| 1. Politischer Wandel | INHALT | 3. Kulturelle Entwicklung |
Inhaltsverzeichnis
Die Bevölkerungsstruktur Siebenbürgens, das man auch als das Schottland Ungarns bezeichnete, wurde in dem halben Jahrhundert nach 1660 von drei gegensätzlich wirkenden Faktoren bestimmt.
Nach 1662 betreten für zwei Jahrzehnte keine fremden Truppen das Territorium des durch den Verlust Wardeins stark verstümmelten Landes, dagegen wird Siebenbürgen seit 1683 zum Durchmarsch- und Stationierungsgebiet und dann zum Kampfplatz türkischer, tatarischer, deutscher, kaisertreuer (labanc) und aufständischer (kuruc) ungarischer Heere. Im Land sind ständig 810 000 Mann kaiserliche Truppen stationiert. Zur Jahrhundertwende kämpft die Bevölkerung gegen das unversorgte Militär, zwischen 1703 und 1709 stehen der Kaiser und Fürst Franz II. Rákóczi im Kampf {380.} miteinander, und nach den Kriegen dezimieren Seuchen, in erster Linie die Pest, und Hunger die Bevölkerung.
Binnen fünf Jahrzehnten lösen drei Herrschaften und drei unterschiedliche wirtschaftspolitische Konzeptionen einander ab. Unter Michael Apafi (16611690) wächst die Bevölkerung nicht nur infolge der in zwei Friedensjahrzehnten konsolidierten Wirtschaftspolitik, sondern die Sicherheit des Landes zieht die Menschen der Nachbarländer direkt an, wobei der zunehmende Arbeitskräftemangel aufgrund der Wirtschaftskonjunktur die Einwanderung noch fördert. Des Fürsten tolerante Religionspolitik bietet allen wegen ihrer Religion oder Konfession verfolgten Gruppen Schutz, und die Regierung fördert das Bevölkerungswachstum nach Kräften. Demgegenüber wandern zwischen 1690 und 1703 unter der Herrschaft des Habsburger Kaisers und ungarischen Königs aus Siebenbürgen viele aus, da die Steuererhebung der Regierung jeder realen Grundlage entbehrt. Auch die Heimsuchung der unter Anwendung militärischer Gewalt durchgesetzten Gegenreformation zwingen viele protestantische Familien und Gruppen Ungarn und Sachsen zur Flucht. Die Steuerkonskription von 1689/90 bezeichnet 33 %, der Bauernhufen als unbewohnt. Durch die Kirchenunion (16921701), welche die gesellschaftliche Lage der rumänischen Geistlichkeit von Grund auf wandelt, kommt es zur Unruhe unter den auf ihrem griechisch-orthodoxen Glauben beharrenden rumänischen Bauern und Kaufleuten, und die Regierungspolitik der wirtschaftlichen Enteignung treibt eine große Zahl von Händlern und Handwerkern aus dem Land. Schließlich kommen die positiven Auswirkungen der toleranten Religionspolitik und der um Förderung von Gewerbe und Handel bemühten Siedlungspolitik Franz II. Rákóczis in den Jahren 17031709 unter den einem Kriegsschauplatz gleichenden Verhältnissen kaum zum Tragen.
Der dritte Faktor, der das Bevölkerungswachstum in Siebenbürgen beeinflußt, resultiert aus den allgemeinen Entwicklungsprozessen langfristiger Natur innerhalb dieser Region. Die im Ausland ausgebildete Intelligenz, die von den westlichen Märkten heimkehrenden Kaufleute und die in Wien verkehrenden Magnaten brachten Kenntnisse mit, welche zur Veränderung der Ernährungsgewohnheiten und der hygienischen Verhältnisse führten. Die ärztliche Versorgung der Bevölkerung verbesserte sich besonders in den Städten und bei den Sachsen auf dem Königsboden und übertraf lokal sogar die Verhältnisse im königlichen Ungarn. Aus der Überlebenskultur des Volkes resultierte auch das Streben, durch Lebensmittellagerung, das Einsalzen, das Trocknen und Konservieren von Obst und Gemüse die Mangeljahre und Kriegsverwüstungen zu überstehen. All das diente langfristig einem langsamen Bevölkerungswachstum, der Senkung der Sterblichkeit und einem stabileren demographischen Gleichgewicht. Gleichzeitig führte der grundlegende Wandel der Machtverhältnisse in dieser Region die Befreiung Ungarns von der Osmanenherrschaft auch in Siebenbürgen zu großen Wanderungsbewegungen; vor allem nach 1692, als auch Wardein befreit wurde, ziehen die unternehmungsfreudigen Siebenbürger in das benachbarte Komitat Bihar aber auch in entferntere kaum bevölkerte Gebiete.
Quellenbelege über die Bevölkerungszahl des gesamten Landes stehen uns nicht zur Verfügung. Aufgrund der Angaben über die Einwohnerzahl einzelner Städte, ihre Aufnahmekapazität oder Häuserzahl in lokalen Quellen, {381.} Steuerlisten oder Urbarien sind wir auf die Schätzung der demographischen Verhältnisse angewiesen. Auskünfte bieten auch die Wirtschaftsberichte der Cameratica Commissio der Habsburgerregierung sowie die Informationen der Kriegskommissare Rákóczis. So läßt sich schließlich doch mit großer Sicherheit feststellen, daß die Bevölkerungszahl im Fürstentum 16601711 zwischen 700 000 und 900 000 schwankte.
Die territoriale Verteilung der Bevölkerung wird von vornherein durch die Gebirgs- und Gewässerverhältnisse und das Siedlungsnetz Siebenbürgens bestimmt. Doch läßt sich die Zahl derer nicht einmal ungefähr festlegen, die in den dichter besiedelten Flußtälern und Ebenen, in abgeschlossenen Bergdörfern und Hirtenunterkünften lebten. Andererseits verfügte Siebenbürgen über ein relativ dichtes Stadtnetz: Jede Stadt hatte zwischen 1000 und 5000 Einwohner, und groß war auch die Zahl der Oppida. Siebenbürgens volkreichste Städte in dieser Periode, Kronstadt und Hermannstadt, hatten 35000 Einwohner. Die Städte umgab ein Ring von Vorstädten und Bauerndörfern. Relativ dicht besiedelt war das Burzenland, dessen Dorfbevölkerung vom Fuhrwesen lebte. Insgesamt lag Siebenbürgen mit seiner Bevölkerungsdichte zwischen Oberungarn und den drei Nachbarländern Moldau, Walachei und dem osmanischen Herrschaftsgebiet.
Auch über die ethnische Struktur der Bevölkerung können Schätzungen nur ein annäherndes Bild vermitteln. Die Ungarn waren in ihrer Mehrheit reformiert und zu geringen Teilen katholisch bzw. unitarisch. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung betrug 4550 %. In mehreren dutzend ungarischen Dörfern in der Moldau lebten ca. 10 000 katholische Ungarn („csángó“).
Die Sachsen bildeten 1015 % der Gesamtbevölkerung, ihre über diese relativ geringe Zahl weit hinausgehende Bedeutung beruhte auf ihren Privilegien, der Wirtschaft ihrer Städte und ihrer starken lutherischen Kirchenorganisation.
Die Rumänen mögen 3040 % betragen haben. Der in den vorangegangenen Jahrhunderten angesiedelte Teil lebte überwiegend in den Dörfern und Vorstädten, vermischt mit Ungarn und Sachsen. Über ein geschlossenes Siedlungsgebiet verfügten sie im Siebenbürgischen Erzgebirge, im Norden im Komitat Marmarosch, aber besonders im Süden, in den Komitaten Hunyad und Fogarasch, obwohl sich unter den Arbeitern der Eisenwerke auch eine erhebliche Anzahl Ungarn befanden. Als halbnomadische Hirten war die Mehrheit der Rumänen ständig auf den Almen der Karpaten unterwegs.
Schließlich gab es noch andere ethnische und religiöse Gruppen wie Mazedorumänen, Armenier, Juden, mährische Habaner und Polen mit einem prozentual geringen Anteil an der Bevölkerung, ihr wirtschaftliches Gewicht nahm jedoch in den letzten Jahrzehnten des Jahrhunderts zu.
Die ethnische Struktur war nicht identisch mit der sozial differenzierten Stellung nach juridischen und materiellen Gesichtspunkten. Der Adel bestand überwiegend aus Ungarn, doch waren die Kleinadligen im Komitat Marmarosch zum guten Teil Rumänen. Die für die Gesellschaftsstruktur Siebenbürgens typischen, breiten Mittelschichten waren eine Mischung aus Ungarn, Sachsen und Rumänen. Die militärpflichtigen Schichten der Freien Szekler, „armások“, „puskások“, „boérok“ waren gleichfalls überwiegend Ungarn, doch gehörte dazu im Gebiet von Fogarasch auch eine starke rumänische Gruppe. Die Bauernschaft bestand neben dem geschlossenen Siedlungsblock der Sachsen aus einem homogenen ungarischen Siedlungsgebiet, {382.} das sich streifenförmig vom Szeklerland bis zum Partium erstreckte und auch rumänisch-ungarische Mischdörfer einschloß. Im Süden des Landes lebten Rumänen, und die Gebirgshirten waren Rumänen und vereinzelt Ungarn.
Das Bürgertum bildeten die Sachsen und Ungarn. Nach dem Fall Wardeins 1660 wurde Klausenburg zum militärischen Zentrum der Grenztruppen, ohne seine Stellung als Handels- und Kulturzentrum einzubüßen. In der Innenstadt lebten Ungarn und in den Vorstädten Sachsen, Rumänen und Ungarn in friedlicher Nachbarschaft. Unter den Kaufleuten sind in diesem halben Jahrhundert alle ethnischen und religiösen Gruppen vertreten. Nach 1672 wanderten massenweise Armenier ein und bildeten eine Gruppe, die über bedeutende Handelsprivilegien verfügte.
Hauptsächlich aufgrund seiner natürlichen Gegebenheiten war Siebenbürgen wie bereits mehrfach ausgeführt schon früher an der Wirtschaft Europas beteiligt. Die großräumige Erweiterung der Weltwirtschaft und noch mehr ihre Umgestaltung hatten den internationalen Kurs der Bodenschätze, die als industrielles Rohmaterial dienten, steigen lassen. Die außerordentlich ertragreichen siebenbürgischen Salzgruben, die zuvor schon das Interesse der Fugger geweckt hatten, erwirtschafteten aus den Salzgewinnen die jährliche Steuersumme des Fürstentums für die Pforte. Den auch für europäische Verhältnisse bedeutenden Wert der Kupferbergwerke hatten die Schweden schon in früheren Jahrzehnten gewürdigt. Als zur Jahrhundertwende die Habsburgerregierung gezwungen war, englische und holländische Staatskredite aufzunehmen, dienten das siebenbürgische Kupfer und die gleichfalls hochwertigen Quecksilbergruben als Deckung der Kredite. Die Edelmetallbergwerke waren zwar schon fast erschöpft, versorgten aber noch die Münzprägestätten. Auch Rákóczis Regierung vermochte noch beträchtlichen Gewinn aus den Erträgen der unter Sorgfalt ausgebeuteten Gruben von Großschlatten und Kleinschlatten zu erzielen.
Dank dem besonderen Schatz des Landes, seinen gefällereichen Flüssen und Gebirgsbächen, hatte man die Wasserenergie schon traditionell einfalls- und variantenreich genutzt. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts war der Bau von Mühlen und Maschinen zur Einsetzung und Umwandlung der Wasserkraft die einträglichste Investition. Neben den einfachen Mühlen arbeiteten auch viele kompliziertere Anlagen. Die Erkenntnis der Jahrhundertwende, daß die oberschlächtigen Mühlen den höchsten Wirkungsgrad erreichten, bildete in Siebenbürgen eine alte Erfahrung bereits seit Generationen. Der türkische Weltreisende Evlia Tschelebi notierte anerkennend, er habe westlich der Burg Hofmarkt mehrere hundert Sägemühlen gesehen. Um die wertvolle Thorenburger Großmühle führten aristokratische und bürgerliche Unternehmer jahrzehntelang einen heftigen Streit. Die zeitgenössischen technischen Beschreibungen der Sägemühlen von Görgen und Huszt zeigen, daß sie mit der gleichen Technologie arbeiteten wie in den späteren Jahrhunderten. Es wurden die unterschiedlichsten Arbeitsvorgänge verrichtet: Aus Inventaren und Registern geht hervor, daß eine Vielzahl von Ölpressen, Grütz- und Getreide-, Pulver-, Tuchwalk- und Hammermühlen {383.} in Gebrauch war. Doch wurde die Effektivität der auch beim Eisenbergbau, der Eisenschmelze und den Eisenschmieden reichlich verwendeten Wasserenergie sehr nachteilig durch die Witterungsverhältnisse beeinflußt.
In der Industrie Siebenbürgens hatten die drei Kriegsjahrzehnte schwere Verluste verursacht, doch wirkte der Militärbedarf wiederum auch anregend gerade auf die Eisenindustrie, und Apafis Herrschaft sicherte dann Jahre der ruhigen Entwicklung. Die Wirtschaftspolitik der Habsburgerregierung mit ihren Zollverordnungen, Monopolen und nicht zuletzt dem Versuch, das Gewerberecht an ethnische und religiöse Bedingungen zu knüpfen, führte zu einer Stagnation der organischen Entwicklung, der hier und da auch ein schwerer Rückfall folgte. Schließlich brachten Franz II. Rákóczis in mancher Hinsicht modernere Vorstellungen auf der Basis der Apafischen Konzeption zwar einen örtlichen Aufschwung, aber aufgrund der kurzen Zeit doch keinen grundsätzlichen Wandel.
Die Marktverhältnisse waren in diesem halben Jahrhundert von extremen Schwankungen gekennzeichnet. Nach 1660 verlor die blühende Konfektionsindustrie des Landes mehrere ihrer Märkte. Nach der Vertreibung der Türken öffneten sich zwar neue Märkte in den befreiten Gebieten, doch gelangten die Erzeugnisse der hockentwickelten Industrie des Westens leichter ins Fürstentum, und auch die billigen Balkanstoffe erschienen nun in größeren Mengen auf den siebenbürgischen Märkten. Daneben stieg in dieser Zeit ständig die Nachfrage nach Eisengeräten, Schnittholz, Zinn, Kupfer, Töpfer-, Glas- und Holzwaren.
Die bis heute nicht alle bekannt gewordenen reichen Unternehmer oder auch nur aus der Politik bekannten Aristokraten, wie Johann Pater, András Horváth, László Székely, István Apor und János Bethlen, spielten mehr oder weniger auch eine Zwischenhändlerrolle im Levantehandel, woraus sie großen Gewinn zogen. Stark ins Gewicht fiel, daß Apafi unter Berufung auf ausländische Beispiele und in Kenntnis der Bedürfnisse Siebenbürgens aus durchdachtem staatspolitischem Interesse die Industrie unterstützte, wobei die Unternehmer manchmal sogar an der Staatsverwaltung partizipierten. Aufgrund der internationalen Forschungsergebnisse wissen wir heute, daß die Staatsmacht im 17. Jahrhundert bestimmend in die Gestaltung der industriellen Verhältnisse eines Landes eingreifen konnte. Wann dies in Siebenbürgen der Fall war, muß noch geklärt werden, doch läßt sich hier das gleiche beobachten wie im königlichen Ungarn: Die wichtigen Industriezentren entstanden nicht in den Städten, sondern auf dem Lande, als das Werk unternehmerisch begabter Magnaten und solcher Persönlichkeiten, die aufgrund ihrer wirtschaftlichen Fähigkeiten aus der Anonymität emporstiegen. Zu Apafis Zeiten übte die Schatzkammer eine bedeutende Förder- und Organisationstätigkeit für die Industrie aus.
Zwischen 1660 und 1680 verdreifachte sich die Salzproduktion, wodurch auch die mit dem Salzabbau und -transport zusammenhängenden Gewerbezweige, wie Eisenindustrie, Seilerei, Lampen-, Leder- und Holzgewerbe, stark gefördert wurden.
Die Betriebe der Eisengewinnung und der Eisenverarbeitung waren schon früher vereinigt worden. Die hydrotechnische Einrichtung der Eisenoffizin von Csíkmadaras befand sich auf der Höhe ihrer Zeit, und die leistungsfähigste Eisenoffizin stand im Komitat Hunyad mit der modernen „deutschen Schmelze“ und der traditionsreichen „walachischen Schmelze“. Die Eisengruben {384.} und -schmelzen waren teils im Besitz der Schatzkammer, teils in der Hand privater Grundherren bzw. deren Pächter, wobei alle mit schweren Arbeitskräftesorgen zu kämpfen hatten. Die Häuer erhielten Leistungslohn, und auch für die Facharbeiter in den Schmelzen und Schmieden wurde Lohn gezahlt, während Transport, Feuerung und alle Hilfsarbeiten im allgemeinen in Fronarbeit verrichtet wurden. Die Erzeugnisse der Eisenoffizinen kamen teils als Schienen, Stangen oder Platten auf den Markt, teils wurden Kanonenkugeln gegossen bzw. Hufeisen, Nägel und einfacheres Werkzeug in Massenserien produziert.
Das frühere Zentrum der siebenbürgischen Eisenerzeugung, die Eisengruben und -hütten von Eisenmarkt/Torockó, war gesellschaftlich anders organisiert. Ursprünglich war dieses Gebiet mit reichen Eisenerzgängen nordwestlich der Gemeinde Eisenmarkt/Torockó deren Gemeinbesitz. Die Einwohner waren erbuntertänig, hatten aber aufgrund ihres Gemeineigentums praktisch große Freiheiten im Vergleich zu den Hufenbauern. Der „Bürger“ von Eisenmarkt/Torockó, also das Mitglied der Gemeinde, konnte ungehindert ein Bergwerk aufschließen und ausbeuten und dabei frei über alle Bestandteile des gemeinsamen Grundbesitzes verfügen, einschließlich der Wasserkraft und des Waldes. Die Eisenschmelzen und -hämmer waren innerhalb einer gewissen Ordnung und wechselnder Formen der Arbeitsteilung im Prinzip Privatunternehmungen. In den zahlreichen Hammerwerken trieb Wasserkraft die Gebläse und Hämmer an. Im Laufe der Zeit gerieten die Ländereien und Wälder von Eisenmarkt/Torockó jedoch in den Besitz von Grundherren, so daß die Basis der Holzkohleproduktion und Futtermittelversorgung fehlte und die Gemeinschaftsproduktion der Bürger aufgrund wachsender Schwiergkeiten zurückging.
Es existierten drei noch in der Periode davor gegründete städtische Papiermühlen. Die im Krieg zerstörte Papiermühle von Görgen ließ Fürst Apafi wiedererrichten und erweitern. Sie versorgte vordringlich die siebenbürgischen Druckereien und Schulen sowie den Fürstenhof. Feineres Papier wurde importiert.
Die traditionelle Glasindustrie Siebenbürgens erneuerte sich durch die Weiterentwicklung der in der ersten Jahrhunderthälfte entstandenen Glasoffizin. Auch in der Glashütte Bornbach wurden Fuhrdienste, Holzeinschlag und Feuerung in Fronarbeit und die Fachkenntnisse voraussetzenden Tätigkeiten von Lohnarbeitern verrichtet. Die Erzeugnisse der „officina vitraria“ waren Flaschen, Haushalts- und Fensterglas.
Das Handwerk Siebenbürgens stand in den Jahren von 1660 bis 1690 besonders unter dem Einfluß der Habaner, aus Mähren geflüchteter „neuchristlich“-anabaptistischer Handwerkergemeinden, die mit Fürst Apafis Förderung in erster Linie die Töpferei und das Tuchgewerbe weiterentwickelten, bis sie wegen der Habsburger auch Siebenbürgen verlassen mußten.
In der Tuchherstellung tauchten die Merkmale des Verlagssystems auf, der Unternehmer der Winzendorfer Tuchmacher genoß die Unterstützung des Fürstenhofes beim Transport und Aufkauf seiner Waren. Die ganze Zeit hindurch waren die berühmten Kronstädter Tuchwaren die gesuchtesten, es blühte aber auch das Bauerngewerbe der Herstellung von Bauerntuchwaren und beidseitig rauhen Kotzen. Für die Töpferei und die Leinenherstellung war der Zusammenschluß von Bauerngewerbe und Fachindustrie typisch, {385.} wie es auch auf den Landgütern zur Verbindung von Landwirtschaft und Gewerbe als einer Basis zukünftiger Entwicklungen gekommen war.
Bei den Zünften hatten die berühmten siebenbürgischen Goldschmiede ihr früheres Niveau bewahrt, obwohl Zahl und Ansprüche ihrer Kunden schwankten; zur Jahrhundertwende lockerten sich jedoch ihre westlichen Beziehungen. Einen Aufschwung nahm dagegen das Zinn- und Kupferhandwerk. Holzhandwerk und Maurergewerbe vermochten die Baumaßnahmen und -ansprüche für die häufigen Neubauten nur im traditionellen Rahmen zu befriedigen.
Typisch für die Landwirtschaft des zu 70 % aus Gebirgen bestehenden Landes war das Übergewicht der Viehzucht, doch wurde die Getreideproduktion mit wachsendem Eifer erhöht. Die kleinen Flächen der fruchtbaren Täler und Becken beherrschte neben dem Getreideanbau nun schon der Gartenbau. Am Fuß wie auch an den sonnigen Hängen der Berge und auf den Hochebenen wurde Weidewirtschaft sowie Wein- und Obstbau betrieben, und vom Wald vermochten auch Tausende zu leben.
Ein bedeutender Teil des Ackerlandes war Besitz der Schatzkammer, der Magnaten und Adligen. Über beachtliche Güter verfügten auch die Kirchen und Städte, und der anfangs zunehmende Landbesitz verschiedenster nichtadliger Schichten nahm später wieder ab.
Die Grundherren wirtschafteten auf unverändert kleinen oder mittelgroßen Teilgütern. Große Güterkomplexe von mehreren tausend Morgen, wie sie damals im königlichen Ungarn vorherrschend wurden, entwickelten sich in Siebenbürgen mit Ausnahme der relativ großen Kammeraldomänen auch weiterhin nicht. Die Herrschaftszentren, die Eigenwirtschaften der Gutsherren, entstanden auf kleineren und mittelgroßen Grundstücken um einen Hof oder eine Kurie (Domus Nobilitatis, Curia) mit hölzerner Veranda oder um ein Kastell. Häufig bildete diese Gutswirtschaft noch immer zusammen mit den Bauerfeldern ein gemeinsames System der Feldbestellung. Den für die Wirtschaften des mittleren Adels im königlichen Ungarn charakteristischen Besitztyp gab es in Siebenbürgen nicht, dagegen zahlreiche kleinadlige Wirtschaften auf kleinen Grundstücken mit wenigen Bauernfamilien.
Die Gutswirtschaften wurden zumeist durch Fronarbeit bewirtschaftet, wobei diese Arbeit häufig von vermögenden Bauern mit zahlreichen Jochtieren verrichtet wurde.
Die Produktionsstruktur der Gutswirtschaft wurde von der Bodenqualität, den Klimagegebenheiten sowie den Marktbedürfnissen bestimmt; ein ständiges Problem stellten aber die Arbeitskräfte dar. Der Gutsherr war bestrebt, den Bauern an seine Person und nicht nur an die Scholle zu binden, und nahm jeden Ansiedler gern auf. In den Gutswirtschaften wurde vorwiegend Getreide angebaut, und der neu eingeführte Mais begann die Hirse zu verdrängen. Mit großer Sorgfalt wurden Flachs und Hanf gezogen, und auch der Tabakanbau nahm seinen Anfang. Sowohl die Guts- als auch die Bauernwirtschaften übernahmen einen großen Teil des Obstanbaus. Um die Herrenhäuser und Bauernhütten blühte eine reiche Kultur des Gemüseanbaus, in den Dorf- und Stadtfluren dienten Imkereien und Fischteiche den Bedürfnissen der Bevölkerung. Die traditionellen Weinbaugebiete das Kockeltal, die Umgebung von Bistritz und Straßburg bewahrten noch ihre traditionellen Positionen, aber auch an vielen anderen Orten wurde Wein angebaut, und auffällig war dabei die qualitative Vielfalt.
{386.} Die Viehzucht war ein direkter Bestandteil der Eigenwirtschaft. Zentren der berühmten siebenbürgischen Pferdezucht waren die fürstlichen Gestüte. Bezeichnend für das Niveau der Rinder- und Schafzucht war, daß Butter, viele Quark- und Käsesorten, Milch und Wolle in diesen schwierigen Jahrzehnten nicht nur den Eigenbedarf deckten, sondern auch auf den Markt kamen. Den größten Teil der Agrarproduktion lieferten die Hufenbauern und die Wirtschaften der verschiedenen privilegierten Gemeinschaften, und zwar vorrangig Brotgetreide und Hafer. Siebenbürgen, das 1660 seine Getreideanbaugebiete verloren hatte, konnte in den Jahrzehnten danach nicht nur seinen Eigenbedarf decken, sondern fütterte mehrmals noch die Armeen im Rückeroberungskrieg durch.
Der Handel hing von den Veränderungen der Transportwege und der Gefahr der wirtschaftlichen Isolierung Siebenbürgens ab. Heftige Konkurrenzkämpfe wurden zwischen den Interessen der beteiligten Gruppen Adel, Bürger, Bauern, Soldaten und Berufshändler und der Finanzverwaltung der jeweiligen Staatsmacht ausgetragen.
In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts nahmen fast alle siebenbürgischen Magnaten am Handel teil. Kanzler János Bethlen ließ die von ihm aufgekauften Ochsen nach Wien treiben, der Erste Rat Mihály Teleki mehrte sein Vermögen mit Salz-, Wein- und Pferdeverkauf, und István Apor lieferte regelmäßig Wein nach der Walachei, Pál Béldy in die Moldau. Doch stieß der Handel der Magnaten, obwohl sie ihre Position bis zum letzten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts halten konnten, auf starke Konkurrenz. Diese bildeten die Repräsentanten der sog. griechischen Handelsgesellschaften, an denen auch ungarische und sächsische Bürger beteiligt waren: die Hermannstädter und die auch englische Interessen vertretende Kronstädter Compania Graeca sowie die Orientalin Compania der armenischen Kaufleute und der Habsburger. Die ungarischen Herren verteidigten sich damit, daß auch sie gemeinsam mit bürgerlichen Unternehmern Handelsgesellschaften gründeten.
Apafis Handelspolitik war von einem zweifachen Streben gekennzeichnet. Einerseits versuchte er durch Monopole oder Teilmonopole den Verkehr der wichtigeren Handelswaren in der Hand zu behalten, andererseits lockerte er das einstmals starre Monopolsystem durch Verpachtungen, partielle Handelsprivilegien, Kredite und Verordnungen auf, die den Binnenhandel stimulieren sollten. Seine Zollisten aus drei Jahrzehnten bezeugen einen ununterbrochenen Aufschwung des Handels: Die alten berühmten Märkte belebten sich, das Zolleinkommen wuchs und der Ertrag des Salzverkaufs stieg von Jahr zu Jahr. Die Compania Graeca als Faktorei der englischen Levantegesellschaft baute eine Organisation mit mehreren balkanischen Handelsbeteiligungen aus und wuchs zum kapitalstärksten Unternehmen Siebenbürgens heran. Mit Krediten und Transaktionen unterstützte sie die Fürstenmacht, die wiederum mit Vergünstigungen und ihrer flexiblen Handelspolitik ihre Entwicklung förderte und auch Schutz vor der äußeren, der Wiener Konkurrenz bot. Der Präsident („Richter“) der Kronstädter Compania Graeca Johann Pater, einer der kühnsten Unternehmer im damaligen Siebenbürgen, erwarb 1647 auch das Recht an einem Teil des Salzhandels.
Die Etablierung der Habsburgerregierung bedeutete für den Handel Siebenbürgens einen grundlegenden Wandel. Die nunmehr kaiserliche Finanzverwaltung legte die Quecksilbergruben von Kleinschlatten still, um den Absatz der Tiroler Konkurrenzprodukte nicht zu gefährden. Der {387.} Rinderhandel wurde zum Privileg der von der Hofaristokratie gebildeten Compania: 1695 verweigerte die Regierung der Rinderhandelsgesellschaft der siebenbürgischen Aristokraten die Genehmigung. Das ausschließliche Salzhandelsrecht erwarb die mit dem Kapital des Oberhoffactors Sámuel Oppenheimer unter dem Namen des Palatins Fürst Pál Esterházy tätige Handelsgesellschaft, die Palatino-Transylvanica-Societas. Die Hofkammer übernahm 1701 auch die Salzgruben des in Wien internierten Fürsten Michael II. Apafi, woraufhin der Salzpreis von einem auf fünf Gulden stieg und der lokale Verkauf der Salzwürfel zurückging. Die Zollverordnung des Herrschers von 1702 schnitt das Land von seinen traditionellen Marktgebieten ab, mit dem Resultat, daß die Märkte kaum mehr besucht wurden und ganze Industriezweige zum Erliegen kamen. Diese zentralistische Wirtschaftspolitik, die den theoretischen Gesichtspunkten der Kameralisten am Wiener Hof folgte und die lokalen Verhältnisse unberücksichtigt ließ, verursachte auch schwere Störungen im Geldverkehr des Landes. In den letzten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts wurde allgemein darüber geklagt, daß die Bewohner des Landes weitgehend aus dem Handel verdrängt würden und ihnen nur geringe Möglichkeiten geblieben wären, das zur Industrieproduktion, für den Handelsverkehr und die Steuer nötige Kapital aufzubringen. Die ältere Geschichtsschreibung ging davon aus, die große Armut des Landes sei eine Folge der allgemeinen Rückständigkeit gewesen. Dagegen betonen die Zeitgenossen unter den Ursachen, die zum Rákóczi-Freiheitskrieg führten, man habe auch zu den Waffen gegriffen, weil der Handel den Bewohnern des Landes aus der Hand genommen wurde und fremden Interessen diente.
Fürst Michael Apafis Finanzpolitik beweist, daß die Staatsmacht selbst in Kriegsjahren einiges erreichen kann. Zwischen 1657 und 1662 hatte der siebenbürgisch-türkische Krieg das Land fast aller Finanzmittel beraubt. Trotzdem gelang der Apafi-Regierung recht schnell eine wirtschaftliche Sanierung und sie errreichte sogar ein gewisses Gleichgewicht. Sie verbot die Edelmetallausfuhr, organisierte die regelmäßige Ausgabe von Geld, setzte den zentral kontrollierten Geldwechsel durch und beendete durch drakonische Strafen die Falschgeldprägung. Über die Handelsgesellschaften kamen wahrscheinlich große Mengen guten holländischen Geldes ins Land, der sog. Löwentaler; auf diesen Kapitalimport ist vor allem der rege Handelsumsatz der 6080er Jahre zurückzuführen. Nach 1687 verringerten die Bedürfnisse der Kriegsführung gegen die Türken, insbesondere der überwinternden Heere wesentlich den Geldumlauf, während eine den Handelsumsatz einschränkende Wirtschaftspolitik verhinderte, daß die Schatzkammer wieder aufgefüllt werden konnte. Auch Kaiser Leopolds Notgelder konnten gegen den katastrophal gewachsenen Geldmangel nichts ausrichten, die Kupfer- und Ledermünzen sowie das Quittungssystem steigerten nur die Krise. Ihre katastrophalen Folgen blockierten dann zwischen 1690 und 1703 das ganze System der Besteuerung.
Die Steuerlasten der Bevölkerung Siebenbürgens setzten sich aus mehreren Verpflichtungen zusammen. Der traditionelle Jahrestribut an die Pforte betrug damals bereits 40 000 Gulden; in Kriegszeiten kamen noch Sondersteuern und Lebensmittelablösung hinzu. Rechnet man noch die übernommenen Kriegskontributionsschulden hinzu, dann zahlte Siebenbürgen 16641686 jährlich ca. 190 000200 000 Gulden an Stambul. An die Stelle der Türkensteuer trat nach 1687 die Unterhaltspflicht für die kaiserliche {388.} Armee, deren Summe Gegenstand langen Feilschens war und 1687 im Vertrag von Blasendorf auf fast 2 Millionen Gulden festgelegt wurde.
Die Schäden durch Zerstörung des Militärs und verschwenderisches Wirtschaften wurden ebenfalls aufgerechnet. Der Wert der zertretenen Saat und verbrannten Getreidefelder, der als Futter verbrauchten ungedroschenen Weizenhocken, zerstörten Mühlen und verfeuerten Obstbäume ließ sich allerdings kaum real bestimmen. Ebenso war die „discretio“ ein die Steuersumme ständig ergänzender Bestandteil, sie bestand aus Geschenken an den Oberkommandierenden, verschiedene Offiziere und die Steuereinnehmer. Trinkgelder bzw. Bestechungen waren in bescheidenerer Form ja alte Praxis; wenn aber die Machtverhältnisse sich derart veränderten wie im von 810 000 kaiserlichen Soldaten besetzten Siebenbürgen, dann wurde auch die Besteuerung sehr willkürlich vorgenommen. Das Kontrollsystem war außer Kraft gesetzt, neben dem militärischen konnte sich kein anderes Interesse mehr behaupten. Die ohne Rücksicht auf die Belastbarkeit des Landes gewaltsam eingetriebenen Steuern ließen die Bevölkerung verzweifeln. Viele verließen ihren Wohnort und suchten im königlichen Ungarn, in den rückeroberten Türkengebieten ein ruhigeres Leben. Andere ergriffen die Waffen zur Selbstverteidigung und wurden mit ihrer Forderung nach einer neuen Staatsverwaltung zu Initiatoren des Rákóczi-Freiheitskrieges.
Inwieweit konnte das Fürstentum seinen eigenen Staat erhalten? Wir hatten gesehen, daß das kleine Land die Kosten des umfangreichen Aufbaus, der Außenpolitik und der Kriege unter Stephan Báthory und Gabriel Bethlen zu tragen vermochte. Zu Apafis Zeiten stiegen die Staatshaushalte überall in Europa. Bereits in den 1660er Jahren trennte man in Siebenbürgen die Kosten des Fürstenhofes von den Ausgaben der Fürstenfamilie. Jene beliefen sich mit Hofhaltung, Repräsentation und Unterhalt der Fürstengarde auf jährlich 78000 Gulden, letztere auf 45000 Gulden. Jährlich verbrauchte der Hof somit durchschnittlich 1214 000 Gulden. Weitere bedeutende Summen benötigte die Staatsverwaltung mit ihren Gehältern und Dotierungen der Beamten und Würdenträger, deren Höhe nur schwer festzustellen ist, da diese einen erheblichen Teil ihrer Gehälter in Naturalien erhielten. Das kleine Fürstentum besaß in den 70er Jahren sogar noch die Kraft, die Exulanten, die 810 0000 aus dem Königreich nach Siebenbürgen geflüchteten Grenzsoldaten, regelmäßig mit Geld und Nahrungsmitteln zu versorgen.
Nach dem Herrschaftswechsel legte die Zentralregierung die Steuer Siebenbürgens auf 800 0001 000 000 rheinische Gulden in bar fest, zuzüglich der Verpflegung der 610 000 Mann starken Armee. Diese in Siebenbürgens Geschichte beispiellose Steuer erwies sich auch mit ihrer Aufteilung auf einzelne Städte und Gebiete überall als zu hoch. Apafi hatte in den schlimmen Jahren durchsetzen können, daß der Adel einen Teil der öffentlichen Lasten zahlte und die Magnaten mit Krediten die Lage des steuerpflichtigen Volkes erleichterten. Ähnliche Bemühungen der Habsburgerregierung scheiterten überwiegend daran, daß unter ihrem Monopolsystem die Bevölkerung nicht genügend Geld besaß.
Franz II. Rákóczi versuchte im ersten Jahr des Freiheitskrieges mit seinem im königlichen Ungarn und im Fürstentum einheitlichen Notgeld, den Kupferscheidemünzen, einem nach der Münzaufschrift „Pro libertate“ „libertas“ genannten Zahlungsmittel, den allgemeinen Geldmangel und die Folgen der wirtschaftlichen Flaute zu überbrücken. Doch seine den Handel {389.} fördernden Verordnungen blieben unwirksam, denn dafür war die Zeit zu kurz. Der Gewinn aus den Teilmonopolen vermochte nicht mehr in die siebenbürgische Wirtschaft zurückzufließen. Jahrelang hatte das kleine Land zwei Armeen und zwei Staatsapparate zu erhalten. Die nach Hermannstadt gedrängte kaisertreue Regierung, der Statthaltereirat und die kaiserliche Armee hielten die ganze Zeit über den südlichen Teil des Fürstentums besetzt, während der übrige Teil mit meist kurzen Unterbrechungen in der Hand der Truppen Rákóczis war und dessen Institutionen das Land lenkten. Beide zogen Steuern ein, womit die Gesellschaft bald die Grenze ihrer Belastbarkeit erreicht hatte. Rákóczis Plan war, durch die im königlichen Ungarn wie im Fürstentum gültigen allgemeinen Reformen das Wirtschaftsleben Siebenbürgens in Gang zu bringen. Die 1707 auf dem Landtag im königlichen Ónod angenommene Steuerreform betraf die Einführung einer regelmäßigen Vermögenssteuer auch für die Adligen, so daß nur die militärdienstpflichtigen Familien von allen öffentlichen Lasten befreit blieben. Die wirtschaftliche Grundlage für die Besteuerung hätte der freie Handel, die unter dem Schutz der Staatsgewalt stehenden Bergwerke und die Gewerbeeinkünfte bilden sollen. Doch reichte die Zeit nicht einmal dafür aus.
Wirtschaftliche Entwicklung und Machtwechsel des Landes standen in enger Wechselwirkung mit den gesellschaftlichen Veränderungen. Der teilweise auch schon früher einsetzende Verfall der geschlossenen autonomen Gemeinschaften beschleunigte sich durch unterschiedliche und auch entgegengesetzt wirkende Faktoren. In der Konsolidierungsphase der Apafi-Herrschaft vollzog sich ein endogen bedingter Prozeß sozialen Strukturwandels. Die ursprünglich nach ihrem ständischen Status differenzierten gesellschaftlichen Gruppen Magnaten, Komitatsadel, städtisches Bürgertum, sächsische Nationsuniversität und Szekler Stühle bildeten zusammen mit den Bauern die drei großen Schichten des unteren, mittleren und des oberen Standes. In den anderthalb Jahrzehnten der Habsburgerherrschaft wurde diese Entwicklung unterbrochen, was zu anarchischen Verhältnissen und Aufständen führte, so daß schon 1702/03 alle Gesellschaftsschichten von Fürst Rákóczi den inneren Frieden des Landes erwarteten. Seine Maßnahmen zum gesellschaftlichen Interessenausgleich während des achtjährigen Freiheitskrieges förderten jenen langfristigen Umschichtungsprozeß von neuem.
Die größte Schicht des unteren Standes bildeten die Fronbauern. Sie erhielt ständig Zuwachs von denen, die die traditionellen geschlossenen Gemeinschaften verließen, wie von den vor dem moldauischen und walachischen Elend nach Siebenbürgen geflohenen Rumänen. Folglich hatte sie keinen einheitlichen Charakter. So unterschiedlich die Lage der sächsischen Bauern und der ungarischen Dorfbewohner war, ebenso unterschieden sich der erbuntertänige Szekler vom rumänischen Gebirgshirten und der früher angesiedelte vom neuangekommenen Rumänen in ihren Verhältnissen. Der ständige Arbeitskräftemangel und seine Ursache, die neue Wirtschaftsprosperität, eröffnete ihnen Möglichkeiten in zwei Richtungen, die zugleich heftige soziale Spannungen auslösten. Die Grundherren wollten möglichst viele Fronbauern an sich binden. Seit den 1660er Jahren waren die Bauern in den {390.} Gutswirtschaften der Gutsherren im allgemeinen wieder zu zeitlich unbefristeten Frondiensten verpflichtet. Die nicht an die Scholle, sondern auch an die Person des Grundherrn gebundenen Bauern konnten samt Familien ungehindert von einem Gut auf das andere versetzt werden, wie es die Wirtschaft verlangte, und die unbeschränkte Fronpflicht für den gutsherrlichen Warenhandel mit seinen Fuhrdiensten sowie für die gutsherrliche Warenproduktion auf dem Lande verlangten sehr verschiedene Arbeitsleistungen von ihnen. Andererseits wies der siebenbürgische Historiker Zsigmond Jakó nach, daß die Arbeiter in den Papiermühlen vieles lernten und ihren Horizont erweiterten. Eine Aufstellung der Eisenhammer des Komitats Hunyad wiederum zeigt, daß die hier dienenden Arbeiter aus den Gutswirtschaften keine jährliche Ruhezeit hatten. Dennoch waren die Verhältnisse auf den Kameralgütern noch relativ günstig. Die Apafi-Regierung schützte die Bauern vor der Gutsverwalter-, Grundherren- und Soldatenwillkür, obwohl ein institutionell auf Regierungsebene verbürgtes Beschwerderecht der Bauern erst vom Rákóczi-Staat geschaffen wurde. Den Interessenschutz der Bauern sicherten die Gemeindeorganisationen, das Gewohnheitsrecht, die Dorfgesetze und nicht zuletzt die Kirchen. Auch gab es Grundherren, die Spitäler und Armenhäuser höchst bescheidener Art für ihre alten und kranken Bauern errichteten.
Die zweite große, noch heterogenere Schicht des unteren Standes bestand aus der reichen Bauernschaft, den gewerbe- oder handeltreibenden und unternehmerisch tätigen Häuslern, Fuhrleuten, Ochsentreibern und Tagelöhnern. Am leichtesten konnte man aus dieser Schicht auf verschiedenen Wegen in den Mittelstand aufsteigen und den Adelsbrief erwerben: durch Waffendienst, durch Kapital, Kredite oder durch Verdienste. Begabte Bauernsöhne machten nach der Schule ihre Karriere als Gussbeamte oder studierten nach mehrjähriger Lehrertätigkeit im Ausland weiter, um als Geistliche oder Hochschullehrer zurückzukehren.
Den mittleren Stand bildete eine lockere Schichtung heterogener Gruppen: Militär, Bürgertum, Kleinadel.
Das Fürstentum schuf seine Streitmacht teils aus besoldeten Soldaten und teils durch Gewährung staatlicher Zuwendungen in Form freier Bodennutzung und anderer Privilegien. Seit langem strebte die Zentralgewalt danach, die geschlossenen und autonomen Soldatengemeinschaften der Szekler ihr direkt, d. h. der Leitung des Fürsten zu unterstellen. Wir verfügen über zwei wichtige Konskriptionen der archaischen Szeklergesellschaft (aus den Jahren 1614 und 1720), deren Verfall wechselweise gefördert und gebremst wurde. Ein Vergleich der Daten zeigt, daß die Szeklergemeinschaft in nach Beruf und Status differenzierte Gruppen zerfiel und diese sich wiederum gesondert in die Gesamtgesellschaft integrierten. Diesen gruppenweisen Integrierungsprozeß hat Apafi durch Aufnahme vieler Szeklersoldaten in seine Leibgarde beschleunigt, während andere den Burgmannschaften zugeteilt wurden. An die Spitze der Szekler Stühle stellte er Ober-Königsrichter aus der Schar seiner Anhänger: sie führten die Fuß- und Reitertruppen. Von den außerhalb des Militärs verbliebenen Szeklern gingen viele gruppenweise zu Transportarbeiten in die Salzgruben, während andere als Freie wirtschafteten oder eventuell ihr Brot als Fuhrleute verdienten. Die Mitglieder der mit Vermögen und Privilegien ausgestatteten Oberschicht innerhalb der Szeklergesellschaft, aus denen auch die Oberbeamten der Szekler Stühle, die Ober-Königsrichter {391.} hervorgingen, die sog. „lófõk“ (Primipilen), verloren immer mehr ihre Ländereien, zumeist an außenstehende, nicht zu den Szeklern gehörende Besitzer, doch bewahrten die Szeklerdörfer zäh ihre innere Ordnung und Autonomie.
Die markanteste Gruppe des mittleren Standes bildeten die Empfänger neuer Adelsbriefe. Apafi honorierte Militär-, Beamten- und Wirtschaftsdienste gern mit Adelsbriefen; die Zahl der so Ausgezeichneten nahm in nur einem Vierteljahrhundert derart zu, daß ein Zeitgenosse die halbe Bevölkerung als adlig bezeichnete. In Siebenbürgen gab es keinen vermögenden Mitteladel, so daß sich den neuen Besitzern von Adelsbriefen und den Kleinadligen vielfältige Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs eröffneten. Die wirtschaftstreibenden Gruppen solcher Adliger verglich der die Steuerlisten erstellende Kammerbeamte 1703 mit den freien Bauern in „Deutschland und Schlesien“.
Unter der Habsburgerregierung gelangte der mittlere Stand in die Gefahr, zum abhängigen Bauern abzusinken. Die sozial gesehen schlimmsten Verluste erlitt jedoch das Bürgertum. Die Jahre 16601690 waren eine Periode ruhigen Wachstums des Bürgertums und des Zerfalls der geschlossenen städtischen Wirtschaft. Am auffälligsten war die Entwicklungstendenz bei sächsischen Städten. Unwiderstehliche Kräfte durchbrachen die Schranken der autonomen Stadtwirtschaft. Die neuen Unternehmer Hermannstadts und Kronstadts, Kaufleute und Industrielle, unterstützten nun schon persönlich, durch Finanzhilfen, Kredite und Beteiligung an staatlichen Unternehmungen die Einbindung der Stadt in die gesamte Volkswirtschaft. Innerhalb der traditionellen Gruppen der Bürgerschaft behauptete sich das materielle Übergewicht der Goldschmiede ungebrochen, während sich in anderen Gewerbezweigen Vermögen und Ansehen auf eine Schicht konzentrierten und die Zahl der Armen zunahm. Im allmählich wieder aufgebauten Weißenburg vervielfachten sich die Fuhrleute und Goldwäscher, anderswo wuchs die Zahl der Zimmerer, Maurer, Seiler, Zinngießer, Uhrmacher, Müller und Barbiere. Thorenburg und Desch wurden zu Adelsstädten erklärt, in Klausenburg, das nach dem Fall von Wardein zum Zentrum der Grenzereinheiten und Sitz des militärischen Oberkommandos des Fürstentums geworden war, siedelten sich unter den Bürgern Adlige an. Nun erstarkten die Szeklerstädte wie z.B. Szeklerburg und vor allem Neumarkt, der Schauplatz des letzten Landtages, auf dem die drei siebenbürgischen Nationen den gewählten Fürsten mit den Würde- und Herrschaftsinsignien gemäß der Krönungszeremonie der ungarischen Könige in seine Herrschaft einsetzten. Charakteristisch für die Lebensweise der bürgerlichen Mittelschicht ist das aus der ersten Jahrhunderthälfte hinübergerettete und weiterentwickelte anspruchsvolle Heim, schon mit „Badekammer“ und Bücherschrank. Der auf dem Weg von Wien nach Petersburg beim Klausenburger Zimmermeister Ferenc Szakál logierende dänische Gesandte äußerte sich sehr zufrieden und anerkennend über das anspruchsvolle Quartier.
Die reiche und vornehme Schicht der Bürger stand durch die Hermannstädter Ratsherren Matthias Miles oder Johann Pater mit dem oberen Stand in enger Verbindung. Viele erschöpften sich in den Konkurrenzkämpfen, andere überlebten die politischen Auseinandersetzungen nicht.
Der obere Stand im tatsächlichen Besitz der politischen Macht setzte sich gleichfalls aus verschiedenen Gruppen zusammen. Die Reihen der alten {392.} Magnatenfamilien wurden in den Kämpfen 1657-1662 erschüttert und dezimiert, in den folgenden Jahren jedoch durch die erste Generation neuer, emporstrebender Familien aufgefüllt. So war Mihály Teleki der Sohn eines Burgvogtes, der durch sein Talent zum ersten Staatsmann des siebenbürgisehen Fürstentums emporstieg und zum reichsten Grundherrn des Landes wurde; der fürstliche Rat und Oberpostmeister László Székely war der Sohn eines Gutsverwalters, und der Prothonotarius Márton Sárpataki stammte von Bauern ab. Der Landbesitz der hochadligen Familien entsprach den Besitzgrößen des mittleren Adels im königlichen Ungarn, er umfaßte 10 bis 30 Dörfer. Mehrheitlich gehörten sie der reformierten Konfession an, der Rest war katholisch, doch bedeutete die konfessionelle Zugehörigkeit noch kein Hindernis für eine Beamtenlaufbahn. Die Mitglieder der katholischen Familie Haller János, Gábor und Pál saßen im Fürstenrat und waren als Diplomaten tätig, und der früh verwaiste katholische Sohn des Königsrichters István Apor aus Szekler Neumarkt begann als verarmter Jüngling seine politische Karriere, die ihn zu einem der ersten Aristokraten des Landes machte. Der Hochadel stand vielen in bisher unbekanntem Ausmaß offen; Schulbildung, Begabung, Vermögen, wirtschaftliche Mobilität oder staatliche Verdienste konnten den Aufstieg bewirken, doch drohte jedem auch ein schneller Abstieg; die Zeiten unter Apafi waren stürmisch. Dénes Bánffy starb unter dem Henkerbeil, weil er die Forderungen der Zentralmacht nicht mehr begriff; mehrere lernten als Teilnehmer der Konspiration Pál Béldis die Kerker Apafis kennen. Dennoch sind die Ergebnisse der Epoche nicht zuletzt den politischen Fähigkeiten dieses janusköpfigen Hochadels zu verdanken.
Sein Familienleben war intensiv und ausgeglichen. Gern ließ man die Kinder auf ausländischen Universitäten studieren. Für sein dringliches Bedürfnis, aufzuholen, ist es bezeichnend, daß nach den deutschen Fürstentümern nunmehr Holland neuer Maßstab wird, und nach einer Phase ausgeprägter französischer Orientierung das Interesse an England zunahm. Der Sohn von Kanzler János Bethlen besuchte das Inselreich rein zufällig, sein Enkel aber brach schon zu einer langen Studienreise über den Kanal auf. Der Hochadel lebte in steigendem Wohlstand ein gebildetes und an Brauchtum reiches Leben. Die schon in älteren Zeiten gehobene Lebensführung wird nun differenzierter. Vom wachsenden Luxus zeugen die Kristallglasfenster der Schlösser und die vom Flur aus oder kaminbeheizten, geräumigen Säle, die sog. „Palasthäuser“. Von der Begegnung zweier Welten künden die mit türkischen Teppichen und venezianischen Lüstern, holländischen sowie französischen Tapisserien behängten Wände, die orientalischen Tuche und Jagdwaffen, die Uhr, das Spinett und die Gold und Silber auf den Tischen ablösenden Glas- und Porzellangefäße. Die Wirtschaftsabrechnungen zeugen von peinlicher Sparsamkeit, der halbe Sack Walnüsse wird mit derselben Sorgfalt notiert wie die teuren silberverzierten Pferdegeschirre. Reichlich vorhandener Schmuck ersetzt die fehlende Bank, er verkörpert die ersparten Güter. Die freigebigen kirchlichen Stiftungen des Hochadels dienen nicht nur der Rettung seiner Seelen, sondern auch seines Vermögens, sie garantieren die Kreditbereitschaft der Kirchen sowie seine Überzeugung von der zukunftsformenden Kraft der Bildung.
In der ersten Etablierungsphase der Habsburger genossen die meisten Magnaten ganz berauscht das Angebot innerhalb der Kaiserstadt und rissen sich um die Grafen- und Baronentitel, mit denen der Kaiser und ungarische {393.} König Leopold sie zu Hofadligen zu domestizieren gedachte. 1703 begab sich beinahe die gesamte siebenbürgische Aristokratie auf Befehl des kaiserlichen Generals Rabutin nach Hermannstadt; erst als er ihnen ihre Wertgegenstände nahm (Geld, Schmuck, Lebensmittel, alles, was sie hineingerettet hatten) und sie die ihr gestellte Falle erkannte, lief ein Teil auch das Risiko einer Flucht auf sich nehmend zu Rákóczi über. Nach dem Abkommen von Sathmar war aber mit Ausnahme des jungen Kelemen Mikes fast niemand mehr zur Emigration zu bewegen.
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