1. Politischer Wandel


Inhaltsverzeichnis

Fürst Apafi und der Türkenkrieg 1660–1664

Im Herbst 1660 erfuhr die Welt aus Gesandtenberichten und Flugblättern von einer gewaltigen Niederlage der Christenheit. Nach Ansicht des Gesandten Chiaromanni von Parma bedeutete der Verlust Wardeins, des Tors zur christlichen Welt: „Für die Barbaren ist der Weg frei, Ungarn, Mähren, Schlesien und Polen zu überrennen“.* F. DEÁK, Nagyvárad elvesztése 1660-ban (Der Verlust Großwardeins im Jahre 1660). Budupest 1878, 32. Die höchsten Würdenträger im Königreich Ungarn, u. a. Palatin Graf Ferenc Wesselényi und der Banus von Kroatien Graf Miklós Zrínyi, glaubten, die siebenbürgischen Ereignisse würden Europa aufrütteln und – entsprechend den seit dem Westfälischen Frieden vergeblichen Bitten und Forderungen – zum gemeinsamen Angriffskrieg der Christenheit zur Befreiung der unter osmanischer Herrschaft schmachtenden Völker führen.

Auf Bitten des Kaisers und Königs Leopold I. erklärten sich der Papst, Venedig, die deutschen Fürsten und der Mainzer Erzbischof Johann Philipp von Schönborn, der Anführer der Rheinischen Allianz, zu einer solchen Hilfeleistung bereit, falls Leopold I. einen Krieg zur Rettung Siebenbürgens gegen die Osmanen beginnen würde.

Johann (János) Kemény, Fürst Gabriel Bethlens einstiger Diplomat und Georg II. Rákóczis Feldherr, der seit Barcsays Festnahme alleiniger Herrscher Siebenbürgens war, rief seine Untertanen gegen das Heer des Temeschwarer Paschas Ali zu den Waffen, überzeugt davon, daß die Christenheit nun wirksame Hilfe leisten werde. Auf Vorschlag der höchsten ungarischen Würdenträger wurde in Wien ein umfassender Kriegsplan ausgearbeitet, nach dem der kaiserliche Feldherr Fürst Montecuccoli mit der Hauptarmee die – zum Schutz des türkischen Ofen gehaltene – Burg Gran angreifen und danach die Ofner Burg belagern sollte. Zrínyi erhielt die Aufgabe, seinen Feldzug im Gebiet Kanizsa, der wichtigsten transdanubischen Festung, zu beginnen, um so die gegen Siebenbürgen eingesetzten türkischen Kräfte auf sich zu ziehen. Aber Großwesir Mechmed Kõprülü lag auf Kreta mit Venedig im Kampf um die Burg Kandis und wünschte keinen Krieg gegen zwei Gegner, weshalb er dem Wiener Hof ein Abkommen anbot. Im Sinne des habsburgisch-türkischen Geheimabkommens von 1661 sollte Wien Wardein als osmanischen Besitz anerkennen und Johann Kemény keine {360.} Hilfe gewähren, im Gegenzug würden die Türken ihren Straffeldzug nach Siebenbürgen einstellen und einen neuen Fürsten wählen lassen. Wegen dieses Geheimabkommens änderte man in Wien den ursprünglichen Kriegsplan. General Montecuccoli mußte nun ohne jede militärische Vorbereitung an die Grenze Siebenbürgens ziehen, im Sinne einer Machtdemonstration bis zur Wahl des neuen Fürsten. Als Montecuccoli vor Klausenburg die Nachricht erhielt, daß Ali Pascha am 15. September 1661 durch den von ihm gewaltsam einberufenen Landtag Michael (Mihály) Apafi zum Fürsten hatte wählen lassen, zog er sich mit seinem Heer nach Ungarn zurück. Währenddessen brachen tatarische Truppen ins Szeklerland ein, und der von Leopold I. im Stich gelassene Fürst Johann Kemény fiel am 23. Januar 1662 in der Schlacht bei Nagyszõllõs, als er den Szeklern zu Hilfe eilen wollte.

Der junge Apafi wurde im kartesianischen Geiste erzogen, er beschäftigte sich mit philosophischen Studien, Uhren, Fernrohren und Astronomie. 1657 auf dem Polenfeldzug geriet auch er in die Gefangenschaft des Tataren-Khans und kam erst nach über drei Jahren frei. Die Fürstenwürde akzeptierte er gezwungenermaßen, durch seine zielstrebige Politik beruhigte er dennoch innerhalb kurzer Zeit die Lage in Siebenbürgen. Mit Geschenken und dem Versprechen, hohen Tribut und erhöhte Steuern zu zahlen, erreichte er den Abzug der türkischen und tatarischen Truppen. Er gewann die Sachsen für sich und schuf Ruhe im Szeklerland. Er band die angesehensten Aristokraten seines Fürstentums an sich. Mit Hilfe von Kanzler János Bethlen, dem militärischen Oberbefehlshaber Dénes Bánffy und den Räten Gábor Haller und Mihály Teleki stellte er die Zentralmacht wieder her. Dem Sultan versprach er seine Treue, ließ seine Herrschaft aber auch vom Kaiser anerkennen. Er war der Überzeugung, Königreich und Fürstentum – „die beiden ungarischen Heimatländer“, wie er mehrfach sagte – müßten ihre unzertrennliche Existenz gemeinsam bewahren und durchsetzen. Es gelang ihm, mit den höchsten ungarischen Würdenträgern vertrauliche Beziehungen anzuknüpfen und diese zu einer engen Zusammenarbeit auszuweiten. Als der junge Großwesir Achmed Kõprülü ihm Anfang 1663 befahl, sich auf seinen ungarischen Feldzug vorzubereiten, der das Ziel verfolgte, das gesamte Königreich der türkischen Herrschaft zu unterwerfen (in gleicher Weise wie Siebenbürgen), ließ Apafi den Palatin sogleich von dem Plan wissen. Offen konnte er dem im Sommer 1663 mit hunderttausend Mann in Ofen eintreffenden und dann die stärkste westliche Burg des Königreichs, Neuhäusel, belagernden Großwesir nicht entgegentreten, ohne die tatarischen Straftruppen auf Siebenbürgen zu lenken. Insgeheim aber arbeitete er mit den ungarischen Ständen und ihren Anführern zusammen.

Der Palatin, der Iudex Curiae Ungarns, der Banus von Kroatien und der Graner Erzbischof wandten sich im Sommer 1663 direkt an die Rheinische Allianz mit der Bitte, im Rahmen einer internationalen Aktion der christlichen Mächte Hilfstruppen nach Ungarn zu senden. Inzwischen war Neuhäusel gefallen, und auch am Wiener Hof, der den Großwesir bisher mit Friedensangeboten bedrängt hatte, dominierte die Kriegspartei. Im Herbst 1663, auf der Versammlung der Rheinischen Allianz in Regensburg, wurde der Vorschlag eingebracht, eine Koalition zwischen dem Papst, dem Kaiser, Venedig, Polen und Rußland zum Zwecke eines Angriffskrieges zu schließen. In diesen Plan wurden auch Siebenbürgen und die beiden rumänischen Woiwodschaften einbezogen.

{361.} Unterdessen wurden die Städte und Komitate des Königreichs von sog. Unterwerfungspatenten überschwemmt. Für die Annahme der Pfortenoberhoheit und einer summarischen, nicht sehr hohen Jahressteuer stellte Kõprülü Selbstverwaltung, Glaubensfreiheit und vollständigen Schutz in Aussicht. Es war allen klar, daß in erster Linie die Bewohner der Grenzstädte und -komitate – ermüdet von dem jahrzehntelangen, hoffnungslos erscheinenden Kampf gegen Habsburger und Türkenraubzüge – für eine solche Garantie ihrer Sicherheit und ungestörten Religionsausübung die Möglichkeiten ernsthaft erwogen, die sich aus ihrer Unterwerfung unter die Türken ergeben würden. Daß Kõprülüs Plan mißlang, daran hatte der auf den drohenden Befehl des Großwesirs hin endlich mit einem kleinen Heer im Lager bei Neuhäusel erscheinende Fürst Apafi großen Anteil. In Konspiration mit dem Palatin verbreitete er zugleich mit den in seinem Namen ergangenen türkischen Unterwerfungspatenten Geheimbefehle, in denen er die Unterwerfung verbot und die baldige Vertreibung der Türken ankündigte. Jedes Risiko in Kauf nehmend, wirkte Apafi selbst an der Organisation des Bündnisses gegen die Türken mit. Unter Berufung auf Fürst Gabriel Bethlen als damaligen Verbündeten der protestantischen Länder wandte Apafi sich über den Pfortengesandten Winchelsea direkt an England und bat 1664 den englischen König, im Interesse Siebenbürgens zu intervenieren. Vermutlich war auch die siebenbürgische Diplomatie daran beteiligt, daß ganz Europa von einer Flut von Nachrichten über Zrínyis erfolgreichen Winterfeldzug im Draugebiet überschwemmt wurde, bei dem übrigens Zrínyi von Truppen der Rheinischen Allianz unter Julius Wolfgang Graf Hohenlohe unterstützt worden war. Frankreich konnte sich nicht direkt gegen die Türken stellen, wohl aber als Mitglied der Allianz Hilfe schicken. Miklós Bethlen überbrachte im Frühjahr 1664 aus Paris einen Brief von Minister Hugues de Lionne und dem als Kommandanten für den Türkenkrieg vorgesehenen General Henri de Latour d’Auvergne Turenne an Fürst Apafi, der inzwischen zur Unterstützung der antitürkischen Koalition ein Bündnis mit dem walachischen Woiwoden G. Ghica geschlossen hatte. Von Kaiser Leopold, der sich endlich zum Kriege entschlossen hatte, wurde Apafi offiziell vom internationalen Bündnis in Kenntnis gesetzt und schließlich auch davon, daß Wien auf Siebenbürgens Mitwirkung rechne. Damit wurde das Fürstentum als offizieller verbündeter Staat von der internationalen Koalition anerkannt.

Dem Kriegsplan zufolge sollten im Frühling die ungarischen, kaiserlichen, deutschen und französischen Truppen an drei Punkten den Angriff eröffnen, der Oberkommandierende der ungarischen Armee, Zrínyi, mit den Truppen der Allianz Kanizsa belagern und Montecuccoli zugleich mit dem Hauptheer an der Donau angreifen. Auch bei Wardein sollten Kriegsoperationen stattfinden, um die Rückeroberung der Burg vorzubereiten. Obwohl die verbündeten Truppen am 1. August 1664 bei Sankt Gotthard einen großen Sieg über den Großwesir errangen, schloß die kaiserliche Regierung dennoch am 10. August 1664 ohne Mitwissen der Verbündeten Frieden mit den Osmanen.

Der Eisenburger Frieden verletzte die Interessen Siebenbürgens schwer. Die Wiener Regierung hatte ihn ohne Wissen des Fürsten geschlossen. Wardein mit seiner Umgebung in der Größe eines Landesteils und sämtliche anderen von der Pforte besetzten Gebiete blieben im Besitz des Osmanischen Reiches; die Burg von Székelyhíd, welche die Westgrenze des Landes gegen {362.} Wardein schützte, mußte geschleift werden. Beide Mächte waren übereingekommen, die Feinde des anderen nicht zu unterstützen.

Nach dem Eisenburger Frieden knüpfte Apafi seine Beziehungen zu den Politikern im Königreich nach Möglichkeit noch enger, im Sinne seiner Pläne, sein Fürstentum zu erhalten und die ungarische Staatlichkeit zu retten, da jetzt mit einer langfristigen habsburgisch-türkischen Übereinkunft zu rechnen war. Zrínyis unerwarteter Tod am 18. November 1664 machte jedoch diese Pläne zunichte. Apafi betrauerte den Banus als den bedeutendsten ungarischen Politiker seiner Zeit.

Gleichgewichtspolitik und das Bündnis mit Frankreich

Apafi und seine Regierung sahen auch nach dem Mißerfolg des internationalen Türkenkrieges von 1664 klar, daß die osmanische Macht geschwächt war und der Zeitpunkt für eine Rückeroberung Ungarns – wenn auch unter ungünstigeren Bedingungen, als seine Vorgänger angenommen hatten – früher oder später doch eintreten könnte. Apafis Politik verfolgte das Ziel, die Werte des Fürstentums zu bewahren und die Souveränität seines Staates zu stärken. Es gelang ihm, zwischen der türkischen und der Habsburgermacht eine Gleichgewichtspolitik zu verwirklichen, durch die er die inneren Verhältnisse des Fürstentums zu stabilisieren vermochte. Seine außenpolitischen Beziehungen entwickelte er, indem er alle Möglichkeiten nützte, die ihm die internationale Mächtekonstellation bot. In seiner unmittelbaren Umgebung waren gebildete und markante Persönlichkeiten als Politiker tätig: der bejahrte Kanzler János Bethlen, als erster Rat der junge Mihály Teleki, der Klausenburger Kapitän Dénes Bánffy und später der junge Miklós Bethlen. Diese und schließlich auch die gut ausgebildeten Aristokraten und Bürgerlichen, die den diplomatischen Dienst von der Pforte über Polen bis hin zu den deutschen Fürstentümern versahen, gehörten mehrheitlich bereits zur in den Ideen von Descartes erzogenen Intelligenz.

Den Ausbau seiner Zentralmacht betrieb er zielstrebig, indem er eine ganze Reihe von Reformen vom häufig einberufenen Landtag annehmen und beaufsichtigen ließ. Diese Reformen bezogen sich auf die Modernisierung des Heerwesens sowie der Wirtschaft des Landes, die auf Inlandskrediten, Freihandelspolitik und den Unternehmungen der Schatzkammer basierte. Außer den Deputierten der „drei Nationen“, des ungarischen Komitatsadels, der Szekler Stühle sowie der Städte und der sächsischen Nationsuniversität, berief er auch den Vertreter der einzigen Institution der Siebenbürger Rumänen, den Bischof ihrer griechisch-orthodoxen Kirche, in den Landtag. Es gibt zwar für die Zeit seiner Herrschaft keinen Beleg dafür, daß der Bischof sich dort zu Wort gemeldet hätte, dennoch hatte Apafis Neuerung epochale Bedeutung, da zum ersten Mal im Laufe der Geschichte die Siebenbürger Rumänen in der griechisch-orthodoxen Kirche ein politisches Forum erhielten.

Nach dem Eisenburger Frieden verlangten die neuen politischen Verhältnisse im Königreich auch vom Fürstentum eine Richtungsänderung. Geführt vom Palatin Graf Ferenc Wesselényi suchten die höchsten Würdenträger des Königreichs – Iudex Curiae Graf Ferenc Nádasdy, der Banus von Kroatien {363.} Graf Péter Zrínyi und Erzbischof György Lippay – gemeinsam nach Möglichkeiten, den ungarischen Staat zu erhalten. Das habsburgisch-osmanische Abkommen verbot auch jede Verteidigungsaktion. Doch die türkischen Grenzwachen brachen regelmäßig in das Königreich ein, verlangten riesige Kontributionen und vereinnahmten Gebiete von der Größe eines halben Komitats für das Paschalik Ofen. Wesselényi und sein Kreis weihten in ihre Pläne Georg II. Rákóczis Sohn ein, den noch 1652 zum erblichen Fürsten gewählten Franz (Ferenc) I. Rákóczi, der nach seines Vaters Tod zum Katholizismus konvertierte und mit seiner Mutter, der Fürstin Zsófia Báthory, auf den oberungarischen Familiengütern lebte. Nachdem Wesselényi vergeblich versucht hatte, französische und später polnische Hilfe zu erhalten, suchte er die engere Zusammenarbeit mit Fürst Apafi. Bei der Beratung der politischen Bewegung der ungarischen Stände im Sommer 1666 in Murány wurde Siebenbürgen von Mihály Teleki und Miklós Bethlen vertreten. Ein Gegenstand der Verhandlungen war der Grenzverlauf zwischen dem Fürstentum und dem Königreich, falls es gelingen sollte, die Türken aus dem Land zu vertreiben. Bis dahin aber sahen Palatin Wesselényi und seine Gefährten keine andere Möglichkeit, das Land vor der völligen Zerstörung zu bewahren, als einen Sondervertrag mit der Pforte zu schließen und für die Zahlung einer größeren jährlichen Summe die Sicherheit des Restlandes zu erkaufen. Apafi stellte ihnen seinen gut bewährten diplomatischen Apparat für die Kontaktaufnahme zur Pforte zur Verfügung, doch blieb diesem Versuch ein Erfolg verwehrt. Großwesir Achmed Kõprülü war mit der Belagerung Kandias beschäftigt und wollte keinen Krieg mit dem Habsburgerreich, besagte doch das Geheimabkommen, daß keiner den Untertanen des anderen helfen sollte; so ließ er sich gar nicht in Verhandlungen mit dem Gesandten Wesselényis ein. Als er dann 1669 Kandia erobert hatte und sich auf einen neuen Krieg, den Angriff auf Polen, vorbereitete, schloß er mit dem Wiener Hof ein Abkommen, um in Ungarn den Frieden zu wahren und den habsburgisch-türkischen Handel ungestört zu betreiben. Mit dem Tod des Palatins Wesselényi hatte die politische Bewegung der ungarischen Stände ihren überragenden Führer verloren. Sie wurde nun vom Wiener Hof beseitigt. Unter der Anklage der Verschwörung und der Konspiration mit den Türken wurden folgende Personen vor Gericht gestellt, des Hochverrats verurteilt und hingerichtet: der Iudex Curiae Ungarns Nádasdy, der Banus von Kroatien Péter Zrínyi, sein Schwager Ferenc Frangepán, der steirische Graf Erasmus Tattenbach und einer der Führer des mittleren Adels, der steirische Regimentsrat Ferenc Bónis (1671). Die Verfassung des Königreichs wurde außer Kraft gesetzt, die ungarischen Besatzungen der Grenzburgen (ca. 10 000 Soldaten) wurden entlassen und durch kaiserliche Einheiten ersetzt (1672). Der Wiener Hof beseitigte die Selbstverwaltung der Städte und stellte die protestantischen Pastoren in Preßburg vor ein Sondergericht. Viele Familien des mittleren Adels Oberungarns emigrierten wegen des Verdachts der Konspiration (1670-1674). Apafi bewahrte in dieser schlimmen Periode seine Souveränität und erreichte, daß Siebenbürgen weder zum Werkzeug der türkischen noch der Habsburgermacht wurde. Als einzige Verkörperung ungarischer Staatlichkeit bot Siebenbürgen den Verfolgten Zuflucht und informierte Europa über die ungarischen Verhältnisse.

Das Geheimnis der erfolgreichen Gleichgewichtspolitik Apafis beruhte auf seinen von ihm ausgebauten, modernen internationalen Beziehungen. Er {364.} schloß ein Abkommen mit den Polen und Frieden mit den Woiwoden der Moldau und Walachei, die mit ihm zumeist ungarisch korrespondierten. Mit England, Holland, den deutschen Fürstentümern und Schweden gestaltete er die auf der Grundlage der vorzüglichen kirchlichen Kontakte ausgebauten kulturellen und politischen Beziehungen enger. Ferner regelte er vertraglich das Verhältnis Siebenbürgens zu Kaiser Leopold. Er bezog die sich zuspitzenden Gegensätze zwischen den Habsburgern und den Bourbonen in seine Kalkulation mit ein und nutzte sie ungewöhnlich rasch, auch wenn dies im königlichen Ungarn seit Pázmány und Zrínyi bereits alte politische Tradition war und schon früher die praktische Politik der siebenbürgischen Fürsten bestimmt hatte.

Die Beziehungen des Fürstentums mit Frankreich intensivierte er über den Wiener Gesandten, die französischen Residenten bei der Pforte und die franzosenfreundlichen polnischen Politiker. Im November 1673 entsprach er der Bitte Hetman Jan Sobieskis, der einen glänzenden Sieg über die Türken erlangt hatte, Siebenbürgen möge gemeinsam mit Frankreich in dem seit 1672 tobenden polnisch-türkischen Krieg vermitteln. Im folgenden Jahr wechselte Apafi ganz offen die Richtung: er schlug die innere Opposition gegen die französische Orientierung blutig nieder und ließ ihren Repräsentanten in der Regierung, Dénes Bánffy, enthaupten. Im März 1675 kam es durch Vermittlung des französischen Beauftragten Roger du Fresne Akakia, der in Begleitung des Gesandten des polnischen Königs in Siebenbürgen eingetroffen war, zu einem französisch-siebenbürgischen Vorvertrag, zur Vereinbarung von Fogarasch. Im Mai 1677 unterschrieben Marquis François Gaston de Selles Bèthune, der neue französische Gesandte in Polen, und der Vertreter des Fürstentums Dániel Absolon in Warschau den siebenbürgisch-französischen Bündnisvertrag: Das im Krieg mit den Habsburgern stehende Frankreich hilft mit 100 000 Talern den an der Grenze Siebenbürgens versammelten und in eine Armee verwandelten Exulanten. Darüber hinaus sollte eine großangelegte Militäraktion gegen die Habsburger auch durch französische und polnische Truppen unterstützt werden. Siebenbürgen stellte der Exulantenarmee den militärischen Führungsstab und ihren Kommandanten in der Person von Mihály Teleki und sicherte für sie das Rückzugsgebiet. Doch ließ sich das Fürstentum in keinen offenen Krieg mit dem Habsburger als ungarischen König verwickeln. Dessenungeachtet hat König Ludwig XIV. in seinem später mit der Habsburgerregierung ausgehandelten Frieden die Interessen Siebenbürgens berücksichtigt. Im Falle eines türkischen Straffeldzuges gegen Siebenbürgen übernahm der König von Frankreich die Bürgschaft und dessen Verteidigung.

Die osmanische Macht, die mittlerweile mit Polen Frieden geschlossen hatte, wagte es nicht, ihre französischen Beziehungen aufs Spiel zu setzen und offen gegen die selbständige Außenpolitik Siebenbürgens und deren Westorientierung vorzugehen. Doch machte sie einen Versuch, Apafi zu stürzen. Zu diesem Zweck organisierte sie eine türkenfreundliche Partei innerhalb Siebenbürgens, die insgeheim von Pál Béldi – der sich dazu angeboten hatte – unterstützt wurde. Dem Fürsten gelang es jedoch, diese Verschwörung aufzudecken; Béldi flüchtete nach Konstantinopel.

Der die Exulanten kommandierende Emerich (Imre) Thököly, der noch als Kind bei der Aufdeckung der Wesselényi-Bewegung nach Siebenbürgen geflohen war, erwies sich als außerordentliche militärische Begabung. 1677/78 {365.} besetzte er mit einer ganz Europa in Erstaunen versetzenden Serie militärischer Erfolge bedeutende Teile im Norden des Königreichs, deren östliche Hälfte er sogar halten konnte. Diese Militäraktion trug viel zu dem Haupterfolg der siebenbürgischen Diplomatie bei: Frankreich nahm Siebenbürgen in den Frieden von Nymwegen auf. Die Bedeutung des Punktes 31, der die Interessen des Fürstentums allgemein formulierte, wird von einem Brief Ludwigs XIV. vom 8. Juni 1679 an Apafi unterstrichen, in dem Ludwig bestätigt, daß Frankreich laut Friedensvertrag auch Siebenbürgen als Verbündeten betrachte. Bald danach empfing Apafi den Gesandten von Johann (Jan) Sobieski (seit 1676 Johann III., polnischer König) und sandte Dániel Absolon als offiziellen Vertreter nach Paris. Unter dem Eindruck der internationalen Bedeutung der siebenbürgischen Diplomatie und der Erfolge Thökölys hat die Wiener Regierung den ungarischen Landtag 1681 nach Ödenburg einberufen und die ungarische Verfassung wieder in Kraft gesetzt. Die ungarischen Würdenträger wurden wieder in ihre traditionellen Positionen eingesetzt und unter gewissen Beschränkungen auch die Glaubensfreiheit der Protestanten bestätigt. Andererseits gelang es dem Wiener Hof nicht, Thököly mit seinen fast 20 000 Soldaten für sich zu gewinnen. Thököly, der auch die Unterstützung der reichen Bürger der oberungarischen Städte Eperies, Bartfeld und Leutschau genoß, heiratete die Witwe des gewählten siebenbürgischen Fürsten Franz I. Rákóczi, Ilona Zrínyi, und steigerte seine Macht zusammen mit den gewaltigen Rákóczi-Besitzungen auch durch das traditionell hohe Ansehen der Familien Rákóczi und Zrínyi. Währenddessen hatte die Pforte in Thökölys Auftreten die Möglichkeit erkannt, einen Keil in die ungarische Politik zu treiben, und befahl 1682 Thököly, als er in bravouröser Weise Kaschau eingenommen hatte, ins Lager des die Burg Fülek belagernden Paschas von Ofen, wohin – unter Androhung eines tatarischen Strafzuges – auch Apafi mit seinen Truppen befohlen wurde.

Die Burg Fülek, die zwischen den beiden nördlichen Teilen des Königreichs, des westlichen „Unterungarn“ und des östlichen „Oberungarn“, die Verbindung sicherte, nahm Ibrahim Pascha unter großen Opfern ein. Zum Höhepunkt der Siegesfeier rief er Thököly zum Fürsten von Oberungarn aus. Es hat den Anschein, als habe Apafi diese türkische Spaltungspolitik und die weitreichenden Gefahren einer selbständigen Herrschaft Thökölys erkannt, doch überforderten diese Ereignisse bereits seine Kräfte. Der alte Fürst mit seinen ebenfalls allmählich alternden Politikern konnte die schlimmen Folgen dieses unerwarteten Ereignisses nicht mehr verhindern.

Geheimmitglied der Heiligen Liga

Die politische Lage des selbständigen Fürstentums Siebenbürgen änderte sich durch den neuerlichen Türkenkrieg (1683–1699) grundlegend, jedoch nicht auf einen Schlag, und der Wandel nahm nur langsam deutlichere Konturen an. Frankreich intensivierte parallel zum Ausbau seiner politischen Stützpunkte im Rücken des Habsburgerreiches auch seine Beziehungen zur Pforte. Nach Großwesir Achmed Kõprülüs Tod (1676) wurde der innere Verfall des Osmanischen Reiches sichtbar. Die Janitscharenaufstände, die ständigen Finanz- und Versorgungsprobleme brachten Großwesir Kara Mustafa auf den Gedanken, mit einem neuen Eroberungsfeldzug das Reich zu {366.} neuem Leben zu erwecken. Nicht ohne Ermunterung Frankreichs begann er einen Feldzug zur Eroberung Wiens. Nachdem er mit seinem 100 000-Mann-Heer im Sommer 1683 durch Ungarn hindurchgezogen war, begann er die Belagerung der Kaiserstadt.

Apafis Regierung, die bereits viele Stürme überlebt hatte, wurde von dieser ganz Europa erschütternden osmanischen Unternehmung keineswegs geblendet. Dank des siebenbürgischen Goldes entsprach Apafi dem Sultansbefehl, der ihn in den Kampf rief, erst Ende des Sommers, und selbst dann nicht mit starker Streitmacht. Er zog nur mit einigen tausend Szeklern nach Ungarn, um sich dort dem Heer des Großwesirs anzuschließen. Mit den Truppen des Ofner Paschas Ibrahim bewachten sie die Raab- und Rabnitz-Brücken bei der Festung Raab; denn der von Anfang an mißtrauische Großwesir ließ sie nicht in die Nähe des Kampfplatzes.

Nach dem überwältigenden Sieg Karls von Lothringen und Johann Sobieskis vor Wien am 12. September 1683, als Apafis von Seuchen dezimierte Truppe durch das von den geschlagenen türkischen Truppen überflutete Königreich nach Siebenbürgen zurückkehrte, änderte sich Siebenbürgens Lage. Die Pforte ließ auf die Schockwirkung der verlorenen Schlacht von Párkány (am 9. Oktober 1683) hin Thököly als Sündenbock fallen, und um sich weiterhin auf Siebenbürgen zu stützen, bestätigte sie eilig den minderjährigen Sohn Apafis, Michael (Mihály) II., den die siebenbürgischen Stände schon vorher zum Fürsten gewählt hatten. Apafi suchte die Zukunft Siebenbürgens jedoch bereits im Anschluß an das christliche Lager zu sichern.

Im Frühjahr 1684 war unter dem Patronat von Papst Innozenz XI. und unter Beteiligung Polens, Venedigs und des Habsburgerreichs die Heilige Liga entstanden. Mitglieder dieser Mächtekoalition, die die Türken in Europa zurückzudrängen suchten, erkannten klar, daß in diesem von der Ukraine bis an die Küste des Mittelmeeres und die Balkanhalbinsel reichenden Krieg die Teilnahme Siebenbürgens unverzichtbar war, als strategischer Stützpunkt und als Rohstoff- und Nahrungsmittellieferant. Zudem war das Land auch protestantisch. Auch aus der Sicht der deutschen Fürstentümer und der materielle Hilfe leistenden Länder England und Holland war es wichtig, daß es auf der Seite der Christenheit an diesem historischen Kampf teilnahm. Darauf waren auch alle früheren, sich mit den internationalen Voraussetzungen der Türkenvertreibung befassenden Pläne ausgerichtet. Unter dem Eindruck solcher Traditionen und der internationalen Lage schlug Kaiser Leopold daher im April 1684 dem Fürsten Apafi vor, sich der Heiligen Liga anzuschließen.

Ein offener Anschluß verbot sich aber aus realpolitischen Gründen. An Siebenbürgens Westgrenze beobachteten die starken Garnisonen von Wardein, Temeschwar und einer Reihe kleinerer türkischer Burgen jede Bewegung im Fürstentum. Auf einen Wink aus Stambul hin standen die tatarischen Truppen bereit, durch die östlichen Karpatenpässe in das Land einzudringen und seine Dörfer und Städte in Schutt und Asche zu legen. Andererseits wollte Polen, der Vertreter des franzosenfreundlichen Zweiges der Heiligen Liga, Siebenbürgen zur Stärkung seiner Interessen in das Bündnissystem gegen den Türken einbeziehen, da das Verhältnis von König Johann Sobieski zum Kaiser sehr gestört war. Man mußte mit der Stärke der Osmanen rechnen, die eine Belagerung Ofens 1684 erfolgreich abgewehrt {367.} hatten. Trotz allem tat Apafi nur vorsichtige Vorbereitungsschritte, um sich – nach Sicherung der Interessen des kleinen Landes durch entsprechende Garantien – dem Kampf der Christenheit anzuschließen. Im Frühjahr 1685 kommt es in Kerz zu einer geheimen Vorvereinbarung mit dem Kaiser. Siebenbürgen schließt sich nun insgeheim der Heiligen Liga an, unter folgenden Bedingungen: Siebenbürgens Fürsten und die höchsten Würdenträger des Königreichs betrachten das Fürstentum für alle Zeiten als Teil der Ungarischen Heiligen Krone, Apafi erkennt die Herrschaft des ungarischen Königs an und übernimmt es, dem kaiserlichen Militär im Türkenkrieg Winterlager zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig garantiert der Kaiser die staatliche Souveränität des Fürstentums und die Selbständigkeit seiner Regierung. Zu seiner Sicherheit schloß Apafi gleichzeitig ein Schutzbündnis mit der Walachei gegen die Machtbestrebungen der Habsburger und der Türken, doch mit Thököly konnte er keine Übereinkunft erreichen.

Der Fürst Oberungarns hielt sich ebenfalls von der Belagerung Wiens fern und versuchte sofort, mit seiner 20 000-Mann-Streitmacht zu den Christen überzutreten. Doch verschloß sich die dynastische Partei in der Habsburger Regierung heftig all diesen Annäherungsversuchen, obwohl der hervorragende Heerführer Karl von Lothringen Thökölys kampferprobte Soldaten für den ungarischen Kriegsschauplatz für unverzichtbar hielt. Die Pforte erließ den Befehl, Thököly zu ergreifen, Apafi ignorierte aber nicht nur diesen Befehl, sondern informierte wahrscheinlich Thököly sogar darüber, ohne freilich verhindern zu können, daß die siebenbürgischen Stände dessen siebenbürgische Güter konfiszierten und seine Anhänger ins Gefängnis warfen. Der Wardeiner Pascha konnte den Fürsten Oberungarns im Herbst 1685 mit einer List festnehmen. Thökölys auch für die Verteidigung der Positionen des Königreichs und Siebenbürgens unverzichtbares Heer zerstreute sich darauf und kämpfte truppweise in den kaiserlichen Regimentern gegen die Türken.

Im Frühjahr 1686 gelang es der päpstlichen Diplomatie, den polnisch-russischen Krieg zu beenden. Das Moskauer Zarentum schloß sich der Heiligen Liga an und band von da an die Kräfte der Krimtataren, Wien wiederum gab die Belagerung der für die Verbindung zwischen Polen und Siebenbürgen strategisch wichtigen Burg Munkács auf, die von Thökölys Ehefrau Ilona Zrínyi mit 4000 Mann Besatzung erfolgreich verteidigt worden war. Anschließend belagerten die verbündeten Truppen, von ganz Europa aufmerksam beobachtet, Ofen. Nun erst konnten die Gesandten des Fürstentums mit den Mitgliedern der Wiener Regierung die Bedingungen für einen Anschluß Siebenbürgens ausarbeiten.

Gemäß dem am 28. Juni 1686 vom Siebenbürger Gesandten János Haller, Kanzler Theodor Heinrich Strattmann und dem Präsidenten des Kriegsrates Hermann von Baden gegengezeichneten Vertrag schloß sich jetzt das Fürstentum der Heiligen Liga an. Der Vertrag sollte bis zur Rückeroberung Wardeins geheim bleiben. Solange Temeschwar und Belgrad in türkischer Hand seien, werde Siebenbürgen nicht am Kampf teilnehmen, sondern mit jährlich 50 000 Reichstalern in bar, mit Transportdiensten und Lebensmitteln zum Kampf gegen die Türken beitragen. Um eine reibungslose Ausführung dieser Vereinbarungen zu sichern, sollten für die Zeit des Krieges Klausenburg und Diemrich von kaiserlichen und fürstlichen Truppen im Verhältnis 2:1 bewacht werden. Siebenbürgen als Teil der Ungarischen Heiligen Krone {368.} erkennt die Oberhoheit des ungarischen Königs an, Kaiser Leopold wiederum garantiert die freie Fürstenwahl, die Unverletzlichkeit aller kirchlichen und weltlichen Privilegien und eine autonome Regierung. Der Frieden nach Abschluß des Krieges solle die Interessen Siebenbürgens berücksichtigen.

Nach der Rückeroberung Ofens (am 2. September 1686) reorganisierte die Pforte ihre Streitkräfte, und der Großwesir versuchte, mit einem recht starken Heer im Sommer 1687 das Zentrum der ungarischen Herrschaft des Osmanischen Reiches zurückzugewinnen. Doch die alliierten Truppen unter Karl von Lothringen und Kurfürst Max Emanuel von Bayern errangen am 12. August 1687 in der Schlacht am Berge Harsány einen glänzenden Sieg über die Türken. Mit diesem und der im Jahr darauf erfolgten Einnahme von Belgrad war die Rückeroberung des Königreichs militärisch endgültig gesichert. Um die Inbesitznahme Ungarns für die Habsburgermonarchie auch politisch abzusichern, marschierte Karl von Lothringen mit seiner Armee bald nach der Siegesfeier von Harsány quer durch Ostungarn nach Siebenbürgen. Dieser kühne Feldzug über die vom Herbstregen aufgeweichten Wege, der nur aufgrund umsichtiger Vorbereitung auch des Nachschubs gelang, stellte die Regierung des Fürstentums vor vollendete Tatsachen. Denn das plötzliche Erscheinen des kaiserlichen Heeres Mitte Oktober 1687 in Siebenbürgen, mit dem dort zu diesem Zeitpunkt niemand gerechnet hatte, bedeutete einerseits wirksamen Schutz des Fürstentums vor den Türken, andererseits seine faktische Eingliederung in den direkten Machtbereich der Habsburgermonarchie. Gestützt auf seinen Überraschungscoup konnte Karl von Lothringen dem Fürsten praktisch seine Bedingungen diktieren, legte aber dennoch darauf großen Wert, in kluger Zurückhaltung die diplomatische Form zu wahren.

Nach kurzen Verhandlungen wurden am 27. Oktober im Vertrag von Blasendorf die Bedingungen für das Winterlager festgelegt, unter weitgehender Berücksichtigung der Sicherheit und der Interessen der Bevölkerung. Dieses mit den Unterschriften von Karl von Lothringen und Mihály Teleki ratifizierte Abkommen bestätigte von neuem den Vertrag von 1686, der dem Fürstentum die selbständige Regierung garantierte.

Unter den Habsburgern

Nachdem Ende 1687 auf dem Preßburger Landtag Ungarns Verfassung geändert und das bisherige Wahlkönigtum zum erblichen Königtum umgestaltet worden war, bekam der vom Wiener Hof Anfang 1688 neuernannte Militärkommandant von Siebenbürgen, General Antonio Caraffa, den Auftrag, das Verhältnis zwischen Fürstentum und Königreich den neuen Gegebenheiten entsprechend zu ordnen.

Denn die ungarischen Stände waren mit der Dynastie einen Kompromiß eingegangen. Für die Aufgabe ihres uralten Rechtes, den König zu wählen, hatte sich der Herrscher verpflichtet, den Ungarn ihre eigenen Institutionen in dem vom Türken zurückeroberten Land zu überlassen. Darüber jedoch setzte sich Caraffa hinweg und zwang mit militärischem Druck die Siebenbürger zum Nachgeben. Im Sinne der Erklärung von Fogarasch unterwarfen sich die siebenbürgischen Stände Kaiser Leopold – und dem neunjährigen erblichen König Joseph I. – u. a. mit der Auflage, in die Burgen {369.} des Landes kaiserliche Besatzungen zu legen und jährlich 200 000 Gulden Steuer an Wien zu zahlen. Das kaiserliche Reskript auf ihre Wünsche, die sich auf den Vertrag von 1686 und das Abkommen von Blasendorf beriefen, versprach nur die Freiheit der Religion und die Eindämmung der militärischen Willkür, doch selbst dies wurde nicht eingehalten. Mehrere Städte, darunter Frauenbach, Bistritz und Kronstadt, protestierten mit bewaffnetem Widerstand gegen die Erklärung von Fogarasch, wurden aber von der militärischen Übermacht entweder zum zähneknirschenden Gehorsam gezwungen oder verbluteten im ungleichen Kampf, wie die Einwohner Kronstadts, als sie unter Führung des Goldschmieds Gaspar Kreutz Kanonen auf die Stadtmauern schleppten. Siebenbürgens Zentralregierung und seine ständischen Institutionen waren nur mehr ein Schatten ihrer selbst, der Militärkommandeur regierte und ließ die Steuer vom Militär einziehen.

Fürst Apafi kämpfte im letzten Jahr seiner langen Herrschaft bereits mit einer schweren Krankheit und starb schließlich am 15. April 1690, woraufhin die Pforte sofort ein Adhname auf den neuen Fürsten, und zwar auf Emerich Thököly, ausstellte.

Ganz vergeblich war Thököly aus türkischer Gefangenschaft entlassen worden, denn er blieb vom christlichen Lager isoliert und hatte sich daher endgültig auf die Seite der Osmanen gestellt. Bisher hatte er in der Walachei mit den Türken gegen die christlichen Truppen gekämpft und mit dem dortigen Woiwoden Constantin Brîncoveanu eine Konföderation gebildet (1689). Nun boten ihm die veränderten europäischen Kräfteverhältnisse eine Chance, den Fürstenthron Siebenbürgens zu gewinnen.

Die Eroberung Belgrads (1688) und der Einmarsch kaiserlicher Truppen in die Walachei hatten das Übergewicht der Habsburger derart verstärkt, daß Frankreich und Polen unter Berufung auf das gestörte europäische Gleichgewicht zu Gegenaktionen übergingen. Die Truppen Ludwigs XIV. brachen in die deutschen Fürstentümer ein, und der Sonnenkönig sah in Siebenbürgen wiederum jenen Verbündeten, mit dem sich die übertriebenen Aspirationen der Habsburger in Schach halten ließen, ebenso wie Sobieski, welcher die Burg Kamenice unter schweren Verlusten von den Türken zurückerobert hatte. Während aber der französische König seine Bereitschaft äußerte, Thököly mit materieller Unterstützung zum siebenbürgischen Fürstentum zu verhelfen, vertraute Sobieski Thököly selbst dann nicht, als die Pforte schon zum Frieden geneigt war.

Schließlich brachte der türkische Gegenangriff eine vorübergehende Änderung für Siebenbürgen. Am 21. August 1690 brach Thököly auf kaum begehbaren Wegen durch das Gebirge ins Land ein und konnte mit seinen 6000 Mann die siebenbürgische Streitmacht des Kaisers überraschen und vernichten. Obwohl er seine Herrschaft nicht zu festigen vermochte, wählte ihn der Landtag von Großau zum Fürsten. Als neuer Herrscher Siebenbürgens bestätigte er die Verfassung des Landes, die Glaubensfreiheit der vier anerkannten Konfessionen, die „libera vox“ (freie Fürstenwahl) und die Privilegien der „drei Nationen“. Gleichzeitig bot er Kaiser Leopold an, mit der Heiligen Liga gegen den Türken zu kämpfen, wenn seine Fürstenwürde anerkannt und dies durch Venedig und Polen gemeinsam garantiert werde.

Währenddessen schloß Großwesir Mustafa Kõprülü mit 60 000 Mann Belgrad ein und eroberte es nach einwöchiger Belagerung am B. Oktober 1690. General Ludwig von Baden, der Oberkommandierende der kaiserlichen {370.} Truppen, hatte Siebenbürgens strategische Lage höher eingeschätzt als die Belgrads und deshalb das Tor zum Balkan seinem Schicksal überlassen, um mit seinem Hauptheer gegen Thököly zu ziehen. Als Thökölys Unterführer eine Schlacht verloren hatte, verließ der Fürst am 25. Oktober mit seinen Resttruppen über den Bodsauer Paß das Land für immer.

Das durch den türkischen Gegenangriff, Thökölys siebenbürgisches Fürstentum und den Fall Belgrads verursachte Durcheinander in Wien nutzte Rat Miklós Bethlen erfolgreich dahingehend, daß er dem Kaiser einen Diplomentwurf vorlegte, der unter den gegebenen politischen Umständen Siebenbürgen eine selbständige innere Regierung garantierte. Das 1690 angenommene Leopoldinische Diplom gewährte Siebenbürgen nach Jahren der Militärverwaltung neben einer autonomen Zivilverwaltung die Religionsfreiheit, die wirtschaftliche Autonomie und die Unantastbarkeit der Bildungseinrichtungen. 1691 entschieden sich die siebenbürgischen Stände auf dem Landtag von Fogarasch für die Zeit der Minderjährigkeit Michael II. Apafis für einen Statthaltereirat (Gubernium). Gubernator wurde György Bánffy, der Sohn des hingerichteten Dénes Bánffy, Kanzler wurde Miklós Bethlen, Kommandierender General des Landes Gergely Bethlen und Schatzmeister János Haller. Diese wenn auch durch manche Gegensätze gekennzeichnete Regierung versuchte eine vorsichtige, auf England und Holland orientierte Politik zu verwirklichen. Michael II. Apafi unterschrieb auf Betreiben Miklós Bethlens 1690 eine Erklärung, mit der er den Kurfürsten von Brandenburg und den englischen König Wilhelm von Oranien als seine Vormünder anerkannte – ein in der gegebenen Lage scheinbar realistischer Schritt, da nicht einmal der mit unermeßlichen Opfern verbundene christliche Sieg bei Slankamen den türkischen Vormarsch aufzuhalten schien.

Die Habsburger hatten schlimme Verluste erlitten, und die Seemächte England und Holland, Verbündete Kaiser Leopolds im ausgebrochenen Pfälzischen Erbfolgekrieg, hielten den Türkenkrieg für eine aussichtslose Kräfteverschwendung und betrieben seine baldige Beendigung. Unter Beachtung der Interessen der Protestanten und Kaufleute beider Länder drängten sie auf einen Frieden, in dem Siebenbürgens Freiheiten in einem Sonderkapitel behandelt wurden. Der Vermittlungsvorschlag beider Länder von 1691 beinhaltete Siebenbürgens Selbständigkeit. Kaiser Leopold selbst akzeptierte das vom englischen Beauftragten Sir William Hussey der Pforte übergebene Friedensangebot, das die selbständige Staatlichkeit Siebenbürgens bestätigte. Unter türkischem und Habsburger Protektorat sollte Michael II. Apafi das Land unter verbürgter Kontrolle der internationalen Mächte regieren. Später schlug Lord William Paget unter direkter Berufung auf die frühere politische Rolle des Fürstentums vor, im Friedensvertrag auch die Sicherheit des selbständigen Siebenbürgens zu berücksichtigen. Der Großwesir machte sich den englisch-holländischen Vorschlag zu eigen, und im Laufe der Verhandlungen wurde im Januar 1698 auch noch die Forderung erhoben, den früheren Zustand Siebenbürgens wiederherzustellen. Die Habsburgerregierung sah allerdings in der durch englische und holländische Garantien gesicherten Existenz eines selbständigen Siebenbürgen eine unübersehbare Gefahr für die Zukunft der Dynastie und festigte seit 1692 gleichsam im Wettlauf mit den Vorbereitungen für die Friedensverhandlungen ihre Herrschaft in Siebenbürgen. Nach aufwendiger Belagerung wird endlich Wardein eingenommen (1692), Michael II. Apafi unter vorgeschobenen {371.} Gründen in Wien interniert, Siebenbürgen erneut mit 8000 Mann besetzt (1695) und dem Regiment des Militärkommandeurs Rabutin de Bussy unterstellt (1696).

Auffällig hatten sich die Gewichte der Konfessionen im Fürstentum geändert. Die katholische Kirche war bereits in den Jahrzehnten zuvor erstarkt. Eine Gruppe reicher katholischer Aristokraten mit Führungspositionen in der Politik unterstützte Pfarreien und Schulen freigebig mit Stiftungen und half den im Lande verstreut tätigen Jesuiten. Anfang 1690 einigte sich der Katholische Status unter Vorsitz István Apors mit der reformierten Kirche über die umstrittenen Kirchengüter. Bischof András Illyés, das Oberhaupt der katholischen Kirche in Siebenbürgen, schrieb in einem Memorandum nach Rom, der katholische Universalismus und der der Geschichte des Landes treue nationale Geist seien bestrebt, im uralten Organisationsrahmen des ungarischen Königreiches, aber entsprechend den Interessen des Fürstentums das siebenbürgische Bistum neu zu organisieren. Den Bischof der griechisch-orthodoxen Kirche in Siebenbürgen ernannte weiterhin der walachische Metropolit, doch wurde er vom siebenbürgischen Fürsten bestätigt. Da der Bischof bereits zum Landtag eingeladen worden war, die Pfarrer von allen Lasten entbunden waren und unter dem Schutz des Fürsten gegen ihre Grundherren standen sowie die begüterten Gläubigen Kontakte zu den Regierungskreisen unterhielten, hatte die griechisch-orthodoxe Kirche in Siebenbürgen dank der sich frei entwickelnden muttersprachlichen Bildung nicht nur eine Form gefunden, die durch das Fürstentum geprägt war, sondern war auch fest in das Staatssystem eingebaut. Währenddessen hatte sich die Unionsbestrebung der reformierten Kirche weniger durchsetzen können und ebenso die auch in anderen Ländern betriebene Missionstätigkeit Roms. Zur Zeit des Herrschaftswechsels waren die Traditionen der toleranten Religionspolitik Siebenbürgens noch lebendig. Diese organische Entwicklung beendete der Beschluß der Habsburgerregierung abrupt. Unter dem Vorsitz Kanzler Kinskys gestaltete der sog. Siebenbürgische Rat in Wien die Religionsverhältnisse des Fürstentums mittels zentraler Maßnahmen um. Das Reichsinteresse verwirklichte er teils durch die staatliche Unterstützung der von der österreichischen Ordensprovinz geleiteten Jesuiten, teils dadurch, daß die rumänische Bevölkerung durch die Kirchenunion der Lenkung durch die Habsburgerregierung unterstellt wurde.

Nach vorhergehenden Verhandlungen versprach Leopold in einem kaiserlichen Patent von 1692, wenn sich die griechisch-orthodoxe Kirche Siebenbürgens mit der römisch-katholischen Kirche vereinige, werde er die Geistlichkeit mit ständischen Privilegien bekleiden und von der staatlichen Steuerpflicht befreien. Nach der Ausarbeitung der dogmatischen Grundlagen der Vereinigung – im wesentlichen der Anerkennung des römischen Papstes als Oberhaupt der Kirche – gab der Bischof, Vladika Theophil, anläßlich einer Synode 1697 die Absicht kund, daß die seiner Fürsorge unterstehende griechische Kirche sich mit der katholischen Kirche vereinigen werde, falls ihre Pfarrer wirtschaftliche und gesellschaftliche Privilegien erhielten. 1699 verkündete ein kaiserlicher Beschluß Leopolds die Rechtsgleichheit der Griechisch-Uniierten mit den Römisch-Katholischen (I. Diploma Leopoldinum), und 1700 gab der neue griechische Bischof Athanasie Anghel auf einer feierlichen Synode bekannt, man nehme die Union und den Schutz durch die Habsburgerregierung an. Nachdem er darüber auch in Wien Zeugnis {372.} abgelegt hatte, wurde er in Weißenburg feierlich zum Bischof der griechisch-katholischen Kirche geweiht. Die damit formal geschlossene Union sanktionierte Kaiser Leopold 1701 durch Beschluß (II. Diploma Leopoldinum). Demzufolge waren die rumänischen Pfarrer von allen Fronpflichten befreit, genossen Adelsprivilegien und bekamen Zugang zu den katholischen Hochschulen und Stipendien, während der Graner Erzbischof dem griechisch-katholischen Bischof einen „auditor general“ als Helfer zur Seite stellte.

Langfristig eröffnete die Union der Entwicklung der Siebenbürger Rumänen ganz neue Perspektiven. Die mit diesem „teils politischen Werk“ verbundene schnelle Veränderung wurde aber von den rumänischen Leibeigenen nicht verstanden, Kaufleute und Kleinadlige protestierten und gründeten den Griechisch-Orthodoxen Status, dessen Führer Gábor Nagyszegi allerdings durch den kaiserlichen General ins Gefängnis geworfen wurde.

Die Wiener Regierung hatte die Union gleichsam im Wettlauf mit den türkischen Friedensverhandlungen zustande gebracht. In den 1698 konkreter werdenden Verhandlungen äußerte der englische Vermittler den Wunsch, in die Vereinbarungen auch die Autonomie des Fürstentums und unter anderem die Religionsfreiheit der Protestanten aufzunehmen. Infolge der Union hatten die siebenbürgischen Protestanten ihre Mehrheit verloren, aber nicht einmal ihre Sache wurde im Friedensdokument erwähnt. Der Frieden von Karlowitz Anfang 1699 schloß den anderthalb Jahrzehnte dauernden türkischen Krieg damit ab, daß er dem Fürstentum einen Platz unmittelbar unter der Reichsregierung im Verband des Habsburgerreiches zuwies.

Die Regierung von Fürst Franz II. Rákóczi

„Sine nobis, de nobis – ohne uns entschied man über uns“, so formulierte es Franz (Ferenc) II. Rákóczi in seinem Manifest an die Völker der Welt vom 7. Juni 1703, daß die Habsburger und die osmanische Macht ohne Einbeziehung der diplomatischen Vertreter der Magyaren über Ungarn entschieden hatten.

Allerdings nahm außer dem Königreich auch das Fürstentum mit einem Vertrag an der Rückeroberung des Landes teil und nahm damit ein großes politisches Risiko und schreckliche Opfer auf sich. Denn unter den Folgen des im Frieden von Karlowitz demonstrierten Standpunktes der Habsburger litten die politischen Aktiven und Gebildeten des Königreichs und des Fürstentums gleichermaßen. Ohne beide Länder zu vereinigen, hatte man sie getrennt in das Habsburgerreich eingegliedert; ohne die Kompromisse von 1686/87 zu berücksichtigen, hatte man sie damit der Grundvoraussetzungen staatlicher Existenz beraubt, wie eigenes Heer, innere Autonomie, Religionsfreiheit, Recht auf muttersprachliche Bildung, historisch gewachsene Außenbeziehungen oder die Möglichkeit, den Entwicklungsrückstand zu den fortgeschrittenen europäischen Ländern aus eigener Kraft aufzuholen. Bis zur Jahrhundertwende war vielen an der Zukunft Interessierten beider Länder klar geworden, daß dieser Zustand die Gefahr einer völligen Einschmelzung Ungarns heraufbeschwor. Die Nation im damaligen Verständnis und ihre Zukunft hielt man für verloren. In Siebenbürgen dachten nicht nur die um ihr {373.} Ungartum Besorgten so, die Magnaten, der Adel, die städtischen Bürger und die Szekler-Kapitäne, sondern auch die Sachsen. Viele Dokumente bezeugen, daß die Bewohner Siebenbürgens – Ungarn, Sachsen und Rumänen – ihre Zukunft nur im Rahmen eines selbständigen Fürstentums gesichert sahen.

Ausgehend von seiner geographischen Lage und zugleich von der das ganze 17. Jahrhundert hindurch aktiven Westeuropapolitik wurde Siebenbürgen immer mehr zu einem neuralgischen Punkt der internationalen Machtveränderungen, weswegen es beim Anbruch des neuen Jahrhunderts noch auf eine politische Alternative hoffen konnte.

Die Kräfteverhältnisse der europäischen Mächte hatten sich nach Zurückdrängung der Türken gewandelt. Schon bisher war das erwünschte Machtgleichgewicht nicht allein eine Angelegenheit der Dynastien der Bourbonen und der Habsburger gewesen, sondern betraf das ureigene Interesse aller Länder Europas. Als Ende 1700 der seit langem kranke spanische König starb, wurde es in England und Holland zur entscheidenden Frage, ob Spaniens Erbe auf die Nachfolger Ludwigs XIV. oder Kaiser Leopolds überging. Das seit langem um seine Vormachtstellung im Nordseehandel kämpfende schwedische Königreich wiederum fand sich mit Rußland einem neuen Konkurrenten gegenüber. Schon 1698 hatte sich bei dem Besuch Zar Peters in Wien gezeigt, daß die Zarenmacht in der europäischen Politik aktiv zu werden gedachte. Siebenbürgen verbanden alte Beziehungen sowohl zu Frankreich als auch zu dessen Gegnern England und Holland, zudem gehörte es zur Gemeinschaft der protestantischen Länder. Es verfügte also über starke Bande der religiösen Solidarität, bei der Gründung von Schulen, Erteilung von Stipendien und persönlichen Beziehungen zu den protestantischen Gemeinwesen der auf verschiedenen Seiten kämpfenden europäischen Länder, vor allem der deutschen Fürstentümer.

Siebenbürgen konnte also im Freiheitskrieg Franz II. Rákóczis, der unter dem Namen Kurutzenkrieg bekannt ist, die Möglichkeit ausnutzen, die sich für alle Länder Ostmitteleuropas aus dem Spanischen Erbfolgekrieg und dem großen Nordischen Krieg ergab. Ganz offensichtlich waren die europäischen Machtverhältnisse noch keineswegs zugunsten der Habsburger entschieden, die mit ihrer Donaumonarchie ein einheitliches Reich zu schaffen bestrebt waren. Die Führer des im Frühling 1703 in Oberungarn ausbrechenden Freiheitskrieges wurden von patriotischen und sozialen Zielen geleitet, sie wollten die Selbständigkeit des Landes erkämpfen und sichern und seine soziale und politische Struktur modernisieren.

Der Lebensweg des 1703 erst 27jährigen Franz II., des Abkömmlings der beiden Fürstenfamilien Báthory und Rákóczi, war ganz mit der Geschichte des Fürstentums und des Königreichs im vergangenen Vierteljahrhundert verflochten. Sein Vater Franz I. Rákóczi war gewählter Fürst Siebenbürgens, dessen Heirat mit der Tochter Ilona des Banus von Kroatien Graf Péter Zrínyi im Interesse der Wesselényi-Bewegung zustande gekommen war. Er starb, nachdem er sein Leben nach Niederschlagung dieser Bewegung nur um den Preis erheblicher materieller Opfer retten konnte, 1676 einige Monate nach der Geburt seines Sohnes. Franz II. wurde von Kindheit auf als Herrscher erzogen. Seine Großmutter Zsófia Báthory pflegte ihre Familientraditionen im Blick auf die polnische Krone, während Ilona Zrínyi ihren Sohn als Erben des siebenbürgischen Fürstentums betrachtete. Auf den riesigen Rákóczi-Gütern und in ganz Oberungarn sprach man von dem kleinen Rákóczi nur als {374.} dem „Fürsten“ oder dem „jüngeren Fürsten“. Mit neun Jahren nahm er an der Seite seines Stiefvaters Emerich Thököly am oberungarischen Feldzug (1683) teil, um dann während des Türkenkrieges europaweit bekannt zu werden. Als Zwölfjähriger wurde er seiner Familie entrissen und als Mündel Kaiser Leopolds zusammen mit den österreichischen Aristokratensöhnen im Jesuitenkollegium des böhmischen Neuhaus und dann an der Prager Universität erzogen. Als Nachfahre siebenbürgischer Fürsten und große Hoffnung der neuen ungarischen Politik heiratete er die Herzogin Charlotte Amalie von Hessen-Rheinfels und erhielt über seine Ehe mit Hilfe der verwandten europäischen Herrscherfamilien den Fürstentitel des Heiligen Römischen Reiches. Durch die Lektüre der zeitgenössischen staatstheoretischen Literatur hatte er auch gründliche Kenntnisse über die Erfordernisse einer zeitgemäßen Regierung.

1694 kehrte er auf seine Besitzungen zurück. 1697 wies er den Ruf der Aufständischen von Hegyalja noch zurück, weil ihm die Ziele der Weinbauern, Weinhändler, früheren Grenzer und Kapitäne Thökölys mit ihrer territorial und gesellschaftlich isolierten und zudem noch auf türkische Hilfe hoffenden Unternehmung irreal erschienen. Aber nach 1698 war er gemeinsam mit dem oberungarischen mittleren Adel und dessen Führer Graf Miklós Bercsényi schon dabei, den landesweiten inneren Widerstand zu organisieren. Diese Organisation mit ihren Verbindungen zum französischen König wurde jedoch im Frühjahr 1701 aufgedeckt, Rákóczi wurde verhaftet und konnte sein Leben nur durch die Flucht aus der Gefängniszelle seines enthaupteten Großvaters Péter Zrínyi retten. Er floh nach Polen und legte dort zusammen mit Miklós Bercsényi die diplomatischen, materiellen und militärischen Grundlagen für den Krieg um die staatliche Unabhängigkeit Ungarns.

Seine Beauftragten erschienen auch in Siebenbürgen, wo sie mit dem Gubernator und Miklós Bethlen verhandelten. Die vorläufigen Pläne gingen dahin, daß Thököly seine im Türkengebiet verstreuten Truppenreste sammeln und in Siebenbürgen als Fürst einziehen sollte. Doch stellte sich im Frühling 1703 heraus, daß die Pforte Thököly nicht freigeben werde, um den Frieden mit der Habsburger Regierung nicht zu brechen. Andererseits vermochten die eingesickerten Thököly-Kapitäne mit ihren bewaffneten Gruppen die Aufständischen nicht zu einer schlagkräftigen Truppe zusammenzuschweißen. Die unbarmherzige Besteuerung der kaiserlichen Regierung hatte in Siebenbürgen bereits 1701/02 zu Unruhen in den Städten und Bergbaudistrikten sowie im Szeklerland, den Burgbezirken und den Salz- und Erzbergbaudistrikten sogar zu Aufständen geführt. 8000 Mann gut organisierte kaiserliche Truppen waren im Land stationiert, in den westlichen Grenzburgen des Fürstentums lagen deutsche Besatzungen, und zur Disziplinierung des Partiums waren in der Umgebung von Wardein raizische Hilfstruppen angesiedelt worden. Rabutin ließ den für die Rechte der Sachsen eintretenden Sachsengräfen (1687) und Königsrichter Johann Harteneck „Sachse von Harteneck“ (1698) enthaupten (1703) und warf den Führer der unionsfeindlichen Rumänen Gábor Nagyszegi ins Gefängnis (1702). Er legte städtische Bürger, Handwerker und Szekler in Eisen und befahl die Magnaten, den mittleren Adel sowie die Würdenträger des Landes nach Hermannstadt, wo er sie hinter geschlossenen Stadttoren von Militär bewachen ließ. Allein Mihály Teleki d. J., Kapitän von Kõvár, konnte – in seiner Burg eingeschlossen – Rabutins Verhaftung entgehen.

{375.} Rákóczi, der an der Spitze der Aufständischen Oberungarn und das Gebiet jenseits der Theiß besetzt hatte und den Adel sowie zahlreiche Magnaten dazu bewegen konnte, sich ihm anzuschließen, sandte bereits im Herbst 1703 gesonderte Aufrufe an die siebenbürgischen Stände, die Komitate, Szekler, Sachsen, und zum ersten Mal in der Geschichte wandte sich ein ungarischer Staatsmann in einem Aufruf auch an die „walachische Nation“. Für Maßnahmen, Siebenbürgen militärisch zu besetzen, fühlte er sich jedoch erst im Frühling 1704 stark genug. Da war aber bereits Frankreichs Plan einer Einschließung Wiens vereitelt, und Herzog John Marlboroughs Sieg bei Höchstädt (13. Aug. 1704) führte zum entscheidenden Übergewicht der Habsburger – man mußte sich auf einen langen Krieg einrichten und das Schwergewicht der Politik auf die Diplomatie verlegen. Denn Rákóczi konnte auf den Fürstentitel Siebenbürgens nicht verzichten, weil dem siebenbürgischen Staat Verträge und Friedensschlüsse Achtung und internationale Anerkennung verliehen und seine Gesandten ohne legitime Macht und Staatssouveränität keinen Zugang zu den protestantischen Ländern – Schweden, die deutschen Fürstentümer, England und Holland – und ihren Höfen erhalten hätten.

Auch die verschiedenen Schichten der Gesellschaft Siebenbürgens – die aus Hermannstadt befreiten oder geflohenen Magnaten, die Szekler, die im Burzenland versammelten Truppen und die Stadtbürger – baten ihn durch ihre Gesandtschaften, ins Land einzuziehen. Die zeitliche Verzögerung des militärischen und wirtschaftlichen Aufbaus Siebenbürgens kostete gewaltige Opfer: Der Führer der Aufständischen von Marmarosch und Kõvár, der Rumäne Grigore Pintea, war gefallen; die Truppen des Szeklerkapitäns Mihály Henter sowie die Regimenter der früheren Thököly-Kapitäne István Guthi und Pál Kaszás hatten bereits mehrere Schlachten verloren. Der Weg der kaiserlichen Straf- und Einschüchterungsaktionen war gezeichnet von eingeäscherten Dörfern und den Leichen von Frauen und Kindern. In den verbrannten Mauern des Straßburger Kollegiums lagen die Lehrer und Studenten in ihren Talaren erschlagen – für den Wiederaufbau des Kollegiums hat später sogar das englische Volk gespendet.

Der sofort nach Ausbruch des Freiheitskrieges von Rabutin verhaftete Kanzler Graf Miklós Bethlen vertrat in seinem ins Ausland geschmuggelten und in Amsterdam pseudonym gedruckten Flugblatt „De Columba Noe“ die Ansicht, daß Siebenbürgen ein Faktor für die Erhaltung des Gleichgewichts in Europa sei und das Land deshalb unter einem protestantischen Fürsten unabhängig werden sollte. Doch wählten die Siebenbürger Stände auf dem Landtag in Weißenburg am 8. Juli 1704 den Katholiken Rákóczi zum Fürsten, da die ungarischen Truppen die Lage im wichtigsten Teil des Landes sichern konnten, der Rat János Radvánszky begann, Verwaltung und Wirtschaft zu reorganisieren, und Siebenbürgens neuer Militärbefehlshaber General Simon Forgách die kaiserlichen Truppen auf Hermannstadt und Kronstadt zurückdrängte.

{376.}{377.} Karte 16. Siebenbürgens Wirtschaft in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts

Auf dem ungarischen Landtag von Szécsény (1705), auf dem auch die Nachricht von Thökölys Tod bekannt wurde, entschieden sich Rákóczi und seine Regierung für die Konföderation als staatsrechtliches Fundament für das Verhältnis zwischen Königreich und Fürstentum. Dazu gaben die siebenbürgischen Stände auf dem Landtag von Huszt (1706) ihre Zustimmung, obwohl Rákóczi durch seine Niederlage von Zsibó (1705) verhindert {378.} wurde, persönlich zu erscheinen. An diesem Landtag nahmen als Repräsentanten der verschiedenen Landesteile und Nationen folgende Personen teil: für die Szekler Benedek Henter, für die Komitate Zsigmond Balogh, für die Städte Péter Gálffy, für das Partium György Dolhay, für die Sachsen Andreas Soppel und für die Rumänen (!) Gábor Nagyszegi. Auch die Militärvertreter waren anwesend, und im Namen der Magnaten stimmten Simon Kemény, Mihály Teleki, Mihály Mikes, Ábrahám Barcsai, János Sándor und andere für die Konföderation.

Im Frühjahr 1705 starb Kaiser Leopold, und sein Thron ging auf den erblichen Nachfolger Joseph I. über. Rákóczi gefährdete als Fürst Siebenbürgens die dynastischen Machtinteressen des Habsburgerreiches, weshalb die Wiener Regierung stets bestrebt war, Siebenbürgen durch starke Militärkräfte zu verteidigen und Rákóczi als Führer durch den Einsatz ihres vollen diplomatischen Gewichtes zu vernichten. Um an das niederungarische und siebenbürgische Kupfer und Quecksilber heranzukommen – mit dem sie ihre Kredite absichern wollten –, und weil Rákóczi rund 20 000 kaiserliche Soldaten gebunden hatte, die beim westlichen Kriegszug eingesetzt werden sollten, vermittelten 1706 die englische und die holländische Regierung zwischen Rákóczi und König Joseph, doch blieb der Anerkennung der rechtmäßigen Ansprüche Rákóczis seitens des englischen Gesandten Lord George Stepney und seines holländischen Kollegen Jacob Jan Hamel-Bruyninx jede Wirkung versagt.

„Siebenbürgen fehlt nichts als ein guter Fürst, ein Vater seines Volkes“* II. Rákóczi Ferenc emlékiratai a magyarországi háborúkról 1703-tól annak végéig (Erinnerungsschriften von Franz II. Rákóczi über die ungarischen Kriege von 1703 bis zu ihrem Ende). Übersetzt von I. VAS, eingeleitet und mit Bemerkungen versehen von B. KÖPECZI, Textbetreuung von I. KOVÁCS. Budapest 1978, 392. stellte Rákóczi fest, als er im Frühling 1707 durch das Land seiner Vorfahren zog und auf dem Landtag von Neumarkt in sein Fürstenamt eingeführt wurde. Auf diesem Landtag wurde eine Reihe von Reformen begonnen und Verordnungen verabschiedet: zur Errichtung eines stehenden Heeres, zur Befreiung der Bauernsoldaten von der Grundherrengewalt, zur Stärkung der Wirtschaft des Landes und zur Entwicklung des Bergbaus, zur Festigung der Religionsfreiheit und zur Normalisierung der steuerlichen Belastungen. Die zur Militärversorgung geschaffenen Kommissariate, die erfolgreiche Kammeralverwaltung in den Gruben des Siebenbürgischen Erzgebirges durch den hervorragenden Fachmann Jakab Grabarics und das zentrale Regierungsorgan, das Consilium – alle diese Behörden hatten trotz großer Anstrengungen nur geringen Erfolg, es fehlte ihnen an Zeit. Siebenbürgens Militärbefehlshaber Graf Lõrinc Pekry und Baron Sándor Károlyi konnten das Land gegen die Übermacht des kaiserlichen Militärs nicht halten (1708, 1709). Das siebenbürgische Heer unter Mihály Mikes zog sich in die Moldau zurück, während viele Soldaten mit ihren Familien nach Oberungarn flohen.

Bei den Haager (1709) und Gertruydenberger (1710) Friedensverhandlungen unternahm Rákóczi große Anstrengungen, um – wie dies Frankreich noch vor Ausbruch des Krieges in Aussicht gestellt hatte – die Interessen Ungarns und Siebenbürgens im Universalfrieden verankern zu lassen. Für die durch internationale Vermittlung und Garantie anerkannte Staatlichkeit des Landes war er bereit abzudanken. Auch der Herzog von Marlborough und der {379.} holländische Präsident Anton Hensius hielten Rákóczis Standpunkt für überlegenswert, ja sogar für gerechtfertigt. 1710 kündigte der Fürst am Ende des Sommers an, er werde in der Hoffnung auf die englische, holländische, russische und französische Vermittlung und Garantie die Friedensverhandlungen mit der Habsburgerregierung vorbereiten, und wandte sich an die englische Königin Anna um ihre diplomatische Unterstützung. Mit Rücksicht auf die englische Öffentlichkeit und ihre besondere Vorliebe für das protestantische Siebenbürgen schickte die englische Herrscherin ihren Sonderbeauftragten Charles Mordaunt Earl Peterbourgh nach Wien, um mit Detailvereinbarungen die Vorbereitungen für den Universalfrieden zu beginnen, der das europäische Gleichgewicht der Mächte wiederherstellen sollte. Gleichzeitig informierte die Rákóczi-Regierung die Staaten Europas unter Berufung auf das Grotiussche Prinzip des Naturrechts und unter Veröffentlichung des Textes der Vereinbarung zwischen den Habsburgern und Siebenbürgen von 1686 in lateinischer und französischer Sprache über die Rechte Siebenbürgens. Der Präsident des Kriegsrates Prinz Eugen von Savoyen warnte jedoch vor den unübersehbaren Folgen und kam den langsamen Verhandlungen auf internationaler Ebene dadurch zuvor, daß der kaiserliche Oberbefehlshaber in Ungarn, Graf János Pálffy, sich mit General Baron Sándor Károlyi einigte. Dieser war noch von Rákóczi zu Verhandlungen beauftragt, inzwischen aber seines Auftrages und Amtes enthoben worden. Die Sathmarer Vereinbarung, den Kompromiß der ungarischen Stände mit der Habsburgerregierung, unterschrieben am 29. April 1711 zehn Vertreter der siebenbürgischen Stände und neun der siebenbürgischen Armee. Für die Städte unterzeichnete Mittelstadt, für das siebenbürgische Heer in der Moldau István Dániel. Nach dem Frieden von Sathmar versuchte Rákóczi als Fürst ohne Land vergeblich, Siebenbürgen in den Utrechter und schließlich Rastatter Frieden aufnehmen zu lassen, und bat erfolglos den französischen Hof um Hilfe. Damit war endgültig entschieden, daß Siebenbürgen, getrennt vom Königreich, innerhalb des Habsburgerreiches seinen Weg ins 18. Jahrhundert nehmen werde.