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Inhaltsverzeichnis
Zeitgenössische Berichte und die Gotengeschichte des Jordanes heben übereinstimmend die bedeutende Rolle hervor, die das „unzählbare“ Heer der Gepiden im Feldzug Attilas gegen Gallien (451) gespielt hatte, und noch dazu unter der Führung ihres „berühmtesten Königs“, Ardarichs, dem unter allen Vasallenkönigen die Ehre zukam, an den Beratungen Attilas (445453) teilnehmen zu dürfen. Ihre Vorzugsstellung hatten die Gepiden dem Umstand zu verdanken, daß sie das einzige große ostgermanische Volk waren, das nicht vor den Hunnen aus dem Karpatenbecken geflüchtet war. Attila war genauso gezwungen, sich bei seinen Feldzügen gegen die Städte beider römischen Reiche auf die Masse der überwiegend das Fußvolk stellenden Gepiden zu stützen wie das Volk der hunnischen Lagerstadt auf gewisse Dienste der Gepiden. Der von den Hunnen zum neuen Gepidenkönig ernannte Ardarich war ein beinahe ebenso mächtiger Herrscher seines eigenen Volkes wie Attila über die Völker und Vornehmen des Hunnischen Reiches. Diese Macht hatten die Hunnen und Attila Ardarich und einigen anderen Vasallenkönigen verliehen, und der kluge Ardarich gehörte zu denen, die ihre Macht zum Wohle ihres Volkes zu nutzen wußten. Aus dem Karpatenbecken sind aus der Hunnenzeit nirgends so viele Grabmünzen aus Gold bekannt geworden wie aus dem Land der Gepiden. Ihre hunnischen Herren versahen sie noch nach dem Tode des Theodosius II. und nach dem Versiegen des Goldstromes aus Ostrom mit „selbst“ geprägten Solidi des Theodosius Il. Beim Tode Attilas (453) hatten die Gepiden die am besten ausgerüstete und reichste germanische Militäraristokratie. Dieses Volk, „die mit dem Schwert wütenden Gepiden“, und das „Schwert Ardarichs“ führten den Bund der Donauvölker in der Schlacht gegen Attilas Sohn und Nachfolger, Ellak, am Fluß Nedao zum Sieg (455).
Nach dem Sieg „nahmen die Gepiden den Hunnen ihre Quartiergebiete mit Gewalt und besetzten als Sieger die Grenzen ganz Daziens. Als starke Männer verlangten sie vom (ost)römischen Reich nur einen freundschaftlichen Vertrag, Frieden und Jahrestribute.“* Diese aufgrund der Berichterstattung des Priskos erhalten gebliebene zeitgenössische Angabe berichtet, daß die Gepiden nach ihrem Sieg das Quartiergebiet der Hunnen links der Donau ihrem Lande angeschlossen hatten, welches sie damit um ein Vielfaches vergrößerten. Die Grenzen ihres Reiches in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts werden von Cassiodor aufgrund einer byzantinischen Quelle eindeutig beschrieben. Demnach lebte das Volk der Gepiden westlich von Scythia Minor (Dobrudscha), die Landesgrenzen bildeten im Süden die große Donau, im Osten der Alt, im Nordosten und Norden der Alpenring also die Karpaten und im Westen die Theiß.* Unmittelbar nach {81.} 550 schreibt der Zeitgenosse Jordanes, das jetzige Land der Gepiden liege Mösien gegenüber, am jenseitigen Ufer der Donau, in dem von den Alten früher Dacia und dann Gothia genannten Land, das jetzt als Gepidia bezeichnet und von Süden her von der Donau begrenzt werde.*
In die Zeit zwischen den beiden letzten Beschreibungen über die Ausdehnung des Gepidenreiches fällt der bedeutendste Eroberungskrieg der Gepiden. Cassiodor konnte noch nicht über ihn berichten, und als Jordanes sein Werk beendet hatte, gehörten den Gepiden die eroberten Gebiete bereits nicht mehr ihr Recht auf diese Eroberungen hat das Oströmische Reich übrigens nie anerkannt; der auf oströmischem Gebiet lebende Jordanes erwähnt sie auch nur nebenbei. Den Krieg von 539 eröffneten die Gepiden im Rahmen des mit dem fränkischen König Theudepert geschlossenen Bündnisses gegen Byzanz. In einer blutigen Schlacht wurden der oströmische General Calluc und seine Armee geschlagen. Aufgrund ihres Sieges bezogen die Gepiden bis Ende 551 den Streifen der Provinzen Moesia Prima und Dacia Ripensis entlang der Donau in ihr Herrschaftsgebiet mit ein, und zwar von Singidunum (Belgrad) bis zu dem Raum gegenüber der Altmündung. Die von den Gepiden kontrollierte genauer gesagt, von ihnen geöffnete Grenze an der unteren Donau erhielt historische Bedeutung: 12 Jahre lang halfen sie den das Oströmische Reich angreifenden slawischen Gruppen und 550 den Kutriguren, die Donau zu überqueren. Vor der aus oströmischer Sicht „Sklaverei“ bedeutenden Gepidenherrschaft und den slawisch-kutrigurischen Angriffen flüchtete damals die 271 aus dem trajanischen Dazien umgesiedelte romanisierte Bevölkerung aus den Städten an der unteren Donau ins Innere der Balkanhalbinsel und nahm ihren lateinischen Dialekt, die Erinnerung an ihren trajanischen Ursprung und an ihr einstiges „dacus“Sein mit nach Süden. Justinian I., gestärkt durch den Sieg seiner langobardischen Verbündeten 551, vertreibt zwar die Gepiden aus dem römischen Gebiet und schloß die Grenze an der unteren Donau wieder, doch es gelang ihm nicht, die Städte wieder zu beleben und deren Bewohner zurückzusiedeln. Beidseitig der unteren Donau wurden nach 552 anstelle der Kastelle, Gegenfestungen und Städte nur Burgen gebaut, in denen 3 Jahrzehnte lang ein zahlenmäßig kleines Militär, zur Hälfte oder gänzlich von barbarischer Abstammung, den Grenzschutz versah. Durch die Feldzüge der Awaren in den 80er und 90er Jahren wurde dann auch dieser bis zur Dobrudscha endgültig zerstört.
Sehr gut sind die archäologischen Hinterlassenschaften der Gepiden aus dem Frühmittelalter, also aus dem 5. und 6. Jahrhundert, bekannt. Der erste Grabfund der Gepiden ist 1856 gerade in Siebenbürgen zum Vorschein gekommen: Schmuck aus dem Grab einer reichen adligen Dame (Fund von Kleinschelken). Daß diese und ähnliche Schmuckstücke im Karpatenbecken zum „Merowingerstil“ gehören, wurde 1880 anhand der Prunkschnalle aus dem Grabfund von Großwardein von J. Hampel festgestellt, der in Verbindung mit den sich schnell häufenden Funden, mittels seiner ausgezeichneten historischen Quellenkenntnisse Ende des vergangenen Jahrhunderts feststellte, daß Gräber und Gräberfelder mit derartigen Funden östlich der Theiß vom Volk der Gepiden stammen. Als das erste vorbildlich freigelegte (1906/07) gepidische Gräberfeld von Mezõbánd/Bandorf veröffentlicht wurde, {83.} wies I. Kovács methodisch gründlich nach, daß dieses Gräberfeld von den Gepiden der Völkerwanderungszeit stammt (1913). Obwohl auch die Archäologie der Gepiden nicht von dem für die Zeit nach dem ersten Weltkrieg herrschenden Durcheinander in der archäologischen Forschung verschont blieb, wurden die Forschungen und Grabungen auf dem Gebiet des jetzt zu drei Ländern gehörenden einstigen Gepidenreiches unverändert fortgesetzt (in Siebenbürgen zwischen 1951 und 1956 als „slawisch-antisches Programm“) und seit den sechziger Jahren geklärt. Heute bezweifelt kein einziger ungarischer, jugoslawischer und rumänischer Fachmann mehr, daß die Siedlungen und Gräberfelder aus dieser Zeit von den Gepiden stammen. Weitaus schwieriger ist es, ihre Ansichten über die Gepiden mit der „merowingerzeitlichen“ Forschung der westlichen Welt in Einklang zu bringen, da es dort auch heute noch zahlreiche Historiker und Archäologen gibt, die nichts von diesem Volk wissen wollen oder bestenfalls nur die ärmlichen Funde des Gemeinvolkes als gepidisch anerkennen. Die gehässigen gotischen und langobardischen zeitgenössischen Chroniken belasten die Gepiden bis heute. Ihre wunderschönen Schätze, Königsgräber und Fürstenfunde werden ihnen genauso ab- und den Goten zugesprochen wie ihre Siege. All das wirkte sich zeitweise auch auf die lokale Gepidenforschung aus, so beispielsweise im Falle der mit historischen Quellenangaben nicht belegbaren Vorstellung, daß die Königsgräber von Apahida oder der Schatz von Szamosfalva die Hinterlassenschaft einer Siebenbürgen bis 474 oder 490 besetzthaltenden ostrogotischen Herrscherschicht wären, wo doch der ungewöhnliche Reichtum der gepidischen Könige und Vornehmen sehr gut mit ihrem historisch bedeutsamen Sieg über die Hunnen und (die erwähnten 12 Jahre nicht mitgerechnet) dem festen Bündnis mit dem Oströmischen Reich zu erklären ist.
Aus der Verbreitung der Solidi von Theodosius II., Marcian und Valentinian III. Goldmünzen, welche die Gepiden im mittleren Drittel des 5. Jahrhunderts mit Vorliebe als Beigaben in die Gräber ihrer Angehörigen legten geht klar hervor, daß sich das Land der Gepiden zur Zeit der hunnischen Herrschaft östlich der Bodrog-Theiß-Linie, nördlich der Linie Kreisch-Schnelle Kreisch und im Osten nördlich vom Quellgebiet des Großen Samosch erstreckte. Die reichen gepidischen münzdatierten Einzelgrabfunde im Partium und Nordsiebenbürgen (z. B. Érmihályfalva), dienen der internationalen Archäologie als chronologische Grundlage der „Merowingerzivilisation“. In dieser Zeit entwickelte sich das „neureiche“ Trachtenzubehör der adligen Gepidenfrauen: an beiden Schultern des Kleides große Silberplattenfibeln, verzierte Gürtelschnalle, Armreifen, gepaart mit goldenen Ohrringen und Perlen. Die in Nordostungarn häufigen adligen Frauenbestattungen sind auch für das sich an die östliche Tiefebene anschließende Partium charakteristisch (z. B. Érdengeleg und Gencs), ja in Großwardein entstand zu dieser Zeit ein wahrer adliger Friedhof.
Da die Waffenausrüstung, die Männer- und Frauentracht sowie sonstige Produkte der materiellen Kultur der Gepiden zur Hunnenzeit heute bereits aus bedeutenden Gräberfeldern Ungarns und des Partiums (Ártánd I und II, Érmihályfalva usw.) bekannt sind, ist es nicht schwer, die Besiedlung Siebenbürgens auch nach der Hunnenzeit zu verfolgen. Die ersten Besetzer nämlich brachten ihre eigenen Ohrringe, Fibeln usw. mit. Ihren Toten gaben sie als Obolus teilweise noch immer die in riesigen Mengen ins Hunnenreich {84.} gelangten späten Prägungen des Theodosius II. oder des Valentinian III. (425455) mit ins Grab, die aber recht bald von den Solidi Leos I. (457747) und Zenos (474491) abgelöst wurden. Die Verbreitung der Goldmünzen deckt sich gut mit den sich bis in die Täler Südsiebenbürgens, bis Schäßburg, Hofmarkt, Kronstadt, Stolzenburg und Hotzing erstreckenden frühen gepidischen Grabfunden. Die Mehrheit stammt aus Familiengrabstätten neuerrichteter adliger Herrenhäuser und Meierhöfe, größere Dörfer waren noch nicht entstanden. Die meisten Funde dieser Epoche sind aus Klausenburg und Umgebung bekannt, wo ein bedeutendes Gepidenzentrum angenommen werden kann.
Um die Ruinen von Napoca entstand ein richtiger Siedlungsring des ranghohen Militärgefolges samt seinen Familien (Magyarvalkó, Kardosfalva, Szamosfalva, Apahida usw.). Es kann kein Zufall sein, daß gerade auf dem Gebiet der einstigen Stadt die häufige Anwesenheit der gepidischen Fürsten anzunehmen ist. Die verfallenden Stadtmauern standen damals wahrscheinlich noch, und vermutlich ließ sich ein schon beschädigtes öffentliches Gebäude halbwegs bewohnbar machen so wie es die Alemannen und später die bayrischen Herzöge im verlassenen Castra Regina (Regensburg) taten. Die fürstlichen Personen Siebenbürgens müssen aber von noch höherem Rang gewesen sein, weil sie sich insgeheim entfernt von ihrer Residenz, auf der Terrasse des Kleinen Samosch beim heutigen Dorf Apahida bestatten ließen. Das Fürstengrab Nr. I wurde 1889 gefunden bzw. zerwühlt, von den Beigaben konnte aber vieles gerettet werden. In der kurze Zeit später veröffentlichten Publikation in ungarischer und deutscher Sprache wurde fast alles festgehalten, was man auch heute darüber wissen kann. Der wichtigste Fund aus diesem Grab ist eine spätantik-frühbyzantinische Zwiebelknopffibel aus Gold. Sie ist das größere, verziertere und feiner gearbeitete Pendant der Fibel aus dem Grab des Frankenkönigs Childerich I. († 482) in Tournai. Aus der Sicht der Römer mußte also der Fürst von Apahida unbedingt der mächtigere, ranghöhere barbarische Fürst gewesen sein. Die verzierten Silberkrüge aus dem Grab von Apahida sind gleichfalls Geschenke aus Konstantinopel, die dessen Bedeutung gegenüber dem Childerich-Grab noch steigern. Die weiteren Grabbeigaben setzen sich aus regalia (Herrscherabzeichen) und personalia (persönlichen Gegenständen) zusammen. Der massive goldene Armreifen mit sich verbreiternden Enden ist seit dem 3.4. Jahrhundert ein ranganzeigendes Schmuckstück germanischer Königsfamilien. Auch die Eberköpfe mit 6 Anhängerverzierungen sind unbedingt als Würdezeichen zu verten, sie gehörten eventuell zu einer diademartigen Krone aus Textil. Der Gürtel des Fürsten wurde von einer großen goldenen Schnalle mit farbigen edelsteineinlageverzierten Zellen zusammengehalten. Würdezeichen mochten auch die mit Goldblechbändern verzierte Glas- oder Holzschale gewesen sein. Den Glauben des Bestatteten verrät ein goldener Fingerring mit vier Kreuzen, seinen Namen ein Fingerring mit der Inschrift OMHARIVS bzw. ein Siegelring mit griechischem Monogramm, das (AVD-)OMARIVS gelesen werden kann. Liest man die in der lateinischen Inschrift zusammengeschriebenen Buchstaben
als ri, ergibt sich die Endung harius, die korrekte {85.} Entsprechung von altgerm. *-harjaz und got. harjis (Nom. und Gen.) mit der Bedeutung Heer. Aud[om]harjis läßt sich dann eventuell als „Heil des Heeres“ deuten. Löst man die Ligatur als ir auf, ergibt sich das gotische Wort hairus = Schwert, Om bleibt aber in beiden Fällen undeutbar. Dennoch wird dieser auf Kampf und Waffen hindeutende Name laut Zeugnis verwandter Namen aus jener Zeit wohl einem der Gepidenkönige gehört haben.
Ein Teil des Schmucks des Fürstengrabes Nr. II aus Apahida, das 1968 500 Meter von dem Grab Nr. I entfernt teilweise zerwühlt freigelegt wurde, ist mit diesem verwandt: so die Prunkschnalle, eine Analogie zu der aus Grab I, sowie die Glasschale mit Goldblechbändern und die Holzschale. Die weiteren, reichen Grabbeigaben (ein goldbeschlagenes Schwert und Schwertriemenschnallen; goldener Deckelbelag einer größeren Tasche mit farbigen Steineinlagenverzierungen in Zellen; in einer Holzlade prachtvoller Sattel- und Pferdegeschirrschmuck) sind im Fürstengrab Nr. I nicht zum Vorschein gekommen, andererseits fehlen hier die regalia und personalia, die vielleicht beim Auffinden des Grabes verschwunden sind. Aus einem dritten Fund (1978) ist nur eine den beiden anderen verwandte, aber größere und verziertere goldene Gürtelschnalle bekannt.
Diese drei Fürstengräber werden sozusagen durch einen in der Umgebung versteckten Goldschatz ergänzt, auf den man 1963 in Szamosfalva stieß. Er bestand zum größten Teil aus Frauenschmuck (geflochtene Kette mit verziertem Brustanhänger, Gürtelschnalle, Perlen, Fingerringe) und einigem Schmuck für Männer (goldener Fingerring, Halsring).
Die Schmuckgegenstände von Apahida-Szamosfalva sind die hervorragendsten Beispiele des in der Hunnenzeit entstandenen und den unermeßlichen Reichtum dieser Zeit weiter tradierenden germanischen Fürstenschmucks. Sie können zu Recht für die Grabbeigaben und Geschmeide der Gepidenkönige Ardarikinger im 5. Jahrhundert gehalten werden. Die regia von Napoca und die umliegenden Herrenhäuser ihres Gefolges verschwanden im 6. Jahrhundert, als Zeichen einer gewaltsamen Machtübernahme. Der Hort von Szamosfalva kann mit der Machtübernahme durch Elemund oder noch seinen Vater in Verbindung gebracht werden, ein flüchtender Ardariking kann seinen Familienschmuck vergraben haben.
An der Wende vom 5. zum 6. Jahrhundert begann sich vom Atlantischen Ozean bis Siebenbürgen, in West- und Mitteleuropa, eine neue „Zivilisation“ zu entfalten. Ihr Geburtsland war das von den Franken eroberte Nordgallien, genauer, das sich auf die Täler von RheinMaasMoselMain erstreckende „südliche Land“, Austrasien. Unter der Herrschaft der Merowingerdynastie stabilisierten sich hier nicht nur die politischen Verhältnisse, sondern auch die Wirtschaft in den einstigen römischen Städten blühte wieder auf. Auf dem Lande entwickelten sich frühfeudale Güter, mit Dörfern und Meierhöfen. Bei den nur noch locker oder überhaupt nicht mehr an römische Vorgänger geknüpften dörflichen Siedlungen entstanden „Reihengräberfelder“, die Jahrhunderte hindurch benutzt wurden. Ihre Bestattungen und Grabbeigaben bewahrten die Mode dieser Periode, die Bewaffnung und andere Elemente {86.} ihrer materiellen Kultur sowie gewisse Grundprinzipien ihrer gesellschaftlichen Struktur. Östlich des fränkisch-alemannischen Blocks schloß sich in Thüringen, im heutigen Böhmen und Mähren, in Österreich, Pannonien, im Theißgebiet und schließlich auch in Siebenbürgen die sog. Ost-Merowinger- oder Reihengräber-Kultur an das Kerngebiet an, deren Träger andere germanische Völker waren. Von dieser Kultur finden sich außerhalb, insbesondere östlich und südlich des Karpatenbeckens nicht einmal mehr Spuren bis hierher reichte in dieser Zeit Europa. Zwar ist östlich von Thüringen und Oberösterreich das Attribut Merowinger nicht mehr berechtigt, da sich die Herrschaft der Merowingerdynastie nie bis dorthin erstreckte, doch ist es insofern anwendbar, als die Völker in diesem Raum, in erster Linie die Langobarden und Gepiden, in den ersten zwei Dritteln des 6. Jahrhunderts enge politische (die Gepiden z. B. während des Krieges gegen Byzanz im Jahre 539), ja sogar dynastische (wie die langobardischen Könige) Beziehungen mit den Merowingern unterhielten, Beziehungen, die mehr als einmal von bestimmender Bedeutung für das mittlere Donau-Becken wurden.
Den entfernt siedelnden Gepiden waren die direkten Beziehungen zu Byzanz, ja wie ihr Schmuck zeigt eine Zeitlang auch die krimgotischen und skandinavischen Kontakte wichtiger als der direkte oder indirekte Einfluß der Merowinger-Kultur. Nach der zweiten Eroberung Syrmiens (536) bestand ihr Land wieder aus drei locker verbundenen Teilen. Nach Westen und Norden zu war das Theißgebiet am offensten, nach Süden und Richtung Italien Syrmien und in östlicher Richtung eine Zeitlang Siebenbürgen. Als die östlichen Beziehungen durch die Wanderungen der Slawen ein Ende fanden, wurde Siebenbürgen innerhalb des gepidischen Königreiches zwangsweise zu einer Selbstversorgungsprovinz.
Als Kennzeichen für die wirtschaftliche und politische Stabilität sind aus dieser Periode zahlreiche ständige Siedlungen bekannt. Die um die Wende vom 5. zum 6. Jahrhundert entstandenen Gepidendörfer hatten keinerlei Vorgänger; Spuren ehemaliger gotischer, römischer oder urzeitlicher Dörfer finden sich nur an wirtschafts- oder verkehrsgeographisch exponierten Stellen. In der Mehrheit handelt es sich um neue Dörfer oder Meierhöfe der neu siedelnden und ansässig gewordenen, Ackerbau und Viehzucht treibenden germanischen Bauernbevölkerung.
Die besterforschte Siedlung liegt in der Gemarkung Mühlendorf-Podej, wo 34 halb in die Erde vertiefte, ursprünglich von Satteldächern bedeckte Hütten mit je 1, 2 oder meistens 3 Pfosten freigelegt wurden. Einen ständigen Herd oder Ofen gab es in ihnen ebensowenig wie in den zeitgenössischen Häusern anderer Germanen. In einigen Grubenhäusern standen Webstühle, in anderen spiegeln Werkzeuge, verlorengegangene Kämme, Messer, billiger Schmuck und viele Gefäßscherben die Periode wider, in der sie errichtet bzw. benutzt wurden. Sämtliche Gegenstände sind charakteristische Produkte des gepidischen Bronze- und Eisenhandwerks, der Beinschnitzerei und des noch immer die Schnelldrehscheibe mit Fußantrieb benutzenden Töpferhandwerks. Aus Gepidensiedlungen des Theißgebietes und Gepidengräbern dieser Periode sind Hunderte von Analogien bekannt. Aus anderen Gegenden des Gepidenreiches unbekannte, „lokale“ Einflüsse sind nicht nachweisbar, und die sich mit Ackerbau und Rinderzucht befassende Bevölkerung hatte keine Außenkontakte. Die Siedlung von Mühlendorf war zwischen 500 und 567 von Gepiden bewohnt, die Häuser der letzten Periode sind restlos dem awarischen {87.} Angriff zum Opfer gefallen nach einigen Jahren oder Jahrzehnten siedelten an der Stelle des verwüsteten einstigen Gepidendorfes bereits Awaren.
An zahlreichen Orten Siebenbürgens sind Spuren von Häusern, kleineren oder größeren Dörfern und Siedlungen ähnlich der von Mühlendorf gefunden worden, und zwar selbst mit den gleichen Gegenständen (Csapószentgyörgy, Kutyfalva, Mezõszopor, Johannisdorf, Betelsdorf, Schäßburg-Weingärten, Kézdipolyán-Kõhát; außerhalb Siebenbürgens in Bihar Häuser mit Beinschnitzereiwerkstätten, am Mieresch in Tschanad und Petschka, an der unteren Donau in Szentlászlóvára und Alt-Palank). Besonders erwähnt seien die im einstigen Apulum, dessen Innenbereich in dieser Zeit bereits vollkommen zerstört war (in der Zitadelle von Karlsburg), halb in die Erde vertieften gepidischen Hütten, die durch charakteristische Erzeugnisse des gepidischen Töpferhandwerks, durch Gefäße mit Ausgußrohr, datiert sind. Scherben von Gefäßen mit Ausgußrohr und Glatt- und Stempelverzierungen kommen machmal in Siedlungen auf Hügelplateaus zum Vorschein, so in Kleinschelken-Burgberg und Kisgalambfalva-Galattetõ. Dort wurden außer den in die Erde vertieften Hütten auch Spuren von Holzhäusern beobachtet. Es existieren aber keine Spuren von Erdwällen, die diese gepidischen Plateausiedlungen umgeben hätten einige Forscher sahen in urzeitlichen oder mittelalterlichen Schanzwerken oder sogar in natürlichen Schöpfungen Wälle der Gepiden. Die gepidischen Siedlungen waren im ganzen Gepidenreich ungeschützt.
Dem heutigen Stand der Forschung nach spiegeln die tatsächliche Ausdehnung des gepidischen Siedlungsgebietes in Siebenbürgen eher die Gräberfelder sowie auf Gräberfelder deutenden Gräber und Funde wider. Wie in Gepidien überall, sind sie auch in Siebenbürgen mit zwei Arten von Siedlungen zu verbinden: mit Dörfern und mit Meierhöfen, Gehöften. Die Herrenhäuser der Adligen verschwanden in Siebenbürgen bis zum 6. Jahrhundert, ihren kontinuierlichen Fortbestand kann man außerhalb Siebenbürgens nur bei Großwardein beobachten. Die adlige Familiengrabstätte von Großwardein wurde leider nicht fachgemäß freigelegt, vieles, was im Laufe der Jahrzehnte von ca. 10 Bestattungen zum Vorschein kam, gelangte nicht in Sammlungen. Aber auch die noch vorhandenen Funde belegen, daß sowohl die bestatteten Männer als auch die Frauen zu den Vornehmsten in ganz Gepidien gehörten. Unter den Grabbeigaben finden sich christliche Symbole und originalfränkischer Schmuck. Ähnlich reiche adlige Bestattungen aus der Zeit nach 536 sind aus Syrmien bekannt, und das kann kaum Zufall sein, denn um die Mitte des Jahrhunderts verlegte König Kunimund den gepidischen Königshof in die noch existierende antike Stadt Sirmium, dort lebte der Thronfolger, und dort hatte auch der Bischof der gepidisch-arianischen Kirche seinen Sitz.
Friedhöfe von Meierhöfen sind vorwiegend am Kleinen Samosch und Mieresch bekannt (Großthoren, Nagyiklód, Mezõceked, Neumarkt und Maroscsapó), kommen aber auch im Tal der Kleinen Kokel vor (z. B. Betelsdorf). Der Ritus ist einheitlich und christlichen Charakters: west-östlich orientierte Sargbestattungen. Auch die Grabbeigaben sind einheitlich: Fibeln gepidischen Typs, zweireihige Kämme, Pfeilspitzen eventuell ein ganzer Köcher voll , Schnallen aus Bronze und Eisen sowie Gefäße gepidischen Typs mit Glatt- oder Stempelverzierung, selten unverziert, aber immer auf der Töpferscheibe gedreht. Von letzteren aber sind entsprechend den {88.} religiösen Verhältnissen einer Gemeinde entweder sehr viele oder sehr wenige in einem Gräberfeld zu finden.
Auf Dörfer hinweisende Friedhöfe sind bisher in Siebenbürgen recht wenige entdeckt worden. In Mühlendorf sind bei der Zerstörung der Siedlung auch die Gräber beinahe vollzählig Grabräubern zum Opfer gefallen. Was in ihnen verblieb Fibeln, Perlen, Kämme, Waffen usw. , ist so charakteristisch gepidisch, daß das Gräberfeld auch in der Gemarkung Szentes in Ungarn hätte gefunden werden können. Friedhöfe von Dörfern wurden in Bistritz und in Hieresdorf freigelegt.
Das bisher größte, fachgemäß freigelegte und auch durch Publikation vorgestellte gepidische Gräberfeld Siebenbürgens ist das von Mezõbánd/Bandorf. Im Gegensatz zu dem von Mühlendorf sind für dieses viele Gefäßbeigaben charakteristisch, aber auch das vollkommene Fehlen der heidnischen Fleischspeise. Die eigenartige Mischung oder Verschmelzung von christlichen und heidnischen Rituselementen kommt auch anderswo bei den halbheidnisch-halbchristlichen Gepiden vor. Bandorf gehört zu jenen Gräberfeldern, in denen auch nach der Eroberung durch die Awaren noch bestattet wurde, genauso wie in dem von Marosnagylak und dem Gräberfeld Pretai 3 und wahrscheinlich auch in dem zum Teil freigelegten Gräberfeld von Marosveresmart.
Die Zahl der Grabbeigaben bekannter Fundorte und die Fundorte mit ein bis zwei Gräbern bewegt sich um 40. Aus derartigen „einzelnen“ Gräbern {89.} stammen auch die beiden „gepidischsten“ Schmuckstücke in Siebenbürgen: große Gürtelschnallen mit Raubvögelköpfen verziert, aus Szamosjenõ und Maroscsapó-Csûrrét. Diese Schnallen waren im ganzen Gepidenreich im 6. Jahrhundert Schmuck reicher oder adliger Frauen.
Obwohl wir die Überreste der siebenbürgischen „Merowingerkultur“ aus vielen Fundorten und Gräbern kennen ist dies doch die einzige in Siebenbürgen besser erforschte frühmittelalterliche Periode-, sind diese doch nicht so leicht zu interpretieren. Sicher ist nur, daß diese Kultur mit dem gepidischen Block im Gebiet östlich der Theiß und in Syrmien identisch und mit der Kultur der Langobarden Pannoniens und der Baiern an der Oberen Donau verwandt ist. Ihre Zeitbestimmung ruht auf guten Fundamenten, in Gestalt der an der Theiß und in Syrmien den Toten als Obolus beigegebenen byzantinischen Goldmünzen und der Datierung anderer byzantinischer Metallgegenstände. In Siebenbürgen nämlich werden die Gräber des 6. Jahrhunderts zwar kaum, die gepidischen Siedlungsgebiete selbst aber sehr wohl durch ursprünglich als Grabobolus benutzte Goldmünzen Justins I. (518527) und Justinians I. (527565) datiert.
Auch diese Periode verlief nicht reibungslos; die Machtübernahme Elemunds oder seines Vaters zu Beginn des 6. Jahrhunderts wurde bereits erwähnt. Nach 546 wurde die Dynastie von Thorisind gestürzt. Dem auf die Machtübernahme eingetretenen Chaos fielen überall im Gepidenreich Dörfer (und Gräberfelder) zum Opfer. In Siebenbürgen gab es wahrscheinlich bereits schon vorher Grund zur Unruhe. Der einzige „innere“ Münzschatz Gepidiens wurde im Tal der Großen Kokel, zwischen Kleinschelken und Feigendorf, kurz nach der Herrschaft Justins I. versteckt. Der Schatzfund enthielt 50 bis 80 oder 100 Goldmünzen, die die besitzende Familie in den Jahren nach 440 zu sammeln begonnen hatte; aber die zur Zeit der „Konjunktur“ Justianians einströmenden Münzen waren bereits nicht mehr vertreten. Dennoch ist nicht auszuschließen, daß der Schatz zur Zeit des Thorisind-Putsches versteckt wurde.
Die gepidische Gesellschaft Siebenbürgens im 6. Jahrhundert ist trotz Gemeinsamkeiten viel schwächer entwickelt als ihr Pendant in der Großen Ungarischen Tiefebene und besonders in Syrmien. Funde, die auf Adlige, auf das Militärgefolge der Könige oder Herzöge schließen lassen, existieren nicht. Und dies kann gerade im Lichte der gegenteiligen Beweise aus dem 5. Jahrhundert kaum auf Mängel in der Forschung zurückgeführt werden. Die Abwanderung der gepidischen Adligen und Militärführer im 6. Jahrhundert nach Süden ist auch historisch begründet und bekannt. Unter den Zurückgebliebenen scheint die Zahl der dörflichen Kriegerschicht und ihrer Familienangehörigen nicht von Bedeutung gewesen zu sein. Die Mehrheit der Gepiden in Siebenbürgen bestand aus zu Diensten und Dienstleistungen verpflichtetem mäßig Wohlhabenden oder armen Freien, was den frühfeudalen Verhältnissen gut zu entsprechen scheint. Zu denen von Rang oder direkt zum Adel gehörte auch der Kunstschmied aus Bandorf, der nicht nur mit seinem Werkzeug, sondern auch mit seinem eisernen Lamellenhelm bestattet wurde.
Andererseits sind während der Gepidenperiode vom Mittellauf des Samosch entlang des Mieresch und der beiden Kokel bis zum Schwarzwasser eine Kette von Ackerbau und Viehzucht treibenden Dörfern und Gehöften entstanden, wodurch sich verglichen mit dem Tiefpunkt zur Zeit der Hunnen das kultivierbare und besiedelte Ackergebiet wenn auch nicht in {90.} dem Ausmaß wie zur Zeit der Wisigoten erneut vergrößerte. Das ist zweifellos das Verdienst der Gepiden.
Zur Zeit des Gepidenreiches behelligten weder Slawen noch Awaren die Gepiden in Siebenbürgen, da diese, um ihrer Ruhe und Sicherheit willen, die noch passierbaren Pässe sorgfältig verschlossen und bewacht hielten. Infolge ihrer geographischen Abgeschlossenheit hat der Angriff der Awaren im Jahre 567 die Gepiden Siebenbürgens am wenigsten getroffen, selbst wenn diese Feststellung nur eine relative ist. Denn von 30 datierbaren gepidischen Gräberfeldern des 6. Jahrhunderts wurden in 25 die Bestattungen im Jahre 567 unterbrochen, und offensichtlich wurden auch die dazu gehörenden Siedlungen vernichtet.
Wenn man die auch noch nach 567 benutzten 4 bis 6 gepidischen Gräberfelder entlegener Dörfer objektiv untersucht, kann man nicht bestreiten, daß sie alle im gepidischen Zeitalter Siebenbürgens wurzeln und ihre Funde eine Fortsetzung der materiellen und geistigen Kultur der Gepiden darstellt. Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß die Awaren unter den verbliebenen Gepiden geflüchtete Baiern, Alemannen und Franken ansiedelten. Zumindest legen dies einige Waffen, Gürtel und Reliquienbehälter des späten 6. und des 7. Jahrhunderts mit ausgesprochen westlichem Charakter nahe. Eine auf ähnliche Weise angesiedelte Bevölkerung findet sich auch in anderen Gebieten des Awarenreiches, es handelt sich dabei um eine ausgeprochene „Steppen“-Methode. Unbegründet erscheint daher die archäologische Überlegung, es handele sich bei einigen auch weiterhin benutzten gepidischen Gräberfeldern Siebenbürgens um Merkmale einer ihrer Zeit (erst nach 600) und ihrer Population nach „archäologische“ Gruppe mit selbständiger Zivilisation, deren Bevölkerung mit der „autochthonen Bevölkerung vermischt“ gewesen sei („Band-Kultur“). Die „örtlichen“ Römer wären durch einige byzantinische Schnallen und andere kleinere Schmuckgegenstände vertreten, durch eine im Reich und außerhalb seiner Grenzen überall verbreitete Basarware.
Unbestritten bleibt allerdings, daß nach den 670er Jahren in Siebenbürgen keine archäologisch verwertbaren Spuren der Gepiden mehr vorzufinden sind.
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