1. Die Voraussetzungen


Inhaltsverzeichnis

Demographische Prozesse

Die Verhältnisse während der Blütezeit des Fürstentums sind nur vor dem Hintergrund der Verwüstungen des Fünfzehnjährigen Krieges zu verstehen. Damals, an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert, wurde ganz Europa von einer Welle von Hungersnöten und Epidemien heimgesucht. Allenorts wurden ungewöhnliche Witterungserscheinungen beobachtet, zu denen in manchen Gegenden, so auch in Siebenbürgen, noch das Kriegselend hinzutrat. Entsetzten Berichten der Zeitgenossen nach soll es sogar zu Kannibalismus gekommen sein.

Das Ausmaß der Zerstörungen in Siebenbürgen läßt sich ziemlich schwer berechnen. Es war aber offensichtlich nicht überall gleich. Die Bewohner der Gebirgsgegenden oder schwer zugänglichen Ortschaften litten etwas weniger als die Einwohner der Siedlungen an den Heerstraßen. Auch die befestigten Städte boten gewissen Schutz. Unter Berücksichtigung solcher Gegebenheiten wirken Angaben wie die besonders erschütternd, daß in Hermannstadt und Kronstadt nur ein Viertel der Bürgerschaft übriggeblieben war oder daß in der Gerberzunft von Bistritz kaum 10% der Meister überlebt hatten. Selbst für die Komitate Inner-Szolnok und Doboka, wo es praktisch nicht zu Kriegshandlungen gekommen war, konnte nachgewiesen werden, daß die Verluste der in den Bergen lebenden Rumänen 45 %, die der ungarischen und sächsischen Dorfbewohner mehr als 80 %, betragen haben.

Keine dieser Zahlen darf verallgemeinert werden. Aufgrund von Steuerveranlagungen und verschiedentlich erhaltenen Angaben läßt sich dennoch folgern, daß die Naturkatastrophen und Kriege in Siebenbürgen zur Jahrhundertwende ungefähr die Hälfte der Bevölkerung vernichtet hatten. Vom Wirtschaftsvermögen und den Gerätschaften war etwa ein Zehntel übriggeblieben.

Der Gesundungs- und Wiederaufbauprozeß nach dieser gewaltigen Zerstörung kann unter mehreren Aspekten untersucht werden. So ist es wahrscheinlich, daß sich die Einwohnerzahl bis zu den 50er Jahren des 17. Jahrhunderts wieder dem Stand vom Ende des 16. Jahrhunderts näherte. Von einer Regeneration oder zumindest von einer Wiederherstellung demographischer Gleichgewichtsverhältnisse zeugt in erster Linie ein gewisser Wandel der Denkweise. Seit den 1620er Jahren läßt sich beobachten, daß sich die Haltung der Stände gegenüber der Bauernflucht ändert. Bis dahin war das Hauptthema ihrer Landtagsforderungen die Rückführung der geflohenen {303.} Bauern gewesen; seit 1628 wird dies auffallend selten vorgebracht. Ebenso verweist auf die Wiederherstellung des Gleichgewichts die Tatsache, daß in den ersten zwei Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts den Neuansiedlern von den Landtagen häufig eine sechsjährige Steuerfreiheit gewährt wurde, später solche Verfügungen jedoch seltener werden. Es scheint, die Grundherrschaften waren gegen Ende der 20er Jahre wieder funktionsfähig geworden, auch wenn die Zahl ihrer Untertanen den Stand der Vorkriegszeit gewiß noch nicht wieder erreicht hatte. Dasselbe gilt im großen und ganzen auch für die Verhältnisse in den Städten, obwohl wir mit Sicherheit wissen, daß viele Häuser auch bei den Sachsen noch in den 50er Jahren leer standen. Die Wirtschaft hatten sie allerdings wieder in Ordnung gebracht: Ende der 20er Jahre, als der Verlust des Geldwerts in Siebenbürgen am größten war, vermochten sie die in wertloser Münze eingegangene Steuer in Gold umzuwechseln.

Die wichtigste Rolle beim gesellschaftlichen Wiederaufbau spielten demographische Faktoren. Erstens führte die Kriegskatastrophe zu einer auch andernorts in ähnlicher Lage zu beobachtenden Reaktion: Die Geburtenzahlen gingen plötzlich in die Höhe. Dies wird in vielfachen Zusammenhängen spürbar, ist relativ klar allerdings nur an Hand genealogischer Aufzeichnungen bei den vornehmen Familien festzustellen. In der zur Jahrhundertwende oder zu Beginn des neuen Jahrhunderts geborenen Generation sind auffallend viele Nachkommen nachweisbar. Von Lázár Apor z.B., der in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts lebte, sind 10 Kinder aufgeführt, aber später wissen wir nur von 2 Enkeln und 3 Urenkeln; im 16. Jahrhundert waren die Apors mit 2–3 Kindern vertreten. In der Familie Haller ist im allgemeinen von nicht mehr als 3 Kindern die Rede, aber dann wird am Anfang des 17. Jahrhunderts Pál Haller geboren, dessen drei Ehefrauen ihm nachweislich 9 Nachkommen schenkten. Nach mehrmals 1 bzw. 2 Kindern in der Familie Mikó erscheinen im 17. Jahrhundert 4 bzw. 5 Nachkommen.

Diese genealogischen Angaben sagen selbstverständlich nichts Genaues über die Geburtenzahlen aus, werden vermutlich doch meist nur die Familienmitglieder genannt, die das Erwachsenenalter erreichten. Da aber die Unsicherheit in den Angaben gewiß nicht beabsichtigt ist, kann – wenn auch nicht auf die genaue Zahl der Nachkommen – doch auf die ungefähre Größe der Familien geschlossen werden. Die relativ zahlreichen Familienmitglieder in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts lassen darauf schließen, daß auf die Katastrophe eine demographische Explosion folgte. Über ihren Verlauf wissen wir jedoch so gut wie nichts. Es gibt in Siebenbürgen nicht einmal Hinweise darauf, ob sich das Heiratsalter verringerte oder es sich eventuell um eine positive Geburtenregelung handelte. Möglicherweise geschah gar nichts anderes, als daß man in der Erschütterung über die Entvölkerung sorgsamer auf die Kinder achtete, weil der Wert des Lebens gewachsen war.

Der andere für den Regenerationsprozeß vorteilhafte Faktor war, daß der Bevölkerungsexplosion keine Periode verminderten Bevölkerungswachstums folgte, wie das in einem großen Teil Europas im 17. Jahrhundert zu beobachten ist. In zwei Gebieten läßt sich diese Erscheinung genau untersuchen. So lag in Julmarkt zwischen 1640 und 1666 das Verhältnis der Gesamtzahl aller Familienväter zu der Zahl der Söhne im Jahresdurchschnitt über 1, was bedeutet, daß die Mitgliederzahl der Familien gewiß über 4 betrug. Die Zahl der Mädchen kennen wir nur aus einem Jahr, 1638, und aus {304.} vier Ortschaften: Dort betrug die durchschnittliche Mitgliederzahl der Familien 3,8; 4,4; 3,7; 4,3. Noch positiver ist das Bild aus dem Gebiet Fogarasch. Dort ist zwischen 1632 und 1640 sogar eine Zunahme bei der Familiengröße zu bemerken: Die auf die Gesamtzahl der Familienväter bezogene Durchschnittszahl der Söhne betrug 1632 1,07; 1637 1,3 und 1640 1,4. Die Dynamik in den Familien läßt sich hier ebensowenig wie in der Herrschaft Julmarkt untersuchen, daß aber der Bevölkerungszuwachs im Gebiet Fogarasch, bei noch größeren Familien als in Julmarkt, steigende Tendenz aufweist, ist deutlich.

Die demographische Explosion am Beginn des Jahrhunderts, der steigende bzw. gleichbleibend hohe Bevölkerungszuwachs, läßt sich wahrscheinlich nicht für alle Gebiete und alle Gesellschaftsschichten Siebenbürgens nachweisen. Bei den Sachsen ist nur eine sehr langsame Bevölkerungszunahme anzunehmen. Dennoch waren dies die wichtigsten der Faktoren, die aus der Periode der Vernichtung herausführten. Sie waren nicht einmal darauf ohne Einfluß, daß sich nach der Jahrhundertwende die Zahl der Siebenbürger Rumänen – in selbst für die Zeitgenossen auffälligem Maße – erhöhte. Zwar wurde die Zunahme vor allem durch die verschieden geartete Zuwanderung verursacht, aber auch durch die demographischen Gewohnheiten der Rumänen beeinflußt. Es handelte sich dabei um zwei Wanderungsprozesse. Einerseits ließen sich Hirtengruppen aus den Gebirgen in den vom Krieg zerstörten Dörfern nieder, andererseits wanderten aus den rumänischen Woiwodschaften auch dort vom Ackerbau lebende Bauern ein. Von einer organisierten Ansiedlung wissen wir nichts. Schließlich trugen die demographischen Gewohnheiten dadurch zur Zunahme der Rumänen bei, daß bei ihnen im 17. Jahrhundert, anders als später, die Zuwachsrate höher war als bei den Ungarn, wie dies die obigen Zahlen von Julmarkt bzw. Fogarasch beweisen. In Julmarkt lebten nämlich Ungarn und um Fogarasch Rumänen. Dieser Unterschied in den demographischen Gewohnheiten beider Völker beeinflußte die Verschiebung der ethnischen Anteile zugunsten der Rumänen.

Freie Fürstenwahl und der Staatsstreich von Gabriel Báthory

Die deutlichste Lehre aus dem Fünfzehnjährigen Krieg war, daß vorerst keine der beiden an Ungarn interessierten Großmächte stärker war als die andere. Diese Erkenntnis beeinflußte für Jahrzehnte die ungarische Politik sehr stark. Als unmittelbare Folge der Lage konnten die internen Angelegenheiten Siebenbürgens eine Zeitlang praktisch ohne äußere Einflüsse geregelt werden. So sehr also das Fürstentum durch demographische und wirtschaftliche Verluste angeschlagen war – niemals war sein politischer Spielraum so groß gewesen.

Nach Stephan Bocskais Tod setzte ein fieberhafter Wettkampf um die Fürstenwürde ein. Von den zahlreichen Konkurrenten hatten zwei die besten Aussichten, gewählt zu werden. Einer von diesen war Bálint Homonnai Drugeth, den noch Stephan Bocskai zur Nachfolge ausersehen hatte; der andere Gabriel (Gábor) Báthory, ein Verwandter der Fürsten Báthory. {305.} Anfangs waren ihre Chancen ungefähr gleich groß; gewisse Überlegungen sprachen für wie gegen beide. Jeder von ihnen war jung, von vornehmer Abkunft, guter Soldat und eine bekannte Persönlichkeit. Beide hatten zuvor auch an den Kämpfen Stephan Bocskais teilgenommen.

Gegen sie sprach in den Augen der siebenbürgischen Stände freilich gerade das, worauf sie sich beriefen, nämlich das Prinzip der freien Fürstenwahl, das von beiden in Frage gestellt wurde. Bálint Homonnais Wahl hätte den Vollzug der Willenserklärung Bocskais bedeutet, mit einem Báthory wiederum drohte die erbliche Herrschaft seiner Familie. Bei Homonnai kam noch die von außen kommende Unterstützung hinzu, die ihm vom Sultan gewährt wurde, der ihn bereits offiziell als Nachfolger Bocskais anerkannt hatte. Gerade deshalb stellte sich schließlich die Mehrheit der siebenbürgischen Politiker gegen ihn. Nach dem Fünfzehnjährigen Krieg, in dem sie – wie sie ganz richtig fühlten – nur der Spielball äußerer Mächte gewesen waren, gedachten sie, endlich selbst über das Fürstentum zu entscheiden.

Aus diesen Gründen wollten die siebenbürgischen Stände Sigismund (Zsigmond) Rákóczi zum Fürsten wählen, der seit 1605 im Auftrage Stephan Bocskais als Gubernator amtierte. Die Zeitgenossen hielten ihn nicht für einen besonders befähigten Staatsmann, aber auf seine Weise mag er sehr tüchtig gewesen sein. Gehörte er doch zu den wenigen, die unter Ausnutzung aller sich an der Wende vom 16. und 17. Jahrhundert anbietenden Möglichkeiten vom einfachen Adligen in die Reihen der Aristokratie aufgestiegen waren. Als er seinerzeit siebenbürgischer Gubernator geworden war, siedelte er mit seiner reichen Ehefrau und seinen zwei halbwüchsigen Söhnen aus dem königlichen Landesteil, aus Felsõvadász, ins Fürstentum um. Sofort nach seiner Ankunft konzentrierte er seine Aufmerksamkeit auf die beiden rumänischen Woiwodschaften und die Kammergüter. Als er die Todesnachricht Stephan Bocskais erhielt, war er gerade mit der Wiederbelebung des Außenhandels und der Revision des Staatshaushalts beschäftigt. Damit war er sozusagen der naturgegebene Thronanwärter.

Sachlich betrachtet war Rákóczi Homonnai und Báthory gegenüber im Nachteil, da er sich keinerlei Unterstützung von außen erhoffen konnte – ein Mangel jedoch, der ihn für die siebenbürgischen Stände gerade attraktiv machte. Dies ermöglichte ihm, als eigener Anwärter der Stände aufzutreten. Für ihn sprach außerdem der Vorteil, daß er sich in Siebenbürgen aufhielt, während seine Gegner ihre Bewerbung außerhalb des Landes organisierten.

Der Landtag wollte die Wahl erst nach Bocskais Beerdigung abhalten. Niemand rechnete mit Überraschungen, so daß man ehrlich erstaunt war, als von Erzherzog Matthias eine briefliche Aufforderung an die Stände des Fürstentums eintraf, mit der Wahl solange zu warten, bis Kaiser Rudolf – im Sinne des Wiener Friedens – das Nötige veranlaßt habe. Im Frieden von 1606 verwies jedoch keine der Bestimmungen auf solche Rechte. So ging also aus Erzherzog Matthias’ Brief ganz klar hervor, daß Rudolfs Regierung die Angelegenheit der Sonderstellung Siebenbürgens nicht mit dem Friedensvertrag von 1606 als abgeschlossen betrachtete.

Dieser Beeinflussungsversuch brachte die siebenbürgische Politik so richtig in Schwung: Der Landtag wählte am 9. Februar 1607 Sigismund Rákóczi zum Fürsten und schuf damit vollendete Tatsachen. Scheinbar war damit der Vertrag von 1606 seinem Wortlaut nach erfüllt und die erste selbständige Aktion Siebenbürgens gelungen. Zwar reagierte man auf die Wahl Rákóczis {306.} außerhalb des Fürstentums mit gewaltiger Aufregung, doch erhob niemand echte Bedenken.

Von den zwei Großmächten war es Konstantinopel, das die größere Brüskierung unbestraft ließ. Als Rákóczi gewählt wurde, stand ein türkischer Bote nämlich schon an der Grenze, um Homonnai das Adhname des Sultans und die Fürsteninsignien zu überbringen. Rákóczi soll ihn aber bestochen haben. Der neue Fürst mußte auf jeden Fall mit der türkischen Rache rechnen. Deshalb bot er dem Großwesir Murad Pascha in einem Brief für seine Anerkennung als Fürst die zwei Burgen Lippa und Jenõ an, die im Verlaufe des Fünfzehnjährigen Krieges an Siebenbürgen gefallen waren. In einer überraschenden Reaktion der Pforte lehnte Murad aber das Angebot der Burgen ab und gab Rákóczi nur zu verstehen, es stehe ihm frei, alles zu tun, außer einen Krieg anzuzetteln.

Diese Absicht, einen Krieg zu verhindern, bildete das Hauptmotiv auch für die Politik im königlichen Ungarn. Vor Rákóczis Wahl hatten die Politiker und Räte des Hofes zuerst Homonnai und dann Báthory unterstützt, eine Militäraktion wegen Sigismund Rákóczis Erhebung zum Fürsten unterblieb aber. Der Hof versuchte mittels Verhandlungen und der durch sie erzwungenen Abdankung des neuen Fürsten, die siebenbürgische Lage den eigenen Überlegungen entsprechend zu ordnen.

Anfänglich wiesen Sigismund Rákóczi und die Mehrzahl der siebenbürgischen Politiker jede Verhandlung zurück, wurden dann aber von der Absicht, den Frieden zu sichern, zu solchen gezwungen. Den Zwang verkörperten die Haiducken, denn nachdem sie den gesamten Fünfzehnjährigen Krieg hindurch gekämpft hatten, waren sie nach Stephan Bocskais Tod der Aufmerksamkeit der Politiker völlig entgangen. Ihre Unzufriedenheit begleitete wie ein Donnergrollen als Vorbote eines nahenden Gewitters die Geschehnisse ab 1606. Das an allen Gliedern vor einem neuerlichen Krieg zitternde Land tat dennoch keine energischen Schritte zu ihrer Beruhigung. Dabei wäre gar nicht viel erforderlich gewesen: Man hätte ihnen nur ihre 45 000 Gulden Sold auszahlen müssen. Es gab aber in diesem armseligen Jahr 1607 in Siebenbürgen wie in Ungarn praktisch kein Bargeld.

Aus der schwelenden Unruhe machte im Herbst 1607 der Haiduckengeneral András Nagy eine Bewegung. Seine Boten suchten den Ofner Pascha Ali auf und teilten ihm mit, solange die Durchführung des Wiener Friedens nicht geschehe, seien die Haiducken nicht bereit, die Waffen abzulegen. Schon vorher, irgendwann im Dezember 1607, war sogar der Gedanke aufgekommen, in der Person Bálint Homonnais einen Nationalkönig zu wählen. Der junge Magnat hatte damals aber von seinen vergeblichen Anstrengungen um die siebenbürgische Fürstenwürde schon genug und ließ sich vor den Haiduckengesandten verleugnen. Die Haiducken beruhigten sich jedoch nicht. Mit ihren unklaren Zielen waren sie so etwas wie eine auf dem Boden herumliegende Waffe, die im Grunde genommen jedem zur Verfügung stand.

Gabriel Báthory erkannte schließlich diese Möglichkeit. Im Stile machiavellistischer Machtpolitik verhandelte er das gesamte Jahr 1607 hindurch darüber, wie das Land vor ihnen zu schützen wäre, um dann im Februar 1608 eine Bündnisurkunde mit den Haiducken zu unterzeichnen, in der ihre Befehlshaber András Nagy und János Elek sich verpflichteten, ihr Schicksal an Gabriel Báthory zu binden und ihn als siebenbürgischen Fürsten einzusetzen. Dieser wiederum versprach, die kalvinistische Konfession zu {307.} fördern und András Nagy zum zweiten Mann im Fürstentum zu machen. Der Haiduckenprediger Máté Foktüi sollte Besitztümer erhalten und in den Fürstenrat aufgenommen werden. Schließlich sollte Gabriel Báthory für die Ansiedlung der Haiducken zwischen Wardein, Ecsed und Kálló sorgen.

Zwischen dem mit den Haiducken geschlossenen Bündnis und seiner Wahl lag nur mehr ein kurzer Weg. Am 5. Februar 1608 wurde die Bündnisurkunde unterzeichnet und schon am 7. März war Gabriel Báthory Fürst von Siebenbürgen, ohne daß ein Flintenschuß gefallen wäre. Báthory hatte mit der einzigen bewaffneten Macht des Landes hinter sich verhandelt; vor eben dieser Macht zitternd, ergaben sich ihm die Siebenbürger – Sigismund Rákóczi dankte ab.

Siebenbürgen bewahrt den Frieden

Sigismund Rákóczis Abdankung zeugte von hohen politischen Fähigkeiten. Denn es wäre ein heilloser Fehler gewesen, seine Macht gegen Báthory verteidigen zu wollen. Für sich selbst hätte er eine Niederlage heraufbeschworen und für Siebenbürgen eine erneute Verwüstung, ging doch aus dem Bündnis zwischen Gabriel Báthory und den Haiducken klar hervor, daß der junge Magnat für sein hockgestecktes Ziel auch das Risiko eines Krieges in Kauf nehmen würde.

Die zweite Geste nach Rákóczis Abdankung im Zuge der Bestrebung, den hitzigen Báthory abzukühlen, taten die Politiker Siebenbürgens. Diese hatte der junge Fürst damit verblüfft, daß er, kaum in Siebenbürgen eingetroffen, einen Krieg gegen die beiden rumänischen Woiwodschaften vorbereitete. Er kam mit kriegerischen Absichten, obgleich sowohl die von den Ständen vorgegebenen Bedingungen als auch die Politik seiner Vorgänger von ihm verlangten, sich um die Bewahrung eines gutnachbarlichen Verhältnisses zu bemühen. Wer hätte wohl in dem nach einem langen Krieg zerstörten Land einem neuen Zusammenstoß mit den Nachbarn zugestimmt?

Trotzdem sandte Báthory schon nach dem ersten Monat seiner Herrschaft einen Vertrauten zum hochangesehenen Kronstädter Richter Michael Weiß, der zugleich als Experte in den Angelegenheiten der Woiwodschaften galt, um die Möglichkeiten für die Vertreibung des walachischen Woiwoden Radu Şerban zu erkunden. Der gelehrte Stadtrichter riet ihm auf das Bestimmteste davon ab. Aus seinen Worten sprach die auf gute Wirtschaftsbeziehungen mit den Woiwodschaften gebaute sächsische Umsicht. Es gelang ihm aber nicht, den Fürsten zu überzeugen. Dieser sandte einen geheimen Boten in die Moldau, um die Mutter des dortigen minderjährigen Woiwoden, die in dem Ruf einer guten Politikerin stehende Witwe Ieremia Movilăs, gegen den walachischen Woiwoden zu gewinnen.

Gegen diesen unüberlegten Plan wandte sich allerdings der siebenbürgische Fürstenrat – auf einer Beratung im Mai 1608 wurde der Fürst offen überstimmt. Es wurde nur zugelassen, ein erneutes Bündnis mit den Woiwodschaften zu schließen. Auf diese Weise wurde der 13 Jährige Woiwode Constantin Movilă der Moldau zum Lehnsmann, der entsprechend einem Vertrag vom 18. Juli 1608 jährlich 8000 Gulden Steuer zu zahlen hatte. Und der walachische Woiwode Radu Şerban leistete schon vorher, am 31. Mai, vor den zu ihm gereisten siebenbürgischen Gesandten den Treueid.

{308.} Die Verträge mit den Woiwodschaften von 1608 bewahrten den Frieden an den Grenzen, damit allerdings spitzte sich die Haiduckenfrage wieder zu. Es wäre nämlich einfacher gewesen, sie mit dem Krieg gegen die Woiwoden zu beschäftigen, als ungeheuer viel Zeit, Mühe und Geld für ihre endgültige Ansiedlung aufzuweden. Báthory erfüllte deshalb die Bedingungen des mit ihnen geschlossenen Vertrages nicht und mußte nun selbst mit einer Bedrohung seitens der Haiducken rechnen. Da aber erhielt er Hilfe von unerwarteter Seite. Sie kam vom Erzherzog Matthias und stand mit einem lang gehegten Plan in Zusammenhang. Die Mitglieder der Habsburgerdynastie nämlich waren bestrebt, Rudolf die Regierungsgewalt zu entziehen. Diese Absicht beruhte teils auf Rudolfs Schwermütigkeit und teils auf dem Versuch, ihm die Verantwortung für die Krise der Jahrhundertwende zuzuschieben. Die Durchführung dieses Planes wurde Erzherzog Matthias übertragen.

Also gab Matthias Anfang 1608 seine Manöver gegen die Durchführung des Wiener Friedens auf und begann, sich als den Schutzherrn dieses und des Vertrages von Zsitvatorok auszugeben. Am 1. Februar 1608 ging er ein Bündnis mit den ungarischen und österreichischen Ständen ein. Da aber nach dem langen Krieg vom Adel nur wenig Waffenhilfe zu erwarten war, fielen ihm – ebenso wie Gabriel Báthory – die Haiducken ein. Mit großer Umsicht machte er sich ans Werk: Zuerst bestätigte er ihnen am 27. März 1608 ihre von Stephan Bocskai erhaltenen Privilegien, um dann drei Wochen später 6000 von ihnen in Sold zu nehmen. In Báthorys Hand blieben damit nur 3 000 Haiducken.

Somit war die Regelung der Haiduckenfrage zur gemeinsamen Sache von Matthias und Gabriel Báthory geworden. Nachdem Erzherzog Matthias mit Unterstützung der Haiducken Rudolf zur Abdankung als ungarischer König und Herrscher über die österreichischen Erblande gezwungen hatte, ging er auch daran, die Haiduckenfrage zu regeln. Die Kommissare von Matthias und Báthory verhandelten gleichzeitig über die Haiducken und die Beziehungen zwischen Siebenbürgen und der ungarischen Krone. Am 20. August 1608 wurden beide Vereinbarungen unterzeichnet. Im Sinne der einen sollten die Haiducken ähnlich den Szeklern als freie Menschen Ungarn und Siebenbürgen dienen. Die andere enthielt die Zusicherung Báthorys, Siebenbürgen nicht von der Krone zu trennen. Seine Fürstenwürde wurde vertraglich anerkannt.

Damit war im Frühherbst 1608, kaum ein halbes Jahr nach Gabriel Báthorys Wahl zum Fürsten, in und um Siebenbürgen Ruhe eingekehrt, und nicht viel später traf auch die Anerkennung der Pforte für Báthorys Herrscherwürde ein. Um sie zu erreichen, war einer der Führer der türkischen Partei, Gabriel (Gábor) Bethlen, nach Konstantinopel gereist, und bereits Mitte August schickte er eine Nachricht über den erfolgreichen Abschluß seiner Sendung. Die Stände Siebenbürgens konnten zufrieden sein. Der junge Báthory hatte sich zwar mit der Haiduckendrohung gewaltsam durchgesetzt, doch begann er seine Herrschaft damit, in aller Fügsamkeit gegenüber dem Willen der Stände sich auf die Bewahrung der traditionellen Interessen des Landes verpflichten zu lassen.

{309.} Ein Fürst ohne gesellschaftliche Basis

Diese ihm aufgezwungene Untätigkeit hielt Gabriel Báthory jedoch nicht lange aus. Er war nicht ins Fürstentum gekommen, um als Werkzeug seiner Untertanen zu fungieren, sondern sein brennendes Verlangen nach Herrschaft auszuleben. Und er herrschte auch, doch seine stete Unrast war nicht dazu angetan, seiner Macht ein stabiles Fundament zu verschaffen.

Er umgab sich mit einer sehr heterogenen Runde von Ratgebern, die zum Teil aus den alten, schon seit den Zeiten der Szapolyais in Siebenbürgen bedeutenden Familien stammten. Eine andere Gruppe gehörte zu jenen Familien, die unter der Herrschaft der Báthorys führende Positionen erlangten, wieder andere waren erst während Bocskais Freitheitskampf nach Siebenbürgen gekommen. Zwischen diesen Gruppen bestand eine gesellschaftliche Rivalität, die durch die jüngsten Geschehnisse sich noch zuspitzte. Viele von ihnen waren Verwandte oder Nachkommen der 1594 ausgerotteten türkenfreundlichen Oppositionellen. Andere hatten im Fünfzehnjährigen Krieg für die Herrschaft der Habsburger zu den Waffen gegriffen. Einzelne galten als Anhänger des Woiwoden Michael. Die meisten Berater des reformierten Fürsten waren zwar ebenfalls Reformierte, einige der Vornehmen in seiner Nähe aber auch Katholiken. In Tagen politischer Windstille spielten diese Unterschiede keine Rolle, doch in heiklen Situationen breitete sich sehr schnell Mißtrauen aus.

Anstatt nun diese Gegensätze auszugleichen, steigerte der Fürst sie noch durch höchst launische Besitzschenkungen. Zwischen Verdiensten und Schenkungen ließen sich keinerlei Zusammenhänge wahrnehmen, so daß seine Schenkungen ihm mehr Antipathie als Anhänger verschafften. Man begann von den Geliebten des Fürsten zu tuscheln und brachte damit die Ehefrauen der Ratsherren und vertrauten Würdenträger als Empfänger der fürstlichen Gnade in einem immer schieferen Zusammenhang.

Auch zu den Bürgern verhielt sich Báthory nicht viel besonnener. Obgleich er reihum in den Schlössern der Herren gastierte, dienten ihm auch die Städte als Schauplätze seiner Vergnügungen. Der auf die Herrschaft gänzlich unvorbereitete junge Fürst ruinierte die Städte durch seine Gelage, anstatt durch eine entsprechende steuerliche Belastung den Reichtum der Bürger abzuschöpfen und daraus Nutzen zu ziehen. Von solchen Möglichkeiten hatte er ebensowenig eine Ahnung wie von der Notwendigkeit, daß man die Bürger als Steuerzahler durch Förderung ihrer gewerblichen und Handelsinteressen unterstützen müsse.

Eine allgemeine feindselige Stimmung umgab deshalb seine inadäquate Herrschaft, als er ein Jahr nach seiner Wahl, ungeachtet des Widerspruchs im Landtag, die Vorbereitungen zu einem Feldzug aufnahm. Er wollte mit Hilfe der Moldau gegen die Walachei ziehen.

Krieg entstand einstweilen daraus nicht, weil Gabriel Báthory von einer Verschwörung der führenden Politiker überrascht wurde. Es läßt sich nicht feststellen, seit wann sich diese gegen den Fürsten verbündet hatten. Sicher ist, daß sie im Frühling 1610 beschlossen, ihn ermorden zu lassen. Eine Reise im März schien einen willkommenen Anlaß zu bieten. Doch schrak der Attentäter im letzten Moment davor zurück und erstach Báthory nicht, obwohl er bereits in dessen Zimmer eingedrungen war. Statt dessen gestand er ihm alles. Der Hausherr, Kanzler István Kendi, floh umgehend, den {310.} Generalkapitän der Szekler, Boldizsár Kornis, der die gesamte Aktion angeregt hatte, ließ der Fürst jedoch festnehmen. Sehr bald stellte sich heraus, daß nur wenige an der Verschwörung beteiligt waren.

Die Zeitgenossen neigten gern zu der Annahme, hinter der Verschwörung habe Boldizsár Kornis’ männliche Eifersucht gestanden. In Wahrheit jedoch war eine interne Machtkrise ausgebrochen, um deren Ursachen sich Báthory aber keineswegs kümmerte. Die Gründe für die über den Kreis der Verschwörer weit hinausgehende Unzufriedenheit untersuchte er nicht. Statt dessen inszenierte er einfach ein großes Schauspiel zur Einschüchterung der Unzufriedenen: er ließ Boldizsár Kornis öffentlich hinrichten. Seine Getreuen wiederum stiegen weiter auf. Statt Kendi wurde János Imrefi, ein alter Günstling Báthorys, Kanzler und Gabriel Bethlen Generalkapitän der Szekler.

Die Wirkung des vereitelten Attentats hielt jedoch nur kurze Zeit vor; Báthory nahm seine Kriegsvorbereitungen schon im Dezember wieder auf. Obwohl die Privilegien der Sachsen den Fürsten nicht berechtigten, auf ihrem Territorium zu wohnen, besetzte er die Hauptstadt der Sachsen, Hermannstadt – eine Tat, die nicht nur unter den Sachsen, sondern in der gesamten Öffentlichkeit eine einmalige Empörung auslöste. Die Behauptung Báthorys, daß sich das in Trümmern liegende Weißenburg nicht als Fürstensitz eignete, traf zwar zu, die Besetzung der reichsten sächsischen Stadt war jedoch ein schreiendes Unrecht. Danach begann der Fürst – wiederum gegen den Widerspruch vieler – seinen Kriegszug gegen die Walachei am zweiten Weihnachtstag 1610, und rechnete mit einem triumphalen Sieg. Woiwode Radu Şerban war jedoch über seinen Einmarsch rechtzeitig informiert und geflohen. Die siebenbürgischen Truppen gelangten ohne jeden bewaffneten Zusammenstoß bis nach Tîrgovişte, wo sich Gabriel Báthory zum Fürsten der Walachei ausrufen ließ. Erst dann fand er Zeit, die Zustimmung der Pforte für seinen Kriegszug einzuholen.

Er schickte eine prächtige Gesandtschaft nach Konstantinopel, um dort einen großangelegten Plan vorzutragen. Demnach hatte Báthory mit Radus Vertreibung die Walachei für die Pforte erhalten wollen. Als nächster Schritt wurde die Einnahme des polnischen Königreichs vorgeschlagen. Im Falle ihrer Zustimmung könnte die Pforte sodann einen dem Türkischen Reich treuen König auf den Thron Polens setzen. Báthory träumte wohl tatsächlich von der polnischen Krone, hatte doch seit der Herrschaft seines Verwandten, König Stephans, jeder siebenbürgische Fürst diesen sich zum Vorbild genommen. Zudem hatte er auch die Kräfteverhältnisse richtig beurteilt, denn Konstantinopel hatte tatsächlich die den Frieden um jeden Preis bewahrende Politik aufgegeben.

Báthory hatte sich freilich nicht darin getäuscht, daß die Pforte sehr wohl zu Kräften gekommen war, aber darin geirrt, daß sie Gabriel Báthory zu ihrem Werkzeug erwählt hätte. Sie übersandte ihm vielmehr den Befehl, heimzukehren und setzte Radu Mihnea als neuen Woiwoden der Walachei ein. Dem Fürsten blieb nichts anderes übrig, als nach zweimonatiger Absenz nach Hause zurückzukehren. Er hielt aber den Schein aufrecht, indem er Gabriel Bethlen mit einer kleinen Truppe in Tîrgovişte beließ. Dieser hatte den Auftrag, den neuen Woiwoden zu empfangen und irgendeinen Vertrag mit ihm abzuschließen. Nach der Einführung des Woiwoden kehrte dann Anfang April auch Bethlen nach Siebenbürgen zurück.