landtage auf Initiative der Stände einzuberufen. Das wurde nun zum Vorrecht des Herrschers, seine Propositionen bestimmten die Tagesordnung und wurden zumeist auch voll akzeptiert, während die Erledigung der traditionell nur Lokalangelegenheiten betreffenden Vorschläge (postulata) der Stände stets ungewiß blieb.

Außenpolitik und Militär waren und blieben das Monopol des Herrschers, die Finanzen nur zum Teil, denn hier mußte das nominelle Steuervorschlagsrecht des Landtages beachtet werden. Die ständischen „Freiheiten“ lebten nur noch in der Lokal- (Komitats-, Stuhl-) verwaltung weiter, aber auch dort mit abnehmender Bedeutung. Nur in Ausnahmefällen wagte der Landtag gegen den Herrscherwillen aufzutreten, so als der Zwist zwischen Isabella und Bruder Georg es fraglich werden ließ, wer denn überhaupt die Regierungskompetenz besitze. Oder als man den „Woiwoden“ Báthory in seiner infolge des Bekes-Aufstandes bedrängten Lage zur Einhaltung seines bei der Wahl geleistetes Versprechens zwingen wollte – übrigens vergeblich.

Die Stärkung der Zentralmacht ging aber nicht mit einer Modernisierung der Verwaltung einher. Der Staatsapparat, den Johann I. noch ganz nach dem Muster der Epoche vor 1526 in Ofen geschaffen hatte, war in dem Durcheinander der Jahre 1540/41 zerfallen; und sogar das aus wenigen Personen bestehende. „Sekretariat“ des Siebenbürger Woiwoden, das Johann Szapolyai noch vor 1526 zu modernisieren versucht hatte, löste sich auf.

Diesem Notstand hatte Bruder Georg, der „Ämterhäufer“, durch die Schaffung einer Kanzlei ganz eigener Art abgeholfen. Diese aus 3–4 Sekretären und mehreren Schreibern bzw. „Notaren“ bestehende Behörde war für alle Regierungsangelegenheiten zuständig, angefangen von den Finanzen über die Diplomatie bis hin zum Militärwesen, von der Güterverleihung bis zur Rechtspflege. Auf lange Sicht konnte diese allzu einfache Lösung nicht taugen.

Im Rahmen der politischen Wende des Jahres 1566 gelangte an die Spitze der „größeren“ Kanzlei (cancellaria maior), welche die gesamte Fürstenzeit hindurch bestand, der erste Kanzler Mihály Csáky (der dieses Amt bis 1571 behielt). Die für die Gerichtsbarkeit zuständige sog. kleinere Kanzlei (cancellaria minor) wurde 1559 eingerichtet. Deren Leiter, der „Spruchmeister“ (Prothonotarius), war zur Zeit Bruder Georgs nur der Stellvertreter des Oberrichters, seit 1556 nun der erste Richter des Landes. Nach einer gewissen Zeit hatten zwei Männer zugleich dieses Amt inne. Auch ein gesonderter Schatzmeister wurde berufen, welcher aber die Finanzaufsicht mit dem Oberperceptor und dem die Zehntpachten kontrollierenden Oberarendator {264.} teilen mußte. Die Befehlshaber des Heeres (unter denen die Kapitäne von Wardein, Diemrich, Kõvár und Huszt die wichtigsten waren), die Obergespane der Komitate und die Anführer der Szekler wurden gleichfalls vom Herrscher mit ihren Ämtern betraut, nur die Sachsen konnten ihre alte Selbstverwaltung in etwa bewahren.

Trotz dieser weitgehenden Zentralisierung blieb die Staatsverwaltung höchst archaisch (im mittelalterlichen Ungarn hatte vergleichsweise ein wesentlich stärker gegliedertes System von Fachinstitutionen bestanden), und ihre Leiter – mit Ausnahme des Kanzlers in Wirklichkeit Beamte niederen Ranges – besaßen keine Möglichkeit, auf die Staatsgeschäfte Einfluß zu nehmen. Selbst der Kanzler und die ihm Unterstellten besaßen nicht annähernd die Kompetenz, wie sie eine zeitgemäße Regierung verlangt hätte. Sie waren eher Ausführende der Herrscherentscheidungen, als daß sie diese vorbereiteten. Das beste Beispiel dafür bietet Stephan Báthorys Regierung. Die Führung der Kanzlei in Weißenburg lag in den Händen sehr tüchtiger Männer (Ferenc Forgách, Imre Sulyok und zuletzt Farkas Kovacsóczy) – König Stephan aber erledigte die wichtigsten Landesgeschäfte nicht über sie, sondern über seine von Márton Berzeviczy geleitete Krakauer „siebenbürgische Kanzlei“.

Die Hauptwürdenträger waren übrigens zugleich Mitglieder des königlich/fürstlichen Rates. Vor 1526 war diese uralte Einrichtung gerade im Begriff, reorganisiert und modernisiert zu werden. Einen Teil seiner Mitglieder wählte der Landtag, ein anderer Teil ging aus dem Fachpersonal des Könighofes (Sekretäre) hervor, wodurch der Rat sowohl eine ständische als auch eine behördliche Kontrolle der Königsmacht darstellte. Johann I. führte jedoch wieder den alten, aus hohen Würdenträgern und Aristokraten bestehenden Rat mit unklarer Kompetenz wie Zusammensetzung ein. 1542 wollten die drei Nationen Isabella (aber in erster Linie dem Bruder Georg) zwar einen gewählten Rat aus 22 Mitgliedern zur Seite stellen, doch wurde dieser Beschluß nicht verwirklicht. Auch spätere, in die gleiche Richtung gehende Versuche scheiterten. Isabella und nach ihr Johann II. wählten sich ihre Räte selbst und unterbanden damit jede ständische Kontrolle.

Betrachten wir nun jene Persönlichkeiten, die als die Führer des Landes bezeichnet werden können, so läßt sich ein interessanter Wandel beobachten. Zu Zeiten des alternden Königs Johann hatten die machthungrigen und entsprechend erfolgreichen Magnaten die Hauptrolle gespielt. Unter Bruder Georg nahm die Zahl solcher lokaler Machthaber ab, und seit den 1560er Jahren begannen sie zu verschwinden, weil einerseits mehrere Magnaten (z.B. Menyhért Balassa und die Perényi-Familie) die Partei wechselten, andererseits die großen Adelsfamilien infolge einer seltsamen Häufung von Zufällen ausstarben (Drágffy, Jaksics). Die Magnaten aus dem eigentlichen Siebenbürgen (die Familien Kendi, Maylád) besaßen wiederum nur kleinere Güter. Die einheimischen Magnaten mußten die Macht die ganze Zeit mit „fremden“ (nicht aus Siebenbürgen stammendem oder gar nichtungarischen) Höflingen teilen. Zuerst mit den Vertrauten Johanns I. und später mit deren Nachkommen, wie dem Dalmatiner Antal Verancsics oder dem Adligen Orbán Batthyány aus Transdanubien. Nach ihrem Tod nahmen ihre Stelle landesfremde Familiare der Herrscher ein. Beispielsweise der zum Kanzler ernannte Kleinadlige Mihály Csáky; der aus Schlesien gebürtige Wardeiner Kapitän Tamás Varkocs; der ebenfalls kleinadlige Burgkapitän von Huszt {265.} Kristóf Hagymássy; der aus dem Banat stammende, aber angebliche Rumäne Gáspár Bekes; die zu Isabellas Gefolge gehörenden beiden Polen Stanislaw Niezowski und Stanislaw Ligęza; oder etwa der Leibarzt der Königin, der Italiener Giorgio Biandrata usw. Unter Stephan Báthory ändert sich die Situation nur insofern, als die Zahl früherer Paduaner Studenten unter den einflußreichsten Höflingen – besonders in den Kanzleien – zunahm. Zu ihnen gehörte der Leiter der Krakauer siebenbürgischen Kanzlei, der aus Oberungarn stammende Márton Berzeviczy; ebenso seine zwei Stellvertreter, Farkas Kovacsóczy aus Slawonien und der Adlige Pál Gyula bäuerlicher Abkunft; schließlich der aus Ungarn nach Siebenbürgen geflohene, aus einer Magnatenfamilie stammende frühere Bischof von Wardein und dann Kanzler in Weißenburg Ferenc Forgách (dem später übrigens Kovacsóczy im Amt nachfolgte).

Die Entwicklung der ungarischen Gesellschaft in der Epoche vor Mohács war unzweifelhaft von der Entfaltung ständischer Strukturen geprägt. Dieser Prozeß brach hier im Osten nach 1526 ab. Im zukünftigen Fürstentum Siebenbürgen sollte es zur Restauration der Herrschermacht als dominantes Strukturelement kommen. Das zeigte sich nicht nur an der Machtstruktur, an dem sich verengenden Kreis der an der Herrschaft Beteiligten, sondern auch an der immer machtvolleren Repräsentation der fürstlichen Gewalt. Im Ungarn von Matthias Corvinus oder dem der Jagellonen war die Hinrichtung von Persönlichkeiten aus der politischen Elite eine Seltenheit. Auf die Bewahrung dieser Tradition wurden auch die Habsburgerkönige verpflichtet. Demgegenüber ließ Königin Isabella die Magnaten einfach ermorden, die sie als höchstgefährlich einschätzte, so die Brüder Kendi und Ferenc Bebek im Jahre 1558, woraufhin der Landtag nachträglich das Todesurteil über die Opfer aussprach. Auch von den Hinrichtungen nach der Schlacht von Kerelõszentpál durch Stephan Báthory war schon die Rede: Damals sind die Stände nicht einmal gefragt worden, der Anschein der Gesetzlichkeit wurde durch Einbeziehung des Spruchmeisters in die „Urteilsfindung“ aufrecht erhalten.

Daß die Macht der Herrscher ein solches Übergewicht erlangen konnte, lag zum Teil an den wachsenden materiellen Mitteln, die dem Hofe zur Verfügung standen. Die Basis dafür hatte Bruder Georg gelegt, in erster Linie durch Vergrößerung der Kammergüter. Mitte des 16. Jahrhunderts gehörten bereits 700 Dörfer zu den Kammergütern, das entsprach 15–20%, des Landesgebietes. Die größten Herrschaftszentren waren Weißenburg, Diemrich, Wardein, Julmarkt, Fogarasch, Kõvár, Görgen, Appesdorf, Neuschloß, Jenõ, Lugosch, Karansebesch, Székelytámad, Székelybánja, Kleinschlatten, Huszt und Törzburg, und später kamen noch die gewaltigen Báthory-Herrschaften hinzu. Wenn sich heute das finanzielle Vermögen dieser Ländereien auch kaum mehr abschätzen läßt, so vermochte die fürstliche Regierung auf dieser neugeschaffenen Grundlage eine direkte Kontrolle über einen erheblichen Teil des Landesterritoriums auszuüben. Gestützt auf das aus diesen Latifundien resultierende Übergewicht fiel es leicht, das Kammeralvermögen neu zu ordnen. Im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts verfügte der siebenbürgische Staat bereits ungefähr über folgende Einnahmen:

24000 besteuerte Hufen in Siebenbürgen 60 000 Gulden
17 000 besteuerte Hufen im Partium 40 000 Gulden
{266.} Zensus der Sachsen am Martinstag 8 500 Gulden
Sondersteuer der Sachsen 25 000 Gulden
Dica der Szekler 20 000 Gulden
Besteuerung der Städte 15 000 Gulden
Einkünfte aus den Salzbergwerken 30 000 Gulden
Zölle 15 000 Gulden
Golderträge 5 000 Gulden
Zehntpachten 15 000 Gulden


Der Ertrag zusammen mit dem der Kammeral- und fürstlichen Privatgüter dürfte die jährliche Gesamtsumme von beinahe 300 000 Goldgulden ausgemacht haben. Das ist selbst bei Berücksichtigung der starken Geldentwertung im 16. Jahrhundert eine beachtliche Summe, betrugen doch die königlichen Einkünfte aus dem gesamten Ungarn vor 1526 jährlich nur 200 000 Goldgulden. So war auf jeden Fall genügend Geld zur Deckung der rasch anwachsenden Militärausgaben vorhanden. (Als zeitgemäße Söldnereinheit kann zwar nur die kleine, 1–2000 Mann starke fürstliche Leibwache gelten, doch verlangten Verstärkung und Unterhalt der Grenzburgen auch dann noch mehrfach Sondersteuern.) Von diesen Einnahmen wurden auch die Türkensteuer (10 000, später 15 000 Gulden) bezahlt, ferner die Gehälter der höchsten Würdenträger (Kanzler, Spruchmeister, Generalkapitäne und Räte) und schließlich die bis zu Stephan Báthorys Tod außerordentlich bescheidenen Hofhaltungskosten.

Die Vermehrung der Kammeralgüter und der wirksame Einsatz des Kammervermögens waren nicht nur Ursache, sondern auch Folge des Machtverlustes der Stände, hatten diese doch in der Zeit vor Mohács gerade bei der Enteignung der königlichen Güter und der Kontrolle der Staatsfinanzen ihre größten Erfolge erzielt.

Warum erwies sich der neue Staat mit seiner Ständegesellschaft von Anfang an als schwächer als das alte Ungarn?

Die erste Ursache dafür ist politischer Art. Das allmählich Gestalt annehmende Fürstentum Siebenbürgen entstand nicht aus eigener Kraft, sondern auf den Druck der türkischen Macht. Ohne türkische Intervention im Jahre 1529 wäre der Landesteil der Szapolyais gar nicht entstanden, ohne das (höchst brutale) Eingreifen des Sultans von 1541 wäre er nicht erhaltengeblieben und ohne die Kriegszüge von 1552 bis 1556 hätte er sich nicht neu organisiert. König Johann, Bruder Georg und ihre Nachfolger gingen das Bündnis ein, weil sich nach ihren Erfahrungen der östliche Teil Ungarns gegen die Türken nicht halten ließ. Ihre von Zwang diktierte Entscheidung war jedoch von Furcht, ja sogar Ablehnung überlagert. Wenn daher der Druck der Unionsbestrebungen seitens der Ständegesellschaft oder eine momentane Verbesserung der gesamteuropäischen Situation das empfindliche Gleichgewicht nur etwas veränderte, versuchten die Machthaber Siebenbürgens sogleich, sich mit dem „anderen“ Ungarn der Habsburger auszusöhnen, ja waren nach einiger Zeit auch dazu bereit, ihren mächtigen Istambuler Patron zu verraten.

Fügen wir jedoch sogleich hinzu, daß auch der Türke jede Ehrlichkeit vermissen ließ. Das Wesen seiner siebenbürgischen Politik bestand darin, die Vereinigung beider Ungarn zu verhindern. Solange die Führer des neuen Landes sich vor solchen und deshalb verbotenen Schritten hüteten, wurde {267.} ihnen im übrigen vom Sultan eine recht weitgehende Freiheit eingeräumt. Andernfalls bestrafte er jedoch einen solchen „Verrat“ sofort und hart, indem er seine Eroberungsfeldzüge fortsetzte und ausweitete, wie das die Besetzung Ofens 1541 und der Überfall auf das Banat 1552 zeigten. Trat hingegen in den Machtverhältnissen eine günstige Wendung ein, so lösten Forderungen die „wohlwollende“ Fürsorge ab: Der einzige Unterschied zwischen dem Ende der 1540er und dem Beginn der 1570er Jahre bestand darin, daß man zuletzt nicht nur die Übergabe der wichtigsten Grenzburgen verlangte, sondern auch die Summe der Steuer und der „Geschenke“ erhöhte und zudem die ersten “Thronprätendenten“ in Stambul auftreten ließ. Ganz offensichtlich hatte man Siebenbürgen das gleiche Los wie der unterjochten Walachei und der Moldau zugedacht, um es schließlich irgendwann mit dem türkischen Reich zu verschmelzen.

So ist es ganz natürlich, daß bei einem solchen beiderseits unaufrichtigen Bündnis, das Siebenbürgen eine selbständige Staatlichkeit gewährte, eine gesellschaftliche Basis für eine solche im Lande selbst sich nur schwer herausbilden konnte. Der hartnäckige Widerstand der Stände provozierte die Vereinigungsversuche von 1540–41 und 1551–1556; beide endeten mit einer Niederlage, ja sogar in einer kleineren Tragödie, hatten aber dennoch einen unermeßlichen Nutzen unter zwei Gesichtspunkten: Einerseits zeigten diese Versuche den Türken, daß die Habsburgermacht für das östliche Ungarn eine Rückendeckung bot, die – im Falle großer Bedrängnis – Hilfe gegen die Pforte zu leisten vermochte und damit die bislang erzielten Ergebnisse des Unterwerfungsprozesses gefährden konnte. Auf diese Einsicht ist die Tatsache zurückzuführen, daß die türkischen Forderungen vom Beginn der 1570er Jahre sogar noch als Vorbild der Selbstbescheidung gelten können – verglichen mit der groben Art, mit der z.B. die rumänischen Länder behandelt wurden. Auf der anderen Seite bringen die wiederholten Niederlagen die ständischen Kräfte des zukünftigen Staates zu der Erkenntnis, daß das türkische Bündnis, ob es ihnen nun gefällt oder nicht, eingehalten werden mußte. Diese schwerwiegende Einsicht des verstorbenen Johann I. macht sich zuallererst der in seiner Existenz gefährdete Adel des Partiums zu eigen und später auch die Herren in den siebenbürgischen Komitaten.

Am längsten währten die Spannungen mit den durch wirtschaftliche wie emotionelle Bande gleicherweise mit dem Westen, den deutsch-österreichischen Ländern, verbundenen Sachsen, obgleich ihre Intelligenz (vom Reformator Johann Honterus bis zum Poeten Christian Schaeseus) versuchte, das tradierte Hungarus-Bewußtsein mit dem neuen deutschen Nationalgefühl zu vereinbaren. Als die beiden anderen Nationen (und das Partium) 1556 Königin Isabella zurückholten, brach in Hermannstadt ein wahrer Volksaufstand aus, wobei sogar der „kompromißbereite“ Königsrichter Johannes Roth umgebracht wurde. Dem nüchternen Peter Haller gelang es nur schwer, die Ordnung wiederherzustellen und zu einem Einverständnis mit Isabella zu kommen.

Die Herrscher Siebenbürgens und die Stände, in deren Namen sie die Macht ausübten, bestanden hartnäckig auf der Idee der Zugehörigkeit ihres Staates zu Ungarn. Ihre Politik – selbst noch die Stephan Báthorys – diente daher ganz allgemein ungarischen und nicht spezifisch siebenbürgischen Interessen. Die Geschichte des dem Türken gefügigen jungen Staates stellt sich (bis 1690!) dar als die ständige Wiederholung von Versuchen zur Union {268.} mit Ungarn, von unausbleiblichen Niederlagen und türkischen Strafaktionen, bis schließlich der ursprüngliche Zustand gleichsam wiederhergestellt werden konnte.

Die zweite Ursache dafür, daß die ständischen Kräfte in den Hintergrund gedrängt wurden, ist primär gesellschaftlicher Art. Die drei Nationen hatten sich schon mehr als ein Jahrhundert (seit 1437) an die Praxis der Zusammenarbeit in dieser Provinz gewöhnt, doch hatten sich die Unterschiede oder gar Gegensätze zwischen ihnen nicht verringert, und das Gewicht ihres gemeinsamen Auftretens war seit 1467 stark zurückgegangen. Lange Zeit vermochten sie nicht im Maßstab ihres Landes zu denken. Zum ersten Mal seit Jahrhunderten offenbarten sich in den, wenn auch verfehlten Versuchen István Mayláds 1539–1541 politische Bestrebungen, die auf das Land Siebenbürgen konzentriert waren. Kennzeichnender jedoch war das Verhalten der drei Nationen nach dem Unionsversuch von 1551, als Szekler, Sachsen und Ungarn jeweils gesondert die Verbindung zum Hofe Ferdinands I. aufnahmen, um ihre Steuerzahlungs- und Truppenstellungsverpflichtungen zu vereinbaren. Der sächsisch-ungarische Gegensatz bricht immer wieder auf, ganz gleich ob der Herr Siebenbürgens gerade ein Kaiser, König oder Fürst ist; die Szekler machten sich mit ihren häufigen Aufständen sowohl den Landesherrn als auch die beiden anderen Nationen regelmäßig zu Gegnern. Der Adel des Partiums hingegen stand schon von Haus aus außerhalb der juristischen Fiktion der drei Nationen. Nicht nur Praxis und institutioneller Rahmen für eine gemeinsame Politik waren bis dahin nur ansatzweise vorhanden, sondern auch die Interessen waren kaum identisch. Die Unterschiedlichkeit ihrer Privilegien wies den stolzen ungarischen Adel, die bürgerlichen Sachsen und die bäuerlichen Szekler in völlig verschiedene Richtung.

Der dritte Faktor ist schon weiterführenden Charakters: Die miteinander rivalisierenden ständischen Kräfte waren an sich sozialökonomisch schwach und verletzlich.